Aristoteles noch die Logik des 17. und 18. Jahrhunderts sehen in ihnen
eine prinzipiell verschiedene Form gegenüber den Deduktionen. Ihre
einseitige Betonung des deduktiven Schließens, die gelegentlich so weit
geht, +alles+ Schließen seinem Wesen nach in deduktives zu verwandeln,
macht sie zu Vertretern jener Richtung, die wir zweckmäßig als
„+deduktive Logik+“ bezeichnen können (Aristotelische Tradition). Erst
das 19. Jahrhundert -- vornehmlich John Stuart +Mill+ (der übrigens in
David +Hume+ darin einen nicht hoch genug zu würdigenden Vorgänger hat)
-- weiß von einer Analyse der naturwissenschaftlichen Methoden aus den
induktiven Schlüssen mehr und mehr gerecht zu werden. Dabei aber fällt
man zugleich in das entgegengesetzte Extrem, indem man unter Verkennung
der eigentlichen Bedeutung der Deduktion diese geringschätzig in den
Hintergrund stellt oder sogar den Versuch macht, +alles+ Schließen
seinem Wesen nach aus dem induktiven abzuleiten. Man nennt diese
-- besonders in der neueren +englischen+ Philosophie vertretene --
Richtung daher die „+induktive Logik+“. Sachlich soll zu diesem
Gegensatz nur bemerkt werden, daß eine den tatsächlichen Verhältnissen
des Denkens gerecht werdende logische Analyse weder einen einseitig
deduktiven noch einen einseitig induktiven Standpunkt vertreten könne.
Deduktion und Induktion bilden ihrem Wesen nach charakteristisch
verschiedene, ihrem Wert nach gleich bedeutungsvolle Formen des
Denkens, deren höchste Vollendung erst in ihrem -- in den neueren
Naturwissenschaften in klassischer Form vollzogenen -- Zusammenwirken
gegeben ist. Das System der Logik darf also kein deduktives und kein
induktives -- es muß vielmehr ein deduktiv-induktives +zugleich+ sein.
6. Das Wesen und die logische Bedeutung der Analogieschlüsse.
Von den Deduktionen -- als Schlüssen vom Allgemeinen aufs Besondere
--, den Induktionen -- als Schlüssen vom Besonderen aufs Allgemeine
-- scheidet die logische Tradition die Schlüsse vom Besonderen
aufs Besondere, die sie als Schlüsse ~per analogiam~ oder kurz als
+Analogie+schlüsse (Ähnlichkeitsschlüsse) bezeichnet. Diese sind, wie
sich zeigen wird, als +Wahrscheinlichkeits+schlüsse ihrem Prinzip nach
den Induktionsschlüssen +verwandt+, nichtsdestoweniger als besondere
Art der mittelbaren Schlüsse zu betrachten. Ihre Form lautet:
~M~ ← ~P~
~S~ ← ~M~ ähnlich
-------------------------
~S~ ← wahrscheinlich ~P~
+An Beispielen+:
Die Erde ist von lebenden Wesen Die Menschen sind beseelt.
bewohnt. Die Wirbeltiere sind den
Mars ist der Erde ähnlich. Menschen ähnlich.
------------------------------- ---------------------------
Mars ist wahrscheinlich von Die Wirbeltiere sind wahr-
lebenden Wesen bewohnt. scheinlich beseelt.
Die Analogieschlüsse sind +mittelbare+ Schlüsse, da in ihnen das
Schlußurteil aus einer +Mehrheit+ gegebener Prämissen abgeleitet wird;
sie sind +erweiternde+ Schlüsse, insofern das Schlußurteil über den
materialen Bestand der Prämissen hinausgeht; sie sind endlich Schlüsse
vom Besonderen aufs Besondere, insofern aus besonderen Prämissen
ein besonderes Schlußurteil gewonnen wird. Ihre Konklusio ist stets
von problematischer (bzw. approximativer) Gültigkeit; denn aus der
Ähnlichkeit zweier Objekte kann nie assertorisch oder apodiktisch,
stets nur möglich oder wahrscheinlich geschlossen werden.
