Die +Psychologie des Denkens+ hat -- wie bereits oben angede

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Aus Natur und Geisteswelt

Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen

637. Bändchen

Grundriß der Logik

Von

~Dr.~ Kurt Joachim Grau

[Illustration]

Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 1918

[Illustration]

Berthold Goldstein

dem toten Freunde

in treuem Gedenken

(Gefallen am 13. Juni 1915 beim Sturmangriff unweit Jaroslau in den

Kämpfen zur Befreiung Galiziens)

„Ich bin der Meinung, man täte wohl, daß man

die Mathematik, Historie und anderes +vor+ der

ausführlichen Logik lernte; denn wie will der die

Gedanken wohl ordnen, der noch wenig bedacht? Wenn

man aber mit einem Vorrat guter Gedanken versehen,

dann kann man sie mustern und abmessen, und mit

Hilfe der darin sich zeigenden Ordnung desto besser

auf etwas Neues kommen. Es ist hierin wie mit der

Sprachkunst, da bin ich auch der Meinung, man solle

sich bei Erlernung einer Sprache mehr an die Übung

als Grammatik halten; wenn man aber schon ziemlich

in der Sprache erfahren, dann dienet die Grammatik,

darin höher zu steigen.“

G. W. +Leibniz+ (Brief an

Gabriel Wagner, 1696.)

Vorwort.

Der vorliegende „Grundriß der Logik“ erwuchs im wesentlichen

aus +pädagogischen+ Motiven. Dem Schüler und Studenten, ja dem

philosophisch Interessierten überhaupt, einen kurzen, übersichtlichen

Leitfaden in die Hand zu geben, der ihn über die Hauptfragen der

Logik orientiert, über ihre verschiedenen Lösungsversuche und den

gegenwärtigen Stand der Probleme, der ihm zugleich den Weg weist

zu weiteren und tieferen Studien auf diesem nützlichen Gebiete

menschlichen Wissens, hat dem Verfasser als Ziel und Aufgabe

vorgeschwebt.

Daraus ergab sich, daß manches unerörtert bleiben mußte, was dem

Zweck dieser als +Einführung+ gedachten Arbeit widersprochen und

auch sonst allzusehr ins Spezielle, ins Polemische sowie in die

Grenzgebiete logischer Betrachtung geführt hätte. Der Verfasser

hat sich daher durchgehends bemüht, sich in der Darstellung streng

an sein vorgeschriebenes Thema zu halten und alles Psychologische,

Grammatische und Erkenntnistheoretische nur so weit heranzuziehen,

wie es für die eigentliche Aufgabe, die Erörterung der +logischen+

Probleme, unumgänglich notwendig erschien. Daß eine solche Beschränkung

nicht immer leicht ist, wird, wer je versucht hat, ein System der

Logik abzuhandeln, wohl wissen; nicht minder aber auch, daß die

Vorteile strenger Abgrenzung der Wissenschaften gegenüber deren

Nachteilen bei weitem überwiegen. Auch sonst standen bei der Abfassung

didaktische Gesichtspunkte +über+ den theoretisch-wissenschaftlichen.

Der Grundriß sollte nicht so sehr untersuchen wie +darstellen+;

sollte weniger dazu beisteuern, Probleme zu lösen als zu zeigen,

wie aus +gegebenen+ Lösungsversuchen +neue+ Probleme entstehen.

Die verschiedenen gegenwärtig miteinander streitenden Richtungen

der Logik (die formale, metaphysische und erkenntnistheoretische,

psychologisierende, mathematische, Inhalts- und Umfangs-, induktive

und deduktive Logik) sind, wie ich glaube, in genügender Weise zum

Ausdruck gekommen. Eine kritische Stellungnahme innerhalb dieser zum

Teil arg auseinandergehenden Strömungen war unvermeidlich, entsprechend

dem allgemein anerkannten Grundsatz, daß es nur +eine+ Wahrheit und

in wissenschaftlichen Dingen gegenüber dem als unzureichend Erkannten

keine Toleranz geben dürfe.

Daß ich mit erläuternden +Beispielen+ im Text nicht gespart habe,

wird man mir nicht als eine unnötige Belastung des Bändchens auslegen

wollen; haben diese doch (nach der treffenden Bemerkung +Drobischs+) im

Lehrbuch der Logik eine ähnliche Funktion wie die veranschaulichenden

Figuren im Lehrbuch der Geometrie.

Der Darstellung ist ein Literaturverzeichnis angehängt, das Fingerzeige

zur weiteren Beschäftigung mit logischen Fragen enthält.

+Berlin+, im Sommer 1917.

=+Der Verfasser.+=

Inhaltsverzeichnis.

Einleitung: Seite

1. Die Stellung der Logik im System der Philosophie 1

2. Über Begriff, Aufgabe und Einteilung der Logik 4

3. Die geschichtlichen Voraussetzungen der neueren Logik 8

Erster Teil: Logische Elementarlehre.

I. Abschnitt: +Die Lehre vom Begriff+

1. Psychologische Vorbemerkungen über das Verhältnis von

Sprechen und Denken 16

2. Die Gegenstände des Denkens und die Bedeutung der Begriffe 20

3. Das Wesen des Begriffes und sein Inhalt 23

4. Der Umfang des Begriffes und sein Verhältnis zum Inhalt 26

5. Arten und Ordnungsreihen der Begriffe; Kategorien 27

II. Abschnitt: +Die Lehre vom Urteil+

1. Arten und Ordnung der Urteile 32

2. Logische Theorie des Urteils 35

3. Formale und materiale Bedingungen der Urteilsgültigkeit 41

4. Das Subjektsglied der Urteile und die Subjekt-unbestimmten

Urteile 46

5. Das Prädikatsglied der Urteile und die Arten der

Prädizierungen 49

6. Wesen und Arten der Beurteilungen 56

7. Die zusammengesetzten Urteile (Urteilsverbindungen und

Urteilsgefüge) 62

8. Wesen und Arten der Frage 68

III. Abschnitt: +Die Lehre vom Schlußverfahren+

1. Die unmittelbaren Schlüsse oder Folgerungen 72

2. Die Arten der mittelbaren Schlüsse und die kategorischen

Deduktionen 77

3. Hypothetische Deduktionen und Zusammensetzungen deduktiver

Schlüsse 86

4. Logische Theorie des deduktiven Schließens 91

5. Die induktiven Schlüsse und die Theorie der Induktion 93

6. Das Wesen und die logische Bedeutung der Analogieschlüsse 98

Zweiter Teil: Logische Methodenlehre.

