Sie antwortete etwas hastig und stoßweise: »Warum nich? Du kommst fort
zu Leuten; Du siehst und hörst was, und Sonntags kannst Du tanzen gehn
mit a Stadtmädeln. Das wird Dir schon gefall'n.«
Er sprang vom hohen Wegrande herab und faßte sie erregt am Arme: »Nein,
Lene, nein! Ich tanz' nich mit a Stadtmädeln, mit keiner einzigen tanz'
ich, ich bin bloß Dir gutt, bloß Dir!«
»Nu, Hannes! Was fällt Dir denn ein?«
»Ich muß Dir's sagen, Lene, eh' ich fortkomm'! Sonst halt ich's nich
aus; sonst lauf' ich fort am ersten Tage. Ich bin Dir so sehr gutt, und
wenn Du mir nich wieder gutt bist, da wär's besser, ich wär' tot. Und
du mußt mich heiraten, Du mußt, Lene!«
Sie sah ihn an und brach in ein schallendes Lachen aus.
»Lene, lach' nich! Lach' nich, Lene! Es is mei Ernst! Hör' auf zu
lachen! Du machst mich verrückt!«
Aber sie lachte immer weiter.
»Warum lachst Du mich denn aus? Weil ich der arme Schafferjunge bin,
und Du die Raschdorf Lene? Deswegen?«
Da wurde sie ernster.
»Na, deswegen grade nich! Aber daß Du Dir einbild'st, Du bist mir gutt,
das is lustig. Da muß ich schon lachen. Mir is niemand gutt. Das weiß
ich! Und Du zuallerletzt, denn Dich hab' ich am allermeisten geärgert.«
»Aber ich bin Dir gutt, Lene! Das muß ich doch besser wissen als Du.
Immer schon! Schon, wie wir noch in die Schule gingen --«
»Weil Du keine andere kennst! Wenn Du in der Stadt sein wirst, da wirst
Du schon eine andere finden.« Sie lachte wieder laut auf; dann fuhr sie
fort: »Du bist doch a komischer Kerl, Hannes! Also wirklich, heiraten
willste mich? Von was denn leben? Du hast nischt, ich hab' nischt! Und
Du weißt wohl gar nich, daß ich beim Heinrich bleiben muß?«
Er blieb stehen.
»Lene, wenn ich a reicher Pauersohn wär', tät'st Du mich da mögen?«
»O ja! Kann sein! Da hätten wir was zu leben! Denn das muß sein,
Hannes! Von nischt is nischt. Sieh mal, das is nich anders. Praktisch
muß man schon sein, und wir zwei so als Knechtsleute auf 'm Buchenhofe,
das tät mir nich passen.«
»Na, da -- da warte, bis Dich a Reicher nimmt!«
Ihr Gesicht wurde weicher und ihre Stimme leiser.
»Ich hab' nich gesagt, daß ich ein'n andern will. Da biste sicher! Denn
da hast Du das erste Anrecht auf mich, wo ihr uns so geholfen habt.«
Er lachte bitter.
»Geholfen! Wenn's darum wär'! Der Vater hat sein'n Lohn gekriegt und
ich mein'n. Ihr seid uns nischt schuldig.«
Damit wandte er sich ab. Ganz ernst sagte sie:
»Wenn Du's nich glaubst, tut mir's leid. Ich tät's schon, aber es geht
nich, und was nich geht, muß man sich aus 'm Sinn schlagen; sonst ist
man dumm!«
Sie wartete auf eine Antwort; aber er setzte sich auf den Feldrain und
sagte kein Wort.
