»Liese, wir wollen weder »ja« noch »nein« sagen; wir wollen abwarten,
noch lange abwarten.«
* * * * *
Vom Dorfe herauf nach dem Buchenkretscham zu kamen der junge Riedel und
der Barbier.
»Wenn wir's ins Reine bringen, fünfzig Taler sind Deine,« sagte Riedel.
»So leicht wird's gar nich sein,« meinte der Barbier, »Du hast a alten
Schräger schon zu ofte geärgert. Und dann der Raschdorf!«
»Quatsch' nich, Mensch! Mehr wie fünfzig Taler gibt's nich! Das mit'm
Raschdorf is Mumpitz. Die Schräger Lotte und der Raschdorf! So was
gibt's nich. Da red' mir nischt vor.« -- -- --
Schräger war allein. Er war bereits wieder nicht mehr nüchtern. Die
beiden eintretenden Männer grüßten und bestellten sich etwas.
»Na, man hört ja schöne Dinge,« fing der Barbier an.
»Was, schöne Dinge?« fragte Schräger stupid.
»Nu, von der Lotte. Seit wann fährt'n die mit'm Raschdorf Heinrich
spazieren?«
»Ja, seit wann fährt'n die mit'm Raschdorf Heinrich spazieren?«
wiederholte Riedel spitzig.
»Weeß ich nich,« sagte Schräger pomadig und trank einen Schnaps.
»Weeß a nich,« sagten die anderen beiden gleichzeitig und sehr
betroffen.
»Ja, kümmerst Du Dich denn nich drum, Schräger, wenn Dei' Mädel zum
Spektakel mit 'm Raschdorf in der Welt rumfährt?«
»Nee,« sagte Schräger, »mir is alles ganz piepe. Ganz egal is mir
alles! Hol' alles der Teifel! Prost!«
»Der Kerl is besoffen,« sagte der Freiersmann leise.
»Sag' mal, Schräger, das kann Dir doch nich egal sein. Die Leute im
Dorfe reden ja riesig. Sie sagen, die Lotte hat mit 'm Heinrich a
Verhältnis.«
»Verhältnis? Weeß ich nich! Kann sein! Kann schon sein! Is mir alles
Wurst!«
Riedel und der Barbier sahen sich ratlos an.
»Nu, Schräger, Du bist wohl nich gescheit? Du wirst doch nich zugeben,
daß der Raschdorf mit der Lotte a Verhältnis hat? Du bist wohl
verrückt?«
»Nee, ich bin gar nich verrückt! 's is ganz gutt so. Kommt alles
zusammen, alles zusammen. Is alles gutt! Freut mich! Freut mich
wirklich!«
Er rieb sich die Hände.
»A is wirklich verrückt geworden,« sagte Riedel.
»Ich werd' Dir was sagen, Schräger,« fing der Barbier in scharfem
Tonfall an. »Du bist a Schafskopp! Der Raschdorf denkt gar nich an
die Lotte, der hat 'ne ganz andere. Und Du kannst Dir mit solchem
blödsinnigen Getue bloß Läuse n a Pelz setzen. Wenn das rauskommt, daß
Du uff a Raschdorf spekulierst, da --«
»Was da?«
»Na so und so --«
»Was so und so?«
Der Wirt wurde etwas nüchterner.
»Na, ich will ja nich zuviel sagen; aber das weißte vielleicht, daß der
Mathias gesagt hat, Du spekulierst drauf, daß die Güter zusammenkommen,
und hättest deswegen a alten Raschdorf so reingebracht.«
Schräger fuhr wütend auf.
»Der Teifel hol' a Mathias; ich spekulier' nich! Hab' ich nie gemacht!
Das is Schwindel!«
»Ja, aber die Leute werden's sagen; sie werden jetzt 'm Mathias recht
geben --«
»Wer? Wer? Ich verklag' 'n!«
»Kannste nich! Und dann, wenn wirklich was draus würde, da tränk' keen
Mensch mehr bei Dir für fünf Pfennige Schnaps. Mit a Buchenhofleuten
will niemand was zu tun haben.«
Der Wirt glotzte die beiden an. Er wollte etwas sagen, schimpfen,
abstreiten, aber schließlich wandte er sich ab und trat ans Fenster.
