Der wackere Seemann hat übrigens in Deutschland seine
Farmerkenntnisse gut verwerten können. Jetzt, da es mit Seefahrt
trübe aussieht, hat ihm verdientes Glück eine hübsche Bauerntochter
mit stattlichem Hof in der Goldnen Aue in die Arme geführt. Sein
Tagebuch war mir für dies und das folgende Kapitel von Nutzen.
Siebzehntes Kapitel.
Flucht und neue Kaperfahrt.
Der 13. Dezember 1917 war der Tag, an welchem die Flucht gelang. Das
Glück hatte uns an den tausend Zufällen, die unsere umständliche und
kecke Verschwörung vereiteln konnten, heil vorbeigeleitet. Jetzt wurde
dem Eifer meiner Jungs der Lohn zuteil. Die Freiheit winkte wieder, und
die Hoffnung, dem Vaterland mit unsern jungen, frischen Kräften dienen
zu können.
Es schien ja fast unbegreiflich, wie das Mißtrauen der Neuseeländer
eingeschläfert war. Hatten sie uns doch als Rarität in einer Weise
bewacht, wie noch kaum je Kriegsgefangene behütet worden waren. Sie
trauten mir die unglaublichsten Streiche zu. Wir waren sozusagen eines
ihrer größten Ruhmesblätter: als ein Mann, der seine ganze
Seemannslaufbahn in Australien angefangen hatte, war ich jetzt
Gegenstand der australischen Triumphgefühle, und die Zeitungen redeten
selbstgefällig von »weltgeschichtlichen« Ereignissen in der Südsee.
Fortwährend fürchtete man das Auftauchen der »Seeadler«-Mannschaft, und
über ein Dutzend Motorboote suchte die Gegend um Motuihi nach ihr ab.
Allem diesem zum Trotz konnten wir uns nun anschicken, die
Kriegsgeschichte jenes Erdenwinkels um ein ganz neues Kapitelchen zu
vermehren.
Der Oberstleutnant wurde mit seiner Tochter gegen Abend zurückerwartet.
Sobald er das Boot verlassen hätte, sollte Paulsen nach unserem
Kriegsplan den Mast niederlegen. Auf dieses Signal sollte jeder zusehen,
wie er aus der Lagerumzäunung käme, und zu seiner Rolle eilen.
Schwierig wurde das Verlassen des Lagers erst, wenn der Oberstleutnant
sich so sehr verspätete, daß der allabendlich um 6 Uhr stattfindende
Namensaufruf uns dazwischen kam, denn nachher durfte man das Lager nicht
mehr verlassen.
[Illustration:
»Mr. Turner, Sie haben die Tür offen gelassen.«
(Englische Karikatur auf unsere Flucht.)]
Endlich um halb sechs Uhr wurde die »Perle« von unserem Ausguckposten
gemeldet. Diejenigen von uns, die nicht aus irgendeinem Grund vom
Namensaufruf befreit waren, mußten also diesen erst abwarten und danach
zu irgendeiner List greifen. Wir anderen entfernten uns jeder unter
einem Vorwand. Kircheiß ging, weil er zu einem Entenessen eingeladen
war, ich mußte zu Gouverneur Schultz usw.
[Illustration: »... Ich mußte zu Gouverneur Schultz.«]
Um sechs Uhr legte die »Perle« an. Mister Turner wollte einen Trompeter
als Wache beim Boot lassen, bis Paulsen und Freund mit der Bootsarbeit
fertig wären. Aber Schmid, der Miß und Mister Turner im Wagen abholte,
lud freundlich den Trompeter ein, auch mit aufzusteigen, und der
gutgelaunte Kommandant gab zuletzt mit einem freundlichen »_hop up_« seine
Einwilligung. Nachdem Schmid flott vor der Kommandantur vorgefahren war,
bat er, mit meinem Burschen zusammen nochmals hinausfahren zu dürfen, um
Kohlen zu holen. Der Oberstleutnant war grundsätzlich immer zufrieden,
wenn jemand arbeiten wollte: »dann macht er wenigstens keine
Dummheiten«, und erlaubte es. Schmid nahm gleich 25 Kisten Benzin mit.
Als das verabredete Signal erschien, begaben wir elf Verschworenen uns
einzeln und unauffällig, jeder durch eine besondere List, auf unsere
Posten. Es klappte wunderbar. Unvorhergesehene Hindernisse, die sich
einigen in den Weg stellten, überwand jeder selber mit großer
Unverfrorenheit und Geistesgegenwart. Beinahe wäre unsere Abreise noch
an der Wachsamkeit eines wirklich sehr tüchtigen Inspektors gescheitert.
Dieser begegnete Grün, wie dieser eben nach vollbrachter
Telephonableitung durch die Felder ging, um sich ans Boot
hinabzubegeben. Der Inspektor schöpfte gleich Verdacht und hätte zum
mindesten Grün zum Verhör vor den Oberstleutnant gebracht, wenn nicht
Grün sofort das einzig Passende in seiner Lage getan und ein stilles
Plätzchen am Waldrand bezogen hätte, wobei ihn der Inspektor nicht
stören und auch nicht auf ihn warten mochte.
[Illustration:
(Phot. R. Hofmann, Kassel.)
»... als der Motor anraste, wurden noch drei Hurras ausgebracht.«]
Die letzten Vorräte wurden eingebootet, die Telephonleitung war
umgeschaltet, das Ruderboot zerschlagen, wir stiegen alle in die
Barkasse, und als wir drin saßen und der Motor anraste, wurden noch drei
Hurras ausgebracht für Seine Majestät. Allgemeines Händeschütteln,
überquellende Freude! Am hellichten Tag passierten wir die Insel,
während droben alles beim Essen saß. Als wir an den Soldatenquartieren
vorüberglitten, aus welchen die Stimmen Essender herüberklangen,
stellten wir Pflugscharen, die wir als Schutzschilde mitgenommen hatten,
und die Roßhaarpolster der Sitze an die Seitenwand, um die Wirkung etwa
anpfeifender Kugeln abzuschwächen, falls plötzlich Alarm geschlagen
werden sollte; und die eigenen Gewehre lagen zur Antwort bereit. Aber
niemand schoß.
[Illustration:
(Phot. R. Hofmann, Kassel.)
Austernklippe auf Motuihi.]
Von der Ankunft des Kommandanten bis zu unserer Abfahrt war kaum eine
Viertelstunde vergangen. Da das kleine Beiboot der Barkasse unsere
Geschwindigkeit minderte, wurde es in sicherer Entfernung von der Insel
abgekappt. Dieses Beiboot wurde der erste Anlaß zur Entdeckung unserer
Flucht. Mein Freund Osbahr, der diesen Abend auf Motuihi miterlebt hat,
schreibt darüber:
»Als der Graf abgefahren war, herrschte eine furchtbare Stille unter den
Eingeweihten, während sonst zur Essenszeit das Leben sprudelte. Der
Bissen quoll uns im Munde. Wir warteten auf Schüsse, aber es kamen
keine. Einige der Eingeweihten konnten ihre Aufregung nicht bemeistern
und eilten auf die Klippe. Aber schon war das Motorboot nicht mehr zu
sehen. Dann kam die Nachricht, das abgetriebene Beiboot schwömme draußen
herum. Nun begann auch den Ahnungslosen etwas zu dämmern und es wurde
festgestellt, wer fehlte. Nun galt es für uns Eingeweihte, die anderen
zur Ruhe zu ermahnen, damit unsere Freunde Vorsprung gewönnen. Dies
Bestreben wurde durch die Einfalt des neuseeländischen Feldwebels
begünstigt, der leicht davon zu überzeugen war, daß das Beiboot durch
einen Zufall abgetrieben wäre und die Leute in der >Perle< nochmal Anker
aufgegangen wären, um das Beiboot zu suchen. >Die Deutschen suchen ganz
in falscher Richtung. Wenn man nicht aufpaßt, dann sind diese dummen
Deutschen doch zu gar nichts zu gebrauchen,< sagte der Feldwebel.
So verstrichen einige Stunden. Am späteren Abend ließ der Kommandant den
Grafen bitten, um ihn seiner Tochter vorzustellen. Als man ihn nicht
fand, wurde Mister Turner doch unruhig. Er suchte sich selbst zu
trösten. >Der Graf hat wohl einen Ausflug am Land gemacht, um eine
Abwechslung zu haben. Er ist ja so rheumatisch, der läuft nicht weg.
