Lene Raschdorf.
[Illustration]
[Illustration: Kapitel 16]
Am Tage war der Novembersturm jäh und tückisch zur Höhe gefahren
und hatte die Wolken angefaucht wie ein bissiger Steppenwolf eine
Herde weißer, schwarzer und scheckiger Rosse, so daß alle ratlos
durcheinander rannten, sich stießen und ängstlich drängten und
alle in großer Not waren, während die ersten, vordersten von dem
Ungetüm zerrissen wurden. Aber dann hatte sich die Herde gesammelt,
war vorgerückt gegen den Feind, hatte ihn zurückgedrängt, langsam,
schrittweise, und ihn erdrückt, als sie ihn am Erdboden traf.
Jetzt lagen die Himmelsrosse müde und sicher auf Feldern und Wiesen,
und ein Mensch, der hinausging, mußte sich durchdrängen zwischen ihren
weißen und grauen Leibern.
In trübseligem, grauem Licht lag die Wohnstube des Buchenhofes.
Heinrich Raschdorf war allein. Lange war er für sich auf- und
abgegangen; jetzt lehnte er am Ofen und sah hinaus in den nebligen Tag.
Im ungewissen Licht des trüben Novembertages sah der Buchenbauer
erschreckend aus. Die Augen waren tief eingefallen und hatten einen
krankhaften Fieberglanz, die Wangen waren farblos, welk, und die ganze
Gestalt matt und schlaff.
Das kam vom vielen Grämen am Tage und langen Wachen in der Nacht. Das
kam von der Einsamkeit, kam davon, daß Heinrich Raschdorf erst in
diesen Tagen ein gänzlich Heimatloser geworden war.
Lene war fort.
Einmal hatte er noch versucht, sich mit ihr auseinanderzusetzen, ihr
alles zu erklären. Es war erfolglos gewesen. Nur in neuen Zorn waren
beide geraten, und die Kluft zwischen ihnen hatte sich vertieft.
So war sie fortgegangen aus der Heimat. Fest und sicher war sie aus
der Tür getreten und hatte den Wagen bestiegen, ohne sich noch einmal
umzusehen.
Sie hatte auch keine Träne vergossen auf der ganzen Fahrt. So sagte der
Knecht. Nur beim Mathias unten im Dorfe war sie abgestiegen und über
eine Stunde geblieben.
Seit der Zeit war Mathias nicht mehr heraufgekommen, und Heinrich hatte
ihn auch nicht aufgesucht. Ein bitterer Hochmut hatte ihn erfaßt, der
allen denen als Helfer kommt, die sich ungerecht verurteilt glauben.
Was hatte er getan? Er war gegen sich selbst und gegen sein bestes
Gefühl nicht treulos geworden. Deshalb hatten sie ihn verlassen, alle
verlassen in wenigen Tagen. Manchmal lachte er auf, wenn er daran
dachte.
So mochte es sein! So würde er sich darein fügen und keinem mehr ein
gutes Wort geben, so tot sein für sie alle, wie sie für ihn waren.
Die Einsamkeit spann ihn ein, aber sie brachte ihm keinen Frieden; sie
band nur seine Seele fest, daß er alle Qualen widerstandslos erdulden
mußte wie ein Kranker, der auf die Bank geschnallt wurde, an sich
schneiden und brennen läßt.
Solange er draußen auf dem Felde war, war's erträglich, aber in dem
leeren Hause packte ihn oft das Grauen. Und wenn die Abende kamen, saß
er allein und fürchtete sich am eigenen Herde.
Dann meinte er, es gäbe nur einen Ort auf der Welt, wo es schrecklich
sei: diese Heimat.
Oft überdachte er sein Schicksal. Schuldlos hatte er die Heimat
verloren, hatte um eine neue Heimat gelitten, gekämpft, gebangt, hatte
von allen den Millionen auf der großen, weiten Erde ein paar Menschen
gefunden, die es gut mit ihm meinten, und auch diese wenigen wieder
verloren.
Warum? Darüber brütete er. Wenn ihn ein Groll erfaßte gegen seine
früheren Leute, dann war ihm noch wohl. Da war doch ein Kraftgefühl in
seiner matten, vereinsamten Seele. Aber Stunden kamen, wo sich neben
die graue, schweigende Frau Einsamkeit jene andere an seinen Herd
setzte, ihre Tochter: die Reue.