Heute früh, als er ausgeschlafen hatte und sich der Vorkommnisse vom
vorhergehenden Tage bei nüchternem Geiste erinnerte, war er zuerst in
Wut geraten und hatte großen Spektakel schlagen wollen. Aber dann, als
er sich alles genauer ausmalte und auch unterdes wieder viel Schnaps
getrunken hatte, war ihm urplötzlich seine alte, längst aufgegebene
Lieblingsidee wieder eingefallen: die beiden Buchenhöfe miteinander
zu vereinigen. Es war seit Jahren der erste Gedanke gewesen, der
ihn aus seiner Säuferlethargie aufrüttelte und etwas wie eine frohe
Begeisterung über ihn brachte.
Zwar die Sache schien auch ihm wahnwitzig, er wußte ja auch nichts
Bestimmtes, nur den kurzen Bericht der alten Stenzeln, und so beschloß
er, der Sache freien Lauf zu lassen. Jetzt kamen diese beiden und
verdarben ihm den Plan. Er wandte sich um.
»Was habt Ihr eigentlich? Sie is a Stückel mit ihm gefahr'n. Weiter
nischt!«
»Ja, und a hat's Pferd nich gehalten, wie sie abstieg. A feiner
Kutscher is a, das wissen wir alle. Aber wie a sie heimgebracht hat,
wie a sie um a Hals gehabt hat --«
»Schwindel! Halt's Maul!«
»Wir wissen's! Und alle Leute wissen's!«
Der junge Riedel sprang auf.
»Herr Schräger, es -- es muß raus! Ich bin der Lotte gutt, sie gefällt
mir, wenn sie auch das Arbeiten nich gelernt hat, und ich wollte heute
-- heute anfragen, wie's denn wär', wenn wir a Kram zusammenschmissen;
aber wenn die Leute so reden, und wenn Sie nischt dagegen haben, und
wenn so 'ne Wirtschaft hier is, da -- da könnt's sein, ich besänn' mich
noch anders.«
Schräger wurde krebsrot.
»Riedel! Pauerjunge! Denkste, das laß ich mir gefall'n? Das soll wohl
'ne Brautwerbung sein? Besänn a sich noch anders, der Schafkopp! Hab'
ich dazu gespart und gearbeit't und die Lotte so viel lern'n lassen,
daß mir so a Lausejunge so kommt? Mir, 'm Vater? Raus!«
»Menschenkinder, vertragt Euch, vertragt Euch!« beschwor der Barbier.
»Raus!« brüllte Schräger.
Der junge Riedel kochte vor Wut.
»Behalt' sie!« schrie er. »Behalt' sie! Pack schlägt sich, Pack
verträgt sich.« Damit war er hinaus. Der Begleiter folgte ihm.
Schräger war wieder allein. Ein paarmal ging er durch die Stube
und sprach vor sich hin. Dann sank er auf einen Stuhl. Er wollte
nachdenken. Es ging aber nicht. So holte er sich Schnaps und trank.
Allmählich flaute seine Erregung ab.
Eigentlich war's dumm, daß er den Riedel hinausgeworfen hatte. Der
Riedel hatte Geld.
Aber Raschdorf hatte mehr. Viel mehr! Und die Ziegelei! Und die Höfe
kamen zusammen!
Die Höfe! -- -- -- Wenn er nur nicht Raschdorf hieß!
Ein Frösteln kam den Säufer an.
Der Sohn von dem anderen!
Manchmal kam er ja noch -- der andere -- in der Nacht, manchmal, wenn
Schräger zu wenig getrunken hatte, oder wenn er krank war und nicht
schlafen konnte.