Die Analyse der Schlüsse ~per analogiam~ führt auf das logische
Problem der Ähnlichkeit. +Ähnlich+ nennen wir zwei Gegenstände, wenn
sie in ihrer begrifflichen Bestimmung ein oder mehrere wesentliche
Merkmale miteinander gemeinsam haben, in anderen wesentlichen oder
unwesentlichen Merkmalen aber voneinander abweichen. Die Ähnlichkeit
hat dabei einen um so +höheren Grad+, je mehr Merkmale gleich, je
weniger verschieden sind. Der Analogieschluß geht nun den Weg, daß er
aus der Ähnlichkeit von ~S~ und ~M~ das Schlußurteil ableitet, daß ein
+M+ zukommendes Prädikat +wahrscheinlich+ auch ~S~ zukommen werde; und
der Grad dieser Wahrscheinlichkeit ist im allgemeinen um so höher, je
größer die Ähnlichkeit ist. Das Prinzip dieser Schlußformen ist also:
Kommt einem Begriff ein Merkmal zu, der mit einem anderen Begriffe
wesentliche Merkmale gemeinsam hat, so ist es wahrscheinlich, daß
ebendieses Merkmal auch jenem anderen Begriffe zukommt. Die Analyse
dieses Prozesses führt etwa auf folgenden Gedankengang: In ~M~ sind
gewisse Ursachen gegeben, aus denen das ~P~-sein als Prädikat folgt;
~S~ hat mit ~M~ wesentliche Merkmale gemeinsam; also werden auch in
~S~ gewisse Ursachen für ein ~P~-sein gegeben sein; also wird ~S~
auch ~P~ sein. Aus dieser Aufstellung wird ersichtlich, wie nahe
verwandt die Ähnlichkeitsschlüsse den induktiven sind, aber auch
in welcher Hinsicht sie von ihnen charakteristisch abweichen. Die
Analogieschlüsse sind Wahrscheinlichkeitsschlüsse geradeso wie die
induktiven; wie diese setzen auch sie die Gültigkeit des Kausalprinzips
in dem oben erörterten Sinne voraus. Ist aber das Denkverfahren bei
jenen ein Schluß vom Bekannten aufs Unbekannte und von da aus aufs
Allgemeine (Bekannte wie Unbekannte zugleich), so hier ein Schluß
vom gegebenen Bekannten auf ein unzureichend, aber dem Gegebenen als
+ähnlich+ Bekanntes, ein Schluß also, der vom Besonderen ausgehend
beim +Besonderen+ stehen bleibt. Insofern nun in allen Induktionen
dem Schluß vom Besonderen aufs Allgemeine ein Schluß vom Besonderen
aufs Besondere immanent ist, kann man sagen, daß das Verfahren der
Analogieschlüsse seinem Wesen nach bereits in dem Verfahren der
Induktion enthalten sei. Das darf aber nicht dazu führen, Induktions-
und Analogieschluß -- wenn sie auch nahe verwandte Formen des
Schließens sind -- als unterschiedslos ansprechen oder gar diesen
aus jenem ableiten zu wollen. Schon daß der eine beim Besonderen
halt macht, während für den anderen der Schluß vom Besonderen aufs
Besondere nur der Durchgangspunkt für die Ableitung des Allgemeinen
ist, begründet genügend ihre Verschiedenheit. Der eine ist ferner ein
Schluß vom Bekannten aufs Ähnliche, der andere vom Bekannten aufs
+Gleichartige+. Und: wohl ist alles Gleichartige ähnlich, aber nicht
alles Ähnliche auch gleichartig!
Nicht schwer ist es, zu erkennen, daß das Verfahren der Schlüsse
~per analogiam~, geradeso wie das induktive, von dem deduktiven,
speziell dem syllogistischen, wesensverschieden ist. Das ist darum
wichtig zu betonen, weil die Form der Ähnlichkeitsschlüsse leicht
den Schein erwecken könnte, daß es sich hier um eine Art der sog.
+Relationssyllogismen+ handelt. Stellen wir beide Formen nebeneinander,
dann ergibt sich:
I.
