Und nun hatte der Bader wieder alle für sich. --

Draußen vor der Haustür traf Heinrich Lotte Schräger.

Er blieb betroffen stehen.

Auch sie sagte kein Wort.

Aber dann sahen sie sich scheu an wie zwei Menschen, die sich gekannt

haben vor langer Zeit und sich wiedertreffen und nun nicht wissen, ob

sie Freunde sind oder Feinde.

»Guten Abend!« sagte Heinrich und zog den Hut. Damit wollte er gehen.

Aber er besann sich.

»Fräulein Lotte,« sagte er leise und hastig, »ich -- ich hab' Ihnen

immer noch was zu sagen.«

Er brach ab. Er wartete wohl auf ein Wort von ihr, aber sie sagte

nichts. Da begann er wieder:

»Sie sind einmal sehr freundlich zu mir gewesen -- Sie wissen wohl --

damals, als wir noch Kinder waren -- es ist ja jetzt an die acht Jahre

her -- aber ich wollte Ihnen bloß sagen, den Strauß hab' ich nicht auf

die Straße geworfen -- ich nicht! Sie sind mir gewiß recht böse gewesen

die lange Zeit.«

Sie sah ihn errötend an, schüttelte den Kopf und ging rasch ins Haus.

Langsam schritt Heinrich über die Straße. Beim Hoftor blieb er stehen

und holte tief Atem. Nach dem Buchenkretscham schaute er, hinter dessen

erhellten Fenstern ein wüster Lärm war. Es war ihm doch sehr wohl.

Daß er ihr das hatte sagen können, das machte ihn froh. Es hatte ihn

bedrückt all die Jahre.

Sie war ein herrlich schönes Mädchen geworden. Das hatte er erst heute

so recht gesehen. So reif und so schön!

Warum klopfte ihm das Herz so laut?

Er sah immer hinüber nach der Stelle, wo er mit ihr gestanden hatte.

Sie hatte kein Wort gesagt, sie hatte ihn nur angesehen.

In einer Giebelstube des Buchenkretschams wurde es hell. Heinrich

schaute hinauf.

Jetzt kam eine Gestalt ans Fenster.

Das war Lotte!

Sie lehnte sich an die Scheiben und schaute hinüber nach dem Buchenhofe.

O, wie ihm das Herz schlug! Er betrachtete ihr dunkles Schattenbild und

vermochte sich nicht zu rühren.

Da sah sie ihn unten im Mondlicht stehen.

Erschreckt legte sie eine Hand auf die Stirn. Bald darauf ging sie vom

Fenster hinweg, und das Licht erlosch.

Eine Minute lang stand Heinrich noch still, dann ging er.

Im Hausflur auf der Treppe saß seine Schwester Lene. Sie hatte den Kopf

auf beide Hände gestützt. Neben ihr stand Mathias, der in der Stadt

gewesen und eben heimgekommen war.

»Du warst im Kretscham, Heinrich?«

»Ja, ich habe die Steuer hinübergetragen!«

Mathias sah ihn milde an.

»Es ist schon recht, Heinrich, Du kannst ja tun, was Du willst.«

»Aber ich -- ich lauf' fort!« rief Lene.

Sie sprang auf.

»Geh in die Stube, Heinrich! Die Lene laß mir! Fortlaufen darf sie ja

nich. Sie gehört ja ebensogut hierher wie Du!«

Heinrich ging nach der Stube. Liese Berger brachte ihm das Abendessen.

Freundlich sah sie ihn an.

»Ist es gut gegangen?« fragte sie.

»Ja, Liese, ganz gut.«

Das blasse Mädchen nickte freudig.

»Und die Lene wird schon dableiben, wir reden ihr ja alle gut zu.«

Sie bediente ihn mit ihrer großen Freundlichkeit und ihrem stillen

Eifer. Sie reichte ihm alles zu und fragte, ob es ihm auch schmecke.

Er mußte sich zwingen zum Essen. Und er wünschte fast, die freundliche

Liese sei nicht bei ihm. Ihre Freundlichkeit tat ihm heute weh!

Sie sah ihn besorgt an.

»Du mußt Dich nicht so ärgern, Heinrich. Es wird ja alles wieder gut.

Du mußt essen, Heinrich!«

Bald darauf ging er nach seinem Zimmer. Er mußte allein sein. Um alles

in der Welt wollte er jetzt mit niemand sprechen, auch mit der Lene

nicht. Er dachte kaum an sie.

Er wollte nachdenken, aber er vermochte nicht auf seinem Stuhle

stillzusitzen. Angekleidet warf er sich aufs Bett und blinzelte in das

Lampenlicht.