Der Sohn! War das möglich? Würd's da besser mit ihm werden oder
schlechter? Würde er sich mehr fürchten oder weniger? Damals, als der
junge Raschdorf zur Steuer gewesen war, hatte Schräger in der Nacht gut
geschlafen. -- --
Und auftrumpfen läßt er sich nicht! Und nichts auf die Lotte sagen,
nichts! Auch nicht auf den Jungen! Es sind die Kinder! Er hat's danach;
er braucht sich und den Kindern nichts sagen zu lassen! Wieder ringt
er nach einem klaren Gedanken, will einen bestimmten Vorsatz fassen.
Es ist nicht möglich, es bleibt alles verworren. Er trinkt, und dann
spricht er wieder mit sich selbst. Alles durcheinander. Manchmal gegen
den Riedel, manchmal gegen den Raschdorf. Zuletzt lallt er:
»Hol' der Teifel! Egal, ganz egal! Aber Geld muß sein! Geld!« Und er
greift nach der Rumflasche.
* * * * *
Es war Abend. Droben im Krankenzimmer lag die Lotte mit roten Wangen.
Sie sah immer nach der Uhr und betrachtete mit qualvoller Ungeduld, wie
träge die Zeiger weiterrückten. Jetzt schlug die Uhr neunmal.
Die alte Stenzeln rührte sich nicht vom Platze und bastelte an ihrem
Strickstrumpf.
»Es ist neun, Stenzeln,« sagte die Lotte stockend.
»Ja, ja,« erwiderte die Alte, »die Zeit vergeht.«
Sie vergaß es. Wenn er jetzt kam und die Stenzeln nicht traf!
»Stenzeln. Es ist mir doch, als ob Ihr gestern gesagt hättet, um neun
wollte der Raschdorf Heinrich --«
»Jesses, das hätt' ich vergessen! Na, die Uhr geht ja a bissel zu
zeitig. Will ich doch gleich runter.« Sie ging.
»Stenzeln! Sagt ihm doch, ich -- ich ließ mich bedanken, daß er mich
heimgebracht hat, und daß er den Doktor geholt hat.«
»Werd's ausrichten!«
»Stenzeln! Fragt ihn doch auch, ob nicht seine Leute -- ob sie nicht
böse gewesen sind -- ja?«
»Was sollen sie böse sein? Aber ich werd's ausrichten.«
»Stenzeln! Und dann, ich laß ihn wieder schön grüßen. Das muß ich doch,
Stenzeln, nicht wahr?«
»Ja, freilich! Sonst noch was?«
»Nein! Geht nur schnell, daß Ihr ihn nicht verpasset.«
Die Stenzeln ging, und Lotte horchte hinab. Ihre Wangen brannten und
ihre Augen waren weit geöffnet. Langsam verrann die Zeit. Wenn sie
aufkönnte, ein einziges Mal ans Fenster könnte! Aber sie durfte sich ja
nicht rühren. Jetzt war eine ganze Viertelstunde vergangen. Wo nur die
Stenzeln blieb? Hatte er sich verspätet? Oder hatte er ihr so viel zu
sagen? So viel? -- --
Die Stenzeln stand etwas abseits von der Haustür und hielt Umschau.
Es war niemand zu sehen. Das Tor und die Tür vom Buchenhof waren
geschlossen. Es war auch drüben in keiner Stube mehr Licht.
Wo blieb er? Der Stenzeln wurde die Zeit lang, und sie lief die Straße
ein bißchen auf und ab und guckte sich um. Da kam jemand. Es war der
Barbier.