Außerdem hat mein Boot nur für einen Tag Benzin.< Schließlich ging er an
den Fernsprecher, um dem Hauptquartier die unangenehme Mitteilung zu
machen. Das Telephon ging aber nicht! Jetzt wird die Sache brenzlich. Es
bleibt nichts übrig, als mit Morsesignalen Verbindung mit drüben zu
suchen. Aber die drüben nehmen nichts auf, denn der Morseapparat
funktionierte ja dank unserer Vorbehandlung auch nicht. Nun wird ein
großes Petroleumfeuer als Zeichen angezündet. Noch keine Antwort vom
Land. Endlich steigen drüben Raketen auf: Sie haben also verstanden?
Aber die Zeit vergeht, eine, zwei, drei Stunden, kostbar für den Grafen.
Keine Antwort kommt. Die Raketen stammten nämlich von einem
Privatfeuerwerk, das zufällig in Auckland angebrannt wurde. Erst um halb
ein Uhr nachts schöpfte man in Auckland drüben Verdacht, da das übliche
telephonische Mitternachtssignal ausblieb. Man hatte sich ja im
Hauptquartier überhaupt nur auf Nachtgefahren eingestellt.
Der österreichisch-polnische Doktor merkte jetzt auch, daß er genasführt
war, und lief in wütender Stimmung umher. Der Oberstleutnant wagte gar
nicht den Namensaufruf anzuordnen, da ihm die Sache zu peinlich vorkam.
Sein einziger Trost war, was auch alle Nichteingeweihten dachten: Weit
bringt es der Graf doch nicht, es ist zu sehr aus dem Handgelenk
gemacht. Von den sorgfältigen Vorbereitungen hatte ja keiner etwas
gemerkt.
Bald hatte die Unglücksbotschaft alle Forts erreicht. Schleunigst wurden
schnelle Motorboote und kleinere Dampfer mobil gemacht und mit
Maschinengewehren ausgerüstet, gegen Morgengrauen die Verfolgung
aufgenommen. Viele Sportsleute nahmen mit ihren Fahrzeugen an der Suche
teil und die Flotte wuchs am nächsten Tage zu mehreren Dutzend Booten
an. Kein Ruhmesblatt neuseeländischer Geschichte: Krank und müde lag
bald alles schutzsuchend in den stilleren Buchten des Hauraki-Golfes,
während das gejagte Wild sich gegen Sturm und Seegang durchgerungen
hatte und an einem Platze lag, den die Verfolger wegen der großen
Entfernung nicht anzulaufen wagten. Wie immer in diesem Krieg hatte die
deutsche Minderzahl durch höhere Einzelleistung versucht, der Übermacht
zu widerstehen. Großer Wirrwarr war entstanden; ein Dampfer auf Felsen
gelaufen, Boote hatten sich gegenseitig gejagt und beschossen. Gern
wurde das sich bald verbreitende Gerücht geglaubt, die >Perle< wäre
gekentert und alle Deutschen ertrunken. Befriedigt kehrte alles in den
Hafen zurück, und mancher gestand ein, in so seekranker Verfassung wäre
er den Deutschen nicht gern begegnet.«
Soweit der Bericht des Zurückbleibenden.
[Illustration:
»... Sogar mit Segeljachten nahmen Sportsleute an unserer Verfolgung
teil.« (Englische Karikatur.)]
Es war für uns keine kleine Aufgabe, uns in dem großen Hauraki-Golf ohne
Seekarte und ohne brauchbaren Kompaß zurechtzufinden. Das Wetter war
schlecht, die Nacht sehr finster, mancher von uns seekrank. Dann
erhellte sich der Nachthimmel zwischen 1 und 2 Uhr durch weiße
Lichtstreifen. Von Auckland aus wurde, um der Bevölkerung Emsigkeit
vorzumachen, mit Scheinwerfern nach uns gesucht. Ein an sich
lächerliches Vorhaben, aber uns dienlich, denn wir konnten nun an der
Richtung Aucklands unsern verfahrenen Kurs wieder orientieren. Morgens
warfen wir in einer geschützten Bucht, Red Mercury Island, Anker und
hielten uns dort den Tag über versteckt, bis sich der Eifer der uns
verfolgenden Flottille gelegt hatte. Zugleich hatten wir dort von dem
unbewohnten, hügeligen und dichtbewachsenen Eiland aus einen guten
Ausguck nach Küstenfahrzeugen, die von Süden heraufkamen. Ein Dampfer
ging nahe vorbei, ohne uns zu bemerken.
Am dritten Tag fuhren wir aus den Küstengewässern hinaus über die
Dreimeilengrenze. Dort auf hoher See vereidigte ich die Kadetten und
machte sie zu Soldaten. Vizefeldwebel d. R. von Egidy wurde von mir zum
Hilfsleutnant z. S. befördert. Dazu hatte ich als Kommandant eines
alleinfahrenden Kriegsschiffes das Recht, wenn es auch nur eine »Perle«
war. Egidys drei Brüder standen sämtlich als Seeoffiziere vor dem Feind;
jetzt wurde unerwarteterweise auch der vierte, fern der Heimat,
Angehöriger der Marine. Nun durfte Krieg geführt werden! Man sah die
fieberhafte Aufregung der Kadetten, man fühlte ihren frischen
Jugendgeist von Tatendurst brennen. Vorgestern noch gefangen, heute
unter der ruhmreichen deutschen Kriegsflagge deutscher Soldat, sie, die
schon geglaubt hatten, nicht mehr heranzukommen an den Feind. Sie hatten
volles Vertrauen, und die neue Pflicht, anzugreifen, lag so greifbar vor
uns, daß dieser seltsame Treuschwur im Boot gewiß keiner heimischen
Rekrutenvereidigung an Ernst nachstand.
Die erhabene Stimmung konnte nicht allzulange andauern. Nachdem sich
meine Rekruten wechselseitig die Haare militärisch kurz geschnitten
hatten, ging es wieder an seemännisches Alltagswerk.
Auf einmal tauchte ein Regierungsdampfer »Lady Roberts« vor Mercury
Island auf, um uns zu suchen. Wir verschwanden schleunigst auf hoher
See, unsere beiden Ausguckposten im dicken Ginstergestrüpp der Insel
zurücklassend. Der Dampfer setzte Leute aus, welche die Insel vergeblich
durchsuchten, beschädigte, auf felsigem Boden aufschlagend, seine beiden
Schrauben und dampfte lahm nach Hause mit der positiven Feststellung,
daß wir nicht da wären. Wir kehrten zurück und lagen von jetzt ab sicher
dort.
Nachdem wir zwei Tage bei Red Mercury Island gelegen hatten, wurden
eines Morgens zwei Schoner gesichtet. Wir wollten beide kapern. Als wir
den Angriff ansetzten, kam aber plötzlich starker Wind auf, und der
erste Schoner glitt rasch vorwärts. Wir ließen ihn fahren; erst später
haben wir gemerkt, daß das unser Unglück war. Wir entschlossen uns, den
zweiten, größeren, zu nehmen. Es war die »Moa«.
[Illustration: »... Es war die >Moa<.«]
Wir gingen mit voller Fahrt längsseit, enterten und riefen: »Drehen Sie
bei«. Die deutsche Kriegsflagge wehte, ich stürzte mich mit
geschwungenem Säbel auf die »Moa«, meine Jungs kletterten über die
Deckladung und schrien: »_Ship is brought up! You are under the rule of
the German Empire!_« (Schiff ist aufgebracht! Sie stehen unter deutschem
Befehl.)
[Illustration:
»... meine Jungs kletterten über die Deckladung und schrien: _Ship is
brought up!_«
(Abbildung aus einer englischen Zeitschrift.)]
Alles war wie vom Schlag gerührt. »_Don't kill us!_« Wir beruhigten die
Leute, und ein entsetzter kleiner Junge bekam sofort Schokolade. Die
Leute blickten entgeistert. Wir waren ja gar keine Hunnen, wie sie sich
dieselben dachten.
Der Kapitän faßte sich schnell, als er sah, daß nichts zu machen war.
