Langsam ging er aus der Stube. --

Und immer noch stand die Unheilswolke über dem Buchenhofe. Die

Feuerflammen schlugen hinauf zu ihr und malten grellrote Lichter auf

ihren schwarzen Untergrund. Wie Blutstropfen fiel der leise Regen.

Feuer von vollen Garben und duftendem Heu! In wahnsinniger, trunkener,

taumelnder Freude erhoben sich die Feuerflammen. Draußen lagen die

stillen, abgeernteten Felder, und nun war es, als ob jeder Halm in

der Scheuer, jede vertrocknete Blume im Heu sterbend noch einmal das

stille Plätzchen im Feldgrund grüßen wollte, da es gegrünt und geblüht

und mit Faltern und zarten Winden gekost hatte. Jetzt zuckten über die

beraubten Fluren stolze, jubelnde Flammensignale:

»Triumph! Wir sterben einen roten, herrlichen Tod! Erspart bleiben uns

Tenne und Mühle. Die Natur ist groß, und der Mensch ist nichts!«

Die Menschen, die mit der Natur gerungen hatten im langen, mühsamen

Kampfe, die ihr die Beute abjagten mit Schlauheit und Fleiß: sie

standen bleich als die Besiegten, die Geschlagenen, und die Beute war

ihnen entrissen, und ihr Bollwerk war zerstört.

Frau Mutter Erde sah schweigend zu, aber die Witwenschleier, die noch

am Tage weiß und grau um ihre feuchte Stirn hingen, färbten sich rot.

Die Halme und Blumen sind ihre Lieblingskinder, und der Mensch ist der

Stiefsohn. -- --

Der Bauer Raschdorf saß auf einem umgestülpten Karren. Finsteren Auges

sah er der Verheerung zu. Nicht einen Finger rührte er zur Hilfe. Von

Zeit zu Zeit nur verzog sich sein Gesicht; seine Hände klammerten sich

an die Beine und gruben sich oft schmerzhaft ins Fleisch. Und neben

ihm kauerte, Entsetzen in den schönen Kinderaugen, die Magdalene, sein

Ebenbild, sein Liebling.

Die beiden Scheuern lagen verwüstet; nun brannte der große Stall. Die

Rinder zogen hinab ins Dorf. Ihr Brüllen klang dumpf durch die Nacht.

Vier oder fünf Spritzen aus dem Dorfe und aus den Nachbarorten waren

da. Sie hatten sich bemüht, als die Scheuern brannten, das Wohnhaus

und das Gesindehaus zu retten. Das war ihnen auch gelungen, denn der

Wind war günstig. Aber die Giebel waren geschwärzt, die Fensterscheiben

zerplatzt.

Und abseits von denen, die das Unglück traf, stand die Menge mit ihren

Gefühlen. Ein lähmender Schreck hatte sie aus den Stuben gerissen,

als die Glocke vom Turme wimmerte und der Feuerruf durch die Gassen

heulte. Aber als sie sich überzeugten, daß sie selbst nicht in Gefahr

seien, legte sich die Angst sehr rasch. Mitleid kam, Lust zu helfen,

Lust zu schauen, Lust was zu erleben. Niemand von diesen Leuten war

müde, alle belebte die Sensation, und so kam es auch hier wie immer,

daß dicht neben das Grauen und die Vernichtung der Humor sich unter die

Gaffer stellte und sich sein Sprüchlein leistete. Jetzt war nichts mehr

zu retten; aber immer, wenn eine neue Spritze ankam, trat sie mit in

Tätigkeit, und so fuhren die Wasserstrahlen in den rettungslos weiter

brennenden Stall lustig hinein und erzeugten viel Zischen und Dampf.

Zu ganz später Zeit, als das Feuer schon nachließ, kam die Spritze

eines Nachbarortes, der nur eine Viertelstunde weit entfernt lag.

»Die sind auch schon munter!« sagte einer laut.

»Um die is 's nich schade,« bemerkte sein Nachbar ebenso vernehmlich.

»Der ihre Spritze is a Unikum. Bei der vertrocknen im Sommer immer die

Messingventile.«

Die verspäteten Rettungsmannschaften machten ob solch vorlauter und

sehr applaudierter Rede grimmige Gesichter. Aber da die Spötter recht

behielten, mühten sie sich ein wenig um ihre Spritze ab, pumpten,

schraubten, rüttelten, besahen sie mit verständigen Mienen von allen

Seiten, überzeugten sich aber, daß nichts zu machen sei, und fuhren

deshalb kopfschüttelnd wieder heim. Und das schöne Bewußtsein, das Gute

wenigstens gewollt zu haben, begleitete sie.

Dort, wo die Weiber standen, war viel Lärm. Jede hohe, stolze Flamme

wurde mit viel Geschrei begleitet; über alles, was geschah, wurde laut

verhandelt, gezetert, gejammert oder gelacht.

Als Mathias Berger den Heinrich ins Haus trug, wurden Rufe des Mitleids

laut, auch als Frau Anna müde und krank über die Straße geschritten

kam. Aber als Berger den Stuhl und die Decke holte, zwinkerten sich ein

paar Weiber wortlos zu.

Und dann schritt der Bauer Raschdorf schweigend an ihnen vorbei, ohne

sie anzusehen.

Die Weiber sahen ihm nach und atmeten schwerer; aber sie schwiegen,

bis er weit genug war. Dann wollten sie alle gern über ihn reden, aber

keine hatte den Mut, anzufangen. Nur zögernd, tropfenweise beginnend,

aber immer anwachsend, entstand ihre Rede, wie ein kunstgerecht

gezogener Wasserfall.

»O je,« seufzte die Mutigste und Ungeduldigste.

»Den trifft's auch ordentlich,« sagte eine zweite.

»Nu, da!« sagte eine dritte. »Und wenn man bedenkt, wie er doch -- wie

er doch eigentlich --«

Pause. Sie mochte nicht vollenden -- die dritte. Aber alle waren

gespannt, geladen, übervoll von innerem Rededrange.

Inzwischen stürzte abermals eine Mauer dröhnend zusammen. Eine

Schuttwolke, durch die Millionen Funken blitzten, fuhr wirbelnd in

die Höhe. Die Weiber waren bei dem Knall zusammengefahren, aber sie

vergaßen deshalb nicht, was sie bewegte. Ein paar Sekunden sahen sie

nach dem rauchenden Trümmerhaufen, dann kehrte ihr Interesse zu Hermann

Raschdorf zurück.

»Na, Gott verzeih' mir die Sünde!« sagte wieder die Erste, Mutigste,

Ungeduldigste. »Man soll ja keinem was Schlechtes nachsagen, überhaupt

bei so was, aber stolz war der Raschdorf --«

Sie konnte nicht vollenden, der Bann war gebrochen, die Schleuse

gezogen, die Fluten dröhnten. Es war ein Chaos. Da kam über den

Garten eine häßliche, dürre Frau daher. Sie stellte sich zu ihren

Mitschwestern, hörte ihr Lärmen und lächelte fein. Das waren ja alles

dumme Gänse gegen das, was _sie_ wußte.

Allmählich brauste der Wasserfall schwächer -- verlief sich. Die Weiber

sahen die Neue an. Sie ahnten mit feinem Instinkt, daß sie etwas

Besonderes wisse.

»Was haste denn, Glasen?« fragte eine. »Haste was gesehen oder gehört?«

»Sie weiß was!« »Natürlich weiß sie was!« »Na, seht och, wie sie tut!«

»Warum will sie's denn nich sagen?« »Wir sagen doch nischt weiter!«

So sprudelte es durcheinander.

Frau Glase blähte sich vor Stolz und Überlegenheit.

»Was ich weiß, weiß niemand,« sagte sie kühl.

Nun brach das Chaos wieder los.

Das wäre doch unrecht, so was nicht zu sagen. Man hätte doch keine

Geheimnisse. Es wär' doch nichts dabei. Überhaupt sei das gar nicht

recht, erst so zu tun. Weitergesagt würde doch nichts. Es seien doch

alle immer sehr freundlich zur Glasen gewesen. Eine habe gar bei ihr

Pate gestanden. Und sie seien doch so unter sich. Oder vielleicht wisse

sie überhaupt nichts.

Das letzte Argument allein zündete; Frau Glase richtete sich auf.

Sie sah die Zweiflerin verächtlich an und wandte sich darauf an die

Allgemeinheit.

»Aber daß Ihr nischt weitersagt!«

Über ein Schock Finger fuhren beteuernd nach der Gegend des

Schürzenlatzes.

»Ich hab' durchs Fenster gesehen, bloß wegen des Jungen, es tut einem

doch leid um so ein Kind, es war ganz durchnäßt --«

»Natürlich tut's einem schrecklich leid. Weiter!«

»Na, also da war erst der Berger allein und dann --«

»Dann? Weiter, Glasen!«

»Dann kam die Frau.«

»Wir haben sie gesehen! Wir haben ja gesehen! Weiter, Glasen! Dann kam

die Frau. Und, und was war da?«

Frau Glase machte eine Kunstpause und weidete sich an der Spannung

ihrer Mitschwestern. So ein großes und stolzes Gefühl hatte sie noch

nie empfunden in ihrem Leben.

»Weiter, Glasen! Erzähl' doch weiter!«

»Um den Hals genommen hat a sie.«

»Um den Hals genommen!« Das wieherten sie.

»Um den Hals genommen und geküßt!«

»Geküßt!«

Das Wort kam von allen zu gleicher Zeit. Dann war es still. Es

arbeitete zu sehr in diesen Weibern; sie konnten nicht reden. Schreck,

Freude, Sensationslust fuhren wie ein jäher Sturm über ihre flachen

Seelen, und der eigene Schlamm rührte sich und warf Blasen.

