»Du,« sagte Hannes zu Lene, die auch miteinander gingen, »eigentlich
ist doch die Schräger Lotte a sehr hübsches Mädel geworden.«
Lene antwortete nicht.
»Na, ich sag' ja, Lene, Du bist ja auch ganz hübsch, wenn Du och nich
so fein und klug bist. Und was die Hauptsache is, Du bist doch viel
kräftiger als wie die Lotte.«
Das hielt Hannes für eine Schmeichelei. Die Lene aber fuhr ihn zornig
an, daß er es für ratsamer hielt, sich Heinrich anzuschließen, der
indes langsam herankam.
»Was ist denn los? Ihr habt Euch wohl wieder gezankt? Könnt Ihr Euch
denn nicht vertragen?«
»Nee, dazu is die Lene zu grob. Sie hat keene Bildung! Am besten is,
ich red' überhaupt nich mehr mit ihr.«
»Was habt Ihr denn wieder mitsammen?«
»Ach, ich hab' bloß gesagt, daß mir die Lotte gefällt, und da is se
wahrscheinlich eifersüchtig oder so was.«
Heinrich sah vor sich nieder auf den Weg.
»Damals hattest Du Lottes Strauß auf die Straße geworfen, alter Freund.
Weißt Du, daß sie seit der Zeit nie mehr mit mir gesprochen hat?«
»Ja. Aber im Grunde genommen is 's ja besser so. Freundschaft
könn'n wir doch mit a Schräger-Leuten nich halten. -- Sieh mal a
jungen Riedel! Ich globe, der will se poussier'n. A lauft alle Tage
zum Schräger. Na, das wär' auch, als wenn sich der Ochse mit 'm
Kanarienvogel verheiratete!«
In diesem Augenblick wandte sich Gustav Schräger um und brüllte aus
vollen Lungen den Bergweg herunter:
»Sechs Dreier und einen Hund!
Einen gro...o...ßen Hund!«
Man hörte den jungen Riedelbauer lachen, während Lotte den Idioten
offenbar scharf zur Ruhe wies. Da blieb er hinter ihr und ihrem
Begleiter zurück, drehte sich von Zeit zu Zeit um, drohte mit der Faust
nach den Buchenhofleuten oder warf Steine den Weg herab.
»A wird immer blödsinniger,« sagte Hannes. »Aber das Versel vom Barbier
kann a immer noch. 's is das einzige, was a auswendig kann. Na, und
sein Vater is bald nich mehr klüger wie er.«
»Du mußt nicht so reden, Hannes.«
»Na, Du hast eben keine Ahnung, Heinrich, wie der Schräger sauft. Alle
Tage is a besoffen, manchmal schon frühmorgens. Und weißte, das is
komisch: a sauft gerade seit dem Tage, wo Deine Mutter gestorben is.«
»Wieso?«
»Früher hat doch der Schräger kaum amal genippt, und an dem Tage, wo
Deine Mutter frühmorgens starb, da war a mittags schon so besoffen und
hat so gelärmt im Kretscham, daß man's bis bei uns gehört hat. Weißte,
was Mathias sagt? Das is das böse Gewissen! Das will a totsaufen!«
»Das kann kein Mensch behaupten.«
»Behaupten wird's der Mathias nich mehr, dafür hat a ja zehn Tage
gekriegt. Weißte noch, jetzt sind's grade drei Jahre. Das war a
schlechtes Osterfest. Der Mathias kann alles vergessen, aber daß a hat
sitzen müssen, das frißt an 'm. Deswegen is a auch bloß mit a Leuten
im Dorfe nich mehr gutt. Die geh'n nu amal doch zum Schräger, und den
Schräger kann a nich leiden.«
»Eigentlich ist es schlimm, daß wir uns mit den Leuten nicht vertragen,
aber ich hoffe, daß es doch mal besser werden wird!«
»Da kannste lange hoffen! Wenn wir jetzt erst noch Ziegeleibesitzer
sind, da fressen sich die Leute selber uff vor Neid. Denn im Grunde
genommen nehmen sie's uns doch bloß übel, daß wir damals nich pleite
geworden sind. Wenn Dein Vater eingesperrt worden wär', und die
Wirtschaft hätte der Schräger, und Du wärst Knecht, da wär'n Dir die
Leute ganz gutt. So aber nich!«
Heinrich seufzte. Hannes fuhr fort zu reden.
»Und was haben sie alles gesagt: Dein Vater hat angezünd't oder Du!
Ja, ja, guck nur! Das sagen sie immer noch. Zwar nich laut, denn da
setzt's ja zehn Tage, aber sie sagen's. Du oder Dein Vater, oder beide!
Und dann, daß a sich erschossen hat. Und von Deiner Mutter und vom
Mathias --«
»Hör' auf, Hannes, hör' auf! Ich mag nichts mehr hören
davon!« -- -- -- --
Ein Stückchen weiter den Weg hinauf sagte Lotte Schräger zum jungen
Riedel: »Es ist doch unrecht von den Dorfleuten, daß sie so garstig zu
den Raschdorfs sind.«
»Unrecht, hä! Zu solchen Feuermachern und Selbstmördern?!«
»Wer kann das beweisen? Kein Mensch!«
»Beweisen! Hä! Das Gericht freilich nich. Aber wir wissen's alle. Und
der Berger. Wo hat a denn das Geld her? 40000 Mark a Lumpenmann! Was?«
»Das weiß ich nicht.«
»Nee, das weeß keen Mensch, das weeß a bloß selber. Da müßt' sich's
Gericht drum bekümmern; aber darum schert sich keen Teufel. Zu knapper
Not, daß a damals was aufs Maul kriegte, wie a 's Deinem Vater in die
Schuhe schieben wollte, ein'm Manne, der überhaupt nich aus der Stube
gekommen is. Das sind feine Leute, was?«
Lotte schwieg.
