Die Beziehungen zwischen Sprechen und Denken bilden ein altes

philosophisches Problem. Schon Platon hat gelegentlich bemerkt, daß das

Sprechen ein lautgewordenes Denken, das Denken ein stilles Sprechen

sei (Sophistes). Dieser Identifizierung von Sprechen und Denken, die

beides solchermaßen in eins setzt, daß eines ohne das andere unmöglich

erscheint, steht jene Auffassung gegenüber, die zwischen dem Denken und

Sprechen streng scheidet und die Sprache nur als eine Art Gewand oder

äußere Hülle des Gedankens ansieht, welche dem Denken lediglich zum

Zwecke der Mitteilung gegeben und ihm unabhängig davon eher schädlich

sei als nütze (Lehre der Mystiker).

Wie man zwischen diesen extremen Theorien entscheiden soll, hängt von

den Ergebnissen einer anzustellenden psychologischen Analyse ab. Wenn

wir auf uns achten, sobald wir mit einer Sache gedanklich beschäftigt

sind, so finden wir, daß die Funktionen des Denkens meist an die

Elemente der Sprache gebunden sind. Wir denken vermittels der Worte,

die wir zu Sätzen aneinanderreihen und deren Sinn wir verstehen. Auch

dann, wenn wir den Verlauf unserer Gedanken nicht anderen mitteilen,

sondern still für uns denken (stilles Denken), ist dieser Prozeß

meist an Worte und daraus gebildete Sätze geknüpft. Danach würde

Platon recht zu haben scheinen, daß alles Denken ein sprachliches,

ein Denken ohne Sprache mithin nicht möglich sei. Nun aber gibt es

in unserem Bewußtsein zweifellos gewisse dem sprachlichen Denken

verwandte Vorgänge, die sich ohne jede Hilfe von Worten lediglich durch

Verknüpfungen von Vorstellungen auf Grund der Inhalte der Wahrnehmung

und des Gedächtnisses vollziehen. Beispiele dafür sind die Fülle von

Vorstellungen der Erinnerung und Einbildung, die in jemandem erwachen,

der etwa in reifem Alter die Stätten seiner Jugend betritt, oder der

Pläne zu einer Reise zurechtlegt in Gegenden, die ihm durch früheren

Aufenthalt ganz oder zum Teil bekannt sind. In diesen und ähnlichen

Fällen können alle Wortvorstellungen im Bewußtsein fehlen, und doch in

dem Vorstellenden Erkenntnisse und Entschlüsse von Bedeutung reifen.

Will er diese freilich sich völlig klar zu Bewußtsein bringen oder

gar anderen mitteilen, so muß er sie in Worte fassen (sprachlich

formulieren); konzipiert aber hat er sie doch ohne jede Beihilfe der

Sprache.

Damit hätte die psychologische Analyse des Verhältnisses von Denken und

Sprechen zwei verschiedene Arten des Denkens ergeben: ein sprachliches

und ein unsprachliches, in der neueren Psychologie (so von B. Erdmann)

als +formuliertes+ und +intuitives+ Denken bezeichnet. Diese beiden

Arten des Denkens sind jedoch nicht gleichwertig. Ohne Zweifel steht

das formulierte Denken seinen Leistungen nach unvergleichlich über dem

intuitiven, und dem letzteren kommt ein gewisser Wert überhaupt nur

dadurch zu, daß uns die Möglichkeit gegeben ist, das bloß intuitiv

Gedachte in Worten zu formulieren. Wäre diese Möglichkeit uns versagt,

so ständen wir darin auf der Stufe der Tiere, die -- ebenso wie

die Kinder vor Beginn der Spracherlernung -- nur die Fähigkeit des

intuitiven, nicht aber des formulierten Denkens besitzen. Aus diesem

Grunde haben manche Psychologen es vermieden, das intuitive Denken

überhaupt als ein Denken im eigentlichen Sinne zu bezeichnen, und den

Begriff Denken auf das formulierte beschränkt. Wie man sich in der

Psychologie zu dieser rein terminologischen Frage stellen mag, soll

hier nicht weiter erörtert werden. Den Zwecken der Logik jedenfalls,

bei deren Untersuchung der Formen des Denkens allein das formulierte

in Betracht kommt, ist es angepaßter, den Begriff des Denkens, wo er

verwandt wird, stets im Sinne des formulierten zu verstehen.

