»>Manila<? Bei Mopelia.«
»Ja, weshalb sind Sie dann mit Ihrem Boot hierher gekommen? Sie hatten
doch die >Manila<.«
Ein Gedanke schoß mir blitzschnell durch den Sinn. Ich erwiderte, wir
hätten uns jetzt auf zwei Schiffe verteilen müssen, da die
amerikanischen Schoner nur Wasser für etwa 15 Mann hätten und auch die
Unterkunftsräume zu eng gewesen wären. Das schien ihm einleuchtend, aber
schmunzelnd sagte er dann: »Graf, Sie sind doch jetzt der Gefangene, und
wir Japaner sind doch nicht ganz so dumm zu machen. Ihre >Manila<, die
liegt nicht in Mopelia. Sie sind mit ihr nach hier gefahren; und haben
mit dem Boot versucht, innerhalb der Inselgruppen ein zweites Schiff zu
kapern, denn das scheint mir wahrscheinlicher, als daß Sie mit einem
solchen kleinen Boot über den Ozean gegangen sind. Also, innerhalb drei
Tagen werde ich Ihre >Manila< finden.«
Das war wieder einer, der die Wahrheit nicht vertragen konnte. An
die Möglichkeit unserer wahren Bootsfahrt wollte er nicht glauben,
und da kam ihm die von mir hinzugedichtete »Manila« ganz gelegen, um
mich der Unwahrhaftigkeit hinsichtlich der Bootsfahrt zu zeihen!
Meine Odysseuserzählung erfüllte also ihren Zweck. Denn in der Tat
hat er und die ganze übrige Flotte, die hinter uns her war, die
»Seeadler«-Mannschaft nicht in Mopelia gesucht. Die Wahrheit hat sich
hier als die beste Verschleierung erwiesen. Was ich im Augenblick
hinzudichtete, hatte sich aus dem Verlauf der Unterhaltung ergeben,
war nicht durch besondere Überlegung und Geistesgegenwart bewirkt. Ich
hatte nur das eine Ziel vor mir gesehen: »Wie mache ich es, daß der
Japaner nicht mit dreißig Meilen raufsaust und mir meine Jungs noch
gefangennimmt?« Jetzt wußte ich den Verdacht von Mopelia abgelenkt.
Der Japaner fragte mich dann noch nach der Schlacht am Skagerrak und
konnte nicht genug hören. »Ja, so ist es«, bemerkte er, »wieder ein
geschichtlicher Beweis dafür, daß die kleinere Flotte der größeren
überlegen ist. Eure Organisation, eure Wehrmacht ist so hervorragend,
und wir müssen euch bewundern, aber eins können wir nicht verstehen, daß
ein Land, wo soviel Intelligenz vertreten ist, so schlechte Politiker
hat. Wundert ihr euch denn nicht selbst in eurem Lande, daß die ganze
Welt gegen euch kämpft, habt ihr euch nie gefragt, >warum<? Was habt ihr
gesagt, als Japan euch den Krieg erklärt hat?« Im Verlauf dieses
Gespräches versicherte er mir, daß die japanische Politik nicht darauf
ausgegangen wäre, uns zu bekämpfen, sondern neutral zu bleiben und
dadurch Amerika aus dem Kriege zu halten. Daß Amerika selbst rüste und
eine so große Wehrmacht bekäme, wäre eine für Japan höchst unerwünschte
Folge unseres Krieges. In seinem gebrochenen Englisch erklärt er mir
weiter, das japanische Auswärtige Amt hätte dem deutschen Botschafter im
August 1914 nahegelegt, bei seiner Regierung anzufragen, ob Deutschland
für die japanische Staatsschuld gutsagen wolle. Als hierauf von
deutscher Seite gar keine Antwort erfolgt sei, hätte der englische
Botschafter mit seinem Anerbieten leichtes Spiel gehabt.
Dann mußte Abschied genommen werden und es ging wieder ins Zuchthaus
zurück, aber nur noch für zwei Stunden. Im schmutzigen Zwischendeck des
Dampfers »Talune« ging es nach Neuseeland, wo man uns ein bleibendes
Heim bestimmt hatte.
* * * * *
Bevor ich weitererzähle, muß ich nun jedoch von dem Schicksal der
»Seeadler«-Mannschaft berichten. Unsere Leute, die auf der Insel Mopelia
zurückgeblieben waren, merkten an den vielen chiffrierten Funksprüchen,
die sie mit ihrer drahtlosen Telegraphie auffingen, und die alle an
Marine-Attachés gerichtet waren, daß ihr Kommandant gefangengenommen
war. Sie fürchteten nun stark, ihr Aufenthalt könnte dadurch bekannt
werden, und wollten deshalb auch nicht mehr in dieser Gegend bleiben.
Sie begaben sich an die Arbeit, ein Boot wieder seetüchtig zu machen,
aber dabei kamen ihnen doch Bedenken, in solcher Nußschale mit 58 Mann
loszufahren, und sie glaubten kaum, daß sie einer Gefangennahme entgehen
könnten.
Eines Morgens kam fern am Horizont ein französischer Segler in Sicht.
Der Kapitän sieht voraus klar, daß ein Segelschiff auf dem Korallenriff
liegt, und er ruft seinen Steuermann:
»Steuermann, liegt dort nicht ein Wrack?«
Der Steuermann bestätigt es.
»Als wir vor einem halben Jahr hier vorbeifuhren, haben wir das aber
doch nicht gesehen! Da müssen Schiffbrüchige sein. Wir wollen darauf
zuhalten!«
Mittlerweile sieht Kling den Segler ankommen. Eine freudige Begeisterung
bricht los: »Da kommt ja 'n Schipp, da brauchen wir ja unsere alten
Boote gar nicht.« Sofort machen sie ein Boot klar, vier Mann an die
Riemen, sechs Mann in Uniform legen sich platt auf den Boden, bis an die
Zähne bewaffnet. Der Kapitän des französischen Seglers sieht, daß das
Boot kommt und sagt zu seinem Steuermann: »Steuermann, da kommen ja
schon die Schiffbrüchigen!« Er freut sich, ein gutes Werk tun zu können,
heißt sofort die Trikolore, damit die armen Schiffbrüchigen sehen, daß
ein Freund kommt und sie holt. Meine Jungs ruderten mit aller Kraft; der
Abstand verringert sich. Der Kapitän ruft ihnen zu: »Leute, strengt euch
doch nicht so an, wir kommen ja!« Die Fallreepstreppe wird
heruntergelassen, damit sie bequem an Bord kommen können. Das Boot geht
längsseit. Schnell wie die Katzen entern die sechs deutschen Matrosen
auf und stehen an Deck. »_Des Allemands, des Allemands!_« schreien alle
und halten die Hände hoch. »_Tout est perdu._« Der Kapitän steht wie vor
einem Rätsel. Was er am wenigsten erwarten konnte, das ist Wirklichkeit:
Die einzigen Schiffbrüchigen hier in der Südsee sind deutsche Matrosen,
und die befreit ein Franzose! Wie ist's möglich?
»Jawohl, Kapitän, dort liegt unser Wrack; wir sind nun einmal Allemands,
daran ist nichts zu ändern; wir haben schon lange auf Sie gelauert. Dort
auf der Insel sind unsere Kameraden und außerdem noch 27 amerikanische
Gefangene!«
Wie, eine Boches-Besatzung auf französischer Insel? »Und wir wollten Sie
retten, verlieren unser Schiff, und die steuern in die Freiheit? ...«
Der Kapitän sieht ein, daß er die Rolle tauschen muß. Die Franzosen
werden hinübergesetzt auf die Insel; sie müssen jetzt die
Schiffbrüchigen sein und meinen Jungs leuchtet wieder die Freiheit. Der
französische Segler »Lutèce« wird umgetauft in »Fortuna« und Leutnant
Kling übernimmt die Führung. Es war ein ehemaliges deutsches Schiff, das
die Franzosen während des Krieges weggenommen hatten, und das nun durch
ein eigenartiges Spiel des Zufalls seinen rechtmäßigen Besitzern wieder
zukam.
[Illustration:
»... Es war ein ehemaliges deutsches Schiff, das die Franzosen
weggenommen hatten.«]
Der Segler war ein Handelsfahrer, der zwischen den Inselgruppen
herumfuhr. Seine Ladung bestand aus 500 Paar seidenen Damenstrümpfen,
seidener Unterwäsche, Weißzeug, Sonnenschirmen, Damenschuhen, Hüten,
Korsetts, allerlei Parfüms, Seifen, Herrenartikeln, Tropenhelmen, Tabak,
Pfeifen, Mandolinen, Schokolade und Konfekt in feinster Aufmachung,
feinen Biskuits, Fleisch und Milch in Konserven, getrockneten Früchten,
sonstigen Konserven und Kartoffeln, also eine Ausrüstung, wie man sie
sich nicht besser wünschen konnte. Meine Jungs hielten es für das
Richtige, selbst als Handelsfahrer loszusteuern und den ganzen Kram zu
verkaufen. Da aber zunächst ihr eigenes Zeug abgetragen war, so blieb
ihnen nichts übrig, als sich aus den vorgefundenen Beständen an
Damenwäsche auszustatten.