~M~ ← ähnlich ~P~ }
~S~ ← ähnlich ~M~ } Relationssyllogismus
------------------} aus Ähnlichkeitsbeziehung.
~S~ ← ähnlich ~P~ }
II.
~M~ ← ~P~ }
~S~ ← ähnlich ~M~ } Analogieschluß.
------------------------- }
~S~ ← wahrscheinlich ~P~ }
Eine Vergleichung beider Schlußformen zeigt deutlich ihre
Verschiedenheit. Relationssyllogismen sind solche, bei denen 1.
aus +Relations+urteilen als Prämissen ein +Relations+urteil als
Konklusio folgt, und bei denen 2. die Modalität der Prämissen im
Schlußurteil erhalten bleibt. Beide Bedingungen treffen aber für
die Analogieschlüsse nicht zu. Also sind Analogieschlüsse keine
Relationssyllogismen. Ebensowenig sind sie nun syllogistische Formen
überhaupt. Wäre das der Fall, dann müßte sich aus den Grundsätzen
des syllogistischen Schließens ein Prinzip ableiten lassen, das für
Analogieschlüsse Gültigkeit hat und etwa lautete: Einem Subjekt kommt
+wahrscheinlich+ als Prädikat zu, was einem mit ihm als +ähnlich+
erkannten Subjekt als Prädikat zukommt. Dieses Prinzip aber läßt sich
aus +keinem+ der angeführten Grundsätze syllogistischer Schlußweisen
ableiten. Mithin sind Analogieschlüsse keine Syllogismen[15].
Den Analogieschlüssen kommt sowohl im praktischen wie im
wissenschaftlichen Denken eine hohe Bedeutung zu. Wo wir die
Ausdrucksbewegungen eines Tieres oder Menschen als durch Schmerz,
Freude, Trauer, Mitleid, Haß usw. bewirkt deuten, da bewegen wir uns
auf dem Gebiete der Analogien. Alle wissenschaftliche Psychologie,
die über das in der Selbstwahrnehmung Gegebene hinausgeht, beruht
auf Schlüssen ~per analogiam~. Analogieschlüsse bilden demnach das
wesentliche methodische Fundament der Kinderpsychologie und die
ausschließliche Grundlage der Psychologie der Tiere, der wilden
Völker, der geistig-Minderwertigen oder -Gestörten (Psychopathologie).
Als +mittelbare+ methodische Voraussetzungen spielen sie ferner in
der Geschichtswissenschaft und der Völkerkunde eine Rolle, insofern
als wir in diesen überall stillschweigend voraussetzen, daß die
Menschen früherer Zeiten in ebender Weise gedacht und gefühlt haben
wie wir selbst, nicht qualitativ, sondern höchstens graduell von uns
verschieden. Damit ist die hohe Bedeutung der Ähnlichkeitsschlüsse
trotz des relativ geringen Grades ihrer Gültigkeit prinzipiell erwiesen
und ihnen unter den Arten der mittelbaren Schlüsse die Stellung
zugewiesen, die ihnen ihrem Wesen und ihrer Leistung nach gebührt.
[11] Dafür im folgenden meistens die Abkürzungen: „_Grdurt._“ und
„_Flgsurt._“
[12] Lediglich aus Zweckmäßigkeitsgründen der Darstellung werden
im folgenden allgemeines und generelles, modal-bestimmendes und
elementares, verneinendes und bejahendes Urteil wie einander
koordinierte Urteilsformen behandelt.
[13] „~Quidquid de omnibus valet, valet et de quibusdam et singulis:
quidquid de nullo valet, nec de quibusdam vel singulis valet.~“
(Was allgemein gilt, gilt auch für das Besondere und Einzelne;
was für nichts gilt, gilt auch nicht für das Besondere und
Einzelne.)
[14] +Aristoteles+ freilich versteht unter „Syllogismus“ zugleich
auch die induktiven und Analogieschlüsse, die er irrtümlich aus
dem deduktiven Verfahren ableitet. Hypothetische und disjunktive
Deduktionen im Unterschied zu den kategorischen kennt er
überhaupt noch nicht.