»Na, und dann -- a hat die Raschdorfen geküßt. Die Glasen hat's
gesehen. Und das, während der Hof brennt in der Nacht. Feine Leute!«
»Riedel, bitte, nicht -- nicht so was --«
»Und warum interessiert a sich denn gar so sehr für den Heinrich? Warum
nimmt a weder Lohn noch Zinsen?«
»Das kann ich nich sagen.«
»Na, und der alte Raschdorf hat mit kein'm Menschen Freundschaft
gehalten, und die jetzt scheinen auch drauf zu warten, daß sie's ganze
Dorf um Verzeihung bitten kommt. Hol' der Teufel die hochnäsige Bande!«
»Riedel, ich leid' solche Redensarten nicht.«
»Leid'st sie nich? Na, da -- da kann ich wohl gehen, da kann's ja
die Schräger-Lotte mit a Buchenhofleuten halten. Aber der studierte
Heinrich, der gefällt vielleicht der Lotte, da hält sie's lieber gegen
a Vater --«
»Riedel, das leid' ich nicht! Solches Gerede paßt sich nicht, überhaupt
auf dem Kirchwege! Da geh lieber!«
Der Bursche sah mit finsterem Gesicht auf den Boden. Zwanzig Schritte
weit ging er noch mit, dann bog er in einen Feldrain ein. Lotte ließ
ihn gehen und schritt ernst weiter. Der Idiot aber schlich dem jungen
Riedel nach.
»Du,« sagte er tückisch, »wir werden sie schmeißen!«
Riedel antwortete ihm nicht, aber er blieb stehen. Indessen kamen
Heinrich und Hannes näher, ein Stück dahinter Mathias und Lene. Der
junge Riedel sah Heinrich herausfordernd an. Dann lachte er roh und
rief laut herüber:
»Die Schräger Lotte möchte lieber mit a Buchenhofleuten gehn!«
»Die Schräger Lotte läßt a Herrn Raschdorf schön grüßen, und sie möchte
gern seine Liebste sein!«
Heinrich blieb erschrocken stehen und wurde feuerrot.
»Ja,« fing der junge Riedel wieder an, »und sie nimmt ihm gar nischt
übel, nich a Brand und rein gar nischt!«
»Riedel! Ich -- ich --« Heinrich ging ein paar Schritte auf den rohen
Burschen zu und blieb dann stehen. Er schämte sich, tätlich zu werden.
Riedel hielt das für Feigheit.
»Oho, komm nur her, fang' nur an; Du bist mir gerade recht!«
Da kam der Schaffer. Er ging schweigend auf Riedel zu. Der stand
verlegen still, denn den Schaffer fürchtete er.
»Mit Ihnen hab' ich nischt,« sagte er halb trotzig und halb beklommen.
Darauf bekam er keine Antwort.
Der Schaffer faßte ihn an beiden Schultern und kommandierte: »Kehrt!«
Damit drehte er den jungen Mann mit einem gewaltigen Ruck um, gab ihm
einen freundlichen Stoß in den Rücken und sagte: »Marsch!«
Der junge, starke Bauer kochte vor Wut. Aber es nützte nichts; diesem
Riesen war er bei weitem nicht gewachsen, und so mußte er einen Schritt
vor ihm hermarschieren den Berg hinab, wenn er nicht das Schlimmste
gewärtigen wollte.
Jedesmal, wenn er sich widersetzen oder stehen bleiben wollte, bot ihm
der Schaffer in gutmütigem Tonfall eine riesige Tracht Prügel an.
Und so mußte er gehen und konnte nur schimpfen, denn wenn er geprügelt
worden wäre, das wäre eine zu große Schande gewesen.
Als sie ein großes Stück gegangen waren, sagte Reichel:
»'s is heiliger Tag heute! Da soll man nich brüll'n, nich schimpfen und
überhaupt keene Stänkerei machen!« Mit dieser Ermahnung verließ der
tapfere Christ den wütenden jungen Riedel und ging schweigend zurück.
Hannes hatte sich indessen aus hellem Vergnügen über das Bravourstück
seines Vaters lang auf den Wiesenrain geworfen und mit Füßen die Erde
getrommelt. Diese Beifallskundgebung trug ihm einen häßlichen Fleck auf
seinem neuen Sommeranzug und außerdem das bedrückende Bewußtsein ein,
daß er für seine Leute nicht Partei ergreifen dürfe, ohne Schaden zu
nehmen. Und es blieb ihm nichts übrig, als vorläufig auf das Benzin und
auf die Zukunft zu hoffen.
* * * * *
Fünf Tage nach diesem Ostermorgen begann Heinrichs Tätigkeit als Bauer.
O du liebe, schwere Zeit!
Eine Mahnung sollte jeder verständige Mensch beherzigen: Wenn du
geeignet bist, lateinische Schriften mit Geschick zu übersetzen und
algebraische Aufgaben mit Richtigkeit zu lösen, so unternimm es nicht,
Pferde anzuschirren, sonst kannst du an all deinen Talenten irre werden
und andere auch.
Hannes stand als Lehrmeister neben Heinrich, der sich bemühte, einen
Ackergaul anzuschirren. Der junge Magister war schlechter Laune.
»Heinrich, Du bist einfach 'n tapriger Hering. Hierum kommt der Riemen!
Hier mußte festschnallen! Nu, Mensch, siehste denn die Schnalle nich?
