Eine schöne Neuigkeit vom Krieg. Wir hatten die Geschützpforten bereits
heruntergerissen, und die Mündung der Kanone schwankte hin und her. Die
Frau, entsetzt, läuft in die Kajüte, der Rudersmann nimmt Reißaus und
die vielen neugierigen Gesichter an Deck sind wie weggepustet. Nur der
Kapitän wahrt seine Selbstbeherrschung, ließ sein Schiff beidrehen und
machte alles andere von uns abhängig. In Erwartung, wieder neue Gäste zu
bekommen, herrschte unter unseren Gefangenen große Freude. Besonders die
kleine Frau von dem kanadischen Schoner freute sich, daß sie nun außer
unserer Jeanette nicht mehr die einzige Frau an Bord sein sollte. Sie
kleidete sich besonders nett, ein Bukett aus Kunstblumen aus der Kajüte,
um das sie bat, wurde ihr gegeben. Wie überrascht war die Frau des neuen
Kapitäns, als sie von einer Dame begrüßt wurde, die ihr einen
Blumenstrauß überreichte, und wie angenehm berührt, eine solch lustige
Gesellschaft vorzufinden.
Das Schiff hieß »British Yeoman«; sie kam von Amerika, hatte wundervolle
Proviantausrüstung und sehr viel lebendes Viehzeug an Bord, Schweine,
Hühner, ein Kaninchen und eine Taube. Diese hieß bei uns die
Friedenstaube, war außerordentlich zahm und ist auch später bei uns
geblieben. Zwischen Taube und Kaninchen bestand ein merkwürdiges
Freundschaftsverhältnis. Die Taube ging nicht von dem Kaninchen weg, und
wenn es sich einmal zu weit entfernte, trommelte sie es stets zurück,
worauf es auch sofort gehorchte. Als Quartier hatten sie sich Piperles
Hundehütte ausgesucht. Dieses Sonnentierchen schien am glücklichsten
über die neuen Bordgäste, besonders als es sah, daß sie ihr Heim in
seiner Hütte aufgeschlagen hatten. Er leckte das Kaninchen, wodurch er
anfangs allerdings die Eifersucht der Taube erregte. Aber der
Freundschaftsbund der drei war bald geschlossen. Man hat kaum je im
Leben etwas gesehen, das einen so herzlich berührt hätte als das
Zusammenleben der drei Tiere, wie sie, Piperle das Kaninchen zwischen
seinen Schenkeln, die Taube auf seinem Rücken, zu dritt in der Hütte
schliefen. Schnäuzchen als verschmitzter Teckel machte ständig Versuche,
Kaninchen oder Taube heimlich zu verspeisen oder wenigstens
anzuknabbern. Trotz der Warnungen, die sie erhielt, versuchte sie
nachts, blutige Abenteuer zu erleben, und es wäre ihr einmal tatsächlich
gelungen, wenn nicht Piperle ihr knurrend den Eintritt in die Hütte
verwehrt hätte. Mit der Zeit aber hat auch sie sich an die beiden neuen
Bordgäste gewöhnt, und wenn sie sich auch nicht gerade mit ihnen
anfreundete, so waren sie doch wenigstens vor ihr sicher.
In acht Wochen hatten wir 40000 Tonnen Schiffsladungen versenkt. Unser
Schiff war voll: 263 Gefangene an Bord. Es war ein rasch heranblühendes
Gemeinwesen. Alles fühlte sich wohl, Unterschiede wurden nicht gemacht,
es gab gleiche Kost auf dem ganzen Schiff für Gefangene, Mannschaften
und Offiziere. An Bord ist nicht das geringste vorgefallen. Keiner der
Gefangenen muckte auf, obwohl wir uns stets ohne Waffen bewegten. Ich
hätte für zweihundertsechzig Deutsche von der Art meiner Jungs in
solcher Lage nicht bürgen mögen, daß sie nie etwas gegen den Feind
versuchen würden. Aber die Achtung vor meinen Jungs verlieh uns
unbedingte Sicherheit.
[Illustration:
»... Es war ein rasch heranblühendes Gemeinwesen.«
(Der erste Teil unserer Gefangenen.)]
Da wir indes abhängig vom Proviant waren, mußten wir daran denken, die
Bevölkerungszunahme zu stoppen, denn die Masse zehrte sehr an unsern
Wasserbeständen, von denen unsere weitere Kreuzerfahrt abhing. Das
nächste Schiff, die französische Bark »Cambronne« benutzten wir also, um
unsere Gefangenen darauf in Freiheit zu setzen. Wir hatten die
»Cambronne« überholt und zunächst geprüft, ob sie geeignet wäre, so
viele Gefangene an Bord zu nehmen. Der Entschluß wurde gefaßt, daß sie
als Freiheitsschiff Verwendung finden sollte. Als wir dies dem Kapitän
mitteilten, der schon alles verlorengegeben hatte, war er so erstaunt,
daß er kaum wagte, seine Freude zu äußern.
Eine schwierige Frage war, wer von den 12 Kapitänen, die wir an Bord
hatten, das Kommando auf der »Cambronne« übernehmen sollte. Auf
Vorschlag meiner Offiziere wählte ich den ältesten, Kapitän Mullen von
der »Pinmore«, entschieden auch den tüchtigsten. Da es nun ein
englischer Kapitän war, wurde die Trikolore heruntergeholt und die
englische Flagge gehißt, was eine ziemliche Verbitterung unter den
Franzosen gab, denn wir hatten ja mehr Franzosen als Engländer an Bord.
Alle Gefangenen wurden abgelohnt, und zwar erhielten sie in deutscher
Währung dasselbe Gehalt weiter, das sie in der ihrigen bekommen hatten.
Schiffsweise wurden sie nach der »Cambronne« hinübergesetzt, nachdem sie
herzlichst von meinen Leuten Abschied genommen hatten. Jedes Boot, das
abgesetzt worden war, brachte drei Hurras auf den »Seeadler« aus. In der
Kajüte gaben wir den jetzt in Freiheit steuernden Kapitänen eine
Abschiedsfeier, und mit herzlichem Händedruck schieden sie dann,
nochmals versichernd, daß sie der Welt mitteilen würden, wie gut sie's
gehabt und welch ganz andern Eindruck sie von uns mitnähmen, als sie
bisher durch Pressemitteilungen erhalten hätten.
[Illustration: »Cambronne«, das Freiheitsschiff.]
Jetzt kamen auch für uns die größeren Gefahren, denn mit dem Augenblick,
in dem die Gefangenen landeten, würde der Feind erfahren, daß ein
deutsches Segelschiff als Hilfskreuzer auf der See tätig wäre. Da wir
nun im Großen Ozean unser Revier suchen wollten, kam es darauf an, einen
weiten Vorsprung zu gewinnen und die »Cambronne« nicht zu früh in Rio de
Janeiro eintreffen zu lassen. Deshalb kappten wir die oberen Masten, so
daß das Schiff nur Untersegel führen und somit unter günstigen
Bedingungen erst in etwa 10 bis 14 Tagen Rio de Janeiro erreichen
konnte. Mit allen Segeln im Topp steuerten wir unter frischer Brise nach
Süden.
Wir Deutsche waren wieder unter uns auf dem geräumigen Schiff. Der nicht
seemännische Leser kann sich wohl kaum vorstellen, wie lange sich der
Seemann auf der Fahrt beglückt und zufrieden fühlt, ohne Land zu sehen.
Er entbehrt nichts, weil das Meer ihn unterhält und mit ihm spricht.
Darum ist er selbst auch so wortkarg. Er sieht das Meer vor sich in
seinem ewig neuen, niemals eintönigen Ausdruck, jede Windstärke gibt
ein neues Bild, selbst die Windstille, die vielleicht dem Seemann, der
nach Hause steuert, das Unangenehmste ist, hat ihre Reize, wenn der
gewaltige Ozean wie flüssiges Blei leicht dünt. Stundenlang kann man, an
die Bordwand gelehnt, diesem Spiel der Wellen zusehen, die verschiedenen
Reflexe beobachten, wenn das Meer jetzt in wundervollem Sonnenschein
leuchtet, dann wieder durch eine Wolke verdunkelt wird. Es hat etwas
Träumerisches an sich, es vertieft den Menschen und ist ihm die schönste
Unterhaltung.
[Illustration: Ein Sonntag an Bord.]
Wundervoll ist die Nacht auf dem Meere. Ringsum kühles Dämmern und das
Meer weithin als weiße, leuchtende Fläche, lebendig, leicht
aufgepeitscht, bald verdunkelt und bald vom Mond, der durch die Wolken
bricht, wieder erhellt. Wenn ein Schiff stark überliegt, gleißen die
Segel in schneeweißem Licht, die ganze Takelage erscheint vergrößert;
plastisch hebt das Mondlicht die Schatten der Taue aus den Segeln
heraus. Eine weiche Stimmung ergreift den Seemann, wenn er in einer
solchen Nacht unter dem Mast an Deck in der Hängematte liegt, den klaren
Sternhimmel über sich, der an Land, wo der weite Überblick fehlt, nie so
zu beobachten ist wie in der Wüste und auf dem Meer. Die Mastspitzen
fegen am Himmel hin und her, die gleichmäßige Bewegung des Schiffes
schläfert ein, und unmerklich naht sich der Übergang vom Wachen zum
tiefen, ruhigen Schlaf.
Einer der schönsten Reize auf der See ist ein Sturm bei Sonnenschein,
wenn die Sonne dem Wasser die verschiedenen Farben gibt, wenn die
schwere See heranrollt, der Sturm die weißen Wellenköpfe
auseinanderkämmt und weiß getigerte Streifen von Welle zu Welle sich
bilden. Dazu das tiefe Azurblau des Wassers. Vor dem Schiff zerschlägt
die Welle und läuft in eine weiße Gischtmasse aus. Bald ruht das Schiff
auf Wellenköpfen, bald taucht es ins Tal, und die Welle steht hoch über
ihm.
Es gibt zuweilen furchtbare Gewitter auf See, wahnsinnige Blitze,
gewaltiges Donnern. Schlägt ein Blitz ins Wasser, wie ein
Peitschenschlag, so setzt augenblicklich eine Wassersäule, dünn und
scharf wie ein Rasiermesser, meterhoch aus der getroffenen Stelle empor.
Wenn man in solchen schwarzen Gewitternächten oben auf dem Mast ist, und
plötzlich schlägt ein Blitz hernieder und erleuchtet das ganze Seefeld
grell, wird man stark geblendet und verliert die Sicherheit. Enorme
Wassermengen stürzen aufs Meer, die gewaltigen Regengüsse schlagen die
See nieder. Wenn das frische Wasser vom Himmel herabströmt, dann
phosphoresziert das Meer wie eine glänzende Fläche und das Kielwasser
wird erleuchtet von unzähligen Infusorien; in seinen Wirbeln entsteht
ein Streifen, der sich wie ein goldenes Band hinzieht.
Wir hatten keine Sorgen um Kohlen, der Wind war unser Freund, die Natur
mit uns im Bunde. Wir hatten alles, was wir brauchten.
Wir segeln an den Falklandsinseln vorbei, über die Gräber unserer
gefallenen Helden von »Scharnhorst«, »Gneisenau«, »Leipzig« und
»Nürnberg«. Die Achtersegel backgebraßt; die Trauerflagge halbstock
gesetzt, senken wir als einzige Kameraden, die über ihnen stehen, ein
eisernes Kreuz mit den Grüßen von den Lieben aus der Heimat und dem Dank
des Vaterlandes in die Tiefe zu den Gräbern, die 6000 Meter unter uns
liegen. Das Denkmal taucht in die Tiefe, und weiter geht's; wir durften
uns nicht lange aufhalten.
Auf dem Weg nach Kap Horn fingen wir den Funkspruch eines britischen
Kreuzers auf: »Ich warne Sie! Steuern Sie frei von Fernando Noronha;
dort liegt die >Möwe<.«
Ich dankte ihm.
(Einen Gruß über die Wasser, du unsichtbare, ferne deutsche »Möwe«!)
Kurz vor Kap Horn passierten wir einen gewaltigen Eisberg. Wir wußten
aus der Segelanweisung, daß in dieser Jahreszeit die Gegend durch
Eisberge gefahrvoll war, und hatten überall scharfen Ausguck. Ein
starker Temperaturwechsel und viele Vögel anderer Art, als man sie sonst
dort findet, ließen uns auch die Nähe eines solchen Eisriesen vermuten.
Eines Morgens sahen wir im Grau der Dämmerung weit vor uns an Steuerbord
den gewaltigen Berg, mit sonderbarem Rollen auf- und niedergehend. Er
war viele Meter hoch und doch nur mit einem Neuntel seiner Größe über
Wasser ragend. Seine eigenartigen Umrisse wechselten mit jeder Ansicht;
an den zerklüfteten Stellen leuchtete er grünlich bis tiefblau. Es war
der einzige Eisberg, dem wir begegneten.
[Illustration: Vor dem Sturm.]
Dann begann der Kampf um Kap Horn, die Heimat der Stürme. Dreieinhalb
Wochen haben wir mit Orkanen gerungen. Was wir mühselig durch tagelanges
Aufkreuzen erreicht hatten, verloren wir durch wiedereinsetzende Stürme
oft in wenigen Stunden. Das Schiff arbeitete unablässig und schwer.
Gewaltige Wellen, wie sie nur Kap Horn kennt, rollten über Deck, die
Segel rissen zu Fetzen und das Deck wurde mehrmals eingeschlagen.
Ruhelos saßen meine Jungs im Zwischendeck beim Segelnähen. Es war ein
harter Kampf zwischen dem Vernichtungswerk des Wetters und dem
fieberhaften Streben der Männer. Welche mühselige Arbeit, mit der Nadel
und schwerem Segelhandschuh bei dem zu Kehr gehenden Schiff das dicke
Segeltuch zu nähen! Mancher Stich ging in die Hand. Keine schlaflosen
Nächte wurden gescheut, wir brauchten Segel, und wenn der Sturm sie auch
noch so oft zerriß. Immer wieder wurden am nächsten Morgen die
zerrissenen Segel ab- und die in der Nacht genähten untergeschlagen.