[15] Der Schüler stelle übungshalber fest, nach welchen Schlußformen
in diesem Absatz geschlossen worden ist.
~B.~ Logische Methodenlehre.
I. Die Lehre vom wissenschaftlichen Untersuchungsverfahren.
1. Unwissenschaftliches und wissenschaftliches Denken und die Aufgaben
der Methodenlehre.
Historisch betrachtet ist das unwissenschaftliche oder praktisch
gerichtete Denken des gemeinen Volkes älter als das wissenschaftliche
und zugleich der Mutterboden, auf dem jenes unter allmählichen
charakteristischen Veränderungen sich entwickelt hat. Die Formen, in
denen beide sich vollziehen, sind dieselben: hier wie dort Urteile
über Gegenstände, die zuvor durch andere Urteile begrifflich fixiert
sind, und Schlüsse, die aus gegebenen Urteilen neue gewinnen lassen.
Ziel und Mittel beider sind dagegen wesentlich verschieden. Dient
das unwissenschaftliche Denken vorwiegend +praktischen+ Zwecken der
+Lebensführung+, so das wissenschaftliche -- seinen unmittelbaren
Aufgaben nach -- +theoretischen+ der +Erkenntnis+. Jenes ist einseitig,
subjektiv-individuell und dem Augenblick angehörend, dieses umfassend,
objektiv-allgemein und dem Ideal nach für die Ewigkeit bestimmt. Und
dem Zweck entsprechen die Mittel: unwissenschaftliches Denken ist
unkritisch und unsystematisch, allen Verführungen des Hoffens, Meinens
und Glaubens willfährig hingegeben; wissenschaftliches dagegen eine
kritisch-systematische Reflexion des Bewußtseins auf seine Gegenstände,
in der an die Stelle des Hoffens das +Forschen+, an die Stelle des
Meinens das +Beweisen+, an die Stelle des Glaubens das +Wissen+ tritt.
+Wissenschaftliches+ Denken ist also kurz gesagt solches, das seinen
Gegenständen nach einen möglichst vollständigen, seinem Erkenntniswert
nach einen möglichst allgemeingültigen Bestand von Urteilen über
das Wirkliche erstrebt. Zu diesem Zwecke hat es zwei miteinander
eng zusammenhängende Aufgaben zu erfüllen: 1. seine Gegenstände
systematisch zu untersuchen; 2. die Ergebnisse dieser Untersuchung in
ihrem Zusammenhange zureichend zu begründen. Entsprechend diesen beiden
Aufgaben zerfällt die logische Methodenlehre -- als wissenschaftliche
Reflexion auf die methodischen Formen des wissenschaftlichen Denkens
-- in zwei Hauptteile, deren ersten die Lehre vom wissenschaftlichen
+Untersuchungs+-, deren zweiten die Lehre vom wissenschaftlichen
+Beweis+verfahren bildet. Nicht selten wird zu diesen beiden Teilen
noch ein dritter hinzugesellt: die Lehre von der +systematischen
Darstellung+ wissenschaftlicher Ergebnisse. Dieser ist jedoch -- soweit
er +logisch+- (und nicht praktisch-didaktisch-) Wertvolles enthält
-- bereits völlig in den beiden anderen Teilen der Methodenlehre
enthalten; denn jede wissenschaftliche Untersuchung, die zu Ergebnissen
gelangt, muß, um diese festzuhalten, zu deren systematischer
Darstellung fortschreiten, und jeder Versuch, wissenschaftliche
Ergebnisse in ihrem Zusammenhange zureichend zu begründen, muß von
einer systematischen Darstellung dieser Ergebnisse seinen Ausgangspunkt
nehmen.
Die Aufgaben der logischen Methodenlehre werden dadurch
verwickelter, daß das wissenschaftliche Denken seiner Form nach
nicht ein einheitliches, sondern vielmehr ein in vielen Richtungen
auseinanderstrebendes Ganze bildet. Mit der Differenzierung der
Wissenschaften haben sich auch ihre methodischen Formen zu immer
feineren voneinander abweichenden Gestaltungen entwickelt. Das
wissenschaftliche Denken ist also wie nach seinen Gegenständen so auch
nach seinen +Methoden+ charakteristisch verschieden, und es fragt sich,
wie die logische Methodenlehre sich diesen methodischen Verzweigungen
gegenüber zu verhalten habe.