I. Abschnitt: +Die Lehre vom wissenschaftlichen

Untersuchungsverfahren+

1. Unwissenschaftliches und wissenschaftliches Denken und die

Aufgaben der Methodenlehre 102

2. Wissenschaftliche Begriffsbildung und Begriffsbestimmung 105

3. Das analytische Untersuchungsverfahren 109

4. Das Experiment und die wissenschaftliche Erfindung als

Hilfsmittel der Analyse 111

5. Das synthetische Untersuchungsverfahren (Gesetz, Theorie,

Hypothese) 113

6. Die Klassifikation und das Begriffssystem der

Wissenschaften 120

II. Abschnitt: +Die Lehre vom wissenschaftlichen Beweisverfahren+

1. Begriff und Arten des Beweises 123

2. Die Auffindung der Beweisgründe 126

3. Fehler und Unzulänglichkeiten des Beweises 129

4. Fiktionen und Utopien 132

Literaturnachweise 135

Sachregister 138

Einleitung.

1. Die Stellung der Logik im System der Philosophie.

Was Philosophie ist, was Philosophie soll, darauf gibt es fast

ebenso viele Antworten, wie es Philosophen gegeben hat. Wer die

Geschichte der Philosophie aufmerksam durchgeht, von den Tagen der

Griechen bis auf die neueste Zeit, der steht wohl staunend vor der

bunten Mannigfaltigkeit von Auffassungen, die Wesen und Zweck des

philosophischen Denkens im Laufe der Jahrhunderte gefunden hat.

Nur der oberflächliche Betrachter vermag aus dieser Tatsache einen

Einwand gegen die Existenzberechtigung der Philosophie herzuleiten.

Es sind erfahrungsgemäß nicht die unfruchtbarsten Wissenschaften, die

ihr spezielles Untersuchungsgebiet, den ihnen eigenen Standpunkt der

Betrachtung und die dazu gehörige Methode erst spät finden; und alle

Wege zur wahren Einsicht führen über Irrtümer und Täuschungen.

Dennoch gibt es heutzutage eine Anzahl Forscher, meist Vertreter

der Naturwissenschaften, die der Philosophie mit mehr oder minder

offen eingestandener Mißachtung gegenüberstehen und ihr den Rang

einer Wissenschaft aberkennen wollen. Sehr zu Unrecht! Denn wer so

denkt, übersieht ganz und gar die eigentümliche Stellung, welche die

Philosophie bisher in der Geschichte der Wissenschaften eingenommen,

und die außerordentlichen Leistungen, die sie für Ursprung und

Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis vollzogen hat. Gerade

die Philosophie ist es (die Geschichte bietet dafür die bündigsten

Beweise), die fast alle anderen Wissenschaften, insbesondere die von

der äußeren Natur, gewissermaßen geboren und an ihrer Mutterbrust

großgezogen hat. Zur Zeit des Aristoteles, des größten Forschers des

Altertums, gibt es nur +eine+ Wissenschaft, die Philosophie, und alle

besonderen Erkenntnisse sind Zweige und Äste dieser einen. Dieselbe

Auffassung findet sich der Hauptsache nach auch noch zu Anfang der

Blütezeit der neueren Philosophie, im 17. Jahrhundert, bei Bacon, bei

Gassendi, Hobbes und Descartes, nur daß hier bereits Wissenschaften wie

die Theologie und Mathematik sich zum Teil emanzipiert haben, und die

Philosophie selbst sich in einzelne Disziplinen zu sondern beginnt, wie

Hobbes z. B. eine „~philosophia naturalis~“ und „~philosophia civilis~“

(Natur- und Bürgerphilosophie) unterscheidet, und wenig später in der

englischen Philosophie des 18. Jahrhunderts (mit den Bezeichnungen

„~natural philosophy~“ und „~moral philosophy~“) die Scheidung in die

Philosophie des Geistes und der Natur aufkommt. Nennt doch auch selbst

Newton sein großes wissenschaftliches Hauptwerk noch „~philosophiae

naturalis principia mathematica~“ (Mathematische Prinzipien der

Naturphilosophie, erschienen im Jahre 1687). Das 18. und das 19.

Jahrhundert sind die Epochen der +Differenzierung+ der Wissenschaften,

d. h. der allmählichen Loslösung der Einzeldisziplinen von ihrem

philosophischen Mutterboden, und zugleich Blütezeiten philosophischer

Arbeit. Und gerade jetzt, in unseren Jahrzehnten, erleben wir

wieder das Schauspiel, daß Wissenschaften, die bereits als Teile

philosophischer Erkenntnis eine jahrhundertelange Geschichte aufweisen,

nun sie genügende Reife erlangt haben, sich aus dem Schoße der

Philosophie entfernen und zu selbständigen Forschungen heranwachsen:

die Psychologie und die Ästhetik.

Diese allmähliche fortschreitende Absonderung philosophischer

Disziplinen von ihrer Mutterwissenschaft ist nun freilich nicht

einer völligen Trennung gleich zu erachten, dergestalt, daß die

Philosophie, nachdem sie alle ihre Zweige und Äste zu selbständigen

Einzelwissenschaften erhoben hätte, zuletzt selbst gleichsam leer und

ohne Gegenstand ausginge. Vielmehr bleibt zwischen der Philosophie und

den Einzelforschungen ein eigentümliches Verhältnis derart bestehen,

daß die Philosophie die Einzelwissenschaften zwar nicht ihrem Inhalt,

wohl aber ihrer +Form+ nach als Objekte der Forschung beibehält. Die

Philosophie als Mutter aller wissenschaftlichen Erkenntnis ist in ihrem

theoretischen Teil zugleich Wissenschaft aller wissenschaftlichen

Erkenntnis. Ihre Gegenstände sind das wissenschaftliche Denken und

Erkennen, das wissenschaftliche Untersuchungs- und Begründungsverfahren

schlechthin, kurzum das geistige Instrument, dessen sich der Forscher

in seinem Wirken bedient, das er selbst aber als gegeben hinnimmt und

zumeist nach Bestand und Voraussetzungen ununtersucht läßt.

Alle Wissenschaften bedürfen, um zu Resultaten zu kommen, als Mittel

dazu des Denkens und des Erkennens. Ist die Philosophie Wissenschaft

der wissenschaftlichen Verfahrungsweisen, so ist sie damit Wissenschaft

vom Denken und Erkennen. Nun aber sind das Erkennen und Denken bereits

Gegenstände einer anderen Wissenschaft, der Psychologie, die diese wie

alle anderen psychischen Vorgänge nach ihrem Bestande und Verlaufe

analysiert und ihre gesetzlichen Beziehungen untereinander sowie zu den

physiologischen Korrelaten festzustellen sucht. Wozu bedarf es außerdem

noch einer Philosophie, die das Denken und Erkennen zum Gegenstande

besonderer Forschung macht?