Beim Sturm geht nicht wie auf einem Dampfer alles unter Deck, sondern
alles in die Masten. Selbst bei gewöhnlichem Wetter müssen ja zu jeder
Kursänderung über 20 Grad alle Mann der Wache an die Taue ran, um die 24
Segel herumzudrehen.
[Illustration: Nach dem Sturm.]
Wo ein Wille ist, da ist ein Weg: Kap Horn war umkämpft.
Wir sind glücklich, diese stürmische Ecke hinter uns zu haben. Da meldet
am 26. April der Ausguck einen der britischen Hilfskreuzer, die hier
bereits auf uns lauerten. Augenblicke höchster Spannung kommen: Hat er
uns gesehen? Alle Mann an Deck! Mit hart Backbord das Schiff
herumgerissen! Alles, was wir an Segeln setzen konnten, wird gesetzt,
der Motor eingekuppelt und vom Wind ab, was aus dem Schiff herauszuholen
war, gen Süden. Die Takelage stand zum Brechen. Alles was Gläser hat,
sitzt in den Masten und beobachtet mit aufgeregtem Pulsschlag den
Kreuzer, denn wenn Englands Wächter den einsamen Deutschen entdeckt, ist
unsere Freiheit verloren. Leicht diesiges Wetter half uns und so kamen
wir schnell aus Sicht. Unser Auge war wachsamer und schärfer als das des
Feindes. Es gehört wohl mit zu den schönsten Stunden an Bord unseres
Schiffes, als wir dieses Entkommen vor dem Feind feierten. In der Nacht
segelten wir dann wieder nördlich und unter günstigem Wind steuerten wir
in den Stillen Ozean.
Eines Morgens bringt unser tüchtiger Funkentelegraphist ein sonderbares,
englisches Telegramm folgenden Inhalts:
»>Seeadler< mit wehenden Flaggen untergegangen. Kommandant und ein Teil
der Mannschaft als Gefangene auf dem Weg nach Montevideo.«
Was heißt denn das? Der Engländer lügt nicht ohne Grund und Zweck. Die
Nachrichten vom »Seeadler«, die sich durch die abgesetzten Gefangenen
verbreitet hatten, beunruhigten die Schiffahrt stark, da man uns beim
Kap Horn wie beim Kap der Guten Hoffnung vergeblich aufgelauert hatte.
In Kapstadt und Südamerika, in Australien und Neuseeland lagen die
vollbefrachteten Schiffe in den Häfen still und wagten nicht
auszulaufen. Die Versicherungsraten stiegen. Um sie wieder
herabzudrücken, funkte der Engländer unsern Untergang durch die Welt.
Das nationale Interesse hat ihm stets höher gestanden als die Wahrheit.
Auf einen Schelmen muß man anderthalbe setzen. Wir funkten also drahtlos
hinaus: »Hilfe, Hilfe, deutsches U-Boot.«
Infolgedessen tauchten jetzt überall Gerüchte auf, daß U-Boote im
Pazifik kreuzten. Die Versicherungsraten kamen wieder ins Steigen.
Dritter Teil.
Dreizehntes Kapitel.
Schiffbruch und Robinsonleben.
Längs der Küste Südamerikas, vorbei an Juan Fernandez, wo wir dauernd in
naher funkentelegraphischer Verbindung mit dem englischen Kreuzer »Kent«
standen, steuerten wir über den Großen Ozean an den Marquesasinseln
vorbei herauf bis Honolulu, ohne ein Schiff gesehen zu haben. Wir
verlegten jetzt unsere Kreuzerfahrt in den Track der Segelschiffe, die
zwischen San Franzisko und Australien fahren. In der Nähe der
Weihnachtsinseln dauernd auf dem Äquator hin- und herkreuzend, den wir
zeitweise zwei- bis dreimal am Tage schnitten, kaperten wir noch drei
amerikanische Segler: »A. B. Johnson«, »Slade« und »Manila«. Die
Ausbeute hatte aber nicht unsern Erwartungen entsprochen. Wochenlang
sahen wir kein Schiff. Die drei gefangenen Kapitäne und ihre
Mannschaften sehnten sich fast noch mehr wie wir nach neuem Zuwachs, der
nicht kommen wollte.
[Illustration: »Slade.«]
Auf was für sonderbare Ideen die Menschen doch verfallen, um eine
Situation auszunützen! Einer unserer Gefangenen wünschte sehnlich, von
uns auf einer einsamen Insel abgesetzt zu werden, er hätte vom Seefahren
genug, seine Hinterbliebenen würden die Versicherung ausbezahlt
bekommen, und er wünschte, als Verschollener seine Ruhe zu haben.
Die furchtbare Hitze, der Mangel an Bewegung und Beschäftigung, das
schlechte Wasser und der Mangel an frischem Proviant drückten die
Stimmung darnieder. Es gab ja noch neutrale Häfen in Südamerika, aber
der edle Begriff der Unparteilichkeit war in diesem Krieg der Welt gegen
unser Volk von bösen Wolken umschleiert; kein gastlicher Hafen zog uns
an, denn wir Deutschen haben keine Freunde, keine Gerechtigkeit zu
erwarten. Höchstens 24 Stunden würden wir geduldet, und sind dann vom
Feind umstellt. Niemand öffnet uns seine Tür, wir müssen uns selber
helfen. Seit zweihundertfünfzig Tagen kein erneuertes Wasser an Bord!
Wenn man wenigstens sich einmal ein erfrischendes Bad hätte erlauben
dürfen! Der Landbewohner kann sich kaum den Haß vorstellen, welcher den
Seemann gegen die Haifische beseelt, die ihn von dem kühlen Element
absperren und auf sein hölzernes Gefängnis beschränken. Der Hai wird als
ganz persönlicher Feind empfunden, und da die Langeweile ohnehin zu
kindlichen Scherzen aufgelegt macht, so läßt man seine böse Laune gern
an den Scheusalen des Meeres aus. Haifischfang war die einzige
Abwechslung, die wir hatten. Manchmal banden wir ein paar gefangene Haie
mit Schwänzen aneinander und ließen sie wieder schwimmen, wobei sie sich
nie über die Fahrtrichtung einigen konnten. Mitunter befestigten wir
besonders großen Haifischen eine leere Tonne am Steert. Zunächst glaubte
der Hai dann, wenn er nach einer gründlichen Tracht Prügel von Bord
entlassen war, an unsere Großmut, versuchte, die neugewonnene Freiheit
eiligst auszunützen und schoß gierig in die Tiefe; aber schon nach drei
Metern (dies war die Länge der Leine am Faß) bemerkte er seine Fesselung
und jagte nun in wilder Fahrt bald rechts bald links, um die Tonne
abzuschütteln, die im vollen Sprung immer hinterherrollte.
[Illustration: »... Haifischfang war die einzige Abwechslung.«]
Zuweilen banden wir auch eine mit Speck umnähte Handgranate an den
Angelköder; biß ein Haifisch an und schwamm mit dem dicken Bissen, um
den ihn jeder Kollege beneidete, zur Verdauung weiter, so war beim
Anbeißen der Zünder herausgerissen, und nach fünf Sekunden flog der Hai
in Fetzen, die sofort von seinen zahllosen Spießgesellen verzehrt
wurden.
35000 Meilen hatten wir gekreuzt, monatelang nur Himmel und Wasser
gesehen. Obwohl noch willig an Geist, unsere Kaperfahrt fortzusetzen,
fühlten wir doch jetzt den größten Feind des Seemannes: Beriberi, die
Krankheit, »in der das Blut zu Wasser wird«. Verschiedene Leute hatten
schon dicke Glieder und Gelenke infolge des schlechten Proviantes und
mangelhaften Wassers. Wir mußten eine Insel anlaufen, um etwas Frisches
zu finden. Dort wollten wir ausruhen, und dann sollte unser nächstes
Kreuzergebiet ein Schlag um Neuseeland und Australien sein, von dort
wollten wir die englische Wal- und Transtation auf Südgeorgien zerstören
und schließlich unser Handwerk in dem besser blühenden Geschäft des
Atlantischen Ozeans fortsetzen.
Unseren ersten Gedanken, eine der größeren Cookinseln anzulaufen, mußten
wir verwerfen, weil wir eine feindliche Funkenstation vermuteten und
auch der sonstige Verkehr unser Inkognito gefährden konnte. Um unsern
Motor zu schonen, von dessen Lebensdauer unser Erfolg beim Kapern
abhing, wollten wir uns auch nicht östlich von unserer augenblicklichen
Länge entfernen. Uns war besonders darum zu tun, eine unbewohnte Insel
aufzusuchen und wir wählten deshalb Mopelia, zur Gruppe der
Gesellschaftsinseln gehörig. So traumhaft schön die herrlichen
Südseeinseln sind, so nachteilig sind sie für den Seemann, da er nur in
den seltensten Fällen eine Reede und sicheren Ankerplatz vorfindet. Es
gibt fast nichts Lieblicheres und nichts Heimtückischeres auf der Welt.
[Illustration: »... Es gibt nichts Lieblicheres als die Südseeinseln,
aber auch nichts Heimtückischeres.«]
Am Morgen des 29. Juli kam uns die Insel in Sicht; wir steuerten sie an.
Es war uns, als wenn wir ein Märchenland vor uns hätten. Die Insel
begrüßte uns mit ihren hohen Palmen und Gummibäumen wie ein wahres
Paradies. Die vorgelagerten Korallenbänke stiegen treppenförmig
unterhalb des Wasserspiegels zur Tiefe hinab und gaben im Reflex des
sonnenbeschienenen Wassers auf jeder Stufe neue Farben und Bilder
infolge des Durchschimmerns der weißen Korallen. Da waren hundert
Übergänge von Weiß zu grünlichen und in der Tiefe bläulichen
Schattierungen von der wunderbarsten Mannigfaltigkeit. Das kreisrunde
Riff, auf dessen Grat sich dort, wo Humus entstanden war, vier kleinere
Inselchen und eine bandförmige Hauptinsel erheben, umschließt die
kreisrunde Lagune. Dieses kesselförmige Stückchen Ozean, ebenso tief wie
die umliegende See, unterscheidet sich von ihr durch seine Stille;
spiegelglatt und ohne Bewegung gibt es das Gefühl des Geborgenseins. Das
Korallenriff hat eine kleine Durchfahrt nach der Lagune, nicht weit
genug, um mit dem »Seeadler« hineinfahren zu können. Sonst wäre uns der
schönste, sicherste Hafen geboten gewesen. Ein starker Strom setzte
durch die Einfahrt. Wir brachten unsern Anker auf das Korallenriff, und
an einer langen Drahttrosse lagen wir infolge des Stromes gut frei von
der Insel.
Boote wurden ausgesetzt. Nachdem wir so lange kein Land gesehen hatten,
fühlten wir uns ungefähr wie Kolumbus. Jan Maat, der neun Monate lang
nur Mastenklettern, Segelmanöver, Rudern und Ausguckposten erlebt hatte,
bis seine Arme vom ständigen Tauziehen noch einmal so lang geworden
waren, eilte nun dem Genuß tropischen Tier- und Pflanzenlebens zu. Wir
Haifische der See, die selbst in unserm schweren Dienst unablässig noch
stärkere Raubtiere, die nach uns suchenden Kreuzer auf unserer Spur
wußten, verwandelten uns nach langer Nervenanspannung in friedliche
Sommerfrischler als Gäste der Franzosen, die uns ihr Mopelia zur
Verfügung stellen mußten. Wie überrascht waren wir, als wir an Land
kamen, über das, was wir hier alles fanden. Millionen von Seevögeln der
verschiedensten Arten nisteten hier. Die Schildkröte hat dort ihre
Heimat und Brutstätte. Fische waren in Unmengen vorhanden, auch viele
verwilderte Schweine, die vor Jahren einmal ausgesetzt waren und sich
von den heruntergefallenen Kokosnüssen nährten. Mehr Möglichkeiten,
frischen Proviant zu finden, konnten wir nicht erwarten. Auch drei
Eingeborene fanden wir, die von einer französischen Firma hier abgesetzt
waren, um Schildkröten zu fangen. Die Kanackers waren anfangs sehr
besorgt, als sie uns als Deutsche erkannten, aber durch unser herzliches
Entgegenkommen gewannen wir bald ihr Vertrauen, und sie boten uns ihre
Unterstützung an.
[Illustration: Skizze der Insel Mopelia]
Meine Jungs verteilen sich zunächst gruppenweise, um ihre Neugier zu
befriedigen, laufen hierhin und dorthin; einige fangen Fische, die sich
in den ausgewaschenen Korallenbecken aufhalten, die andern sammeln
Vogeleier; dort haben verschiedene den Arm voll Kokosnüsse; unser Koch
ist dabei, eins der verwilderten Schweine zu schlachten; dort sieht man,
wie fünf bis sechs eine große Schildkröte auf den Rücken geworfen haben
und an einem Tau über den Sand hinziehen. Andere wieder fangen
Langusten, kurz und gut, jeder hat irgend etwas, um ein gutes Mahl
herzurichten. Wie wir mit dem Boot wieder an Bord zurückfahren, ist es
schwer beladen mit den schönsten Delikatessen. Ein förmliches Diner
stand als Abendbrot auf dem Tisch: Schweinebraten, Schildkrötensuppe mit
Eiern, Langusten, Möweneier; selbst der wohlhabendste Mann konnte sich
nichts Besseres leisten. Wir erholten uns schnell und trafen unsere
Vorbereitungen für die weitere Kreuzerfahrt. Eine Fischräucherei wurde
ausgemacht, Schildkröten und Schweinefleisch eingesalzen und Eier zu
Tausenden in Salz eingelegt.
[Illustration: »... Der Ankerplatz machte uns anfänglich Sorge.«]
Der Ankerplatz machte uns anfänglich Sorge und wir überlegten, ob wir
das Schiff nicht frei im Meere treiben lassen und nur abends und morgens
je einmal an Land fahren sollten. Das hätte uns aber zu viel unserer
kostbaren Motorkraft gekostet und außerdem war der Motor selbst sehr
ausbesserungsbedürftig. Deshalb versuchten wir, mit allen
Sicherheitsmaßnahmen zu ankern. Es zeigte sich bald, daß der Anker vom
Riff schlippte; das stärkte unser Vertrauen, denn wenn der Strom so
stark war, daß selbst der Anker nicht hielt, so war ein Herumschwoien
des Schiffes an das Korallenriff durch etwaiges Umspringen des Windes
unmöglich.