»Hannes, wirste so im Zorne von mir fortgehn?«
»Ja!«
»Und da wirste mich für schlecht halten, Hannes?«
»Nein! Ich werd' bloß denken, daß ich Dir zu arm bin, und daß Du mich
nich leiden kannst, und daß es für mich besser gewesen wär', ich wär'
nie auf 'm Buchenhofe gewesen.«
Sie besann sich ein bißchen. Leise sagte sie:
»Hannes, wenn's ging, da tät ich Dich nehmen, wenn ich Dich auch nicht
leiden könnt'. So viel hab' ich schon Dankbarkeit in mir, wenn's auch
keiner glaubt. Aber 's geht nich, wir sind beide zu arm, und da hat's
keinen Zweck. Und daß Du sagst, es wär' besser für Dich gewesen, wenn
Du nie bei uns gewesen wärst, damit haste recht, denn bei uns is nischt
zu holen wie Arbeit und Kummer.«
Ein paar Sekunden blieb sie noch stehen und wartete.
»Kommste mit?«
»Nein!«
Da ging sie. Als sie weit genug fort war, warf sich der »lustige
Hannes« auf den blühenden Feldrain und weinte bitterlich.
Drüben auf der Straße sangen ein paar Burschen:
»Als ich zur Fahne fortgemüßt,
Hat sie so zärtlich mich geküßt,
Mit Bändern meinen Hut geschmückt
Und mich ans treue Herz gedrückt!«
Da blieb unten am Berge die Lene stehen, und auch sie horchte auf das
Lied. Dabei kam ihr Wasser in die Augen.
»Das haben sie davon, die Liese und der Hannes und auch der Schaffer
und der Mathias. Das haben sie für ihre Schinderei all die Zeit!
Undank! Undank! Der Heinrich will nich, und ich kann nich!«
[Illustration]
[Illustration: Kapitel 15]
Frühling und Sommer waren vergangen, der Herbst stand vor der Tür. Es
war eine arbeitsreiche Zeit gewesen. Die Buchenhofleute waren noch viel
stiller geworden als sonst, und sie gingen alle nebeneinander her wie
Fremde.
Die Liese war vom Buchenhof weggezogen und wohnte unten im Dorf bei
ihrer Tante. Und an einem trüben Herbsttag hatte auch Hannes Abschied
genommen. Mit seinem kleinen Handkoffer war er in die Wohnstube
getreten.
»Ich -- ich komme bloß noch Adieu sagen. Es is Zeit auf die Bahn.«
Heinrich reichte ihm mit Herzlichkeit die Hand.
»Leb' gesund, Hannes! Laß Dir's gut gehen bei den Soldaten! Und hab'
viel tausend Dank für alles!«
Hannes wandte sich ab.
»Ich -- ich dank' auch für alles!«
»Du wirst uns fehlen, Hannes. Mir am meisten! Aber wenn die zwei Jahre
um sind, kommst Du wieder zu uns.«
Hannes stand mit gesenktem Haupte da. Er sagte nicht ja noch nein. Er
wollte sich beherrschen, aber der Atem ging ihm schwer, und er zitterte
leise.
»Wenn Dir was fehlt, schreibst Du! Du darfst keine Not leiden. Hörst
Du, Hannes?«
Der sagte kein Wort und stand nur mit bleichem Gesichte da und
zerdrückte den Hut zwischen seinen Fingern.
»Hast Du mir noch was zu sagen, Hannes?«
»Nein! -- Ich muß gehen! -- Es -- es ist Zeit. Adieu, Heinrich!«
»Lebe wohl, lieber Hannes!«
Er drehte sich um. Auf der Ofenbank saß die Lene und schälte Kartoffeln.
»Adieu, Lene!«
Das Mädchen wischte sich an der Schürze die Hand ab und reichte sie ihm
hin.
»Leb' gesund, Hannes!«
Sie schaute nicht auf. So ging er aus der Stube, und Heinrich
begleitete ihn bis in den Hof. Dort saß der alte Schaffer als Kutscher
auf dem kleinen Korbwagen und tat ganz gleichgültig, hatte aber doch
einen dunkelroten Kopf.
Bald darauf zogen die Pferde an. Ade, alte Heimat!
* * * * *
Es war eine »Mission« im Dorfe abgehalten worden. Ein paar fremde,
tüchtige Geistliche hatten täglich mehrere Predigten abgehalten, und
die Leute waren scharenweise zur Kirche gegangen.