Diese propädeutisch für die Logik entwickelte Bestimmung, die das

Denken ganz allgemein als einen Inbegriff von an die Funktionen der

Sprache gebundenen Vorgängen kennzeichnet, betont zwar die Bedeutung

der Sprache für das Denken, identifiziert diese mit jenem aber

keineswegs. Hören wir beispielsweise einen Vortrag in einer uns

unbekannten Sprache, so werden unseren Ohren zwar Schallwirkungen,

dem Gehörsinn zwar Geräusche, die wir als Worte deuten, dem Verstande

aber keine Gedanken vermittelt. Das Denken (sowohl das stille, das

wir für uns vollziehen, wie das laute formulierte Denken) ist also

wohl an die Mittel der Sprache gebunden, seinem Wesen nach aber ganz

etwas anderes als diese. Das bloße Wort ist an und für sich Schall

und Rauch; erst das Verständnis des Wortes ermöglicht den Gedanken.

Worte sind mithin Träger, wenn wir zu anderen sprechen, Vermittler

von Gedanken; nicht sie, sondern ihre +Bedeutungsinhalte+ bilden die

Grundlagen des Denkens. Darum rufen zwei- oder mehrdeutige Worte

(Äquivokationen) leicht Mißverständnisse hervor; darum bedarf jede

auf genaues Verständnis der Teilnehmer abzielende Erörterung oder

Auseinandersetzung einer Terminologie, innerhalb deren jedes nicht

eindeutige Wort in fest umgrenztem, nicht mißzuverstehendem Sinne

bestimmt ist.

Nichtsdestoweniger sind die Elemente der Sprache für das Denken in

seinen beiden Formen des +Eigendenkens+ und des +Nachdenkens+ (das

letztere im Sinne des Verständnisses von Gehörtem und Gelesenem)

+so+ bedeutungsvoll, daß andere wie Wortvorstellungen dabei im

Bewußtseinsbestande völlig fehlen können. Diese Auffassung widerspricht

einer bereits alten, weit verbreiteten Theorie, die das Denken --

wenn nicht etwa ganz in ein Verknüpfen bzw. Trennen oder Zerlegen

von +Vorstellungen+ auflöst -- so doch ohne das Vorhandensein von

Vorstellungen der gedachten Gegenstände als unmöglich erklärt[4].

Demnach komme das Verständnis der Worte in uns dadurch zustande, daß

wir uns die durch sie bezeichneten Objekte anschaulich vorstellen,

und zwar gemeinhin durch +abstrakte Allgemeinvorstellungen+ jener

Objekte. So hat z. B. +Locke+ gelegentlich gemeint, der Gattungsbegriff

„Dreieck“ werde gedacht durch die abstrakte Allgemeinvorstellung

eines Dreiecks, welches weder schiefwinklig noch rechtwinklig, weder

gleichseitig noch gleichschenklig noch ungleichseitig, sondern dieses

alles und zugleich nichts davon sei.