Dieser naheliegende Einwand löst sich sofort, wenn wir den Begriff der

Philosophie auf eine genauere Formel bringen, als es bisher geschehen

ist. Philosophie ist (nach ihrem theoretischen Teile betrachtet)

nicht schlechthin die Wissenschaft vom Erkennen und Denken. Sie

untersucht diese nicht wie die Psychologie auf die tatsächlichen

Elemente ihres Aufbaues; sie ist vielmehr die Wissenschaft von den

im Denken und Erkennen immanent liegenden +allgemeinen+ Regeln und

Gesetzen, die allem speziellen Denken und Erkennen Gesetz und Regel

vorschreiben. Diese allgemeinen Gesetze und Regeln bleiben in den

sogenannten positiven Einzelwissenschaften ununtersucht; sie gelten

als selbstverständliche und darum unerörtert gelassene Voraussetzungen

aller Wissenschaft. Solcher Voraussetzungen gibt es zweierlei Art:

Voraussetzungen des Erkennens und des Denkens. Voraussetzungen

des Erkennens sind z. B. die Annahme einer vom Wahrnehmen

unabhängig-realen Welt von Körpern, die Annahme der objektiven Realität

und Dreidimensionalität des Raumes, der Gültigkeit der Anwendung

von Zeit, Zahl und Kausalbegriff auf die als real vorausgesetzte

Körperwelt u. a. m.; wir nennen diese mit B. Erdmann (Logik I², S.

18) +materiale+ Voraussetzungen der Wissenschaft. Voraussetzungen des

Denkens sind die Annahme der absoluten Allgemeingültigkeit der Formen

unseres Urteilens und Schließens und deren ungeprüfte Anwendung in den

Methoden der Wissenschaften; wir nennen diese -- im Gegensatz zu den

materialen -- +formale+ Voraussetzungen der Wissenschaft. Entsprechend

dieser Unterscheidung zerfällt die Philosophie (wenn wir, wie es hier

geschehen ist, sie nur in ihrem +theoretischen+ Teile betrachten) in

zwei Hauptdisziplinen: sie ist, wo sie die materialen Voraussetzungen

untersucht, Wissenschaft von der Erkenntnis oder +Erkenntnislehre+; wo

sie die formalen Voraussetzungen prüft, Wissenschaft vom Denken oder

+Logik+.

2. Über Begriff, Aufgabe und Einteilung der Logik.

Betrachten wir das an die Funktionen der Sprache geknüpfte Denken nicht

nach seinem Ursprunge und Verlaufe, sondern nach seinen gedanklichen

Ergebnissen, den Urteilen und Fragen, so können wir an allem Gedachten

unterscheiden zwischen der +Materie+ (Stoff, Inhalt), welche gedacht,

und der +Form+, in der das Gedachte uns zum geistigen Eigentum wird. Um

das an einem Beispiel zu erläutern: Nehmen wir die Urteile: „Friedrich

der Große regierte 6 Jahre länger als Maria Theresia; Das spezifische

Gewicht des Wismuts ist in flüssigem Aggregatzustande höher als in

festem; Die Lichtstrahlen pflanzen sich in der Luft im allgemeinen

ungefähr eine Million mal so schnell fort wie die Schallwellen“, so

ist leicht zu ersehen, daß diese drei zwar einen verschiedenen Inhalt,

aber die +gleiche+ Form haben. Sie sind sogenannte „quantitative

Relationsurteile“, deren logisches Prädikat (~P~) das logische Subjekt

(~S~) in ein bestimmtes Größen- oder Maßverhältnis zu einem im Prädikat

bezeichneten Vergleichs- oder Beziehungsobjekt rückt. Und doch ist

das eine dem Bestande der +Geschichte+, das andere dem Bestande

der +Chemie+ und das dritte dem der +Physik+ entnommen. Geringe

Überlegung lehrt demnach, daß das Denken zwar über unendlich viele

verschiedene Stoffe, aber nur über relativ wenige +Formen+ verfügt,

in denen es diese gedanklich fixiert. Es dürfte daher ganz treffend

sein, das Denken etwa mit einer Art Münze zu vergleichen, in der die

verschiedensten Metalle in verhältnismäßig wenigen festen Formen

geprägt werden.

Wäre die Logik schlechthin die Wissenschaft vom Denken, untersuchte

sie also sowohl den Inhalt des Denkens wie dessen Formen, so müßte

sie offenbar dem Inbegriff aller Wissenschaften identisch sein. Mit

anderen Worten: sie wäre eine Art Universalwissenschaft, und der

Logiker müßte, wollte er zu Werke gehen, vorerst die Ergebnisse aller

bisherigen wissenschaftlichen Arbeit beherrschen. Damit aber wäre sie

eine überflüssige und fruchtlose Betätigung, abgesehen davon, daß sie

in diesem Sinne ein für den Einzelmenschen unmögliches Unterfangen

darstellte. Gegenstand der logischen Untersuchung ist nach dem Gesagten

aber nicht der Inhalt des Denkens, sondern dessen Form. Die Logik

ist mithin die Wissenschaft von den +Formen+ des +Denkens+, also eine

+formale+ Wissenschaft. Das ist sie aber nicht in dem Sinne, in dem

Kant sie definierte, daß sie nämlich von +allem+ und +jedem+ Inhalt des

Denkens schlechthin abstrahiere. Form und Materie sind nur in bedingtem

Maße voneinander zu trennen; denn wie die Form nicht ohne Inhalt, so

ist der Inhalt nicht ohne Form möglich. Beide bedingen und ergänzen

einander dergestalt, daß der Inhalt sich die Form schafft, und die Form

wiederum dem Inhalt das logische Gepräge gibt. Die Logik kann also

-- obschon eine formale Wissenschaft -- nur von allem besonderen und

bestimmten Inhalte abstrahieren, nicht aber vom Inhalte des Denkens

überhaupt und im allgemeinen (vgl. Drobisch, Neue Darstellung der

Logik, 1863, § 5). -- Die Formen des Denkens sind es, die diesem --

gegenüber seinen mannigfachen Materien -- einen festen, gesetzlichen

Charakter verleihen. Sie sind das Stetige im Flusse; der ruhende

Punkt in der Erscheinungen Flucht; das Beharrende, Bleibende und

Unveränderliche des Denkprozesses gegenüber dem wechselvollen Inhalte

unserer Gedanken. Sie bilden mithin Gesetz und Regel des Denkens.

Ist der Inhalt dasjenige, +was+ wir denken, so die Form das, +wie+

wir denken. Und diese Formen festzustellen, in den einfachsten wie

in den kompliziertesten Denkprozessen, ihre Beziehungen zueinander,

die Bedingungen ihrer Gültigkeit sowie ihre Bedeutung und ihren Wert

speziell für die wissenschaftliche Forschung -- das ist die Aufgabe,

die die logische Untersuchung des Denkens zu leisten hat. Danach

ist die Logik -- als die Wissenschaft von den Formen des Denkens --

zugleich die Wissenschaft von den +Gesetzen+ des Denkens.