Leutnant Kling hatte vor der Abfahrt unter einem verabredeten Baum eine
Flasche mit einer kurzen Mitteilung für mich vergraben und darin die
Absicht ausgesprochen, nach Batavia zu segeln. Als er sich aber später
sein Schiffchen angesehen hatte, kam ihm der Gedanke, um Kap Horn zu
segeln und die Rückkehr in die Heimat zu versuchen. Auf dem Weg nach
Batavia wären sie auch vor japanischen und amerikanischen Kreuzern nicht
sicher gewesen.
[Illustration: Kapitän Alfred Kling, erster Offizier des Seeadlers.]
Am 5. September, 8 Uhr abends, stach die »Fortuna« in See, und zwar ließ
Kling zuerst nach Westen steuern, um die gefangenen Herren der Insel zu
täuschen, und erst auf hoher See wurde der Kurs nach Süden gerichtet.
So steuerte das hochbeladene, lustige Warenhaus in die Südsee hinaus,
gern bereit, die Bevölkerung durch das Seidenzeug, die feinen Seifen,
Sonnenschirme, Tennisschuhe, Taschentücher, Brillantine, Maggipatronen
usw. handeltreibend auf einen echt französischen Kulturstand zu heben.
Am 4. Oktober sichtete »Fortuna« die Osterinsel, wo Ausbesserungen am
Schiff vorgenommen, frischer Proviant und Wasserfässer gekauft werden
sollten. Beim Absteuern aber lief das Schiff auf einen unsichtbaren, in
der Karte nicht verzeichneten Felsen. Wieder hatten meine Jungs ihr
Schiff verloren und mußten abermals versuchen, sich eine neue Heimat zu
gründen.
[Illustration: »... Und verloren wieder ihr Schiff.«]
Die Osterinsulaner, ein heiteres, bescheidenes, ungebunden lebendes
Völkchen, die nur jedes Jahr einmal von der chilenischen Regierung
abgetragene Lumpen überschickt bekommen, freuten sich der niegesehenen
Herrlichkeiten, welche die schiffbrüchigen Deutschen ihnen zum Dank für
gewährte Unterkunft anbrachten.
Mit großer Liebenswürdigkeit sorgte der chilenische Gouverneur für
Unterbringung. Er stellte den Offizieren sofort ein Haus zur Verfügung,
während meine Jungs, auf die Hütten verteilt, bei den Eingeborenen die
herzlichste Gastfreundschaft genossen. Jeder nahm sich ein Pferd von den
vielen Hunderten, die auf der Insel herumliefen. Außerdem gab es dort
sehr viel Rindvieh und großen Reichtum an Fischen und besonders an
Hummern. Fleisch war im Übermaß vorhanden, dagegen gab es kein frisches
Gemüse. Der Bedarf davon wurde halbjährlich von einem chilenischen
Schoner in Konserven herübergebracht. Auch Brot gab es auf der Insel
nicht, doch hatten die Seeadlerleute ihr Mehl zu bergen vermocht.
Die Osterinsel ist die älteste Kulturstätte der Südsee. Im Innern und am
Rand eines ausgebrannten Kraters findet man noch heute gegen hundert
Kolossalstatuen von Gottheiten oder Helden, die von den ehemaligen
heidnischen Bewohnern der Insel in grauer Vorzeit errichtet und verehrt
wurden. Man steht vor diesen bis zu 15 Meter hohen Lavariesen
schlechthin wie vor gewaltigen technischen Rätseln. Ihre Gesichter sind
dem Ozean zugekehrt, wahrscheinlich sollen sie ansegelnde Feinde
schrecken.
[Illustration:
»Man steht vor diesen hohen Lavariesen ...«
(Der Donnergott.)]
Während sich unsere Leute durch allerlei Arbeit und Spiel in traulichem
Verein mit der Eingeborenenschaft die Zeit vertrieben, Wettrennen,
Tanzvergnügungen und Theatervorstellungen in einer deutsch-eingeborenen
Mischsprache veranstalteten, wurde der Gedanke, ein neues Schiff zu
kapern, doch nicht aus den Augen verloren.
Am 25. November passierte das erste Schiff, ein amerikanischer
Viermastschoner. Da Chiles Neutralitätsauffassung Kling die Möglichkeit
zu Kaperungen offen zu lassen schien, wurde das Motorboot klar gemacht,
funktionierte aber nicht aus Mangel an Gasolin. Ein Segelboot wurde
aufgetakelt, um bei der nächsten Annäherung eines feindlichen Schiffes
bereit zu sein.
Das nächste Schiff, das auftauchte, war aber der chilenische Schoner
»Falcon«, der -- vier Monate nach »Fortunas« Strandung -- Ladung brachte
und Fracht abholen wollte. Der Kapitän des Schiffes nahm die Besatzung
des »Seeadler« als freie Leute mit nach Chile, wo den Schiffbrüchigen
ein jubelnder Empfang von den deutschen Kolonisten und den Chilenen
zuteil wurde. Aufs rührendste hat die deutsche Kolonie weiterhin für sie
gesorgt. Besonderer Dank gebührt auch der chilenischen Behörde, die in
ritterlicher Weise dem vaterländischen Fühlen und tapferen Ausharren
meiner Jungs ihre Anerkennung und Bewunderung aussprach.
Sechzehntes Kapitel.
Auf Motuihi.
Was wir auf dem Schiff und in allen möglichen Übergangsgefängnissen
durch Gleichgültigkeit wie auch Bosheit des Wachpersonals oder der
anordnenden Stellen gelitten haben, wäre bitter zu erzählen. Ich will
aber nur einzelne Episoden herausgreifen. Kircheiß und ich wurden von
unsern vier treuen Gefährten getrennt. Ihnen ist auf Somes Island ein
hartes Los zuteil geworden unter dem quälerischen Lagerkommandanten,
Major Matthis. Dieser war als Turnlehrer wegen Mißhandlung eines Kindes
vorbestraft und geistig nicht normal, dafür aber ein Freund des
Kriegsministers Sir James Allen.
[Illustration:
(Phot. R. Hofmann, Kassel.)
»... Kircheiß und ich wurden von unsern vier treuen Gefährten getrennt.«]
Kircheiß und ich wurden mit einem Motorboot nach Devonport zur Torpedo
Yard gebracht. Der Kommandant, Kapitän Kewisk, hatte sich zu diesem
Empfang extra beurlaubt und dem Unteroffizier, dem wir übergeben wurden,
befohlen, irgendwelche Beschwerden nicht anzunehmen. Die Art der
Engländer war uns ja aber schon zur Genüge bekannt. Die Torpedo Yard ist
ein Teil der Hafenbefestigung Aucklands. In einen großen Minenschuppen
war eine Reihe kleiner Abteile eingebaut, die als Haft- und Arrestzellen
namentlich für Deserteure und Maoris dienten. Man gab uns je einen
schmutzigen Strohsack und einige Decken und riegelte uns dann in diese
Zellen ein, aber so getrennt, daß wir nicht miteinander in Verbindung
treten konnten.
Mandolinenklänge, deutsche Volkslieder sagten mir bald, daß noch ein
Deutscher hier gefangen sein müßte. Es schien, daß die Töne aus der
gegenüberliegenden Baracke kämen. Und da hörte ich dann, wie ein
Landsmann seiner Katze erzählte, daß unser Besuch seit acht Tagen
angemeldet wäre und die ganze Besatzung in Aufregung versetzt hätte, daß
man aber glaube, der »Seeadler« könne nicht aus Wilhelmshaven kommen;
der Pirat wäre wohl auf eigne Faust aus Südamerika ausgelaufen. Die
Katze verstand offenbar sächsisch; ich auch, und als ich dies durch
Räuspern kundgegeben hatte, fuhr die Stimme fort und berichtete alles
Wissenswürdige.