Nich zu locker! So, in das Loch! Herrjeh, Kerl, wenn Du als Primus
schon so tumm bist, wie mögen erst die andren sein!«
»Bitte, Hannes, red' nicht so viel!«
»Da soll einer nich reden! Sieh ock, wie sich der Schimmel umguckt! Der
lacht sich eens über Dich! Nanu a Zaum einmachen! Fürcht' Dich ock
nich! Der Schimmel beißt nich; höchstens Haber! Geh weg, ich mach' a
Zaum selber ein, das wär' mir a Gegratsche! Mach derweile a Mist aus a
Hufen raus.«
»Was soll ich?«
»A Mist aus a Hufen rausmachen!«
»Womit denn -- womit soll ich denn, Hannes?«
»Womit? Schafkopp! Mit a Händen! Mit was denn sonst?«
»Pfui, das ist schrecklich unappetitlich!«
Hannes schüttelte über seinen talentlosen Schüler melancholisch den
Kopf.
»Unappetitlich! Mensch! Als wenn da was zum Essen wär'! Na, da sieh mal
her, so macht man a Mist aus a Hufen raus, schmeißt 'n natürlich weg
und wischt sich an a Hosen die Hände ab. Möcht' ich wissen, was dabei
unappetitlich is!«
Heinrich sagte gar nichts; er seufzte nur schwer. Dann bestieg er mit
Hannes den Ackerwagen, und sie fuhren hinaus aufs Feld. Er selbst
behielt die Zügel.
Wie sie ein Stückchen draußen waren, bückte sich der Schimmel nach
dem Wegrain und fing an zu grasen, während er den Wagen langsam, sehr
langsam hinter sich herzog. Heinrich ließ ihn gewähren, denn er meinte,
solch ein Gebahren sei bei den Ackerpferden allgemein üblich.
Hannes aber saß stumm neben ihm mit verhaltenem Zorn und schwerer
Verachtung. Nach einer Weile hielt er's aber nicht länger aus und er
seufzte zynisch:
»Na, da werden wir ja hoffentlich zu Mittage draußen sein.«
Heinrich schrak aus seinen Träumen empor und wackelte energisch mit
der Leine. Der Schimmel ließ sich dadurch nicht stören, sondern
streckte gerade seine lüsterne Zunge nach einer frisch aufgeschossenen
Maiblumenstaude aus -- da hieb ihm unvermutet der Hannes die Peitsche
über den Rücken, daß er aufzuckte und sich in eine für sein Temperament
verblüffend schnelle Gangart setzte.
Leider geschah es, daß Heinrich über den Hieb noch heftiger erschrak
als der Schimmel, und daß ihm deshalb die Leine entglitt, die nun unten
auf der Erde einherschleifte. Und in dieser für einen Kutscher sehr
trostlosen Verfassung begegnete das dahinsausende Gefährt dem Barbier.
Der schlug ein Gelächter an und ging dann schnell dem Buchenkretscham
zu. --
Auf dem Felde draußen sagte Hannes finster:
»Du plamierst ein'n kolussal!«
Heinrich wußte nichts zu erwidern. Da war er nun der Herr und Besitzer
des Buchenhofes, hatte mehr gelernt als alle anderen Bauern und wußte
nicht einmal einen fetten Gaul zu regieren.
Und nun kam die schwierigere Aufgabe. Heinrich sollte pflügen lernen.
Hannes spannte den Schimmel an den Pflug und sagte:
»Den Rand mach' ich! Das is zu schwer für Dich. Geh mal nebenher und
paß auf! So -- also so wird der Pflug gehalten. Fest muß man ihn
halten, sonst springt a raus. Und 's Pferd muß immer'n Fuß breit weg
von der Furche gehn. Jüh!«
Aufmerksam schritt Heinrich neben dem Pfluge einher. Er gab genau
acht, und die Sache erschien ihm kinderleicht. Hannes machte allerlei
Kunststückchen; er überbot sich in technischen Ausdrücken, namentlich
in den direkten Anreden, die er an das Pferd richtete, und ließ bald
die rechte, bald die linke Hand von den Holmen los, wie ein eitler
Radler auf der Straße, wenn er den Passanten zeigen will, wie sicher er
seiner Sache sei.
Indessen kam Heinrich in eine schwermütige Stimmung. Seine Gedanken
flogen hinab nach Breslau. Heute begann das neue Schuljahr. Die
Ober-Sekunda! Jetzt mußte eigentlich alles erst recht interessant
werden. Der Ordinarius in Ober-Sekunda war bekannt als tüchtiger
Lehrer. Ach, er durfte seinem Unterricht nicht lauschen; er mußte
pflügen lernen, mußte stumpfsinnig die Furchen entlang gehen, immer hin
und her ohne alle Abwechslung, ohne jedes bißchen Geist.
Aber er hatte es ja doch so gewollt; er hatte um jeden Preis in der
Heimat sein wollen.
Und wieder dachte er nach, was für eine Bewandtnis es um die Heimat
habe.
»Na, nu kommst Du dran, Heinrich; nu nimm Dich aber zusammen!«
Heinrich trat an den Pflug, und sein Gesicht war so rot, als ob ihm
eine schwierige Examenaufgabe gestellt worden sei, von deren guter
Lösung alles abhing. Krampfhaft fest faßte er die Holmen des Pfluges.
»Los!« sagte er mit erregter Stimme.
»Los versteht der Schimmel nich,« korrigierte Hannes; »jüh mußte sagen.«
»Jüh!«
Das Pferd zog an. Ein paar Schritte ging es. Heinrich taumelte hinter
dem Pfluge hinüber und herüber wie ein Betrunkener; schließlich flog
die Pflugschar aus der Erde heraus, der Pflug fiel um, und Heinrich
sprang beiseite, um nicht geschlagen zu werden.
Der Schimmel blieb verdutzt stehen und schaute sich mitleidig um.
Hannes aber zuckte empört die Schultern.
»Schweinisch, sag' ich, einfach schweinisch!«
Das war seine Kritik, dann zog er den Pflug zurück, verbesserte die
»verhunzte Furche«, fuhr bis auf die Mitte des Ackers und bot Heinrich
abermals den Pflug an.
