+Reinliche+ Zusammensetzungen deduktiver Schlüsse sind solche, die

nur aus +kategorischen+ Schlüssen zusammengesetzt sind; (reinliche

Zusammensetzungen aus hypothetischen Schlüssen sind nach dem Wesen

dieser nicht möglich). Die einfachste Form reinlicher Zusammensetzungen

sind diejenigen Verbindungen von Schlüssen, in denen der Schlußsatz

eines Syllogismus gleichzeitig den Obersatz eines anderen Syllogismus

bildet; der in seiner Stellung vordere Syllogismus heißt dabei

+Pro+syllogismus, der hintere +Epi+syllogismus. Jenachdem die ganze

Ableitung aus zwei, drei, vier oder mehr Syllogismen zusammengesetzt

ist, heißt sie eine zwei-, drei-, vier- oder vielgliedrige

+Schlußkette+ (Polysyllogismus).

Von den Schlußketten scheidet man die sog. +Kettenschlüsse+ (Sorites),

die im Grunde jedoch lediglich +verkürzte+ Schlußketten sind. In

ihnen werden nämlich die Schlußsätze der einzelnen syllogistischen

Glieder einfach +übersprungen+. Dem Verlauf des natürlichen Denkens

stehen sie darum näher als die zuerst erwähnten Schlußketten. Zeigt

doch dieses immer die Tendenz, das irgend Entbehrliche auszuscheiden

und den Gesamtprozeß der Ableitung zu verkürzen. Nach alter logischer

Tradition zerfallen die Kettenschlüsse in +zwei+ Arten, deren erste

man nach ihrem Entdecker den +Aristotelischen+, deren zweite man nach

ihrem Entdecker Rudolf Goclenius, einem Marburger Philosophen aus den

Jahren 1547-1628, den +Goclenischen+ Sorites nennt. (B. Erdmann schlägt

nach ihrem Wesen für den Goclenischen den Namen +subsumierender+,

für den Aristotelischen den Namen +analysierender+ Sorites vor.)

Ihrer logischen Grundform nach sehen Schlußkette, Aristotelischer und

Goclenischer Kettenschluß folgendermaßen aus:

I. Schlußketten:

~a~) ~b~)

Alle ~Ma~ ← ~P~ Alle ~S~ ← ~Ma~

Alle ~Mb~ ← ~Ma~ Alle ~Ma~ ← ~Mb~

--------------------- ---------------------

Alle ~Mb~ ← ~P~ Alle ~S~ ← ~Mb~

Alle ~Mc~ ← ~Mb~ Alle ~Mb~ ← ~Mc~

--------------------- ---------------------

Alle ~Mc~ ← ~P~ Alle ~S~ ← ~Mc~

Alle ~Md~ ← ~Mc~ Alle ~Mc~ ← ~Md~

--------------------- ---------------------

Alle ~Md~ ← ~P~ Alle ~S~ ← ~Md~

Alle ~S~ ← ~Md~ Alle ~Md~ ← ~P~

--------------------- ---------------------

Alle ~S~ ← ~P~ Alle ~S~ ← ~P~

II. Kettenschlüsse:

~a~) ~b~)

Goclenischer Aristotelischer

Sorites. Sorites.

Alle ~Ma~ ← ~P~ Alle ~S~ ← ~Ma~

Alle ~Mb~ ← ~Ma~ Alle ~Ma~ ← ~Mb~

Alle ~Mc~ ← ~Mb~ Alle ~Mb~ ← ~Mc~

Alle ~Md~ ← ~Mc~ Alle ~Mc~ ← ~Md~

Alle ~S~ ← ~Md~ Alle ~Md~ ← ~P~

--------------------- ---------------------

Alle ~S~ ← ~P~ Alle ~S~ ← ~P~

Aus der Schlußkette ~a~ ist durch Ausfall der Schlußurteile der

einzelnen Glieder der +Goclenische+, aus der Schlußkette ~b~ der

+Aristotelische+ Kettenschluß ableitbar. Darum gelten für beide Arten

von Ketten die gleichen allgemeinen Regeln, deren wichtigste besagen:

Das Schlußurteil einer Kette kann nur +allgemein+ sein, wenn +alle+

Prämissen allgemein sind, ist aber +partikulär+, sobald +eine+ ihrer

Prämissen partikuläre Quantität hat. Ferner: das Schlußurteil einer

Kette kann nur +bejahend+ sein, wenn +alle+ ihre Prämissen bejahend

sind, ist aber +verneinend+, wenn +eine+ ihrer Prämissen negativ ist.