Als er hörte, daß wir entkommene Gefangene wären, schimpfte er gewaltig
auf die Regierung: Unsere Jungens kämpfen an der Front, und hier in der
Heimat können sie nicht einmal Gefangene hüten. Immerhin, er hoffe, daß
wir weiter Glück hätten, denn die Neuseeländer hätten es ja nicht anders
verdient.
Der Koch kam auf uns zu und beteuerte: »_Me cooky, me Russe, Russe peace
with Germany._« (Ich bin der Koch, bin Russe, Russen Frieden mit
Deutschland.)
Nun holten wir Waffen, Proviant und die drahtlose Station auf den
Schoner herüber, die »Perle« wurde ins Schlepptau genommen. Die »Moa«
war ein schönes Schiff, aber flach wie eine Streichholzschachtel, nur
drei Fuß Tiefgang bei gewaltigen Masten. Unter frischer Brise segelten
wir nach der Kermadecgruppe, um die Proviantstation für Schiffbrüchige
aufzusuchen, welche dort auf irgendeiner der Inseln sein mußte. In der
nächsten Nacht bekamen wir Sturm und lenzten vor dem Wind. Der Kapitän
geriet in Aufregung. Das Schiff wäre für die hohe See gar nicht
geeignet, weil es keinen Kiel hätte, wir setzten das Leben aufs Spiel.
Ich mußte ihm antworten, daß wir für unser Leben segeln müßten, denn an
der Küste erwartete uns größere Gefahr als auf dem Meer. Immer weiter!
Vielleicht hält der Mast für Deutschland länger, als er für Neuseeland
gehalten hätte.
Der Kapitän ging die ganze Nacht nicht hinunter und beruhigte die See
mit Öl. Wir gingen unsere Wachen und fragten den Teufel, was kommen
mochte. Unter gewöhnlichen Umständen hätte man selbst auch mehr
Besorgnis empfunden, denn die Nacht war fürchterlich. Aber das Gefühl
der Freiheit und das Bewußtsein, wieder ein eigenes Schiff unter sich zu
haben und eine Kriegsflagge über sich wehen zu sehen, wenn sie auch nur
auf ein Bettlaken gemalt war, ließ uns alles übrige gering achten. Unter
dieser Flagge hatten wir ja schon manchen Sturm ausgekämpft. Immer
stärker wird der Sturm, immer schwerer brechen sich die Wellen am Heck,
die »Moa« wird bald hoch, bald tief geworfen. Wir müssen Segel kürzen
und einen Teil der Deckladung, die aus Holz bestand, über Bord werfen.
Hierin wurden wir gut durch eine Brechsee unterstützt, die an Deck
schlug und einen Teil der Holzplanken mit sich riß, die uns aber
gefährlich werden konnte, wenn Hände und Füße dazwischen gerieten. Für
sechs Wochen hatten wir Proviant, den wir freilich mit den ihrerseits
nur für drei Tage ausgerüsteten Schiffern teilen mußten, und fanden die
Sache fast noch gemütlich, verglichen mit den sechs Wochen unserer
früheren Bootsfahrt. Es kam freilich auf gutes Steuern an. Unsere schöne
»Perle« wurde von einer See quergeschlagen, schlug voll und riß ab. Das
durchkreuzte unsere Pläne sehr unangenehm. Erst nach 36 Stunden legte
sich der Sturm.
Kircheiß korrigierte allmählich die Fehler unserer nautischen
Instrumente, wobei sich der Kompaß des Kapitäns noch bedeutend
schlechter als unser eigener erwies. Er war ja ein bloßer Küstenfahrer.
Endlich kam am 21. Dezember morgens Curtis-Island in Sicht. Wir sahen
große Rauchsäulen aufsteigen und fürchteten, daß die Insel bewohnt wäre
von Schiffbrüchigen, die uns Rauchsignale machten und womöglich schon
das ganze Proviantlager weggefuttert haben würden. Beim Näherkommen an
die halbkreisförmige, amphitheatralisch aufsteigende Insel gewahrten wir
aber, daß der Rauch von Geisern herrührte. Die Insel war ein Krater, der
bei einer Erderschütterung auf einer Seite eingebrochen war.
Überall rauchte und brodelte es. Die Luft war unnatürlich warm und mit
Schwefeldämpfen geschwängert. Unmengen von Vögeln, besonders die
riesigen Albatrosse, nisteten auf der Insel und umschwirrten die
Ankömmlinge. Kein Baum, kein Strauch gedieh auf der Insel. Das warme
Wasser war ein Tummelplatz der Haie; zu Hunderten umkreisten sie das
Schiff. Wir, deren Besitztum ja auch nicht mehr viel ausgebreiteter war,
als das der Fische und Vögel, erhofften andere Glücksgüter auf der Insel
zu finden, als bloß Wärme. Vor dem inneren Rand des Kraters befand sich
ein Wellblechschuppen, das Proviantmagazin. Das Schiffsboot wurde ins
Wasser gelassen. Kircheiß mit vier Mann nahm Kurs auf die
Kratereinfahrt. Eine Prozession von Haien folgte dem kleinen Boot, ein
ungemütlicher Eindruck für seine Insassen.
[Illustration: Die »Moa« vor Curtis-Island.]
Je näher sie der Insel kamen, desto schwerer legten sich die
ausströmenden Gase auf die Lungen, und es dauerte geraume Zeit bis sie
sich daran gewöhnt hatten. Es war Ebbe und der eingebrochene Kraterrand
nur wenig von Wasser überspült. Auf dem Kamm einer Welle setzte das Boot
über die Barre ins Innere des Hexenkessels, in welchem brodelnde Blasen
das Walten unterirdischer Kräfte verrieten. Ströme heißen, gelben
Wassers quollen dampfend aus der Felswand und verloren sich im Spiegel
des kreisrunden Kratertrichters. Riesige Lavablöcke umsäumten vom
letzten Ausbruch her wild durcheinandergeworfen das Ufer. Umkreischt von
Tausenden von Albatrossen und Möwen landeten die Leute an einer
Lavaplatte in der Nähe des Proviantschuppens, wo Schwefel fußdick
aufgehäuft lag. Der Schuppen wurde geöffnet, Kisten und
Wasserkorbflaschen vorgefunden. Die Kisten wurden aufgebrochen und ein
Teil der Schätze ins Boot herübergenommen.
[Illustration: »... Der Schuppen wurde geöffnet.«]
Während das Boot tiefbeladen zur »Moa« zurückfuhr, blieben zwei Leute
drüben, um die zweite Bootslast bereitzuschaffen. Da ein paar Stunden
vergingen, bis das Boot zurückkehrte, versuchten die beiden mittlerweile
ins Innere vorzudringen. Sie bemerkten aber bald, daß der Platz um
die Hütte die einzige gangbare Stelle war; wohin sie den Fuß sonst
setzten, brachen sie durch die dünne Kruste in brennendheiße,
schwefeldunstdurchzogene Schlammerde ein.
Das beladene Boot war fast eine Stunde unterwegs, es hatte Spritzwasser
bekommen, so daß es in beinahe sinkendem Zustand eintraf. Eine Herde von
Haien umringte wieder das überlastete Boot als erhoffte Beute. Nun wurde
auf »Moa« abgeladen. Stück um Stück flog an Deck. Aus einem Bezug wurde
staunend ein neues Segel entrollt, in einer Kiste fand sich allerlei
brauchbares Werkgerät. Unmengen von Fleisch, Butter, Schmalz, Speck,
Decken, Kleidungsstücken, Schuhzeug, Fischgerät, Arzneimitteln, kurz und
gut, alles war da. Man war sich einig darüber, daß die englische
Regierung glänzend für ausgeflogene Kriegsgefangene sorgt. Nur die
Kleidungsvorräte waren von dem langen Lagern in der feuchten Hitze fast
vermodert.