Am 2. August, morgens gegen ½10 Uhr, gerade im Begriff, das
Beurlaubtenboot an Land zu schicken, sieht man am Horizont die
Meeresoberfläche eigentümlich schwellen. Was ist das? Man vermutet
anfangs eine Fata Morgana; nach einer gewissen Zeit sieht man, wie die
Schwellung immer näher heranrollt, immer höher, je näher sie kommt. Es
war eine Flutwelle, die durch ein Seebeben entstanden war. Wir
disputierten noch über die Erscheinung, die uns unerklärlich war, da
keiner von uns bisher ein Seebeben erlebt hatte. Aber man begreift die
Gefahr: »Kappt die Anker, Motor klar, alle Mann an Deck« sind die
sofortigen Befehle. Immer näher rollt die Flut heran, und immer
kräftiger wiederholen sich die Kommandos »Motor klar!« Die Preßluft wird
hineingedrückt, aber der Motor springt nicht an. Mit fieberhafter
Erwartung horcht man in den Maschinenraum, immer wieder wird Preßluft
eingedrückt, man lauscht auf die Zündung, alles ist tätig ... und näher
rollt das Ungetüm heran. Schon dünt das Schiff in der vorauseilenden
Schwell. Man kann die Sekunden zählen, die zur Rettung übrigbleiben.
Alles horcht bang auf den Motor. Zu spät! Hoch rast die Flut heran,
packt unsere Planken, hebt sie empor und schleudert sie krachend auf das
Korallenriff. Die Masten, die Krone unseres Schiffes, brechen stückweise
zusammen; beim Aufschlagen auf das Riff werden zentnerschwere und
tonnengroße Korallenblöcke losgebrochen und wie Granathagel über das
Schiff geworfen, und als die Flutwelle verrauscht ist, da liegt unser
stolzer »Seeadler« zum Wrack zerschmettert auf dem Korallenriff. Das
bißchen deutscher Boden, die paar Bretter, die in dieser Erdhälfte noch
dem Deutschen Reich gehört hatten, unsere Heimat, das Einzige, was wir
besaßen, lag zertrümmert.
[Illustration: »... Das Einzige was wir besaßen, lag zertrümmert.«]
Wie der Korallenblock, auf den wir aufschlugen, sich tief in den Boden
des Schiffes hineinrammt, und die Masten krachend von oben brechen und
das Deck mit Tau und Segelzeug überschütten, sucht jeder Deckung hinter
Bordwand und unter der Back. Nun ist der Anprall vorüber, das Unglück
geschehen, und man sieht sich um nach seinen Leuten. Man sieht keinen;
zunächst glaubt man der einzige Gerettete zu sein und verwünscht diesen
Zufall. Man ruft matt nach vorn: »Jungs, wo seid ihr?« Da ertönt aus dem
Vorschiff die herrliche, unvergeßliche Antwort: »Herr Graf, de Eikbom,
de steit noch.« Die deutsche Eiche! Blitzartig geht es einem durchs
Bewußtsein: Noch schlägt das deutsche Herz! So wie wir kleine Schar den
schweren Schlag überdauern, so hält auch das Vaterland übermächtig
stürmenden Gewalten stand:
»De Eikbom, de steit ok noch tohus.«
Es hieß nun, nicht sich dem Schmerz hingeben, sondern an die Arbeit
gehen. Es galt, Proviant und Wasser für 105 Menschen zu bergen. Alle
Gegenstände, auch die mit Wasser gefüllten Munitionsbüchsen mußten etwa
30 Meter weit über scharfes, unebenes Korallenriff durch starken Strom
des ungefähr einen Meter tiefen Wassers getragen werden. Oft fielen die
Leute um, und am nächsten Morgen gab es keinen ohne völlig zerschundene
Beine mehr. Aber in zäher Anspannung wurde die ganze Nacht gearbeitet.
Schließlich haben wir alles auf die Insel hinübergebracht, was zum Leben
nötig war. Das Wasser in den Munitionsbüchsen erwies sich freilich als
verdorben, und so wurde es unsere Lebensrettung, daß wir auf der Insel
durch Sprengung uns Brunnen graben konnten.
[Illustration: Takelage des »Seeadlers« nach der Strandung.]
Nun entstand unter den Palmen in kurzer Zeit die letzte deutsche
Kolonie. Zuerst ging die Flagge hoch. Cäcilieninsel tauften wir unsere
neue Heimat. Hatten wir auch die bisherige, unser Schiff, verloren, so
besaßen wir jetzt an Stelle der paar Planken ein paar Fußbreit
Erdreichs.
Es galt, sich einer neuen Lebensweise anzupassen. Auf der Insel hausten
Millionen großer und kleiner Vögel. Man konnte an manchen Stellen keinen
Schritt tun, ohne ein Ei zu zertreten. Verscheuchte man die Möwen, so
flogen sie so dicht auf, daß sich die Sonne verfinsterte. Die brütenden
Vögel aber verlassen ihren Nistplatz nie, sie lassen sich lieber auf dem
Platze totschlagen, als daß sie ihre Brut aufgeben. Nur durch Abfeuern
von Schüssen konnte man sie da verjagen. Da die Eier, die wir vorfanden,
meist angebrütet waren, steckten wir ein Stück Brutland mit dem Tau ab
und warfen die dort gefundenen Eier ins Meer. Der hierdurch
freigewordene Raum zog sofort alle die werdenden Möwenmütter an, die es
kaum erwarten konnten, ihr Ei loszuwerden. So verfügten wir in
kürzester Frist über eine verschwenderische Fülle garantiert frischer
Eier. Nachts, wenn wir Feuer anmachten, kamen große Einsiedlerkrebse zu
Hunderten und Tausenden, vom Licht angelockt, heran.
Schnäuzchen, wie so ein Teckel nun einmal ist, war in zappelnder Neugier
auf die Insel gekommen. Nun gewahrte sie auf einmal, wie dort der ganze
Erdboden wimmelnd sich bewegt. Vögel stoßen auf sie zu. Sie will unter
sie fahren, will fressen und vernichten, aber wo sie hinpacken will,
kribbelt und wibbelt das Leben. Da kommt ein großer Einsiedlerkrebs und
hält seine Scheren gegen Schnäuzchen hoch. Schnäuzchen fiel vor Schreck
um, erlitt einen Krampfanfall und starb. Sie war erst zwei Jahre alt und
hatte nach der langen Seereise zum erstenmal Gelegenheit gefunden, ihre
Jagdpassion zu entfalten. Wir haben ihr ein schönes Grab errichtet und
eine Kokosnußpalme darauf gepflanzt. Piperle aber suchte noch lange nach
seiner Gefährtin.
[Illustration: »Seeadler« wird gesprengt.]
Nachdem unsere unentbehrlichste Habe aus dem Wrack geborgen war, durften
wir an den Bau unseres Dorfes denken. In den ersten Tagen hingen unsere
Leute einfach ihre Hängematten zwischen den Palmen auf. Das wäre ihnen
beinahe übel bekommen. Kokosnüsse krachten des Nachts aus 15-25 Meter
Höhe neben den Schlafenden nieder, und die konnten von Glück sagen, wenn
diese vegetarischen Granaten ihnen nicht auf die Köpfe fielen, was einen
Menschen absolut chloroformieren kann. Dagegen nützte es auch wenig, das
ungemütliche Kopfende mit dem Fußende zu vertauschen und mit einem Auge
nach oben zu schielen, ob etwa schon wieder solch eine Gabe Gottes
hernieder käme. Auf dem kribbelnden Erdboden konnte man natürlich auch
nicht schlafen, und so gab sich alles mit verständnisvollem Eifer dem
Hüttenbauen hin.
Zuerst wurde für Seeadlerdorf ein großer Platz vom Unterholz und
Gestrüpp gesäubert, dann Palmen abgesägt und Bauholz herangeschleppt.
Das erste Zelt, das wir schufen, wurde eine ziemliche Mißgeburt, aber
jedes folgende geriet besser. Wir bauten die Zelthütten gewöhnlich so,
daß jeweils gerade ein Segel für eine paßte. Unsere Segel, die treulich
in beiden Erdhälften über uns geweht und uns Zehntausende von Kilometern
vorangebracht hatten, wurden jetzt den Schiffbrüchigen zur Behausung.
Unterricht gab uns einer unserer Gefangenen, der Kapitän Jürgen
Petersen, der mit seiner hübschen, jungen amerikanischen Lebensgefährtin
sich eine blendend schöne Zeltwohnung herstellte. Die Gefangenenzelte
lagen links von den paar Eingeborenenhütten, die unsrigen rechts. Der
Strandweg vor den Zelten, die Seeadlerpromenade, führte also von
Germantown, wie unsere Stadt von den Gefangenen benannt wurde, zu
Americantown und Frenchtown. Mit den Amerikanern hatten wir auf unserem
abendlichen Strandbummel freundschaftlichen Verkehr.
Unsere Stadt umfaßte neben Wohnhäusern Proviantzelte, Munitions- und
Waffenzelte, Karten- und Instrumentzelte, eine große Kombüse mit Herd
und Backofen, eine Funkenbude, die uns mit drahtlosen Neuigkeiten
versorgte und somit die Kurzeitung ersetzte, ferner ein Motorzelt und
vor allem auch eine Messe. In der Messe war sogar ein hölzerner
Fußboden, den wir aus den Wänden eines Deckhauses legten. An der
Rückwand prangte Meyers Konversationslexikon und ein Bücherbord, an der
Seitenwand stand unsere Anrichte. Die Sessel waren um den Messetisch am
Fußboden angeschraubt, so daß es einer richtigen Schiffsmesse ähnlich
sah. Vor der Messe befand sich eine Veranda, eingeschlossen von
Palmblättern, welche die Eingeborenen geflochten hatten.
Auch unsere Wohnräume waren mit allen guten Möbeln aus dem Schiff
ausstaffiert. An meinem Schreibtisch habe ich selten gesessen. Die
Unteroffiziere bauten sich ihre eigene Messe, das technische Personal
ein besonderes Wohnhaus mit Kojen. Die Mannschaften hatten alle Spinde
und Bänke in ihren Räumen. Alle Fußböden waren mit feinem, weißem
Korallensand bestreut. In der Mitte des Lagers befand sich ein
Marktplatz, auf welchem abends die Kapelle spielte. Unsere Lichtmaschine
spendete elektrisches Licht. Dr. Pietsch, der Schiffsarzt, errichtete
sein Lazarett und rauchte seine nie ausgehende Zigarre. Auch einen
großen Räucherapparat besaßen wir, worin wir mit Hilfe von
Kokosnußschalen täglich etwa zweihundert Fische räucherten. Ein
wunderschöner Badestrand lag an der Lagune. Nachts hörte man die
Brandung schlagen als ein sanftes Wiegenlied. War es nachmittags heiß,
so erfrischten wir uns auf der Luvseite an der Seebrise.
[Illustration: Seeadlerdorf, die letzte deutsche Kolonie.]
Mancher reiche Mann hätte für ein paar Wochen Sommerfrische in unserem
Paradies ein kleines Vermögen gegeben. Nach einer Woche ausbauender
Arbeit, die in der Hitze immerhin anstrengte, war das Idyll fertig.
Unsere große Schiffsglocke war in der Mitte vom Seeadlerdorf an einer
Palme befestigt; es wurden wieder Glasen geschlagen und zeitweilig
Musterungen abgehalten. Auf der höchsten Palme in der Nähe von
Frenchtown war der Ausguck errichtet, indem die Krone der Palme durch
einen hölzernen Boden ersetzt, aber durch hinaufgebundene Palmenwedel so
künstlich wieder ersetzt wurde, daß kein vorbeifahrendes Schiff dem Baum
etwas angesehen hätte. Das Hauptpatent bestand aber aus einem endlosen
Tau, das unten und oben auf einem Block lief. Der abzulösende
Ausguckmann setzte sich oben, der ablösende unten auf einen in das Tau
geknüpften Knüppel. Der Mann oben zog, wenn er schwerer war, den unteren
allein in die Höhe; war er ein leichter, so mußte durch einen dritten
Mann etwas durch Ziehen nachgeholfen werden.
[Illustration:
Die Requisitionskolonne kauft ohne Lebensmittelkarten und Geld ein.]
Einige unserer Leute, die romantisch veranlagt waren, bauten sich kleine
Hütten von Palmenblättern im Walde. Piefzeck, Messeordonnanz und Mädchen
für alles, errichtete sogar mit einem gefangenen Holländer zusammen ein
Wasch- und Plätthaus; darin hatte er auch seine Nähmaschine stehen und
schuf aus gekaperten Tischtüchern Bettlaken, Hemden und Unterhosen.
Zimmermann Dreyer baute sich seine Werkstatt in der Nähe der kleinen
Werft, die wir gegenüber von Americantown anlegten, um unser Motorboot
für eine neue Fahrt ins Unbekannte instand zu setzen. Denn zu unserer
Vollkommenheit fehlte uns nichts, als ein Schiff, das uns wieder der
Kulturwelt und dem Krieg entgegentragen konnte. Wenn unser Kreuzer auch
zerschmettert auf einsamem Korallenriff lag, und wenn wir auch nicht
mehr in die Heimat zurücksegeln konnten, der Mut war ungebrochen. So
setzten wir jetzt alle Hoffnung auf das kleine Boot. Undenkbar schien
es freilich den meisten, mit einem solchen Ding von unserer abgelegenen
Insel abzufahren und in ungewissen Breiten ein größeres feindliches
Schiff damit abzufangen. Aber einmal waren wir deutsche Soldaten, die
auch die geringste Möglichkeit, weiterzukämpfen, wahrzunehmen hatten;
und dann gleicht der Pirat dem Spieler, der das Glück immer wieder
herausfordert.