Wie es Syllogismen aus beurteilenden, Syllogismen aus hypothetischen

Grundurteilen gibt, so auch Schlußketten und Kettenschlüsse. Als

Hauptformen der Kettenschlüsse aus +hypothetischen+ Gefügen seien

aufgeführt: 1. wenn ~G~, dann ~M₁~; wenn ~M₁~, dann ~M₂~; wenn ~M₂~,

dann ~M₃~; wenn ~M₃~, dann ~F~; _also_: wenn ~G~, dann ~F~; 2. wenn

~G~, dann ~M₁~; wenn ~M₁~, dann ~M₂~; wenn ~M₂~, dann ~M₃~; wenn ~M₃~,

dann +nicht+ ~F~; _also_: wenn ~G~, dann nicht ~F~. Die Modalität des

Schlußurteiles einer Kette ist +problematisch+, wenn +eines+ ihrer

Glieder ein problematisches Urteil ist. Formen von Schlußketten und

Kettenschlüssen aus +Relations+urteilen sind nach den oben angeführten

Beispielen von Polysyllogismen leicht aufzustellen. (Ausführliches

hierzu bei +Drobisch+, Neue Darstellung der Logik, 4. Aufl. 1875,

§ 105 ff.)

Die +gemischten+ Zusammensetzungen deduktiver Schlüsse bedürfen nach

den dargestellten Voraussetzungen keiner näheren Erörterung mehr. Schon

oberflächliche Prüfung ergibt das Vorhandensein einer Mannigfaltigkeit

von möglichen Verbindungen hypothetischer mit kategorischen

Deduktionen, mit Schlußketten und Kettenschlüssen, zum Teil -- wie bei

den oben besprochenen disjunktiven Zusammensetzungen -- solche, in

denen außer mittelbaren Schlüssen deduktiver Konsequenz unmittelbare

Schlüsse oder Folgerungen mit eingewebt sind. Als Beispiele gemischter

Zusammensetzungen deduktiver Schlüsse seien ihrer Form nach noch

aufgeführt:

I. Wenn alle ~Q~ ← ~R~, dann alle ~T~ ← ~U~ }

Wenn alle ~T~ ← ~U~, dann alle ~V~ ← ~W~ } Kettenschluß aus hypo-

Wenn alle ~V~ ← ~W~, dann alle ~X~ ← ~Y~ } thetische Prämissen.

Wenn alle ~X~ ← ~Y~, dann alle ~M~ ← ~P~ }

---------------------------------------- }

Wenn alle ~Q~ ← ~R~, dann alle ~M~ ← ~P~ } }

Alle ~Q~ ← ~R~ wahr } } Hypothetische

-----------------------------------------} } Deduktion.

Alle ~M~ ← ~P~ wahr } }

Alle ~S~ ← ~M~ } Syllogismus der

-------------------- } ersten Schlußweise der

Alle ~S~ ← ~P~, } ersten Fig.

II. Wenn alle ~Q~ ← ~R~, dann alle ~M~ ← ~P~ }

Alle ~Q~ ← ~R~ wahr } Hypothetische

----------------------------------------- } Deduktion.

Alle ~M~ ← ~P~ wahr } } Goclenischer Sorites

Alle ~Ma~ ← ~M~ } mit allgemein-

Alle ~Mb~ ← ~Ma~ } bejahenden Prosyllo-

Alle ~Mc~ ← ~Mb~ } gismen u. partiku-

Einige ~O~ vielleicht ← ~Mc~ } lär-bejahendem,

---------------------------------- } problematischem

Einige ~O~ vielleicht ← ~P~ } } Episyllogismus.

Alle ~O~ ← ~S~ } Syllogismus der

---------------------------------- } zweiten Schlußweise

Einige ~S~ ← vielleicht ~P~ } d. dritten Fig.