Ach, der Erfolg war nicht besser als vorher. Hannes schimpfte, und über
Heinrich kam tiefe Verzagtheit.
»Es geht nicht, Hannes, es geht absolut nicht.«
Hannes steckte sinnend die Hände in die Hosentaschen.
»Heinrich, ich glaube, Du wirst a ganz miserabler Pauer werden.«
Das fürchtete Heinrich auch, und die Frage, ob es nicht besser für ihn
gewesen wäre, bei den Büchern zu bleiben, tauchte ihm schon an diesem
ersten Tage seiner Bauerntätigkeit auf.
Trotzdem nahm er mit großer Energie immer wieder das Geschäft des
Pflügens auf, und einmal gelang es ihm, eine ganze Furche entlang zu
fahren. Da rötete sich sein Gesicht vor Freude. Als er aber den Pflug
umwenden wollte, um zurückzufahren, geschah ein Unglück. Er setzte sich
das schwere Ackergerät heftig auf den Fuß. Laut auf schrie er, warf den
Pflug hin und setzte sich an den Feldrand.
Wieder wandte sich der Schimmel um und machte eine so undeutliche
Miene, daß niemand wissen konnte, ob sie Mitleid oder Ironie bedeute.
Hannes kam mit langen Schritten heran und besah sich den blutenden Fuß,
von dem Heinrich indessen den Stiefel gezogen hatte. Zorn und Mitleid
kämpften in ihm.
»Das allerbeste is, Du gehst nach Hause. Das is ja lebensgefährlich für
Dich!« --
»Du -- dem Großbauern blutet der Fuß. A hat sich gewiß a Pflug drauf
gesetzt. Na und die Furche, sieh mal, die hat a gemacht.«
Darauf ein schallendes Gelächter.
Drüben am Wege standen der Barbier und der junge Riedel.
Heinrich wandte sich ab vor Scham. Hannes aber, der die beiden Männer
auch nicht hatte kommen sehen, da das Ackerfeld hinter einem kleinen
Erlengebüsch lag, knirschte vor Zorn.
»So 'ne lausige Plamage! Nu haben die Kerle zugesehn!«
Aber dann wandte er sich nach dem Wege hinüber:
»Macht, daß Ihr fortkommt! Das hier geht Euch gar nischt an. Der
Raschdorf Heinrich hat mehr Verstand in einer großen Zehe als Ihr in
der ganzen Figur, die Mütze noch mitgerechnet.«
»Nu, so ein Lausejunge!«
Der Barbier und Riedel kamen übers Feld.
Hannes ergriff die Peitsche.
»Heinrich, Du nimmst a Barbier, ich nehm' a Riedel!«
Heinrich sprang auf. Mit dem blutenden, nackten Fuße stand er auf dem
schwarzen Boden. Aber er stand stolz und herrisch da.
»Zurück! Das ist mein Grund und Boden! Ich verbiete Euch, daß Ihr ihn
betretet.«
Die beiden Störenfriede blieben stehen.
»Das is Hausfriedensbruch!« schrie Hannes. »Dafür setzt's Kittchen!«[1]
[1] Gefängnis.
Sie stutzten. Sie glaubten das von »Hausfriedensbruch« und kehrten um
mit der Drohung, der Hannes laufe ihnen schon noch in die Hände.
Dann machten sie noch ein paar hämische Bemerkungen und gingen nach dem
Dorfe.
Dort entstanden dem landwirtschaftlichen Erstlingswerk des jungen
Buchenbauern zwei üble Kritiker. --
»Nu werd' ich den Schimmel einspannen und Dich nach Hause fahr'n.
Laufen wirste wohl nich können.«
So geschah es. Als Hannes wieder aufs Feld zurückkam und nun den Acker
in prächtigen, geraden Furchen pflügte, dachte er jedesmal, wenn er
voll Freude sein Werk betrachtete:
»Bloß gut, daß ich nie aufs Gymnasium gegangen bin.«
* * * * *
Der junge Buchenbauer aber saß trostlos daheim in seiner Stube. Die
Liese verband ihm den Fuß.
Mit zärtlicher Sorgfalt wusch sie die Wunde, und als sie den heilsamen
Arnikasaft darauf goß, sah sie ängstlich nach Heinrich, ob es ihm auch
nicht zu große Schmerzen verursachte.
Mit geschickten Fingern legte sie den Verband an.
Heinrich betrachtete das zarte, hübsche Mädchen. Sie war jetzt siebzehn
Jahre alt. Lichtblondes Haar fiel gescheitelt um die reine, weiße
Stirn. Das Gesicht war etwas blaß.
Heinrich dachte daran, wie zärtlich Mathias dieses Mädchen liebte, und
er nahm sich vor, all sein Leben lang freundlich zur Liese zu sein.
Das, meinte er, erfordere schon die Dankbarkeit gegen Mathias, seinen
großen Wohltäter.
Und dieser Gedanke, daß Mathias sich freuen würde, wenn er gut und lieb
zur Liese wäre, faßte ihn stark zu dieser Stunde. Bisher hatte er kaum
daran gedacht. Jetzt ward ihm die hohe Pflicht inne.
Er strich dem knienden Mädchen sanft mit der Hand über den Scheitel.
»Du bist so gut zu mir, Liese. Ich danke Dir!«
Da sah sie ihn an mit strahlenden Augen, und ihre blassen Wangen
färbten sich ein wenig rot.
»Ich tue es gern,« sagte sie schlicht.
In diesem Augenblick sah Mathias zum Gartenfenster herein. Einen
Augenblick betrachtete er die beiden, dann trat er lautlos zurück.