Schon George +Berkeley+ (1684-1753) hat gegenüber dieser Theorie darauf

hingewiesen, daß es nach einer sorgfältigen Prüfung, die er angestellt

habe, abstrakte Allgemeinvorstellungen dieser Art nicht gebe. Was

man mit der Vorstellung eines Dreiecks, das weder schiefwinklig

noch rechtwinklig, weder gleichseitig noch gleichschenklig noch

ungleichseitig sei, meine, wisse er nicht. Er seinerseits könne in

seinem Bewußtsein beim Denken nur +Einzelvorstellungen+ entdecken, die

als solche +Repräsentanten der gesamten Gattung+ bilden. Der Sinn des

Wortes „Dreieck“ z. B. könne verstanden werden durch die Vorstellung

eines beliebigen Dreiecks, das in sich die gesamte Gattung „Dreieck“

repräsentiere. Aber es sei auch sehr wohl möglich, ihn lediglich auf

Grund des +Wortes+ zu erfassen und ohne jegliche Vermittlung einer

Vorstellung. (Ähnliches später bei Schopenhauer.)

Die neuere experimentelle Psychologie des Denkens hat diese Auffassung

glänzend bestätigt. Arbeiten von Bühler, Messer, Ach u. a. haben

einwandfrei erwiesen, daß wir ganze Zusammenhänge denken können,

ohne daß auch nur die geringste Vorstellung der gedachten Objekte in

unserem Bewußtsein wach wird, dergestalt, daß Sinn und Verständnis

lediglich in und mit den Worten gegeben ist[5]. Daraus folgt, daß das

Wort für das Denken -- zum mindesten für das +entwickelte+ Denken

-- einen ungleich wichtigeren Faktor bedeutet als die Vorstellung.

Wort und Begriff verhalten sich -- nach einem treffenden Ausspruch

+Riehls+ -- zueinander wie Organ und Funktion. Wohl ist es beinahe die

Regel, daß -- infolge der Tatsachen der Assoziation und Reproduktion

-- Vorstellungen unser Denken begleiten, die uns die gedachten

Gegenstände optisch, akustisch oder wie sonst immer repräsentieren.

Aber diese Vorstellungen sind nicht +Bedingungen+ des Denkens: d. h.

sie gehören nicht notwendig dazu; sondern sie bilden lediglich eine Art

+Denk-Hilfen+ zum schnelleren und besseren Verständnis, die je nach dem

Gegenstande des Denkens und den individuellen Eigentümlichkeiten des

Denkenden fehlen können, ja sogar beim entwickelten Denken des reifen

Menschen, besonders wo es sich um abstrakte oder häufig wiederholte

Gedankengänge handelt, überaus oft fehlen. Demgegenüber wird natürlich

das Kind erheblich mehr Sachvorstellungen im Bewußtsein haben als

der Erwachsene; denn hier sind die Assoziationen zwischen Wort und

Vorstellung noch frisch und nicht durch jahrelange Übung und Gewohnheit

so mechanisiert, daß dem Worte das Verständnis unmittelbar, nicht durch

die Hilfe einer Vorstellung folgt.

2. Die Gegenstände des Denkens und die Bedeutung der Begriffe.

Gegenstand des Denkens kann alles werden, was in irgendeiner Gestalt

in unser Bewußtsein eingeht: die räumlich-ausgedehnten Objekte

der sog. „Außenwelt“ mit ihren Farben, Tönen, Gerüchen und deren

Beziehungen untereinander ebenso wie die psychischen Phänomene des

Denkens und Vorstellens, Fühlen und Wollens. Sieht man von der oben

gekennzeichneten Art des intuitiven Denkens ab, so kann ein Gegenstand

erst dann von uns gedacht werden, wenn er +benannt+ ist. Für das

Denken ist es an und für sich gleichgültig, wie man einen Gegenstand

bezeichnet. Wenn es jemandem einfiele, der erfinderisch genug dazu

wäre, sich eine +eigene+ Sprache zu schaffen, so könnte er darin auf

seine Weise alles ausdrücken, wie es ihm beliebte (Geheimsprachen,

Diplomatensprachen); nur die Möglichkeit einer Verständigung mit

anderen wie Eingeweihten wäre für ihn dann aufgehoben. Da aber die

Sprache gemeinhin den Bedürfnissen der +Mitteilung+ dient, ist es

erforderlich, daß die Verbindung zwischen Wort und Bedeutung für alle

die, welche Gedachtes mitteilen und Mitgeteiltes verstehen wollen, eine

den Sprachgewohnheiten nach in gewissen Grenzen beharrende sei.

