Er stand still. Er wagte nicht, sich umzusehen. Es war ihm, als ständen
an der Stubentür all die Seinigen: Lene mit zürnend abwehrenden Armen,
Mathias mit einer stummen Bitte in den guten Augen, die Liese mit
traurigem Gesicht, und ganz im Hintergrunde, draußen auf dem dämmerigen
Hausflur, schemenhaft die Toten: Vater und Mutter.
Entmutigt sank er auf einen Stuhl und stöhnte laut. Und die Einsamkeit
ging und schloß die Tür, nahm ihm den Hut vom Kopfe und sang ihr
monotones, totes Lied.
Aber sie täuschte sich. Sie sang das Lied um eine Nuance zu
schauerlich, um ein klein wenig zu hart, um ein paar Grade zu höhnisch.
Sie sang es unerträglich für den, der es anhören mußte.
»Ich ertrag's nicht länger; und wenn's unter tausend Flüchen wär' --
ich geh ihr nach!«
Mit wenigen Schritten war er draußen. Mit roten Wangen stürmte er durch
den Herbstnebel. Das Blut brauste ihm im Herzen und im Kopfe. Der Nebel
hüllte ihn ein, er konnte den Weg ins Dorf nicht übersehen.
So lief er, jagte dahin, wie einer, der auf verzweiflungsvoller Flucht
ist, oder einer, der dem letzten, rettenden Heil nachjagt, das er zu
verlieren glaubt.
Jetzt -- jetzt tauchte die Gestalt eines Mädchens aus dem Nebel auf.
Ein paar Schritte noch, dann erkannte er sie deutlich.
»Lotte!«
Wie ein Schrei tönte der Name durch die stille Luft.
Sie wandte sich erschreckt um. Mit großen Schritten und glühendem
Gesicht kam er ihr näher.
»Lotte -- sei nicht böse -- ich muß Dir nach -- ich werde verrückt
allein!«
»Heinrich, o Gott, Heinrich, was ist Ihnen? Wie sehen Sie aus?«
»Tu mir den Gefallen, Lotte, sprich »Du« zu mir, wie früher; sei ein
klein bißchen freundlich! Ich halte so das Leben nicht mehr aus! Ich
gehe zugrunde!«
»Heinrich! Lieber Heinrich!«
Sie sah ihn mit ihren schönen Augen mitleidsvoll an, und er stand vor
ihr zitternd, bebend; der Atem ging ihm schwer, die Augen glühten ihm,
und sie war so schön, so herrlich schön, und da riß er sie wortlos in
seine Arme mit einer Wut und Glut, wie das Tier sein Opfer faßt aus
schmerzhaftem Hunger, und überdeckte ihr Gesicht mit rasenden Küssen.
Wie mit eisernen Armen hielt er sie fest; wie ein Ertrinkender sich
an seinen Retter klammert, so klammerte er sich an sie, und mit dem
ganzen fiebernden Heißhunger einer glücksgierigen Seele küßte er sie.
Sein Gesicht veränderte sich, seine Augen bekamen einen fremden,
unheimlichen Glanz; all die Leidenschaft, die jahrelang zurückgedämmt
war, brach durch, all der brennende Durst nach Glück und Liebe wollte
sich sättigen.
Sie lag erschreckt, aber glückselig an seiner Brust.
»Heinrich! Lieber Heinrich!«
»Du mußt mein sein, Lotte, und wenn die Welt in Stücke geht, und wenn
sie mich ausstoßen wie einen Lump, und wenn's ein Verbrechen ist -- Du
mußt mein werden!«
Sie sah zu dem zitternden Manne auf.
»Hast Du mich lieb, Lotte? Ein bißchen lieb?«
»Ja, ich hab' Dich lieb, Heinrich!«
»Lotte!«
Ein jauchzender Jubelruf, ein Erlösungsschrei durchtönte die fahle
Herbstluft. Der Heimatlose hielt das Glück in seinen zitternden Armen
und schaute es an und hätte laut lachen mögen vor übergroßer Freude.
»Lotte, jetzt bin ich reich! Jetzt hab' ich alles gewonnen! Jetzt ist
mir wohl! Jetzt werd' ich wieder leben können! Jetzt ist alles andere
ganz gleichgültig.«
Sie sah ihn an, und ihre Augen glänzten feucht.
Eine lange, selige Pause kam, jene große Stille, in der alles tot ist,
außer der Freude.
Doch allmählich breitete sich ein Schatten über ihr Gesicht.