Wie es verkürzte Urteile gibt („Hilfe“; „Feuer“; die meisten

Kommandorufe bei turnerischen und militärischen Übungen), so auch

+verkürzte+ Schlußformen, sog. +Enthymeme+ -- z. B.: „Alle Menschen

sind bisher gestorben, also wird Schreiber dieser Zeilen auch

sterben.“ Diese Verkürzungen -- am häufigsten durch Ausfall einer

Prämisse in einfachen Schlüssen oder Ketten, meistens der unteren

Prämisse -- betreffen indessen nicht den +logischen+ Aufbau eines

Schlusses, sondern +psychologische+ Eigenheiten des Denkens oder

+grammatische+ Besonderheiten des sprachlichen Ausdruckes der Sätze.

Ihre Erörterung gehört also nicht zu den Aufgaben der Logik.

4. Logische Theorie des deduktiven Schließens.

Die logische Theorie des deduktiven Schließens hat Antwort zu geben

auf die Frage: Welcher Art sind in den deduktiven Schlußweisen die

Beziehungen zwischen den Prämissen und der Konklusio, genauer gesagt:

die Beziehungen zwischen den einzelnen materialen Gliedern des ganzen

Schlußverfahrens?

Bei den +hypothetischen+ Deduktionen ergeben sich die hierher gehörigen

Bestimmungen leicht. Sind im hypothetischen Gefüge die beiden Elemente

im logischen Verhältnis von +Grund+ und +Folge+ zueinander gedacht,

dann besteht zwischen ihnen das Verhältnis, daß in der Gültigkeit

des Grundes die der +Folge+, in der Ungültigkeit der Folge die des

+Grundes+ notwendig eingeschlossen ist. Diese logische Tatsache bildet

das Fundament der hypothetischen Schlüsse und begründet zugleich ihre

Berechtigung. Als +logischen Grundsatz der hypothetischen Deduktionen+

können wir mithin den Satz aufstellen: +Mit dem Grunde ist die

Folge denknotwendig gesetzt, mit der Folge der Grund denknotwendig

aufgehoben.+

Nicht so einfach liegen die Dinge bei den +kategorischen+ Deduktionen.

Den mannigfachen Theorien des Urteils entsprechen ebenso viele Theorien

des syllogistischen Schließens, die kurz skizziert seien:

Die Auffassungen vom Wesen des +syllogistischen+ Schließens

zerfallen (wie beim Urteil) in Umfangs- und Inhaltstheorien. Die

Anhänger der +Umfangslogik+ vertreten entweder die Subsumtions- oder

Substitutionstheorie des Syllogismus. Nach der +Subsumtionstheorie+

kommt dieser dadurch zustande, daß der Umfang von ~S~ in dem

von ~M~, der Umfang von ~M~ in dem von ~P~ und damit der Umfang

von ~S~ +mittelbar+ in dem von ~P~ enthalten gedacht werde (~S~

eine +Art+ der Gattung ~M~, ~M~ eine +Art+ der Gattung ~P~;

Aristoteles); diese Theorie heißt nach der üblichen Symbolisierung

der Umfangsverhältnisse durch Kreise auch „+Sphären+theorie“ des

Syllogismus. Nach der +Substitutions+theorie dagegen, der beim

Urteil die Identitätstheorie des Umfangs entspricht, wird der

Umfang der drei Begriffe ~S~, ~M~ und ~P~ nicht untereinander

subsumiert, sondern einander substituiert, d. h. als identisch

gedacht. Ihr Grundsatz lautet: Gleiches Gleichem substituiert gibt

Gleiches; also: ~S~ = ~M~, ~M~ = ~P~, mithin ~S~ = ~P~ (Beneke).

Diese Deutungen genügen den Erfordernissen der Logik indessen +so+

wenig wie die Umfangstheorien des Urteils. Das gleiche gilt -- hier

auf den Syllogismus bezogen -- auch für die +Identitäts+theorie

des +Inhalts+, nach der die logische Schlußfolgerung aus der

+Inhaltsgleichheit+ von ~S~, ~M~ und ~P~ hervorgehen müßte.

Der oben entwickelten logischen Theorie des Urteils entspricht eine

+Einordnungs+theorie des Syllogismus. Kommt einem Subjekt das Prädikat

~M~, diesem das Prädikat ~P~ zu oder auch nicht zu, dann kommt eben

diesem Subjekt +mittelbar+ auch das Prädikat ~P~ zu oder nicht zu

(~M~)

(~S~ ← ~M~ ← ~P~ = ~S~ ← ~P~).