Allmählich nur beruhigten sie sich. Aber jetzt waren sie stiller. Sie

traten dichter zusammen und tuschelten und raunten und taten entrüstet

und verbargen ein Lachen und waren alle sehr vergnügt.

Ein Riese nahte der Gruppe; er trug zwei schwere Eimer mit Wasser

in den Händen. Schweigend, ohne auch nur hinzusehen, wollte er

vorübergehen.

Da drang ein Laut an sein Ohr, der ihn verwirrte. Er machte ein

unbeholfenes Gesicht und glaubte, er habe sich getäuscht; aber ein

zweites und drittes Wort fing er wider Willen auf. Da wurden ihm die

Eimer schwer, und er stellte sie auf die Erde. Noch so ein böses Wort,

noch eins. Da reckte sich der Riese.

»Dreckschleudern, sauelendige! Wollt Ihr die Fresse halten! Wollt Ihr

wohl gleich die Fresse halten?!«

Und ein Eimer eiskalten Wassers ergoß sich über die Köpfe der Weiber,

ihm folgte blitzschnell der zweite.

Kreischen, Gellen, eilige Flucht, Lachen oder auch zornige Zurufe der

Männer, und August Reichel, der Schaffer, stand allein und zitterte zum

erstenmal in seinem Leben.

Eine Weile stand er ganz stumm und dumm da. Hilflos blickte er in

die leeren Eimer. Es war richtig, er hatte sie ausgegossen und eine

laute, lange Rede dazu gehalten. Es wunderte ihn, daß er etwas gesagt

hatte. Das Ausgießen fand er ohne weiteres in Ordnung. Einem Manne,

der lachend herankam und fragte, was denn der Schaffer mit den Weibern

habe, gab er keine Antwort. Er ergriff nur seine Eimer und ging

verdrossen nach dem Bache zurück, von wo er gekommen war.

Es soll wenig so peinliche Dinge auf der Welt geben, als wenn jemand,

der gerade mit Lust und Begeisterung schimpft, unvermutet mit Wasser

begossen wird. Bei irgendeinem Heidenvolke hatte einmal der Gott der

Gerechtigkeit den Einfall, das unverhoffte Wasserbad vom Himmel aus für

alle schimpfenden und verleumdenden Menschen einzuführen; aber der Gott

der Weisheit widerriet ihm und sagte, da käme die Welt aus der Sündflut

nicht mehr heraus.

Ein Teil der Weiber schlich still nach Hause. Das waren jene, die nicht

bloß froren, sondern sich auch schämten, denn es waren auch viele

gutmütige dabei. Die anderen liefen zu ihren Männern und schimpften

mehr als zuvor, und die Männer nahmen sich der durchnäßten Ehefrauen an

und schimpften mit.

So hatte August Reichel, der dumme, gute Riese, mit seinen zwei Eimern

Wasser nichts gelöscht, er hatte nur Öl in ein böses Feuer geschüttet.

Die Aufgeregten zogen sich ein wenig zurück und standen beratend

beieinander.

Und es kam einer heran, der bisher mit offenem Munde und blöden,

glänzenden Augen ganz dicht am Feuer gestanden hatte -- Gustav

Schräger, der idiotische Sohn des Gastwirts. Immer nach drei Schritten

blieb er stehen und starrte in die lodernde Glut. Und dann reckte er

die Hände in die Luft, als wolle er die Flammen aneifern, immer höher

empor zu schlagen.

»O je, es wird kleiner! Es ist nicht groß! Uff! Uff! Hu! Brr! Aah!«

Die Weiber deuteten auf den Idioten und lachten. Dann riefen sie ihn

an. Er kam langsam näher, grinste und sagte ganz unvermittelt:

»Der Herr Raschdorf hat's angezündet!«

Die Gesellschaft schrak bei diesem Wort zusammen.

»Gustav, wirste still sein! Das sagt man doch nich! Aber Gustav!«

Der Idiot schnitt eine Grimasse.

»Ich weiß es! Er hat's angezündet! O! Ah! Dort, das is fein! Hoch!

Hoch! Brr!«

Er wollte wieder zum Feuer zurück, aber ein Weib hielt ihn am Arm fest.

»Wie kannste denn so was sagen, Gustav? Das darfste doch nich.«

Er sah sie grinsend an.

»Es is schön! Und es wird noch ein Mann verbrennen! Paß auf! Und sie

werden ihn tragen! Siehst Du! Siehst Du! Dort! Ooh -- oooh!«

Er wollte sich losreißen, aber das Weib hielt ihn fest.

»Gustav, Du mußt's uns sagen. Wie kannste denn sagen: der Herr

Raschdorf hat's angezündet? Du wirst ja eingesperrt, wenn das

rauskommt.«

Der Idiot sah sie an und zog ein weinerliches Gesicht.

»Ich laß mich nich einsperren! Ich will nich! Ich will zum Feuer! Ich

sag's meinem Vater! Laß mich doch los! Du zwickst mich in meinen Arm!«

»Aber woher weißte denn das vom Herrn Raschdorf, Gustav?«

»Er will mich rausschmeißen! Gar nischt zu sagen! Es war kalt! Es war

so kalt!«

»Aber a hat doch nich angezündet?«

»A hat's gesagt. A hat gesagt, a zünd't an. Laß mich los! A hat's

gesagt! Und ich soll raus -- raus -- Du zwickst mich so -- alte Gans!«

Der Idiot brach in Heulen aus. Vergebens versuchten die Weiber ihn zu

beruhigen. Er riß sich los und lief nach Hause.

Der Gastwirt Julius Schräger kam keuchend heran.

»Was habt Ihr mit dem Jungen? Was habt Ihr mit dem unglücklichen Kinde?«

Er war in riesiger Erregung. Ein Mann trat vor.

»Herr Schräger, wir haben ihm bloß gutt zugered't, weil a -- weil a was

gesagt hat --«

»Was hat a gesagt? Was hat a gesagt?«

Sie schwiegen.

»Was a gesagt hat, will ich wissen! Was Ihr mit mein'm Jungen habt,

will ich wissen!«

Ein Mann faßte Mut. »Nu, ich sag's halt! Ich sag's ja bloß nach. Mir

kann keiner was anhaben.«

»Was a gesagt hat, will ich wissen!«

Schräger wurde feuerrot. Da trat der Mann an ihn heran und flüsterte

ihm etwas ins Ohr. Die anderen waren totenstill.

»Das is Unsinn! Das sagt halt der dumme Junge so. Das hat a vielleicht

nich richtig verstanden. Gesagt hat der Raschdorf was; aber das war

gewiß nich so gemeint.«

Schräger ging seinem Sohne nach, und die Menge blieb erregt in

flüsternder Unterhaltung zurück. Das Feuer ließ langsam nach, aber die

Unglückswolke stand über dem Buchenhof schwärzer als zuvor.

* * * * *

Ein grauer Herbstmorgen kam. Die Spritzen und alle die neugierigen

Zuschauer waren fort. Mathias Berger und August Reichel trugen aus

dem Garten die letzte Truhe ins Wohnhaus. Als sie den schweren Kasten

aufheben, sah Berger, daß ein umgebrochenes, hölzernes Kreuzlein

darunter lag; darauf stand zu lesen: »Hier ruht unser liebes Hühnchen.«

Von der Herrschaft war nichts zu sehen. Die Frau lag schwerkrank zu

Bett, und der Herr hatte sich in eine Stube eingeschlossen. Auf einem

Sofa in feuchten Kleidern lag Magdalene Raschdorf und schlief. Sie

hatte rote Wangen und lachte im Traum. Zwei Schritte davon entfernt

hatte sich Hannes auf die bloße Diele gebettet und lag regungslos wie

ein Toter.

Heinrich stand draußen mitten im Schutt. Ein Mädchen näherte sich ihm

und sah ihn mit großen Träumeraugen lange an.

»Heinrich!«

»Du -- ach Du bist's, Schräger-Lotte!«

Sie kam näher und sah ihm mit tiefer Teilnahme ins Gesicht. Er schlug

die Augen nieder und preßte die Lippen fest aneinander. Er wollte sich

beherrschen. Da faßte sie ihn am Arm und lehnte den blonden Mädchenkopf

an seine Schulter.

»Es tut mir leid um Euch, Heinrich! Ich hab' die ganze Nacht geweint.

Deine Mutter war bei uns und hat auch so geweint.« Sie schluchzte.

Da hielt er sich nicht länger, ein krampfhafter, dumpfer Schrei kam ihm

vom Munde.

»Lotte! Jetzt -- jetzt wissen wir nicht mehr, wohin.«

Und er weinte bitterlich.

»Heinrich -- lieber Heinrich!«

Es lag ein guter, tröstender Klang in dieser Stimme.

Nach einer Weile beruhigte er sich. Er nahm Lotte an der Hand und zog

sie mit sich bis zu dem umgestürzten Karren, auf dem in der Nacht sein

Vater gesessen hatte. Dort setzten sich die beiden Kinder nieder und

schmiegten sich dicht aneinander.

Mit seltsamer Stimme sagte Heinrich: »Gestern, als ich dort oben fuhr,

dort oben auf der Straße, und unseren Hof sah, da war ich so stolz und

wollte ihn gern allen Bekannten in Breslau zeigen und sagen: »Seht Ihr,

das ist unser.« Und nachher sagte mein Vater, wir seien bankerott, und

in der Nacht brannten wir ab.«

Er fröstelte in sich zusammen, und das Mädchen rückte ihm noch näher.