Ein alter Franziskanermönch hatte auch gesprochen über den »Beruf« und
also geschlossen:
»Gott hat einem jeden Menschen seinen Beruf ins Herz gelegt. Ihr aber,
wenn Ihr seine Stimme höret, verhärtet Eure Herzen nicht!«
Danach war es zwischen Liese und ihrem Vater zu einer letzten
Aussprache gekommen.
Mathias hatte unter allen in den letzten Monaten am meisten gelitten.
Ihm war die Veränderung wohl aufgefallen, die mit Heinrich vorgegangen
war. Er hatte gesehen, wie der junge Mann mit sich rang; wie er niemals
wieder das Haus Schrägers betrat und dafür immer die Gesellschaft der
Liese suchte. Er war so freundlich mit ihr in allen Dingen, und der
kluge Mathias wußte wohl, daß Heinrich einen Weg, eine Möglichkeit
suchte, daß er sich selbst bezwingen wollte, um schließlich, wenn er
ein wärmeres Gefühl für die Liese hätte, doch noch den Herzenswunsch
des Mathias zu erfüllen.
Und da hatte unverhofft eines Tages die Liese ihren Vater gebeten, daß
sie vom Buchenhof weggehen und zur Tante hinunterziehen dürfe ins Dorf.
Mathias wußte, was das bedeutete, und er hatte sich gefügt. Er konnte
dem stillen Mädchen nichts mehr versagen. Und ob das Kind all seine
irdische Liebe bekämpft hatte und nun täglich in der Kirche kniete --
die Frage quälte ihr zartes Gewissen: ob sie noch würdig sei, eine
Dienerin Gottes zu werden.
Da kam ein recht stiller, schwermütiger Abend. Draußen auf der Dorfaue
spielte der Wind mit welkem Laub, trug es hin durch den Staub der
Straße und senkte es drüben in den tiefen, schlummernden Teich.
Die Liese hatte lange hinausgesehen, auch nach den grauen Wolken, die
am Himmel hingen. Dann wandte sie sich langsam um.
»Vater, ich will heut' zur Beicht', ich will fragen.«
Mathias sagte nichts. Er hatte darauf gewartet.
Er wandte sich ab und hörte kaum, was ihm die Liese noch einmal sagte
von Beruf und Gnade, von Nächstenliebe und Herzensfrieden.
Zuletzt sagte er nur die Worte:
»Geh' in Gottes Namen!«
Dann ging er fort -- in den Herbst hinaus, über die kahlen Felder bis
in den gelben Wald. Aber wie er eine Weile gewandert war, faßte ihn
eine furchtbare Bangigkeit und eine zehrende Sehnsucht nach seinem
Kinde, und er kehrte um und ging dorthin, wo sie war.
Dunkel lag die Kirche. Das ewige Licht nur brannte rot und magisch vor
dem Altar; hie und da flammte ein Lichtlein in den Bänken der Beter,
und große Schatten huschten über die alten Bilder.
Mathias Berger kniete in eine Bank und durchlebte die schwersten
Minuten seines Lebens.
Im Winkel dahinten im Beichtstuhl, bei dem Franziskaner, war seine
Liese, und dort wurde entschieden über sie und über ihn.
Qualvoll langsam verging die Zeit. Sie war so lange, so lange!
Freilich, ihre Frage war schwer.
Jetzt kam sie.
Er wandte sich um -- sah sie an -- fragend -- bittend.
Sie lächelte leise und neigte bejahend das Haupt.
Dann kniete sie zu dem Bilde der schmerzhaften Madonna.
Mathias Berger legte das Gesicht auf seine Hände.
Und draußen klang die Abendglocke.
* * * * *
In der großen Wohnstube des Buchenhofes brannte die Petroleumlampe.
Heinrich saß, wie fast immer an den Abenden, über einem Lehrbuch, und
Lene nähte. Sonst war niemand da.
Da trat Mathias Berger ein. Lene erhob sich:
»Ich bring' Dir gleich das Essen, Mathias.«
»Laß, Lene, laß! Ich will nich essen.«
Sie sah ihn betroffen an.
