»Und der Mathias hat immer drauf gehofft.«
Er sah sie erstaunt an. Eine grelle, wehe Erkenntnis kam ihm. »O Lene,
das -- das hätt' ich nicht gedacht!«
Schwer setzte er sich wieder auf den Stuhl.
Sie legte den Arm auf seine Schulter.
»Du mußt nicht denken, Heinrich, daß der Mathias alles bloß deswegen
gemacht hat. Das wär' schlecht, so was von ihm zu denken. Aber ich
weiß, daß a drauf gehofft hat. Und nu -- Heinrich, es hat mir das Herz
umgedreht, wie a heute rumgegangen is, so weiß im Gesichte, und a
wollt' nichts zeigen, und a wollt' immer mit der Liese lustig sein --
das war zum Erbarmen --«
Er starrte sie an, schüttelte sich und schloß die Augen.
»Lene, das -- das könnt Ihr nicht von mir verlangen.«
Sie sah wehmütig vor sich hin.
»Das verlangen wir ja nicht, aber das andere, Heinrich, das darfste uns
nich antun.«
Es entstand eine lange Pause.
Draußen sang immer noch der kleine Vogel sein süßes Lied. Und über der
Straße schimmerte das warme Licht.
Das Mädchen war verändert. Mit scheuer Zärtlichkeit ergriff sie die
Hand des Bruders.
»Heinrich, fällt Dir's so schwer?«
Er antwortete heiser:
»Ich weiß es erst jetzt -- jetzt, da ich sie nicht haben darf, wie lieb
ich sie hab', wie unsinnig lieb!«
Und nach einer Weile schluchzte er auf:
»Lene, wir haben ein schreckliches Leben!«
Ihr Gesicht verzog sich.
»Ich weiß ja, ich bin häßlich zu Dir und zu allen Leuten, ich ärgere
Euch alle -- alle, aber ich kann nicht dafür.«
Er antwortete nicht.
»Aber ich mein's auch gut, bloß ich kann's nicht so zeigen, ich bin ein
so schrecklich grobes, dummes Ding. Und mich kann niemand leiden!«
Sie fing wieder leidenschaftlich an zu weinen. Trotz seines eigenen
Leides fühlte er, daß auch die Schwester einsam und glücklos sei.
»Lene,« sagte er, »wir wollen versuchen, daß wir uns jetzt besser
vertragen. Ich weiß schon, was ich Euch schuldig bin. Ich werd' mir
Mühe geben, Lene, in jeder Weise Mühe geben!«
* * * * *
Und drüben über der Straße?
Die alte Stenzeln war eingeschlafen bei der Krankenwache. Jetzt
schreckte sie empor.
»Ach Gott, ich bin wohl -- ich bin wohl eingeschlafen? Fehlt was,
Lotte?«
Das schöne Mädchen schüttelte den Kopf.
»Ich bin ganz zufrieden.«
Auch sie hörte den kleinen Vogel, der draußen sang. Und auch sie dachte
daran, wie sie mit Heinrich durch den Wald gefahren war. Wie sie da
beide so still und glückselig waren. Die Maiglöckchen, die er ihr
gepflückt, standen in einer kleinen Vase am Bette. Sie waren ihr teuer.
Und sie freute sich, daß sie bei dem Sturze vom Wagen nur ihre goldene
Brosche verloren hatte, nicht diese drei Blumenstengel.
»Wie kam es denn, Stenzeln, daß Herr Raschdorf nach dem Arzte gefahren
ist und nicht jemand von uns?«
»I du meine Güte, das hätt' lange gedauert! Na, Du weißt ja, Lotte!
Aber der junge Herr drüben is gefahren wie a Toller.«
Lotte lächelte.
»Weiß er schon, daß ich den Fuß gebrochen habe?«
»Freilich, freilich! A hat ja unten im Hause gewartet, bis ich ihm
alles gesagt hab'. Na, und a läßt Dich schön grüßen, und es tät ihm
schrecklich leid!«
Lotte lächelte wieder.
»Ja, Stenzeln, das glaub' ich, daß es ihm leid tut; er ist ein sehr
guter Mensch.«
Die Stenzeln nickte und dröselte ein Weilchen für sich hin. Dann
hustete sie und sagte: »Na, eigentlich soll ich's ja nich sagen, aber
Du wirst ja nischt verraten -- da sieh mal!«
Sie zeigte ein Fünfmarkstück und mäßigte ihre Stimme zu einem Flüstern:
»Das hat a mir geschenkt, der junge Raschdorf, und ich soll Dich nur
gut pflegen, hat a gesagt --«
Eine tiefe Röte zog über das Gesicht der Kranken, und ein glückliches
Leuchten brach aus ihren Augen.