Mit flüsternder Stimme sagte sie: »Sei nur still, Heinrich! Der Vater

sagt, ich erb' einmal unser Haus und unsere Felder. Nachher schenk' ich

Dir alles.«

Der Knabe rührte sich nicht. Aber es ging warm durch den jungen Körper.

Langsam wandte er den Kopf und sah Lotte an, die mit großen, schönen

Augen tröstend zu ihm aufschaute. Und da beugte er sich zu ihr und

küßte sie feierlich auf den Mund.

»Wenn ich groß bin, werd' ich Dich heiraten, Lotte.«

Das sagte er fest und bestimmt.

Das Mädchen lächelte glücklich. »Aber den schönen Fingerring hast Du

der Liese geschenkt.«

»Das war nur, weil ich mich vor dem Hannes und dem Mathias schämte. Ich

wollte ihn eigentlich für Dich.«

Dann saßen sie schweigend. Ringsum war trüber Herbst, und der Wind fuhr

über die Ruinen und spielte mit Schutt und Staub.

Da sah das Mädchen nach dem Dorfwege.

»Du, Heinrich, da kommt Dein Großvater!«

»Ja, er ist's,« sagte der Knabe. »Der hat Feuer läuten müssen in der

Nacht. Denk' mal, Lotte, was das ist, in der Nacht über den Kirchhof

gehen und auf den finstern Turm klettern. Und dann hat er mit seinen

alten Augen vom Turme auf das Feuer gesehen und gewiß an meine Mutter

gedacht.«

Das Mädchen legte die Hand prüfend über die Augen. Auch der Knabe sah

wieder scharf nach dem Wege.

»Sieh mal, Lotte, der Großvater kommt so schnell, und sonst kriegt er

doch so schwer Atem -- und da hinten, wer kommt da?«

»Das ist der Wachtmeister, Heinrich!«

»Der Wachtmeister? Was will der?«

»Was will der?« wiederholte das Mädchen unschlüssig.

Heinrich erhob sich erregt. »Ich will hinein, ich muß wissen, was das

bedeutet. Geh' auch heim, Lotte, es steht so eine finstere Wolke über

uns, und es fängt an zu regnen!«

[Illustration]

[Illustration: Kapitel 5]

Das Verhör des Angeklagten war beendet. Hermann Raschdorf hatte die

Schuld, die ihm zugemessen wurde, nicht eingestanden. Der Zuhörerraum

war überfüllt. Wer aus dem Dorfe hatte abkommen können, war zur

Verhandlung gefahren.

»A sieht riesig schlecht aus,« flüsterte der Schmied dem Krämer zu.

»Na, das is aber och,« sagte der. »Das nimmt einen schon mit. Überhaupt

so eenen wie den! Na, seh och, was a für graue Haare gekriegt hat.«

»Nich a eenzigesmal sieht a sich um,« sagte die Glasen. »A schamt sich

halt zu sehr!«

»Da soll sich eener och nich --«

»Ruhe im Zuhörerraum!«

Der Gastwirt Julius Schräger wurde aufgerufen. Mit glühend rotem

Gesicht trat er vor den grünen Tisch. Nicht einen Blick sandte er nach

dem Angeklagten, der seinen Nachbar mit verängstigten Augen betrachtete.

»Ich mache Sie auf die Heiligkeit und Wichtigkeit des Eides aufmerksam!

Sprechen Sie mir nach!«

»Ich schwöre, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und

nichts hinzusetzen werde! So wahr mir Gott helfe!«

Die Personalien des Zeugen wurden festgestellt, und dann wurde Schräger

aufgefordert, alles zu sagen, was er etwa über die Entstehung des

Brandes wisse.

In unbeholfener Rede begann er. Er erzählte, daß Raschdorf am

Nachmittag des Brandtages bei ihm gewesen sei, daß sie zuerst über die

mißliche Vermögenslage des Angeklagten gesprochen hätten; dann sei der

Riedel-Bauer gekommen und hätte von einem Feuer in der Nachbarschaft

erzählt. Und da hätte der Raschdorf gesagt, so schlimm sei das

Abbrennen gar nicht, weil doch die Versicherung zahle und weil alle

Leute einem Abgebrannten helfen.

»Was haben Sie zu solchen Redensarten gesagt?«

»Ich hab' gesagt, er solle sich nich versündigen!«

»Jawohl, das war auch das einzig Richtige, was Sie sagen konnten.

Erzählen Sie weiter!«

Ja, weiter wisse er nicht viel. Der Riedel hätte gesagt, die Gebäude

des Raschdorf seien doch sehr gut; aber da hätte der Raschdorf

entgegnet, der Stall tauge nichts und die Dächer seien schadhaft; es

gäb' überhaupt immer Flickereien. Der Raschdorf sei etwas betrunken

gewesen. Um sieben Uhr sei er fortgegangen, und um halb acht Uhr sei

eine Magd vom Buchenhof gekommen und habe das Feuer gemeldet.

»Sie haben mit dem Angeklagten in Geldgeschäften gestanden?«

»Ja, ich hab' ihm manchmal borgen müssen.«

»Zuletzt hat der Angeklagte einen großen Verlust durch Aktienkauf

gehabt. Es heißt, Sie hätten ihm zu diesem Geschäft dringend geraten.

Wie steht das?«

Schräger wurde verlegen. Er erzählte, vor Jahren sei ein

Fabrikunternehmen als Aktiengesellschaft gegründet worden. Da hätte er

dem Raschdorf geraten, sich zu beteiligen. Der Raschdorf hätte das auch

getan.

»Aber er hat damals eine Hypothek aufnehmen müssen, um die Aktien

zeichnen zu können?«

»Ja, aber damals hat der Raschdorf noch sehr gut dagestanden.«

»Es war ein gewagter Rat von Ihnen! Aber Sie meinten wohl, die Sache

sei sicher und werde rentabel werden?«

»Ja -- ja, das meint' ich!«

»Das is nich wahr! Das is a Schwindel!«

»Ruhe im Zuhörerraum! Wenn das noch einmal vorkommt, laß ich den

Störenfried sofort hier vorführen!«

Die Dorfleute duckten sich zusammen und rückten ein wenig von Mathias

weg, der zitternd an der Barriere stand und die Worte gerufen hatte.

»Wissen Sie, Herr Schräger, wer der Brandstifter gewesen ist?«

»Nein!«

Der Verteidiger erhob sich.

»Eine Frage! Herr Schräger, Sie sind ein Freund und Nachbar des

Angeklagten gewesen. Sie kennen ihn genau von Jugend auf. Halten Sie

ihn der Brandstiftung für fähig?«

Schräger wurde sehr unruhig. »Ich -- ich weiß es nich genau. Aber ich

denke -- a wird's wohl gewest sein!«

»Das is nich wahr! Das is 'ne Gemeinheit! Der Raschdorf war's nich!

Eher war's der Schräger schon selber!«

Der Präsident fuhr empört in die Höhe.

»Gerichtsdiener! Der Mann dort an der Barriere, der das gerufen hat,

ist sofort hier vorzuführen!«

Ein Gerichtsdiener kam in den Zuhörerraum, und Mathias Berger wurde dem

Richter vorgeführt. Die Dorfleute wagten kaum noch zu atmen.

Die Personalien Bergers wurden festgestellt.

»Wie können Sie sich erdreisten, hier wiederholt die Verhandlung zu

stören?«

»Ich -- ich halt' mich nicht, wenn ich seh', wie der -- der -- der Lump

da falsch aussagt!«

»Ich werd' ihn verklagen!« sagte Schräger krebsrot vor Wut.

»Das ist Ihr Recht, Zeuge!«

Der Staatsanwalt erhob sich.

»Ich beantrage gegen Mathias Berger wegen groben Unfugs vor Gericht

drei Tage sogleich zu vollstreckender Haft!«

So wurde erkannt und Berger abgeführt.

Draußen auf dem langen Gerichtskorridor lehnte in einer Fensternische

Heinrich Raschdorf. Mathias Berger, den der Gerichtsdiener sacht am

Arme hatte, ging an ihm vorüber und sah ihn mit einem wehen Blicke an.

»Mathias -- Mathias, was ist --?«

»Heinrich, Dein Vater ist verloren!«

»Mathias, ich will -- ich -- ich --«

Er klammerte sich verzweifelnd an den Lumpenmann.

»Geh weg, mein Junge, laß los!«

Er ließ nicht los, da schob ihn der Gerichtsdiener energisch zur Seite.

Der Knabe sah den beiden nach, die in dem langen Korridor verschwanden.

Dann trat er ans Fenster und starrte hinab in den kahlen Gerichtshof.

Drinnen im Gerichtssaal wurde eine Magd verhört.

Sie habe im Kuhstall zu tun gehabt, aber dann habe sie einen Futterkorb

aus der Scheune holen wollen, und da habe sie gesehen, daß es brenne.

Da sei sie nach der Wohnstube gelaufen.

»Was hat der Angeklagte gesagt, als Sie ihm die Meldung machten?«

Die Magd schwieg.

»Was Ihr Herr gesagt hat, als Sie ihm sagten, daß es brenne, frage ich.«

»A -- -- a hat gesagt: »Es -- es brennt!« Und dann hat a -- hat a --

gelacht!«

Eine Bewegung ging durch den ganzen Gerichtssaal, und der Angeklagte

zuckte zusammen.

Dann ein Knecht. Er sagte aus, der Herr sei in den Pferdestall zu

ihm gekommen und sehr lange dagewesen. Er hätte über alles mögliche

geschimpft, und dann sei er gegangen. Wohin, das wisse der Zeuge nicht.