Mit dem Gesagten ist die Begriffsbestimmung der Logik noch nicht

erschöpft. Als Wissenschaft von den Formen (und dementsprechend von

den Gesetzen) des Denkens ist die Logik eine Disziplin, welche ihren

Gegenstand in der Erfahrung vorfindet, ihn dort analysiert und auf

Grund der Ergebnisse dieser Analyse durch synthetisches Fortschreiten

zu den von ihr gesuchten Resultaten gelangt. Mit der Erreichung dieses

Zieles sind die Aufgaben, die der Logik gestellt sind, erfüllt. Diese

Auffassung widerspricht nun einer weitverbreiteten Annahme, der zufolge

die Logik nicht bloß eine +feststellende+, sondern vielmehr eine

+lehrende+ (normative) Disziplin sei. Nach dieser bestehe ihre Aufgabe

darin, dem ungeübten Denker wahres und falsches Denken zum Bewußtsein

zu bringen und ihn darüber zu unterrichten, wie man beides unterscheide

und zu sicheren Resultaten im Denken gelange. Vornehmlich die deutschen

Logiker des 18. Jahrhunderts, (so Christian Wolff und seine Schüler),

haben diese Definition mit aller Entschiedenheit zum Ausdruck gebracht

und demzufolge die Logik als eine „Vernunft-lehre“, „Vernunft-kunst“

oder auch geradezu als „Kunst-lehre“ (Schule) des Denkens bezeichnet.

-- In dieser Aufgabebestimmung steckt gewiß insofern ein richtiger

Kern, als die Logik -- mehr vielleicht denn andere Wissenschaften

-- die Eigenschaft hat, die Fähigkeit des Denkens bei dem, der sich

mit ihr beschäftigt, zu schärfen. Ob sie indessen in dieser Hinsicht

mehr zu leisten vermag als die Mathematik, ist zum mindesten sehr

zweifelhaft. Und es wird gewiß keinem einfallen, etwa die Mathematik

wegen ihrer das formale Denken fördernden Wirkungen eine normative

Wissenschaft zu nennen. Der normative Charakter der Logik wird damit

im Prinzip zugestanden; aber dieses Zugeständnis geht nicht weiter als

bis zu der Behauptung, daß die Logik ihrem Wesen nach zunächst eine

+feststellende+ Wissenschaft sei; und daß ihre Eigenschaft, darüber

hinaus noch die Fähigkeit des Denkens zu stärken, nicht die Erfüllung

einer ihrer unmittelbaren Aufgaben, sondern nur einen aus ihrem Wesen

resultierenden Nebenerfolg darstellt.

Um Begriff und Aufgabe der Logik noch genauer zu kennzeichnen,

ist es zweckmäßig, ihr Verhältnis zur Erkenntnistheorie, zur

Psychologie des Denkens und zur Grammatik kurz zu beleuchten. Die

+Erkenntnistheorie+ untersucht, wie oben gesagt, die allgemeinen, von

den +Einzelwissenschaften+ ununtersucht gelassenen Voraussetzungen

des Erkennens, ihrem Wesen nach die +materialen+; die Logik die

von den Wissenschaften ungeprüften Voraussetzungen des Denkens,

ihrem Wesen nach die +formalen+. Was sind nun Erkennen und Denken,

und wie verhalten sie sich zueinander? -- „Erkennen“ bezeichnet im

logischen Sinne den Inbegriff derjenigen Vorgänge, durch die ein

Bestandteil des Bewußtseins als +Gegenstand+ erfaßt wird. Einen

Bewußtseinsbestandteil als Gegenstand erfassen heißt aber: ihn nach

seinem wesentlichen Inhalt bestimmen als das, was er ist, und ihn

als von seinem Vorgestelltwerden unabhängig wirklich voraussetzen.

Nun ist ersichtlich, daß sowohl das „nach seinem Inhalt bestimmen“

wie das „als unabhängig wirklich voraussetzen“ Funktionen sind, die

+Urteils+charakter tragen. Da ferner alles Denken ein Urteilen ist,

und danach das Erkennen selbst eine -- und zwar komplizierte -- Form

des Denkens bildet, so sind die Voraussetzungen des Denkens (die

formalen) auch zugleich +mittelbare+ Voraussetzungen des Erkennens,

die des Erkennens (die materialen) aber +nicht+ solche des Denkens.

Demzufolge ist die Logik als +Grundwissenschaft+ der Philosophie zu

bezeichnen, die der Erkenntnistheorie ihrem Wesen nach notwendig

voranzugehen hat. (Über die Probleme der Erkenntnistheorie vergl.

man August +Messer+, Einführung in die Erkenntnistheorie, Leipzig

1909.)

Die +Psychologie des Denkens+ hat -- wie bereits oben angedeutet

-- die Aufgabe, den Ursprung und Verlauf des Denkens nach seinen

grundlegenden Elementen, deren Verhältnis zum Vorstellen,

Sprechen und Fühlen sowie zu den physiologischen Korrelaten im

Zentralnervensystem gesetzlich zu bestimmen. Sie betrachtet die

Produkte des Denkens, also das Gedachte, nur insoweit, als sie

festzustellen hat, in welcher Gestalt des Erlebens uns dieses

zu Bewußtsein kommt, und in bezug auf etwaige emotionale oder

physiologische Begleiterscheinungen. Eine abstrahierende Scheidung

zwischen Form und Inhalt des Urteils kennt die Psychologie nicht:

sie nimmt das Urteil als Ganzes und untersucht es als seelischen

Vorgang auf seine Entstehung, auf seinen Bewußtseinsbestand, seine

Korrelate, nicht aber auf seine Form im Unterschied von seinem

Inhalt. Die Psychologie des Denkens fragt: Was geht in uns vor,

wenn wir denken?; die Logik: wie, d. h. in welchen Formen denken

wir? -- Damit ist das Wesen der Psychologie des Denkens und der

Logik genügend unterschieden; aber es fragt sich noch, wie sich

der Logiker zu seiner Schwesterwissenschaft, der Psychologie des

Denkens, zu stellen habe. Der Logiker ist kein Psychologiefeind. Je

klarer und bewußter er die Aufgaben seiner Wissenschaft von denen

der Psychologie zu scheiden weiß, mit um so größerem Nutzen für die

eigene Forschung wird er sich der Psychologie hingeben und sich von

ihr belehren lassen. Nur eine Vermengung muß beiden Wissenschaften

Schaden bringen. Reinlich auseinandergehalten befruchten sie einander

gegenseitig und fördern eine der anderen Bestand. Namentlich für

den Logiker ist die Kenntnis der psychologischen Analyse des

Denkens und Sprechens, speziell des Vorgangs der Begriffsbildung,

der Abstraktion, der Urteils- und Schlußfunktionen ungemein

wichtig, wenngleich es nicht unbedingt erforderlich ist, daß

jeder Darstellung der Logik ein Abriß der Psychologie des Denkens

vorhergeht. Andererseits ist auch die gänzliche Ausschaltung alles

Psychologischen aus der Logik unzweckmäßig, weil die Erörterung

psychologischer Tatsachen -- als solche streng geschieden von den

eigentlich logischen Fragen -- das Verständnis der logischen Probleme

in mancher Hinsicht fördert und hebt.