Ja, es war so. Er war froh, daß er in den Kretscham gegangen war. Er

war froh, auch wenn es allen anderen nicht paßte.

Er war mutig gewesen. Und dieses schöne Bewußtsein trieb ihm, wie allen

weichherzigen Leuten, die es nicht gewöhnt sind, das Blut in den Kopf.

Wie ein Rausch war's. Denn das ist ja wahr, daß Mut trunken macht,

einen früher, einen später, je nachdem, wieviel er verträgt.

Sie hatten geschwiegen; nur zwei hatten über ihn gelacht, die zwei

kläglichsten. Die anderen nicht. Und einer hatte ihn sogar zu einem

Trunke eingeladen. Der gute alte Mann! Es war schade, daß er es

ausschlagen mußte, aber sich da hinsetzen, unter diese Leute, das wär'

ja unmöglich gewesen.

Ob's der Hirsel übel genommen hatte? Vielleicht! Wahrscheinlich sogar!

Heinrich sprang auf, setzte sich an den Tisch und schrieb an Hirsel

einen langen Entschuldigungsbrief.

Ein Gefühl der Liebe für den alten Mann flutete durch das Herz des

Jünglings. Wenn er jetzt einmal ins Dorf hinabsah, wußte er doch, daß

dort unten jemand war, der's gut mit ihm meinte.

Ach, er war so glücklich, daß er ein ganz kleines Stückchen Heimat

gewonnen hatte.

Als die Mitternacht vorbei war, hatte der junge Buchenbauer noch immer

keinen Schlaf gefunden. Er mußte jetzt doch an seine Leute denken.

Zum ersten Male hatte er sich in Widerspruch zu ihnen gestellt, zum

ersten Male war er aufgeregt und glücklich, während sie gewiß alle mit

bedrückten Herzen zur Ruhe gegangen waren.

Eine leise Reue kam, oder doch der Wunsch, sie recht bald alle wieder

zu versöhnen, auch die Lene.

Freilich hatten sie ja nichts verloren.

Nichts?

Die Lotte fiel ihm ein.

Was sie wohl sagen würden, wenn sie wüßten, daß er mit Lotte Schräger

gesprochen hatte? Eigentlich mußte er es ihnen erzählen. Das wäre

aufrichtig.

Aber er schämte sich und beschloß, die Begegnung für sich zu behalten.

Was war auch geschehen? Entschuldigt hatte er sich wegen einer

Ungezogenheit, wahrlich spät genug entschuldigt. Sonst nichts.

Und nun war er quitt mit Lotte Schräger.

[Illustration]

[Illustration: Kapitel 11]

So ist ein neuer Kampf in Heinrich Raschdorfs junges Leben getreten.

Und im alten Kampf um die Heimat rückten die Bundesgenossen einen

Schritt von ihm ab. Seine Schwester Lene weit! Sie sprach nicht mehr

mit Heinrich; sie ging immer mit finsterem, verschlossenem Gesichte

herum. Es kränkte ihren Stolz, daß sie gedroht und dann die Drohung

nicht ausgeführt hatte.

Sie war schwach gewesen und unterlegen.

Und es war nicht bloß der beleidigte Trotz, daß ihr Wille nicht

durchgegangen war; es lebte in diesem Mädchen auch das feine Empfinden,

daß in die starke Position der Buchenhofleute eine Bresche geschlagen

worden sei durch eigene Schuld.

Das wußte auch Mathias.

Einmal war er selbst es gewesen, der den Frieden gepredigt hatte,

damals, als die tote Frau noch auf der Bahre lag, als er die Kinder

übernahm und einen Weg für sie nach der Heimat suchte. Da erkannte sein

kluger Sinn allein im Frieden mit den Leuten das Heil.

Wie eine stolze, halbzerstörte Festung kam ihm der Buchenhof damals

vor, ein gar schwacher Platz, der nicht zu halten war, wenn ihn die

Gegner unten im Tal mit zäher Feindseligkeit belagerten und ihn

qualvoll aushungerten an Liebe und Freude.

Ein Tag mußte kommen, an dem sich die Burgleute ergaben auf Gnade und

Ungnade, um in die Verbannung zu ziehen.

Deshalb wollte sich Mathias vergleichen. Aber als er einen Weg hinüber

suchte, mit der weißen Fahne in der Hand, wurde er heimtückisch

angefallen, er und Heinrich, und auch nach der lieben Toten warfen sie

ihre schmutzigen Geschosse.

Da wußte Mathias nichts mehr von Frieden, da kam der Groll, der Trotz,

und er baute den Buchenhof neu, stark, unantastbar, wie er meinte.

So war es gut gegangen all die Jahre. Gut?

Hatten sie nicht alle quälenden Hunger gelitten nach Liebe, nach

Freundlichkeit, nach menschlicher Gemeinschaft?