»Heinrich Raschdorf!«

Kein Atemzug war hörbar im weiten Gerichtssaal. Der Angeklagte nur fuhr

herum und wandte sein erdfahles Gesicht der Tür zu.

Gesenkten Kopfes, mit blutleerem Angesicht trat Heinrich Raschdorf

in den Gerichtssaal. Ein einziges Mal irrten seine dunklen Augen im

Kreise. Als er den Vater sah, öffnete sich ihm der Mund, das Gesicht

verzog sich, und er blieb stehen. Aber dann senkte er die Augen und

trat vor den Richter.

Der betrachtete den bildschönen Knaben, und durch die kalten,

forschenden Juristenaugen zuckte ein warmer Strahl.

»Mein Kind! Du bist als Zeuge vorgeladen. Der Angeklagte ist Dein

Vater. Du darfst das Zeugnis verweigern. Dann kannst Du bald wieder

gehen!«

Der Knabe hob die Augen und sah den Richter ängstlich an.

»Ich -- ich will alles -- alles sagen. Ich -- ich habe -- habe selber

angezündet!«

Ein paar Schreie tönten aus dem Zuhörerraum, und der Präsident vergaß

den Ordnungsruf.

»Du hast angezündet?«

»Ja! -- Ich -- ich hab' Zigaretten -- Zigaretten rauchen wollen -- in

der Scheune -- und da -- da --«

Der Angeklagte erhob die Hand.

»Heinrich! Heinrich, ist das wahr?«

Heinrich Raschdorf sah ihn nicht an und sagte:

»Es ist wahr!«

»Junge, wie kannst Du das so sagen? Du wirst ja sofort eingesperrt,

wenn das wahr ist. Bedenke doch das!« mahnte der Richter.

»Es ist wahr!« wiederholte Heinrich.

Daran wurde er blaß und fing an so heftig zu zittern, daß ihm der

Richter gebot, sich einstweilen zu setzen, bis er sich erholt habe.

Die Verhandlung nahm ihren Fortgang.

»August Reichel!«

Der Riese tappte schwer in den Saal. Die Eidesformel murmelte er so

leise, daß ihn der Präsident ermahnen mußte, vernehmbar zu sprechen.

Mit unbeholfenem, ängstlichem Gesicht stand er vor dem Gericht. Er

sollte erzählen, aber er knurrte nur, brummte unverständliches Zeug und

brachte keinen Satz heraus. Da verlegte sich der Richter aufs Abfragen.

»Waren Sie zur Zeit der Tat im Hofe oder in den Wirtschaftsgebäuden?«

Reichel starrte den Richter an und schwieg.

»Ich frage, ob Sie an dem betreffenden Tage abends in der Zeit von 7

bis ½8 Uhr sich im Hofe, im Stalle oder in der Scheune aufgehalten

haben?«

Der Schaffer schüttelte den Kopf.

»Nee!«

»Wo waren Sie in dieser Zeit?«

Reichel besann sich und sagte dann langsam:

»Derheeme!«

»Was heißt »derheeme?« Sie meinen, Sie waren zu Hause in Ihrer Stube?«

Reichel nickte.

»Wer war bei Ihnen?«

»Der Hannes und der Heinrich!«

»Was haben die Knaben bei Ihnen gemacht?«

»Sechsundsechzig!«

»Was?«

»Sechsundsechzig! Ich bring's ihn' bei!«

Ein paar Geschworene grinsten.

»Also die Knaben haben Karten gespielt? Wie lange?«

»Bis um halb achte!«

»Wieso gerade bis ½8 Uhr?«

»Wie's halb schlug, nahm ich die Karten weg.«

»So! Und dann ist Heinrich Raschdorf fortgegangen? Allein?«

»Nee, mit Hannes!«

»Wissen Sie etwas über die Entstehung des Brandes?«

Reichel schüttelte den Kopf.

»Aber der Herr is 's nich gewesen!« sagte er.

»Wieso ist er's nicht gewesen?«

Reichel zuckte die Schultern.

»Wissen Sie etwas, was dafür spricht, daß Ihr Herr unschuldig ist?«

Reichel nickte bedeutsam.

»Ich sprech's!«

Der Richter fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.

»Ich meine, Reichel, das ist doch nur Ihre Ansicht! Haben Sie

irgendeinen Beweis dafür?«

»A tutt's nich! A tutt's nich!«

»Setzen Sie sich!«

Der Schaffer setzte sich auf die schmale Zeugenbank und streckte die

mächtigen Beine weit in den Saal. Er machte ein finsteres Gesicht, denn

das viele Reden hatte ihn verdrossen. --

»Johannes Reichel!«

Hannes wurde halb zwangsweise in ganz jämmerlicher Verfassung

herbeitransportiert. Er zappelte an Händen und Beinen und heulte zum

Steinerweichen. Der Richter redete ihm gut zu, aber davon wurde das

Geheul ärger. Da brüllte ihn der Beamte riesig an, und das half.

Der Richter stellte zunächst fest, daß Hannes mit seinem Vater und

Heinrich zusammen gewesen sei.

»Was habt Ihr gemacht?« fragte der Richter in seiner wohlwollenden,

aber etwas kurzen Weise.

Über diese Frage erschrak der gute Hannes mächtig. Er fing an zu

heulen, hob die Hände bittend auf und schluchzte: »Sechsundsechzig

gespielt -- aber ich werd's ja nich mehr machen -- ich werd's ja nich

mehr machen -- bloß nich einsperr'n -- och -- och je -- och je --«

»Sei mal ruhig, Junge! Ob Ihr Karten gespielt habt, ist mir egal. Da

passiert Dir nichts. Erzähl' mal, wie der Heinrich Raschdorf nach Hause

gegangen ist. Aber nun sag' die Wahrheit! Wehe Dir, wenn Du lügst. Also

wie war das?«

Hannes erzählte, er sei mit Heinrich sofort hinüber nach der Wohnstube

gegangen.

»Sag' mal, mein Junge, Karten gespielt habt Ihr also; habt Ihr nicht

auch geraucht?«

»Nee, geraucht haben wir nich -- gar nich geraucht -- gar nich a

kleenes bissel --«

»Johannes, lüge nicht! Ihr habt geraucht?«

»A eenziges Mal haben wir Zigaretten geraucht, aber das war im Sommer

auf'm Felde -- der Heinrich zwei und ich eine -- aber da wurd' uns so

schlecht --«

»Ob Ihr an dem Tage geraucht habt, wie's bei Euch brannte?«

»Nee, da nich, da hatten wir ja gar keene Zigaretten. Wahrhaftig nich!«

»Seid Ihr nicht, ehe Ihr zu Raschdorf in die Wohnstube ginget, in der

Scheune gewesen?«

»Nee, wir sind bald rübergegangen.«

»Heinrich Raschdorf!« Der Knabe trat wieder vor.

»Du hast gehört, was Dein Freund aussagt. Das ist gerade das Gegenteil

von dem, was Du sagst. Wer lügt nun von Euch beiden?«

»Ich -- ich hab' geraucht -- allein geraucht -- in der Scheune --«

»Du hast allein geraucht? Wann hast Du geraucht? Wann bist Du allein

gewesen?«

Der Knabe kam in tödliche Verlegenheit und wußte keine Antwort. Hannes

faßte Courage und meldete sich mit dem Zeigefinger wie in der Schule.

»Herr Lehrer, a schwindelt! A war ja immerfort bei uns, und dann, wie

wir rübergegangen sind, da is noch der Robert mit uns gegangen, der

Knecht.«

»Robert Kirschner!«

Der Knecht sagte aus, er sei aus dem Wagenschuppen gekommen, da habe

er die beiden Knaben aus dem Gesindehause kommen sehen, und weil er

den Heinrich, der gerade erst zu den Ferien gekommen sei, noch nicht

gesprochen habe, sei er mit den Knaben gegangen und habe sie bis zur

Tür begleitet. Den Heinrich habe er in die Stube gehen sehen, und mit

dem Hannes habe er noch geplaudert. Und da sei schon die Karoline

gekommen und habe gesagt, daß es brenne.

»Heinrich Raschdorf! Warum lügst Du vor Gericht? Warum beschuldigst Du

Dich selbst?«

»Mein Vater! Mein Vater!«

»Du hast Deinen Vater retten wollen?«

Der Knabe nickte unter heftigem Schluchzen. Es war aus mit seiner

Fassung.

»Hat Dir jemand zugeredet zu einer solchen Aussage? Sag' jetzt die

Wahrheit, mein Junge! Du weißt, Gott sieht Dir ins Herz. Und Du darfst

Dein Herz nicht beflecken. Hat Dir jemand zugeredet, Dich selbst falsch

anzuklagen?«

»Es hat mir niemand zugeredet!«

»Wirklich nicht? Wie kamst Du darauf?«

»Ich hab' so Angst -- so schrecklich Angst!«

»Setz' Dich, Heinrich Raschdorf!«

»Frau Anna Raschdorf!«

Die schwindsüchtige Frau wankt in den Saal. Auf ihren Wangen blühten

die Kirchhofsrosen.

»Wollen Sie von Ihrem Recht der Zeugnisverweigerung Gebrauch machen,

Frau Raschdorf?«

»Nein!«

Sie sagte aus, was sie wußte. Sie leugnete nicht, daß Ihr Mann nicht

nüchtern gewesen sei; aber als er dem Knaben mitgeteilt, der Ruin stehe

vor der Tür, habe er gebebt. Und durch den Brand sei es nur schlimmer

geworden. Maschinen seien verbrannt, die nicht versichert seien, die

ganze, reiche Ernte sei verbrannt, das Vieh müsse auswärts sein. Das

Elend sei erst durch den Brand voll geworden.