Unsere Absicht war, unsere Gefangenen, die wir nicht in die
Schwefeldünste von Curtis-Island schicken konnten, auf der nächsten
Insel, Macauly Island, unter Mitgabe von Proviant auszusetzen und ihr
Dortsein beim Passieren der nächsten Signalstation der neuseeländischen
Regierung anzuzeigen. Ich war nun gerade dabei, die Depotquittungen zu
lesen, welche mir aus dem Provianthaus mitgebracht worden waren, damit
ich sie hübsch korrekt als »Seeadler«-Kommandant ausgefüllt dort wieder
niederlegen lassen möchte. Ich wollte in dem Formular der
neuseeländischen Regierung meinen Dank bescheinigen, da ich doch auch
Schiffbrüchiger wäre, auch meine Überraschung über die gute Ausrüstung;
ich hoffte, daß in der Zwischenzeit, bis der nächste Bedürftige dorthin
käme, die Vorräte wieder aufgefüllt würden; wir hätten nicht alles
mitgenommen, sondern, wenn eine arme Seele sich hinfände, wäre noch
etwas für sie da. Während ich dies eben niederschreiben will, ruft der
Ausguck: »Rauchwolke Nord hinter Macauly Island.«
[Illustration:
Ich rudere zur »Iris« hinüber.
(Links oben unsere auf ein Bettlaken gemalte Kriegsflagge.)]
Beunruhigt ließ ich so rasch wie möglich die Leute von der Insel
abholen. In wahnsinniger Hast ruderten die beiden Leute zurück. Die
»Moa« wurde segelfertig gemacht, alle Leinwand, die wir hatten, geheißt,
jeder Fetzen zog, in westlicher Richtung jagte die »Moa«, wie sie noch
nie gelaufen war. Der Dampfer kam aber sichtlich näher, und in kurzer
Zeit erkannten wir das ganze Schiff. Es hielt auf uns zu; bei jeder
ausweichenden Bewegung der »Moa« änderte auch der Dampfer seinen Kurs
und kam immer näher. Der Kapitän der »Moa« erkannte in ihm den
Regierungskabeldampfer »Iris«, eine Art von Hilfskreuzer. Unser
Barometer sank!
Auf Signalweite herangekommen, zeigte »Iris« die englische Kriegsflagge
und ein Signal. Wir setzten unbekümmert unseren Kurs mit zehn Meilen
fort. Solange wir noch unter eigenem Kommando fahren konnten, wollten
wir es tun; lange Zeit konnte es ja nicht mehr dauern. Ein Wettrennen
mit äußerster Kraft. Da plötzlich ein Aufblitzen, ein Zischen in der
Luft, und eine Granate schlug neben dem Segler ins Wasser. Die ganze
Reeling der »Iris« war mit Gewehrläufen gespickt. Ein Verzweiflungskampf
gegen die Übermacht und Geschütze wäre mutwilliger Selbstmord gewesen.
Wir heißten darum, um zu zeigen, wer wir wären, zum letzten Male in
dieser Erdhälfte die deutsche Kriegsflagge, und dann kam der bittere
Augenblick der Übergabe.
[Illustration:
»... empfingen mich, die Bajonette auf meinen Rücken gerichtet.«
(Neuseeländisches Bild.)]
Als ich in Uniform die »Iris« betrat, war erstaunlicherweise kein
Offizier am Fallreep, sondern ein paar Leute in schlechter Haltung
empfingen mich, die Bajonette auf meinen Rücken gerichtet. Dann holten
Zivilisten den ganzen Inhalt meiner Taschen heraus; Geld, Uhr,
Wertsachen, selbst mein Taschentuch wurden als Kriegsbeute
beschlagnahmt. Jedes Wort der Erwiderung wäre zuviel gewesen. Ich sah
sie nur mit einem Blick der Verachtung an. Die Neuseeländer fanden diese
Waffentat so glorreich, daß sie ein Bild davon angefertigt haben, das
ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte.
Nicht anders erging es meinen Leuten. Obwohl wir alle unsere Waffen auf
dem Meeresgrund versenkt hatten, wurde jeder der Taschenberaubung
unterzogen, während Dutzende von Feuerrohren ihnen auf Brust und Rücken
gepreßt standen. Diese Neuseeländer erlebten offenbar ihre »Feuertaufe«
und hielten jeden unbewaffneten Deutschen für den leibhaftigen
Gottseibeiuns.
Mehrere Dampfer waren ausgerüstet worden, uns zu suchen, davon drei
gleich auf ein halbes Jahr. Meine Flucht hat die Leute fast eine Million
gekostet. Der erste Schoner, den wir bei der Kaperung der »Moa« hatten
entschlüpfen lassen müssen, hatte die Sache gemeldet. Die Neuseeländer,
die froh waren, ihren »eigenen Krieg« und »Sieg« zu haben, feierten die
Bezwingung der »Moa« in den Zeitungen.
Als wir in Auckland einliefen, wehte die englische Flagge auf der »Moa«
über der deutschen. Die »Seeschlacht bei den Kermadecs« wurde von
zahllosen Glücklichen bejubelt, die uns auf Tendern, Motorbooten und
Jachten entgegenfuhren.
Letztes Kapitel.
Der Vogel im Käfig.
Der Generalstab begrüßte uns, als wir an Land stiegen. Wir waren ja ein
leuchtendes Beispiel für seine Tüchtigkeit, denn sie hatten uns wieder
gekriegt. Der Chef, Oberst Patterson, ersuchte mich, ich möchte die
heutige Unterbringung entschuldigen. Ich fragte, wohin wir denn kämen?
Darauf schwieg er. Es war wieder einmal das Zuchthaus.
[Illustration:
»... Es war wieder einmal das Zuchthaus, Mount Eden.«]
Im Zuchthaus von Auckland, Mount Eden, durch Major Price abgeliefert,
wurden wir als gemeine Verbrecher empfangen, da der Major, der es sehr
eilig hatte, zum Pferderennen zu kommen, vergessen hatte, anzugeben,
daß wir Kriegsgefangene wären. Meine Kadetten, die diesen Wechsel
von Freiheit und Zuchthaus zum ersten Male miterlebten, wurden
kreidebleich bei dem entehrenden Empfang. Auch mir, der ich schon
Gewohnheitszuchthäusler war, legte sich das alles schwer auf die
Seele. Nun hatte man wieder einmal als Mensch gelebt und gestrebt,
Willensfreiheit entfaltet, etwas Eigenes unter den Füßen gehabt, und
wieder stieß einen das Geschick in den dumpfen Kerker. Hätte man nicht
einen Tag später die Kermadecs anlaufen sollen, wäre nicht ein anderer
Kurs besser gewesen? Mit solchen unnötigen Fragen quälte man sich in der
öden Untätigkeit und Zwecklosigkeit des neuen Daseins. Aber bald klang
es wieder von Zelle zu Zelle: »An der Saale hellem Strande«, und wenn
auch unser Gepäck, als es uns endlich ausgeliefert wurde, sich auf dem
Weg durch fremde Hände ziemlich verringert hatte, so wurde doch die
Behandlung allmählich etwas rücksichtsvoller. Auch hier, in dem stillen
Verließ, konnten wir bald merken, daß Neuseeland Achtung vor uns hatte.
Allerdings hat man uns erst einmal ein paar Wochen das Zuchthaus kosten
lassen, bis wir wieder in eine angemessenere Umgebung versetzt wurden.
Am Morgen nach unserer Ankunft betritt, ohne anzuklopfen, ein völlig
glattgeschorener Herr in Zuchthausjacke mit Rasiertopf meine Zelle. Es
war Heiligabend, morgens.
»Ich habe Sie zu rasieren.«
»Was? Sie?, ich rasiere mich selbst.«
»Du?, du darfst kein Messer in die Hand kriegen, auch dein Eßbesteck ist
nur Holzlöffel und -gabel, komm' mal her, ich seif' dich ein.«
»Was sind Sie denn, sind Sie Zuchthäusler?«
»Ja, natürlich.«
»Wie lange haben Sie denn?«
»Lebenslänglich.«
Lebenslänglich! Und der soll mich rasieren, mir mit dem Messer an der
Kehle entlang schneiden?! Mir stockte förmlich der Atem. Man versteht
noch gar nicht, warum das sein muß, als Kommandant eines Schiffes
solchen Vorsichtsmaßregeln zu unterliegen. Schließlich frage ich wieder:
»Was haben Sie denn verbrochen?«
»_Oh, I only put daylight through a woman._«
Also Frauenmörder!