Später erfuhr ich, daß dieser unsichtbare Mandolinen- und Katzenbesitzer
ein Regierungsbeamter (Lehrer und Amtmann) aus Samoa war, Franz Pfeil,
ein wackerer, aufrechter Anhaltiner, der eine dreijährige Festungshaft
wegen Flucht verbüßen mußte. Er war kurz nach Besetzung der Samoainseln
durch die Neuseeländer unter großen Schwierigkeiten nach dem
amerikanischen Pago-Pago geflohen; und zwar war er als blinder
Passagier, zwischen den Ankerketten des Motorschoners »Manna« verstaut,
glücklich entkommen. Aber mit Verletzung jedes Völkerrechts lieferten
ihn die damals noch neutralen (!) Amerikaner an die Neuseeländer in Apia
aus. Seine Proteste wurden unterschlagen. In Apia wollte man ihn zuerst
erschießen, verurteilte ihn dann aber durch Kriegsgericht unter Vorsitz
des Majors Turner, unseres späteren Kommandanten von Motuihi, zu drei
Jahren Gefängnis! »Wegen das Verbrechen der bekanntgemachten
Anordnungen, die das kommandierende Offizier der okkupierenden Truppen
im Schutzgebiet Samoa ausgab. In das er In Apia in die Nacht von 28.
Oktober 1914 an Bord des Motorschuners >Manna< geganen und darauf nach
dem Amerikanischen Port von Pago-Pago gefahren ist, ohne zuerst das
erlaubnis ein ermächtigter Offizier schriftlich zu behalten als bei die
Bekanntmachung des neun und zwanzigsten August 1914 angewiesen war.« So
lautete das Pfeil auf »deutsch« zugestellte Urteil.
Gegen jedes Völkerrecht brachten sie Pfeil nach dem Zuchthaus »Mount
Eden«, und erst, nachdem auf Umwegen die Nachricht nach Deutschland
gekommen war und man hier Vergeltungsmaßregeln ergriff, wurde sein
hartes Los etwas erleichtert.
Ich wollte Pfeil antworten, aber ringsherum standen Posten, und eine
Verbindung war nach dem Katzengespräch schwer zu bewerkstelligen. Ich
schrieb also eine Nachricht in den Deckel einer leeren Tabaksdose und
warf sie zum vergitterten Fenster hinaus. Leider fiel dieselbe so nahe,
daß Pfeil sie nicht holen konnte, denn er durfte eine gewisse Linie
nicht überschreiten, und gerade an diesem Tage bewachte man ihn sehr
stark. Da kam uns ein alter Tommy zu Hilfe. Er hob die Dose auf, und als
er sie leer fand, warf er sie wieder weg. Pfeil rief ihm zu, er solle
sie ihm geben, er habe gerade Verwendung dafür. Und bereitwillig trug
sie ihm Tommy hin. Ein Wink sagte mir bald, daß Pfeil gelesen hatte.
Noch im Laufe desselben Tages wurden wir nach Motuihi gebracht, wohin
Pfeil auch bald kam, da seine Zeit nun endlich um war.
Die etwa zwanzig deutschen Kriegsgefangenen in Devonport haben in
rührender Weise dem Vaterland zu dienen gesucht, soweit es ihre
gefesselten Kräfte vermochten. Pfeil hatte, immer im Gedanken an eine
neue Flucht, verstanden, sämtliche Karten der Festung, der Hafenanlagen
mit Minenfeldern und der Umgebung zu »finden«. Dieselben haben mir
später bei meiner eigenen Flucht Dienste geleistet. Ein anderer
Gefangener, Grün, hatte sich in Devonport einen Empfangsapparat gebaut
und so mancherlei wichtige Sägen und Werkzeuge »gefunden«, die für eine
Flucht von Wert sein konnten. Außerdem hatten die Deutschen während
ihres Hierseins die feinen elektrischen Zündapparate der Seeminen,
nachdem sie gereinigt und von einer Kommission zur neuen Verwendung
geprüft und abgenommen waren, auf geniale Art und Weise unbrauchbar
gemacht. Grün hatte in seiner Matratze Unmengen von Schießbaumwolle und
hat wochenlang darauf geschlafen.
[2 Illustrationen:
(Phot. R. Hofmann, Kassel.)
Panorama von Motuihi.]
Motuihi ist eine viertausend Morgen große Insel gegenüber Neuseeland in
der Nähe der Stadt Auckland. Auf dem größeren Teil dieser Insel durften
wir uns frei bewegen. Welche Erlösung war dies, als wir aus dunkler
Arrestzelle herausgeführt auf Motuihi landeten und den freien Blick in
die Natur wieder genossen! Noch mehr aber als der blaue Himmel und die
grüne Erde erquickte uns der Anblick der vielen deutschen Landsleute;
fast vergaß man in erster Freude, daß wir alle zusammen Gefangene waren.
Wir wurden mit unseren verhältnismäßig frischen Nachrichten aus der
Heimat in dieser seit August 1914 vom Vaterland abgeschnittenen Schar
wie Boten des Himmels begrüßt.
Es war der Gouverneur der deutschen Kolonie Samoa, Exzellenz Dr. Schultz
mit seinen Beamten und deutschen Pflanzern und Kaufleuten, die seit zwei
Jahren auf Motuihi interniert waren.
Als die Neuseeländer schon Ende August 1914 Samoa besetzt hatten, fanden
sie dort nicht die winzigsten Handhaben zur Erfindung »deutscher
Greuel«, die ihnen ein strenges Vorgehen gegen unsere Landsleute
ermöglicht hätten. Im Gegenteil baten die von uns stets mit fast zu weit
getriebenem Wohlwollen behandelten, auf Samoa ansässigen Engländer in
einer Petition die neuseeländischen Besatzungsbehörden, die unsrigen
anständig zu behandeln, und Oberhäuptling Tamasese, dem die Neuseeländer
erklärten, sie wollten die Deutschen zu deren »Schutz« internieren,
erwiderte stolz: »Das ist überflüssig, die Deutschen stehen unter dem
Schutz der Samoaner.« Aber alles das half nichts gegen den Vorsatz, die
»deutsche Pest« aus Samoa auszutilgen.
Hierzu fand man das geeignete Werkzeug in einem bankerotten
Schafzüchter, dem Milizoberstleutnant Logan. Dieser »Buschlümmel«
richtete eine wahre Schreckensherrschaft auf und wütete gegen die
deutschen Frauen und Kinder, die er in gesundheitsmordenden
Internierungslagern einsperrte; denn, wie er dem protestierenden
Schweizer Konsularagenten amtlich erklärte, »die deutschen Frauen sind
Nattern und brüten Nattern aus«. So sah er sein Hauptziel darin,
möglichst viele deutsche Kolonisten von ihren Familien zu trennen und
auf dem Umweg über willfährige Kriegsgerichte und das Aucklander
Zuchthaus in neuseeländische Konzentrationslager zu bringen. In
jahrelanger, ungestörter Arbeit gelang es ihm, die meisten Deutschen zu
deportieren, und als in den neuseeländischen Lagern Raummangel eintrat,
richtete er im tropischen Apia ein eigenes Konzentrationslager in --
einem Kopraschuppen ein. Diese Fürsorge für die Wehrlosen, wie sie
zuerst Lord Kitchener mit den Konzentrationslagern für Burenfrauen in
die Kriegsgebräuche der zivilisierten Welt eingeführt hatte, wurde
ergänzt durch das Aufhetzen der Eingeborenen und chinesischen Kulis
gegen alles, was noch deutschen Namen trug. Die Gerechtigkeit fordert,
hinzuzufügen, daß Ehren-Logan sich so sehr nicht hätte gehen lassen
können, wenn nicht das neuseeländische Kabinett, insbesondere der
Kriegsminister James Allen, von gleichen Gefühlen beseelt und unter
Bruch aller Austauschverträge die Hände schützend über den Wüterich
gebreitet hätte. Und hinter der neuseeländischen Regierung stand
wiederum, stets zur Deckung bereit, die englische. »Giftschlangen« hat
uns ja auch der Gouverneur von Neuseeland, ein englischer Aristokrat, in
öffentlicher Kundgebung genannt.
[Illustration:
(Phot. R. Hofmann, Kassel.)
Im deutschen Gefangenenlager hat sich das Gerücht unserer Ankunft
verbreitet.
Gespannte Erwartung.]