Gegenüber der gewaltigen Fülle von Objekten, die als mögliche

Gegenstände des Denkens in unser Bewußtsein eingehen, hat das

menschliche Denken eine Leistung von hervorragender Ökonomie

geschaffen. Die psychologischen Tatsachen der Erinnerung und des

Wiedererkennens, des Vergleichens und Unterscheidens, der Abstraktion

und Determination haben es mit sich gebracht, daß das Denken nicht je

ein besonderes Wort für jeden einzelnen Inhalt des Bewußtseins geprägt,

sondern immer ganze Gruppen ähnlicher Objekte unter einem +gemeinsamen+

Namen zusammengefaßt hat. Diesem allmählich sich entwickelnden

Prozeß der Benennung der Gegenstände analytisch nachzugehen, ist

Sache der Psychologie, speziell dort, wo sie über den Ursprung und

die Entwicklung der Sprache zu handeln hat, und führt über den Rahmen

einer rein logischen Untersuchung hinaus. Was man gemeinhin in der

Logik als Frage nach dem +Ursprung+ der +Begriffe+ bezeichnet, ist

nichts anderes wie dieses Problem der Zusammenfassung ganzer Gruppen

von Objekten unter +einem+ Namen. Denn als +Begriff+ bezeichnet die

neuere Logik gemeinhin die Bedeutung eines Wortes, mithin das, was wir

verstehen, wenn wir die Worte einer uns bekannten Sprache vernehmen

(... „doch ein Begriff muß bei dem Worte sein“; Goethe, Faust). Der

Prozeß der Begriffsbildung ist danach mit dem der Spracherzeugung

und Sprachentwicklung aufs engste verwachsen und die Frage nach

der Entstehung der Begriffe kein eigentlich logisches, sondern

+psychologisches+ Problem.

Um so mehr ist für die Logik die Frage nach der Leistung und dem Wert

der Begriffe wesentlich. Verstehen wir zunächst ganz allgemein unter

einem Begriff den Bedeutungsinhalt eines bekannten Wortes, so besteht

die Leistung eines Begriffes darin, einen größeren oder kleineren

Ausschnitt aus der Welt der Objekte durch ein einziges Wort bequem für

das Denken zugänglich zu machen. In dieser Beziehung des Begriffes

auf einen engeren oder weiteren Kreis von Gegenständen vermittels

eines einzigen Wortes liegt seine +Bedeutung+; zugleich wurzelt darin

seine wesentlichste Eigenschaft, der Charakter der +Abstraktheit+.

Alle Begriffe an und für sich sind ihrem Wesen nach abstrakt. Die

übliche Unterscheidung zwischen Konkret und Abstrakt bezieht sich nicht

auf Begriffe, sondern auf Gegenstände (Riehl). Begriffe haben stets

abstrakten Charakter, selbst diejenigen, in denen wir die konkretesten

Dinge denken. Begriffe von Individuen sind dabei weniger abstrakt

als Begriffe, die sich auf Arten oder Gattungen beziehen (z. B.

_Napoleon_, _Verona_ im Vergleich zu: _Türke_, _Koralle_); Begriffe

von der Allgemeinheit wie _Menschheit_, _Schönheit_, _Wachstum_

(sog. Kollektivbegriffe) sind wiederum von abstrakterer Natur als

Gattungsbegriffe wie: _Mensch_, _schön_ und _wachsen_. Der +Grad+ der

Abstraktheit eines Begriffes richtet sich dabei nach dem Maße, in dem

sein Gegenstand der Anschauung näher oder ferner steht. Die höchsten

und allgemeinsten Begriffe sind mithin die am meisten, die niedersten

und speziellsten die am wenigsten abstrakten.