Takelage und Segel wurden entworfen, Mast, Klüverbaum, Großbaum und
Gaffel für das Boot fabriziert, Pardunen, Stagen und laufendes Tauwerk
gespleißt, Segel genäht, Proviant klar gemacht, das Boot geschruppt und
gemalt. Was Werftarbeit alles erfordert, das wurde uns jetzt erst klar,
als wir selbst ein Boot für eine lange Seereise instand setzten.
Über solchen Vorbereitungen wurde die Gegenwart nicht vergessen. Auf den
Korallen pflegten wir zu fischen, wo das Wasser nur etwa einen Fuß hoch
steht. Wenn morgens die Fische kamen, um dort ihre Nahrung zu suchen,
bildeten wir eine lange Kette von Menschen und trieben die Tiere nach
oben ins flache Wasser. Dann verengten wir den Kreis, spannten ein
Stahlnetz auf und zogen es zusammen. Schließlich wurde es rings umstellt
und unsere drei Eingeborenen spießten die Fische auf. Geht der
Südseeinsulaner allein zum Fischen, so steigt er tiefer in die Korallen
hinein. Er trägt eine große, festanliegende Brille, taucht unter und
spießt den Fisch von der Seite auf, beißt ihm darauf das Rückgrat durch.
Nach größeren Fischen wirft er mit einem besenartigen Bündel von Speeren
mit Widerhaken.
Ferner übten wir das Angeln und erbeuteten Fische auch durch
Sprengpatronen, die wir ins Wasser warfen; brachen dann von den
Korallenbauten einige zusammen, so wurden Hunderte der wohlschmeckenden,
bizarr schönen Fische herausgeworfen. Die Korallen geben einen hellen
Widerschein, so daß man tief ins Wasser hinuntersehen kann. Außer
Papageifischen fingen wir Langusten, Rockfische, Plattenfische und
Muränen. Letztere schauen nur mit dem Kopf aus den Korallen heraus, und
wenn man sich nicht vorsieht, beißen sie zu. Wir erfuhren zuerst aus dem
Großen Meyer, was das für Fische wären, und zugleich, daß die alten
Römer die Muränen für die größte Delikatesse hielten und mit
Sklavenfleisch gefüttert haben sollen. Bei Tagesanbruch wurde der Strand
nach Riesenschildkröten abgesucht, deren Fleisch und Eier sehr
wohlschmeckend sind.
Mit den Eingeborenen waren wir täglich zusammen und verständigten uns
in Pitschinenglisch; übrigens lernte der Junge, den sie mithatten, ein
halbes Kind, ziemlich schnell Plattdeutsch. Ich könnte noch vieles
erzählen von Vögel- und Schweinejagd, von abendlichem Lagerfeuer mit
Seemannsklavier und Heimatliedern, träumerischer Ruhe und
Heimwehgefühlen. Gegen 10 Uhr abends lag die ganze Kolonie meist im
wohligen Schlummer; nur der Posten wanderte einsam vor den Hütten auf
und ab. Zeitweise kam es dabei vor, daß der Posten vom sanften Rauschen
der Palmen und Gezirp der Grillen zu weit ins Traumland kam und selig
eindusselte, wofür er natürlich seine Extrawache ablaufen mußte; aber
ein Arrestlokal brauchten wir nicht; es war das einzige, was bei unserem
Stadtbau fortblieb.
[Illustration: Der schwarze Stab des »Gouverneurs« von Mopelia.]
Ratten, Ameisen, Flöhe und tausenderlei Insekten waren in Myriaden
vorhanden. Nachts lebten die Buden förmlich. Ein Oppossum, welches die
Gefangenen mitgebracht hatten, kam jeden Abend in die Messe und
verlangte Wasser. Piperle jagte nachts mit ungeheurem Skandal die
Schweine vorbei. Überall knackte, raschelte, gurrte und summte es. Von
den Blättern einer benachbarten Palme herab kamen die Ratten auf das
Zeltdach; die ganze Nacht lief und rannte es auf und nieder. Man wurde
aber alles gewöhnt, sogar wenn man plötzlich bemerkte, daß man in seinem
Glas Wasser, das man nachts in der Dunkelheit trank, mehr Kakerlaken als
Wasser hatte, oder wenn morgens die Zahnbürste voll Ameisen war. Retten
kann man sich vor den Ameisen nur, indem man Tisch- und Stuhlbeine in
Wasserschälchen stellt. Piperle kämpfte nachts fast unausgesetzt seinen
drolligen Heldenkampf mit den Einsiedlerkrebsen, die am Abend zu
Tausenden das Wandern vom Ufer in den Palmenwald anhuben; morgens
krabbelte die ganze Gesellschaft wieder zurück. Ihre Beine und Scheren
waren unserem Koch willkommen. Als Salat dazu wurde Palmenherz gestovt.
Das ist das leckerste Gemüse der Welt, und es können sich's nicht einmal
Multimillionäre, sondern nur Piraten leisten. Es bildet nämlich die
Mitte der Kokosnußpalmenkrone, aus welcher die neuen Blätter
entsprießen. Will man also solch ein Herz im Gewicht von etwa 10 Pfund
haben, so muß jedesmal eine große, schöne Palme ihr Leben lassen. Der
Geschmack ist etwa zwischen Haselnuß und Spargel, nur feiner und
lieblicher als beide.
Wir verlebten mannigfaltige Tage und genossen die Reize der Erde
zwischen den beiden Wasserflächen, dem grauen, gewaltigen Meer draußen
und der schönen, lieblichen Lagune drinnen. Aber ich wurde das
Gouverneurspielen satt; es bewegte sich nichts vorwärts, wie wir es
bisher gewohnt waren; es blieb zu sehr alles auf einem Punkt stehen. Des
Seemanns alte Heimat zog uns wieder an, kaum daß wir uns dazu kräftig
genug fühlten. Aber der Entschluß zu dieser Fahrt durfte nicht
leichtfertig gefaßt werden, denn ich hatte das Leben von sechs Männern
zu verantworten. Gefahr und Erfolgsaussicht wurden abgewogen und der
Entschluß bejaht. Der Geist solcher Leute sollte nicht unter der
Äquatorsonne eintrocknen! Schon am 23. August war unser Boot fertig zur
Abfahrt. Unter Leutnant Kircheiß' erfahrener Leitung war das Boot in
vierzehntägiger Arbeit zu einem hohen Grad von Seetüchtigkeit gebracht
worden. Einen kleinen Knacks hatte es allerdings; auch bei ruhigem
Wetter haben wir später täglich 40 Eimer voll Wasser ausgeschöpft. Wir
waren uns bewußt, daß die bevorstehende Unternehmung kriegerisch wie
sportlich gewagter war als alles bisherige. Rasmus -- so nennt der
Seemann die überkommenden Wellen -- würde uns diesmal gehörig die
Gesichter waschen. Aus dem bequemen Salon, von der paradiesischen Insel
hinweg trieb unser Wikingerblut hinaus auf eine Art von Einbaumkrieg,
wie ihn die Südseeinsulaner früher pflegten.
Kriegsrat wurde gehalten. Welche Kurse wollten wir segeln? Wie lange
sollte die zurückbleibende Mannschaft auf unsere Wiederkunft warten?
Unter welchem Baum sollte sie, falls sie vorher Mopelia verließ,
Nachricht zurücklassen? Aller halben Jahre lief nämlich ein Segler die
Insel an, um die von den Eingeborenen gesammelten Kokosnüsse und
Schildkröten abzuholen. Wir Bootsfahrer beabsichtigten, zuerst die
Cookinseln anzulaufen und, wenn wir dort kein Schiff fänden, nach den
Fidschiinseln weiter zu segeln, weil dort der größte Schiffsverkehr war
und unsere Kriegsaussichten also besser standen. Leider haben wir dem
Umstand, daß wir uns einem kleinen Schiffsboot anvertrauten, nicht
genügend Rechnung getragen; denn sonst wären wir, da im September häufig
stürmischer Wind in diesen Inselgruppen herrscht, nicht dorthin
gegangen. Wir rechneten mit einer ungefähren Durchschnittsfahrt von 60
Seemeilen den Tag; in 30 Tagen konnten wir also die Strecke zurücklegen
und in ungefähr drei Monaten mit einem gekaperten Schiff wieder in
Mopelia sein.
Das Boot war offen, etwa 6 Meter lang und lag mittschiffs nur ganze 28
Zentimeter über Wasser. Aber einerlei, es konnte schwimmen! Wie wenig
Schutz ein solches Fahrzeug gegen die andringenden Wellen einer
hochbewegten See bietet, kann der Seebefahrene beurteilen. Aber auch
jeder Leser, der einmal auf seinem Heimatflüßchen ein Boot gemietet hat,
kann sich die Unternehmung vorstellen, ein solches Ding mit Ausrüstung
für mehrere Wochen und mit einem halben Dutzend Gefährten voll zu packen
und auf hohe See ins Ungewisse zu gehen. Armiert wurde es mit einem
Maschinengewehr, zwei Gewehren und ein paar Handgranaten und Pistolen.
Wir hatten einige Dosen Konservenfleisch, Speck usw. verstaut, aber in
der Hauptsache bestand der Proviant nur aus Hartbrot und Wasser.
Nautische Apparate und Sextanten waren eingebaut. Außerdem nahmen wir
die Handharmonika und ein liebes plattdeutsches Buch mit. Alle wollten
natürlich mitgehen, aber ich konnte nur die wählen, deren Gesundheit
zurzeit am günstigsten stand. Leutnant Kircheiß, Steuermann Lüdemann,
Maschinist Krause, Obermaat Permien und Obermatrose Erdmann bildeten die
Besatzung. Ich selbst war froh, daß ich als Kommandant, der sein Schiff
verloren hatte, einen fahrbaren Unterschlupf fand, und wenn es auch nur
ein kleines Boot war. Auf Mopelia ging das Kommando auf Leutnant d. R.
Kling über.
[Illustration: »... Alle wollten mitgehen.«]
Klar unter Segeln lag unsere »Kronprinzessin Cäcilie«, der kleinste
Kreuzer der deutschen Marine. Der Augenblick des Abschieds rückte heran.
Nochmals ein kerniger Händedruck, das Band, das die 64 bisher so eng und
fest umschlungen hatte, war aufgelöst. Es war als ob die Seele in zwei
Hälften zerrissen würde. Erst jetzt kam es zum Bewußtsein, was uns jeder
der Kameraden gewesen war und was uns nunmehr bevorstand. War es auch
ein stolzes Gefühl, daß unsere winzige Kriegsmacht die deutsche Flagge
wieder auf mehrere Punkte ausbreiten konnte, so sahen uns doch die
Zurückbleibenden zweifelnd nach. Jeder bangte bei sich: »Kann das kecke
Boot schwerem Wetter standhalten?« Es war keine Stimmung für Hurrarufen,
nur die feste, ruhige Zuversicht erfüllter Pflicht. Dann lösten wir uns
vom Lande, zwei deutsche Flaggen wehten nun wieder im weiten Ozean, eine
von der Kokospalme, eine über dem Boot. Unsere Seegewalt stand im
Verhältnis zu der Größe unseres Inselreiches, aber solange deutsche
Herzen schlugen, war in diesem Miniaturkrieg doch ein erhebendes
Streben.
[Illustration:
»Kronprinzessin Cäcilie«, der kleinste Kreuzer der deutschen Marine.]
Als wir unseren »Seeadler« passierten, lag das Wrack zusammengesunken
da, schon rotbraun gefärbt von der Brandung, die Masten zerbrochen.
Aufgelüftet von einer Dünung bewegte sich das Schiff wie etwas
Lebendiges. Es war als ob es atmete, sich zu heben versuchte, sich noch
einmal aufrichten wollte, um Abschied zu nehmen, ja, als ob es mit uns
sterben wollte, und dann doch wieder ohnmächtig in seinen Fesseln lag.
Dann glitt unsere Nußschale in die See hinaus und schwamm wie ein
lebender Punkt immer weiter in die Tiefe des Ozeans. Aus der umdunsteten
Ferne, in der die Insel schon verschwunden war, leuchteten uns zuletzt
nur die Goldbuchstaben von der Schiffswand nach. ... »Irma«! Wir aber
strebten hinweg.
Vierzehntes Kapitel.
Zweitausenddreihundert Seemeilen im offenen Boot.
Mein Leutnant Kircheiß malte stolz mit Blaustift auf die erste Seite
unseres Logbuches den Namen »Kronprinzessin Cäcilie«. Unser Schiffchen
machte bei anfänglich herrlichem Wetter durchschnittlich pro Stunde vier
Seemeilen Fahrt. Der Kurs ging auf die etwa dreihundert Seemeilen
Westsüdwest entfernt liegende Insel Atiu zu.
Wir hatten für zwei Monate Hartbrot, für drei Wochen Wasser mit. Ich muß
nun die Einrichtung unserer neuen Häuslichkeit etwas näher beschreiben.
Da unser Boot so voll war, daß man nur auf allen Vieren von vorn nach
achtern kommen konnte, so hatten wir unser Hartbrot gleich von
vornherein in die seitlichen Lufttanks gepackt; auch die Getränke,
photographischen Apparate und der so notwendige Tabak war nebst einigem
Unterzeug an diesem einzigen, auch bei schlechtem Wetter trockenen Platz
verstaut, worunter allerdings die Schwimmfähigkeit des Bootes bedenklich
litt. Wir besaßen vier Matratzen, so daß gleichzeitig vier Mann
ausgestreckt liegen konnten, davon aber auch zwei nur halb, denn wenn
man auf den beiden vorderen Matratzen lag, kam man immer unklar mit den
Beinen zwischen Tauwerk und Belegnägel der Nägelbank. Als Kulturzubehör
hatten wir sechs Emailleteller, sechs Paar Messer und Gabeln, sechs
Moggen, einen Kaffeekessel, 20000 Mark und einige Rollen Klosettpapier
bei uns. Das Klosett bestand allerdings aus dem Vordersteven, der bei
den Stampfbewegungen des Schiffes häufig untertauchte, eine
Wasserspülung eingreifendster Art, die aber oft verfrüht kam; man mußte
sich dabei an einem dünnen Stag halten, der beim Rollen des Schiffes den
Körper hin- und herpendeln ließ. Fürchterlicher als diese äußeren
Erschwerungen wurde uns freilich die Hartleibigkeit, die aus dem
Bewegungsmangel und der Brot- und Wasserkost entstand.