Eine Festung ist keine Heimat. Heimat braucht offene Tore, breite,

freie Straßen, an denen keine Fangeisen liegen und an denen keine

Warnungstafeln stehen, sondern freundliche Wegweiser.

Jetzt also ging der junge Herr ins feindliche Lager. Er ging nicht,

Verrat zu üben, er ging nur, Vertrauen zu zeigen und nach und nach

Vertrauen zu gewinnen.

War er nicht zu loben?

Aber eine quälende Unruhe war in Mathias, der junge Herr vom Buchenhofe

werde da drüben verunglücken.

Der Unfriede war auf den Buchenhof gekommen aus winzigem Anlaß. Auch

der Schaffer war finster und sprach kein Wort. Er zürnte schwer mit

Lene, und es war anzunehmen, daß er den schlimmen Streich, den sie

seinem Sohne gespielt, nie mehr im Leben vergessen würde.

Hannes betrug sich ganz ungebärdig. Zunächst beschloß er, einen Tag

»blau« zu machen. Ferner nahm er sich vor, am anderen Tage in den

Buchenkretscham zu gehen und ein Säuferleben anzufangen, der Lene

zum Trotz. Da er sich aber schließlich schämte, das Lokal wieder zu

betreten, in dem er eine so wenig rühmliche Rolle gespielt hatte, ging

er nach dem Nachbarort, trank in einem Gasthause drei Glas Bier und kam

auch wirklich schwer betrunken nach Hause.

In der Nacht war er sehr krank, und sein stämmiger Vater betrachtete

mit besorgten Blicken den Sohn, von dem er annahm, daß er nun dicht am

Abgrunde des körperlichen und seelischen Verderbens stehe.

Am anderen Morgen glaubte Hannes selbst, seine allmähliche Auflösung

sei nahe. Die Krankheit in ihren wilden Erscheinungen war zwar vorüber,

dafür hatte sich aber ein Zustand eingestellt, der ihn befürchten ließ,

daß seine Kräfte sich langsam vollends abschwächen würden.

Um so freudiger überrascht war er, als er gegen Mittag Hunger bekam und

sich nach der Mahlzeit wieder recht leidlich fühlte. Also beschloß er,

sich langsam wieder ans Leben zu gewöhnen und auch das Arbeiten wieder

aufzunehmen.

Eine Woche lang schmollte er mit Lene, dann hielt er es nicht länger

aus und sagte zu dem Mädchen: »Lene, das is auf die Dauer zu tumm.

Reden wir lieber wieder!«

Die Lene lachte und sprach auch wieder mit dem Hannes, aber sie dachte

bei sich selbst: »Er ist kein rechter Mann. Das durfte er sich nicht

gefallen lassen. Er hätte mich müssen laufen lassen; so ist er ein

Trottel.«

Und der gute Hannes pfiff derweil vergnügt und hatte gar keine Ahnung,

daß er ein Trottel war. Er kannte das Leben nicht, er kannte das

Bier nicht, er kannte das Weib nicht. Er war ein harmloser, lustiger

Bursche, dem es sicher noch einmal sehr schlecht gehen mußte, ehe er

dieses gutmütige, dumme Pfeifen sein lassen würde.

* * * * *

Es war an einem sommerheißen Maitag, kaum eine Woche später. Heinrich

war nach der Stadt gefahren, um etliches zu besorgen. Nun war er auf

dem Heimwege. Ganz allein saß er auf der kleinen Droschke und ließ das

Pferd gemächlich seines Weges ziehen. Dabei konnte er ungestört seinen

Gedanken nachhängen.

Daran dachte er, daß der junge Riedel sich um die Lotte bewarb. Und

obwohl sich der Buchenbauer alle zwei Minuten sagte, daß ihn die Sache

nichts angehe, gab er sich doch immer wieder Mühe, mit hundert Gründen

und Einwendungen das Unsinnige einer solchen Verbindung zu beweisen.

Und er redete sich selber in großen Zorn.

So kam es, daß er heftig erschrak, als er plötzlich die Lotte kaum

dreihundert Schritte weit vor sich auf der Straße gehen sah. Sie war

offenbar auch in der Stadt gewesen. In der Hand trug sie ein kleines

Paket.

Dem Buchenbauer wackelten die Zügel in der Hand, und er wußte nicht, ob

dieses Zusammentreffen ein Glück oder ein großes Unglück sei.

Was sollte er tun? Was sollte er nur tun?

Sie auffordern, mitzufahren, sie und er ganz allein -- sie, die

Schräger Lotte, und er, ein Raschdorf? Seine Leute, was würden die

sagen? Das kam doch heraus, das ging doch nicht zu verheimlichen. Der

Mathias, die Lene -- alle -- was würden sie sagen?

