Dein treuer Bruder.
J. G. F.
Auch von der alternden Mutter ist uns ein Brief aufbehalten, mit
sicherer Hand in regelmäßigen Zügen geschrieben.
47.
d. 2. _Decbr._ 1813.
Innig geliebte Tochter,
Ich habe sogleich Ihr werthes Schreiben vom 20 _Nov._ mit inl. zwey
Stük _Louisdor_ richtig erhalten, ich danke Ihnen von Hertzen; nicht mit
Gleichgültigkeit, sondern mit inniger Rührung, mit Gebeth und Dank zu
Gott erkenne ich die göttliche Wohlthat daß mir die Vorsehung so eine
gute Seele zur Tochter gegeben hat. Ich fühle und bedaure, daß Sie mich
nicht blos mit Entbehrlichkeit unterstützen, sondern, da ich den Druk
der Zeit, und die vielen Aufopferungen kenne, und den sichern Schluß
machen kan, daß auch mein lieber Sohn in seinem Erwerb beträchtlich
zurük gesezt ist, so kan ich einsehen, daß Sie, aus Liebe zu mir,
manches entbehren werden.
Ihre guten Nachrichten, daß Sie Gott, bey den überhandnehmenden
Krankheiten gesund erhalten, und daß Sie ihren lieben Sohn bey sich
haben, freuet und tröstet mich.
Meine Gesundheitsumstände haben sich nicht gebeßert, meine Kräffte
nehmen allmählich ab, ich spüre daß ich seit etlichen Wochen viel
schwächer geworden, auch finden sich von Zeit zu Zeit, immer mehr
unangenehme körperliche Empfindungen, ich liege nicht beständig ich
mache mir Bewegung, ich habe einen Stuhl im Gange vor welchen ich
zubereite, bey dieser Lebensart bleiben meine Glieder und mein Blut in
wohlthätigerer Bewegung, den Kram habe ich abgegeben, indem mein Körper
darzu nicht mehr fähig ist (und daß besonders bey kalter Jahreszeit.)
Nur bedaure ich, wenn ich nach Gottes Willen noch eine Zeit lang leben
soll, daß mein Magen so sehr schwach ist, ich kan fast gar nichts
genießen, mich damit zu stärken und zu erquiken. Die gewaltthätigen
kriegerischen Eräugniße, welche sehr schädlich auf meine schwachen
Geisteskräfte wirkten, haben sich, (Gott sey es Dank) vermindert, ich
habe just heute, einen Rußen, zum Glük einen gesitteten, zur
Einquartirung.
Bei allen Unangenehmen was mich dieses Jahr betroffen hat ist mir immer
sehr bange um Sie und die Ihrigen gewesen, und habe zu Gott um Ihre
Erhaltung geseufzet. Ich freue mich, und danke es Gott von Hertzen, daß
er größeres Unglük in Gnaden von uns abgewendet hat.
Da es die Zeit nicht gestattet daß Harrtmanns ihrer Tochter Nachricht
mit beylegen könnten, so sagen Sie Hannchen zu ihrem Troste folgendes:
1) Ihre Wohnung stehet noch unversehrt, ob es schon in Pulßnitz
fürchterlich zugieng (die Stadt wurde sieben mahl genommen und
wiedergenommen) so brach doch kein Feuer aus.
2) Wegen der Plünderungen hatten sie Schuz, sie musten vor Militair
baken und hatten Salvegarden im Hause, dabey gieng es drum nicht so
genau ab, es ward ihnen noch manches genommen und die Umzäunung des
Gartens ward im Biviak verbrandt.
3) Ihr Bruder ist in seinen Lernen sehr gestört worden, er hat in
Dresden bei der Blokade müßen Hunger leiden, ist alsdenn eine Zeit bey
seinen Aeltern gewesen, und ist jetzo wieder in Dresden.
4) Die Epidemie hatt sie noch nicht ergriffen, vor wenigen Tagen war die
gantze Familie noch gesund.