Im Garten lehnte er sich an einen Baum. Die ersten Knospen waren
aufgesprungen und schauten ihn an wie eben aufgegangene Sterne. --
Die folgenden Tage war Heinrich an die Stube gefesselt. Der Fuß war ihm
stark geschwollen.
Da bat er die Liese, sie möchte ihm einige von seinen Büchern bringen.
Wie die Bücher vor ihm lagen, strahlten die Augen des jungen
Buchenbauern. Es war, als ob er alte Freunde wiedersehe.
Dann brachte der Postbote einen Brief. Er war von einem guten Freunde
Heinrichs aus Breslau, einem Schulkameraden, der in der Klasse neben
ihm gesessen und auch in derselben Pension mit ihm gewohnt hatte.
Mit einem Jubelrufe empfing Heinrich das Schreiben und las mit
leuchtenden Augen. Lauter interessante Neuigkeiten von Leuten, die er
gut kannte. Und am Schluß kam die Schilderung des Lebens und Treibens
in der neuen Klasse.
Über diesen Brief bekam Heinrich das Heimweh, und zwar so bitter und
stark, wie er es früher kaum gekannt hatte. Er schaute sich um. War
er denn nicht zu Hause? War das nicht seine Stube? War das nicht die
heimatliche Straße draußen? Wie konnte er Heimweh bekommen? Was war es
doch um die Heimat?
Der Jüngling wußte es nicht; er glaubte immer noch, die Heimat sei ein
sichtbarer, bestimmter Raum.
Als ein Weilchen später Mathias in die Stube trat, sagte Heinrich:
»Mathias, ich hab' ein Anliegen. Ich hab' hier einen Brief von einem
Freunde bekommen, der jetzt in Ober-Sekunda ist. Ich möchte mir gern
die Bücher von der neuen Klasse schicken lassen. Es interessiert mich
doch, was jetzt kommt, und dann, manchmal werd' ich ja doch Zeit haben,
ein wenig zu lernen.«
»Ja, Heinrich, das machst Du recht, wenn Du weiter lernen willst.«
So kam es, daß der junge Buchenbauer ein Studierender blieb. An all
den langen Abenden saß er bei den Büchern, auch an den Regentagen. Und
sein reger Geist faßte das meiste richtig. Dabei versäumte er nicht,
sich in den landwirtschaftlichen Arbeiten auszubilden; und es ging
auch ganz gut, seit er den schweigsamen, geduldigen Schaffer zu seinem
Lehrmeister gemacht hatte. Hannes hatte keine Unterrichtserfolge bei
ihm erzielen können, weil er ein zu heißsporniger, bissiger Pädagoge
war. Also ward ihm sein landwirtschaftliches Mentoramt auf Grund eines
Familienbeschlusses entzogen, und er fügte sich in diese Absetzung mit
Würde.
[Illustration]
[Illustration: Kapitel 10]
Und wieder waren Jahre vergangen, fünf Jahre, in denen sich wenig
geändert hatte. -- Dieselbe Heimat, dieselben Menschen! Nur die
Kinder waren vollends herangewachsen. Der Buchenhof war völlig wieder
ausgebaut und in tadellosem Zustande. Er war stattlicher und schöner
als je. So war die Prophezeiung des Mathias wahr geworden: daß es nicht
schwer sein würde, die Wirtschaft wieder emporzubringen.
Auch die Ziegelei hatte sich gut bewährt. Das Lehmlager in dem
Hügel hatte sich als viel ergiebiger und besser herausgestellt, als
anfänglich erwartet worden war. Der Betrieb war geordnet, der Absatz
ausgezeichnet. So brachte das Unternehmen Überschüsse, und etliche
Leute rechneten aus, daß der Buchenbauer allein durch die Ziegelei ein
steinreicher Mann werden müsse.
Da wurde es möglich, nach und nach Schulden zu tilgen. Heinrich bestand
darauf, daß Mathias Berger seine Zinsen und seinen Gewinnanteil von der
Ziegelei einkassierte und für Liese anlegte. Er selber sparte für seine
Schwester Lene.
Also stand alles wohl. Geld ist am Ende von geschickten Leuten immer
leicht zu verdienen.
Dagegen waren die Buchenhofleute in der Sympathie ihrer Mitbürger
kaum vorwärts gekommen. Die räumliche Heimat hatten sie gerettet, die
andere, wirkliche, ideelle war ihnen noch versagt.
Es ist sehr schwer, bei schlichten Landleuten alte Vorurteile
auszurotten. Dazu kam, daß sich in all den Jahren im Dorfe nichts
Aufregendes ereignet hatte. Die Buchenhofaffäre war aktuell geblieben.
Das Unaufgeklärte, Ungewisse behielt den Reiz. Immer blieb die
Hoffnung, es werde noch einmal Licht kommen in die dunklen Geschehnisse.
Es soll nicht gesagt sein, daß die Schuld ganz auf der Seite der
Dorfleute lag. Die Schlesier sind im allgemeinen gute, gemütliche
Menschen, nicht hart, finster und abgeschlossen, wie sonst die
Leute in der großen, nordischen Ebene vielfach sind, sondern leicht
zugänglich, lustig und eher den fröhlichen Süddeutschen vergleichbar.
Das Gebirgsvölklein namentlich ist von leichterem Schlage und hat viel
Sonne in der Seele.
So war's auch hier im Dorfe. Aber die Buchenhofleute hielten
sich selbst abseits. Sie mochten nicht hingehen und um die
Heimatsgemeinschaft werben, und eine freundliche Einladung wurde ihnen
nicht zuteil.