Heinrich zupfte an der Leine, und das Pferd schlich langsam im

Tritt. Es war ein bequemes Rößlein, das seinerseits sich gegen ein

vorsichtiges, abwartendes Tempo nicht sträubte.

Aber trotzdem -- in wenigen Minuten mußte er sie eingeholt haben! Was

dann? Sollte er an ihr vorüberfahren? Sie laufen lassen in diesem

Staub und in dieser Hitze? Sie, die ihm einstmals den schweren Koffer

getragen hatte? Und ganz abgesehen davon -- vorüberfahren, unhöflich

sein, grob -- das ging nicht, das ging nicht!

Kurz entschlossen rückte sich Heinrich stramm auf und hieb auf das

Pferd ein. Und in kaum zwei Minuten war er an Lottes Seite.

»Guten Tag, Fräulein! Darf ich Sie auffordern, mit mir zu fahren?«

Sie schaute zu ihm auf. Ihr Gesicht glühte von der Anstrengung des

Laufens, und sie zitterte ein wenig, als sie sagte:

»Ich -- ich danke, Herr Raschdorf -- ich werde jetzt gleich den Feldweg

gehen. Es ist ja nur eine halbe Stunde nach Hause. Ich danke!«

»So schlagen Sie mir's ab?«

»Ich -- ich möchte Ihnen keine Ungelegenheiten bereiten, Herr

Raschdorf!«

»Ungelegenheiten? Wieso?«

»Ja! Sie wissen ja -- es ist um die Ihrigen -- es war mir so furchtbar

peinlich, als ich sah, daß Sie hinter mir --«

Da sprang er auf die Straße.

»Lotte, Sie müssen mit mir fahren, jawohl, Sie müssen! Sie kränken

mich, wenn Sie mir's abschlagen. Wir haben doch nichts gegeneinander --

nichts -- nichts -- rein gar nichts!«

Sie schaute ihn mit ihren großen, dunkelgrauen Augen eine Sekunde an.

»Nein, wir haben wohl nichts, aber es ist besser, ich danke, Herr

Raschdorf, ich bin ja in einer halben Stunde zu Hause.«

»Lotte!«

Er ergriff sie an der Hand.

»Lotte -- Fräulein Lotte, wissen Sie noch -- damals vor acht Jahren,

als ich heimkam, auf diesem selben Wege, als wir den Koffer miteinander

trugen, wissen Sie noch?«

»Ja, aber da waren wir Kinder -- jetzt -- es ist schon besser, wenn ich

zu Fuß gehe.«

Er ließ ihre Hand los. Tonlos sagte er:

»Ja, vielleicht ist's besser; vielleicht wär's eine Schande für Sie,

wenn Sie mit mir führen.«

»Heinrich Raschdorf!«

»Was sehen Sie mich so an? Es ist doch so! Von dem Raschdorf Heinrich

mag kein Mensch im Dorfe was, keine Gefälligkeit, keinen kleinen

Dienst, keine Freundlichkeit; der ist ja ausgestoßen.«

»Herr Raschdorf! Sagen Sie nicht so was! Ich fahre mit!«

»Lotte, das will ich Ihnen danken!«

Er half ihr auf den Wagen und stieg nach. Zitternd ergriff er die Zügel

wieder. Es war nur ein Sitz da. So saßen Sie dicht nebeneinander.

Minutenlang fuhren sie die Straße entlang, ohne daß eines ein Wort

gefunden hätte. Und die Maisonne lachte, und das Rößlein ging so wonnig

sachte.

So war dem jungen Buchenbauer noch niemals im Leben zu mute gewesen.

Das Herz war ihm übervoll, und doch fand er kein armseliges Wörtlein.

Endlich raffte er sich auf:

»Sie müssen mir noch sagen, Fräulein Lotte, ob Sie mir wegen des

Straußes böse gewesen sind!«

»Ach, ich habe mich damals wohl sehr geärgert. Aber ich weiß ja jetzt,

daß Sie ihn nicht weggeworfen haben!«

»Nein, wirklich nicht, ich wollte, ich besäße ihn noch jetzt.«

»Den armseligen Kinderstrauß?«

»Ja, denn damals war doch noch eine bessere Zeit. Da war ich noch nicht

gar so einsam.«

»Fühlen Sie sich einsam?« fragte sie leise.

»O, Lotte, Sie wissen gar nicht, Sie können gar nicht glauben, was das

heißt: so leben wie ich.«

»Sie haben eine Schwester und gute Freunde.«

»Ja, das weiß ich, das schätze ich auch, aber das langt nicht, das

langt nicht auf so viele lange Jahre. Ein bißchen Vertrauen, ein

bißchen Freundlichkeit von den Leuten, sehen Sie, das fehlt mir.«

Sie schwieg.