»Heinrich! Sind sie wirklich alle fortgegangen von Dir um meinetwillen?«
»Ja, Lotte! Aber laß sie, sprich nicht von ihnen, denk' nicht an sie!
Wenn ich Dich hab', mögen sie fort sein; alle -- alle --!«
Er lachte wieder, ließ sie los und schüttelte sich, als ob er etwas
Unsichtbares von sich abzuwälzen hätte.
»Komm, wir wollen ein Stück gehen, wir wollen alles miteinander
besprechen.«
Sie gingen Hand in Hand, und die Nebel hüllten sie schützend ein. Er
erzählte ihr von seiner Liebe zu ihr, wie sie eigentlich immer in ihm
gelebt hätte seit den Tagen der Kindheit, wie er sie nur all die Zeit
zurückgedrängt habe in langen, schmerzhaften Kämpfen, und wie diese
Kämpfe furchtbar geworden seien nach jenen Tagen im Mai. Dann erzählte
er ihr auch von der Liese, vom Mathias, von der Lene und von dem Ende.
Sie blieb stehen. Leise und bang fragte sie:
»So hab' ich Dir wirklich die Heimat zerstört, Heinrich? Ich?«
Er schüttelte nachdenklich das Haupt.
»Nein! Ich hab' viel darüber nachgedacht. Was ist überhaupt die Heimat?
Ich weiß es nicht! Ich weiß bloß, daß ich nie eine gehabt hab', es wär'
denn als Kind. Wir haben kein glückliches Leben gehabt -- alle nicht!
Und so wär' es geblieben, wenn ich die Liese genommen hätte. Nein, es
wär' noch viel schlimmer geworden. Denn Dich hätt' ich doch nie aus dem
Sinn gebracht, niemals!«
Sie lehnte den Kopf an seine Schulter, und er küßte sie wieder.
Tief aufatmend richtete er sich auf und stand still, als ob er sich
besinnen müsse. Wie war ihm? Frei, leicht, stark war ihm zumute, so,
als ob Lasten von seiner Seele geglitten und neue, heitere Wege ihm
eröffnet wären.
»Lotte, jetzt wird das Glück kommen!«
Sie schmiegte sich an ihn und erzählte nun von sich, von ihrem
trostlosen Heim, von der Seligkeit, die sie im Mai trotz ihres kranken
Fußes empfunden über seine Fürsorge, von der langen, glücklosen Zeit,
als täglich der Barbier aufs neue erzählt habe, wie sehr sich der
Heinrich um die Liese bemühe, und der junge Riedelbauer sie mit seinen
Zudringlichkeiten belästigt, und dann davon, wie sie gehört habe, die
Liese gehe ins Kloster und Mathias habe sich mit Heinrich verfeindet.
Da habe sich eine neue Hoffnung in ihr Herz geschlichen. In den Wochen
darauf aber, als auch die Lene fort war und sie ihn so müde und krank
herumgehen sah, da hätten die Mägde erzählt, der junge Buchenbauer
werde tiefsinnig, er esse nicht mehr und wache ganze Nächte in seinem
Zimmer, und dann sei wieder der Barbier gekommen und habe gesagt,
der Heinrich gräme sich zu Tode um die Liese. Da sei es freilich aus
gewesen mit all ihrer Hoffnung.
»Aber jetzt, Heinrich, jetzt ist doch alles anders!«
Die Glückseligkeit der Liebe strahlte auf dem Gesicht des Mädchens.
Er blieb stehen.
»Es ist mir etwas eingefallen, Lotte: Wo zwei Heimatlose sich treffen,
die sich lieb haben, da wird eine Heimat.«
Sie sah ihn an voll Vertrauen und Glauben und nickte mit dem Kopfe.
Sie gingen ein Stückchen weiter. Das Mädchen kämpfte mit einem
Gedanken, der endlich hervorbrach:
»Eines muß ich wissen, Heinrich: Was macht Ihr meinem Vater zum
Vorwurf? Das mußt Du mir sagen!«
»Lotte, liebe Lotte, quälen wir uns doch jetzt in unserer ersten guten
Stunde nicht mit den alten Geschichten.«
Sie senkte den Kopf.