»Ah -- Stenzeln! Ich denke, Sie haben Krankenwache? Da steht man doch
nicht auf der Straße und guckt sich um, als wenn wunder jemand kommen
sollte?«
»Das geht kein'n Menschen was an! Und auf Sie hab' ich nich gewart't.«
»Das glaub' ich. Nur nicht gleich so ruppig, Großmutter! Ich wunder
mich halt. Wie geht's der Lotte?«
»Schlecht!«
»Großmutter, Sie sind zwar 'ne stachelige Distel, aber wenn's Ihn'n
recht is, wart' ich a bissel mit hier.«
»Nö! Ich brauch' niemanden. Ich schnapp' bloß a bissel Luft. Gehn
Sie nur rein und löschen Sie Ihren Durst! Hier sein Sie a sehr
überflüssiges Möbel! Gehn Sie rein!«
»Denke ja nich dran! Ich bin neugierig, auf wen Sie warten. Woll'n Sie
etwa gar wieder heiraten und warten auf a Schatz?«
»Altes Schandmaul! Wissen Sie was? Jetzt geh' ich rein. Sie verderben
mir die Luft, Sie windige Seifenblase!«
»Nu, so 'ne alte Säge! Hör'n Sie mal, Großmutter, ich will Ihn'n noch
was sagen. Im Dorfe wird riesig gered't über a jungen Raschdorf und die
Lotte --«
»Mögen sie reden! Der Schlimmste is jetzt nich dabei. 's böseste Maul
is jetzt nich im Dorfe.«
»Hör'n Sie mal, Großmutter, warten Sie doch noch 'n Schlag! Es tut mir
leid um die Lotte, denn der Raschdorf bringt sie bloß ins Gerede, na,
und a is doch so gutt wie verheirat't mit der Liese.«
»Mit wem?«
»Nu, mit der Berger Liese. Na, Stenzeln, wissen Sie das nich?«
»Sie sind wohl beduselt?«
»Nu, was is da so zu wundern? Denken Sie, der alte Mathias hat was
umsonste gemacht? Der hat nich schlecht spekuliert. Na, und der
Heinrich, der kann ja gar nich anders, den hält doch der Mathias feste.
Großmutter, na, warten Sie doch -- -- Fort is se, die alte Schwarte!«
* * * * *
»Nun, Stenzeln, Sie waren so lange?«
»Ja! A is nich gekommen.«
»Nicht gekommen? Ist das möglich?«
»A war nich da! Vielleicht hat a's vergessen.«
»Vergessen?«
»Lotte, 's beste is, ich geh nich mehr runter. 's hat ja kein'n Zweck.
's kann mich auch jemand erwischen. Heute hat mich schon der Bader
gesehn. Der hat gesagt, die Leute reden über Dich und über a Raschdorf
Heinrich, und der wär' doch so gut wie verheirat't mit der Liese.«
»Was? -- -- Mit wem? -- -- Stenzeln! Ooh!«
»Was is denn, Lotte, was schreiste denn?«
»Ach, mein Fuß -- mein Fuß tut mir weh!«
»Der Fuß? Aber a liegt richtig! Na, 's beste wär' schon gewesen, Du
hätt'st a Heinrich nich getroffen. Das tut amal nischt Guttes. Na, und
da hat ja der Barbier recht, 'm Berger Mathias is es der Raschdorf
schuldig, denn dem verdankt a ja alles.«
»Ja! -- Ja, Stenzeln! -- Es ist genug! -- -- Ich will schlafen! Seid
jetzt ganz stille -- ich bin so sehr müde!«
[Illustration]
[Illustration: Kapitel 14]
Drüben im Buchenhofe hatte Heinrich Raschdorf die Stenzeln wohl
gesehen. Am Fenster hatte er gestanden, oben in seinem Zimmer. Als wenn
er das Fieber hatte, so hatte es ihn geschüttelt. Ein paarmal war er
nach der Tür gegangen, aber immer wieder umgekehrt; ein paarmal hatte
er die Hand am Fensterwirbel gehabt, aber doch nicht geöffnet.
Dann, als sie fort war, hatte er sich auf sein Sofa geworfen. Er war
tief unglücklich. Eine schwere Verachtung gegen sich selber bäumte sich
in seinem Herzen auf. Er war kein Mann, kein Charakter, er hatte keinen
Willen. Warum ging er nicht? Warum fragte er nicht die Stenzeln? Warum
hielt er sein Versprechen nicht?
Warum? Er durfte nicht; es ging gegen sein Gewissen. Er mußte diese
Liebe ausrotten mit Stumpf und Stiel; er durfte ihr nicht die mindeste
Nahrung geben.
Denn es war unmöglich! Ganz unmöglich!
Die Heimat, die er noch gehabt hatte, würde er verlieren, die wenigen
Menschen, die treu und ehrlich zu ihm hielten, würde er sich
entfremden, und er würde auch ihnen die Heimat nehmen.