Das syllogistische Schließen ist demnach ein +Urteilen+, und zwar ein

+mittelbares+ (d. h. ein durch Urteile +vermitteltes+) Urteilen. Als

+Grundsatz der kategorischen Deduktionen+ können wir mithin schreiben:

+Jedem Subjekt kommt mittelbar das Prädikat seines Prädikats zu+, und

+keinem Subjekt kommt mittelbar zu, was nicht Prädikat eines Prädikats

von ihm ist+ (Erdmann).

Diese Formulierung gilt aber ersichtlich nur für solche Syllogismen,

deren Prämissen fürs erste einfache, zum zweiten Inhärenzurteile

sind (Prinzip der +mittelbaren Inhärenz+). Für die oben sog.

+Relations+syllogismen und Syllogismen aus +hypothetischen+ Prämissen

haben wir mithin den entwickelten Grundsatz noch zu erweitern. Daraus

ergeben sich die logischen Grundsätze: Stehen zwei Begriffe zu

einem dritten in logischer Relation, so stehen sie +mittelbar+ auch

untereinander in einer solchen (Prinzip der +mittelbaren Relation+);

und: Mit dem Grunde ist wie die Folge auch die Folge seiner Folge

mittelbar gesetzt; von dem Grunde ist als mittelbare Folge alles

ausgeschlossen, was von einer seiner Folgen als Folge ausgeschlossen

ist (Prinzip der +mittelbaren Folge+).

Prämissen und Konklusio verhalten sich in allen deduktiven Schlüssen

wie logischer +Grund+ und +Folge+. Wie aus der Wahrheit der Prämissen

bei formal gültiger Ableitung die Wahrheit des Schlußsatzes, so folgt

aus der Falschheit des Schlußsatzes umgekehrt, daß entweder die

Ableitung formal ungültig oder aber eine der Prämissen falsch ist. Daß

aus falschen Prämissen gelegentlich auch Richtiges folgen kann, beweist

gegen diese Tatsachen so wenig, wie der Umstand, daß bei mehreren

Fehlern in einer Rechnung gelegentlich Richtiges herauskommt, gegen die

Zahlenverhältnisse des kleinen Einmaleins.

Der +Wert+ des deduktiven, speziell des syllogistischen Schließens

ist seit dem klassischen Altertum (von Sextus Empiricus bis John

Stuart Mill) häufig bezweifelt worden. Eines der schwerwiegendsten

Bedenken besagt, daß die Prämissen im Grunde nicht das Schlußurteil

begründen, sondern dessen Gültigkeit +voraussetzen+. In dem beliebten

Beispiel: „Alle Menschen sind sterblich, Cicero ist ein Mensch, also

ist Cicero sterblich“ sei sowohl die obere wie untere Prämisse nur

gültig, wenn die Konklusio Gültigkeit habe. Verneine man diese, so

hebe man damit auch die Prämissen auf. Der Schluß erweitere also

unsere Erkenntnis nicht, sondern besage nur, was bereits im voraus

bekannt ist; sei also wertlos.

Gegenüber solchen und ähnlichen Einwänden tut man gut, auf die

+Leistungen+ des deduktiven Schlußverfahrens in den mathematischen

sowie den theoretischen Naturwissenschaften hinzuweisen, in denen

die Obersätze entweder Definitionen oder Axiome von unmittelbarer

Gewißheit oder aber aus solchen abgeleitete mittelbar-gewisse Urteile

sind. Vergegenwärtigt man sich, zu welcher Fülle von Einsichten

etwa die Geometrie durch syllogistisches Fortschreiten aus wenigen

obersten Definitionen und Axiomen gelangt, dann kann von einer

Unterschätzung des deduktiven Schließens nicht mehr die Rede sein.