Während die älteren Logiker sich darauf beschränkten, lediglich
die allgemeinen Grundlagen des wissenschaftlichen Untersuchungs-
und Beweisverfahrens festzulegen, haben sich in der jüngeren Logik
-- namentlich durch den (trotz aller Schwächen im einzelnen)
epochemachenden Entwurf +Wundts+ -- Ansätze entwickelt, die
von der allgemeinen auf eine +spezielle+ Methodenlehre des
+einzel+wissenschaftlichen Denkens hinstreben. In diesen Versuchen
zeigt sich die Tendenz, wie eine Logik des +mathematischen+ so
auch eine solche des +naturwissenschaftlichen+ und davon wieder
unterschieden eine solche des +geisteswissenschaftlichen+ (bsd. des
historischen) Denkens zu begründen. Diese -- z. B. von Windelband, von
+Rickert+ angeregten und geförderten -- Bestrebungen sind indessen noch
zu jung, um bereits anerkannte Ergebnisse von bleibender Bedeutung
aufzuweisen. Für künftige Logiker jedoch -- gleich gut geschult auf
einzelwissenschaftlichem wie philosophischem Gebiete -- eröffnen sich
hier weite, noch ungepflügte Gebiete der Forschung, die reichen Ertrag
versprechen.
Gegenwärtig und im besonderen für den vorliegenden Zweck muß die
Darstellung der logischen Methodenlehre sich auf die Skizzierung der
allgemeinsten methodischen Grundlagen des wissenschaftlichen Denkens
beschränken, nur daß sie gut tut, gegebenen Ortes auch der wichtigsten
Differenzierungen kurz Erwähnung zu tun.
Das wissenschaftliche Denken zerfällt nach seinen +Gegenständen+
in so viel Arten, wie man Arten der Wissenschaften nach ihren
Untersuchungsgebieten unterscheidet. Zufolge der überlieferten --
in der Gegenwart zum Teil heftig angegriffenen -- Klassifikation
der wissenschaftlichen Disziplinen zerfallen diese in Formal- und
Realwissenschaften. Die +Formal+wissenschaften sind der Inbegriff
der +mathematischen+ Wissenschaften; sie zerfallen in die beiden
Hauptarten der +Geometrie+ und +Arithmetik+. Die +Real+wissenschaften
sind der Inbegriff der +Tatsachen+wissenschaften; sie zerfallen nach
der herkömmlichen Scheidung in die beiden Hauptarten der Natur-
und Geisteswissenschaften. Die +Natur+wissenschaften sind wieder
entweder +systematische+ (Gesetzes-) oder +genetische+ (Entwicklungs-)
Wissenschaften; die systematischen entweder: beschreibende und
+erklärende+ oder: beschreibende und +klassifizierende+. Zu den
ersteren gehören Physik, Chemie, Astronomie und Physiologie; zu den
letzteren Zoologie, Botanik, Mineralogie, wohl auch Ethnologie und
Anthropologie, Geographie, Anatomie und vergleichende Morphologie.