Er sah sie schmerzlich an. Dann sprach er leidenschaftlich:

»Und doch schwör' ich Ihnen, Lotte: Ich war unschuldig an dem Unglück,

und mein toter Vater auch!«

Sie war tief erschüttert. Leise sprach sie:

»Das weiß ich, das hab' ich auch immer geglaubt.«

»Lotte, das ist gut von Ihnen!«

Er preßte ihre Hand. Ein Weilchen hielt er sie so fest, dann erschrak

er und gab sie frei.

Einige Minuten fuhren sie wieder schweigend dahin, dann sagte Lotte

leise:

»Und wie denken Sie, daß mir's geht?«

Er suchte nach einer Antwort. Der trunksüchtige Vater fiel ihm ein, der

idiotische Bruder, und ihre ganze trostlose Verlassenheit kam ihm zum

Bewußtsein.

»Ja, ich weiß wohl, ich ahne es, es tut mir leid, Lotte, aber die Leute

im Dorfe, die achten und ehren Sie doch.«

»Die Leute im Dorfe! Wenn ich eine rechte Heimat hätte, brauchte ich

keine Leute aus dem Dorfe. Ich will sie nicht.«

Der Widerspruch zwischen ihr und ihm selbst fiel ihm auf.

»Lotte, ich glaube, wir sind beide nicht glücklich. Wir haben beide ein

Haus, in dem wir wohnen, und haben doch beide keine Heimat.«

Sie sah zu ihm auf. Ähnliche Gedanken hatte sie schon oft gehabt; nur

diese klare Form hatte sie ihnen nicht geben können.

»Ja,« sagte sie, »Sie haben recht!«

Dann sprachen sie von der Kinderzeit, von jenen goldenen Tagen, als sie

noch glücklich waren, als sie beide noch eine Heimat hatten.

Darüber vergaßen sie ihren Kummer, und manchmal schauten sie

sich heimlich und schnell in die Augen -- so, wie man ein altes,

heimgekehrtes Glück herzklopfend betrachtet. Und sie waren beide rot

im Gesicht, und tief in den Augen strahlte es wie eine ganz leise

Erlösungshoffnung.

Die Straße führte durch den Wald. Da schwiegen sie wieder.

Über den Schattenweg huschten einzelne goldene Lichter, und fern sang

ein Brünnlein durch die Mittagsstille.

Ganz langsam fuhr das Gefährt die weiche Straße entlang, und die beiden

jungen Menschenkinder schauten hinab nach dem blühenden Wegrande. Dort,

wo die Maiglöckchen blühten, hielt er an, sprang hinab, pflückte drei

Stengel und reichte sie ihr.

»Wir haben keine Feindschaft, Lotte!« sagte er bewegt.

»Nein -- nein, Heinrich!«

Und dann wieder weiter, den grünen Frühlingswald entlang, der still in

blühender Freundlichkeit die beiden anschaute aus märchentiefen Augen.

Zwei bunte, seltsame Schmetterlinge gaukelten vor ihnen her; denen

schauten sie nach mit träumenden Augen, und ihre Hände lagen dicht

beieinander und berührten sich leise.

Da war ihnen wohl. Sie waren zu Hause. Auf diesem kleinen Wagen war die

Heimat.

Als sie aber hinaus ins Lichte kamen und die Buchenhöfe sahen,

fröstelten sie vor dem grellen, heißen Sonnenlicht. Da wußten sie, daß

sie dort beide wieder in der Fremde sein würden.

Er faßte wieder ihre Hand.

»Lotte, wenn wir uns manchmal -- nur manchmal sprechen könnten, das

wär' ein Glück!«

»Es ist ja nicht möglich!«

»Es muß möglich sein, Lotte! Wir wollen Freunde sein!«

* * * * *

»Hallo! Hallo! Hallo!«

Der Idiot sprang aus dem Walde. Er hatte eine riesige Tüte in der Hand,

ganz gefüllt mit Maikäfern.

Die beiden erschraken, und auch der Idiot blieb erstaunt stehen. Er

sperrte den Mund auf.

»Und -- und -- und einen Hund,« grunzte er überrascht, das einzige, was

ihm immer einfiel, wenn er jemanden vom Buchenhofe sah.

»Mein Bruder! O Gott, mein Bruder!«

Auch Heinrich war peinlich überrascht.

»Die Lotte und der -- und der -- und einen Hund, einen großen Hund!«

krähte der Idiot.