So mußte er sich opfern, sich und -- sie.
Sie? Nein, sie nicht! Sie wußte nichts von Liebe. Wenn ihr Fuß geheilt
war, war sie wieder ganz gesund.
Aber unglücklich war sie auch, das hatte sie gesagt.
Der junge Buchenbauer verbrachte eine Nacht voller Kämpfe.
Er wollte sich rasch und stark durchringen zur Gerechtigkeit und zum
Frieden. Der junge, weiche Mann! Er wußte nicht, was solche Kämpfe
bedeuten, die Kämpfe, die alle Menschen mit klugem Kopf oder mit
weichem Herzen zu bestehen haben, und bei denen der Sieg gar nicht
kommt oder oft spät, wenn schon viele Wunden geschlagen sind.
Zum Frühstück brachte ihm die Liese den Kaffee. Sie war ein wenig
blässer als sonst, aber ihr Gesicht war freundlich wie immer.
Ehe sie hinausging, sagte sie:
»Wie ich vorhin aus der Kirche kam, hab' ich die Stenzeln getroffen.
Sie läßt sagen, gestern wär' es sehr gut mit der Lotte gegangen, aber
in der Nacht hätte sie Fieber gehabt.«
Der Buchenbauer wurde rot.
»Ja -- ja -- ich danke, Liese -- es ist mir ja ganz lieb, daß ich --
daß ich etwas höre!«
»Ja, und dann läßt die Stenzeln noch sagen, sie will nicht mehr
herunterkommen abends um neun, weil Du gestern nicht gekommen wärst,
und weil es Aufsehen machen könnte.«
Heinrich starrte das Mädchen an und war nicht fähig, ein Wort zu
sprechen.
»Willst Du noch mehr Brot haben, Heinrich?«
»Liese!«
Er sprang auf und ergriff ihre Hand. Das Mädchen erschrak und wich
zurück.
»Liese! Du bist so engelsgut, und ich bin ein unglücklicher, schlechter
Mensch!«
»Was ist mit Dir, Heinrich? Du bist doch nicht schlecht! Was hast Du?«
Er ließ ihre Hand frei.
»Ich weiß, ich bin undankbar, sprich nicht, ich weiß; Ihr tut mir alle
Gutes, und ich --«
»Du tust uns allen auch Gutes, Heinrich!«
Sie war sehr rot und sehr verwirrt und ging schnell hinaus.
Er sah ihr nach. In diesem Augenblick wohnte ein hohes Gefühl für sie
in seiner Brust. Er wäre imstande gewesen, alles für sie zu opfern, was
er besaß. Maßlose Dankbarkeit erfüllte ihn, auch tiefes Mitleid.
Sie brachte ihm Nachricht von der anderen. Wie uneigennützig war dieses
Wesen! Er dachte nur an sich, immer an sich.
Es mußte anders werden. Freundlich wollte er sein zu allen, er wollte
sich selbst überwinden.
Was nur die Lene sagen würde, wenn sie erführe, daß er die Stenzeln
bestellt habe? -- Sie sagte nichts, als sie ihn traf. Die Liese hatte
nichts verraten. Und da war er wieder dem blassen Mädel dankbar.
* * * * *
Mathias Berger ging einsam aufs Feld hinaus. Sehr langsam ging er. Es
war, als ob etwas in ihm erstorben wäre. Eine alte, längstvergangene
Zeit fiel ihm ein, da er als junger Bergmann tief unter der Erde war
und mit tausend Qualen an seine verlorene Liebe dachte.
Ganz ähnlich war ihm jetzt wieder zumute. Im Grunde genommen ist
verlorene Liebe ja doch immer verlorener Glaube.
Wo war für ihn noch eine Aussicht?
Doch nicht an sich dachte er nur. Heute oder morgen konnte er sein
müdes Haupt zur Ruhe legen. Aber das Leben der anderen war lang ...
Ein Mann sprach ihn an -- der Barbier.