Heben wir aus dem Bisherigen das Wesentliche hervor und ziehen wir

daraus die notwendigen Konsequenzen. Wir denken die Objekte der äußeren

und inneren Welt mit ihren Qualitäten und Beziehungen nicht in den

Wahrnehmungen der Sinne, nicht in den Vorstellungen der Erinnerung,

Einbildung oder Abstraktion, die unser Bewußtsein erfüllen, auch nicht

in den Worten, mit denen wir diese Objekte bezeichnen, sondern in

und mit den +Begriffen+, die uns durch Worte vermittelt und gegeben,

einen mehr oder weniger großen Umkreis von Objekten zu einem einzigen

Gegenstand des Denkens erheben. Was Begriffe sind, kann jeder an sich

selbst beobachten, der den Sinn der Bezeichnungen einer ihm bekannten

Sprache versteht. Den Begriff „Lieblichkeit“ versteht jeder, der ihn

hört und mit der deutschen Sprache vertraut ist, auch ohne daß er

sich etwa irgendwelche Objekte von lieblichem Aussehen oder Klange

vorstellte, oder eine daraus gebildete abstrakte Allgemeinvorstellung

in ihm wach würde. Was in mir vorgeht, wenn ich das Wort „Lieblichkeit“

in dem Urteil: „Lieblichkeit ist ein Geschenk Gottes“ denke, ist in

der Tat keine besondere Vorstellung (obschon das wohl der Fall sein

könnte!), insbesondere keine abstrakte Allgemeinvorstellung, die durch

Abstraktion und Determination aus tausend oder noch mehr lieblichen

Gegenständen meiner Wahrnehmungen und Erinnerungen gewonnen wäre,

sondern ist ein unmittelbares Wissen und Verstehen dessen, was mit

dem Worte gemeint ist (in der neueren Psychologie bei Bühler benannt

als: „Gedanke“; bei Ach als: „Bewußtheit“). Ich könnte die Bedeutung

des Wortes, wenn man es von mir verlangte, definieren; ich könnte,

falls diese Definition nicht exakt genug ausfiele, zum mindesten den

Sinn des Wortes beschreiben, durch Beispiele erläutern oder durch

Gleichnisse versinnbildlichen. Kurzum: dieses Wissen um die Bedeutung

des Wortes macht seinen Begriff aus. Der Begriff ist danach logisch

seiner Definition gleich zu erachten, nur daß der Begriff ~implicite~

(unentfaltet) enthält, was die Definition (oder Begriffsbestimmung)

~explicite~ (entfaltet) darlegt (vgl. A. Riehl, Beiträge zur

Logik, 2. A. S. 12 f.). An dieser Theorie wird auch dadurch nichts

erschüttert, daß die Begriffe des gemeinen Volkes andere sind wie die

der Wissenschaft. Den +vollkommenen+ Begriff eines Gegenstandes hat

nur der, der ihn in wissenschaftlicher Weise zu bestimmen vermag. Dem

nichtwissenschaftlichen Zwecken angepaßten Denken der großen Menge

genügt es, wenn es den Sinn der sprachlichen Bezeichnungen, die seinen

Wortschatz bilden, in nichtwissenschaftlicher Weise zu bestimmen

weiß. Es ist ein ideales Ziel aller Volksbildungsversuche, die

unklaren Begriffe der Menge zu immer klareren zu erheben. Ein Begriff

des praktischen Denkens ist um so klarer, je mehr seine Definition

den wissenschaftlich gesicherten Ergebnissen über seinen Gegenstand

entspricht. Alle Popularisierung von wissenschaftlichen Resultaten

führt darum, wo es maßvoll und zweckentsprechend geschieht, zu einer

Klärung der Begriffe des Volkes und damit zu einem höheren Stande der

Volksbildung überhaupt. „Vollkommen“ sind die Begriffe der Wissenschaft

(mit Ausnahme gewisser grundlegender mathematischer Begriffe) auch

nur in +relativem+ Sinne oder ihrer idealen Forderung nach. Gilberts

Begriff der elektrischen Anziehung (vor 1600) -- für seine Zeit höchst

bedeutsam -- ist nach Lage der Dinge unendlich viel ärmer als der

moderne Begriff der Elektrizität. Aber auch dieser Begriff wiederum ist

nur in höchst relativem Sinne als „vollkommen“ zu bezeichnen, wie wir

denn hoffen dürfen, daß eine fortschreitende Erkenntnis auch unseren

Begriff der Elektrizität einmal als ärmlich und unzureichend erkennen

wird.