Mathias Berger wußte, daß noch jetzt in vielen Behausungen die
alten Zeitungsnummern aufbewahrt wurden, in denen die Verhandlung
des Brandprozesses geschildert war und seine zwangsweise Abbitte an
Schräger stand. Er hatte endlich auch gehört, daß er wegen seines
Geldes verdächtigt wurde. Da hatte er sich nicht enthalten können,
an Schräger einen Brief zu schreiben, in dem er ihm »spät, aber doch«
dafür dankte, daß er ihn ehemals habe fünf Mark gewinnen lassen, für
die er ein Glückslos gekauft habe. Das Geld habe gerade dazu gereicht,
den Buchenhof zu halten, der wohl sonst das Besitztum des Wirtes
unnütz vergrößert hätte. Der Brief war an einer neuen Injurie gerade
noch knapp vorbeigegangen. Schräger hatte gewettert und geflucht, und
die Dorfleute hatten die Lotteriegeschichte nicht geglaubt, sondern
desto eifriger nach einer recht abenteuerlichen Lösung der Bergerschen
Vermögensfrage gesucht.
Am wenigsten fand Heinrich den Weg, obwohl seine weiche Seele ihn
suchte. Oftmals zwar redete er sich ein, er brauche die Gemeinschaft
nicht, er habe ja Gesellschaft auf dem Hofe, lauter liebe Leute, die's
treu zu ihm meinten. Aber er kam nicht um die alte Wahrheit herum,
daß der Mensch nicht immer mit denselben Menschen verkehren kann. Die
Schiffsleute, die lange auf demselben Fahrzeug eng zusammenlebten,
gehen auseinander, wenn sie ans Land kommen. Sie haben einmal das
Bedürfnis, die alltäglichen Gesichter auf eine Weile nicht zu sehen.
Und es gibt viele Leute, die in Bureaus, Geschäften, Schulen friedlich
und freundlich zusammenarbeiten und sich doch in ihren Freistunden
nicht sehen und treffen mögen, sondern lieber Fremde aufsuchen oder
allein sind.
Die Buchenhofleute lebten zusammen wie auf einem großen, einsamen
Schiff. Im Winter vergingen Wochen, ohne daß sie ein Wort mit jemand
von auswärts wechselten. Und so kam es, daß ein Händler, wenn er sich
in das Gehöft verirrte, wie ein lieber Gast festgehalten und nach
allem möglichen befragt wurde.
Am schwersten litt an solch trüben Wintertagen der Hannes. Es kam vor,
daß er sich auf die Ofenbank legte und vor lauter Einsamkeit heulte.
Dann schwor er hoch und teuer, wenn erst der Frühling käme, zöge er in
die Fremde. Wenn die Lene das hörte, sagte sie, er solle nur geschwind
machen, daß er fortkäme. Und das nahm er dann immer übel.
Auch Mathias litt an der Einsamkeit. Manchmal, wenn er den alten Pluto
streichelte, der immer noch das Gnadenbrot bekam, dachte er an seine
Lumpenmannszeit, und da kam es ihm vor, als sei er damals ein junger,
glückseliger Vagant gewesen, der frei und unverdrossen auf grünen
Straßen fuhr, heute hier, morgen dort, immer wieder bei anderen Leuten,
immer lustig und überall gern gesehen.
Heinrich saß zu solchen Zeiten hinter seinen Büchern und studierte.
Nur eine war glücklich und ganz zufrieden: das war die Liese. Diese
einsamen Stunden waren ihre seligste Zeit. Dann saß sie mit ihrem
Nähzeug still und freundlich da und hob nur manchmal die Augen, um nach
Heinrich zu schauen.
Aber drüben im Buchenkretscham wohnte noch ein einsameres Menschenkind,
ein Kind, das gar keine Heimat hatte: das war Lotte Schräger.
Sie hatte niemand. Der Vater war fast täglich betrunken, der Bruder ein
Idiot. Und ihr verhältnismäßig hohes Maß von Bildung vermehrte nur das
Unglück, erhöhte das Grauen, das ihre »Heimat« ihr einflößte.
Von den Buchenhofleuten sah sie selten jemand. Sie wurde auch von ihnen
gar nicht beachtet. Die stolze Lene Raschdorf hatte ihr sogar zweimal
einen Gruß nicht erwidert. Aber die Lene blieb manchmal stehen und sah
sie mit ihren kohlschwarzen Augen herausfordernd und feindselig an. Sie
war ganz wie ihr Vater, der alte Raschdorf, vor dem sich die Lotte auch
immer ein wenig gefürchtet hatte. Und sie trug neuerdings am Sonntag
modische Kleider. Sie trug sie wie eine Dame, ohne Fehler. Aber Lotte
wußte, daß sie es ihr nachmache.
Den Heinrich Raschdorf sah Lotte sehr selten. Gesprochen hatte sie
nicht mehr mit ihm nach jenem Tage, da sie ihm den Strauß geschenkt und
den Koffer getragen hatte. Damals war sie ja ein dummes Kind gewesen,
aber sie wurde jetzt noch rot, wenn sie an die alten Tage dachte.
Daß er sie geküßt hatte, daß sie ihm zugeredet hatte, er möchte sie
heiraten, daß er dann ihren Strauß auf die Straße geworfen hatte, daran
dachte sie oft.
Wenn er sie jetzt traf, zog er mit städtischer Höflichkeit den Hut, und
sie neigte ebenso kalt-höflich den Kopf. Sie wußte kaum, wie er aussah;
nur daß er einen Schnurrbart trug, hatte sie einmal gesehen.
* * * * *
So war es wieder einmal Frühling geworden. Draußen war ein wunderbarer,
weicher Abend, aber der Kretscham war voll von Leuten. Die saßen alle
in üblem Tabaksqualm und sehnten sich nicht nach der herrlichen Luft
draußen, durch die die Nachtigallen sangen, durch die der Flieder
duftete, durch die die Sterne leuchteten.