Eine Reihe anderer Zeugen wurde noch vernommen, ohne daß etwas

Erhebliches zutage gefördert wurde.

Die Plaidoyers begannen.

Der Staatsanwalt führte aus:

Der Angeklagte sei in einer verzweifelten Vermögenslage gewesen.

Er habe am Johannitermin die Zinsen nicht zahlen können und am

Michaelitermin auch nicht. Dazu sei eine Wechselschuld gekommen,

die er nicht habe tilgen können. Am Nachmittag des Brandtages nun

sei durch die Erzählung des Bauern Riedel die Phantasie Raschdorfs

angeregt worden; er habe in einem Brande einen günstigen Ausweg

erkannt und diesem Gedanken auch durch außerordentlich belastende

Worte Ausdruck verliehen. Sein Hirn sei durch reichlich genossenen

Alkohol weiter erhitzt worden, und so sei der Vertreter der Anklage

der vollen Überzeugung, der Angeklagte habe das Feuer in der Scheune

angelegt, sei darauf in den Pferdestall gegangen, wo er durch ganz

unmotiviertes Herumschimpfen sich habe gleichgültig und unverdächtig

stellen wollen, und habe sich dann nach der Wohnstube begeben. Im

Rausch hätte er es dann nicht verhindern können, zu lachen, als die

Magd das Feuer meldete. Welcher Bauer lache wohl, wenn ihm Feuer in

seinem Gehöft gemeldet würde? Die Tatsache, daß sich die Vermögenslage

des Angeklagten durch den Brand verschlechtert habe, könne entlastend

nicht ins Gewicht fallen. Raschdorf habe einen vorläufigen Aufschub,

eine Wendung der Dinge gewünscht; die Aussicht, viel bares Geld in

die Hand zu bekommen, habe ihn verlockt. Verdächtig erscheine dem

Staatsanwalt auch die Aussage des Heinrich Raschdorf. Welches Kind

klage sich selbst eines so furchtbaren Verbrechens an, wenn es nicht

dazu angeregt, geradezu verführt worden sei? Ein Kind habe Angst vor

dem Gericht; es suche sich eher reinzuwaschen als sich zu belasten.

Dieser Knabe Heinrich Raschdorf habe entlastend wirken wollen, aber das

Gegenteil sei eingetreten. Es sei eine verunglückte Komödie gewesen.

Auch den anderen Zwischenfall wolle der Staatsanwalt nicht unerwähnt

lassen. Vom Zuhörerraum sei Partei genommen worden für den Angeklagten,

und der Hauptbelastungszeuge Schräger sei beleidigt und geradezu selbst

beschuldigt worden. Gerade dieser Zeuge sei aber durchaus glaubwürdig.

Durch den Brand sei sein eigenes Gehöft, das ganz in der Nachbarschaft

liege, höchst gefährdet gewesen; dazu komme, daß Schräger den ganzen

Nachmittag in Gesellschaft seiner Gäste in der Wirtsstube gewesen sei

bis zum Ausbruch des Brandes. Und dieser Mann, der den Angeklagten

von Jugend auf kenne, der sein Freund sei und ihm dutzendmal aus

finanziellen Notlagen geholfen habe, der nun bei Verurteilung des

Angeklagten und dem daraus resultierenden finanziellen Zusammenbruch

wahrscheinlich sein Geld verliere, sei unter dem Druck des Eides doch

nicht fähig gewesen, auszusagen, daß er seinem Freund, Nachbar und

Schuldner die Tat nicht zutraue. Er, der Staatsanwalt, bitte die Herren

Geschworenen, das Schuldig auszusprechen, damit die Bestrafung des

Verbrechers erfolge.

Ein Schrei. Heinrich Raschdorf lag mit weit ausgestreckten Armen im

Gerichtssaal, mit dem Gesicht auf der Erde.

Der Schaffer hob ihn auf und trug ihn behutsam aus dem Saale. Ihm

folgte Frau Anna.

So war Hermann Raschdorf allein. Weder Frau noch Kind hörten die Rede

des Verteidigers. Die Ausführungen dieses Mannes bestanden in der

Hauptsache darin, daß Hermann Raschdorf, der ein gewisses Maß von

Bildung besitze, nie und nimmer ein so plump angelegtes Verbrechen

begangen haben könne. Er würde sich, selbst im Rausche, gehütet haben,

kurz nachdem er die unvorsichtigen Worte gesprochen, eine Tat zu

begehen, deren er mit großer Wahrscheinlichkeit verdächtigt werden

mußte. Dazu komme, daß Raschdorf durch den Brand seine Vermögenslage

verschlechtert sehe. Er, Verteidiger, sei der Ansicht, daß das Feuer

schon angelegt gewesen sei, als Raschdorf noch in der Schenke saß.

Um seinen psychologischen Tiefblick könne der Verteidiger den Herrn

Staatsanwalt nicht beneiden. Es komme sehr wohl vor, daß ein Mensch,

dem ein furchtbares Unglück gemeldet würde, jäh auflache, das sei

ein viel intensiverer Ausdruck des Jammers als Tränen; denn so, wie

es Freudentränen gibt, so gibt es ein Lachen der Verzweiflung, und

das sei bei Hermann Raschdorf wohl vorauszusetzen gewesen, der kurz

vor der Meldung des Feuers seinem Sohne Mitteilung von dem drohenden

Bankrott gemacht und sich in schwerer Gemütsbewegung befunden habe.

Noch mehr tue es aber dem Verteidiger leid, daß der Herr Staatsanwalt

die Kindesliebe des kleinen Heinrich Raschdorf, die hier so echt und

ergreifend in Erscheinung getreten sei, eine verunglückte Komödie

genannt habe. So geschickt spiele auch der befähigtste Knabe nicht

Komödie, daß er ohnmächtig zusammenbricht, wenn er von schwerer Strafe

hört, zu der er den geliebten Vater schon verurteilt glaubte. Sehr

wohl komme es aber vor, daß ein Kind in der Angst seines Herzens sich

fälschlich selber anklage, um ein geliebtes Wesen zu retten. Der

Idealismus liege eben einer Kindesnatur näher als einem Staatsanwalt.

»Meine Herren Geschworenen! Ich erwarte von Ihrem Gerechtigkeitsgefühl

aufs bestimmteste, daß Sie diesen Mann nicht ins Zuchthaus schicken

werden auf einen bloßen Verdacht hin, dessen Beweis in keiner Weise

gelungen ist; daß Sie einem so heldenmütigen Knaben nicht den Vater,

einer so kranken Frau nicht den Mann, einem so verwüsteten Besitztum

nicht den Retter nehmen werden. Im ganzen aber appelliere ich nicht an

Ihr Mitleid, sondern an Ihre Gerechtigkeit und erwarte den Freispruch.«

Die Geschworenen zogen sich zurück. Die Wintersonne schien strahlend in

den kahlen Gerichtsraum, Schellengeläute ertönte von draußen, und das

Lachen lustiger Menschen schallte von der Straße.

Und hier saß ein Mann, dessen Schicksal in den Händen schwacher

Menschen lag.

In der Ferne schlug eine dumpfe Glocke dreimal.

»Drei! Paß auf, a kriegt drei Jahre,« flüsterte erregt die

abergläubische Glasen im Zuhörerraum.

»Mir wird schlecht,« sagte die Krämerin und ging hinaus.

Und nun wieder diese schwere Stille. Hin und wieder hörte man leise

die Feder des zurückgebliebenen Staatsanwalts kratzen, der gleichmütig

Akten las und unterschrieb.

Die Geschworenen kamen zurück. Kein Laut ging durch den weiten Saal.

Auch draußen war's still.

»Die Geschworenen haben die Schuldfragen verneint. Hermann Raschdorf

ist freigesprochen und alsbald aus der Haft zu entlassen.«

Da begrub der Mann auf der Anklagebank sein Gesicht in beide Hände und

weinte wie ein Kind. Eine Qual taute auf, eine furchtbare, lange Qual.

* * * * *

Die große Gaststube des »Gelben Rosses« war überfüllt. Es war

nachmittags gegen 4 Uhr. Nur Bauern waren da, die von der

Schwurgerichts-Verhandlung kamen und im »Gelben Roß« ihre Pferde und

Fuhren untergebracht hatten.

Da herrschte wüstes Stimmengewirr. Die Leute hatten alle rote

Gesichter, und auch die Langsamen und Schläfrigen unter ihnen waren

aufgeregt und redeten viel oder grunzten wenigstens viel öfter und

intensiver als sonst. Die viele innere Hitze brachte reichlichen

Alkoholgenuß und der Alkohol wiederum viel innere Hitze zuwege, und

die Bestellungszurufe an die Bedienung wie die Prostschreie waren das

einzige, was abseits der Affäre Raschdorf gesprochen wurde.

Irgendein Verein zog draußen mit klingender Musik vorbei. Aber nur

wenige Weiber traten ans Fenster. Den Männern war das Schauspiel, das

sie sonst sicher über die Maßen interessiert hätte, heute gleichgültig.

Ein Bauernbursche kam in die Stube und meldete seinem Herrn, das

»Handpferd tue so komisch, es kriege vielleicht die Kolik«. Zu jeder

anderen Zeit wäre eine solche Meldung ein Alarmsignal zu allgemeinem

Aufbruch nach dem Pferdestall gewesen, wo jeder seine Weisheit und

Erfahrung zeigen konnte; heute hatte der Besitzer Mühe, seinen Schwager

zu bereden, mit ihm »zum Rechten« zu sehen.

Wie wenn eine Dreschmaschine in einem großen Hofe summt, zischt,

poltert, klappert, rasselt, qualmt, -- so war's.