3. Das Wesen des Begriffes und sein Inhalt.

In und mit jedem Begriff, der in unser Denken eingeht, erfassen wir

einen eigentümlichen +Inhalt+, der diesen Begriff bestimmt, ihn

zugleich als besonderen Begriff kennzeichnet und von allen anderen

Begriffen unterscheidet. Nehmen wir beispielsweise den Begriff

„Schwan“, so versteht man darunter, wofern man mit den zoologischen

Eigentümlichkeiten dieses Tieres vertraut ist, einen großen, sehr

langhalsigen, aber kurzbeinigen Schwimmvogel von der Art der

Entenvögel, mit an der Spitze abgeplattetem Schnabel, der in der

gemäßigten und kalten Zone lebt, in der nördlichen Halbkugel weiß, in

der südlichen ganz oder teilweise schwarz gefärbt ist. Der Begriff

„Schwan“ hat mithin zum +Gegenstand+ eine Art der Schwimm-, genauer

der Entenvögel; als +Inhalt+ die besonderen Eigenschaften des sehr

langen Halses, der kurzen Beine, des abgeplatteten Schnabels usw., die

den Schwan von anderen Schwimmvögeln unterscheiden und ihn als Schwan

kenntlich machen.

Der Inhalt eines Begriffes ist es danach, der das +Wesen+ des

Begriffes ausmacht. Bestehend aus dem Inbegriff der Merkmale, die den

betreffenden Gegenstand charakterisieren, bildet er dasjenige Element,

durch das wir den Begriff als das, was er ist, denken und ihn von

allen anderen Begriffen absondern. Der sog. logische +Grundsatz der

Identität+ (in der traditionellen Logik zumeist an unpassendem Platze

in der Urteilslehre erwähnt), dargestellt durch die Formel: „~A~ ist

~A~“, besagt nichts anderes wie, daß jeder Begriff, bestimmt und

gekennzeichnet durch einen ihm zugehörigen Inhalt, von uns als mit sich

selbst identisch und verschieden von allen anderen Begriffen gedacht

wird. („Jeder Begriff ist mit sich selbst identisch.“)

Ein Begriff ist das, was er ist, durch seinen Inhalt. Begriffe sind

einander +gleich+ (identisch), auch wenn sie mittels +verschiedener+

Worte sprachlich fixiert sind, sofern in ihnen der gleiche Inhalt

gedacht wird (Grundsatz der Synonyme). Begriffe sind +verschieden+,

auch wenn sie durch +ein und dasselbe+ Wort ausgedrückt werden,

wofern in ihnen ein verschiedener Inhalt gedacht wird (Grundsatz

der Äquivokationen). Der Begriff darf also nicht etwa als eine Art

„stetiger Funktion“ des Wortes gedeutet werden, an das er geknüpft ist.

Worte können abweichende Bedeutung haben je nach dem Zusammenhang,

in den sie eingeordnet sind, und damit also auch verschiedenen, wenn

auch zumeist verwandten Begriffen dienen. Schon daraus allein ergibt

sich, was sich in einem späteren Zusammenhange noch deutlicher erweisen

wird, daß Begriffe an und für sich +unselbständige Elemente des

Denkens+ sind. Alles Denken geschieht durch Urteilen oder Fragen, und

das Fragen hat, wie sich noch zeigen wird, seiner logischen Funktion

nach selbst wieder Urteilscharakter. Das Urteil ist, logisch wie

psychologisch genommen, dem Begriff (und auch dem Schluß) gegenüber das

Ursprünglichere; es ist mithin das +Formelement des Denkens+, zu dem

sich die Begriffe etwa verhalten wie Protoplasma, Kern und Membran zur

+Zelle+ als dem Formelement des organischen Lebens.