Bauern haben gern schlechte Stubenluft, viel lieber noch als die
Städter. Das ist merkwürdig genug, da doch die Luft im Freien, die sie
meist atmen, die Bauern wählerisch und verwöhnt machen müßte. Es ist
anzunehmen, der Tod habe das so eingerichtet, denn wenn die Bauern
auch noch gesund wohnten und schliefen, so wie sie gesund arbeiten,
würden wohl alle über hundert Jahre alt werden. Und das gäbe zu viele
Auszügler. -- -- -- --
* * * * *
Es war Steuertag. »Gemeindegebot, Rente, Schulgeld,
Schornsteinfegergeld und Nachtwächtergeld« wurden eingenommen. Da
waren die meisten Hausväter persönlich erschienen, um ihre Steuer zu
bezahlen. Kam aber irgendeine Frau, so neckten sich alle mit ihr, und
Schräger mußte ihr einen Ingwer einschenken, den irgendeiner zum Besten
gab. Das ist bäuerliche Ritterlichkeit.
Vom Buchenhofe brachte stets eine Magd die Steuer. Sie allein bekam
keinen Ingwer.
An diesem Tage war im Buchenhofe große Aufregung gewesen, denn Hannes
hatte plötzlich und ohne alle äußere Veranlassung erklärt, er werde
selber gehen, um die Steuer abzuliefern. Er fügte noch die kühne
Behauptung hinzu, daß er sich auch vor dem Teufel nicht fürchte, und
daß er den Leuten beweisen wolle, daß der Buchenhof ebenso das heilige
Recht habe, seine Steuer persönlich zu zahlen wie alle anderen. Zudem
läge die Sache günstig, denn Mathias sei nicht zu Hause, der sonst
dagegen reden würde.
Was Hannes zu seinem kühnen Plane begeistert hatte, ist, wie gesagt,
schwer zu bestimmen. Es war zum Teil Laune, zum Teil die Lust, endlich
einmal etwas Neues zu erleben und der Einsamkeit entrissen zu werden.
Wie nun aber immer bei der Entscheidung »prinzipieller Fragen« viel und
klug geredet wird, so auch hier. Sogar der Schaffer beteiligte sich an
der Debatte, scheinbar gegen Hannes, im Grunde aber doch wie immer für
ihn. Heinrich war unschlüssig, und nur Lene widersprach aufs heftigste.
Aber schließlich siegte Hannes. Er bekam das Steuerbuch ausgehändigt,
und Lene zählte ihm aus der »Schwinge« den Steuerbetrag auf und noch
eine Mark darüber, wie Hannes wünschte. Sie mußte ihm sogar das große
Paradeportemonnaie des alten Raschdorf borgen, das dieser immer nur bei
besonders feierlichen Anlässen gebraucht hatte.
Also ausgerüstet schritt Hannes in seinem Sonntagsanzug über die
Straße, stolz wie ein Held, der in den Kampf zieht, einer gegen alle.
Die Buchenhofleute sahen ihm vom Fenster aus nach. Das Herz klopfte
allen, am meisten dem besorgten Vater des Helden. Am besten sei es,
meinte der Schaffer, er bewaffne sich mit einem tüchtigen Stecken und
stelle sich hinters Hoftor, damit er gleich hinüber könne, wenn er etwa
den Hannes schreien höre.
Aber Hannes schrie nicht. Mit einem Ruck riß er drüben die Tür des
Kretschams auf und trat hocherhobenen Hauptes in die Stube. Sein
urplötzliches Erscheinen hatte wirklich den gewünschten Erfolg. Die
Bauern waren über die Maßen verblüfft, und es entstand eine große
Stille.
Diese Wirkung gedachte Hannes noch zu steigern. Er schnitt also
ein Gesicht, das hoheitsvoll sein sollte, in Wirklichkeit aber
verunglückte, trat an den Gerichtstisch und grüßte mit nachlässiger
Stimme:
»Mahlzeit!«
In dem städtischen Gruße »Mahlzeit«, meinte Hannes, liege die ganze
Summe von Hoheit und Vornehmheit, über die ein Mensch verfügen könne,
klar ausgedrückt.
»Mahlzeit!« wiederholte er, da niemand antwortete. »Ich bringe
persönlich die Steuer vom Buchenhofe, denn der Buchenhof hat das Recht
dazu!«
Das bestritt niemand. Es antwortete überhaupt keiner der Anwesenden.
»Wieviel macht es?« fragte Hannes und zog das riesige
Paradeportemonnaie des alten Raschdorf mit viel Umständlichkeit aus
der Tasche. Er wußte zwar die Summe ganz genau, aber er hatte durch
seine Frage Gelegenheit, das Portemonnaie herausfordernd in der Hand zu
halten, während der Gerichtsschreiber die Summe ausrechnete.
»Also so?« sagte er, als er den Steuerbetrag erfahren hatte, und fing
an, das Geld langsam aufzuzählen, wobei er jedes Stück einzeln aus dem
Portemonnaie nahm. Gegen Ende hin aber wurde er plötzlich unruhig,
überflog den aufgezählten Betrag, guckte betroffen ins Portemonnaie,
zählte nochmals, verfärbte sich ein wenig und fragte beklommen:
»Wieviel macht es?«
Der Gemeindeschreiber wiederholte den Betrag.
O, ihr lieben Heiligen! Hannes hatte eine Mark zu wenig, statt einer
Mark zu viel. Wie ein greller Blitz fuhr ihm die Erkenntnis durch den
Kopf, die Lene habe einen Taler für ein Fünfmarkstück angesehen.
»Es langt nicht!« flüsterte irgendwo eine Stimme unter den gespannt
zuschauenden Bauern, und ein heimliches Kichern brach an. Hannes
richtete sich wütend empor.
»Was? Es langt nich? Bei wem langt's nich?«
Und er wandte sich wieder an die Ortsbehörde.