Das sind die Quälerinnen. Die alte, häßliche, dürre Mutter Einsamkeit
hält den Armen fest mit ihren Spinnenfingern, bindet ihm jedes
Glied, lähmt ihm jeden Muskel, umschließt ihm Mund und Ohren, daß er
nicht schreien, nicht fortlaufen, nicht Hilfe holen kann, und derweil
treibt ihr grausames Kind, die Reue, ein bestialisches Spiel, sticht
und kratzt, brennt und schneidet, preßt das Herz zusammen mit rauhen
Händen, greift durch die Stirn in den Kopf hinein, lockert dort Faden
auf Faden, zerreißt die Stränge des Willens, trübt und verrückt die
Bilder klarer Vorstellungen und gießt ein schleichendes, tödliches Gift
in das wallende Gefühl. Wer sich nicht aufrafft mit energischer Kraft,
die Alte beiseite schleudert, ihre Bande zerreißt und zu gesunden,
frohen Menschen flüchtet, der ist verloren. Im günstigsten Falle ruft
die Alte eine neue Tochter: die Schwermut, ein untüchtiges, krankes
Weib mit lahmen Händen und traurigen Augen, und vermählt sie dem Opfer
zu unlöslicher Ehe, oder ihr scheußlichster Sohn, der Wahnsinn, kommt
und mordet ihn ab.
Heinrich Raschdorf hielt still. Manchmal dehnte er ein wenig die
Glieder gegen die Bande, aber als der trübe November kam, gab er sich
mutlos verloren.
Es waren gute, liebe Menschen gewesen. Sie waren gegangen. Folglich war
er schuld, war er der Schlechte, sie die Gerechten. In diesem Zirkel
bewegten sich schließlich beständig seine Gedanken.
So stand er an den Ofen gelehnt, indes draußen der weiße Nebel braute.
Seit Mittag hatte er mit keinem Menschen ein Wort gesprochen. Und da
war es auch nur ein Knecht gewesen, den er etwas gefragt hatte.
Wo war seine Kraft geblieben, der Mut, den er noch hatte, als er
mit Mathias und Lene sprach, der Trotz, mit dem er schließlich die
Schwester ziehen ließ?
Die Einsamkeit hatte ihn mürbe gemacht.
Jetzt trat er ans Fenster. Vielleicht, daß er einen Menschen
vorbeigehen sah. Das würde ihm wohltun. Und dann -- dort drüben wohnte
das Mädchen, um dessentwillen alles gekommen war. Als Mathias und Lene
ihn verlassen hatten, war stundenweise eine wilde Lust in ihm gewesen,
ein Freiheitsgefühl, der Gedanke, erlöst zu sein von einer falschen
Heimat, die Möglichkeit zu besitzen, nun sein Glück zu suchen, sein
einziges, sein wahrhaftiges Glück.
O, wie liebte er die Lotte! Seit jenem Maitage war ihr Bild nicht mehr
aus seiner Seele gewichen, was er auch getan hatte, es zu verhüllen.
Eine taumelnde Freude hatte ihn erfaßt, wenn er das Mädchen einmal sah,
und ob er das Gefühl bekämpfte wie Versuchung und Sünde, es kam immer
wieder, immer in tiefgeheimer süßer Wonne.
Und auch jetzt, wie er so hinüberblickte, sah er sie. Sie trat, zum
Ausgehen angekleidet, in die Haustür und spähte nach den Fenstern des
Buchenhofes herüber. Heinrich wollte zurücktreten in die Stube, aber
sie hatte ihn schon gesehen. So sahen sie sich ins Gesicht, wohl eine
halbe Minute lang. Sie stand ganz bewegungslos, und ihr Blick hatte
etwas Forschendes. Dann neigte sie grüßend ein wenig das Haupt und ging
hinab nach dem Dorfe.
Heinrich geriet in schwere Aufregung. Die Stunde war da, wo er tobte
gegen die Fesseln der Einsamkeit. Mit tausend Armen winkte es ihn
hinaus aus diesem fürchterlichen Hause, das keine Heimat war, das nie
eine gewesen war.
Wie ein Rausch kam es über ihn; die Bangigkeit fiel von ihm ab wie ein
toter Plunder, das Blut floß wieder jung und schnell durch die Adern,
und der Wille straffte sich zu dem Entschluß: Geh ihr nach! Geh zu dem
jungen, schönen Mädchen! Bei ihr ist Rettung und Glück!
Er suchte den Hut und band einen Kragen um.
Da grinste ihn warnend der alte Zweifel an.