Der Inhalt eines Begriffes zerfällt nach den Merkmalen, die in ihm

enthalten sind, in einen Inhalt im engeren und im weiteren Sinne.

Der Inhalt im +engeren+ Sinne oder +konstituierende+ Inhalt ist der

Inbegriff der Merkmale eines Gegenstandes, ohne die dieser schlechthin

nicht gedacht werden kann, weil sie ihm seinem Wesen nach als

bestimmend und darum notwendig zugehören (wesentliche oder notwendige

Merkmale); der Inhalt im +weiteren+ Sinne oder auch mögliche Inhalt ist

der Inbegriff derjenigen Merkmale, die dem Gegenstande seinem Wesen

nach zukommen +können+, aber nicht notwendig zukommen müssen (mögliche

oder unwesentliche Merkmale). Insofern nun alles, was von einem

Gegenstand urteilsmäßig ausgesagt werden kann, entweder dem Inhalt im

engeren oder dem Inhalt im weiteren Sinne angehören muß, nennt man den

Inbegriff dieser beiden auch den +prädikativen+ (aussagbaren) Inhalt

eines Begriffes.

Diese Scheidung sei durch ein Beispiel verdeutlicht. Unter dem

Begriff „Uhr“ versteht man ganz allgemein eine von Menschen

geschaffene Einrichtung, deren Zweck es ist, entsprechend der

Einteilung des Tages in 24 Stunden, der Stunde in 60 Minuten usw.

die Zeit anzugeben. Diese beiden Eigenheiten (1. Einrichtung durch

den Menschen und 2. zeitmessender Zweck) bilden die +wesentlichen+

Merkmale des Begriffes „Uhr“, die dessen konstituierenden Inhalt

ausmachen, ganz gleich, ob es sich um eine Sonnenuhr, Sanduhr,

Pendeluhr oder Federwerkuhr handelt. Der +mögliche+ Inhalt des

Begriffes ist dahingegen unendlich viel reicher. Man kann je

nach den besonderen Umständen von der Uhr aussagen, daß sie ein

nützliches oder wertloses Geschenk für die Menschheit sei; daß sie

als zeitmessendes Instrument ein zweckmäßiges oder unzweckmäßiges

Zahlensystem als Einteilungsmaßstab zu ihrer Voraussetzung habe, daß

sie aus Gold, Silber, Kupfer, Stahl gefertigt sei u. a. m. Kurzum:

der mögliche Inhalt des Begriffes umfaßt alle Merkmale, die ihm unter

Umständen zukommen können, d. h. mit seinen wesentlichen Merkmalen

+verträglich+ sind.

Zu dieser Unterscheidung kommen noch fernere. Die Merkmale, die den

Inhalt eines Begriffes bilden, sind entweder +innere+, d. h. solche,

die man gewinnt, wenn man den Gegenstand des Begriffes in sich

selbst analysiert („innere Analyse“); oder auch +äußere+ (besser:

Beziehungsmerkmale, Relationsmerkmale), d. h. solche, die sich aus der

Vergleichung des betreffenden Gegenstandes mit anderen ergeben. Mit

Rücksicht auf die letzteren hat man auch von einem „relativen Inhalt“

gesprochen, der gleich dem Inbegriff der Beziehungsmerkmale eines

Begriffes ist. Endlich sind die Merkmale eines Begriffes entweder

qualitative oder quantitative; ursprüngliche oder abgeleitete; eigene

oder gemeinsame (vgl. B. Erdmann, Logik I², Kap. 23).

Grundriß der Logik · 第 2 / 16 段