Er seift mich ein. Nie habe ich einen Menschen so scharf mit den Augen
verfolgt als diesen Hausgenossen, besonders während er mir an der Kehle
schabt. Wer es nicht erlebt hat, kann sich dies Gefühl nicht vorstellen;
ich blickte ihn dankbar an, als er fertig war. Dieser Freund war
tatsächlich gar nicht übel, er wurde mein täglicher Gast und brachte mir
die großen Neuigkeiten aus den Korridoren und dem Hof. Je mehr uns die
neuseeländische Regierung dazu zwang, uns in Mount Eden zu
akklimatisieren, desto tiefer drang man unwillkürlich in das Seelenleben
der Zuchthausbewohner ein. Wir waren der Sicherheit halber im Flügel der
Schwerstverbrecher. Am gemütlichsten sind die »Lebenslänglichen«, die
schon soundso lange sitzen und sich abgefunden haben, ohne Berufssorgen
und ohne Erwartungen leben. Soweit man sich noch die Jahre an den
Fingern abzählt und damit rechnet, später wieder eine Existenz in der
ungewohnten Freiheit gründen zu müssen, ist man weniger ausgeglichen und
hat keine so beruhigten Nerven. Die, welche sechs oder sieben Jahre
haben, sind die Unangenehmsten. Sie müssen sich auf einen Berufswechsel
einstellen und vertründeln doch vorher ihre beste Kraft mit dem
Absitzen. Ich wußte nicht, wie lange ich hatte und was ich hier sollte.
Die »Lebenslänglichen« bekleiden durchweg Vertrauensstellungen, sie
verwalten die Bücherei, Kleiderausgabe, Krankenpflege usw. Nirgendwo
trifft man so hilfsbereite, arbeitsfreudige Menschen wie im Zuchthaus.
Man sieht stets freundliche Gesichter, sie lächeln oder zwinkern
verständnisinnig mit den Augen dem neuankommenden Gast zu, der sich
anfangs miesepetrig fühlt. »Draußen warst du verachtet, hier wirst du
vertrauensvoll aufgenommen.« Ich machte die seltsame Erfahrung, daß
überall, wo Menschen aufeinander angewiesen sind, namentlich dort, wo
ihr Ehrgeiz durch die Verhältnisse etwas beschnitten wird, ein
sympathisches Zusammenleben möglich ist. Ein Faktotum befand sich in
Mount Eden, der auf mathematischem Gebiet ein Genie geworden war.
[Illustration: Zum zweitenmal Zuchthäusler.]
Fast alle waren außerordentlich deutschfreundlich. Sie bildeten sich
ein, daß Deutschland den Krieg gewönne und daß dann endlich die
Zuchthäuser geöffnet würden. Nach dem Bild, das ihnen die Zeitungen von
dem deutschen Volk entwarfen, konnten sie es sich nicht anders
vorstellen, als daß die Deutschen eine besondere Wesensverwandtschaft
mit ihnen empfinden würden. »Graf, wenn Deutschland den Krieg gewinnt,
dann vergiß nur deine Freunde hier nicht.« Sie baten sich bestimmte
Posten aus, fast alle in der Verwaltung. Sie bildeten sich ernsthaft
ein, ein siegreiches Deutschland werde, um die an uns Kriegsgefangenen
begangene Ungerechtigkeit zu sühnen, mich zum Gouverneur von Neuseeland
machen, und ich sollte sie dann begnadigen, weil sie sich ja nur gegen
englische und nicht gegen deutsche Gesetze vergangen hätten. Sie
erwiesen mir allerlei Aufmerksamkeiten, steckten mir unter anderm
Zeitschriften zu, die an diesem Ort nur an Verbrecher, aber nicht an
Kriegsgefangene ausgegeben wurden.
Die Zellen wurden peinlich sauber gehalten, so daß man sie nicht einmal
mit seinem eigenen Schuhzeug betreten durfte. So saß ich mit meinen
Filzpantoffeln auf der einzigen Sitzgelegenheit, dem Bett, und sah mir
die Gelegenheit an. Bestand irgendeine Möglichkeit, zu entkommen? Ich
vertiefte mich in Fluchtgedanken. Auch empfand ich das Bedürfnis,
festzustellen, wie es draußen vor dem Fenster aussähe. Dieses war etwa
drei Meter über dem Fußboden. Ich stieg also auf das Kopfende der
Bettstelle, aber kaum bekam ich ein bißchen Blick, so brach das wacklige
Ding zusammen. Das Bett war entzwei, aber den Blick wollte ich mir nicht
nehmen lassen. Ich benutzte also das Bett als Leiter und schaute durch
das eiserne Gitter hinaus. Da sah ich ein Spatzenpärchen, das war da
auch zu Haus und nistete. Um die Zeit zu vertreiben, versuchte ich den
Spatz zu fangen, der die Spätzin füttern wollte. Ich legte mich also auf
Anstand, aber der Sperling flog weg, als ich zugriff, und ließ mir nur
eine Schwanzfeder in der Hand. Draußen am Gitter befanden sich
Spinnweben. Ich holte mir eine Spinne herein, die sollte mir ein
Spinnennetz machen. Jetzt hatte ich Beschäftigung. Ich sah zu, wie die
Spinne arbeitete. Dann wollte ich gerne wissen, wieviel Spinnweben eine
Spinne hat, tat sie in eine Streichholzschachtel und zog die Fäden
heraus und war erstaunt, welchen Ballen Spinnweben ich schließlich in
der Hand hielt. Der Spinne war es peinlich, daß ich den Rest
herausholte. Dann kletterte ich wieder hinauf, ob da etwas anderes zu
sehen wäre. Ich fand noch andere Spinnen und bekam so verschiedene
Sorten von Spinngeweben. Wie ich das ausstudiert hatte, brachte ich die
Spinnen von einem Netz ins andere und stellte fest, daß sie sich da
nicht bewegen konnten. Die kleinere Spinne bewältigte in ihrem Netz die
größere Spinne, die bewegungslos darin saß, weil sie fremd war. Ich
wußte immer noch nicht, wie lange ich Zuchthaus hatte. Aber macht mit
mir, was ihr wollt, ich treibe Naturgeschichte!
Als wir drei Tage da waren, kam der Marineminister Hall Thompson, dem
ich unseren kräftigen Protest gegen diese Behandlung von
Kriegsgefangenen aussprach, die zudem nicht als entwichene Gefangene im
englischen Gebiet, sondern auf hoher See als frische Kombattanten
ergriffen worden wären. Er sagte: »_I shall do my best for you_«. Der
Engländer schlägt niemals eine Bitte offen ab, er läßt immer wieder
Hoffnungen wachwerden, aber zieht die Erfüllung in die Länge. Deutsche
Ehrlichkeit ist mir lieber als diese kalte, glatte Höflichkeit. Später
kam auch der Justizminister Mr. Wilford. »Haben Sie irgendwelche Klagen
in der Unterbringung?«
»Selbstverständlich, ich gehöre nicht in ein Zuchthaus.«
»Das bestreite ich nicht, aber welches sind Ihre Eindrücke über die
Unterbringung vom Standpunkt des Sträflings aus gesehen? Dafür bin ich
verantwortlich.«
Ich sage: Ȇber die Sauberkeit und die gute Verpflegung als solche bin
ich überrascht, aber auch gegen das besteingerichtete Zuchthaus muß ich
protestieren.«
»_Well, I shall see, what I can do for you._«
Endlich, nach 21 Tagen, durften wir das Zuchthaus verlassen. Um die
Ausreißer ungefährlicher zu machen, wurden wir nun auf verschiedene
Lager verteilt. Kircheiß und ich kamen nach River Island bei Lyttleton,
in der kalten Zone Neuseelands, auf Fort Jervois, das einmal gegen die
Russen gebaut worden ist. Das war der einsamste Punkt Neuseelands, den
sie hatten ausfindig machen können.
Unsere Wohnräume dort waren von einem Bretterzaun umgeben, der uns von
dem Fortshof trennte. Auf der Bretterwand befand sich eine Laufplanke
für einen Wachtposten. Auch der ganze Himmel war uns mit Stacheldraht
überzogen worden, damit wir nicht eines Nachts Flügel bekämen und
fortflögen. Das Ganze war ein regelrechter Käfig. Fünfundvierzig Mann
taten nichts weiter, als daß sie uns bewachten.