Das Verhältnis der Logik zur +Grammatik+ kann hier nur im allgemeinen

behandelt werden, da für eine genauere Betrachtung eine eingehendere

Erörterung über das Verhältnis von Sprechen und Denken Voraussetzung

wäre. Die Grammatik kann definiert werden als die Wissenschaft

vom elementaren Aufbau der Sprachen. Als solche bildet sie den

+systematischen+ Teil der allgemeinen Sprachwissenschaft; sie

untersucht die Laute, die Stämme und Wurzeln, die Flexionen, die

Syntax der verschiedenen Sprachen auf ihren Bestand und vergleicht

sie miteinander innerhalb eines und desselben Sprachstammes und mit

anderen Sprachstämmen (allgemeine und vergleichende Grammatik).

Demzufolge gibt es ebenso viele verschiedene Grammatiken wie es

Sprachen gibt: eine Grammatik des Angelsächsischen ebenso wie eine

des Althochdeutschen, des Hebräischen wie des Chinesischen. Daraus

erhellt der Unterschied zwischen der Logik und der Grammatik: es

gibt viele Grammatiken, ebenso viele wie Sprachen, aber nur +eine+

Logik. In und vermittels welcher Sprache man auch denken und seine

Gedanken zum Ausdruck bringen mag, die Formen des Denkens bleiben

dieselben. Es ist für den logischen Aufbau eines Urteils gleich, ob

man es in einer germanischen, romanischen, slawischen oder etwa gar

in einer der mongolischen Sprachen formuliert, vorausgesetzt, daß

in allen diesen Formulierungen derselbe Sinn zum Ausdruck gelangt.

Das sprachliche Gewand des Denkens kann mithin wechseln, aber das

Denken und seine Form selbst bleibt sich gleich. Damit ist erwiesen,

daß die Logik nicht nur gänzlich verschieden, sondern auch gänzlich

unabhängig von der Grammatik ist, wenngleich auch hier anregende

Wechselbeziehungen zwischen beiden als in reichem Maße vorhanden

zugegeben werden sollen.

Die übliche +Einteilung+ der Logik richtet sich nach ihrem Begriff

und ihrer Aufgabe. Als allgemeine Wissenschaft von den Formen des

Denkens -- des unwissenschaftlichen sowohl wie des wissenschaftlichen

-- ist sie eine +Elementarlehre+ des Denkens überhaupt. Als solche

untersucht sie dieses auf seine einfachsten formalen Elemente, als

die sich ihr -- nach einer zuerst von Petrus +Ramus+ aufgestellten

Einteilung -- die verschiedenen Arten der +Begriffe+, +Urteile+ und

+Schlußweisen+ ergeben. Als spezielle Wissenschaft von den methodischen

Formen des wissenschaftlichen Denkens ist sie eine +Methodenlehre+

der +Wissenschaft+; als solche untersucht sie, welche Anwendung

und Bedeutung die in der Elementarlehre aufgezeigten Elemente in

dem Verfahren der Wissenschaft haben, und analysiert den formalen

Aufbau der wissenschaftlichen Methodik auf seine grundlegenden

Faktoren, als die sie die verschiedenen Formen des wissenschaftlichen

+Untersuchungs-+ und des wissenschaftlichen +Beweisverfahrens+

voneinander unterscheidet.

3. Die geschichtlichen Voraussetzungen der neueren Logik.

Die Logik als Wissenschaft ist eine Schöpfung des griechischen Geistes.

Angelegt in den Spitzfindigkeiten des genialen Zenon aus Elea (um 500

v. Chr.) und in den dialektischen Streitigkeiten der Sophisten, die

zuletzt eine allgemeingültige Wahrheit überhaupt leugnen und damit die

Frage nach dem Wesen einer formell-richtigen Beweisführung im Gegensatz

zu den beliebten Trug- und Fangschlüssen ihrer Zeit zum Problem

erheben; vorbereitet ferner durch die Sokratisch-Platonischen Gespräche

über das Wesen des Begriffs (λόγος), der Begriffsbestimmung und der

Einteilung eines Begriffes, über das Wesen der Wissenschaft (ἐπιστήμη),

das Verhältnis von Denken und Empfinden (νοεῖν; αἶσθησις, δόξα) sowie

von Denken und wirklichem Sein (νοεῖν, εἶναι), findet die Logik in dem

größten Forscher des Altertums, in +Aristoteles+, ihren Begründer und

Meister.

+Aristoteles+ (384-322 vor Chr.) ist der erste, der die Logik als

wissenschaftliche Disziplin selbständig und ausführlich behandelt.

Die Bezeichnungsart „Logik“ freilich rührt nicht von ihm her. Erst

Spätere nennen die von ihm begründete und zunächst als +Analytik+

bezeichnete Wissenschaft eine λογικὴ τέχνη (sprich: ~lŏgikḗe

tĕ́chnēe~), d. h. eine Kunst des Denkens oder Vernunftkunst; und

zur Zeit Ciceros ist der Name „~Logica~“ bereits völlig üblich.

Aristoteles selbst hat die von ihm zuerst erkannten logischen

Probleme in einer Reihe von Schriften behandelt, die er je nach der

Besonderheit ihres Inhalts als „~Analytika protera~ und ~hystera~“

(Erste und zweite Auflösungen), als „Topik“ (Beweislehre), als

Schrift „über die Kategorien“ (Arten der Aussage) [Echtheit

angezweifelt], als „sophistische Widerlegungen“ bezeichnet. Seine

Schüler haben alle diese ihrem Gegenstande nach zusammengehörigen

Schriften gesammelt und unter dem gemeinsamen Titel „~Organon~“

(Werkzeug; im Sinne eines Werkzeuges zur Erkenntnis der Wahrheit)