»Das Kleingeld langt allerdings nich,« sagte er und strich den
aufgezählten Betrag wieder ein. »Können Sie auf einen Hundertmarkschein
herausgeben?«
»O ja,« sagte der Schulze, »das können wir schon. Wo ist der
Hundertmarkschein?«
Das hatte Hannes nicht erwartet. Er wurde fürchterlich verlegen. Als
aber nun die Bauern und die Steuerbeamten in eine unbändige Heiterkeit
ausbrachen, raffte er sich auf und schrie:
»Hundertmarkschein? Wir haben massig Hundertmarkscheine! Aber ich muß
meinen unterwegs verloren haben. Wer ihn find't, kann ihn behalten.
Versteht Ihr? Kann ihn behalten! Und ich geh einen neuen holen.«
Er gab sich Mühe, mit möglichster Würde wieder hinauszuschreiten, was
die Bauern nicht hinderte, in ein dröhnendes Gelächter auszubrechen.
Wütend schritt Hannes über die Straße, nicht, ohne sich ein paarmal
umzusehen, als ob er etwas suche. Hinter dem Tor traf er seinen Vater,
der einen dicken Knüppel in der Hand hatte.
»Haben sie Dir etwas getan?« fragte der Schaffer.
»Laß mich!« knurrte Hannes und stampfte nach der Stube. Dort wurde er
mit erwartungsvollen Gesichtern empfangen.
»Plamiert sind wir!« schrie der heimgekehrte Gesandte und sank auf
einen Stuhl. »Bis auf die Knochen plamiert! Ich hab' 'ne Mark zu wenig
gehabt; die Lene hat mir 'n Taler für 'n Fünfmarkstück gegeben.«
Der Schaffer hieb mit seinem Knüppel auf den Tisch, daß die Stube
dröhnte. Heinrich knurrte verdrießlich etwas von Albernheiten, und nur
die Lene lachte.
Da fuhr Hannes zornig auf:
»Lene,« keuchte er, »hast Du das etwa gar absichtlich gemacht?«
Das Mädchen schaute ihn blitzend an.
»Meinste etwa, ich kann nich zählen? Meinste, ich kenne das Geld nich?«
»Lene, das is frech; das is -- ich -- ich -- o, da habt Ihr den Quark;
ich -- ich -- das is 'ne Gemeenheet -- das laß ich mir nich gefallen --
zum Vierteljahr zieh ich fort -- werden schon sehen --«
»Werden schon sehen!« stimmte der Schaffer bei und stampfte hinter
Hannes aus der Stube.
Auf dem Boden lag das Paradeportemonnaie des alten Raschdorf.
Die beiden Geschwister waren allein. Auch Heinrich war aufgebracht.
»Warum machst Du das, Lene? Warum blamierst Du ihn und uns?«
Das Mädchen sah ihn zornig an.
»Von uns hat niemand was bei den Leuten dort drüben zu suchen. Wenn's
keiner versteht, ich versteh's! So ein Esel -- es ist ihm recht!«
Sie schob das Portemonnaie mit dem Fuße beiseite und ging hinaus.
Der junge Buchenbauer sah ihr nach. Zum erstenmal fiel ihm auf, wie
wenig er im Grunde genommen auf seinem Hofe zu sagen habe. Er war
nicht der Herr. Kein Mensch kümmerte sich um seine Meinung, höchstens
Mathias. Sie waren alle Herren: Hannes, der Schaffer, am meisten Lene.
Er hatte immer geschwiegen in dem Gefühl, daß die anderen es ja besser
verstünden, und daß er ihnen doch zur Dankbarkeit verpflichtet sei.
Aber jetzt regte sich in seiner weichen Seele der Trotz. Er hob das
Portemonnaie seines Vaters auf und schüttelte den Inhalt in seinen
eigenen Geldbeutel.
Nun würde er selber zur Steuer gehen! Jawohl!
Die Berger-Liese kam herein.
»Heinrich, es muß jemand zur Steuer; es is die höchste Zeit. Ich werd
geh'n. Mir werden sie ja nischt tun.«
»Nein, Liese, Du gehst nicht! Du am allerwenigsten! Aber Du bist ein
vernünftiges Mädel!«
Er reichte ihr die Hand. Liese errötete, denn Heinrich sprach selten
mit ihr.
»Wer soll denn aber gehn? Hannes mag nicht; ich hab' ihm schon
zugeredet, aber er will nicht, und der Schaffer ist furchtbar böse.«
»Ich gehe selber!«
In diesem Augenblick kam Lene wieder in die Stube.
»Ich gehe selber zur Steuer!« wiederholte Heinrich.
Da wurde das Mädel blaß.
»Du gehst nicht!« sagte sie bestimmt und heftig.
»Jawohl, ich gehe! Ich gehe bald!«
»Du gehst nicht, sage ich!«
Er sah sie an.
»Lene, der Herr bin ich! Merk' Dir das!«
Sie ging auf ihn zu und faßte ihn ins Auge.
»Heinrich, wenn Du zur Steuer gehst, lauf' ich fort!«
»Dann laufe fort!« sagte er gleichgültig.
Und er ging aus der Stube mit festem Schritt.
Dennoch zitterte ihm die Hand, als er die Türklinke zum Buchenkretscham
berührte. Seit seiner Kindheit Tagen war er in diesem Raume, der doch
bloß auf der anderen Seite der Straße lag, nicht gewesen.
Die Tür ging auf.
Einige Sekunden sah Heinrich nichts als Rauch.
»Guten Abend!«
Niemand antwortete. Alle sahen verblüfft auf den jungen Herrn vom
Buchenhof, und Schräger, der schon wieder betrunken war, torkelte gegen
das Schanksims und stierte den Eintretenden an, der einige Sekunden an
der Tür stehen blieb.