In den neuseeländischen Lagern waren Gefangene von über 70 und unter 10
Jahren! Das Versprechen, die Leute, die 45 Jahre überschritten hatten,
auszutauschen, wurde dauernd hintertrieben, soweit es sich um Personen
von aufrechter deutscher Gesinnung handelte. Bewunderungswürdig ist es,
wie der Engländer nichts zu tun versäumt, was einer feindlichen Rasse
auf Menschenalter hinaus schadet, und wie er dabei mit den
Unglücklichen, deren bürgerliches Dasein und deren Gesundheit er grausam
ruiniert, reden kann, als ob ein Freund zu ihnen spräche: »Wir
internieren Sie nur, um Sie zu schützen. Die Regierung will Ihr Bestes.«
Der Engländer, als einzelner Mensch vielfach so sympathisch, ist doch in
einem von uns Deutschen kaum nachfühlbaren Grad von der Politik seines
Landes durchdrungen. Einerlei, ob er Demokrat oder Aristokrat, ob er
Mitglied des »Vereins christlicher junger Männer« oder ein jovialer
Landmann ist, die Gemeinsamkeit der nationalen Interessen bestimmt sein
Verhalten stets von Mensch zu Mensch. Der Deutsche schnauzt einen an und
sagt gehörig seine Meinung, aber er tut, was er verspricht. Der
Engländer bleibt immer gemessen und verbindlich, aber auf sein Wort dem
Ausländer gegenüber ist nicht viel zu geben. Die stehende Phrase: »_We
will see, what we can do for you, we shall try our best_ (Wir wollen
sehen, was wir für Sie tun können, wir werden unser Bestes versuchen),«
wurde zum geflügelten Wort unter uns Gefangenen. Während der Arglose
dauernd hoffte, geschah in Wirklichkeit nichts.
[Illustration:
(Phot. R. Hofmann, Kassel.)
»... In den neuseeländischen Lagern waren Gefangene von über 70 und
unter 10 Jahren.«]
Bekamen die Gefangenen einmal Besuch von ihren Frauen, so durfte das
Gespräch auch bei mangelnder Kenntnis des Englischen nur in dieser
Fremdsprache und im Beisein eines Postens geführt werden. Zu der
vollständigen Rechtlosigkeit und Ohnmacht der Gefangenen nehme man die
niederdrückende Einwirkung der feindlichen Presse, deren
Hauptdaseinszweck schien, alles Deutsche zu schmähen und ihm den
Untergang vorherzusagen; die Ungewißheit über die Dauer der
Freiheitsberaubung, die Aussicht auf Verarmung oder gar Verlust der
Existenz, das lastende Gefühl einer ungeheuren Ungerechtigkeit und eines
parteiischen Schicksals: -- wieviel Herzlichkeit und guten Willen hatte
die verfemte deutsche Rasse nötig, daß man hinter dem Stacheldraht in
all den Jahren den Humor nicht ganz verlor.
[Illustration:
»... daß man hinter dem Stacheldraht den Humor nicht ganz verlor.«]
Als wir Seeadlerleute auf Motuihi ankamen, die wir doch auch schon fast
ein Jahr von der Heimat entfernt lebten, wurde uns von den Landsleuten
die Seele fast aus dem Leibe gefragt, und es gelang uns, durch Berichte
von daheim manch schwerumdüstertes Gemüt etwas aufzuhellen.
Der Lagerkommandant, Oberstleutnant Turner, war unendlich stolz, endlich
richtige Kriegsgefangene zu bekommen, und diesem Angehörigen eines
demokratischen Landes schmeichelte es merkwürdigerweise besonders, sich
recht öffentlich mit seinem »Count« zu zeigen. Ich benutzte diese kleine
Schwäche und arbeitete mich in sein Vertrauen hinein. Denn ich hatte
einen bestimmten Plan, den vorerst im Lager niemand ahnen durfte, außer
Kircheiß und meinen Freunden v. Egidy und Osbahr, zwei deutschen
Regierungsbeamten aus Samoa, die ich im Lager kennen lernte, und denen
ich bald manchen Rat zu danken hatte.
[Illustration:
Exzellenz Dr. Schultz als »_Honoured Guest of the New-Zealand
Government_«. (So wurde ein deutscher Gouverneur den Austauschverträgen
zuwider festgehalten.)]
Als ich mit beiden meinen ersten Spaziergang machte, fiel mir ein
wunderhübsches Motorboot ins Auge. »Wem gehört das?« fragte ich. »Das
steht dem Lagerkommandanten zur Verfügung.« »Das Boot ist mein; damit
fahre ich los«, war meine unwillkürliche Antwort. Insel ... Motorboot
... allerlei Möglichkeiten sausten durch das Gehirn, und mein Entschluß
stand fest. Aber nur nichts unternehmen, bevor man nicht Herr der
Situation war. Wir durften uns auf der Insel ziemlich frei bewegen,
mußten aber bis abends 6 Uhr ins Lager zurückgekehrt sein. Überall waren
Wachtposten aufgestellt. Nach dem ersten Eindruck zu urteilen, waren wir
gut bewacht.
Zu einem ernsthaften Fluchtversuch gehörten so umfangreiche
Vorbereitungen, daß die Neugier der Lagerkameraden mir das größte aller
Hindernisse schien. Insbesondere war da ein naturalisiertes Subjekt, ein
österreichisch-polnischer Arzt, hochintelligent, aber verkommen, der für
die neuseeländischen Behörden den Spitzel machte. Ihn galt es zuerst
einzuwickeln. Ich hatte durch die Bootsfahrt und die Gefängnisse
körperlich gelitten und war sichtlich angegriffen. Rheumatismus ist
bekanntlich die Krankheit, die man objektiv nicht nachweisen kann.
Wunderbarerweise war ich trotz aller Strapazen von ihr verschont
geblieben, aber wer durfte es bezweifeln, wenn es mir nun nach allen
Regeln der Kunst anfing vom Nacken den Rücken herunter zu ziehen?
Vielleicht bekam ich sogar Ischias. Jedenfalls war der Österreicher
besorgt und meinte, das käme davon und mein Lebenswandel rächte sich
nun. An Regentagen, wo ich draußen nichts anfangen konnte, legte ich
mich ganz zu Bett und stöhnte. Bei schönem Wetter ging es etwas besser.
Unser Zimmermann machte mir ein paar Krücken, mit denen humpelte ich
dann aus dem Bett: »Es ist zu schönes Wetter, ich =will= hinaus.« Osbahr
warnte mich manchmal, ich möchte nicht zu sehr übertreiben. Aber der
Doktor versicherte mir, ich müßte furchtbare Schmerzen haben, versuchte
mir allerlei Erleichterungen zu verschaffen und pinselte mich mit Jod
ein. Der Lagerkommandant kam an: »Armer Graf!« und hatte großes Mitleid.
Hinter meinem Rücken sagte er zwar beruhigt: »Gott sei Dank, daß er
Rheumatismus hat. Er ist ein gefährlicher Bursche. So kann er wenigstens
nichts machen.« Man glaubte mir aber alles. Gelegentlich sagte Turner
scherzend zu mir: »_Well, count, you will not run away, you know, I am
Colonel; if you run away, I loose my job._« (Wenn Sie weglaufen, verliere
ich meinen Posten.)
[Illustration:
(Phot. R. Hofmann, Kassel.)
»... Wenn Sie weglaufen, verliere ich meinen Posten.«]
Dann machte ich den Arzt zu meinem Vermögensverwalter, was sein Zutrauen
steigerte, besonders da ich ihm vorgeflunkert hatte, daß ich mir eine
große Summe Geldes aus Deutschland schicken ließe, von der einige
Prozente für ihn abfallen sollten. Die Landsleute warnten mich öfters,
ich möchte mich nicht zu tief mit diesem Menschen einlassen, und
konnten es gar nicht begreifen, daß ich allen Verdacht bestritt und
Stein und Bein auf ihn schwur. So mußte ich überhaupt auch die
anständigen Elemente im Lager in Täuschung halten, um mein Unternehmen
durchzusetzen.
Dann suchte ich mir meine Mannschaft unter der Hand zusammen. Im Lager
waren 14 Schulschiffkadetten des Norddeutschen Lloyd, die immer eng
zusammenhielten in jugendlicher Abenteuerlust. Von ihnen konnte ich nur
sieben gebrauchen. Meine Lebenserfahrungen hatten mich darin geübt, die
Menschen auf ihre Eignung einzuschätzen, namentlich auf Zuverlässigkeit
und Kühnheit hin. Es war nicht leicht, die sieben von ihren Kameraden zu
trennen und letztere über den Fluchtplan zu täuschen. Außerdem gewann
ich noch einen Funkentelegraphisten aus Samoa, den schon erwähnten Grün,
und den Motor-Ingenieur Freund, welchen der Lagerkommandant damit
beauftragt hatte, sein Motorboot in Ordnung zu halten. Der andere
Vertrauensmann Turners war der Kadett Paulsen, der sein Boot steuerte
und außerdem die Lagerkantine verwaltete.