»Doch, Heinrich, es ist nötig! Darüber müssen wir klar sein. Da darf
nichts zwischen uns liegen! Dieses unausgesprochene Mißtrauen zwischen
den beiden Höfen, das war ja das Schlimme. Das darf zwischen uns beiden
nicht sein!«
»Es wird nicht sein, Lotte!«
»Aber wir müssen uns aussprechen!«
Sie machte wieder eine Pause. Dann brachte sie mit großer Überwindung
heraus:
»Glaubt Ihr, daß -- daß mein Vater -- Euren Hof angezündet hat?«
»Nein, Lotte! Das ist ja gar nicht möglich! Er war ja immerfort zu
Hause!«
»Aber -- aber Ihr denkt, daß er jemand dazu angestiftet hat oder daß er
davon gewußt hat?«
Heinrich zögerte.
»Du weißt, Lotte, daß Mathias das behauptet hat und darum auch bestraft
worden ist.«
»Und Du?«
Sie sah ihm angstvoll in die Augen.
»Ich, Lotte -- ich glaube es nicht! Es kann irgend jemand gewesen sein:
ein Dienstbote aus Unvorsichtigkeit, ein Bummler, ein unbekannter
Feind. Weiß Gott!«
»Es ist gut, Heinrich, denn sonst -- und was macht Ihr ihm weiter zum
Vorwurf? Was sagt die Lene? Sag' mir alles! Ich bitte Dich, Heinrich!«
»Lotte, es fällt mir schwer -- gerade schon heut --«
»Ja, schon heut! Wenn es herunter ist vom Herzen, dann werden wir erst
ganz glücklich sein. Was sagt die Lene?«
»Sie sagt -- unser -- unser Vater hat sich erschossen, weil ihm Dein
Vater das Geld gekündigt hat.«
Lotte nickte.
»Ja, ich weiß! Der Vater hat mir's erzählt. Er ist bei Euch drüben
gewesen und hat gut mit Deinem Vater reden wollen; aber der ist
vergrämt gewesen und hat ihm sogar das »Du« gekündigt, und da -- da
hat mein Vater das Geld verlangt. Daß aber alles so kommen würde, hat
er aber nicht geahnt. Und, Heinrich, daß das gekommen ist wie ein
unvorhergesehenes Unglück, deshalb trinkt ja der Vater, das hat ihn ja
zugrunde gerichtet.«
Sie weinte.
»Lotte, liebe Lotte! Du hast auch schon bittere Dinge erlebt.«
»O, Heinrich! Und ich hab' keine Seele gehabt, zu der ich mich
aussprechen konnte. Niemand! Ich hab' alles für mich tragen müssen. Und
der einzige, den ich lieb hatte, warst Du -- und -- und --«
»Liebes, liebes Mädel!«
Er küßte sie wieder, lange und innig.
»Ich bin so glücklich, Heinrich, daß wir das ausgesprochen haben. Wenn
Du so schlecht von meinem Vater gedacht hättest, hätten wir uns ja
nicht haben dürfen. Nein, Heinrich, gewiß nicht, dann wär' ich Deiner
nicht wert, dann wär' es ganz unmöglich. Aber das kannst Du glauben:
Mein Vater hat seine Fehler; aber etwas Schlechtes hat er nicht getan.
Deine Leute tun ihm unrecht, das kann ich Dir beteuern, und deshalb
kann ich auch Deine Frau werden! Wenn Du's nur fest glaubst.«
»Ich glaube es, Lotte!«
Sie nickte glücklich, und sie gingen wieder ein paar Schritte weiter.
»Und was nun weiter, Lotte? Was wird Dein Vater sagen, wenn ich komme
und Dich zum Weibe haben will?«
Sie senkte das Haupt.
»Er wird erschrecken, vielleicht auch sehr schimpfen. Das mußt Du nicht
übel nehmen. Das ist ja natürlich. Aber er wird nicht »Nein« sagen,
nicht auf die Dauer. Er kann mir keine einzige Bitte abschlagen --
keine! Und Du -- wie wird's bei Dir sein?«
»Ich? Ich bin mein eigener Herr! Ich hab's durchgesetzt bis jetzt und
führ's zu Ende. Mit den andern hab' ich gebrochen. Ich bin jetzt zwar
einsam, aber ich bin frei! Wenn ich Dich hab', Lotte, verschmerz' ich
alles. Und die Zeit ändert manches. Meine Leute werden sich allmählich
anders besinnen.«
»Hoffen wir es!« --
Lotte hatte im Dorfe einen Besuch machen wollen. Sie gab die Absicht
auf.
Auf einem breiten, stillen Feldrain ging das junge Paar, und die Nebel
schützten es vor neugierigen Augen. Von ihrer Zukunft sprachen sie und
bauten an einer neuen Heimat. Von Westen leuchtete durch die weißen
Nebel ein roter Schein. Dort ging die Sonne unter.