Zu dem erwähnten Schiffsinhalt kamen noch die Wasserfässer, der Motor,
die Duchten usw., was mit den Lufttanks zusammen den meisten Platz
wegnahm. So begreift man kaum, wie sich noch sechs Menschen in diesen
Patentschlitten hineindrücken konnten. Um etwas Schutz gegen Regen und
See zu haben, hatten wir rings um das Boot am Dollbord ein breites
Segeltuch angenagelt. Dieses wurde bei schlechtem Wetter nach mitschiff
herübergeklappt und dort mit der gegenüberliegenden Seite
zusammengezurrt. Damit nun das Segeltuch nicht unmittelbar auf der Nase
lag, waren von zwei zu zwei Metern eiserne Bügel querüber befestigt.
Ohne diese Vorkehrung wären wir häufig vollgeschlagen und fast mit
Sicherheit ertrunken.
Hat der Leser wirklich noch niemals eine Reise im kleinen Boot mit knapp
einem Fuß Freibord über eine sturmzerwühlte See gemacht? Wenn nicht,
dann sollte er dies bei der ersten Gelegenheit nachholen. Doch
empfiehlt es sich, den Magen vorher einer guten Probe zu unterziehen,
etwa wochenlang täglich ein paar Stunden in einer hochaufgehängten
Schaukel zuzubringen, an welcher mehrere Seile angebracht sind. An jedem
muß ein halbwüchsiger Junge kräftig und unsystematisch ziehen. Nun geht
es abwechselnd rechts, links, auf, ab, kreuz, quer. Das Gefährt darf die
Pfosten nicht immer frei passieren, sondern soll durch Gegenrammen
manchmal eine kleine Abwechslung in das Spiel bringen. Bisweilen muß dem
Insassen der Inhalt eines mit kaltem Salzwasser gefüllten Eimers in
weitem Bogen ins Gesicht geschleudert werden. In einigen Wochen wird
sich der Magen an die Bewegung gewöhnt haben, und der Abenteuerlustige
braucht die Schönheit einer solchen Reise nicht mehr allzusehr zu
fürchten.
[Illustration:
Die Besatzung der »Kronprinzessin Cäcilie«.
(Aufnahme ein Jahr später, in »erholtem« Zustand. Die Originalaufnahmen
von der Bootsfahrt sind von den Engländern als Kriegsbeute einbehalten
worden.)]
Wir nannten unser Boot im allgemeinen nur den Zigeunerwagen des Ozeans
und fühlten uns auf dem besten Weg, große Taten zu vollbringen. Nur das
»Wenn« und das »Aber« hat uns später einige Hindernisse in den Weg
geworfen.
Morgens um sechs Uhr wurde durch die beiden Wachmannschaften der
Kaffeekessel gefüllt, was mit der kleinen Pumpe rund zehn Minuten
dauerte. Das Kochen wurde unter den schwierigsten Umständen mit einer
Lötlampe bewerkstelligt. Sobald etwas Brise war und das Boot
schlingerte, gelang es nicht, das Wasser zum Sieden zu bringen; dann
waren wir froh, anstatt Kaffee wenigstens etwas angewärmte
Kaffeebohnensuppe zu bekommen. In den späteren entsetzlichen Tagen
dieser Bootsfahrt haben wir überhaupt nichts Warmes, so wenig wie
Trockenes zu essen bekommen. Freundlich dagegen war das Bootsleben in
den ersten Tagen. Um acht Uhr standen die vier andern von ihrem Lager
auf, wuschen sich mit Salzwasser und, wenn alles seine Ozeankultur
vollzogen hatte, setzten wir uns hinten in den Kokpit, den einzigen
freien Platz, und nahmen den Kaffee mit Hartbrotstullen ein. Dann wurde
die Vormittagsstandlinie ausgerechnet, »Betten« gemacht, Moggen
gewaschen und Messer geputzt. Um 10 Uhr konnte man sich bei gutem Wetter
geistigen Interessen hingeben, und da unsere Bibliothek nur für einen
reichte, so etablierte sich Lüdemann als Vorleser und gab uns einen
Strämel aus der »Reis' nach Konstantinopel« zum besten. Fritz Reuter war
so ziemlich das einzige, was uns auf der ganzen Reise trocken zu halten
gelang. Hätte Reuter gewußt, daß er einmal sechs deutschen Seeleuten
mitten im Stillen Ozean die einzige Erquickung ihres Daseins würde, er
hätte sich über seine ollen Kamellen doppelt gefreut.
Gegen 12 Uhr wurde wieder Nautik getrieben, das Mittagsbesteck
ausgerechnet und zum Diner klar gemacht, das wir, wieder alle um den
Kompaß gelagert, einnahmen. Der Nachmittag war meist unangenehm; in der
Hitze ohne Schatten immer auf einem Punkte sitzend wurde man zuletzt
ganz brägenklöterig. Mit Wassertrinken mußten wir sparsam sein; man
durfte den Durst nie völlig löschen.
Am späteren Nachmittag wurde wieder etwas gelesen und Tagebuch
geschrieben, gevespert und zu Abend geschmaust, und den Abend machte uns
die Handharmonika gemütlich, zu der wir sangen. Manches alte deutsche
Volkslied und mancher Gassenhauer verhallten in dem weiten Ozean. Dann
noch ein wenig geklöhnt, bis Morpheus als siebenter Mann unsern Kahn
bestieg. Nachts war es meist empfindlich kühl, was wir aber bei dem
anfänglichen guten Wetter noch nicht so bemerkten, solange unsere
Kleider trocken waren. Ungemütlich wurde es, wenn ein Walfisch
nebenherschwamm, wir verzichteten gern auf die Nähe seiner Fontänen.
Die Navigation erwies sich in einem solchen winzigen Fahrzeug als recht
schwierig. Man kann die Karten auf keinen Tisch legen, alles weht bei
der geringsten Unachtsamkeit über Bord. Man sollte im rollenden Boot
rechnen und beobachten, mit steifen Händen. Wenn wir unsere nautischen
Tafeln, Hefte, Karten, Logarithmen und Bücher, die vor Nässe klebten,
zum Trocknen in die Sonne legten, schwollen sie auf wie Pferdekadaver.
[Illustration:
(Phot. R. Hofmann, Kassel.)
»... zum erstenmal bewohntes Feindesland.«]
Wir spähten nun also nach Schiffen aus und suchten in den feindlichen
Häfen danach. Am dritten Tag unserer Fahrt kamen wir zur ersten Insel
der Cookgruppe, Atiu, und betraten zum erstenmal bewohntes Feindesland.
Ich begab mich mit Kircheiß durch die unser seltsames Fahrzeug
bestaunenden Eingeborenenhaufen hindurch in das Amtsgebäude des
britischen Residenten. Der Herr lag auf seiner Veranda ausgestreckt in
Hemd und Hose und erhob sich nicht, als wir eintraten. Die gottgewollte
Notwendigkeit, daß alles Erdreich, sei es noch so fern und klein, von
Angelsachsen beherrscht wird, stand auf seinem Gesicht geschrieben.
»Mein Name ist van Houten,« begann ich dem mißtrauisch blickenden
Residenten auf englisch zu erzählen, »und dies hier ist mein Chief
Offizier Southart«. Dann gab ich Kircheiß das Wort, der besser englisch
sprach, und dieser fuhr fort:
»Wir sind Amerikaner von holländischer Geburt. Wir haben vor ein paar
Monaten im holländischen Club zu San Franzisko gewettet, von Honolulu
mit einem offenen Boot über die Cookinseln nach Tahiti und zurück nach
Honolulu zu segeln. Die Wettsumme beträgt 25000 Dollar. Wir sind
verpflichtet, bestimmte Plätze anzulaufen. Darum, mein Herr, seien Sie
so freundlich uns einen Ausweis zu erteilen, daß wir hier gewesen sind.
Auch wünschen wir Wasser, Konserven und frische Früchte einzunehmen«.
Dem Residenten schien unsere Sache etwas übergewagt, aber sein Gesicht
hellte sich auf. Er fragte nicht nach Logbuch und Papieren; auch hatte
er als stolzer Brite die Beschäftigung mit fremden Sprachen offenbar so
völlig verschmäht, daß er das Plattdeutsch, das Kircheiß und ich
untereinander sprachen, für Holländisch nahm, obwohl er den Burenkrieg
mitgemacht hatte. Er verwickelte uns darauf in ein Gespräch über den
Krieg, den er verurteilte, da er nur der gelben Rasse nütze. Vor den
Taten der Deutschen hatte er starken Respekt. Natürlich hüteten wir uns,
Deutschland zu rühmen.
Nach einer Viertelstunde gesellte sich ein französischer Missionar
hinzu, der, entzückt, als ich ihn mit ein paar französischen Brocken
ansprach, als glühender Patriot uns sofort zu sich einlud, mit einer
Grammophon-Marseillaise empfing und köstlich bewirtete, wobei natürlich
die Deutschen im Gespräch nicht geschont wurden. Auf dem Wege zu seinem
Missionshaus genossen wir die Pracht der Insel; in wilder Harmonie
wuchsen zu beiden Seiten Kokospalmen, Bananen, Mangos, Apfelsinen und
viel anderes Tropengewächs. Auf dem Rückweg schlenderten wir durch die
Dorfstraße und gaben den schönen Häuptlingstöchtern Gelegenheit, auch
einmal ein Auge voll von diesen Wettefritzen zu nehmen. Mit betäubenden
Blumensträußen und allerhand entzückenden Einladungen für später
beglückt gingen wir zum Boot zurück. Dann besuchte ich noch einmal den
Residenten, um ihn über den Schiffsverkehr auszuhorchen. Leider war die
Ankunft irgendeines Seglers ganz unbestimmt, so daß wir unsere Hoffnung
nun darauf richten mußten, erst in Aitutaki ein Beuteobjekt
anzutreffen. Dorthin segelten wir weiter. Der Ausweis des Residenten von
Atiu sollte uns gute Dienste leisten.
Das Wetter hatte sich verschlechtert. Unaufhörliche Regenböen
durchnäßten alles und schwere Seen schlugen dauernd ins Boot. Wir haben
manchmal in einer Stunde 250 Eimer ausgeschöpft. In den ganzen letzten
25 Tagen unserer Fahrt wurden wir nie wieder recht trocken. Sämtliche
Wolldecken, Matratzen, überhaupt alles was nicht in den Seitentanks
verstaut war, durchnäßte vollkommen. Wir froren unbeschreiblich und
bekamen nur selten noch den Kaffee warm. Auf den durchweichten
Matratzen, unter den nassen, bleischweren Decken konnte man nicht mehr
schlafen und freute sich darauf, Wache zu haben, um durch die Bewegung
des Arbeitens etwas Wärme zu gewinnen. Der Segeltuchbezug hielt nicht
mehr dicht. Spritzwellen hinderten das Trocknen der Sachen, wenn einmal
der Regen aussetzte.
Einmal sahen wir dicht vor unseren Augen eine Wasserhose sich bilden.
Zuerst zieht ein feiner, wirbelnder Sprühregen dicht an der
Wasseroberfläche die Aufmerksamkeit auf sich. Allmählich dreht sich der
Wirbel immer heftiger, immer breitere Wassermassen mit sich reißend, und
dann sieht man oben am klaren Himmel ein schwarzes Gewitterwölkchen, das
trichterförmig nach unten ausläuft. Plötzlich schießen der kreisende
Wirbel auf der Wasserfläche und der Wolkenzapfen zusammen; ein Rauschen
und Tosen der Wassermassen, Himmel und Wasser sind durch eine
riesenhafte Säule verbunden. Diese himmelhohe Wand bewegt sich vorwärts.
Das kleine Boot liegt totenstill, kein Luftzug regt sich um uns. Herr
Gott, wenn dieser wandernde Gigant auf uns herniederbricht! Wie sollen
wir ausweichen? Unwillkürlich dreht der Mann am Steuer immer wieder ab,
doch das Schiff bewegt sich nicht. Da plötzlich, Gott sei Dank, bricht
das rauschende Ungeheuer mit betäubendem Klatschen in sich zusammen,
eine mächtige Dünung hinterlassend. Mehreren Wasserhosen entrannen wir
nur durch glücklichen Zufall.
Bei Aitutaki angelangt, fanden wir leider den erwarteten Schoner, den
wir kapern wollten, nicht. Wir beschlossen trotzdem, an Land zu gehen,
in der Hoffnung, über Schiffsverkehr etwas zu hören und eine Nacht
trocken zu schlafen und unseren erschöpften Körper auszuruhen. Es war
der 30. August.
Auf der Mole stand zwischen ein paar hundert Eingeborenen der Resident
und erwartete die seltsamen Gäste. Wir hatten unsere holländische
Abstammung in eine norwegische umgewandelt, da uns schon in Atiu die
Nähe holländischer Landsleute angekündigt war, auf deren intime
Bekanntschaft wir keinen Wert legten. Nur dem Obermaat Permien, der
etwas holländisch sprach und sonst keine fremde Sprache, überließen wir
die Freude dieser landsmannschaftlichen Begrüßung, gaben ihm aber vorher
etwas Unterricht in Schwerhörigkeit.
Der Resident sah mit seinem Kneifer aus wie Präsident Wilson und brachte
uns das denkbar größte Mißtrauen entgegen. Er schickte gleich einen
norwegischen Zimmermann aufs Boot, mit dem sich glücklicherweise
Lüdemann fließend unterhalten konnte, so daß dieser Zeuge warm für uns
eintrat. Unser Wilson verfolgte nun einen recht schlauen Plan, um uns
auszuforschen, indem er uns trennte, obwohl wir alle Ausflüchte
versuchten, um beisammen zu bleiben. Wir wurden aber so dringend in die
einzelnen Honoratiorenhäuser zum Bad und Essen eingeladen, daß wir nicht
widerstreben durften. Ich nahm mir eine Handgranate in die Tasche und
ebenso die andern. Mit dem Trocknen unserer Sachen war es wieder nichts,
weil die Insulaner unser Boot dicht umlagerten, so daß wir die Decken,
unter denen unser Waffenlager steckte, nicht aufheben durften.