Nun galt es, unsere Ausrüstung zu beschaffen. Ich ging zum
Oberstleutnant und sagte ihm, es wäre hier gar nichts los, ich wollte
gern zu Weihnachten eine Theateraufführung machen. Mein
Unternehmungsgeist erschreckte ihn: »Um Gotteswillen, Graf, Sie laufen
mir doch nicht weg?«
»Sehe ich aus wie einer, der weglaufen will? Abgesehen von meinem
Rheuma, ich bin so wasserscheu geworden, ich gehe überhaupt nicht mehr
in oder aufs Wasser. Wenn ich nur schon zu Hause wäre.«
»Aber Ihre >Seeadler<-Mannschaft? Ist es nicht möglich, daß sie mit
einem Schoner kommen und Sie abholen wollen?«
Die Feinde hatten den Aufenthalt der Mopelianer noch nicht
herausbekommen. Krause, Lüdemann, Permien und Erdmann waren im
Arresthaus zu Wellington geradezu gefoltert worden, um aus ihnen die
Wahrheit über die »Seeadler«-Besatzung herauszubringen. Aber die braven
Jungs hatten lieber in zugiger Zelle auf dem nackten kalten
Betonfußboden geschlafen und sich böse Krankheiten dadurch zugezogen,
als daß sie sich durch solche Quälereien zu Aussagen verleiten ließen.
»Alle für einen, einer für alle« war unser Wahlspruch, dem wir treu
geblieben sind, deutsche Soldaten auch noch als Sträflinge bei Wasser
und Brot! So hat der Feind dauernd in Spannung gelebt, daß irgendwo und
-wann der »Seeadler« wieder auftauchen könnte. Er hat viel Geld für
Bewachen und Abstreifen der See ausgeben müssen.
Ich versicherte nun dem Oberstleutnant, daß meine Leute, wenn sie
könnten, sicher auf neue Kaperfahrt gingen, aber keinesfalls daran
dächten, mich zu entführen. Er gab schließlich die Erlaubnis zum
Theaterspielen. Ich zog ihn nun ins engste Vertrauen und es gelang mir,
ihn für den Theaterplan lebhaft zu erwärmen. Unter anderem sagte ich
ihm, ich führte das Stück nur unter der Voraussetzung auf, daß keiner
vom anderen wüßte, welche Rolle er spielte, denn es sollten nicht nur
die Zuschauer überrascht werden, sondern auch die, welche mitspielten.
So gab ich den Kadetten, welche nicht zur Flucht geeignet waren,
ordentlich was zu lernen auf. Mit vereinten Kräften wurden Verse
geschmiedet und memoriert. Einige mußten Schiffe ausschneiden als
Silhouetten, denn ich wollte aus bestimmten Gründen die Schlacht beim
Skagerrak aufführen. So fühlen sie sich auch im Vertrauen. Meine
Kadetten malten Kriegsflaggen, nähten Mützenbänder und verfertigten
schwarz-weiß-rote Kokarden. Wenn einer kam und fragte, hieß es: »Du
weißt, der Graf hat gesagt, wir dürfen voneinander nichts wissen.« Alles
geschah heimlich und der Oberstleutnant freute sich, und wenn ihm etwas
Verdächtiges gemeldet wurde, lächelte er überlegen: »Ja, ich weiß schon,
das ist Theater.«
Aus Marmeladebüchsen wurden von den wirklich Eingeweihten Handgranaten
hergestellt mit Hilfe eines Sprengstoffes, den meine Jungs einem Farmer,
bei dem sie Baumwurzeln sprengten, stibitzt hatten. Funkentelegraphist
Grün, ein Genie in seinem Fach, baute eine drahtlose Empfangsstation.
Kadett von Zartowsky verfertigte aus einem alten, angetriebenen
Rudersextanten, Rasierapparaten und geschliffenen Spiegeln einen
Sextanten, der uns nachher nur um 50 Seemeilen aus dem Weg gebracht hat,
also den Umständen nach gut arbeitete. Der Sextant ist heute in einem
feindlichen Museum ausgestellt; eine Gesellschaft der Wissenschaften hat
eine eigne Sitzung über diese außerordentliche Leistung von
Erfindungsgabe bei dürftigen Hilfsmitteln abgehalten.
[Illustration:
(Phot. R. Hofmann, Kassel.)
Bei unsern Hühnerställen.]
Wir mußten nun auch Segel haben für unser Motorboot. Paulsen ließ hinter
den Kantinenbestellungen auf dem Bestellzettel gewisse Lücken offen, die
er, nachdem der Oberstleutnant seine Unterschrift gegeben hatte,
nachträglich ausfüllte. So bezogen wir dutzenderlei nötige Materialien
aus Auckland, und wenn der Kommandant erneut von einem Untergebenen auf
die auffälligeren Bestellungen hingewiesen wurde, blinzelte er
verständnisinnig: »Es ist in Ordnung, ich weiß schon.« Nur als ich
einmal als Theaterdirektor für die Vorbereitungen einen abgetrennten
Platz verlangte, den niemand ohne des Kommandanten besondere Erlaubnis
betreten durfte, lehnte er ab. Das war ihm denn doch zu viel.
[Illustration:
»... Das Hühnersterben fiel auf.« Der österreichisch-polnische Arzt
erklärt es dem Lagerkommandanten.
(Englische Karikatur nach unserer Flucht.)]
Wir beschafften uns also Proviant in großen Mengen, vor allem Eßwaren,
die wenig Platz einnehmen und bei der Zubereitung ordentlich aufquellen,
wie Reis und Grütze. Die Lagerhühner schlachteten wir heimlich eines
nach dem anderen weg und weckten sie ein. Das Hühnersterben fiel auf,
und der Doktor, der autoritativ auf eine Geflügelpest diagnostizierte,
gab Pulver unter das Futter, worauf die Tiere natürlich noch rascher
wegstarben. Es fiel schließlich auf, daß die toten Hennen fast nie zu
finden waren. Aber inzwischen war unser Vorrat auch schon genügend.
Unser zukünftiges Segel wurde als Theatervorhang genäht, und schließlich
auch eine Bühne aufgebaut. Wenn eine Wache vorbeikam, lernten die,
welche an Handgranaten oder am Sextanten arbeiteten, fleißig ihre Verse,
und der Kommandant erbat sich von mir, der ich an meinen Krücken
umherschlich, eine englische Übersetzung des Ganzen aus.
Die Kosten für die Ausstattung wurden durch eine Sammlung im Lager
aufgebracht. Der Arzt verwaltete mir die Theaterkasse und sah dabei
schon zu, daß er zu dem Seinigen kam. Dann galt es, Ferngläser, Karten
und gute Uhren zu beschaffen. Die Karten schnitt ich aus Atlanten aus.
Es wurden ja immer nur die Blätter Frankreich und Rußland aufgeblättert,
und wenn einer wirklich einmal die Südsee nachsehen wollte, dann hatte
er doch nicht mich im Verdacht des Diebstahls. Ich ließ aber alles
Entwendete aufschreiben und die Eigentümer später entschädigen. So
machte ich es auch mit den Ferngläsern. Einige davon wurden mir von
Reserveoffizieren geliehen, die einsahen, daß ich sie brauchte, um das
gegenüberliegende Fort zu beobachten und daran Admiralsaufgaben zu
bearbeiten. Das beste Glas gehörte aber einem Herrn, der es sehr
sorgfältig hütete. Ich machte ihn ängstlich: »Passen Sie auf, daß es die
Leute nicht klauen. Haben Sie es auch gut versteckt«. Ich ließ mir das
Versteck zeigen und stritt mit ihm darüber, daß das nicht sicher wäre.
Dann nahm ich es ihm fort, und er kam betrübt zu mir: Ich hätte nun
leider doch recht behalten. Er mußte später lachen, als er es wieder
erhielt. Jeder, dem ich sein Glas oder seine Uhr abschwatzte, wurde
verpflichtet, es vor den anderen geheim zu halten, damit meine
angebliche »Spionagetätigkeit« nicht herauskäme. Die meisten haben
übrigens später auf Entschädigung verzichtet und dachten wie ich beim
Schwindeln: Alles fürs Vaterland.
Als wirkliche Waffen fertigten wir uns Handgranaten und Dolche, die wir
aus Dreikantfeilen schliffen. Da wir auf unserer Kreuzfahrt die
Erfahrung gemacht hatten, daß wir mit Waffen kaum etwas zu tun hatten,
vielmehr eine Flagge, einige Scheinwaffen und etwas Draufgängertum
genügten, so zimmerten wir uns ein paar Scheinrevolver und sogar ein
imitiertes Maschinengewehr aus Petroleumbehältern. Ein Chemiker stellte
uns Gasbomben her. Ein paar richtige Handfeuerwaffen mußten wir aber
haben. Während einmal alles im Lesezimmer um eine neue Zeitschrift
versammelt war, entwendeten wir aus einem verschlossenen Raum zwei
Gewehre und elf neuseeländische Uniformen. Kircheiß ging gerade mit
einem Gewehr im Nachtanzug zu unserem Versteck, als ihn ein Wachtposten
anrief. Er schützte aber etwas anderes vor und entfernte sich mit
gemessener Eile in merkwürdig gezwungener, steifer Haltung, das Gewehr
in der Hose versteckt.