Die +genetischen+ Naturwissenschaften dagegen sind die Wissenschaften
von dem Entwicklungszusammenhang der Natur, also Kosmologie,
Geologie, genetische Biologie (Entwicklungslehre). -- Schwankender
als diese ist die Einteilung der +Geistes+wissenschaften. Diese
sind, sofern sich in ihnen die Untersuchung +un+mittelbar auf das
Geistige als solches richtet, +psychologische+, sofern sie das
Geistige in dem durch Menschenhand Geschaffenen, also +mittelbar+,
zum Gegenstand hat, +Kultur+wissenschaften. Auch hier wiederum zeigt
sich bei beiden der Unterschied zwischen den systematisch- und
+genetisch+-gerichteten Disziplinen. +Systematisch+-psychologische
Forschungszweige sind die allgemeine Psychologie des normalen
Bewußtseins, die Charakterpsychologie oder Psychologie der
individuellen Differenzen, die Rassen- und Völker- sowie die Tier-,
die Kinder- und die noch unbegründete Greisenpsychologie (die die
charakteristisch seelischen Veränderungen des zunehmenden Alters zum
Gegenstand hat); +genetisch+-psychologische dagegen die biologische
Psychologie, die die Entwicklung des Seelischen überhaupt, sowie
die ethnologische und biographische Psychologie, die die seelische
Entwicklung entweder bestimmter Völker oder bestimmter Individuen
zum Gegenstand haben. +Systematische Kultur+wissenschaften endlich
sind Wissenschaften wie die allgemeine und vergleichende Staats-,
Rechts- und Wirtschaftswissenschaft, Literatur- und Sprach-, Kunst-
und Moral-, Religionswissenschaft und Pädagogik; +genetische
Kultur+wissenschaften alle +historischen+ Disziplinen, als da sind:
politische und Kulturgeschichte, Sprach- und Literatur-, Kunst- und
Religionsgeschichte sowie die Geschichte der Philosophie und der
Wissenschaften selbst.
Für die Anordnung der Wissenschaften nach +methodischem+
Gesichtspunkte gibt einmal die Einteilung der Urteile in
+Formal+- und +Real+behauptungen, zum anderen die durchgehende
Scheidung der Tatsachenwissenschaften nach +systematischem+
und +genetischem+ Gesichtspunkte genügenden Anhalt. Die
+mathematischen+ Wissenschaften sind entsprechend alt-überlieferten
Annahmen ihrer Methode nach wesentlich +rational-deduktive+,
die +Tatsachen+wissenschaften +empirisch-induktive+. Alle
empirisch-induktiven Wissenschaften wiederum sind ihrer Methode nach
entweder systematische oder genetische, d. h. entweder gesetzbildende
oder Entwicklungswissenschaften (in Windelbandscher Terminologie:
nomothetische oder idiologische Disziplinen). Diese Scheidung ist
indessen nur eine +Typen+einteilung, d. h. eine solche, zwischen
deren Einteilungsgliedern fließende Grenzen bestehen; denn es muß
anerkannt werden, daß es sowohl in gewissen Entwicklungswissenschaften
+Gesetze+ wie in gewissen Gesetzeswissenschaften untersuchte
+Entwicklungs+zusammenhänge gibt (ein Faktum, für dessen Begründung im
einzelnen hier nicht der Ort ist).
2. Wissenschaftliche Begriffsbildung und Begriffsbestimmung.
Das wissenschaftliche Denken baut nicht überall von Anfang an
auf eigenem Grunde. Es findet, indem es an die Untersuchung
seiner Gegenstände herantritt, in den Begriffen, in denen diese
gemeinhin gedacht werden, einen Bestand von Urteilen vor, die, dem
unwissenschaftlichen (oder +vor+wissenschaftlichen) Denken entstammend,
nicht unbesehen in das wissenschaftliche einfließen dürfen. Hier
ergibt sich für den Forscher die Aufgabe, die Begriffe, die er aus
dem praktischen Denken übernimmt, einer wissenschaftlichen Kritik zu
unterziehen und sie damit zu wissenschaftlichen zu erheben.
Alle wissenschaftliche Begriffsbildung geht von einer
planmäßig-geordneten +Untersuchung+ derjenigen Gegenstände aus, die zu
dem in Betracht kommenden Forschungsgebiet gehören. Die Gegenstände
der Forschung sind nicht alle solche der Wahrnehmung; vielmehr haben
wir neben diesen auch andere anzuerkennen, die das Denken auf Grund
der Inhalte der Wahrnehmung +selbsttätig+ bildet. Dahin gehören z. B.
die Gegenstände der +mathematischen+ Wissenschaften. Ein Dreieck, ein
Kreis, eine Zahl sind +niemals+ Objekte der Wahrnehmung, sondern immer
Produkte des Denkens. Man kann sich diese wohl durch eine äußerlich
wahrnehmbare Zeichnung versinnbildlichen: die Zeichnung aber ist
stets nur das +Abbild+ des Dreiecks, des Kreises, nie diese selbst.