»Mathias,« sagte er scheinheilig, »ich weiß nich, ob Du mit mir reden
magst. Getan hab' ich Dir ja eigentlich nischt, na, aber Du weißt ja --«
»Was willst Du von mir?«
»Mathias, es läßt sich eigentlich schwer sagen. Sieh mal, Du weißt ja,
daß ich damals zum Schräger gehalten hab' --«
»Ja, das weiß ich!«
»Natürlich haste mir das übelgenommen. Aber ich hab' halt wirklich
gedacht, der Schräger is ganz und gar unschuldig, und es tät ihm
unrecht geschehn.«
Er machte eine Pause und sah lauernd auf seinen Begleiter. Aber der
sagte kein Wort.
»Ja, aber jetzt --«
Mathias konnte doch nicht verhindern, daß er aufsah.
Der Barbier mäßigte seine Stimme.
»Behaupten will ich ja nichts, man muß ja sehr vorsichtig sein, aber es
bleibt ja wohl unter uns.«
»Barbier, 's beste is, Du behältst Deine Geheimnisse für Dich. Ich will
sie nich wissen.«
Die schroffe Abweisung verschlug dem andern nichts.
»Geheimnisse sind's ja eigentlich nich. Aber das möcht' ich im
Vertrauen sagen: ich halt auf a Schräger nich mehr so große Stücke; ich
glaub' nich mehr alles. Na, glauben kann man ja, was man will -- was?«
Dem schlichten, ehrlichen Manne waren die versteckten Andeutungen
zuwider.
»Sag' nur, was Du von mir willst; was Du mit 'm Schräger hast, is mir
egal.«
»Na ja, ich hab' nischt mit ihm. Aber das will ich Dir sagen, der
Schräger spekuliert wieder, daß die Höfe zusammenkommen sollen --«
»Was? Wieso?«
Der Barbier war froh, nun endlich doch das Interesse seines Begleiters
geweckt zu haben. Deswegen sagte er eifrig: »Na, Mathias, mir is immer
gewesen, als hätt' ich was mit Dir wieder gutt zu machen. Früher haste
gesagt, der Schräger will die beiden Höfe haben; da biste bestraft
worden, und die Leute haben sich gefreut, na, und ich: gefreut hab' ich
mich ja nicht, aber ich hab' doch gedacht, der Schräger hätte recht --«
»Wozu die alten Geschichten?«
»Na, ich will Dir's sagen: Gestern hat der Schräger im öffentlichen
Gasthause gesagt, daß a die Höfe zusammenbringen will.«
Berger blieb stehen.
»Wie kann a das sagen? Der Buchenhof ist in fester Hand.«
Der Barbier lachte vertraulich.
»Das sag' ich eben auch. Der Buchenhof ist in festen Händen, in guten
Händen, und wie lange wird's dauern, da heirat't der Raschdorf Heinrich
Deine Tochter und da --«
»Barbier, das verbitt' ich mir! Das geht keinen Menschen was an! Das
will ich nich hören! Verstehst Du?«
Dem alten Manne zitterte die Stimme. Der andere blieb geschmeidig.
»Ja, nimm's nur nich übel, angehen tut's mich ja nischt, das is wahr,
und ich red' ja kein Wert darüber, wahrhaftig nich 'n Wort, aber 's is
ja selbstverständlich --«
»Was selbstverständlich? Wer sagt das? Wer kann das sagen?«
»Nu ja, die Leute sagen's, Du hast so viel für a Heinrich getan, und 's
is vernünftig.«
»Die Leute! Die Leute geht nischt von uns an -- nischt! Jetzt sag'
mir endlich, was das alles zu bedeuten hat, und was Du eigentlich
bezweckst?«
»Na, also sag' ich's halt gerade raus: Der Schräger hat sich gestern im
offnen Lokale gerühmt, daß der Heinrich um seine Lotte geht.«
Berger schrak doch ein wenig zusammen.
»Gerühmt? Wieso gerühmt? Das würd' doch der Schräger gar nich zugeben!«
»Zugeben? Na, täusch' Dich nich, Mathias! Wenn der Schräger Geld
spürt, da is a zu allem fähig. Und a hat's ja öffentlich gesagt.