»Lassen Sie mich absteigen, Herr Raschdorf -- ich muß mit ihm reden.«

Heinrich Raschdorf hielt an. »Bleiben Sie, Lotte! -- Gustav, Gustav,

komm einmal her!«

»Schön tumm! Du schmeißt mich ins Feuer. Du sperrst mich ein. Und einen

gro--o--ßen Hund!«

»Ich will hinab, Herr Raschdorf -- ich muß zu ihm, adieu -- Sie wissen

nicht --«

»Wann sehen wir uns, Lotte?«

»Ich weiß nicht! Lassen Sie meine Hand los, ich will absteigen.«

Der Idiot war inzwischen tückisch herangeschlichen und schleuderte

urplötzlich dem Pferde die Tüte mit den Maikäfern an den Kopf. Das

Pferd fuhr auf, rückte an und raste davon, während Lotte, die im

Absteigen begriffen war, mit einem Aufschrei auf die Straße stürzte.

Mit verzweifelter Kraft brachte Heinrich das zitternde Tier zum Stehen

und lief den Weg zurück.

Da lag Lotte Schräger auf der Straße. Das Hinterrad war ihr über den

linken Fuß gegangen.

»Lotte, um Gottes willen, was ist geschehen?«

»Mein Fuß -- mein Fuß -- überfahren -- ach, mir wird schwindelig --«

»Lotte, geliebte Lotte!«

Er tastete nach ihrem Fuße; aus dem niederen Schuh quoll das Blut. Da

raffte er das Mädchen auf und trug es nach dem Wagen.

Der Idiot stand mit entsetztem Gesichte da und schrie:

»Es blutet! Es blutet!«

Und er verkroch sich im Walde.

Vorsichtig hob Heinrich die Verwundete auf den Wagen. Ein Frösteln ging

durch seine Seele.

An derselben Stelle hatte vor Jahren Mathias Berger seinen sterbenden

Vater auf seinen kleinen Schlitten geladen. Und nun ging es wie damals

behutsam die Anhöhe hinab den Buchenhöfen zu.

»Heinrich!«

Sie klammerte sich fest an ihn.

»Lotte, Lotte! Geliebte Lotte!«

Sie war ohnmächtig.

Er bettete sie an seine Brust und schlang den rechten Arm um sie. Mit

der linken Hand hielt er die Zügel.

So bleich und so schön war sie, und sie atmete schwer, aber doch nicht

schwerer als der junge Buchenbauer. Er betrachtete immer ihr süßes,

bleiches Gesicht. Und einmal bückte er sich hastig scheu über sie und

küßte sie auf den Mund. Ein Seligkeitsschauer glühte ihm durch den

Körper. --

Als sie in die Nähe des Buchenhofes kamen, gingen zwei durch den Garten

-- Mathias und Liese.

Sie hielten Ausschau. Und nun gewahrten sie ihn. Die Hände legten sie

über die Augen, um besser sehen zu können. So standen sie regungslos

wie Bildsäulen.

Aber plötzlich kam Leben in die beiden Leute. Sie sprachen erregt

miteinander, zeigten nach ihm, und auf einmal wandte sich die Liese um

und lief ins Haus.

Mathias Berger aber ging langsam nach dem nächsten Baume und lehnte

sich an.

Heinrich hatte das alles wohl gesehen, aber es war ihm so, als ob es

ihn nichts anginge. Er nickte nur grüßend und fuhr vorbei, hinüber zum

Kretscham.

Zwei Mägde und die alte Wirtschafterin sahen durchs Küchenfenster und

kamen schreiend herausgelaufen. Heinrich unterrichtete sie kurz und

übergab ihnen Lotte. Dann fragte er nach Schräger.

Der saß in der Gaststube und schlief. Er hatte sich am Vormittag schon

wieder betrunken.

Heinrich rüttelte den Schlafenden. Der öffnete die Augen, sah den

jungen Raschdorf und grunzte auf.

»Erschrecken Sie nicht, Herr Schräger, es ist ein Unglück passiert.

Fräulein Lotte ist ein Stück mit mir gefahren, und als sie absteigen

wollte, hat der Gustav das Pferd scheu gemacht. Da ist sie gefallen,

und der Fuß ist ihr überfahren worden.«

Schräger starrte ihn verständnislos an.

»Herr Schräger, es muß augenblicklich jemand nach dem Arzt fahren!«

»Nach -- nach dem -- dem Arzte fahren?«

Heinrich sah, daß der Mann betrunken war.

»Ja, es ist keine Zeit zu verlieren! Hören Sie, Herr Schräger, ich

werde selbst den Arzt holen. Hören Sie?«

»Ja -- ja -- den -- Doktor --«

Heinrich war schon draußen. Der Wirtschafterin schärfte er ein, den

Schuh und den Strumpf vorsichtig abzuziehen und den Fuß immerfort mit

kaltem Wasser zu kühlen. Er fahre nach dem Arzt.

