Lieber Bruder

Unser guter Vater hat nun alle seine Leiden überstanden, er beschloß

sein Leben gestern Abends halb 7 Uhr. Seine Krankheit war sehr hart,

die Angst und Schmertz Gefühle verfolgten ihn bis an die letzte Minute

des Todtes, er mußte alle schmertzhafte Zufälle empfinden, welche

der Gewöhnliche Gang der Geschwulst mit sich bringt; noch 4 Tage vor

seinem Ende zeigte sich durch Blut und Materie Auswurf, daß er ein

LungenGeschwüre gehabt hatte, welche den sehr schweren und kurtzen Athem

(von welchen ich Dir schon geschrieben) verursacht hatte; denn außer

diesen würde er diese Angst nicht empfunden haben. Zu Deiner und der

Deinigen Beruhigung muß ich Dich damit trösten, daß wir zu seiner

Erquikung und Erleichterung alle nur mögliche Mühe angewendet und keine

Kosten gesparet haben, wir haben _D._ Bentsche in Bischofswerda, den in

unserer Gegend berühmtesten Arzt gebraucht, der hat ihn von Zeit zu Zeit

selbst besuchet und ihn unter der Menge seiner übrigen Patienten am

vorzüglichsten behandelt. Ich habe seit 6 Wochen, anfänglich die

mehresten Nächte, späterhin die mehresten Tage und Nächte und seit

8 Tagen alle Tage und Nächte bei ihm zugebracht, und Verrichtungen wo

nur Liebe und Pflicht Gefühl allen Ekel unterdrücken müssen welches man

umsonst von fremden Leuten verlangen würde (das heißt bey uns zu Lande)

selbst übernommen.

Auch Schwester Hanne hat sich seiner die letzten 8 Tage und Nächte

treulich angenommen, sie hat ihn helfen pflegen, tragen, heben bey seinen

sehr starken Durchfall ihn zu jeder Minute Reinlichkeit verschaffen

helfen, die Aufgesprungenen geschwollenen Glieder geschmiert und

Umschläge gemacht, dem Waßer welches durch den geschwollenen Weg von

selbst nicht mehr ging geholfen, und alle mögliche Verrichtungen zu

seiner Linderung übernommen.

Verzeihe mir diese Gründliche Erzählung, es geschieht aus keiner neben

Absicht, es fühle bloß an mir selbst, daß einen Kinde Deiner Art mit

dieser Ausführlichkeit gedienet seyn muß.

Den 16. d. zu Mittage in der 2 Stunde wird sein erblaßter Körper zur

Ruhe befördert, nach hiesiger Landessitte mit Predigt und Paredation,

zum Leichentext habe ich gewählet: Mache dich auf, werde Licht, den dein

Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn ist über Dir, Dieser scheint

mir auf des seel. Vaters denkenten forschenten Geist mehr zu paßen alle

sonst gewöhnliche, und ich glaube den H. Pfarre damit volle Arbeit zu

geben.

Der H. Pfarr hat sich des seel. Vaters treulich angenommen, ihn fleißig

besuchet und mit Trostgründen aus der Religion welche vernünftig und den

Kenntnißen des Vaters angemeßen waren, unterstüzt. Wer durch diese

Veränderung am meisten verlohren hat, ist = die gute alte Mutter, sie

hatt ihren besten Freund, ihren Begleiter im Alter verlohren, das

tröstet und richtet sie noch etwas auf, daß Du und Deine liebe Frau ihr

kräftigen Beystand versprochen habet, was meine Lage und Kräffte thun

können, werde ich auch thun, daran zweifelst Du gewiß nicht.

Nur ist heute mein Kopf zu sehr voll, und kan vor heute nicht die

vernünftigsten und tauglichsten Pläne, was mit den Hauße werden soll,

und wie die Ernährung der Mutter am zwekmäßigsten bestimmt werden kann,

in Vorschlag bringen. Die bisherige Einrichtung kan nicht fortgesezt

werden, die Mutter würde, ohne daß sie Ruhe und Glük genießen könte,

dabey sehr viel zusetzen. Kosten vor Holtz und Licht, allerhand Abgaben,

Zechen und Dienste, Einquartirung und dergl. sind Dinge welche jährlich

eine sehr große Summe erfordern, und welche die Mutter mit ihren

KramLaden, zu welchen sie ohnedies ihr Alter und schweres Gehör von

Zeit zu Zeit immer unfähiger macht nicht erwerben kan. Ich spüre das

C......... glaubet, oder wenn ich mich in sein Selbst denken will,

träumet Besitzer zu werden, den KramLaden zu übernehmen, und freilich

auf solche Art der Mutter die gleich erzählten Beschwerden abnehmen

will, mit den grösten Leidwesen sehe ich aber, das C......... einen

siechen Körper und einen schwachen Geist besizt, und auch die Frau

unthätig und ungeschikt ist, er besizt ein kleines Vermögen, und wir

wollen doch seine Pläne, da er doch unser Bruder ist anhören, doch

versteht sich, das wir zu seinen (weil er sich selbst nicht kennt oder

kennen will) oder unsern Schaden nicht übereilt zu Werke gehen können,

Doch können wir diese Veränderung auch nicht gantz in die Länge hinaus

verschieben. Ich werde Dir mit Hr. Eißnern wieder schreiben und Deinen

Herrmann und Hannen etliche Stük alte Silber Müntzen welche der seel.

Vater ihnen als ein Andenken zu schiken befohlen hat einsiegeln.

Achtundvierzig Briefe von Johann Gottlieb Fichte und seinen Verwandten · 第 17 / 23 题