Während ich beim Kaufmann Low und Kircheiß beim Residenten aßen, gingen
zwischen unsern beiden Gastgebern fortwährend durch Boten kleine Zettel
hin und her. Offenbar verabredeten sie darauf die an uns zu stellenden
Fragen und verglichen die Antworten. Wir strebten, sobald wir konnten,
wieder zusammenzukommen. Am Boot erzählte uns Lüdemann, der Norweger
hätte uns gewarnt, man hielte uns für Deutsche und wollte das Boot an
den Strand holen. Wir verabredeten darauf, daß immer zwei von uns im
Boot bleiben und sobald sie etwas hörten, die Landungsbrücke mit
Maschinengewehrfeuer bestreichen sollten; wir andern würden uns dann
schon durchschlagen. Dann gingen wir, in Erwartung des vom Residenten
versprochenen Ausweises, erst mal in den Kaufladen, um unsern Vorrat
aufzufüllen. Als Permien dort vor der Tür stand, trat ein holländischer
Missionar auf ihn zu und verwickelte ihn ins Gespräch. Permien mußte
aber dringend zum Boot zurück und statt dessen unterhielt Erdmann den
Himmelslotsen mit ein paar holländischen Brocken. Er lud uns alle ein,
wir waren aber schon vergeben. Der Kaufmann, Herr Low, brachte uns
illustrierte Zeitschriften an und bestaunte darin die deutschen
Schützengräben usw. In seinem Laden fanden wir noch allerlei Waren
»_Made in Germany_«, und als wir ihn darauf hinwiesen, sagte er, er freue
sich, daß dies die letzten Restbestände wären; neue deutsche Waren
würden nie mehr nach der Insel kommen. Von der Größe und ausgebreiteten
Handelsmacht unseres alten Vaterlandes erhielten wir so auf Schritt und
Tritt einen neuen Begriff. Aber wir durften uns nichts anmerken lassen,
und unsere ungemütliche Lage auf beinahe verlorenem Posten war ein
Abbild der traurigen Vereinsamung, der unser ganzes liebes, einst so
großes Vaterland entgegenging. Damals aber hofften wir noch auf den
Sieg, und wenn alle in der Heimat so durchgehalten hätten wie unser
kleines schiffbrüchiges Häuflein, so würden auch deutsche Waren wieder
rasch den Weg in alle Erdenwinkel finden. Denn der Respekt vor unserem
Volk und Staat war unermeßlich groß; immer wieder hörten wir bei
solchen, die uns für Nichtdeutsche hielten, die Besorgnis aussprechen,
Deutschland würde noch die ganze Südsee annektieren und ähnliches mehr.
Wir wurden dann eingeladen, in den einzelnen Häusern zu übernachten. So
gern wir das getan hätten, nahmen wir es doch nicht an, da es offenbar
nur eine Falle war. Wir hätten dann wohl bis Kriegsende dort bleiben
müssen.
Endlich ließ uns Wilson rufen, forschte nach meinen Schiffspapieren und
fragte mich nach allerlei Namen und Daten. Auf meine Frage, warum er das
wissen wollte, erwiderte er: »Die Leute halten Sie für Deutsche. Ich
weiß, daß Sie es nicht sind, und möchte die Leute beruhigen.« Wilson
schwankte offenbar zwischen dem Wunsche, uns dazubehalten, und der
Furcht vor einem Kampfe. Ich fühlte nach meiner Handgranate und hakte in
der Tasche den Karabinerhaken auf den Zünder und dann gingen wir mit dem
Residenten, umgeben von Hunderten von Eingeborenen, hinab zum Boot. Auf
der Landungsbrücke fragte ein langer Kerl mit englischer Militärmütze,
der in Flandern gewesen war, den Residenten, ob er uns festnehmen solle.
Ich flüsterte Wilson zu: »Wenn ihr hier Geschichten macht, schieße ich
den Kerl über den Haufen.« Die Antwort war: »Reden Sie doch so etwas
nicht.« Dann blieb ich auf der Landungsbrücke sitzen, während der
Resident sich ins Boot begab, um unser Logbuch einzusehen und das Boot
zu durchsuchen, wozu ihn weniger sein eigener Mut, als die uns durch den
Norweger verratene Forderung der ganzen Bevölkerung trieb.
Das Logbuch war natürlich nicht aufzufinden. War es nicht über Bord
gefallen? Doch konnte Kircheiß das Tagebuch eines früher von uns
gekaperten amerikanischen Schoners überreichen, das wir wegen seiner
geographischen Auskünfte mitgenommen hatten. Leider lag in diesem
ungewöhnlichen Schiffsbuch auch unser Chronometertagebuch. Auf der
ersten Seite war in fetter Schrift »Kaiserliche Marine« mit dem
Reichsadler vorgedruckt. »Was ist das für eine Sprache?« fragte der
Resident. »Das weiß ich auch nicht«, sagte Kircheiß, »wir haben das Buch
in Honolulu bekommen.«
»Und was heißt hier >Gang und Stand?<«, fragte Wilson, indem er die
handschriftlichen Seitenvermerke über den Zahlen mit dem Finger
betippte.
»Das ist norwegisch«, sagte Kircheiß, »für Navigation.«
Wilson zog es vor, ihm zu glauben. Wir hatten im Augenblick zweifellos
die militärische Übermacht. Im Vorbeigehen lüftete der Resident ein
bißchen die Decken. Da lag eine Mauserpistole. Er deckte sofort wieder
zu und sagte zu Kircheiß: »Lassen Sie das die Menge nicht sehen.« Alles
war klar zum Gefecht: Maschinengewehr und Bajonette, und die
Handgranaten hingen eine neben der anderen aufgereiht, daß wir sie nur
so wie vom Apfelbaum herunterzupicken brauchten. Der Resident war schon
ganz blaß geworden. Er rief seinen Begleitern, die auf der Brücke
standen, zu: »Boys, es ist alles in Ordnung.« Ich stieg zu ihm ins Boot.
»Decken Sie das zu«, sagte er kreidebleich und zeigte auf die
Handgranaten, und dann wieder zu der Menge: »Ich finde nichts. Es sind
harmlose Leute, Sportsleute.« Und dann zu mir leise: »Nehmen Sie mich
bitte nicht mit.«
Wir wollten erst in ein paar Stunden fahren. Wilson zog aber die Uhr und
sagte: »Gentlemen, es ist besser, Sie fahren sogleich ab.« Dann stieg er
aus, ich mit ihm, und wir schnakten der Form halber noch ein bißchen am
Strand, während Kircheiß gemütlich ins Dorf zurückging, um ein paar
Apfelsinen abzuholen, die uns versprochen waren. Den erbetenen Ausweis
hatte der Resident schon geschrieben. Der eingeborene Lotse meinte nun,
wir könnten erst in einigen Stunden fahren. Da herrschte ihn der
Resident aber an, es müßte sofort möglich sein. Ich stand ihm bei und
wir beiden Weißen spielten zusammen eine Karte, damit die Schwarzen mit
ihrem Verdacht nicht recht behielten, und den Weißen Unannehmlichkeiten
bereiteten. Der Resident aber wußte genau, wen er vor sich hatte.
Als Kircheiß zurückgekehrt war, verließen wir diese kitzliche Ecke. Wir
waren nun wieder auf hoher See und sahen 13 Tage lang kein Land. Trocken
ist das Boot nie mehr geworden.
Die furchtbarste Leidenszeit sollten wir jetzt auf dieser Fahrt
durchmachen, schwere Kämpfe mit den Elementen, Tag und Nacht ohne
Schlaf, nur damit beschäftigt, das Boot gegen das stürmische Wetter über
Wasser zu halten und das ins Boot schlagende Wasser mit Eimern wieder
auszuschöpfen. Drei Tage lang fuhren wir durch ein Bimssteinfeld, das
durch einen unter Wasser liegenden Vulkan ausgeworfen war. Hier lag das
Ursprungsgebiet des Seebebens, das unsern »Seeadler« vernichtet hatte.
Unter diesem Bimsstein hatten wir insofern schwer zu leiden, als er
durch das über Bord kommende Wasser mit ins Boot geschlagen wurde. Alles
war unbeschreiblich klatschnaß und von knirschendem Bimssteinsand
beschmutzt. Alles schwabberte im Wasser, und trotzdem regnete es immer
weiter. Wohl kann ich am Tage naß sein, wenn ich abends eine Koje habe,
aber kein Dach und Fach! Der Körper rauchte infolge der Kälte. Dazu als
Nahrung nur Wasser und hartes Brot. Wir verfielen tiefer Erschöpfung.
Die Matratzen hatten wir längst über Bord geworfen, weil sie nicht mehr
trockneten. Am Tag brannte zwischendurch mal die heiße Tropensonne auf
die Haut, und nachts besaß man gegen die bittere Kälte keinen anderen
Schutz als nasse Decken. Die Wasservorräte wurden knapp, und wir wagten
unsern Durst nie mehr zu löschen. Sogar den köstlichen Speck, den wir
mithatten, und nach dem wir förmlich lechzten, durften wir nicht mehr
anrühren, um den Durst nicht noch mehr zu reizen. Tantalusqualen! Und
dazu die weite Wasserfläche, die uns mit ihrem kristallklaren Naß
fortwährend höhnte und an den Durst erinnerte. Regenwasser im Segel zu
sammeln, mußten wir bald aufgeben, da das Segel durch den ewigen
Wasserdampf des Meeres ebenso salzüberzogen war wie alles im Boot, und
nur brackiges Wasser hergab. Wir gewöhnten uns unbewußt an, an den
Fingern zu saugen und die Hand zu benagen, um den trockenen Gaumen, der
wie ein Reibeisen war, durch Speichel zu erfrischen. Eben erst genesen,
wurden wir wieder skorbutartig krank. Unsere Gelenke waren stark
angeschwollen, besonders die Kniegelenke. In einem Schiff, dessen
Kleinheit dem Körper die nötige Bewegung entzieht, verkommt man völlig
bei längerem Aufenthalt. Stehen konnten wir nicht mehr. Die Zunge war
angeschwollen, das Zahnfleisch schneeweiß, die Zähne saßen locker und
schmerzten, und damit sollte man dieses harte Brot kauen! Was hätte man
für eine warme Mahlzeit, ein trockenes Lager, ein wenig freie Bewegung
oder sonst eine bescheidene Erholung gegeben! Schließlich ist der Mensch
doch keine Amphibie. Große Schmerzen litten wir auch, wenn beim Hin- und
Herschlagen des Bootes die stark angeschwollenen Kniegelenke anstießen.
Schwerer Druck von innen nach außen lag auf den Augen. Wir konnten nicht
mehr und wurden uns selbst zum Überdruß. Permien machte sich Striche am
Körper, und wir beobachteten, wie das Wasser von Tag zu Tag in den
Gliedern stieg und sich ausdehnte; wir bildeten uns ein: nur bis zum
Herzen geht es. Jeder sagte: »Ich bin der erste, der geht.« Wir waren so
müde und sollten immer wieder kämpfen! Wir wurden gleichgültig, warum
sollten wir uns anstrengen, das bißchen Leben zu retten? In solchen
Tagen zieht man den Tod vor, und wie wir schon das Ballasteisen
hervorholten, denn wir wollten alle sterben, da war doch einer stark,
und dieser eine ergriff unsern Tröster, unsern Fritz Reuter. Wie
erfrischt uns der Humor, und der Mut kommt wieder: »Ne, wi wüllt wedder
to Hus, wi wüllt nich dod gahn.« Der Gemütskranke ist wie ein Kind; das
Buch hat ihm wieder die Heimat gezeigt, unermeßliches Heimweh
durchströmt ihn und lenkt ihn von der Todessehnsucht ab. Ein Lichtpunkt!
Nur heim zu dem Land, das solche Menschen hervorgebracht hat. Eine
gewisse Umnachtung war eingetreten. Klar denken konnte man nicht mehr,
das Gehirn war wie ein Baumwollknäuel. Richtigen Schlaf gab es nicht
mehr, aber fortwährend nickte man ein, auch wenn man am Steuer saß. Man
lebte in einer ganz andern Welt. Nur eines ging immerzu fort, der Trieb,
gute Reise zu machen, nur keinen Wind unausgenützt zu lassen, keine
Stunde zu verlieren. Immer weiter, immer weiter! Jede Stunde brachte uns
der Erlösung näher. Und weiter kämpften wir.
Da kommt eines Morgens die kleine englische Insel Niue in Sicht. Wir
mußten uns frische Nahrungsmittel verschaffen, wenn wir nicht umkommen
wollten. Es ist immer ein Ereignis, wenn sich ein Boot einer Insel
nähert. Wir sehen, wie die Eingeborenen den Landungsstellen zuströmen,
machen ein Maschinengewehr klar, legen Gewehre bereit und heißen vor
allem die deutsche Kriegsflagge. Bei allen Versenkungen hatten wir keine
Waffe gebraucht, nur der Respekt vor unserer Flagge war es, der die
Feinde auf die Knie zwang. Warum also schießen, warum Waffen anwenden,
wenn wir sie bisher nicht gebraucht hatten? Die Leute am Landungssteg
können die Flagge noch nicht recht erkennen. Vorsichtig steuern wir an
und bleiben in einem gewissen Abstand liegen. Nun erkennt die Menge die
deutsche Flagge, und wie erstaunt sind wir, als sie rufen: »Ihr
Deutsche, ihr großes, herrliches Volk, kommt herüber zu uns, ihr kämpft
ja gegen die ganze Welt! Wir sind auch Krieger, aber wir haben nicht mit
allen Inseln gegen eine gekämpft.« Sie zeigten auf einige Leute, die
abseits standen: »Hier unsere Kameraden sind mit großem Klimbim von der
Insel heruntergeholt worden, um gegen euch zu kämpfen. Als sie aber das
Westfrontklima nicht vertragen konnten und Krankheiten bekamen, von
denen sie keiner heilen kann, sind sie als Nummern zurückgeschickt
worden.«
[Illustration: Vulkanische Südseeinsel. Die Lava tritt ins Meer.]