Dann sprang er auf die Droschke und fuhr nach dem Buchenhof. Auf den

Stufen vor der Haustür standen Hannes und Lene. Mathias und Liese waren

nicht zu sehen.

»Hannes, schnell die beiden Rappen einspannen! Ich fahr' nach dem Arzt.

Fräulein Schräger ist verunglückt.«

Hannes und Lene sahen ihn wortlos an.

»So steht doch nicht so blöde da! Sie ist ein Stück mit mir gefahren,

und als sie absteigen wollte, ist sie gefallen, und der Fuß ist ihr

überfahren.«

»Sie haben ja selber Fuhrwerk drüben,« sagte Hannes.

»Ja, aber das dauert alles zu lange; ich fahre, das ist doch

Christenpflicht.«

Lene lachte laut und spöttisch auf.

»Christenpflicht!«

»Hannes, willst Du helfen oder nicht?«

»Wehe Dir, Hannes, wenn Du eine Hand rührst!«

»Hannes, bin ich der Herr oder die? Und läßt Du Dich von einem Weibe

kommandieren?«

Hannes war in schwerer Verlegenheit. Aber schließlich sagte er: »Es ist

ja Mumpitz, aber helfen tu ich!«

Lene warf ihm einen verächtlichen Blick zu und ging ins Haus. Wenige

Minuten später sauste das Gefährt Heinrichs nach der Stadt.

In ganz verhältnismäßig kurzer Zeit brachte er den Arzt.

Unten im Hausflur stand er und wartete auf Nachricht. Die

Wirtschafterin kam.

Der Fuß wäre gebrochen, aber es sei keine Gefahr. Bei guter Pflege

würde alles recht schön heilen.

»Werden Sie das Fräulein auch gut pflegen, Stenzeln?«

Die Alte sah den jungen Mann freundlich an und versprach ihr Bestes. Er

gab ihr ein Geldstück.

»Hier, nehmen Sie das! Sagen Sie aber keinem Menschen davon! Und grüßen

Sie das Fräulein! Sie soll nicht böse sein auf mich. Mir tut das

Unglück sehr leid. Und, Stenzeln, alle Abende um neun Uhr kommen Sie

mal an die Haustür. Ich will Sie fragen, wie's geht!«

[Illustration]

[Illustration: Kapitel 12]

Durch die Mainacht ging der Mond.

Drunten im Dorfe schlug es Mitternacht. Da hatten die Buchenhofleute

den Frieden des Schlafes noch nicht gefunden. Und doch war ein jeder in

seiner Kammer seit langen Stunden.

Droben im ersten Stock lehnte der junge Buchenbauer am Fenster und

schaute hinüber nach der Giebelstube des Kretschams.

Ein Licht schimmerte durch die Nacht herüber.

Dort war sie!

Der junge Träumer schloß die Augen.

Da sah er ein Meer und in dem Meer ein fernes Eiland. Von diesem Eiland

schien das Licht wie ein winkendes Leuchtturmfeuer, das den Weg zeigt

zu einem heimatlichen Hafen.

Aber wenn Heinrich Raschdorf die Augen öffnete, sah er die Dorfstraße.

Die lag zwischen ihm und ihr wie ein unüberbrückbarer Abgrund. Er riß

das Fenster auf. Schwerer Duft traf ihn, das Silberlicht gaukelte vor

seinen Augen, und ein Vogel in der Nähe sang ein wonniges Lied.

Da schlug die Liebe in das junge Blut, und all ihr taumelndes,

berauschendes Glück kam über den Einsamen. Eine heiße Röte flammte über

Heinrichs Gesicht, und ein Vorsatz formte sich in seinem Herzen, sein

Glück zu suchen. Und immer wieder ging er die wenigen Minuten im Geiste

durch, die er mit ihr verlebt hatte, brachte sich alles in Erinnerung,

was sie gesprochen, und war ganz außer sich vor lauter Aufregung, Liebe

und Mitleid.

Da klopfte es an die Tür.

Heinrich lauschte, aber er rührte sich nicht.

Abermaliges Klopfen.

Nun ging er und öffnete.

Seine Schwester Lene stand draußen, völlig angekleidet. Das Erstaunen

Heinrichs war groß; die Schwester hatte mit ihm seit dem Tage, da er im

Buchenkretscham zur Steuer war, nicht mehr gesprochen.

»Du bist es, Lene? Was willst Du?«

»Mit Dir reden! Ich sah, daß Du noch wachst.«

»Komm herein!«

Er schloß die Tür hinter ihr. Sie schaute sich um und bemerkte alsbald

das offenstehende Fenster und das Licht drüben über der Straße.