Unser Lagerkommandant war Major Leeming, ein echter Gentleman vom
Scheitel bis zur Sohle, ein Tasmanier. Er fühlte sich selber als halber
Gefangener auf dem öden Inselchen und war bald unser dritter Mann beim
Skat, den wir ihm beibrachten, um die langen Abende zu füllen. Mir fiel
auf, daß die Menschen auf dieser frostigen Südinsel eine vornehmere Art
hatten als die Auckländer. Unser neuer Generalstäbler war Oberst
Chaffee, der früher Preisboxer gewesen war, mit einem Klappauge, das ihm
einmal bei einem Boxmatch eingeschlagen worden war. Er zeigte sich so
gründlich, daß er jegliche Änderung, und wenn es auch nur die eines
Schilderhauses war, als Generalstabsaufgabe behandelte.
Die 119 Tage auf diesem Schloß am Meer waren bitter für einen Seemann.
Er sieht dort immer das Wasser um sich, seine Heimat, sieht die
Segelschiffe vorbeigleiten, die ihn an die vollen Segel seines
»Seeadlers« erinnern, und es zieht ihn mächtig hinaus auf das Meer, zu
den Kameraden. Dazu der endlose Stubenarrest, der nach den
internationalen Abmachungen nicht länger als acht Tage hätte dauern
dürfen!
So kamen wir darauf, Fluchtmöglichkeiten auszudenken. Ich fand folgendes
heraus. Die Insel hatte eine Anlegebrücke, zu der vom Fort eine
Zugbrücke führte, die hochgezogen den Zutritt versperrte. Der Orkan
hatte einmal diese Brücke zerschlagen, und sie wurde nun ausgebessert.
Gleichzeitig wurde der Fortshof geteert und die leeren Teertonnen
standen herum. Eines Tages rollte zufällig ein solches Faß ins Meer, es
trieb in das Fahrwasser und bei Ebbe hinaus auf die See. Da sehe ich,
wie ein kleiner Küstenschoner kommt und die Tonne herausholt.
Nun wurde ich aufmerksam und stieß ein zweites Faß hinab, dem es wie dem
ersten erging. Nun war mein Plan fertig.
Während der Mittagspause der Arbeiter machte ich von einer Tonne den
Deckel los, schlug zwei große Nägel in Boden und Deckel und bog sie in
Haken um. Ein kleiner, alter Bootsanker, der dalag, kam mir auch zupaß.
Ich dachte: Du tust von außen die Fischleine in das Spundloch, nimmst
Proviant und Wasser hinein, ziehst den Anker an der Leine vor und machst
das Faß dicht, bindest den Deckel an den beiden Nägeln unten und oben
an. Dann läßt du dich im Augenblick, wo aus Lyttleton ein kleiner Segler
ausfährt, ins Wasser fallen und treibst an dem Fort vorbei, legst dich
so, daß das Spundloch nach oben ist. Dann wollte ich mich verankern und
warten, bis das Fahrzeug kam und das wertvolle Treibgut aufnahm. Hätte
mich der Schiffer hochgezogen und an Deck geheißt, so hätte ich innen
das Tau aufgeschnitten, den Deckel geöffnet und wäre wie der Teufel aus
dem Kasten, mit dem Messer bewaffnet, Herr der Situation geworden. Die
verblüfften drei Mann Besatzung hätten mich in die Südseeinseln fahren
müssen und dort hätte ich mich von Insel zu Insel geschippert, bis ich
eine Möglichkeit fand, als freier Mann zu leben.
[Illustration:
»... Das herzliche Verhältnis, das uns mit Leeming verband, schloß die
Möglichkeit aus, sein Vertrauen zu mißbrauchen.«]
Diesen Fluchtgedanken wollte ich erst ausführen, wenn Major Leeming, der
Familienzuwachs erwartete, in Urlaub gegangen wäre. Denn die
Gerichtsverhandlung gegen Oberstleutnant Turner, die wir in der Zeitung
lasen, belehrte uns darüber, daß eine Flucht unserem Kommandanten
Stellung und Charge kostete. Das herzliche Verhältnis, das uns mit
Leeming verband, schloß die Möglichkeit aus, sein Vertrauen zu
mißbrauchen. Aber jetzt ging er wirklich bald in Storchferien und wurde
vertreten von Leutnant Gilmore, den seine Leute den »_little Napoleon_«
nannten, und der stark in Militarismus arbeitete, so klein sein
Operationsfeld auch war. Eines Morgens ließ Gilmore mir die leeren
Tabaksdosen wegnehmen; er hatte wohl gelesen, daß wir in Motuihi aus
Marmeladenbüchsen Handbomben gefertigt hatten. Ich schickte den
Feldwebel, der die Dosen holen sollte, wieder weg, da kam Gilmore
selbst, und ich sagte ihm: »Well, wenn Sie glauben, ich machte aus
leeren Tabaksbüchsen Unterseeboote, dann ist es besser, Sie holen sie
weg, aber anderseits ist es auch besser, Sie entfernen sich aus diesem
Raum, denn Sie sind uns unsympathisch.« Er hatte es nämlich bisher nicht
für nötig befunden, sich uns vorzustellen. Ich brannte darauf, diesem
Mann den bewußten Streich zu spielen.
Als Leeming in Urlaub gehen wollte, war gerade die Zeit der großen
deutschen Märzoffensive von 1918. Alles zitterte vor Aufregung. Kircheiß
hatte aus einem kleinen Handatlas eine Riesenkarte an die Wand der Messe
übertragen. Der Respekt vor Deutschland war groß. Selbst Gilmore legte
etwas das Napoleonische ab und fragte uns oft über Deutschland. Wir
dachten alle, in drei Monaten wäre der Krieg zu Ende, und unser
heldenmütiges Vaterland vermöchte es, siegreich der Welt zu trotzen. Es
waren stolze, nie wiederkehrende Augenblicke. Wie liebte man dies Land
daheim! Heißer gedenkt man seiner nie, als wenn man Verbannung ihm
zuliebe erträgt und dazu den Gram, nicht dabei sein zu können, wo es um
sein letztes Schicksal geht.
So kam also die Woche heran, in welcher nicht Leeming, sondern Gilmore
die Verantwortung für uns tragen sollte. Da wurde Kircheiß infolge des
Zugwindes auf dem Fort krank; ein Arzt stellte bedenkliche Anzeichen
fest und bemerkte bei dieser Gelegenheit über unsere und der
Wachthabenden Unterbringung: »_No pigs could live there._« (Nicht mal
Schweine könnten hier leben.) Wenn diese Äußerung auch übertrieben war,
so hieß es doch eines Tages: »Es geht wieder heim nach Motuihi«. Nun war
mein Plan gescheitert, aber die Aussicht des Wiedersehens mit den
Freunden belebte uns. Napoleon brachte uns über Wellington nach Motuihi
zurück. Er hatte gehört, ich beabsichtigte ein Buch zu schreiben, worin
er auch vorkäme. Darum ging er mir jetzt um den Bart, schenkte mir sogar
in Wellington einen Rasierquast und Kircheiß eine Tabakspfeife. Er hat
sich auch immer mehr als ein ganz guter Kerl herausgestellt.
In Motuihi herrschte große Freude, daß wir wieder da wären, nur einige,
darunter der polnische Doktor, waren ziemlich gekränkt, weshalb mir der
Doktor gleich mit einer Pulle Schum entgegenkam, damit ich nichts von
unserem kleinen Geschäftchen verriete. Die Leute, die vergeblich auf die
Theateraufführung gewartet, und besonders die, welche die Rollen
auswendig gelernt hatten, waren auch verschnupft, aber nicht bösartig,
denn sie waren ja durch ein Stück Seemannsleben entschädigt worden. Die
Reserveoffiziere waren verstimmt, daß ich Egidy statt ihrer mitgenommen
hatte. Sie hätten so gerne wenigstens einmal die Kraft fürs Vaterland
eingesetzt.
Meine »Moa«-Kameraden blieben in fremde Lager verteilt. Nun traten die
übrigen Kadetten an mich heran in der Hoffnung, daß etwas Neues
unternommen würde; sie wären ja nun die einzigen, die in Frage kämen.
Nach zwei Tagen schon berichteten sie, ein Segeltuchboot hätten sie
fertig, Benzin und Proviant wäre verstaut, ob ich die Reise nicht leiten
wollte? Ich stimmte zu unter der Bedingung, daß ich die Möglichkeiten
vorher genau prüfen könnte.
[Illustration:
(Phot. R. Hofmann, Kassel.)
