Nun war's an unserem Fichte, für seine Mutter zu sorgen und sie
vor etwaigen Benachtheiligungen zu schützen; und er erfüllte im
Sinne eines treuen Sohnes diese Pflicht mit seiner gewohnten
Nachdrücklichkeit. Vergl. oben die Auseinandersetzung zum 12. Briefe.
45.
Berlin, d. 19. 8br. 12.
Lieber Bruder,
Weit entfernt, daß Dein so eben erhaltener Brief v. 6. Oktober mich
befremden sollte, hebt er vielmehr einen Anstoß, den ich an Deinem
frühern genommen, wo Du die Schwierigkeiten für die Mutter, die
Wirthschaft zu behaupten, aus einander setzest, und dafür hältst, dieser
C......... könne doch etwa Vorschläge machen, auf die zu hören sey. Es
ist mir sehr lieb, daß ich mit der Beantwortung dieses Punctes gewartet,
bis Dein heutiger Brief zeigt, daß Du über dieses Subjekt -- es ist mir
schon früher vorgekommen, als ob Du ihn ungerechter Weise in Schutz
nähmest -- ganz so denkst, wie ich seit der Zeit von ihm gedacht habe,
da ich schon an ihm als kleinen Knaben Proben einer unbegreiflichen
Bosheit gefunden habe.
Weiß denn der thörigte nicht, daß, wenn alles andere wegfällt, ich
1.) das Kaufgeld, womit der seel. Gotthelf das Haus vom Vater erkauft,
hergegeben, und daß mir dasselbe, nachdem durch des Bruders Tod der
Vater wieder Eigenthümer geworden, nie zurückgezahlt worden, 2.) daß,
als die Schwägerin sich zu Rammenau aufhielt, von meinem in der
Gotthelfischen Verlassenschaft befindlichen Gelde in dem Hause gebauet
worden, worüber ich noch eigenhändige Rechnung des Vaters besitze
3.) daß mehreres unter den Mobilien mein ist 4.) daß ich in den lezten
2 Jahren den Eltern über 200 Rthr. geschikt, welche ich, sobald man mich
reizt, als ein =Darlehn= betrachten werde. Begreift er nicht, daß alle
diese Summen aus der Verlassenschaft erst an mich zurükgezahlt werden
müssen, ehe eine Erbschaft da ist: und kann er nicht berechnen, was in
diesem Falle übrig bleiben werde? -- Verstehe mich wohl Bruder. Es fällt
mir nicht ein, diese Umstände gegen meine übrigen Geschwister geltend zu
machen, wenn sie sich ordentlich und vernünftig betragen, und durch
Unvernunft meinen Unwillen nicht reizen. Es ist wohl klar, daß ich mit
einem Häuschen in Rammenau nichts anzufangen weiß, und daß alle die
Gegenstände, die etwa in dieser Erbschaft vorkommen könnten, mir nicht
des Holens werth sind. Aber das will ich, daß man die Mutter bis an ihr
Ende ruhig genießen laße, was entweder das ihrige ist, oder das meinige.
Nach ihrem, Gott gebe noch lang entfernten Tode, wird sich schon alles
finden.
Um der Sache kurz und gut ein Ende zu machen, geht zugleich mit diesem
Briefe an Dich ein Schreiben an den Herrn Rittmeister =von Kleist=, in
welchem ich ihm die Sache vorlege, und ihn um Schutz für meine Mutter,
und um Bezähmung des schlechten Burschen bitte.
Die Mutter wird sich meiner oben erwähnten Ansprüche wohl erinnern. Ich
berufe in diesem Schreiben an Kleist mich um der Kürze willen auf ihr
Zeugniß, ohnerachtet ich alle diese Umstände auch durch schriftliche
Documente erweisen kann. Ich bitte sie, daß sie befragt dieses Zeugniß,
das zu ihrem eignen Besten dient, ablege.
* * * * *
Es ist mir noch ein andrer Gedanke gekommen, wie für die Mutter am
besten gesorgt werden könnte. Es muß aber erst in dieser Sache Ordnung
seyn, ehe ich darüber eine Aeußerung machen kann. Ich ersuche Dich
darum, mir nach Endigung der Sache wieder zu schreiben.
... ... ...
* * * * *
So viel über diese unangenehmen Dinge. Jezt zu etwas das Herz näher
angehenden. Schreibe mir doch, so viel Du kannst, von den lezten Stunden
unsres verehrten treflichen Vaters; auch von dem Leichenbegängnisse, von
der Predigt, deren sehr gut gewählten Text Du mir überschriebest.
Lebe recht wohl. Die meinigen grüßen (die =meinigen=, sage ich; und dazu
zähle ich auch recht sehr Hannchen, als ein Vermächtniß des herrlichen
Vaters.)
Grüße herzlich die Deinigen von uns.
Dein treuer Bruder
J. G. Fichte.
Aufschrift:
Herrn _Gottlob Fichte_,
Bürger
zu
_Elstra_.
d. Einschluß.
