Ihrer Johanna Fichte

[Von J. G. Fichte:]

Ich hoffe, mein theurer Vater, daß Sie Sich noch wieder erholen, und

noch bei uns bleiben werden, und ich Sie noch sehen werde. Ich kann mich

mit dem Gedanken Ihres möglichen Verlustes nicht vertraut machen.

Was meine Frau in dem vorstehenden schreibt, ist auf die Voraussetzung

gegründet, daß, im Falle des Abgangs des Vaters mit Tode, die Geschwister

sollten theilen wollen. Ich hoffe, dies fällt keinem Menschen ein. Ich

denke wohl, es versteht sich von selbst, daß, da alles von der Mutter

herkommt, sie alles, was da ist, fortgenießt, bis an das, Gott gebe noch

recht lang entfernte, Ende ihres Lebens. Außer dem hätte wohl auch ich

in diesem Falle ein Wort mit zu sprechen.

Ich ersuche darum durch dieses die Mutter dringend, nichts von der

Verlassenschaft wegbringen zu lassen; ich mache Bruder =Gottlob=,

der mir schreibt, er werde ohne meine Einwilligung nichts thun ganz

besonders darüber verantwortlich. Ich will überhaupt aus brüderlicher

Liebe und Achtung hoffen, daß diese Vorstellungen ganz überflüßig sind,

indem es gar niemanden eingefallen anders zu handeln.

_Fichte_

Falls doch Gott über Sie beschließen sollte, theurer Vater, diese Zeilen

aber Sie noch bei Leben antreffen, so nehme ich hierdurch mit der Liebe

und Verehrung, die ich immer für Sie getragen habe, Abschied, bis zum

Wiedersehen in einer beßern Welt.

_F._

[Ein beigelegtes Blatt:]

Wir wußten nicht aus den vorigen Briefen, daß auch die gute Großmutter

krank ist, sondern erfahren's erst izt, durch Ihren letzten Brief, guter

Großvater; Sie können Sich unsern Schmerz vorstellen, Sie nun beyde

leidend zu wißen; wir hoffen doch daß Sie jemand bey Sich haben, der Sie

wartet und pflegt; wie gerne wollten wir es thun, wenn wir bey Ihnen

währen: der gütige Gott steh Ihnen bey, und das wird er thun, das ist

mein, und unser aller, einziger Trost; meines Mannes Beruf Vorlesungen

zu halten, meiner zur Wirthschaft, und Einquartierung, zu sehn, und zu

dierigen [dirigiren]; _Hermanns_ seiner Vorlesungen zu hören, Handchen

ihre Hausgeschäfte zu thun, dieses alles bindet uns bis im Herbst am

Hause; vom 15: August hören die Vorlesungen auf, dann soll mein Mann 4:

Wochen im Hause Baaden, so spricht der Doctor, so geht noch eine lange

Zeit hin, vielleicht erholen Sie Sich mit Gottes Hilfe wieder, wie wir

sehnlichst wünschen.

Es ist Ihnen vielleicht eine Herzensangelegenheit Handchen, etwas zu

vermachen; so haben Sie nur die Güte es uns zu schreiben, oder

schriftlich Ihren Willen dem Prediger zu übergeben; ich sage dieses

nur, damit doch gewis Ihre Herzenswünsche erfüllt werden. Dieses

blätchen leg ich noch bey, nadem der Brief schon geschrieben war, eh wir

Ihren letzten erhielten. Der Gnädige Gütige Gott sey mit Ihnen; in einer

beßern Welt finden wir uns wieder wo alle Sorge, und Müh ein Ende hat.

[Von Johanna's Hand:]

Hier schiken wir Ihnen noch 10: _Th:_ damit Sie Sich ja pflegen können.

Aufschrift von Johanna F.:

_Herrn Christian =Fichte=_

in

_Rammenau_ bey _Bischoffswerda_.

Nebst ein Päkchen mit

10: _Th:_ =Sächsisch=

43.

_Berlin_ d: 10: August 1812

Wollte Gott, theurer, innigst geliebter Grosvater, wir könnten etwas

zur Erleichterung Ihrer vielen Leiden beytragen; ach laßen Sie uns doch

schreiben wie es Ihnen geht; die weite Entfernung von Ihnen, ist uns izt

besonders drükkend, da wir so gerne zu Ihnen eilten, und wenns möglich

wäre Ihnen hälfen; die Hülfe steht allein bey Gott, mög er sich doch

erbarmen und Ihnen helfen; das ist unser innigstes Gebeth. Mein Mann

grüßt Sie auch von ganzem Herzen, er ist Gott sey Dank gesund, so wie

auch _Hermann_ und Hannchen; alle verlangen auf glükliche Nachricht von

Ihnen.

Diesen Brief überbringt Ihnen _Herr_ Eysener, den ich bitten werde uns

zu schreiben, wie es Ihnen geht.

Gottes Güte ist groß, vielleicht hilft er Ihnen bald, und denn sehn wir

uns in diesem Leben noch wieder, wo nicht, in einer beßern Welt, wo kein

Leiden, kein Schmerz mehr trennt, wo wir Gott inniger anbethen können.

Leben Sie wohl, theurer geliebter Greis; Gottes Gnade sey mit Ihnen.

Von ganzen Herzen

Ihre Johanna Fichte:

g: _Rahn_

Aufschrift:

_Herrn =Fichte=_

=durch Güte=.

Den am 13. September erfolgten Tod des am 7. August 1737 gebornen,

also über 75 Jahre alten Vaters meldet ein Brief Gottlob's, dessen

Schluß fehlt. --

44.

Elstra, d. 14. _Sept._ 12.

Achtundvierzig Briefe von Johann Gottlieb Fichte und seinen Verwandten · 第 16 / 23 题