Hieraus erklärt sich die Klarheit und Stetigkeit der mathematischen
Begriffe. Um den Begriff des Dreiecks, des Kreises zu bilden, braucht
man nicht alle die verschiedenen Arten möglicher Dreiecke, möglicher
Kreise einzeln durchzugehen. Die logische Reflexion auf das Wesen
eines +einzigen+ von ihnen ergibt vielmehr die Wesensbestimmung
+aller+. Darum bleibt der Begriff des Dreiecks, des Kreises, einmal
gebildet, immer derselbe. +Erfahrungs+begriffe können sich wandeln:
+Verstandes+begriffe bleiben konstant.
Die Gegenstände der Tatsachenwissenschaften sind zwar in der
Wahrnehmung, aber nicht alle in +gleicher+ Weise in dieser gegeben.
Bilden die Objekte der +systematischen+ Wissenschaften +un+mittelbare,
so die der +genetischen+ nur +mittelbare+ Gegenstände der Wahrnehmung.
Die Sauerstoffverbindung, die elektrische Strahlenart, die besondere
Tier- oder Pflanzenspezies, die ich untersuche, sind mir in der
+sinnlichen+, die Tonempfindung, das Unlustgefühl des Zornes in der
+Selbst+wahrnehmung unmittelbar präsent[16]. Die Beschaffenheit der
Erdoberfläche in der Eiszeit dagegen, die kulturellen Verhältnisse
in Europa zur Zeit Heinrichs IV., die Faktoren, die den Ausbruch des
Siebenjährigen Krieges herbeiführten, sind mir nicht unmittelbar
gegeben, sondern müssen als nach Analogie der unmittelbaren
Wahrnehmungsobjekte gedachte Gegenstände aus den Resten und Zeugnissen
dieser Perioden von mir erschlossen werden. Hier tritt als methodischer
Faktor an die Stelle der Wahrnehmung und der auf ihr beruhenden
Erinnerung die wissenschaftlich-geleitete +Einbildungskraft+ (vgl. B.
+Erdmann+, Die Funktionen der Phantasie im wissenschaftlichen Denken,
Berlin 1913).
Alle Begriffsbildung geschieht durch Urteile; die wissenschaftliche
mithin durch wissenschaftliche Urteile. Wissenschaftliche Begriffe
sind also nicht Voraussetzungen, sondern vielmehr +Produkte+
wissenschaftlicher Arbeit. Sie wandeln sich -- abgesehen von der den
Grundbegriffen der Mathematik eigenen Konstanz -- in und mit dem
Fortschreiten der Forschung, indem die spezielleren Begriffsformen
an Zahl immer zunehmen, an Inhalt dabei reicher, an Umfang ärmer
werden, während sich darüber ein wachsendes, immer verwickelter
sich gestaltendes System von Art- und Gattungsbegriffen aufbaut. In
den systematischen und genetischen Disziplinen ist der Vorgang der
Begriffsbildung dabei nicht wesentlich voneinander verschieden: die
ersten gehen -- um es nur in allgemeinster Form anzudeuten -- von
Individuen zu Arten und Gattungen, suchen also das Allgemeine +aus+
dem Einzelnen zu gewinnen; die anderen gehen von Spezialbegriffen
zu Gesamtbegriffen, suchen also das Allgemeine +im+ Einzelnen. Aus
diesen im Prinzip übereinstimmenden Verfahrungsweisen ergibt sich
zugleich die spezifische Differenz beider: die +systematische+
Forschung untersucht das Einzelne um des +Allgemeinen+ willen; sie
strebt nach dem +Gesetz+ der Veränderung, also nach dem +Sein+ im
Werden, dem „+Immer-so-Seienden+“; die +genetische+ Forschung dagegen
untersucht das Einzelne um seiner +selbst+ willen; sie strebt nach
der Feststellung der +Entwicklung+ selber, also nicht nach dem Sein
im Werden, sondern nach dem +Werden+ an und für sich selbst, nach dem
„+Einmal-so-Gewesenen+“.