»Ja, und jeden Abend um neune will a mich unten an der Haustür fragen
kommen, wie's Dir geht.«
»Hat er das gesagt?«
»Freilich hat a! A hat 'ne schreckliche Bangigkeet um Dich.«
Die Stenzeln seufzte.
»Schade is! Schade, daß a nu grade der Raschdorf is. Sonst is a
wirklich a sehr schmucker Mensch.«
Lotte antwortete nicht; nur die Hand irrte auf dem Deckbett hin und
her, und auf ihren Wangen brannte die Röte.
»Ja, und gewundert hab' ich mich, daß Dein Vater weiter nischt gesagt
hat. Na, aber bei dem kommt's vielleichte noch. O, das wird a Aufsehen
sein im Dorfe! Da werden sie ja wieder was zusammenquatschen. Is doch
aber nischt dabei. Denn an was anderes is ja hier gar nich zu denken.«
Lotte lag ganz still. Ihre Augen wurden ernst und traurig.
»An etwas anderes ist ja hier gar nicht zu denken!«
Eine heiße, qualvolle Unruhe kam, die mehr weh tat als die Schmerzen
des kranken Fußes.
Das junge Mädchen starrte vor sich hin. Da -- mitten durch ihr
Herzeleid schimmerte es immer wieder duftig und silbern --
Ein paar Blumen! Ein glänzendes Geldstück!
[Illustration]
[Illustration: Kapitel 13]
Droben im Walde stand ein uraltes, verwittertes Heiligenbild. Es wußte
niemand, wer es da hingestellt, wußte niemand mehr, ob es aus Freud'
oder Leid geschehen, ob es ein Dank sein sollte oder eine Bitte, ob
eine fromme Seele es errichtet habe oder einer, dem eine Schuld im
Herzen schrie.
Es stand da die Jahrhunderte hindurch. Und der Frühling stellte seine
Blüten rund umher; die Sommersonne vergoldete den grauen Stein; an
seinem Fuße legten sich die Käfer schlafen zur Herbsteszeit ins grüne
Moos, und wenn die Weihnachtsglocken aus dem Tale klangen, flimmerten
Eis und Schnee um das alte Bild, wie auf dem Altar in der Kirche weiße
Decken und glänzende Steine. Manchmal zog ein einsamer Wanderer die
Mütze ab vor dem alten Bilde. Das ist kein Götzendienst, wenn ein
Mensch das Haupt entblößt an so ehrwürdigem Orte, wo so viel Leid und
Lust ausgerungen wurden, so viel Friede und Andacht, aber auch so viel
Kampf und Reue zu Hause waren seit langen Jahren.
An diesem Heiligenbilde kniete Liese Berger. Der Abend war nicht weit.
Da lag ein roter, verklärender Schein über ihr und dem grauen Stein.
Von fern sangen ein paar Vögel. Sonst war alles still. Und der Wald
blühte über ihr.
Ein langes, stummes Gebet lag in den Augen des Mädchens, ein Gebet voll
Qualen. Aber wie sie auf das Bild hinschaute, wurden ihre Augen stiller.
»Wenn es eine Sünde war, verzeih' es mir, heilige Mutter Gottes!«
Das Bild gab keine Antwort; aber in die Augen der Betenden kam
Friede. --
Es stand einer von fern. Er war der Liese heimlich nachgegangen.
Mathias, ihr Vater.
Er störte sie nicht -- o nein! Er wußte, was sie betete. Er wußte, daß
es ein Totengebet war für seine und ihre liebste Lebenshoffnung.
Jetzt erhob sie sich und sah ihn. Ein wenig erschrak sie, aber er ging
auf sie zu und nahm sie in seine Arme.
»Liese!«
Kein Wort redeten sie. Sie standen ganz still. Ein Vogel, der auf dem
Aste saß, hielt inne in seinem Liede, neigte das Köpflein zur Seite
und schaute die beiden verwundert an. Und als sie endlich fortgingen,
flog er hinüber zum Heiligenbild, wo sein Weiblein im Neste saß, und
erzählte ihr, daß es Menschen gäbe, die ganz still stehen und nicht
reden. Das Weiblein zwinkerte ihn verständnisvoll an und wies mit dem
Schnabel hinab auf das zerdrückte Gras vor dem Bilde.