Aber auch in den Tatsachenwissenschaften bilden Deduktionen

bedeutsame Mittel der Forschung. Sei es, daß die Ableitung aus einem

+registrierend+ allgemeinen Urteil als Obersatz +analysierend+

auf ein darin einbegriffenes Einzelne geht (analysierender

Tatsachenschluß), sei es, daß wir aus einem +erweiternd+ allgemeinen

Urteil als Obersatz auf ein noch unbekanntes darin einbegriffenes

Einzelne schließen und so das induktiv gewonnene Wissen deduktiv

ausbeuten (erweiternder Tatsachenschluß): in keiner von beiden Formen

ist das deduktive Verfahren als wertloses anzusprechen. Bringt es in

dem ersten Falle zwar nur zum Bewußtsein, was in dem registrierend

Allgemeinen als Einzelnes enthalten ist, so erweitert es in dem

zweiten unsere Erkenntnis sehr wohl, indem es -- eine „deduktive

Instrumentation unseres induktiven Wissens“ (nach B. Erdmann) -- das

auf Grund der Erfahrung als +allgemeingültig+ Erkannte auf einen

einzelnen dahingehörigen, noch +unbekannten+ Fall überträgt.

5. Die induktiven Schlüsse und die Theorie der Induktion.

+Induktive+ Schlüsse sind solche, in denen aus einer Mehrheit

besonderer Urteile ein davon verschiedenes zusammenfassend- oder

erweiternd-allgemeines Urteil abgeleitet wird. Sie sind mithin

Schlüsse vom Besonderen aufs Allgemeine; ihrer Einteilung nach entweder

zusammenfassende oder erweiternde Induktionen.

Das Wesen der +zusammenfassenden+ (auch: registrierenden) Induktionen

besteht darin, daß eine beliebig große Anzahl gegebener Urteile mit

gleichem Subjekt oder Prädikat im Schlußurteil zu +einem+ Urteil

vereinigt wird, wobei die Konklusio in dem einen Fall eine kopulative,

im anderen eine konjunktive Urteilsverbindung wird. Demnach können

wir ihre Arten als +kopulative+ und +konjunktive+ Zusammenfassungen

auseinanderhalten. Als selbständige Schlußweisen haben diese

Ableitungen nur untergeordnete Bedeutung, weil ihr Schlußurteil

lediglich in +formaler+ Hinsicht von den Prämissen abweicht, dagegen

material über den Bestand des in den Prämissen Ausgesagten nicht

hinausgeht. Dagegen bilden sie Voraussetzungen der erweiternden

Induktionen, als deren logische +Vorstufe+ sie darum bezeichnet werden

müssen. -- Ihrer -- positiven (~a~) und negativen (~b~) -- Grundform

nach lauten sie:

I. Kopulative Zusammenfassungen:

~a~)

~S₁~ ← ~P~

~S₂~ ← ~P~

~S₃~ ← ~P~

...

...

~Sₙ~ ← ~P~

-----------------------------------------------------

[~S₁~, ~S₂~, ~S₃~, ... und ~Sₙ~] ← ~P~

~b~)

~S₁~ ← nicht ~P~

~S₂~ ← nicht ~P~

~S₃~ ← nicht ~P~

...

...

~Sₙ~ ← nicht ~P~

-----------------------------------------------------------

[~S₁~, ~S₂~, ~S₃~, ... und ~Sₙ~] ← nicht ~P~

II. Konjunktive Zusammenfassungen:

~a~)

~S~ ← ~P₁~

~S~ ← ~P₂~

~S~ ← ~P₃~

...

...

~S~ ← ~Pₙ~

----------------------------------------------------

~S~ ← ~[P₁~, ~P₂~, ~P₃~ ... und ~Pₙ~]

~b~)

~S~ ← nicht ~P₁~

~S~ ← nicht ~P₂~

~S~ ← nicht ~P₃~

...

...

~S~ ← nicht ~Pₙ~

------------------------------------------------------

~S~ ← nicht [~P₁~, ~P₂~, ~P₃~ ... ~Pₙ~]

Nicht nur formal, sondern auch +material+ von den Prämissen verschieden

ist die Konklusio in den sog. +erweiternden+ Induktionen. Diese sind

Schlußweisen, in denen aus den gegebenen besonderen Urteilen nicht

ein zusammenfassend-, sondern ein erweiternd-allgemeines Urteil

abgeleitet wird; und jenachdem ob diese Erweiterung von einigen Arten

einer Gattung auf diese Gattung als Ganzes (+Umfangs+erweiterung)

oder von einigen Merkmalen eines Begriffes auf dessen Inhalt

überhaupt (+Inhalts+erweiterung) geht, sind sie zweckmäßig teils

als +verallgemeinernde+, teils als +ergänzende+ Erweiterungen zu

bezeichnen. Ordnet man die Arten der induktiven Schlüsse nach alledem

in einem übersichtlichen Schema, dann ergibt sich folgende Tafel:

Induktive Schlüsse oder Induktionen

|

+-------------------+--------------+

| |

zusammenfassende erweiternde

| |

+------------+-------+ +-------+-------+

| | | |

kopulative konjunktive verallgemeinernde ergänzende

Zusammenfassungen Zusammenfassungen Erweiterungen Erweiterungen

Ihrer einfachsten Form nach -- mit einmal bejahenden (~a~), einmal

verneinenden Prämissen (~b~) -- lauten die verallgemeinernden (I) und

ergänzenden Erweiterungen (II):

I.

~a~) ~b~)

~S₁~ ← ~P~ ~S₁~ ← nicht ~P~

~S₂~ ← ~P~ ~S₂~ ← nicht ~P~

~S₃~ ← ~P~ ~S₃~ ← nicht ~P~

... ...

... ...

~Sₙ~ ← ~P~ ~Sₙ~ ← nicht ~P~

-------------------------------- --------------------------------

+Alle+ ~S~ ← wahrscheinlich ~P~ +Kein+ ~S~ ← wahrscheinlich ~P~

II.

~a~) ~b~)

~S~ ← ~P₁~ ~S~ ← nicht ~P₁~

~S~ ← ~P₂~ ~S~ ← nicht ~P₂~

~S~ ← ~P₃~ ~S~ ← nicht ~P₃~

... ...

... ...

~S~ ← ~Pₙ~ ~S~ ← nicht ~Pₙ~

------------------------- -------------------------------

~S~ ← wahrscheinlich ~P~ ~S~ ← wahrscheinlich nicht ~P~

Zur Erläuterung seien Beispiele für I ~a~ und II ~a~ gegeben.

I ~a~.

Silber ist ein guter Wärmeleiter

Kupfer „ „ „ „

Gold „ „ „ „

Messing „ „ „ „

Zink „ „ „ „

Zinn „ „ „ „

Eisen „ „ „ „

Blei „ „ „ „

.....

------------------------------

Alle Metalle werden gute

Wärmeleiter sein.

II ~a~.

Dieser Körper hat eine gelbliche Farbe

„ „ leuchtet im Dunkeln

„ „ ist (z. B. durch Reiben)

ungemein leicht entzündlich

Dieser Körper brennt mit helleuchtender

Flamme

Dieser Körper ist in Wasser unlöslich

„ „ schmilzt bei 44,4° C

„ „ siedet bei 290° unter

Bildung farbloser Dämpfe

Dieser Körper ist ungemein giftig

.....

------------------------------------------

Dieser Körper wird gelber

kristallinischer Phosphor sein.

Vergleicht man die erweiternden mit den zusammenfassenden

Induktionen, so ergibt sich, daß die verallgemeinernde Induktion

die +kopulative+, die ergänzende die +konjunktive+ Zusammenfassung

zu ihrer Voraussetzung hat. Der logische Prozeß der Induktion geht

vom Einzelnen zunächst zum +zusammenfassend+-Allgemeinen und von

da zur verallgemeinernden oder ergänzenden Erweiterung über. Die

Zahl der Prämissen in erweiternden Induktionen kann nie kleiner als

+zwei+, nach oben aber beliebig groß sein. Das Schlußurteil bleibt

stets von problematischer (bzw. approximativer) Gültigkeit; denn

was für den Teil eines Ganzen als gültig erwiesen ist, gilt für den

übrigbleibenden, noch unbekannten Teil desselben Ganzen immer nur

mit mehr oder minder großer Wahrscheinlichkeit, nie aber tatsächlich

oder notwendig. Die induktiven Schlüsse sind mithin ihrem Wesen nach

+Wahrscheinlichkeits+schlüsse. Darin liegt ihr charakteristischer

Unterschied zu den +deduktiven+ Ableitungen, die im Gegensatz zu ihnen

geradezu als +Notwendigkeits+schlüsse bezeichnet werden können. Hier

wie dort zwar bilden die Prämissen den logischen Grund der Konklusio.