Aber eine Stimme im Bauernhofe gibt's, die selbst den Lärm der

Dreschmaschine übertönt, das ist, wenn ein rechter Hahn kräht, und

eine Stimme gab's auch in dieser Versammlung, die über all den wüsten

Skandal sich erhob, das war die des Barbiers.

»Der Staatsanwalt, der -- der is mei Mann! Der Verteidiger -- äh, das

is 'n Jude. Der macht's fürs Geld! Aber der Staatsanwalt, der hat's ihm

gegeben! Donnerschlag, der Mann hat was weg!«

Es wurde ein bißchen ruhiger, und der Barbier konnte fortfahren: »Wer

soll's denn eigentlich gewesen sein? Is 'n eenziger Bummler an dem Tage

im Dorfe gewesen? Was? Habt Ihr einen gesehen? Ich nich! Und einer

aus'm Dorfe? In unserm Dorfe gibt's kein'n Anzünder, es wär' denn

grade --«

»Du, sag' bloß nischt vom Gastwirt Schräger,« warnte einer.

»Wer spricht 'n vom Schräger? Höchstens der Berger! Und der wird ja

wissen, warum a zu Raschdorfen hält!«

Da wurde es noch stiller. Nur einige lachten vor sich hin, und die

Glasen versuchte, verschämt auszusehen.

Der Barbier nahm wieder das Wort:

»Ich gönn' keinem was Schlechtes, aber dem Berger, dem is recht. Da hat

a doch amal was uff sei großes Maul. Damals, wie a das Schandgedichte

uff mich gemacht hat: »Versichert's Leben, der Bader kommt!« -- Ja, da

lacht Ihr schon wieder -- wie damals -- wie damals lacht Ihr, aber wen

läßt denn der Berger in Ruh'? Keenen! Keen' eenzigen! A bild't sich

ein, a is klüger wie a Bauer. So a Lumpenmann, so a Stromer! Jetzt hat

a Zeit, Gedichte zu machen, drei Tage lang! Der Staatsanwalt läßt sich

nischt vormachen. Jetzt kann a die Gefängnismauer abschmatzen!«

»Der Barbier is a Hauptkerl!« sagte einer voll Anerkennung.

»Na, ich sag' Euch,« fiel dieser geschmeichelt ein, »ich hätt' nich

Zeuge sein dürfen, da wär's anders gekommen, ganz anders; ich hätte

schon gered't, ich hätt' den Herren schon a Lichtel uffgesteckt. Aber

wenn solche Mohhörner dastehn wie der Reichel-Schaffer --«

Alle lachten.

»Vom Sechsundsechzigspiel'n quatscht das Rindvieh, als wenn das dazu

gehörte -- 's ganze Gericht hat ja gelacht, wie der sich blamierte.

Aber solche Zeugen brauchte der Raschdorf!«

»Na, aber gutt sah der Raschdorf nich aus, wie a so uff der

Anklagebanke saß.«

»I ja, da vergeht ein'm 's Dicketun! Früher da konnt' a nischt fein

genug haben. Ich durft' ihm die Haare und a Bart nich verschneiden.

»Sie schneiden mir Treppen in a Kopp,« sagt a, und da fuhr er in die

Stadt und gab 20 Pfennig fürs Haarschneiden. Na, wer's so häufig zum

Wegschmeißen hat!«

»'n riesigen Stolz hatt' a, das is wahr,« sagte wieder ein anderer;

»wenn nich einer gerade auf der Schulbanke mit ihm gesessen hatte, mit

dem machte der nich Brüderschaft.«

»Nee, nee, nee!«

Es entstand wieder allgemeines Gespräch.

Da kam Schräger. Wenn der Pfarrer in die Stube getreten wäre, es wäre

nicht halb so still geworden wie jetzt.

Der Gastwirt sah sich verdrossen um und ging an einen Tisch. »'ne Tasse

Kaffee und a Paar Wiener!« bestellte er.

»Prosit, Herr Schräger!« schrie der Barbier und näherte sich dem Tisch.

Die andern sahen gespannt zu.

»Prosit! Prosit!« antwortete Schräger kurz. In diesem Augenblick

öffnete sich die Tür, und hinter einer Dienstmagd, die flüchtig

hereinkam, trat Heinrich Raschdorf in die Stube. Niemand sah auf die

Magd und den Knaben; alle blickten nach dem Tisch Schrägers. Heinrich

blieb erst unschlüssig stehen, dann setzte er sich auf einen Stuhl,

der in einem Winkel am Schanksims stand. Die Mutter hatte ihn, als ihm

unwohl geworden war, nach dem Gasthause gebracht; aber er hatte sich

rasch wieder erholt. Dann war jemand gekommen, der gesagt hatte, der

Vater sei freigesprochen, und da war die Mutter gegangen, den Vater zu

holen. Er selbst mußte zurückbleiben und wartete hier auf die Eltern.

»Nu, Herr Schräger, Sie sind ja so stille,« sagte der Barbier, »Sie

ärgern sich doch nich etwa?«

»Da soll sich einer nich ärgern! Aber ich verklag' den Berger, ich

verklag' den Kerl! Das laß' ich mir nich gefall'n!«

»Nu, das könn'n Sie sich ja gar nich gefall'n lassen. Wir haben gerade

davon gesprochen. Der Berger hat halt Ursache, daß a zu Raschdorfs hält

-- na, Sie wissen ja -- und Sie haben ja glänzend dagestanden, Herr

Schräger. Wie Sie der Staatsanwalt rausgestrichen hat, und a hat doch

gesagt, Sie sind ganz unverdächtig.«

»Das will ich meinen, daß der's nich gewesen is, der a ganzen Tag in

der Stube steckt und sein Geld zusetzt. Oder traut mir das überhaupt

jemand zu?«

Schräger stand auf und musterte herausfordernd den Kreis. Ein lebhaftes

Protestieren ging los, und ein paar Bauern schüttelten dem Wirt die

Hände.

»Wir wissen 's schon, wer 's gewesen ist,« krähte der Barbier; »und

wenn ihn 's Gericht zehnmal freispricht, der Raschdorf war's doch. Die

stolze Bande --«

»Jeses, der Junge!«

Ein Weib schrie es, und nun sahen alle nach dem dunklen Winkel, aus dem

Heinrich Raschdorf hervortrat. Mit glühenden Augen, wie ein gereiztes

Raubtier, so stand er da; die weißen Zähne blitzten und bissen

knirschend aufeinander; die Fäuste ballten sich -- er bückte sich ein

bißchen, sprang an, kletterte an dem langen Bader empor und hieb ihm

die Faust ein paarmal derart auf Mund und Nase, daß dem Manne das Blut

übers Gesicht rann.

»Ich schlag' Dich tot, Bader, ich schlag' Dich tot!«

Der Bader fluchte, schrie, wehrte sich und machte sich mühsam frei. Er

wollte sich auf das Kind stürzen, aber das Blut rann ihm so reichlich

und die Augen tränten ihm so stark, daß er hinaus nach dem Hofe mußte.

Die anderen waren starr.

Heinrich Raschdorf stand mitten in der Stube.

»Wer das noch einmal sagt -- das von meinem Vater, den hau' ich gerade

so!«

Ein paar Leute brummten oder lachten leise.

»Mein Vater ist freigesprochen -- er ist unschuldig -- das Gericht

hat's gesagt, und das müßt Ihr glauben!«

Niemand rührte sich. Heinrich schoß das Wasser in die Augen.

»Ist jemand, der das nicht glaubt, daß mein Vater unschuldig ist?«

fragte er hilflos.

Kein Laut in der Stube.

»Aber er gehört doch zu Euch, Ihr müßt es doch glauben!« Das sagte er

in bettelndem Tone.

Ein gegnerisches Gemurmel erhob sich. Kein freundlicher Zuruf erfolgte.

Da brach Heinrich Raschdorf in bittere, zornige Tränen aus:

»Dann -- dann -- seid Ihr alle -- alle miteinander Schufte!«

Und ehe noch die Männer sich schwerfällig und schimpfend erhoben, den

Knaben zu strafen, war Heinrich Raschdorf verschwunden.

* * * * *

Eine stille Straße entlang kam müde ein Mann gegangen, und neben ihm

ging eine hustende Frau.

Ihnen trat Heinrich entgegen.

Er blieb vor dem Vater stehen, aber er gab ihm nicht die Hand. Scheu

sah er mit seinen Kinderaugen den Vater an.

»Vater, sag' mir, ob Du's gewesen bist?«

Hermann Raschdorf fühlte die Wucht des Augenblicks.

»Nein, Heinrich, ich war's nicht!«

Er sagte es ruhig und fest.

Da atmete der Knabe tief auf, erfaßte die Hand des Vaters und küßte sie.

Bis vor die Stadt gingen die drei und warteten, bis der Schaffer kam

und sie in sein Gefährt aufnahm.

Nicht ein Wort wurde gesprochen auf der langen Fahrt. Der frühe Abend

war schon angebrochen, als sie zu Hause ankamen. Einen langen, scheuen

Blick warf der Buchenbauer hinüber nach den verwüsteten Gebäuden. Da

fuhr ein kalter Windstoß über die Trümmer und traf den Buchenbauer ins

Gesicht, wie ein eisiges Urteil.

* * * * *

»Der Raschdorf is freigesprochen,« sagte auf dem Heimweg der Barbier.