A hat gesagt, dem Lumpenmannmädel würd' a den Goldfisch schon noch
wegschnappen.«
Berger verlor die Fassung.
»Barbier -- das -- das -- meine Tochter will den Heinrich gar nich --
verstehst Du -- mag ihn gar nich -- sag' das den Leuten! Und jetzt geh'
Deiner Wege! Wie kommst Du überhaupt dazu, Deinen Freund bei mir zu
verraten? Ich will nischt mehr wissen -- nischt!«
Er bog in einen Seitenweg ein, und der Barbier sah ihm nach.
»Der hat sein'n Hieb weg,« dachte er, »der wird jetzt schnell zulangen.
Wär' der Geier, wenn wir den Raschdorf nich wegkriegten. Der könnte
mir gerade passen im Kretscham. Und dann -- die fünfzig Taler vom
Riedel-Bauer!«
* * * * *
Die Straße entlang zogen singende, junge Männer. Sie waren in der Stadt
zur Aushebung gewesen. Das ist ein Wendepunkt in dem Leben dieser
Leute. Zum Militär kommen oder nicht, das bedeutet viel.
Da taten diese Leute, was unser guter, deutscher Stammesgenosse immer
tut, wenn ihm etwas Außergewöhnliches passiert -- sie tranken. Ob aus
Schmerz oder Freude, das bleibt sich für den Durst gleich. Es wird
getrunken, und je wichtiger das Ereignis ist, desto mehr wird getrunken.
Das ist nun schon ein schnurriger Kerl, der Herr Alkohol. Er ist
überall auf der Welt ein bißchen zu Hause, betrügt im schönen
Türkenlande den Mohammed und ist die einzige Person in der
Grönländerhütte, für die etwas Erkleckliches ausgegeben wird; er
schwimmt auf allen Meeren, kraxelt auf alle Berge und marschiert auf
allen Straßen.
Gar im lieben Deutschland hat er Ehrenbürgerrechte, denn er zahlt
die meiste Steuer, ist populär beim Volke und ~persona gratissima~
bei Edeln und Fürsten. Da macht er sich breit bei Kindtaufen und
Leichenschmaus, sitzt zwischen Bräutigam und Braut, wetzt dem einen das
Rowdymesser und fungiert bei zwei anderen, die Brüderschaft trinken,
als gemütlicher Ehrenzeuge.
Und den jungen Rekruten, die der König warb, kommandiert er auf dem
Heimwege noch lange, ehe sie vereidet und eingekleidet sind, wie ein
recht launiger Unteroffizier, bald »Rechts schwenkt«, bald »Links
schwenkt«, bald »Beine hebt«, bald »Arme streckt« und manchmal auch
»Knie beugt« oder »Legt Euch nieder«. --
Einer ging abseits -- Hannes. Er hatte sich nicht betrunken und auch
keine bunten Papierbänder an den Hut geheftet wie die anderen. Und doch
hätte er nach landesüblichem Begriff das Recht dazu gehabt, denn er war
»ausgezeichnet« worden.
Mit sehr gemischten Gefühlen schritt Hannes seines Weges. Daß er
fortkam in die Stadt, fort aus der Einsamkeit, und eine bunte Uniform
mit glänzenden Knöpfen tragen sollte, freute ihn. Eine Fülle von
Vorstellungen, Plänen und Hoffnungen schwirrte durch seinen Kopf. Und
doch war auch eine große Bangigkeit in ihm.
Da traf er die Lene, die den Leuten das Vesperbrot aufs Feld getragen
hatte. Er erzählte ihr, daß er nun »ausgehoben« sei und zum Herbst
fortkäme.
Das Mädchen wurde um einen leichten Schein blasser, als sie das hörte.
»Da freuste Dich wohl, daß Du endlich amal fortkommst?«
»Och ja! Ich freu' mich schon, Lene! 's soll ja sehr hübsch sein bei a
Soldaten!«
Sie antwortete nicht und schritt schnell weiter.