Läßt sich der Syllogismus indessen darstellen durch ein hypothetisches

Gefüge +apodiktischer+ Konsequenz (wenn ~S~ ← ~M~ und: wenn ~M~ ← ~P~,

dann +notwendig+ ~S~ ← ~P~), so die Induktion durch ein hypothetisches

Gefüge +problematischer+ Konsequenz (wenn ~S₁~ ← ~P~, ~S₂~ ←

~P~, ~S₃~ ← ~P~ usw. ..., dann +wahrscheinlich alle+ ~S~ ← ~P~).

In dem einen ist die Ableitung also denknotwendig, in dem anderen nur

wahrscheinlich.

Die logische Theorie der erweiternden Induktion hat die Frage

nach dem +Prinzip+ und aus diesem heraus nach der +Berechtigung+

dieser Schlußarten zu beantworten. Als +logische Grundsätze des

induktiven Schließens+ (unter dem jedoch hier nur die Induktion im

eigentlichen Sinne, also die erweiternde, nicht deren Vorstufe, die

verallgemeinernde, verstanden sei) können wir schreiben: 1. Kommt

einer Reihe von Arten gleicher Gattung ein Merkmal als Prädikat

zu, dann ist es wahrscheinlich, daß dieses Merkmal +allen+ Arten,

mithin der ganzen +Gattung+, als Prädikat zukommt (Prinzip der

+verallgemeinernden+ Induktion); 2. kommt einem Begriff eine Reihe von

Merkmalen gleichermaßen als Prädikat zu, dann ist es wahrscheinlich,

daß ihm der +ganze+ Inhalt, von dem diese Merkmale einen Teil bilden,

als Prädikat zukommt (Prinzip der +ergänzenden+ Induktion). Indem wir

versuchen, beide Grundsätze zu +einem+ zusammenzufassen, formulieren

wir: Wenn etwas für den +Teil+ eines Ganzen als zutreffend erwiesen

ist, dann ist es wahrscheinlich, daß ebendasselbe auch für den

+übrig+bleibenden, noch ununtersuchten Teil dieses Ganzen, mithin für

das Ganze +überhaupt+, Gültigkeit haben werde.

Damit erweist sich der Induktionsschluß deutlich als ein Schluß vom

Bekannten aufs +Unbekannte+. Seine Voraussetzung ist die Hypothese

einer durchgehenden kausal-bedingten +Gleichartigkeit+ des Universums.

In den nicht bekannten Teilen des Wirklichen werden +dieselben+

Ursachen als gegeben angenommen wie in den bekannten und zugleich

dem Schlusse die Annahme zugrunde gelegt, daß aus gleichen Ursachen

allemal +gleiche+ Wirkungen hervorgehen (Erdmann). Die Berechtigung

des Induktionsschlusses wurzelt also zuletzt in der Berechtigung

des +Kausalitätsprinzips+. Leugnet man, daß alles, was geschieht,

zureichende Ursachen hat, durch die es geschieht, und daß aus gleichen

Ursachen gleiche Wirkungen hervorgehen, dann leugnet man damit zugleich

auch die Berechtigung alles induktiven Schließens; und mit dieser

wiederum die Berechtigung +aller+ Erfahrungswissenschaften, die aus dem

untersuchten Einzelnen allgemeine Gesetze und Regeln über den Ablauf

der Veränderungen im Universum überhaupt herleiten.

Sind die Induktionen Schlüsse vom Besonderen aufs Allgemeine, so

bilden ihre Schlußsätze im natürlichen Verlauf des Denkens häufig

wiederum Obersätze von +deduktiven+ Ableitungen, die von hier aus

abermals zum Besonderen herabsteigen. Diese -- an sich leicht und

überzeugend einleuchtende -- Tatsache hat John Stuart +Mill+ zu dem

verhängnisvollen Irrtum verleitet, alle syllogistischen Schlüsse

(auch die mathematischen, für die die Voraussetzung eines induktiv

gewonnenen Obersatzes nicht einmal zutrifft!) als Schlüsse vom

+Besonderen+ aufs +Besondere+ zu deuten, wodurch der Unterschied

zwischen Deduktion und Induktion -- bei Mill selbst wie seinen

Anhängern -- bisweilen in bedenklicher Weise verwirrt worden ist. Zur

kritischen Beurteilung dieses Standpunktes sind die entscheidenden

Gesichtspunkte bereits in dem früher Gesagten angedeutet.

Grundriß der Logik · 第 10 / 16 段