»Ich muß jetzt heim,« sagte Lotte. »Vielleicht, wenn der Vater allein
ist, sag ich's ihm schon heute.«
»Lotte! Willst Du das wagen? Oder ist's nicht besser, wenn ich es tue?«
»Nein, Heinrich! Wenn's der Vater zugibt, tut er's bloß, weil er mich
lieb hat und mir nichts abschlägt. Ich geb Dir Nachricht.«
Sie gingen ganz langsam heim. Als die Buchenhöfe aus dem dicken Nebel
auftauchten, nahmen sie einen langen Abschied.
* * * * *
Als Heinrich in seine Stube trat, war's, als ob eine Trunkenheit ihn
fasse.
Er vermochte nicht stehen zu bleiben an einem Ort, nicht zu sitzen; er
ging immer hin und her in seliger Unrast, und manchmal schlug er die
Hände vor das glühende Gesicht, und immer wieder trat er ans Fenster
und sah hinüber über die Straße.
Er fühlte auch jetzt noch ihren weichen, warmen Mund. Das liebe
Mädchen. Wenn sie sein würde, dann war alles gut, dann kam ein ganzes
Meer von Sonne und Wonne in diese leere Stube, dann mußte hier eine
herrliche Heimat sein.
Wenn er nur mit jemand reden könnte, jetzt nicht wieder allein sein
müßte! Er besann sich und ging hinüber zum Schaffer.
Der Schaffer saß an seinem Tisch und studierte an einem Briefe. Er
wollte das Schriftstück verstecken, aber dann besann er sich, schob es
Heinrich hin und knurrte:
»Is egal! Da! Vom Hannes!«
Heinrich las:
Lieber Vater!
Indem ich Dir auch wieder einmal schreibe. Du sollst keinen
Kummer um mich haben. Es geht mir gut. Aber ich hab drei Tage
Arrest gekriegt. Du mußt aber keinen Kummer haben, denn sie
sind schon rum. Und es war zum Aushalten. Weil nämlich die
Lene an mich geschrieben hat, daß sie mich heiraten wird, da
hab ich die Knöpfe nicht geputzt und bin zum Appell zu spät
gekommen. Wobei einen der Unteroffizier gleich klemmt. Wogegen
ich mir eins gepfiffen hab, wie ich im Kasten war. Denn ich
freu mich so, daß mich die Lene heiraten tut, weil ich ihr gut
bin, und weil sie ein schönes, starkes Mädel ist. Dann werde
ich Bergmann, und sie näht. Da kommen wir aus, weil ich nicht
trinke und auch nicht tanze. Lieber Vater, es tut mir sehr
leid, daß die Lene mit dem Heinrich so Krach gemacht hat und
weg ist. Die Tante Emilie, bei der sie jetzt ist, kann ich
nicht gut leiden, sie ist eine alte Kröte. Aber ich muß jetzt
tun wie tulpe und zu der Lene halten, weshalb ich ihr Bräutigam
bin. Wo ich ja jetzt auch auf den Heinrich schimpfen muß, indem
sie mich sonst nicht nimmt. Was aber alles bloß Getue ist. Denn
der Heinrich ist immer mein Freund gewesen, und das laß ich
nicht. Aber jetzt tu ich so und schimpf auf ihn, soviel ich
kann. Das mußt Du ihm sagen, daß er's nicht übel nimmt, wenn
er mal was hört. Wenn ich die Lene werd geheiratet haben, bin
ich der Herr im Hause. Da wird's anders, da gibt's dann keinen
Krach mit dem Heinrich mehr. Hauptsache, erst heiraten! Daß
Mathias auch weg ist und die Liese, das ist sehr schade. Indem
sich das aber nicht ändern läßt. Und Du mußt bleiben auf dem
Buchenhof, sonst geht alles pleite. Lieber Vater, wenn ich zu
Weihnachten Urlaub krieg, fahr ich nach Waldenburg. Da mußt Du
am ersten Feiertag hinkommen. Denn auf den Buchenhof komme ich
wegen der Feindschaft nicht. Und wenn ich keinen Urlaub krieg,
da komm ich überhaupt nicht. Wegen der drei Tage! Und mußt
keinen Kummer haben und den Heinrich schön grüßen und ja nichts
der Lene sagen von allem. Dann kannst Du mir nötig zehn Mark
schicken.