Man muß die Eingeborenenseele kennen, um zu verstehen, warum sie so
deutschfreundlich waren. Diese oft so edlen Rassen, die aber seit
Menschenaltern unter Fremdherrschaft stehen, haben selbstverständlich
gegen ihre Beherrscher vieles auf dem Herzen. Sie hegten eine natürliche
Achtung vor uns als dem großen Feind der Engländer. Dazu kommt, daß der
Eingeborene als Gentleman-Krieger empfindet und einen hochentwickelten
Sinn für die Kriegerehre und für den Kampf Mann gegen Mann hat. Die
Hetzjagd der ganzen Welt gegen das umstellte deutsche Volk verletzte
sozusagen ihr sportliches Gefühl, und zugleich erhöhte es unser Ansehen,
daß wir uns so gewaltig wehren konnten. Die Schwarzen waren über die
Weltereignisse erstaunlich gut unterrichtet. Abends kommen sie zusammen
und »palavern«, die Alten erzählen. Sie haben gehört, Amerika,
Frankreich, England, Australien, Neuseeland, alles kämpft gegen
Deutschland, _all, all people_, und dann denken sie, so ein Land wie
Deutschland müsse doch in kurzer Zeit zerquetscht werden. Aber sie hören
von ihren Leuten, die krank zurückkehren, daß die Deutschen immer noch
tief in Frankreich stehen, und es sind schon Jahre. Da werden sie
mißtrauisch und machen sich ihre Gedanken. Nun taucht da auf einmal ein
deutsches Schiff auf, sie sehen die deutsche Flagge und fragen sich:
»Was, die Deutschen kommen bis hierher?« Sie sind gar nicht erstaunt,
daß wir in einem kleinen Boot kommen. Sie nehmen es als
selbstverständlich an; wenn ein Volk gegen die ganze Welt kämpft, muß
jeder kleine Kahn verwendet werden. Gerade in denselben Wochen ereignete
sich auch der denkwürdige Besuch eines deutschen Fliegers über Sidney;
es war »Wölfchen«, das Flugzeug, welches »Wolf«, der zweite deutsche
Hilfskreuzer in der Südsee neben »Seeadler«, zum Besuch der
australischen Hauptstadt aufflattern ließ. Die Beunruhigung der
Engländer durch diese Allgegenwart der Deutschen -- haben sie doch sogar
die Existenz »Wölfchens« durch die Zensur ableugnen lassen -- erhöhte
nur die stille Freude der Eingeborenen.
Wir sehnten uns unsäglich, in Niue an Land zu kommen, aber eins hielt
uns zurück: Das Volk, das uns Deutsche so bewundert, soll seinen ersten
Eindruck von den Deutschen bekommen, wie sie auf Krücken längs rutschen?
»Ne, as Krüppel goht wi nich an Land.« Sitzend nahmen wir die
Huldigungen entgegen und verheimlichten, daß wir nicht stehen konnten.
Wir baten nur um etwas Frisches und sagten, daß wir nicht kommen
könnten, da wir Befehle hätten, anderswohin zu fahren. Sie brachten
Bananen, die Frucht, die am günstigsten gegen unser Leiden wirkte. Wir
dankten ihnen, dippten mit klammen Fingern unsere Flagge und unter
Jubelzurufen gingen wir wieder in See. Gott sei Dank, Bananen, etwas,
was man mit den losen Zähnen beißen konnte. Bald merkte man, daß der
Körper wieder etwas Frische bekam, und langsam ging das Leiden zurück.
Das Suchen nach feindlichen Schiffen, die Hoffnung, endlich ein
Kaperziel zu finden, trieb uns weiter und bewahrte uns vor der
Verzweiflung.
Am 22. Tag unserer Fahrt steuerten wir eine östliche Insel der
Fidschigruppe, Katasanga, an, und endlich nach dem vielen Sitzen und
krank von Rheumatismus konnten wir uns wieder auf festem Land frei
bewegen.
In dem zurzeit unbewohnten Haus des weißen Plantagenleiters fanden wir
unter anderem eine alte Nummer der deutschen Auslandszeitschrift »Das
Echo« und empfanden beim Durchblättern wieder einmal die ganze Größe und
Ausbreitung unserer Weltstellung bis zum Krieg. Als der Krieg ausbrach,
scheint der deutsche Pflanzer verjagt worden zu sein; er soll sich an
einer wilden Stelle der Insel versteckt gehalten haben. Seine englischen
Nachfolger haben das Haus traurig verwahrlosen lassen. Trotzdem war uns
darin zwei Tage himmlisch wohl.
Von hier aus setzten wir unsere Reise fort nach dem Gebiet der großen
Fidschiinseln. Wir lagen geschützt in einem Golf, der von Inselgruppen
umgeben war. Es war abends. Da wir den Tag abwarten wollten, um den
Schiffsverkehr auszuspähen, machten wir die Segel fest, legten uns vor
Seeanker, ließen uns treiben und schliefen endlich einmal aus. Morgens
um drei Uhr weckt uns Krause mit einem Schreckensruf: »Wir werden aufs
Riff geworfen!« Wir stolpern auf und sehen die weiße Brandung wie eine
Mauer vor uns. Rettung schien unmöglich; wir waren durch die Strömung
schneller getrieben, als wir vor Seeanker annahmen, und sahen den
Untergang vor Augen. Das einzige war, mit dem Segel etwas zu versuchen.
Indes stand der Wind gegen Land. Trotzdem setzten wir die Segel; höchste
Spannung: Kommen wir klar? Läßt die Strömung, der Winddruck und der
Grundriß des Riffs unser Hasardspiel gelingen? Immer näher treiben wir
der tosenden Brandung, Wind und Strömung sind gegen uns. Keiner spricht
ein Wort, jeder sieht schon in den gurgelnden Wirbeln das Boot wie einen
Spielball umgedreht und zerschmettert über die Korallen getrieben. Da,
im letzten Augenblick, winkt uns Erlösung; das Riff hebt sich nicht in
gerader Linie, sondern biegt knieförmig ab. Das war unsere Rettung, und
wir konnten uns freisegeln.
Als wir dicht unter Wakaya-Insel Landschutz suchten, wurden wir von Land
gesichtet, und ein Boot fuhr uns entgegen, um uns Schiffbrüchigen Hilfe
zu bringen. Wir mußten also anlegen. Im Hafen fanden wir eine Anzahl
Schiffe, die des Sturmes wegen vor Anker lagen. Nun hatten wir die
Erklärung dafür, weshalb uns draußen keines der ersehnten Fahrzeuge
begegnet und unsere mit so ungewöhnlicher Anstrengung unternommene
Kriegsfahrt bisher ohne Erfolg geblieben war. Nun lagen wir also zum
vierten Male in feindlichem Gebiet.
[Illustration:
»... Im letzten Hafen fanden wir eine Anzahl Schiffe, die des Sturmes
wegen vor Anker lagen.«]
Wir wurden ausgefragt und logen allerlei. Ich glaube, wir haben diesmal
im Lügen die neuseeländischen Zeitungen übertroffen. Die Eingeborenen
waren nicht mißtrauisch, wohl aber ein Halbblut, der uns immer
verzwicktere Fragen stellte und geschickt eine Verschwörung gegen uns
einfädelte. Des Sturmes wegen waren wir gezwungen, an Land zu bleiben.
Als ich mit Kircheiß auf einem vom Regen aufgeweichten Waldweg spazieren
ging und unsere mißliche Lage besprach, kam uns ein Weißer
entgegengeritten, der vor Aufregung ganz fahl unsern Gruß nur kurz
erwiderte. Er war, wie wir später erfuhren, von dem Halbblut
benachrichtigt worden, dieser hätte einen Trupp Deutscher gefangen. Das
auffällige Wesen des Reiters veranlaßte uns, sofort umzukehren. Am
Strand hörten wir, daß soeben ein Kutter den Hafen verlassen hatte. Wie
wir später erfahren haben, sollte er die Behörden von unserer Ankunft
benachrichtigen.
Ein abendliches Zechgelage mit dem Weißen und dem Halbblut, wofür wir
schweren Herzens unseren letzten Rum opferten, löste beiden die Zunge.
Der Weiße insbesondere wurde ganz vertrauensselig, kriegte sich mit dem
Halbblut in die Haare und erzählte uns lachend, der hätte uns für
Deutsche erklärt. Kircheiß und ich schliefen danach schwer und steif wie
die Klötze im Haus des Engländers, während unsere vier Kameraden im
feuchten Boot wieder eine fürchterliche Nacht durchwachten. Am andern
Morgen machten wir sofort alles seeklar, um beim ersten günstigen
Augenblick ausfahren zu können. Gegen 11 Uhr war es so weit, daß wir in
See gehen wollten; wir bemerkten, daß auch die Segler sich seeklar
machten. Wir verabschiedeten uns mit herzlichem Händedruck von unseren
Wirten, die anscheinend alles Mißtrauen verloren hatten, und lichteten
den Anker wenige Minuten, nachdem die beiden größten Segler den Hafen
verlassen hatten. Da setzte eine schwere Regenböe ein, trieb die beiden
Segler in den Hafen zurück und nötigte uns, noch für eine zweite Nacht
Unterkunft zu erbitten. Unsere Leute, denen diesmal ein Stall angeboten
war, mochten sich vom Boot nicht trennen, so ungemütlich es darin war.
Wir bedauerten unsere Kameraden, aber es war gut, daß sie dort blieben,
denn in der Nacht wurde durch geheimnisvoll aus dem Wasser auftauchende
und wieder verschwindende Gestalten zweimal der Versuch unternommen,
unser Boot zum Stranden zu bringen.
Gegen Abend kommt ein wundervoller Zweimastschoner mit Motorkraft in den
Hafen eingelaufen. Kircheiß und ich, gerade von unserm Spaziergang
zurückgekehrt, fassen augenblicklich einen Entschluß. Welch wundervolles
Schiff! Das wird unser. Wollen wir es gleich kapern oder wollen wir
warten bis morgen früh, bis es Tag ist? Wir gingen an Bord unseres
Bootes und hielten Kriegsrat. Man kam zu der Übereinkunft, daß es das
beste sei, wenn Kircheiß zunächst an Bord des Schiffes fährt und dem
Kapitän vorstellt, daß wir Amerikaner von einem amerikanischen Dampfer
sind und ihn bitten, uns als Passagiere mitzunehmen. Denn unsere Absicht
war in Wirklichkeit die, auf hoher See das Schiff zu kapern. Kircheiß
fährt hinüber.
Der Kapitän des Schoners ist mit allem einverstanden und teilt mit, daß
wir am nächsten Morgen um 3 Uhr an Bord sein sollen. Wir packen alle
unsere Waffen und Uniformen in Zeugsäcke und verschnüren sie gut.
Am nächsten Morgen fahren wir rüber. Wir laden unser Zeug von dem Boot
in den Schoner. Jeder schmunzelt versteckt über das herrliche Schiff,
das wir jetzt unter unseren Füßen haben, den wundervollen Salon, die
Kombüse, Kojen, ein Dach wieder über uns, ein Deck, worauf man laufen
kann. Und dann der Gedanke, wie werden sich unsere Kameraden auf der
Insel freuen, wenn wir mit diesem feinen Fahrzeug ankommen, das außerdem
zwei ganz neue Motore hat, die uns ermöglichen, den Kreuzerkrieg von
neuem fortzusetzen. Man kann verstehen, wie groß unsere Freude war. Wir
können nicht erwarten, bis das letzte Glied der Ankerkette hoch ist, bis
wir auf See sind und der Augenblick kommt, wo wir uns dem Kapitän und
der Besatzung als Deutsche vorstellen und die deutsche Flagge heißen.
Wie wir uns so auf unseren künftigen Kreuzer freuen, tritt ein neues
Ereignis ein. Ein großer Dampfer hat Kurs auf die Hafeneinfahrt. Hallo,
was soll der Dampfer? Unser Kapitän sagt, er wird wohl den Eigentümer
der Insel hier herüber bringen. Des schlechten Wetters wegen ist kein
anderer Verkehr möglich. Der Dampfer fährt ein, läßt ein Boot zu Wasser
und ein Offizier und vier indische Soldaten steuern auf uns zu. Was nun?
Unsere Uniformen sind fest verschnürt in Zeugsäcken. Es wäre ein
Leichtes gewesen, den Offizier, der der einzige war, welcher einen
Revolver bei sich führte, während die indischen Polizeisoldaten nur
Bajonette hatten, mit einer Pistole über den Haufen zu schießen oder
eine Handgranate ins Boot zu werfen. Niemals hat es uns sonst wohl an
dem Entschluß gemangelt, doch in diesem Augenblick, da wir gegen unsere
Ritterlichkeit handeln sollten. Wir sind Offiziere und Mannschaften der
deutschen Marine, in Zivil überrascht, was sollen wir tun? Wir schießen
nicht als Heckenschützen. Dieselbe psychologische Hemmung, der wir
unsere unblutigen Erfolge verdankten, daß sich ein Mann in Zivil niemals
gegen eine Uniform zu vergreifen wagt, wandte sich diesmal gegen uns.
Als der Polizeioffizier herankommt, uns verhaften will und fragt, wer
wir seien, stelle ich mich ihm vor als Kommandant des »Seeadler« mit
einem Teil meiner Besatzung. Wie wurde der Mann schneeweiß; wie zauderte
er, näher heranzukommen, und dabei waren wir doch so heruntergekommen
durch Hartbrot und Wasser, so entkräftet durch die Fahrt im Boot. Im
Augenblick, da unsere Kreuzerfahrt neu beginnen sollte, war sie jäh zu
Ende.
Fünfzehntes Kapitel.
Im Zuchthaus.
Gefangengenommen! Nach so viel Strapazen und Listen in einem Augenblick
endlichen Erfolges gefallen, weil wir in Zivil nicht auf den Feind
schießen konnten!