vereinigt. -- Im Mittelpunkt der Aristotelischen Logik steht die

Frage nach den richtigen Formen des Beweises, also das Problem des

gültigen Schlußverfahrens im Gegensatz zu den absichtlich-täuschenden

Trug- und Fangschlüssen der Eristen und Sophisten. Diesen

widmet er eine besonders gründliche Untersuchung, um die ihnen

innewohnenden logischen Fehler aufzudecken und sie für immer zu

entkräften. Im Gegensatz dazu stellt er drei grundlegende Arten des

gültigen Beweisverfahrens auf, die sog. syllogistischen Figuren

(οχήματα), die zeigen, wie man von allgemeingültigen Wahrheiten auf

besondere Tatsachen schließen dürfe. Nur von hier aus und unter

dem Gesichtspunkte dieses Problems behandelt Aristoteles auch die

anderen uns heute geläufigen Probleme der Logik: die Fragen nach

dem Wesen des Begriffs, nach Wesen und Arten der Urteile, die

Fragen der Methodenlehre. Nichtsdestoweniger kommt er auch über

diese zum Teil zu tiefgründigen Einsichten. Aristoteles bereits

entwickelt Ansätze zu einer Kategorienlehre; er stellt den Satz des

Widerspruches und den vom ausgeschlossenen Dritten auf; er berührt

und erörtert das Problem der Induktion, die er „ἐπαγωγή“ (~Ĕpagōgḗ~)

nennt; und er ist ebenso der erste, der das Wesen der Definition und

Klassifikation einer tiefergreifenden Untersuchung unterzieht. Nur

eines hat Aristoteles der Logik in ihrem Aufbau mitgegeben, das ihr

in ihrer späteren Entwicklung verhängnisvoll werden sollte: d. i.

die Vermengung der logischen mit der metaphysischen Fragestellung.

Aristoteles nämlich betrachtet die Begriffe, in denen wir die Dinge

denken, schlechthin als Abbilder des Wesens der Dinge, mithin die

Formen und Gesetze des Denkens (Kategorien, Axiome) als die Formen

und Gesetze des Seins. Damit hat Aristoteles, der Vater der formalen

Logik, auch die sog. +metaphysische+ Logik ins Leben gerufen und

so zwar die Logik begründet, aber sie bereits von vornherein in

ihrer eigenen Entwicklung gehemmt, wie denn ihre Befreiung von der

Metaphysik erst einer späten Zeit unter schweren Kämpfen gelingen

sollte.

Die Entwicklung der Logik nach Aristoteles im Altertum und Mittelalter

zeitigt keine Ergebnisse von besonderer Bedeutung. Seine Schüler --

Theophrast, Eudemos, Andronikos von Rhodus, Alexander von Aphrodisias

u. a. -- begnügen sich im allgemeinen damit, die Lehre des Meisters zu

kommentieren und zu verbreiten; nur einige von ihnen ergänzen sie durch

unwesentliche Einzelheiten. Sowohl die Epikureer wie die Stoiker und

Neuplatoniker beschäftigen sich mit logischen Fragen. Insbesondere die

+Stoiker+ (Zenon, Chrysippos) erweitern die Aristotelische Schlußlehre

um die Arten der hypothetischen und disjunktiven Schlüsse und stellen

eine neue reifere Kategorienlehre auf. Dennoch bleibt das Fundament

der Aristotelischen Logik im wesentlichen unberührt und unverändert.

Nicht viel anders liegen die Dinge während des gesamten Mittelalters.

Selbst die bedeutendsten Vertreter der +Scholastik+ (Albertus Magnus;

Thomas von Aquino; Duns Scotus) schöpfen wie in der Metaphysik so in

der Logik aus den Schriften des Aristoteles und vermengen mehr noch als

dieser selbst -- (der gesamte Universalienstreit ist dafür der beste

Beweis) -- die logischen Fragen mit metaphysischen und grammatischen.

Dennoch hat das Mittelalter das unbestreitbare Verdienst, die

Aristotelische Logik im Bewußtsein der denkenden Menschheit lebendig

erhalten zu haben. Besonders Petrus +Ramus+ (aus der Übergangsepoche

zwischen Mittelalter und Neuzeit) ist hier zu nennen, der der Logik als

erster eine Einteilung gegeben hat, die zum Teil noch bis heute die

gebräuchliche geblieben ist.

Die Geschichte der neueren Logik beginnt mit der Geschichte der neueren

Philosophie. +Bacons+ großangelegtes Programm einer neuen Wissenschaft

auf Grund einer neuen wissenschaftlichen Methode (vgl. sein Hauptwerk

„~Novum Organon~“, 1620), sein Kampf gegen die Herrschaft des

Aristoteles bleiben im Stimmengewühl der Zeit nicht ungehört. Und

wenn Bacon selbst auch nur umzustürzen, nicht aufzubauen versteht, so

verbindet er sich doch dem Geiste nach mit denen, die den Ruf nach

Reformen im wissenschaftlichen Denken nicht nur laut werden lassen,

sondern auch in die Tat umsetzen. Auf dem Boden des Cartesianischen

Rationalismus, in Verbindung mit der altaristotelischen Tradition, und

befruchtet durch den englischen Empirismus, besonders durch Locke und

Hume, wächst wie die neuere Philosophie auch die neuere Logik[1].

+Descartes+ selbst hat der Logik kein besonderes Werk gewidmet; dennoch

beschäftigt er sich in fast allen seinen Schriften -- so besonders

in der ersten, betitelt: „~Regulae ad directionem ingenii~“ (Regeln

zur Leistung des Verstandes) -- mit logischen Fragen und weist damit

seine Schüler unausgesprochen direkt auf ein neu zu schaffendes System

der Logik hin. Tatsächlich erwachsen aus der Cartesianischen Schule

drei Logiken von Bedeutung: 1. die sog. „Logik von Port-Royal“, als

deren Verfasser Antoine +Arnauld+ und Pierre +Nicole+ gelten (zuerst

erschienen 1662); 2. die Logik des als Okkasionalisten bekannten Arnold

+Geulincx+ und 3. die Logik des als deutschen Cartesianers bekannten

Johannes +Clauberg+. Die speziellen Anregungen, die Descartes für eine

Reform der Logik gegeben hat, gehen fast durch den ganzen Bestand

seines Systems hindurch. Descartes untersucht den Begriff der Wahrheit

und stellt als Kriterien der wahren Erkenntnis die klare und deutliche

Einsicht auf. Er untersucht die Methoden der wissenschaftlichen

Forschung und unterscheidet als solche die Intuition, Deduktion

und Induktion: die Intuition als Quelle absolut-gewisser, weil

unmittelbar-einleuchtender Wahrheiten; die Deduktion als Ableitung

spezieller Erkenntnisse aus allgemeinen und die Induktion als eine Art

vollständiger, methodisch-geordneter Aufzählung (~enumeratio~) von

Gegenständen (die Epagoge des Aristoteles). Er entwickelt ferner eine

eigene Theorie des Urteils und des Irrtums (die im Kern freilich mit

ähnlich-gewendeten Gedanken bei Augustin übereinstimmt), wonach nicht

der Verstand das eigentlich urteilende Element in uns ist, sondern der

Wille, der das vom Verstande klar und deutlich oder auch verworren bzw.

dunkel Erkannte bejaht oder verneint.