So wurde unsere Erfindungsgabe unaufhörlich beschäftigt. Wie brachten
wir nun aber unsere ganze gesammelte Ausrüstung in das vor Anker
liegende Boot hinein, das keiner betreten durfte?
[Illustration:
(Phot. R. Hofmann, Kassel.)
Letzte Vorbereitung zur Flucht. »... Die Tommys ziehen dienstbeflissen
das Boot an Land« (und werden dabei von uns photographiert).]
Wir hielten einen Kriegsrat. Im allgemeinen vermied ich es peinlich, mit
den Kadetten zusammenzukommen. Herr von Egidy, der meine rechte Hand
wurde und als Nichtseemann unauffällig mit den Kadetten verkehren
konnte, führte die von uns entworfenen Ideen im einzelnen durch, während
ich mich möglichst müßig zeigte. Sonntags aber ließ ich mich von den
Kadetten gelegentlich zum Kaffee einladen, und da wurde folgender Plan
gesponnen. Freund, der Motormann, und Paulsen, der Steuermann,
erzählten dem Oberstleutnant, der Schraubenschaft des Bootes wäre leck.
Beunruhigt befahl er darauf seinen Soldaten, das Boot so schnell wie
möglich aufs Land zu holen. Prompt am andern Morgen stehen bei
Hochwasser die erforderlichen Tommys am Strand und ziehen mühselig, aber
dienstbeflissen als ahnungslose Werkzeuge unseres Planes das Boot an
Land. Außer der Reparatur ließ Turner gleich auf Freunds und Paulsens
Vorschlag das ganze Boot malen, da er es zum Verkauf ausgeschrieben
hatte und gern proper haben wollte. Nun hatten wir reichlich Zeit, es
nach Wunsch zu bepacken, und die beste Gelegenheit ergab sich dadurch,
daß einige von uns mit Farbenpötten sogar die Nacht über beim Boot
verweilen durften.
Die Kadetten Schmid und Mellert hatten stets die Kohlen für das
Gefangenenlager zu fahren, ihnen war das Pferd anvertraut. Jetzt karrten
sie unsere ganzen Vorräte unter leeren Kohlensäcken zur Landungsbrücke
hinab. Seekadett Mellert war der besondere Vertrauensmann des Farmers
und durfte als Hammelschlächter unten am Strand außerhalb des Lagers
wohnen. Nun war aber in diesem Hause leider auch ein naturalisiertes
Subjekt, ein gewisser P. H., der sich durch Schmuserei die Erlaubnis
verschafft hatte, dort unten zu hausen. Diese naturalisierten
Deutschen, die durch die Strenge der feindlichen Kriegsmaßnahmen
zwar von der Gefangenschaft nicht verschont blieben, aber dann als
Vaterlandsverleugner sich Vergünstigungen verschafften, waren der
trübste Punkt im Lagerleben und erinnerten nur allzusehr an manche
Seiten der deutschen Geschichte, wo sich Landsleute im fremden Dienst
auf Kosten des Zusammenhalts und der Kraft unserer Nation emporgebracht
haben. Übrigens verachteten die Engländer die schlechten Deutschen am
meisten. Dieses Subjekt saß nun dauernd am Fenster, las in einem Buch
und sah beim Malen des Bootes zu. Es war ungemütlich, aber nicht zu
ändern. Vermutlich wollte er durch Verrat sich die Freiheit verdienen.
Die »Perle« war ein prachtvolles Boot von etwa neun Meter Länge, mit
einem hervorragenden Motor. In die Bilge, den Doppelboden, worin sich
das Leckwasser sammelt, damit man trockene Füße behält, verpackten wir
nun unsere Uniformen, Privatsachen und für sechs Wochen Proviant.
Außerdem wurden die vorhandenen Schiebladen aufgefüllt und dicht
vernagelt. Als der Kommandant einmal danach fragte, wurde ihm frech
und frei geantwortet, sie wären zugenagelt, weil sie doch nie
gebraucht würden und bei der Fahrt klapperten. Ferner nahmen wir
öffentlich Frischwasserbehälter hinauf, die dem Kommandanten als
Reservebenzinkannen bezeichnet wurden, und einen von uns selbstgebauten
Kondensapparat, mit dem man in einer Stunde zwei Liter Wasser herstellen
konnte.
So wurde das Boot in den unsichtbaren Räumen vollgepackt. Alles war
darin, auch die Gewehre. Wie aber sollten wir uns Munition verschaffen?
Der Munitionskasten der Lagerwache zog uns an wie Honig die Bienen,
aber es schien unmöglich, an ihn heranzukommen, da er sich in dem
gutverschlossenen Warenschuppen neben den Soldatenbaracken befand. Der
Schlüssel dazu hing im Wachtlokal, vor dem dauernd ein Posten auf und ab
ging. Wie konnten wir an dem Tommy vorbei zu dem Schlüssel gelangen? Wir
grübelten lange hin und her, die schwierige Frage löste sich aber eines
Tages ganz plötzlich.
Schmid und Mellert hatten eine Ratte gefangen, ihr ein Band ans Bein
gebunden und einen Kater darauf scharf gemacht. Das kleine Sportereignis
zog natürlich den wachestehenden Tommy lebhafter an als sein Wachtlokal.
Während dieser nun den Rattenfänger anfeuert: »_Let him catch him_«,
schlüpft Mellert heimlich und leise zu dem Türpfosten, hakt den
Schlüssel ab und sobald er ihn hatte, wurde auf einen heimlichen Wink
hin das Kampfspiel abgebrochen und die Ratte zur späteren Verwendung
aufgehoben. Der Wachtposten war recht enttäuscht.
Dann begab man sich nach dem Warenschuppen, worin der Munitionskasten
stand, und weg damit zum Zelte Grüns. Außer der Munition, die wir im
Boot mitnehmen wollten, interessierte uns auch besonders die Munition,
die die Soldaten in ihren Bereitschaftskästen hatten. Wir wollten den
Feind dadurch bei einem etwaigen Alarm, den unsere Flucht zur Folge
haben könnte, entwaffnen. Dies geschah dadurch, daß wir aus den Patronen
das Pulver bis auf einen kleinen Rest entfernten, Papierabschluß
daraufsetzten und die Patronen mit Sand wieder auffüllten. Wenn die
Neuseeländer nun schießen wollten, dann reichte das Pulver gerade so
weit, daß die losgeschossene Kugel in den Zügen stecken blieb. Bätsch!
war es alle; die im Laufe steckende Kugel, festgetrieben durch den Sand,
machte das ganze Gewehr unbrauchbar.
Die so »_Made in Germany_« bearbeiteten Patronen wurden schließlich wieder
in den Warenschuppen gebracht. Nun galt es, den Schlüssel im Wachtlokal
anzuhängen, wozu Katz und Maus wieder erschienen. »_Let him catch him_«,
rief der Posten voll Vergnügen, und der Schlüssel hing bald wieder an
seinem Ort. Nur der Senior unseres Lagers, der immer auf den guten Ruf
des Deutschtums bedachte Herr Höflich aus Samoa, machte mich in ernstem
Tone auf das Bedenkliche einer solchen Tierquälerei aufmerksam, die
unter den Augen des Feindes uns als »_cruel huns_« erscheinen ließe und
auch unsere Landsleute empöre.
[Illustration:
Oberstleutnant Turners Entschuldigung vor dem Kriegsgericht:
»Ich hatte nur g. v.-Leute als Wachpersonal.« (Englische Karikatur.)]
Benzin hatten wir nach Belieben, da der Oberstleutnant darin ein großer
Hamsterer war. Bei der Prüfung seiner Bestände fand der Kommandant, daß
Zahl und Gewicht der Behälter immer stimmten; nur der Stoff innen hatte
sich mehr und mehr in klares Brunnenwasser verwandelt.
Jetzt konnten die vielen Tommys wieder antreten. Das gutbemalte,
tadellos gestaute Boot lag bald wieder im Wasser.
[Illustration:
Der Lagerkommandant erkundigt sich nach unserer Gesundheit, während wir
unsere Ausrüstung ausarbeiten. (Englische Karikatur.)]