»Was ist mit Dir, Mathias? Bist Du krank? Du bist ja kreideweiß im
Gesichte.«
»Nein, ich bin nicht krank! Aber es -- es ist was passiert, und ich muß
mit Euch reden, mit Euch beiden.«
Die Geschwister schauten ihn fragend an. Mathias Berger setzte sich. Er
sah sie an mit seinen guten, treuen Augen, weh und schmerzlich. -- So
würgte er hervor:
»Denkt amal: Meine -- meine Liese geht ins Kloster!«
»Mathias!«
»Mathias!«
Sekundenlang war es still.
Mathias sprach weiter:
»Es geht ja schon lange drum, und ich hätt' auch schon was gesagt, aber
es hat sich heute erst richtig entschieden.«
»Mathias, das -- das ist ja nicht wahr, das kann ja nicht sein, das ist
ja Unsinn, was Du sprichst.«
»Es ist wahr, Lene, es ist wirklich wahr!«
Heinrich hatte bis jetzt wie versteinert dagestanden. Nun sprach er
gepreßt:
»Warum? Warum tut sie das?«
Mathias Berger schlug die Augen nieder.
»Sie sagt, sie hat Beruf dazu. Und das is ja wahr; sie war immer a
frommes, guttes Kind, gar nich so für schöne Kleider und Vergnügen, und
sie war auch immer gern bei Kranken, das is schon wahr!«
»Darum ist es?« fragte Heinrich. »Bloß einzig darum?«
Mathias antwortete nicht. Die Lene hatte die Schürze vor das Gesicht
gepreßt. Wieder blieb es eine Weile still. Da schaute das Mädchen
zornig und leidenschaftlich auf: »Nein, nich bloß deswegen! Sie is ihm
gutt gewest -- dem! Sie hat ihm alles zuliebe getan, immer freundlich,
immer so freundlich, aber der hat nischt von ihr wissen woll'n.
Tagelang, wochenlang hat a nich mit ihr gered't -- und da -- und da --«
Sie brach in einen Strom von Tränen aus. Und vor der leidenschaftlichen
Anklage verstummte der, den sie anging, und auch der andere, der kein
Wort der Entgegnung wußte.
Lene sprach weiter:
»Weißte, Mathias, was wir sind? Lumpe sind wir! Du -- Du hätt'st uns
damals sollen betteln gehen lassen -- rausschmeißen lassen -- verkommen
-- da -- da wär's für Dich viel besser gewest! Jetzt haste a Dank!«
»So -- so is das nich zu nehmen, Lene! Ihr seid immer freundlich und
dankbar zu mir gewest -- o ja! -- Du mußt 'm Heinrich nich solche
Vorwürfe machen; a kann doch nich dafür.«
»Wohl kann a dafür! A is a Mann! A kann durchsetzen, was a will! Und
a hätt' a schmuckes, braves Weib gehabt an der Liese. Nein, a wollte
nich! A gafft über die Gasse zu der Bande, auf die gezierte Gans.«
»Lene!«
Heinrich rief es, der bisher kein Wort zur Verteidigung gesagt hatte.
»Lene, das verbiet' ich Dir! Mir kannst Du antun, was Du willst, dem
Mädel nichts -- nichts! Ruhe biet' ich! Sie hat Dir nichts getan,
mir nichts getan, uns allen nichts getan! Verdreh' die Augen, wie Du
willst, vergreif' Dich meinetwegen an mir, wenn Du's wagst. Ich sag'
Dir's geradezu ins Gesicht, auch dem Mathias: Ich kann nicht dafür, ich
konnte die Liese nicht heiraten, weil wir beide unglücklich geworden
wären.«
»Mensch, wagst Du das wirklich jetzt zu sagen, jetzt? Nein! Weil Du an
der anderen hängst, an der -- an der --«
»Ja, ich hab' sie lieb! Sehr lieb! Ich fürcht' mich nicht, das auch zu
sagen. Ich hab' sie gern, und ich hab' genug gelernt, daß ich weiß, daß
sich so was nicht ändern läßt. Aber ich hab' mir Mühe gegeben; ich hab'
mit mir gekämpft, das weiß Gott! Es ist nicht gelungen.«
»Nich gelungen? Und das is alles? Und Du -- Du sagst wenigstens nich
jetzt -- jetzt in der letzten Stunde noch, eh' es zu spät is, daß Du
die Liese haben willst, daß Du sie dem Mathias erhalten willst?«
»Nein! Ich kann nicht! Was auch passiert -- ich kann es nicht!«
»Dann bist Du ein ganz ehrloser Kerl!«
Sie wandte sich nach der Tür, aber Mathias hielt sie zurück.