»Aber ich räch' mich an ihm, und der Kanaille, dem Jungen, streich

ich's an. Wenn mir bloß nicht immer so leichte die Nase blut'te! Ich

hätt'n ermurkst! Aber den Alten bring' ich rein, und wenn a zehn Juden

bezahlt. Ich ruh' nich, bis alles raus is und bis a drinne sitzt!«

Und ob der böse Schaumschläger seine lächerliche Drohung auch nicht

erfüllen konnte, er tat etwas Schlimmeres. Von Haus zu Haus führte sein

Geschäft, und in jedem Hause stahl er den Raschdorfs etwas von der

heiligen Erde, auf der wir allein unsere Heimat gründen können -- von

dem Herzenslande der Liebe und Sympathie der Gemeindegenossen.

Wer keinen Hof und keinen Fuß breit eigenen Bodens besitzt, kann

doch eine Heimat haben, aber wem die Mitbürger ein Plätzchen idealen

Baugrundes in ihren Herzen verweigern, der ist heimatlos.

[Illustration]

[Illustration: Kapitel 6]

Es war Neujahrstag. Jahre gibt es, in denen die Zeit müde und schläfrig

an unserem Herde sitzt und ihre grauen Alltagsfäden spinnt, daß wir

nicht merken, wie Frühling und Sommer rinnen und wie wir in der

Gleichförmigkeit der Tage älter werden. Aber Jahre gibt es auch, wo

die Zeit wirtschaftet und schaltet wie ein veränderungswütiges Weib:

zerstört und aufbaut, rückt, schiebt, ändert, neue Blumen an unsere

Fenster pflanzt, Leute hinausdrängt und andere hereinruft und uns am

Ende ein Heim zeigt, das wir nicht wiedererkennen.

So ein Jahr kam für den Buchenhof.

Am Neujahrstage fing's an. Schräger war in die Stube getreten und hatte

von Raschdorf erfahren müssen, daß sich dieser weder die vertrauliche

Anrede »Hermann« noch das »Du« weiter von seinem Nachbar gefallen

lassen wolle.

»So will ich mich auch nich erst setzen,« sagte Schräger gekränkt; »so

will ich bloß kurz und bündig sagen, daß ich die 20000 Mark kündige.

Ich werd' dann noch einen Brief schicken, daß es gesetzmäßig ist.

Adieu!«

Raschdorf rührte sich nicht und sagte auch kein Wort. Schräger ging

langsam zur Tür. Er drehte sich noch einmal um und sah Raschdorf

fragend an. Aber der blieb völlig regungslos. Da ging Schräger aus der

Stube.

Eine Stunde später brachte ein Knecht die schriftliche Kündigung

und gab sie dem Buchenbauer persönlich ab. Unter dem Schreiben

standen außer Schrägers Unterschrift noch die Worte: »Ernst Riedel,

Gutsbesitzer, als Zeuge.«

Der Buchenbauer war ein anderer geworden, seit er aus dem Gefängnis

zurück war. Er sprach selten noch ein Wort, er ging nie in ein

Gasthaus, er schimpfte nicht mehr, er klagte auch nicht. Scheu und

gedrückt brachte er die Tage dahin. Das Vieh, das bei den Bauern im

Dorfe einquartiert gewesen war, hatte er verkauft. Er mochte keine

Gefälligkeiten. So war er ein Bauer, der kein Stück Rind und kein Pferd

mehr besaß und dessen Scheuern und Ställe in Schutt lagen.

Und am Nachmittag dieses Neujahrstages kam noch ein Bote und brachte

einen Kündigungsbrief aus dem Dorfe über 5000 Mark, und außer dem

Namen des Gläubigers stand unter dem Schreiben noch ein anderer

unterschrieben »als Zeuge«.

Da sah der Buchenbauer mit einem langen Blick hinüber nach dem

Kretscham und wußte, wer diesen zweiten Brief veranlaßt hatte.

Am Abend war die Familie zusammen. Sonst waren am Neujahrsabend noch

einmal die Christbaumlichter angezündet worden. Dieses Jahr war es

vergessen worden, eine Tanne zu schmücken.

So schwermütig tickte die Uhr diese ersten Stunden des neuen Jahres

herunter. Ein Brief lag auf dem Tische. Aus einer fernen Stadt wünschte

ein Zigarrenkaufmann dem Buchenbauer Glück zum neuen Jahr. Sonst hatte

niemand eine Karte geschickt.

Ein paarmal versuchte die kranke Frau, ein Gespräch anzufangen.

Raschdorf gab ihr zerstreute, widersinnige Antworten. Er starrte immer

blinzelnd in das Lampenlicht, und dann las er die Glückwunschkarte des

Kaufmanns -- dutzendmal.

Von den Kündigungen sagte er nichts.

Auch drüben im Gesindehause war es traurig. Hannes lag auf einer Bank

und schlief; sein Vater rauchte Tabak und sah zuweilen schweigend auf

den Jungen.

Am Ofen saßen zwei junge Mägde und weinten und wisperten leise. Morgen

war Ziehtag; sie kamen nach entfernten Orten und hatten hier im Dorfe

ihre Schätze. Da lag das neue Jahr und alle Zukunft trübe vor ihren

jungen Augen.

Drüben im Buchenkretscham aber war viel Leben, und der Barbier, der

sich betrunken hatte, lärmte von Gericht und Staatsanwalt und sagte,

der Raschdorf müsse fort aus der Gemeinde.

Am 2. Januar war Ziehtag. Viele große Wagen rumpelten durchs Dorf, die

neuen Knechte und Mägde abzuholen. An diesem »Sterztag« ist es Brauch,

daß sich die Dienstleute betrinken. Abschied wird getrunken und neue

Freundschaft geschlossen; so mancher, der aus dem Dorfe scheidet,

will sich Mut holen im Branntwein und fügt zu dem Heimweh, das ihn am

anderen Tage packen wird, noch den physischen Jammer.

Der Gastwirt Schräger machte gute Geschäfte. Er verstand es auch, er

war ein »gemeenschaftlicher« Mann, klopfte die Mägde vertraulich auf

den Rücken und sprach mit jedem Pferdejungen; dabei horchte er und

fragte viel, wußte alles und war stolz, so populär zu sein.

Noch einer zog seine Straße -- Mathias Berger, der Lumpenmann. Sein

Wägelchen hatte er in einen Schlitten umgewandelt, denn die Wege lagen

voll Schnee, und es schneite auch heute sacht.

Bei den beiden Buchenhöfen war er rasch vorbeigefahren. Rechts drüben,

wo die Ruinen gähnten, war zu viel, was er liebte, und links drüben, wo

das Geschäft blühte, zu viel, was er haßte.

Am 28. Dezember sollte er vor dem Schiedsrichter erscheinen. Er hatte

sich schön gehütet. Mochte ihn der Schräger auf dem ordentlichen

Gericht verklagen, wenn er die Courage hatte. Und wenn er wieder

eingesperrt würde --?

Ah, wegen einer Beleidigung wird man nicht eingesperrt, da zahlt man

Strafe. Und Geld hatte Mathias Berger viel -- viel mehr, als die Leute

ahnten.

Daß er die drei Tage Haft bekommen hatte, zehrte an ihm. Über das ganze

Weihnachtsfest war er zu keinem Menschen gegangen; er war auch jetzt

froh, daß er fortziehen konnte.

Er hatte gesessen! Das war ein böses Wort. Er war der einzige gewesen,

den infolge des Brandes da unten eine gerichtliche Strafe getroffen

hatte.

Daran dachte der Mathias jetzt, als er am Waldrande mit seinem

Hundeschlitten dahinfuhr. Und er blieb halten und zog ein Zeitungsblatt

aus der Tasche, worin zu lesen stand, daß ein Redakteur sechs Monate

lang eingesperrt worden sei, weil er seine Meinung gesagt habe. Nun

habe es sich herausgestellt, daß diese Meinung die richtige und der

Gefangene ein Märtyrer gewesen sei. Dieses Blatt war Bergers Trost.

Er las es auch jetzt wieder und sagte sich, es sei doch eine schöne

Sache, für die Wahrheit zu leiden. Auch dann, wenn einen die Leute für

einen Lumpen halten. Dann erst recht! Nur muß man sich nicht selber

verlieren und hübsch stark und mutig --

Da -- ein Schuß.

Gleichzeitig ein dumpfer Schrei nahe aus dem Walde.

Berger ist zusammengefahren, als habe der Schuß ihn getroffen. Der Hund

bricht in ein heulendes Gebell aus. Was war das? Wem galt dieser Schuß?

Was war das für eine Stimme?

Berger rafft sich auf und schirrt den Hund los.

»Such', Pluto, such'!«

Beide springen über den Grabenrand und verschwinden im Walde.

Ein kurzes Suchen -- da finden sie ihn -- nicht weit vom Waldrande.

Gegen eine Fichte liegt er mit blutender Brust, und neben ihm liegt das

Jagdgewehr im Schnee.

»Raschdorf! Herr Raschdorf! O du großer Gott!«

Der Lumpenmann beugt sich tief zu dem Verwundeten. Der rührt keine

Wimper.

»Raschdorf! Hermann! Komm zu Dir! Komm zu Dir!«

Der liegt mit verglasten Augen und röchelt schwer und schaurig.

Berger reißt dem Verletzten Rock, Weste und Hemd auf und sieht das Blut

strömen aus vielen winzigen Wunden. Da nimmt er ein reines Taschentuch

und bindet es mit einer Schnur fest auf die Wunden.

Nun rafft er ihn auf und trägt ihn mit furchtbarer Anstrengung nach der

Straße. Dort legt er ihn auf den Schnee und holt den kleinen Schlitten

herbei. Dahinein bettet er den Verwundeten und fährt behutsam zurück

nach dem Buchenhofe. Und der Hund geht gesenkten Hauptes nebenher,

denn er fühlt, daß sein Herr weint, fühlt, daß das eine traurige Fahrt

ohnegleichen ist.