Das Lagertelephon hatte Grün in einer Kiefernschonung geerdet, aber so,
daß wir einen Schalter hatten, den wir nur umzulegen brauchten, um die
Leitung zu unterbrechen. Mit einem Telephonhörer, den einige
Mitgefangene aus Devonport mitgebracht hatten, hörten wir jetzt in einer
als Zelle eingerichteten Wurzelhöhle den telephonischen Verkehr des
Lagerkommandanten mit dem Hauptquartier in Auckland ab. Nachts befanden
sich gelegentlich in der Gegend Motorboote, welche Übungen abhielten.
Wir hatten nie recht erfahren können, warum, mußten das aber nun
herausbekommen. Denn diese rätselhaften Vorsichtsmaßregeln beunruhigten
uns lebhaft. Wir legten also den Hörer im Walde an die Telephonleitung.
Dort hatte jeder von meinen Jungs zwei Stunden Wache, um die Gespräche
des Lagers mit dem Hauptquartier zu belauschen. Von jetzt ab waren wir
über alles unterrichtet. Wir hörten auch, daß der Oberst Patterson in
Auckland Turner Vorwürfe machte, weil die Morselichtsignale nicht
abgenommen würden. Der Oberstleutnant erwiderte, daß zu heller
Mondschein gewesen wäre. Wir hörten weiter, daß die Übungen dazu dienen
sollten, aufzupassen, falls die Deutschen nachts ausbrechen wollten. Wir
mußten unser Programm also für den Tag einrichten. Gleichzeitig machte
der Oberstleutnant darauf aufmerksam, daß er tags nur das Telephon zum
Alarm hätte; ob man ihm nicht ein Helioskop schicken wolle?
Das Helioskop kam nach wenigen Tagen an. Aber unsere Jungs, die besser
wußten, was eine Helioskopkiste war, als die neuseeländischen Soldaten,
und bei deren Bequemlichkeit regelmäßig als Hilfskräfte beim Auspacken
herangezogen wurden, brachten die Kiste beim Entladen des ankommenden
Verkehrsbootes sofort in Sicherheit. Bei dem lässigen Behördenbetrieb
fiel es zunächst niemand auf, daß das Helioskop auf sich warten ließ,
und wir selbst brauchten es doch viel nötiger als der Kommandant.
Immerhin sahen wir, daß man auf uns aufpaßte. Sogar die Telephonleitung
sollte einmal untersucht werden. Glücklicherweise kamen die Arbeiter
erst nach unserer Abfahrt, die wir von dem zuerst angenommenen Zeitpunkt
hatten verschieben müssen.
Je mehr sich unsere Vorbereitungen dem Abschluß näherten, desto
schlimmer wurde mein Rheumatismus. Der Kommandant bedauerte mich immer
mehr und war innerlich immer zufriedener. Aber auch die Soldaten nahmen
etwas größeren Anteil an mir. Einer bot mir aus Mitleid mal ein Mittel
an, »Farmers Friend« hieß es. Er hätte viel mit Pferden zu tun gehabt,
da hätte es gut getan, es würde auch dem Grafen jetzt gut helfen. Ich
ließ mir die Pferdekur geben und rieb mich angeblich damit ein. So wurde
der Soldat mein Berater für körperliche Leiden und immer intimer mit
mir, so intim, daß ich ihn und einige seiner liebsten Kameraden am
letzten Tage sogar die militärischen Abzeichen mitbringen lassen konnte,
als »Andenken«, in Wahrheit brauchte ich sie natürlich für die
Vervollständigung der neuseeländischen Uniformen, in welchen meine
Bootsmannschaft losging. Ich selbst trug schon stets im Lager
neuseeländische Uniform (mit deutschem Marineabzeichen). Die deutschen
Beamten aus Samoa, die nicht eingeweiht waren, fanden das natürlich
skandalös.
[Illustration:
(Phot. R. Hofmann, Kassel).
»... Ich selbst trug schon stets neuseeländische Uniform.«]
Ich hatte meine Leute vollkommen in der Hand. Wenn es nötig war, wies
ich einen wohl in seine Schranken zurück, wir blieben aber Freunde. Daß
ich in allem Tun und Lassen mit einer gewissen Kühnheit verfuhr,
begeisterte die Leute, sobald sie hin und wieder den Beweis erhielten,
daß das Beabsichtigte gelang. Die Kadetten mußten die vorbeifahrenden
Schiffe stets beobachten, wie oft sie kamen, welche Typen es waren usw.
Die Nachrichten wurden dann zum Plane verwertet.
Wir waren fertig, und nun kam für uns die Generalprobe heran. Am
hellichten Tage machten wir blinden Alarm; denn als richtige Deutsche
mußten wir auch die Gewißheit haben, daß alles Erfundene und Erarbeitete
solide war und klappte.
Auf ein Stichwort begab sich also jeder auf seinen Posten. Grün sollte
das Telephon umstellen, zerstören wollten wir es nicht, um im Fall des
Mißlingens der Flucht keinen Verdacht zu erwecken. Klöhn hatte das
kleine Ruderboot entzweizuschlagen, damit die Verfolgung erschwert
würde. Schmid fuhr mit dem Wagen hinunter, Kohlen holen, in Wirklichkeit
aber unter den leeren Säcken Benzin hinunterschaffend. Ich selbst ging
mit Herrn von Egidy in das Gouverneurhaus, wo ich alles übersehen
konnte. Paulsen und Freund sollten eine halbe Stunde vor Abfahrt in die
»Perle«, um sie »reine zu machen«. Kircheiß half Mellert in dessen Haus
beim Packen der letzten Sachen, und zu guter Letzt kam ich mit Egidy
»auf einem Spaziergang« zur Landungsbrücke.
Den Probealarm haben wir tatsächlich in Gegenwart des Kommandanten
ausgeführt, ohne daß er etwas ahnte. Bei dieser Übung sahen sich die elf
Verschworenen zum ersten Male alle gegenüber. Vorher hatte ich nur
einzeln mit ihnen verhandelt und keiner wußte vom andern; so
gewissenhaft und verschwiegen hatten alle gehandelt. Nach den
Erfahrungen wurde auch die eine oder andere Anordnung abgeändert, und
mit deutscher Gründlichkeit war jetzt alles eingeübt.
Ein großer Teil der neuseeländischen Küstenschiffahrt kam an Motuihi
vorbei. Bequem konnten wir von der Insel aus in aller Ruhe mit unseren
Gläsern die Schiffe besichtigen, und wenn ein für uns passendes Fahrzeug
vorbeisegelte, ihm geräumigen Abstand lassen, um mit unserer schnellen
»Perle« hinterherzuflitzen. Da trat aber, als wir fertig waren,
schlechtes Wetter ein und infolgedessen fuhren auch keine Schiffe
vorbei, da der Wind von ungünstiger Seite kam.
Nun wollte Oberstleutnant Turner einmal fahren. Er liebte es, selbst zu
steuern. Paulsen setzte sich bei der Fahrt nach vorn zu Freund, damit
der Oberstleutnant behindert würde, nach vorn zu gehen und das Boot zu
untersuchen. Turner freute sich, daß er auf einmal so leicht und sicher
fuhr. Paulsen erklärte das damit, daß wir den Ballast umgelagert, hinten
etwas hineingestaut hätten. (Es waren ja auch 2000 Kilogramm verpackt).
Der Motor war vorher für das Boot zu stark gewesen und lief jetzt bei
größerer Belastung wirklich besser. Der Oberstleutnant saß auf
Handgranaten und steuerte, unsere Jungs ließen von ihrer Aufregung
nichts merken. Anderntags fuhr sogar der Kriegsminister in eigener
Person in unserer »Perle«.
Da ließ eines schönen Tages der Kommandant Paulsen kommen und fragte ihn
mißtrauisch: »Wo habt ihr den Schlüssel zur Ankerkette und zur
Bootskajüte?« Die Frage wirkte auf Paulsen wie ein Donnerschlag, er
mußte alles für verraten halten. In der Tat waren Turner Dinge zu Ohren
gekommen. In der Nacht war ein Zettel unter die Tür des Wachthauses
geschoben worden, worauf in schlechtem Englisch stand: »Bitte Boot
untersuchen. Es ist vollgepackt mit Proviant.« Turner geriet in
Aufregung und die Posten wurden verdoppelt. Wir wußten wohl, wer der
Lump war.
Alles schien nun verloren. Turner, der ein ruhiges Leben liebte, saß
immer etwas in Angst vor der öffentlichen Meinung. Er mußte denen
drüben in Auckland zeigen, was er für ein schneidiger Mann wäre, und so
wurden auch die Nachtübungen weniger aus Argwohn gegen uns veranstaltet,
als um drüben »_show_« zu machen. In Neuseeland wie in anderen
demokratischen Ländern stand häufig die Rücksicht auf die Stimmungen des
Publikums über allen anderen Erwägungen.