»Lene, geh nich fort! Bleib hier! Du tust ihm unrecht, Lene! Wenn a
auch wollte, es wär' zu spät. Die Liese will ihn nich mehr, schon lange
nich mehr, Lene!«
Das erbitterte Mädchen antwortete dem Mathias nicht, sondern wandte
sich wieder an Heinrich.
»A ehrloser Kerl! Ich sag's noch amal! Dem Manne, dem wir alles danken,
ohne den wir verhungert, verlaust, verlumpt wären, sein Kind nehmen und
dann sich großspurig hinstell'n und nischt anderes sagen, wie von der
andern reden, kein einziges guttes Wort -- pfui -- mir würd' der Bissen
Brot im Halse stecken bleiben, den ich hier noch äß'. Wir sind fertig
mitsammen, wir zwei, für immer fertig!«
»Lene, aber Lene, hör' doch --«
»Mathias, laß mich! Mir graut! Mir graut vor dem da! Ich komm morgen
noch amal zu Dir und der Liese runter in Euer Häusel, hier is Zeit, daß
ich fortkomme!«
»Lene, wart' doch --«
Sie war hinaus. Heinrich ging auf Mathias zu und streckte ihm beide
Hände hin.
»Mathias! Jetzt woll'n wir mitsammen reden, jetzt, da sie raus ist --
sie ist ja toll -- jetzt mußt Du mir sagen, Mathias, ob Du mich auch
für einen ehrlosen Kerl hältst.«
Mathias schüttelte den Kopf.
»Nein, Heinrich! Ich weiß, Du kannst nich dafür.«
Heinrich zitterte vor Erregung.
»Mathias, das schwör' ich Dir: Ich kann keinen Mann mehr achten und
keinem mehr dankbar sein als Dir, das ist ja selbstverständlich, und
ich hab' die Liese gern gehabt und eine Verehrung für sie gehabt, wie
gegen kein anderes Mädel -- aber, Mathias, zum Heiraten gehört doch die
richtige Liebe, und wenn ich -- wenn ich so -- nein, das ging nicht!
Mathias, das ist wahr, ich hab' Tag für Tag mir eingeredet, ich kann
die Liese heiraten, und manchmal da war mir's auch so, als ob es gehen
würde, aber dann -- wenn ich bloß die Lotte einmal zufällig von weitem
sah -- da -- da -- -- Mathias, es wär' ja gar nicht darum, ob ich
glücklich bin oder unglücklich; ich bin ja mein Leben lang wenig oder
gar nicht glücklich gewesen, aber konnt' ich denn Dich und die Liese so
betrügen, konnt' ich das? -- Und daß sie fortgehen würde ins Kloster,
das hab' ich ja nicht gewußt.«
Mathias Berger sah den aufs höchste erregten, jungen Mann ruhig an.