119 Tage Festungshaft verbüßt.]
Unserem neuen Kommandanten, Major Shofield, war nicht mehr gestattet ein
Motorboot zu halten. Der Proviant-Schlepper »Lady Roberts«, der
wöchentlich zweimal kam, war mit einer großen Kanone versehen und
dauernd mit Wachen besetzt, damit er nicht überfallen werden könnte.
Wenn wir ausgingen, mußten wir uns immer in einem Wachthaus anmelden und
bei der Heimkehr zurückmelden. Um sechs Uhr mußte alles oben auf dem
Hügel sein. Ferner wurde um die Wohngebäude ein großer Stacheldrahtzaun
gezogen, der allerdings erst kurz vor dem Waffenstillstand fertig wurde.
Nachts wurden Kircheiß und ich alle zwei Stunden abgeleuchtet, ob wir
auch noch da wären. Nun, da hätte ich auch einen anderen ins Bett packen
können, wenn es darauf angekommen wäre. Große Bogenlampen umstanden den
Drahtverhau.
Obwohl also unsere letzte Flucht den Scharfsinn der neuseeländischen
Behörden ungemein befruchtet hatte, gab es indes immer wieder neue Pläne
zur Abreise. Als ich zwei Monate da war, kam ich auf den Gedanken, den
Gouverneur Dr. Schultz als Vertrauten zu benutzen, da er der einzige
war, der über die ganze Insel gehen durfte. Wir anderen hatten einen
bedeutend eingeschränkteren Weg. Der Gouverneur zeigte sich bereit, an
der nächsten Flucht teilzunehmen, als gewöhnlicher Matrose wie jeder
andere. Er spähte nun die Insel unter dem Gesichtspunkte des Entkommens
ab. Zunächst legte er ein Proviantlager an, indem er jeden Tag auf
seinem Spaziergang Erbsen, Bohnen, Reis in Dosen mitnahm und an einem
stillen Platze vergrub. In einigen Wochen war ein hübsches Magazin
entstanden. Die Kadetten hatten unter dem Vorwand, sich Klappstühle
anzufertigen, ein Faltboot gebaut.
Wie sollten wir aber vom Lande wegkommen? Nach langem Hin und Her
gerieten wir auf den Gedanken, uns ein Versteck auf der Insel zu bauen.
Der Gouverneur hatte im Wald ein verlassenes Bachbett gefunden. In diese
Höhlung sollte die Erde, die beim Graben unseres Unterstandes sich
aufhäufte, gefüllt werden, so daß sie nicht auffiel. Ein herkulisch
gebauter deutscher Bäcker, der dem Gouverneur als Bedienung beigegeben
war und gleich ihm sich außerhalb des Drahtverhaues bewegen durfte,
baute nachts den Unterstand, zimmerte Kojen darin, packte den Proviant,
das Faltboot, eine Lampe und viel Petroleum dort hinein.
Wenn alles fertig war, wollten wir zum Golfspiel, das uns ab und zu
erlaubt wurde, die Umzäunung verlassen. Der Unterstand befand sich von
dem Golfplatz nicht weit entfernt. Dann wollten wir auf einmal
verschwinden und uns in dem Unterstand versteckt halten.
In unseren Holzbaracken, einer früheren Quarantänestation, befanden sich
in jedem Zimmer große Taue, damit man sich, wenn es brannte, aus dem
Fenster lassen könnte. Diese Taue wollten wir beiseite schaffen, sie an
der Klippe festbinden, in ihrer Nähe auch einige Messer und dergleichen
liegen lassen, damit es aussähe, als ob wir dort die Insel verlassen
hätten. Dann wollten wir ein bis zwei Wochen im Unterstand ausharren,
bis sich unsere Verfolger müde gejagt hätten. Wir hatten vernommen, daß
der Verteidigungsminister dem Lagerkommandanten telephoniert hatte, er
möchte aufpassen, es gäbe Leute in Neuseeland, die mich befreien
wollten.
[Illustration:
(Phot. R. Hofmann, Kassel.)
Unser täglicher Blick auf den Ragnitoto.]
Den Eingang der Höhle hatten wir folgendermaßen gemacht. Aus der Erde
wurde ein genaues Viereck herausgestochen, so daß es nicht brach. Diese
Erde wurde auf einem ebenso großen, durchlöcherten Stück Brett mit
dünnem Draht und Leim festgemacht, damit sie zusammenhielt. Unten am
Brett war ein Handgriff befestigt, so daß die Luke von innen auf- und
zugemacht werden konnte. Wenn wir nachts aus unserer Höhle herausgingen,
sollte es nur auf Strümpfen geschehen, damit keine grobe Spur entstünde.
Wir konnten dort kochen, der Wasserlauf war nicht weit ab. Man hätte uns
also vergeblich überall nachgesetzt. In einer schönen Mondscheinnacht
wollten wir dann abfahren. Wir hatten uns eine Browningpistole
verschafft und aus einem Petroleumbehälter einen Flammenwerfer
hergestellt. Fechtrappiere, Beile und das einzige noch vorhandene
Zeißglas hatten wir gleichfalls mit.
Wie sollten wir aber zu einem Schiffe kommen? Dafür hatten wir uns mit
einem Lagerinsassen verabredet. Der sollte uns ein Lichtsignal geben.
Wenn ein roter Lampenschirm abends an seinem Fenster einmal verschwand,
dann hieß das: Sie suchen euch nicht mehr auf der Insel. Dann wollten
wir eine schöne, stille Mondscheinnacht abwarten, in der die Segler
still liegen. Wir würden hinrudern und mit unseren sechs Mann ein
Schiff nehmen.
[Illustration:
(Phot. R. Hofmann, Kassel.)
Häuptlingstochter der Waikato.]
Wenn der Waffenstillstand drei Wochen später gekommen wäre, hätte er uns
nicht mehr im Lager angetroffen. Später haben wir den Neuseeländern
unsern Plan erzählt. Da haben sie mit Hunderten von Maoris den
Unterstand gesucht, aber nicht finden können.
Nach dem Waffenstillstand haben wir noch vier Monate in Narrow Neck
gefangen gesessen, durften aber jetzt Besuche empfangen. Da kam eines
Tages eine Häuptlingsfrau der Maoris vom Stamm der Waikato, die sich
1860/61 durch ihren heldenhaften Freiheitskrieg gegen die Engländer
einen Namen in der Geschichte gemacht haben. Auch ließen sie sich im
Weltkrieg nicht in die englischen Aushebungslisten eintragen. Die
eingeborene Dame, Frau Kaihau, betrat meine Kabine und überreichte mir
einen langen Brief, in Maorisprache geschrieben, etwa folgenden
Inhalts:
»Ich komme zu Dir, Du großer Häuptling, und überreiche Dir zur ferneren
Erhaltung der alten Überlieferung die Matte des großen Häuptlings
Wai-Tete.«
Gleichzeitig holte sie unter ihrem Kleid eine Matte hervor, die sie sich
untergebunden hatte, um diesen Gegenstand vor der englischen Wache zu
verbergen.
Mein Erstaunen war groß, ich stoße Kircheiß an, aber auch dieser zuckt
mit den Achseln und kann mir keine Erklärung geben. Glücklicherweise war
eine deutsche Dame anwesend, die schon längere Zeit auf Neuseeland lebte
und mit den ehrwürdigen Sitten der Eingeborenen vertraut war. Sie
erklärte mir, ich sei eben im Begriff, die größte Ehrung zu empfangen,
welche Maoris einem Mann erweisen könnten. Mittlerweile fing die
Häuptlingsfrau an, im Raum herumzutanzen. Mit großer Geschwindigkeit
und wilder Kraft tanzte sie »Haka-Haka«. Nachdem sie den Tanz beendigt
hatte, holte sie einen grünen Stein hervor, den es nur in Neuseeland
gibt. Diesen überreichte sie mir zusammen mit der Matte. Ich fragte sie:
»Bin ich denn nun Häuptling der Maori?«
»Gewiß sind Sie Häuptling. Sie dürfen sich jetzt >Wai-Tete< d. h. >Heiliges
Wasser< nennen, und der Geist unseres verehrten Helden lebt in Ihnen
fort. Auch diesen Stein darf nur der Inhaber der Häuptlingswürde
tragen.«
[Illustration:
»... Der Geist dieses verehrten Helden lebt in Ihnen fort.«]
Ich drückte der Maorifrau dankbar die Hand. Beim Abschied bat sie mich
dringend, Matte und Stein gut zu verstecken. Ich habe diese rührende
Ehrung für Deutschland angenommen und erhielt auch die Erlaubnis, Matte
und Stein mit mir in mein Vaterland auszuführen, in der sicheren
Hoffnung, daß ich einmal zurückkehren würde. An einem Sonntagnachmittag
ließ ich mich, noch immer hinter Stacheldraht, heimlich in der
Häuptlingstracht der Maori photographieren. Es fehlte freilich die
Tätowierung und die volle Kriegsbemalung, welche zu einem richtigen
Helden gehört.