Sie sah ihn scharf an, und er konnte nicht hindern, daß er errötete. Er

mußte an den Vater denken, wie sie so stolz und kalt vor ihm stand.

»Willst Du sie heiraten?« fragte sie unvermittelt. Ihre Stimme klang

heiser.

»Heiraten? Wen?«

»Wen?«

Sie lachte scharf und kurz, trat ans Fenster und schloß es. Da überkam

ihn der Trotz wieder.

»Lene, ich will Dir was sagen: so lasse ich mich nicht behandeln.

Verstehst Du? Was ich tue oder lasse, ist schließlich meine Sache.«

»Nein!« Das sagte sie laut und heftig. »Es ist nicht Deine Sache, es

geht uns alle an! Wir haben alle für Dich gearbeitet. Was Du hast, hast

Du von uns!«

»Von Euch! Das weiß ich. Du kommst also, um mir zu sagen, was ich Euch

alles schuldig bin, kommst, um mir das vorzurechnen?«

Ihr war jede Sentimentalität fremd.

»Ja, deswegen komm ich! Du bist uns genug schuldig, das Meiste! Beinah

alles! Und ich red' nicht von mir, aber vom Mathias red' ich.«

»Vom Mathias? Was schadet es denn, wenn ich -- wenn ich --«

»Wenn Du zum Schräger laufst? Hinter der Lotte her bist? Es ist wahr!

Es wird sich hübsch machen, wenn Du mit der Lotte zur Trauung gehn

wirst.«

»Sei still, Lene! Das geht Dich nichts an, solches Gerede leid' ich

nicht!«

Sie ließ sich nicht stören.

»Ja, und der besoffene Schräger wird als Schwiegervater hinterher

geh'n.«

»Lene, ich werf' Dich raus!«

»Erst red' ich! Es wird hübsch sein, wenn Ihr bei Vaters Grab

vorbeigehn werdet, den die Bande auf 'm Gewissen hat, und -- und der

Mathias wird auch zusehn müssen, den sie ins Gefängnis gebracht haben.

Sehr hübsch wird's sein! Du bist ein Staatskerl, Heinrich!«

»Hör' auf, Lene! Du machst mich verrückt!«

Er setzte sich auf einen Stuhl. Sie sagte nichts, lehnte sich an die

Wand und sah ihn streng, ja haßerfüllt an. Ihn aber hatte sie mit dem

einzigen Hinweis auf den Vater geschlagen. Da begann er endlich: »Es

ist nichts erwiesen!«

»Daß der Vater tot is, das is erwiesen!«

Darauf wußte er nichts zu entgegnen. Endlich sagte er: »Der Vater ist

verunglückt.«

»Nein!«

Dieses »Nein« klang furchtbar in der Stille der Nacht. Heinrich traf es

wie ein Schlag, und er fröstelte in sich zusammen. Er hatte nie dieser

schrecklichen Frage gegenüberstehen können, ohne eine versöhnliche

Antwort mit aller Macht zu erzwingen. Dieses herbe Mädchen gab die

Antwort. Er sah sie scheu an.

»Wie kannst Du -- wie kannst Du das nur sagen, Lene? Vom Vater?«

Auf einen Augenblick kämpfte sie mit Tränen. Dann kam der Groll wieder

über sie.

»Vaters Tod ist ganz klar. Und der Schräger hat's gewollt. Der hat

unseren Vater ums Geld gebracht, dann hat er falsch geschworen, und

zuletzt hat er das Geld gekündigt. Da wußt' sich der Vater keinen Rat

mehr. Und jetzt -- jetzt laufst Du hin -- der einzige Sohn --«

Es war aus mit ihrer Fassung. Sie sank auf einen Stuhl, bedeckte das

Gesicht mit beiden Händen und fing leidenschaftlich an zu weinen.

Er saß ihr in zusammengesunkener Stellung und mit unbewegtem Gesicht

gegenüber. Endlich sagte er tonlos: »Hör' auf zu weinen, Lene. Es ist

ja nichts geschehen. Ich will nicht leugnen, daß ich der Lotte gut bin

-- lange schon, länger, als ich's selber weiß, aber das -- das wird

sich ja überwinden lassen -- weil es muß -- weil es muß --«

Er stand auf und wandte sich ab. Da war sie plötzlich hinter ihm,

umschlang seinen Hals und küßte heiß seine Wange.

»Heinrich, weißte denn gar nichts -- gar nichts von der Liese?«

»Wie? Was? Was soll ich von der Liese wissen?«

»Daß sie Dir -- daß sie Dir so unendlich gut is, Heinrich!«

Die Heimat: Roman aus den schlesischen Bergen · 第 12 / 30 题