»Setz' Dich, Heinrich, setz' Dich zu mir! Wir wollen ruhig miteinander
reden. Es is gutt, daß Du so ganz offen zu mir bist, und ich will Dir
auch alles sagen. -- Ja, ich hab' darauf gehofft. Wie das so gekommen
ist, weiß ich nich. Ich hab' Dir schon gesagt, daß ich Deiner Mutter
gutt gewesen bin, als ich jung war. Ich war a armer Kerl und konnt'
sie nich haben. Ich weiß, Heinrich, was das heißt, ich weiß! Dann
hab' ich doch eine andere geheirat't. Sie hat nur noch a Jahr gelebt;
aber ich glaube, wir wär'n gutt zusammen ausgekommen. Wenn man jung
is, denkt man, 's geht ohne so eine große Liebe nich. Ach ja, es geht
doch, 's geht manchmal besser wie bei solchen Leuten, die vor der
Hochzeit ganz vernarrt ineinander sind. Daran dacht' ich, wie ich sah,
daß meine Liese an Dir hing, und daß Du so gar nischt davon wußtest
und nich daran dachtest. Ich hoffte immer, es kann werden, es kann
noch gutt werden. Nu is alles anders gekommen. Ich verhehl' Dir nich,
Heinrich, mir is heute zumute wie zum Sterben, weil's doch gerade meine
Allereinzige is.«
»Mathias! Mathias! Daß ich Dir das antun mußte, das ist schrecklich!
Das ist zum Verzweifeln!«
»Heinrich, flenne nich! Böse bin ich ja gar nich auf Dich. Ich kenn'
Dich schon. Das is halt gekommen, wie's kommen muß. Und sieh mal, die
Liese wird ja nich unglücklich. Die geht ins Kloster; sie is glücklich
darüber, das is ja mein Trost. Ich hab' immer die Mütze abgenommen,
wenn ich 'ne Krankenschwester traf. Und wenn ich mich erst werd' besser
reingefunden haben, da werd' ich ganz zufrieden sein. Bloß fürs erste
fällt's halt schwer.«
Heinrich sah seinen alten Freund plötzlich verängstigt an.
»Mathias! Du wirst doch aber auch bei mir bleiben?«
»Nein! Erschrick nich! 's beste is, wir sprechen heute gleich alles
aus.«
»Du willst fort? Fort von uns?«
»Ja, Heinrich! Reg' Dich nich so auf! Wir wollen ruhig reden. Sieh mal,
ich muß fort!«
»Das ist die Strafe? Das?«
»Aber doch keine Strafe, Heinrich! Wir gehn in Friede und Freundschaft
auseinander.«
Ein verzweiflungsvolles Lachen brach dem jungen Buchenbauer vom Munde.
»In Friede und Freundschaft! Und ich bleib' allein! Und hab' zuletzt
niemand mehr auf der ganzen Welt! Und verlier' meinen einzigen Freund!
In Friede und Freundschaft!«
Er sprang auf, trat ans Fenster und sah hinaus in die Nacht. Plötzlich
wandte er sich um. Mit bitterer Stimme sagte er:
»Deshalb hast Du uns aufgezogen, den Hof aufgebaut, alles in Ordnung
gebracht, daß Du jetzt fort willst, weil die eine Sache fehl ging? Und
Du sagst doch selbst, ich kann nicht dafür!«
»Ja, Heinrich! Sieh mal, Mensch is Mensch! Ich könnte hier nich mehr
sein. Ich würd' immer an die Liese denken müssen. Und dann, es is zu
einsam. Es is mir so schon manchmal schwer geworden. Jetzt hielt ich's
gar nich mehr aus. Glaub' mir's. Ich hab' darüber nachgedacht. Es geht
nich! Rein verdüstern tät' ich. Ich will wieder fort zu Leuten.«
»Doch nicht wieder --«
»Als Lumpenmann? Jawohl, Heinrich! Gerade das! Das hat mir damals auch
geholfen.«
»Das kannst Du nicht, Mathias? Was werden die Leute sagen?«
»Die Leute? Mögen sie sagen, was sie wollen. Das kümmert mich nischt.
Ich bin's gewöhnt.«
Heinrich eilte auf den alten Mann zu und faßte ihn an beiden Schultern:
»Mathias! Wenn Du mir das antust, ich weiß nicht, was ich anfange.
Mathias, kannst Du mir's nicht verzeihen im Herzen? Du sagst ja, Du
bist nicht böse auf mich; aber Du bleibst nicht bei mir, Du willst
fort, läßt mich allein, weißt, daß ich Dich brauch' wie das tägliche
Brot, nicht bloß in der Wirtschaft, nein, tausendmal mehr als Mensch
und als Freund, und Du willst fort! Besinn' Dich, Mathias, besinn' Dich
anders, und wenn ich ein grundschlechter Kerl wär' -- bleib' bei mir!«
Der Alte wandte den Kopf zur Seite.