Andere wesentliche Anregungen kommen der Logik etwa gleichzeitig

aus England. Dort beschäftigt sich Thomas +Hobbes+ (1588-1679) mit

logischen Problemen, so mit der Frage nach dem Wesen des Denkens,

das er als eine Form des Rechnens (Addierens und Subtrahierens von

Begriffen und Definitionen) faßt, ferner mit dem Verhältnis von

Sprechen und Denken, wobei er die Worte (~terms~; ~nomina~) als Zeichen

oder Symbole der Vorstellungen deutet. Von größerer Bedeutung als er

ist für die Entwicklung der Logik John +Locke+ (1632 bis 1704[2]),

der diese durch seine grundlegenden Untersuchungen über Ursprung,

Arten und Gewißheit der Erkenntnis in mannigfacher Weise bereichert,

wenngleich er -- infolge der von ihm auch gegenüber logischen Problemen

angewandten psychologischen Methode -- ungewollt der eigentliche

Begründer der sog. +psychologisierenden+ Logik geworden ist, einer

heute noch nicht erstorbenen Richtung, die die Logik entweder ganz

in eine psychologische Disziplin umzugestalten sucht oder doch

zum wenigsten die oben gekennzeichneten Aufgaben der Psychologie

des Denkens und der Logik nicht reinlich voneinander scheidet.

Psychologisierend ist, was die Logik betrifft, auch das Verfahren David

+Humes+ (1711-1776); dennoch hat Hume in der Entwicklung der Logik

das große Verdienst, in seinen grundlegenden Untersuchungen über das

Problem der Kausalität die moderne Theorie der Induktion vorbereitet zu

haben, als deren unmittelbarer Vorläufer, wenn nicht gar Begründer, er

darum bezeichnet werden muß (vgl. B. Erdmann, Logik I², S. 781).

Auch die deutsche Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts weist eine

reiche logische Entwicklung auf. Dem im Geiste Descartes’ gehaltenen

Werke Claubergs folgt wenig später die auch Spinozistische Einflüsse

verratende „~Medicina mentis~“ (Gesundheitslehre des Geistes) des

Grafen Ehrenfried Walter von +Tschirnhausen+; und zur gleichen

Zeit etwa beginnt auch Leibniz durch den gewaltigen Bau seines

philosophischen Systems auf die Entwicklung der Logik befruchtend

einzuwirken. +Leibniz+ (1646-1716) selbst hat zwar ebensowenig wie

Descartes die Grundlagen der Logik systematisch abgehandelt; aber er

hat doch fast alle logischen Probleme der Zeit, wenn nicht direkt

erörtert, so doch zum mindesten gestreift. Er fügt dem von Aristoteles

aufgestellten Satz des Widerspruchs den sog. logischen Satz vom

zureichenden Grunde hinzu und scheidet entsprechend diesen beiden

Grundsätzen die wissenschaftlichen Erkenntnisse in zwei Gruppen:

in die „~vérités de fait~“ (Tatsachenwahrheiten) und die „~vérités

de raisonnement~“ (Vernunftwahrheiten). Er nimmt Stellung zu dem

Descartes-Lockeschen Problem der angeborenen Ideen und Wahrheiten; er

klassifiziert -- gründlicher als vor ihm Descartes und Locke -- die

Erkenntnisse in klare und dunkle bzw. deutliche und verworrene und

betont nachdrücklich die für die Logik zu begründende Lehre von der

Wahrscheinlichkeit.

Was die Verfasser der Logik von Port-Royal gegenüber Descartes,

dasselbe leistet Christian +Wolff+ (1679-1754) gegenüber Leibniz.

Wolff bringt die Gedanken, die er bei Leibniz gefunden hat (wobei

übrigens auch gewisse andersher gerichtete Einflüsse nicht übersehen

werden dürfen), in ein System. Durch die breite, ausführliche,

das Wesentliche wie das Unwesentliche gleichermaßen erschöpfend

behandelnde Darstellung, die er der Logik sowohl in seinem lateinischen

Werke „~Logica~“ (zuerst 1728) wie in dem deutschen, betitelt:

„Vernünftige Gedanken von den Kräften des menschlichen Verstandes“

(zuerst 1712), angedeihen läßt, popularisiert er die Grundlagen des

logischen Lehrbestandes seiner Zeit und wird damit zum Urheber einer

ausgebreiteten logischen Literatur, die zwar ihre Wissenschaft nur

wenig zu bereichern oder zu verbessern vermag, aber sie doch zum

Gemeingut aller in jener Zeit wissenschaftlich interessierten Kreise

der Bevölkerung macht. Aus der Reihe der Logiker dieser Epoche, die

übrigens die Logik fast ausnahmslos als eine normative Disziplin

abhandeln, deren Aufgabe darin bestehe, richtiges Denken zu lehren,

ragen als die bekanntesten hervor: Georg Friedrich +Meier+; Hermann

Samuel +Reimarus+; Gottfried +Ploucquet+; Johann Heinrich +Lambert+

sowie Christian August +Crusius+.

Es muß beinahe als eine besondere Eigentümlichkeit in der Geschichte

der Logik angesprochen werden, daß gerade die Männer, die diese

Disziplin am meisten angeregt und gefördert haben, ihr selbst kein

besonderes oder doch zum mindesten kein größeres Werk gewidmet haben.

Wie das für Descartes, Locke und Leibniz gilt, so auch für +Kant+[3].

Wie durch Kant für die Philosophie überhaupt, so beginnt auch für die

Logik eine neue Epoche. Kant selbst hat zwar vermeint, daß die Logik

bereits durch Aristoteles einen so vollendeten Ausbau gefunden habe,

daß sie seitdem weder einen Schritt vorwärts habe tun können noch auch

einen Schritt zurück habe tun müssen. Nichtsdestoweniger ist gerade

er es, der die Logik weit über Aristoteles hinaushebt. Kant betont

in erster Linie den +formalen+ Charakter der eigentlich und so zu

nennenden Logik, die er als allgemeine von der sog. transzendentalen

Logik scheidet. Die +transzendentale+ Logik, die er in der „Kritik

der reinen Vernunft“ abhandelt, untersucht das Erkenntnisvermögen

des Menschen auf seine apriorischen Elemente, soweit diese dem

Verstande angehören, d. h. auf diejenigen Elemente der Erkenntnis,

die als reine Verstandesbegriffe unabhängig von der Erfahrung sind

und als solche dieser Gesetz und Regel vorschreiben; eine Disziplin,

die zu einem Teil etwa der heute sog. Erkenntnistheorie entspricht.