In diesem und in dem 48. Briefe wird Rittmeister von Kleist, (vgl.
den 9. Brief) als Gutsherr von Rammenau erwähnt. Die Sache hängt so
zusammen: Des oben, zum 2. Briefe, erwähnten Johann Albericus Sohn
Johann Centurius Reichsgraf von Hoffmannsegg verkaufte das Gut an
seinen Schwager Friedrich von Kleist, königl. sächs. Kreisdirector in
Querfurth und Dahme, so wie königl. preuß. Rittmeister und Ritter des
Malteser- oder St. Johannisorden, welcher es von 1795 an bis zu seinem
am 9. Febr. 1820 erfolgten Tode besaß. Sodann fiel es wieder an den
früheren Besitzer Johann Centurius v. H. zurück, dessen Sohn Conradin
Centurius Graf von Hoffmannsegg der jetzige Besitzer ist.
Die Drangsale des nun ausbrechenden großen Krieges spiegeln sich auch
in dem engen Rahmen der Leiden, die er Fichte's Mutter brachte.
46.
Elstra, d. 30. Octbr. 1813.
Mein lieber Bruder,
Unsere liebe Mutter wollte schon längst Dir und den Deinigen ihr
Befinden zu wißen thun leider aber gehen die Posten noch nicht dahin;
ich bediene mich der Gelegenheit diesen Brief mit einen Bekanten welcher
nach Frankfurth zur Meße reiset zu geben. Ich hoffe daß unser Bruder in
Finsterwalde doch endlich wird Gelegenheit gefunden haben meinen Brief,
vom 19. July, (worinnen Dir unsere Mutter den Empfang von 20 Rthr. von
den Studenten Ritschel bescheinigte) zu übersenden.
Unsere gute Mutter hat durch den Krieg diesen Sommer durch wieder viel
gelitten so wohl an ihrer Gesundheit als an ihren Vermögen, sie hatt
viel Einquartirung gehabt und durch Plünderung ist ihr vieles entwendet
worden.
Den 14 _Sept._ befürchteten die Rammenauer ihren Untergang durch
Kanonenfeuer, die Mutter wurde mit im Busch zu gehen veranlaßte, wo sie
bey kalter und naßer Witterung bis zum 17. aushalten muste, doch wurde
ihr noch nicht gerathen ihr Hauß zu bewohnen, sondern sie muste sich in
einem Hauße nicht weit vom Walde aufhalten. Diese Zeit über war alle
Communication unterbrochen, den 21., da die Franzosen Rammenau räumten,
und unsere gantze Gegend von Rußen überschwemmet war, nahm ich mir vor
sie aufzusuchen, und fand sie in diesen Hause; da ich urtheilen konnte
daß sie von Marodörs in Rammenau weit mehr beunruhigt würde als in
Elstra, (den sie hatte sogar im Busche und auch in diesem Hauße keine
Lebensmittel vorm Plündern erhalten können) so that ich ihr den
Vorschlag sie zu mir zu nehmen, allein zum Transport waren weder
Menschen noch Vieh zu haben, ich bediente mich also des Schubkarrens.
Ihre Gesundheit war durch Furcht, Unordnung, entbehrung ihrer gewohnten
Lebensmittel zerrüttet, ich glaubte gewiß daß sie sich beßern würde,
doch hatt sich ihre Gesundheit bis jezt noch nicht wieder eingefunden,
sie ist schwach und matt, und was der Hauptfehler ist, sie kan fast gar
nichts genießen, der Magen nimmt nichts an keine Poteille Wein ist in
unsrer gantzen Gegend nicht mehr zu haben, alle Vorräthe sind ruinirt
und verwüstet, keine Zufuhre ist nicht möglich.
Den 24. Octbr ist sie, mit einer Gelegenheitsfuhre zu Hauße gefahren,
denn es ist etwas ruhiger geworden, die Salvegarden halten die
herumstreifeten Kosaken im Zaume. Das Hauß unserer Mutter ist zum Glük
nicht so total runirt als sehr viele andere, (zwei oder 3 Fenster sind
eingeschlagen,) viele Häuser in Rammenau sind gantz unbewohnbar gemacht
geworden; viele Ortschaften sind, ohne das sie weg gebrannt sind, ganz
runirt, da giebt es Bauern, besonders an der Straße von Bautzen nach
Dresden, die kein Brodt, keinen Saamen, kein Vieh, kein Geschirre gar
nichts, alle kranke Körper haben, z. B. vom 16. bis 28 May, sind bloß
im Bauzner und Görlitzer Kreyse 71 Dörfer in Asche gelegt wurden, das
Unglük hatt aber seit dieser Zeit täglich continuirt
Unsere liebe Mutter läßet Dich, Deine liebe Frau Deinen lieben Herrmann
und Hannen von Hertzen grüßen und wünschet daß diese Krieges Uebel von
Euch entfernt bleiben mögen, auch grüße Diese alle von mir und den
Meinigen hertzlich.