»Bleib' da, Mathias! Ich bitt' Dich kniefällig!«
»Ich -- ich kann nich, Heinrich! Ich brächt's nich fertig. 's geht über
meine Kräfte. Und für Dich wär's auch nich gutt, wenn Du mich immer so
sähest, und dann, wenn Du die Lotte heirat'st, ging' ich doch.«
»Wer sagt denn, daß ich die Lotte heiraten will? Daß ich ihr gut bin,
das kann ich nicht ändern. Aber ich will sie doch nicht heiraten! Das
denkt doch bloß die Lene!«
»Es kommt, Heinrich, es kommt bestimmt! Aber es is besser, wir reden
lieber nich darüber. Für mich is heute schon a bissel viel gewest. Aber
das hatt' ich mir schon lange vorgenommen, Dir's bald zu sagen, wenn
sich's mit der Liese entschieden hätte, daß ich da fort will. Und daran
will ich auch nichts ändern. Das muß jetzt sein!«
Heinrich trat zurück und lehnte sich bleich an den Tisch.
»So geh! Geht alle! Laßt mich allein, wenn Ihr denkt, daß ich das
verdiene! -- So sind also auch wir beide mitsammen fertig.« --
Es entstand eine schwere Pause.
»Und Du willst nicht, daß wir weiter Freunde sind, Heinrich?«
»Nein! Wenn Du mir das antust, dann tust Du mir mehr an als mein
ärgster Feind!«
»So -- so leb' gesund, Heinrich!«
Heinrich antwortete ihm nicht.
Da verließ Mathias Berger den Buchenhof.
* * * * *
Droben in ihrem Stübchen saß Lene Raschdorf und schrieb einen Brief.
Dieser lautete:
Lieber Hannes!
Die Liese geht zu den Grauen Schwestern. Der Mathias sagt, sie
habe Beruf und gehe gern ins Kloster. Aber ich weiß, daß die
Liese unserem Heinrich gut gewesen ist und daß er sie nicht
gemocht hat. Er sagt, er wäre mit ihr unglücklich geworden. Das
ist aber nicht wahr, denn die Liese ist ein braves, tüchtiges
Mädchen. Und er hat es bloß deshalb getan, weil er in die
Lotte Schräger vernarrt ist und sie gern heiraten will. Lieber
Hannes! Das ist eine solche Schande, daß der Heinrich so etwas
tut und daß er unserem guten Mathias solches Herzeleid macht,
daß er von jetzt ab nicht mehr mein Bruder ist. Und deshalb
schreib' ich an Dich, daß ich Dich heiraten werd', wenn Du vom
Militär los bist und wenn wir ein Auskommen haben. Ich denke,
Du gehst in die Kohlengrube. Wenn Du Dich eingerichtet hast,
verdienst Du 15 Mark die Woche. Und ich werde für die Leute
nähen. Da werden wir schon auskommen. Lieber Hannes! Ich will
Dir heute schreiben, daß ich Dich lieb hab' und auch wirklich
gern heirate. Aber damals, als Du von der Gestellung kamst,
konnte ich es Dir nicht sagen, denn ich dachte, ich müßte immer
beim Heinrich bleiben und ihm helfen und beistehen, wie es
immer war. Aber Heinrich ist schlecht und verdient's nicht, und
deshalb gehe ich fort, und es ist mir ganz egal, was jetzt aus
unserem Hofe wird. Ich fahre zur Tante Emilie nach Waldenburg.
Dort werde ich auch das Nähen lernen und bleiben, bis wir
heiraten. Lieber Hannes! Du mußt mir aber versprechen, daß Du
immer brav und ordentlich sein wirst, damit wir auskommen.
Sonst sollst Du aber lustig sein, denn das habe ich an Dir
immer gern gehabt, weil ich selber nicht lustig sein kann. Und
ich werde Dich auch nicht ärgern, sondern gut mit Dir sein.