Die +allgemeine+ Logik, die Kant des öfteren in Vorlesungen an der

Königsberger Universität behandelt hat (unzulänglich herausgegeben

von Jäsche, 1800), ist demgegenüber die Wissenschaft von den formalen

Regeln alles Denkens -- es mag dieses apriorisch oder empirisch

sein -- und untersucht das Denken, indem sie von allen Objekten der

Erkenntnis und ihrem Unterschiede abstrahiert, so daß der Verstand

es in ihr mit nichts anderem wie mit sich selbst und seiner Form zu

tun hat. Sie erörtert und prüft also die Formen des Denkens (Begriff,

Urteil, Schluß), ferner die formalen Kriterien der Wahrheit (den

Satz der Identität und des zureichenden Grundes, des Widerspruches

und des ausgeschlossenen Dritten). Ungeachtet dieser strengen

begrifflichen Scheidung gehen die Anregungen, die Kant der Logik

gegeben hat, mehr von der in der Kritik d. r. Vern. entwickelten

Transzendentalphilosophie als von den Vorlesungen über die formale

Logik aus. Kant stellt in der Elementarlehre der Kritik d. r. Vern. wie

eine Tafel der Urteile, so auch eine Kategorientafel auf, indem er die

letztere aus der ersteren ableitet. Das Schema der Urteile hat noch

bis in die Gegenwart hinein für die meisten Logiker als grundlegende

Einteilung der Lehre vom Urteil gegolten.

Die Geschichte der nachkantischen Logik ist von dem gleichen

wechselvollen Charakter wie die Geschichte der nachkantischen

Philosophie überhaupt. Fichte betrachtet die formale Logik durch

die Transzendentalphilosophie, die er seinerseits durch die

+Wissenschaftslehre+ ersetzt, als überwunden (vgl. die Vorlesungen

Fichtes über das Verhältnis der Logik zur Philosophie, 1812, Nachgel.

Werke I). +Hegel+ stürzt das bis dahin mühsam aufgerichtete Gebäude der

Logik um, indem er diese von neuem mit +metaphysischen+ Erörterungen

durchsetzt (metaphysische Logik auf der Grundlage der Identität

von Denken und Sein). Und +Fries+ macht den Versuch, die logischen

Probleme ganz und gar zu +psychologisch-genetischen+ (nach Friesscher

Terminologie: zu anthropologischen) zu gestalten. Erst +Herbart+ und

seine Schüler (besonders Drobisch) bemühen sich wieder, die Logik von

ihrer Vermengung mit der Psychologie und Metaphysik zu befreien, und

betonen nachdrücklich ihren +formalen+ Charakter.

In der neueren Logik -- etwa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts

-- sind wieder alle Richtungen vertreten, die auch in der älteren

Geschichte miteinander um die Palme ringen. Neu zu nennen sind nur

gewisse Versuche in der englischen Logik seit William +Hamilton+ und

George +Boole+, die allerdings in älteren Denkern wie Raymundus Lullus,

Leibniz und Ploucquet Vorläufer haben, die Logik im Sinne einer der

Mathematik verwandten Wissenschaft abzuhandeln, worin an Stelle der

Zahlen und Größen die Begriffe treten, eine Auffassungsart, die man als

algebraische, arithmetische oder auch allgemeiner als +mathematische+

Logik (Lehre vom logischen Kalkül, vom logischen Algorithmus) zu

bezeichnen pflegt. In Deutschland haben diese (durch Jevons und andere

in England und Amerika weitergeführten) Versuche, die das Wesen der

Denkoperationen eher verdunkeln als erhellen, nur wenig anregend und

fördernd gewirkt (vereinzelte Anhänger sind Rob. Graßmann, Joseph

Hontheim, besonders Ernst +Schröder+); um so mehr jedoch andere aus

England kommende philosophische Strömungen, wie z. B. die grundlegenden

Untersuchungen von John Stuart +Mill+, dem Hauptvertreter der sog.

+induktiven+ Logik, sowie von Herbert +Spencer+ und William Stanley

+Jevons+ zur wissenschaftlichen Methodenlehre.

Wie das Problem der +Methode+ so steht auch das Problem des +Urteils+

im Mittelpunkte der neueren logischen Untersuchungen. Die Frage

nach dem Wesen des Urteils, d. h. nach dem Sinne der prädikativen

Beziehung zwischen Subjekt und Prädikat, wird zum Hauptproblem der

Elementarlehre. Aber ihre Erörterung begegnet durch die immer wieder

nachhaltende, vornehmlich von +Husserl+ mit Erfolg bekämpfte Vermengung

der psychologischen mit der logischen Fragestellung zunächst großen

Schwierigkeiten. Die +psychologisierende+ Logik zeigt ihren Einfluß

auch gegenwärtig allerorten; sie findet sich nicht nur herrschend

bei solchen Denkern, die wie ursprünglich Theodor +Lipps+ sich offen

zu ihr bekennen, sondern auch zum Teil bei solchen, die mit gutem

Glauben vorgeben, eine psychologiefreie formale Logik zu vertreten.

Anderseits aber tritt an Stelle der metaphysischen Logik im Sinne

Hegels neuerdings die sog. +erkenntnistheoretische+ Logik, die

zwischen der erkenntnistheoretischen und logischen Problemstellung

keinen prinzipiellen Unterschied anerkennt (Trendelenburg; Überweg;

Schuppe; ebenso Wundt; in anderer Hinsicht auch: Cohen und Natorp).

Gegenüber diesen Richtungen haben die Vertreter der +formalen+ Logik

im Sinne der Kant-Herbartschen Tradition nicht immer leichten Stand.

Die fundamentalen Hauptarbeiten dieser Richtung sind die Werke

von Chr. +Sigwart+ und B. +Erdmann+. So sehr auch diese wiederum

in wesentlichen Punkten voneinander abweichen, so ist doch das

ihnen richtunggebende Ziel das gleiche: die Ausschließung alles

Metaphysischen aus der Logik und die möglichst reinliche Trennung

der logischen von der erkenntnistheoretischen und psychologischen

Problemstellung. Diesem Ziel ist von den zuletzt genannten Denkern B.

Erdmann am nächsten gekommen. Darin vor allem sowie in der von ihm

aufgestellten Theorie des Urteils, des Syllogismus und der Induktion,

liegt das besondere Verdienst Erdmanns; in der mannigfachen Förderung

der wissenschaftlichen Methodenlehre das besondere Verdienst Sigwarts

um die Fortbildung der Logik.

[1] Über die Entwicklung der neueren Philosophie im allgemeinen vgl.

Ludwig +Busse+. Die Weltanschauungen der großen Philosophen der

Neuzeit (ANuG Bd. 56).

[2] Zum folgenden vergleiche man P. +Thormeyer+, Locke, Berkeley,

Hume (ANuG Bd. 481).

[3] Man vergleiche zum folgenden Oswald +Külpe+, Immanuel Kant (ANuG

Bd. 146).

~A.~ Logische Elementarlehre.

I. Die Lehre vom Begriff.

1. Psychologische Vorbemerkungen über das Verhältnis von Sprechen und

Denken.

Grundriß der Logik · 第 1 / 16 段