Nachdem wir uns dem Offizier als die Leute vom »Seeadler« zu erkennen
gegeben hatten, sagte er: »_All right_, Sie haben sich einen Namen gemacht
und werden eine anständige Behandlung finden. Ich bin ein Brite.« Das
Wort »Brite« betonte er besonders.
Die alte Stewardeß auf dem Dampfer »Amra« aber gewöhnte uns gleich an
andere Töne. Sie fing an zu schimpfen: »Seht einer an, diese Hunnen
machen unser sauberes Deck schmutzig, und die Schwarzen sollen es dann
wieder schrubben. Die Hunnen müßten schwarz angemalt werden, und ich
wäre immer noch lieber ein Schwarzer als so ein Deutscher. Schiffe mit
Frauen und Kindern versenken, das ist alles, was sie können. Am liebsten
würde ich euch alle vor dem Frühstück totschießen.« Die ganze Hetzarbeit
unserer Feinde sprach aus dieser einfältigen Frau.
Abends kamen wir in Suva an. Die ganze Stadt war in Bewegung; eine
Eskorte von 100 Soldaten stand bereit, und unter ihrer Bewachung
marschierten wir sechs arme Möpels unserm Asyl zu. Rings kreischt und
schimpft die Menge der weißen Kolonisten, während doch der Farbige mit
stiller Bewunderung auf uns sieht.
Wir kamen nicht gleich ins Zuchthaus, sondern zunächst in ein
sogenanntes Bleibehaus für Eingeborene. Dieses Gebäude, von einem
englischen Gouverneur gestiftet, diente dazu, den Eingeborenen, wenn sie
von den verschiedenen Fidschiinseln zusammenkamen, Unterkunft zu
gewähren. 25 Mann Bewachung waren dauernd um das Haus, vor den Türen,
vor den Eingängen, vor den Fenstern, eine Verschwendung von Militär für
so ein paar Kriegsgefangene. Zunächst hatten wir einen anständigen
Kommandanten, Leutnant Woodhouse, ein Zivil-Bankbeamter, der uns gut
behandelte. Wir bekamen ausgezeichnetes Essen und ruhten uns aus. Beim
Verhör am ersten Morgen erzählte ich einen Roman, um die Spur von
unseren Kameraden in Mopelia abzulenken. Meine Leute verweigerten
verabredungsgemäß jede Auskunft, um einander nicht zu widersprechen.
Unsere Bücher hatten wir in die See geworfen, mit Ausnahme von einem,
das bald erwähnt werden muß.
Der Wachoffizier, der uns manche Freiheit gestattete, wurde
wahrscheinlich deshalb bald durch einen Hauptmann Whitehouse abgelöst.
Ich erwähne ihn hier deshalb, weil er, der in einer ziemlich
lächerlichen Angst nie anders als mit der Hand am Revolver mit uns
sprach, sich sehr wenig ritterlich gegen uns benommen hat. Er kommt
eines Tages zu mir und sagt: »Herr Graf, machen Sie sich fertig, General
Mackenzie will Sie sehen.«
»General Mackenzie? Meine Leute auch?«
»Jawohl.«
Ich sage: »Jungs, macht euch tadellos in Ordnung, heute nachmittag 4 Uhr
sollen wir zum General Mackenzie.«
Wir waschen unser Zeug, lassen es am Leibe trocknen (wir hatten ja nur
noch die eine Garnitur), damit wir als deutsche Soldaten sauber vor dem
General erscheinen. Um 4 Uhr werden wir auf ein Viehautomobil verladen,
worauf noch der Mist lag. Sonderbar! Im Viehautomobil zum General?
Whitehouse sitzt vorn und hält sich am Revolver fest; sieben Mann fahren
mit zur Bewachung. Wir sind gespannt, wo das hingehen soll. Auf einmal
halten wir vor einem Gebäude, umgeben von sechs Meter hohen Mauern. Was
ist das? Das Tor wird aufgemacht ... wir blicken in das Zuchthaus von
Suva. Ein Kolonialzuchthaus mit chinesischen, indischen Verbrechern. ...
Ich frage den englischen Hauptmann: »Sie Feigling! wohnen bei euch die
Generäle in Zuchthäusern oder haben Sie nicht so viel Mumm in den
Knochen, uns die Wahrheit zu sagen? Ist das britisch? Dann pfui Teufel!«
Die Gefangenen, die sich nach dem Eingang drängen, staunen uns an: »Was,
Europäer, Weiße kommen hier herein? Was müssen das für Verbrecher sein!«
Wir reißen uns zusammen und stolz marschieren wir in den Zuchthaushof
hinein. Verächtlich blicken wir weiter: Zellentür an Zellentür, und ein
weiches, gelbliches Gesicht grinst uns höhnisch entgegen mit den Worten:
»Heh, bei mir kommt ihr nicht wieder raus.« Wir protestierten gegen
diese völkerrechtswidrige Behandlung von Kriegsgefangenen, aber der
Zuchthausdirektor bezog sich auf seine Befehle; und so marschierten wir
hinein in die kühlen, feuchtnassen Gänge. Eisentüren werden
aufgeschlossen und jeder verschwindet in seiner Zelle. ... »Hah, dank
deiner Ritterlichkeit, daß du Gefangener bist.« Als der Riegel fällt und
der Schieber vorgeschoben wird, da läuft es einem kalt den Buckel
herunter. Da ist man allein, die Jungs, die letzten Jungs sind einem
genommen.
Nur ein Betonfußboden; keine Gitter vor den Fenstern; sie brauchten es
nicht, sie sind so schmal, daß kaum ein halber Manneskopf hindurchgeht.
Aber niemals ist man mehr Deutscher gewesen, als im Zuchthaus von Suva.
Wie wohl tut es, als der erste Sonnenstrahl ins Fenster kommt, der
Strahl, der vor zwölf Stunden den Lieben in der Heimat geschienen, der
die Kameraden im Schützengraben gegrüßt hat. Man griff nach diesem
Sonnenstrahl und war so dankbar. Aber nur kurze Zeit währte dieser
Trost, und in der Zelle dunkelt's. Wie fühlte man sich einsam, denn das
Liebste war einem ja genommen, die Gefährten der Bootsfahrt. Aber so
leicht, wie es der Feind sich gedacht hatte, Deutsche voneinander zu
trennen, sollte es ihm doch nicht gelingen. Als aus Permiens Zelle
plötzlich die Harmonika erklang, da sangen wir alle mit, und aus
vereinten Männerkehlen brauste »Stolz weht die Flagge schwarz-weiß-rot«
durch das elende Haus. Dann stimmten wir an »Wenn die Liebe nicht wär',
das Herz wär' so öd' und leer«, dann wieder die »Wacht am Rhein« und so
immer umschichtig fort bis um 2 Uhr morgens, ein deutscher
Gesellschaftsabend in englischen Einzelzellen. Die Ronde kam und verwies
uns vergeblich zur Ruhe. Wir sangen fort, bis wir müde auf unsern kalten
Betonfußboden niedersanken und von der Heimat träumten. Ungeachtet
meiner Proteste dauerte dieses Leben acht Tage fort. Unsere Bewachung
verriet eine außerordentliche Angst, daß wir heimlich über Flügel oder
sonst übermenschliche Kräfte zu etwaigen Fluchtversuchen verfügen
könnten. Sehr interessant waren aber die Bekanntschaften, die wir unter
den verständnisinnigen Mitzuchthäuslern von Halbblutrasse machen
konnten. Weiße in einem tropischen Zuchthaus! Wir Deutsche sind ja so
gerecht gegen unsern Feind; deshalb sei hinzugefügt, daß vielleicht
nicht die Absicht war, uns zu quälen; jedenfalls wollte man aber diese
paar Exemplare deutscher Kriegsgefangener in der Südsee ohne Rücksicht
auf Sitte und Völkerrecht ihrem Seltenheitswert entsprechend fest
verankern.
Als wir bereits acht Tage hier waren, kam eines Morgens Hauptmann
Whitehouse zu mir. Er war besonders freundlich und entgegenkommend; ich
merkte, daß etwas in der Luft lag. Er meldete mir, ein japanischer
Admiral wünschte mich zu sprechen. Ich sage: »Ihnen soll ich glauben?
Das ist dieses Mal wohl ein japanischer Mackenzie? Schicken Sie mir
einen andern Offizier.« Eine halbe Stunde später kommt ein Leutnant, der
mir nochmals versichert, ich würde zu dem japanischen Kreuzer »Izuma«
gebracht. Mißtrauisch machte ich mich zurecht. Mittags um 2 Uhr ging ich
in Begleitung dieses Leutnants durch den Hof des Zuchthauses nach dem
Landungssteg. Welches Gefühl, wieder freie Luft zu atmen, weiter sehen
zu können als die engen Gefängnismauern! Tatsächlich, im Hafen lag ein
herrlicher Kreuzer. Am Landungssteg legt ein Ruderboot mit japanischer
Flagge an; ein Offizier im Boot salutiert. Ich nehme neben ihm Platz.
Der englische Offizier und zwei Soldaten gehen mit uns. Am Fallreep des
Kreuzers waren alle Offiziere zur Begrüßung des Zuchthäuslers an Deck
angetreten. Der Admiral empfängt mich, drückt mir die Hand mit den
Worten: »_I admire you, what you did for your country._« (Ich bewundere
Sie, was Sie für Ihr Land getan haben.) Er stellte mir seine Offiziere
vor, zu denen er etwa folgende Worte spricht: »Das ist der Mann, den wir
drei Monate Tag und Nacht gejagt haben,« und zu mir gewendet: »Ich
bedauere es, daß wir Sie in dieser Lage hier treffen und daß wir uns
nicht, wie unser aller Wunsch war, in einem frischen, frohen Gefecht
begegneten.« Ich bedauerte meinerseits, nicht in seiner Gefangenschaft
zu sein, was ihn etwas erstaunte, da er vom Zuchthaus nichts ahnen
konnte. Es fiel mir aber auf, wie kühl und steif die Japaner mit dem
englischen Offizier verkehrten im Gegensatz zu der Art, die sie mir
gegenüber an den Tag legten. Die feierliche Höflichkeit des Ostasiaten
und die leider so platonische Sympathie der Japaner für Deutschland
gaben mir ein Fest, das mir im Gedanken an meine Jungs wohl tat. Die
englischen Posten, die mich an Deck begleiten wollten, wurden
zurückgeschickt. Der Admiral lud mich in seinen Salon ein, der nach der
Zelle wie ein Palast wirkte. Zigarren, Zigaretten, Portwein und eine
Flasche Champagner standen da. Der Admiral legte mir zwei japanische
Bücher vor, eines mit dem Titelbild der »Emden«, das zweite mit der
»Möwe«. Er blätterte darin: Das hätte er alles selbst geschrieben. Ein
drittes Buch war leer: »Da will ich etwas von euch hineinschreiben. Wir
lernen von euch, und ich schreibe für unsere Jugend. Das ist Sitte in
unserm Lande. Was Männer für ihr Vaterland leisten, daran soll sich
unsere Jugend begeistern. Wollen Sie mir etwas Material geben von Ihren
Erlebnissen?«
»Gern.«
»Nur eine Frage zuerst: Sind Sie mit Ihrem Schiff aus einem neutralen
Hafen Amerikas, Argentiniens oder Chiles ausgelaufen?«
»Nein, wir kommen aus der Heimat. Verkappt als Norweger, und außerdem
anderthalb Stunden untersucht vom Feind.«
»Untersucht von den Engländern?«
»Jawohl!«
Ein vergnügtes Lächeln erhellt das Gesicht des Kommandanten und des
ersten Offiziers, der zugegen war.
Dann wurde ich von dem Admiral bei einem Glase Champagner etwas
ausgehorcht. Er wollte herausbringen, wo unsere »Seeadler«-Mannschaft
sich befände, und fragte mich, ob ich ihm sagen würde, wo ich gekreuzt
hätte. Jawohl, vorausgesetzt, daß er mir sagen würde, wo er mich
vermutet und gejagt hätte. Eine große Karte wird aufgerollt, auf der er
mir die Stellen zwischen Neuseeland und Chatam zeigt. Man konnte
deutlich an den abgesetzten Kursen sehen, daß der Kreuzer sich hier
tatsächlich aufgehalten hatte.
»Hier bin ich drei Monate mit 20 Meilen Geschwindigkeit hin- und
hergejagt«, sagte der Admiral.
Ich sah weniger auf die Stelle, wo er gekreuzt hatte, sondern blickte
besorgt nach der Insel Mopelia auf der Karte, denn hier war ein Kreis um
die Insel geschlagen. Der Feind wußte, wo meine Jungs waren. Wie ich von
einem meiner Leute erfahren hatte, war bei der Gefangennahme ein
Tagebuch verlorengegangen, abgeschlossen: »In Mopelia aufgelaufen, 2.
August.« Glücklicherweise war aber darin nicht erwähnt, daß »Seeadler«
total verlorengegangen und ferner nicht, daß unser letztes Schiff, das
wir gekapert hatten, der amerikanische Viermastschoner »Manila«,
versenkt worden war. Diese beiden Faktoren jagten durch mein Gehirn.
»Hiermit kannst du etwas machen, kannst die Leute retten.« Da fragte der
japanische Admiral: »Wo ist Seeadler?«
»Der ist verlorengegangen.«
»So? Wobei?«
Ich holte etwas weiter aus und erzählte ihm, wir hätten bei der Insel
Mopelia gelegen, um uns frischen Proviant zu besorgen. Die »Manila«
hätten wir noch mit uns gehabt. Durch Umspringen des Windes wären wir an
das Korallenriff gestoßen und hätten ein Leck unter Wasser bekommen. Um
das Leck zu dichten, sei viel Material an Land gebracht und das Schiff
»gekrängt« (übergelegt) worden. Dann wären wir von hier weitergefahren,
aber beim Wiedereinpacken der Sachen in den unteren Räumen müsse durch
Unvorsichtigkeit ein entleerter Öltank Feuer gefangen haben. Der
»Seeadler« hätte angefangen zu brennen. Es wäre uns kaum Zeit geblieben,
das Allernotwendigste zu retten und auf die »Manila« überzusteigen.