[Illustration:
(Phot. R. Hofmann, Kassel.)
»... Es fehlte freilich die Tätowierung.«]
Als endlich unsere Befreiung herannahte, besuchte mich vor der Abreise
die Vorstandsdame der »Soldiers Mothers League« und wünschte mir im
Auftrag der Mütter von 80000 Soldaten eine gute Reise, da die Söhne, die
bei uns gefangen gewesen wären, gesund zu ihren Müttern heimgekehrt
wären. Es sei deshalb ihre Pflicht, zu Gott zu beten, daß auch meine
Mutter mich wieder gesund in ihre Arme schließen könnte.
So verließ ich den Weltteil unserer Antipoden, der mir mehr als ein
Abenteuer bereitet hatte, und betrat Ende Juli 1919 deutschen Boden, um
wieder Dienst zu tun im Vaterland und in seiner Marine, die, beide
niedergebrochen unter einem ungeheuren Schicksal, heute mehr als je
Männer brauchen, welche unverzagt ihre Pflicht tun und den Mut nicht
sinken lassen.
[Illustration:
»... So verließ ich den Weltteil unserer Antipoden.«
(Der englische Dampfer trägt Schutzfarben gegen deutsche U-Boote.)]
Mein Vater hat meine Heimkehr noch erlebt. Der alte Kämpfer ist am 3.
September 1919 aus der Freude des Wiedersehens sanft in die Ewigkeit
hinübergegangen. Bis zuletzt glaubte er an sein Deutschland.
Am 3. Januar 1920 sind alle meine Leute mit einer Ausnahme heimgekehrt.
Ihr Zeug war wohl von der Tropensonne geblichen und vom Salzwasser
zerfressen, aber ohne Flecken auf ihrer Ehre und auf ihrem
Vaterlandsgefühl kamen sie heim. Nur einer der besten und liebsten
Kameraden fehlte, unser Arzt Dr. Pietzsch, der sich schon vor der
»Seeadlerfahrt« nur für die gefährlichsten Kommandos zur Verfügung
gestellt hatte, weil es sein sehnlichster Wunsch war, vor dem Feind zu
sein. Nicht der erwartete Soldaten- oder Seemannstod aber hat ihn
weggenommen, sondern ein Herzschlag beendete sein Leben, als er
Deutschlands Zusammenbruch erfuhr. Die chilenische Behörde und das
dortige Offizierkorps haben ihm eine würdevolle Totenfeier gehalten.
[Illustration:
Die Besatzungen der »Cäcilie« und der »Moa« auf der Heimfahrt.]
In mein geliebtes Vaterland zurückgekehrt, finde ich so vieles
verwandelt vor und anders, als man erhofft hat. Dabei tritt mir immer
eins in Erinnerung: Ich denke an meine gute Mutti, wie ich einmal vor
ihrem Krankenbett saß, als selbst die Ärzte die Hoffnung aufgegeben
hatten. Da kam einem erst zum Bewußtsein, wie lieb man sie hatte. Man
sah plötzlich ein, was man versäumt hatte, und was man alles hätte tun
sollen. Genau so geht es mir heute, wo ich mein Deutschland so krank
vorfinde. Niemals habe ich mein Vaterland so lieb gehabt wie jetzt. Was
möchte man alles tun, um helfen zu können! Die Erkenntnis, daß vieles
versäumt wurde, erwacht, und der Entschluß, daß jeder an seiner Stelle
mitwirke, damit es besser werde. Und so betrachte ich es jetzt als meine
Hauptaufgabe, zunächst für meine herrlichen Jungs zu sorgen und zu
zeigen, daß man ihr alter Kamerad ist. Wenn man damals auch die Hand
war, die sie führte, heute darf man die Hand der Liebe sein, die für sie
sorgt. Wenn man den deutschen Landsleuten von ihren Taten erzählt, so
werden die Herzen der Hörer aufgeschlossen, und die alte Devise lebt:
Einer für alle, alle für einen.
Euch, lieben Landsleute, möchte ich zurufen: Kiekt in de Sünn, un nich
in 't Musloch, wo' so düster is. Nehmt euch meine Jungs zum Beispiel.
Als ihre Heimat auf dem Korallenriff zerschmettert wurde, eins ließ sich
nicht zum Wrack schlagen: Ihr alter deutscher Geist und Mut. Wenn auch
die paar Planken im Großen Ozean vernichtet wurden und uns diese Heimat
bis zum Hals im Wasser stand und keine Hilfe ringsum zu erwarten schien,
so war doch der letzte Ruf aus unserm »Seeadler« einstimmig von vorn bis
hinten: »De Eikbom, de steit noch!«
* * * * *
Die Waterkant ist verödet, der Engländer macht alle Seeleute brotlos,
nimmt uns nicht nur die Schiffe, die wir hatten, sondern wir müssen neue
bauen, um sie unsern Zwingherrn abzuliefern. Aber das alles soll uns
nicht entmutigen. Baut Schiffe, und tretet alle gerade jetzt erst recht
ein in den Flottenverein! Jetzt braucht der Baum Stützen! Jetzt gibt's
nichts mehr zu genießen im Flottenverein, keine Festfeiern, Reden und
Lustreisen -- aber jetzt gerade soll seine Mitgliederzahl wachsen wie
nie zuvor.
Mein Freund, der Geschichtsprofessor Fritz Kern, früher in Kiel und der
Marine auch nach ihrem Niederbruch mit seinem Herzen und seiner Feder
treu, schrieb mir am Jahrestag von Skagerrak: Das deutsche Volk hat
immer durch die tiefsten Wasser waten müssen. Unsere Geschichte ist eine
Kette von Zusammenbrüchen und Wiedererhebungen. Auch unser Reich zur See
haben wir wie kein anderes Volk immer wieder neu aufbauen müssen. Aber
unser Land kann nicht atmen ohne den frischen Anhauch der See; das Volk
muß im Kerker vermodern, wenn ihm Türen und Fenster »na See to«
künstlich zugesperrt bleiben. Halten wir der See die Treue, gerade
jetzt, da ihre Wellen leer und trostlos an die deutsche Küste schlagen!
Ihr Ruf an uns tönt fort, und wenn nach der alten Schiffersage, die du
mir einmal erzähltest, Gorch Fock und seine Kameraden über dem
stählernen Sarg der »Wiesbaden« heute ihre »Musterung auf dem
Meeresgrund« abhalten, die gefallenen Sieger, und um sie versammelt die
Toten der alten Hansa, dann rauscht es aus der Walhalla der Nordsee zu
uns und unsern Kindern herauf wie ein deutsches Gebet: »Seefahrt tut
not.«
Unseres Volkes Wohlfahrt wird sich wieder erheben, wenn es einig ist.
Niemand hoffe auf Hilfe oder Gnade von außen, aber jeder glaube an den
künftigen deutschen Willen und den künftigen deutschen Weg. Wenn unser
Volk erst sich selber gefunden hat, dann, ihr jungen Land- und Seeadler,
wachsen die Schwingen!
Heute, da alles verloren ging, was uns Seedeutschen die zweite Heimat
bedeutete, Schiffe, Kolonien und ein stolzes, freies Gefühl unter der
deutschen Flagge auf allen Meeren, ist uns nur eins geblieben, die
deutsche Scholle. Möchte aus ihr eine kräftige junge Eiche aufwachsen,
die das ganze Volk unter ihrem Schatten vereint! Möchten ihre Schößlinge
wieder als Mastbäume auf deutschen Schiffen ragen! Die Sehnsucht nach
dem verlorenen Meer weht durch das deutsche Land.
=Op Weddersehn!=
[Illustration: Die Flagge S. M. S. »Seeadler«.]