[Illustration:
(Phot. R. Hofmann, Kassel.)
Prise in Sicht!]
Paulsen verstand es nun, als der Verrat geschehen war und alles auf des
Messers Schneide stand, genial den Gekränkten zu spielen und den
Kommandanten von der sofortigen Untersuchung des Bootes abzubringen.
Außerdem glaubte Turner ja, mich in der Hand zu haben, da ich mir
angeblich 100000 Mark hatte aus der Heimat schicken lassen. Er, der
frühere Kohlenhändler, hatte dies heimlich geschehen lassen; und er
hatte sogar, indem er zur Umgehung der Zensur den Brief unter
Dienstsiegel schickte, dazu gemurmelt: »_I hope, you will not forget me!_«
worauf ich ihm verständnisinnig zugenickt hatte. Es war das Gerücht
verbreitet, ich hätte die »Seeadler«-Reise auf eigene Rechnung gemacht.
Mein »Reichtum« machte fabelhaften Eindruck, und so dachte Turner, da er
ja 5000 Pfund Sterling sozusagen als private Kaution in Händen hatte,
nicht ernstlich an die Gefahr meiner Flucht. Das Behagen kehrte wieder.
Den Zettel hatte wohl ein Verrückter geschrieben, nahm Turner an. Der
schwere Augenblick ging unerwartet gut vorüber.
Nun wird man mich fragen, warum wir überhaupt fliehen wollten. Bei dem
ungeheuren Mißverhältnis zwischen unseren Kräften und der Macht des
Feindes und sonstigen Hindernissen, konnte nur ein ganz klarer und bis
ins einzelne durchdachter Plan dieses Unternehmen rechtfertigen. Das
Ziel war zunächst, den Oberst Logan auf Samoa in unsere Hände zu
bekommen, um ihm für seine Mißhandlungen deutscher Frauen einen
Denkzettel zu erteilen. Die Gefangennahme Logans gedachten wir
folgendermaßen zu ermöglichen. Mit der »Perle« mußte zunächst ein
Segelschiff gekapert werden, um überhaupt bewegungsfähig zu werden.
Darauf galt es, an geeigneter Stelle einen neuseeländischen Dampfer zu
kapern, denn nur mit einem Dampfer konnten wir in Samoa einlaufen und
Logan, der über starke militärische Macht verfügte, glauben machen, daß
wir ihm einen Befehl vom neuseeländischen Kriegsminister zu überbringen
hätten. Somit beabsichtigten wir, uns zunächst mit der »Perle« auf die
Lauer zu legen, bis wir uns eines Segelschiffes bemächtigen konnten, um
mit diesem dann nach der Hauptinsel der Cookgruppe, Rarotonga, zu
fahren, wo die Dampfer zwischen Neuseeland und San Franzisko anlaufen.
Wir wußten durch Gefangene, daß sich auf Rarotonga weder eine
Funkenstation, noch eine militärische Macht befand; die Eingeborenen
sollten sehr deutschfreundlich sein. Im Vertrauen darauf wollte ich mit
dem Motorboot unter deutscher Kriegsflagge in den Hafen von Rarotonga
einlaufen und die dortige Bevölkerung glauben machen, wir kämen mit der
»Perle« von einem draußenliegenden deutschen Hilfskreuzer. Die
Mützenbänder meiner Leute trugen zu diesem Zweck schon die Aufschrift S.
M. S. »Kaiser«. Der Name hätte durchgeschlagen. Dann wollten wir den
Residenten festnehmen und die paar auf der Insel lebenden Engländer
genau in derselben Weise internieren, wie wir interniert waren. Im
Besitz Rarotongas hätten wir den nächsten einlaufenden Dampfer
abgewartet. Die Dampfer hatten aber hinten und vorn Geschütze, wie war
es dann nur möglich, einen solchen in unsere Gewalt zu bringen? Wir
wären in neuseeländischen Mänteln und Mützen, den Residenten in unserer
Mitte, zum Dampfer hinabgegangen, um die übliche Visite zu machen. Im
Augenblick, wo uns der Kapitän freundlich begrüßte, hätten wir die
deutsche Flagge und Handgranaten gezeigt, die Geschütze sofort besetzt,
und da das verblüffende Auftreten uns im Augenblick die Oberhand gab,
hätten wir die Leitung des Schiffes bekommen. Dann wären wir auf Samoa
zugesteuert und hätten uns vorher durch drahtloses Telegramm als
Überbringer wichtiger Geheimbefehle des Kriegsministers an Oberst Logan
angekündigt. Auf dem amtlichen Briefpapier, das wir nebst den
dazugehörigen Stempeln und Namenszügen von Turners Schreibtisch genommen
hatten, hätten wir einen persönlichen Befehl an Logan übergeben, wären
selbst aber außerhalb des Hafens liegengeblieben. Logan hätte, wenn ihm
der Bote den Befehl überbrachte, darauf die eigenhändige Unterschrift
von Sir James Allen gefunden, denn wir hatten die Unterschrift bereits
in Kupfer ätzen lassen. Logan hätte darauf an Bord kommen müssen, und
wir hätten mit ihm an Bord die Kaperfahrt fortgesetzt. Das war unser
Plan.
[Illustration:
(Phot. R. Hofmann, Kassel.)
Am Strand von Motuihi.]
Als Kommandant eines Kriegsschiffes brauchte ich auch noch unbedingt
einen Säbel. Den habe ich auf folgende Weise bekommen. An dem Tage
unserer Flucht war Turner früh nach Auckland gefahren, um seine Tochter
abzuholen. Er hatte etwas den Größenwahn und liebte fürstliches
Gepränge; so ließ er seine sämtlichen Offizierstellvertreter und
Unteroffiziere zum Empfang seiner Tochter an die Landungsbrücke kommen.
Mittlerweile ging einer meiner Jungs an seinen Schrank, holte die beste
Uniform heraus, nahm den Säbel aus dem Segeltuchfutteral und füllte
dieses, damit es straff hing, unten mit einem Senkblei, und oben, wo der
Säbelkorb hingehört, mit einer Konservenbüchse, und dann ging Mellert,
den Säbel im Hosenbein, mit einem Gemüsesack, aus dem ein paar
Gemüseköpfe hervorschauten, der auf dem Boden aber die Uniform enthielt,
forsch und bieder an dem festlich einziehenden Oberstleutnant vorüber.
Mellert ließ noch im Augenblick der Flucht bei dem Ruderboot, das wir
zerschlugen, einen Brief liegen, damit der Farmer, bei dem er
beschäftigt gewesen war, ihn fände. Die neuseeländischen Zeitungen haben
ihn als Beispiel deutscher Pflichterfüllung und Sachlichkeit abgedruckt,
und so mag dieser Abschiedsbrief eines echten Hunnen aus einer dieser
Zeitungen auch hier wieder abgedruckt stehen:
_November 25^{th} 1917_
_Mr. Melrose, farm manager._
_Dear Sir,_
_My country calls and I have to follow! For two years I worked on
the farm, and I have always done my duty. With this letter I leave
all the necessary notes, like milksupply, mutton-supply, and the
list of the cows. I hope you will have no difficulties to arrange
all under my successor. I kindly ask you to give my wages to
Klaiber, as I owe him something, and he shall pay my canteen-bills.
You may take my saddle and bridle, and pay a bill of about 30 s. to
Hofmann, photographer, for me. I like to be square with everybody,
and I have not got money enough to do all. I hope you will have not
too much trouble by my departure, and with best wishes to you, I
remain, yours_
_I. Mellert._[10]
[10] Lieber Herr Melrose!
Das Vaterland ruft und ich habe zu folgen! Zwei Jahre lang habe
ich auf der Farm gearbeitet und meine Pflicht stets erfüllt. Mit
diesem Brief lasse ich alle die notwendigen Aufzeichnungen zurück,
wie Milchbestand, Hammelbestand, und die Liste der Kühe. Ich
hoffe, Sie werden keine Schwierigkeiten haben, alles unter meinem
Nachfolger zu ordnen. Ich bitte Sie freundlichst, mein Gehalt an
Klaiber zu geben, da ich ihm etwas schulde und er meine
Kantinenrechnung bezahlen soll. Sie können meinen Sattel und
Zaumzeug nehmen und dafür eine Rechnung von etwa 30 Schilling
für mich an den Photographen Hofmann bezahlen. Ich möchte mit
jedermann im Reinen sein, und habe nicht Geld genug, allen zu
genügen. Hoffentlich haben Sie nicht zuviel Verdruß durch meine
Abfahrt, und ich verbleibe mit besten Wünschen für Sie Ihr