Der stolze Buchenbauer fährt heim auf Lumpenmanns kleinem Schlitten,

und nebenher geht der Tod, ein düsterer Wegegenoß, ein schauriger

Kamerad, den der dumpfe Feuerton des Gewehrs zur Stelle rief. Jetzt

noch schreitet er neben dem Buchenbauer über den weißen Schnee; aber

bald wird er die Führung übernehmen und auf seinen Wegen wandeln mit

dem anderen.

Unten im Dorfe singen ein paar Knechte:

»Nun ade, du mein lieb Heimatland,

Lieb Heimatland, ade;

Es geht jetzt fort zum fremden Strand,

Lieb Heimatland, ade!«

Mathias Berger horcht hinunter und sagt erschüttert zu sich selbst: »Es

ist Ziehtag!« --

Am Nachmittag kam Raschdorf noch einmal auf Sekunden zu sich.

»Raschdorf, um Christi willen bereuen Sie Ihre Sünden!«

Und der Geistliche, der am Bette stand, hielt ihm ein Kreuz hin.

Raschdorf starrte ihn gläsernen Auges an, dann verzog sich sein Gesicht

wie zum Weinen, und er versuchte, das Kreuz zu küssen. Aber dabei

verlor er schon wieder das Bewußtsein.

»Durch diese heilige Salbung und durch seine mildreiche Barmherzigkeit

verzeihe Dir der Herr alles.« --

Gegen 4 Uhr war Hermann Raschdorf tot.

Am Fenster lehnten Frau Anna und Heinrich. Sie hielten sich fest

umklammert. Der Winterabend lag auf der Flur, und über dem verschneiten

Walde ging fahl die Sonne unter, die ferne Sonne, die uns doch

unendlich näher ist als die Seelen der lieben Toten, die heimgegangen.

Mit weißem, unbewegtem Gesichte schaute Frau Anna nach dem gelben

Schimmer. Bald ging nun auch sie auf die weite Reise, und der Knabe,

den sie liebte, blieb einsam zurück, ohne Eltern und ohne Heimat.

In vielen Jahren aber, wenn auch er vollendet, würden sie sich

wiedersehen. Das sind die Stunden, in denen Gott mit den Menschen

spricht, er, der Trost und Frieden für die Trauernden hat, wenn die

Welt und all ihre Weisheit und all ihre Tröstung versagt.

* * * * *

Durchs Dorf flog die Kunde: »Raschdorf hat sich erschossen! Das

Gewissen hat ihm keine Ruhe gelassen!«

Berger hatte es übernommen, die Träger der Leiche für das Begräbnis zu

besorgen. Bauern werden sonst von Bauern zu Grabe getragen. Aber der

erste Bauer, den Berger um den Liebesdienst ansprach, sagte, er habe

nicht Zeit, und der zweite meinte, er habe die Influenza. Da spuckte

Mathias Berger draußen vor dem Tore aus, fuhr nach der Stadt und

bestellte einen Leichenwagen nebst den Leichendienern. Die kosteten

viel Geld, aber sie kamen pünktlich.

»Geld ist etwas Gutes,« sprach der schlichte Philosoph bei sich selbst,

»es ist oft viel zuverlässiger als die Nächstenliebe.«

Am 5. Januar war das Begräbnis. Hunderte und Aberhunderte von

Zuschauern füllten den Friedhof. Der Geistliche sprach die üblichen

Gebete. Dann mußte die Rede kommen. Aller Augen hingen an dem Munde des

Priesters. Klar und deutlich sprach er:

»Wir beten für den Verstorbenen und alle, die mit ihm hier schlummern,

jetzt noch ein Vaterunser.«

Und sonst kein Wort. Bald nach dem Vaterunser ging der Geistliche fort.

Nicht einmal die übliche Danksagung für das »christliche Trauergeleite«

sprach er. Mathias Berger hatte sich außer der Einsegnung des Grabes

alles andere namens der Hinterbliebenen verbeten, auch die Danksagung.

Die Leute, die da hinkämen, meinte Berger, kämen aus Neugierde und

nicht aus Teilnahme, für die Neugier aber brauche sich niemand zu

bedanken.

Eine große Enttäuschung bemächtigte sich der Teilnehmer am Begräbnis,

und die Männer suchten sich in etwas zu entschädigen und gingen ins

Wirtshaus.

Dort wurden dann dem toten Hermann Raschdorf viele Leichenreden

gehalten.

* * * * *

Drüben im Buchenhof saß ein kleiner Kreis von Menschen und beriet über

die Zukunft: Frau Anna, Heinrich, der alte Kantor, der Schaffer und

Mathias Berger.

Und auch der Lumpenmann hielt eine kleine Leichenrede. »Heinrich, wenn

Dir amal jemand sagt: Dein Vater hat sich erschossen, da sag': Ja, a

hat sich erschossen, aber ob a 's freiwillig gemacht hat oder ob a

verunglückt is, das weiß der liebe Herrgott alleine. Aber wenn Dir

jemand sagt: Dein Vater hat sich selber angezünd't, da spuck' ihm ins

Gesichte, denn das is die höllischste Lüge von der Welt. Wer angezünd't

hat, das wird noch amal lichterloh rauskommen. Und nu will ich noch was

sagen: der Buchenhof bleibt 'm Heinrich. A wird nich verkauft!«

Frau Anna sah Berger wehmütig an.

»Der Hof muß verkauft werden -- bald! Schräger hat seine 20000 Mark

gekündigt und der Müller seine 5000 Mark. Jetzt borgt uns niemand zur

letzten Hypothek hundert Taler.«

Berger machte eine abwehrende Handbewegung. »Lassen Sie mich reden,

Frau Raschdorf. Wieviel sind Schulden?«

»110000 Mark.«

»So? Und der Hof is wert 150000! Wenigstens!«

»Jetzt nicht! Jetzt gelten die Wirtschaften nichts! Und 's is kein

Vieh da, kein Ackerzeug, die Gebäude sind abgebrannt. Wer weiß, ob

wir mit den Schulden rauskommen, wenn wir verkaufen und noch das

Versicherungsgeld dazu rechnen.«

Die Frau streckte beide Hände trostlos über den Tisch. Mathias Berger

nahm eine entschlossene Miene an.

»Die Wirtschaften gelten jetzt nischt! Gutt! Also wird sie nich

verkloppt. Das wär' ja traurig. Und nu raus mit der Sprache! Erschreckt

nich! Ich borg' das nötige Geld selber!«

»Von wem?«

»Von wem? Von mir! Ich borg's selber! 10000 Taler borg' ich, das sind

30000 Mark.«

Die anderen sahen ihn verständnislos an.

»Ja, von wem wollen Sie's denn borgen?«

»Nu, von niemand! Von mir selber! Ich hab' selber so viel Geld übrig!«

»Machen Sie heute keine Scherze, Mathias,« mahnte der Kontor. Frau Anna

und Heinrich sahen betroffen vor sich nieder, und nur der Schaffer

grunzte ein wenig amüsiert. Da nahm Berger das Wort:

»Da muß ich zuerst 'ne kleine Geschichte erzählen. Es geht oft recht

wunderbar zu im Leben. Also eines schönen Tages -- es sind jetzt

sechs Jahre her -- sitz' ich in Waldenburg in eener Kneipe. Kommt

der Schräger rein. Na, damals vertrugen wir uns noch besser, und a

plauderte immer gerne mit mir, denn a Lumpenmann weiß manches, was

a anderer nich weiß. Na, wie gesagt, der Schräger setzt sich zu mir.

'n kleenen Stiefel hatt' a sitzen. Auf 'm Tisch stand a Würfelbecher.

»Sind wir amal um 'n Böhm!« sagte er und warf siebzehn. Ich wollt' mich

nich blamieren, warf sechzehn und zahlte zehn Pfennige. »Revanche,«

sagte der Schräger und warf dreizehn; und ich revanchierte mich, schmiß

sieben und gab wieder zehn Pfennige. Das gefiel 'm Schräger; a würfelte

immer von neuem und ich immer mit, und ich bezahlte immer 'n Böhm,

bis 'ne Mark voll war. »Weißte, Berger, riskier'n wir amal 'ne Zicke,

setz'n wir jeder amal fünf Böhm. Wenn schon, denn schon!« »Wenn schon,

denn schon,« sagte ich und setzte fünfzig Pfennige, denn ich hatte och

'n kleenen Stiefel sitzen. Nu schmeißt a sechzehn und ich achtzehn, und

das ging so fort, bis ich ihm fünf Mark und fünfzig Pfennige abgeknöppt

hatte. Da war a wütend, nahm seine Mütze und ging. Ich freut' mich

natürlich nich schlecht, ließ mir gleich 'n telikaten Kalbsbraten für

40 Pfennige bringen und schickte mein'm Hunde für 10 Pfennige Knochen

aus der Küche. Dann fuhr ich los. Wie ich nu so durch die Stadt fuhr,

les' ich a großes Plakat: Marienburger Geldlotterie. Große Geldgewinne.

Los 3 Mark. Ich lehnte an meiner Hundekutsche und lernte so sachte das

Plakat auswendig. Und weil ich, wie gesagt, nicht ganz klar war, geh'

ich rein und kauf' a Los, von Schrägers Gelde. Wie ich' wieder rauskam,

sah mich mein Hund an, als wenn a sagen wollte: Du tummer Kerl, was

hätt'n wir für das Geld für 'ne Menge Kalbsbraten und Knochen haben

können. Aber na, 's Geschäft war gemacht. Damit nu wenigstens von dem

Gewinn was Reelles raushängen tät, kaufte ich von den zwee Mark, die

ich noch hatte, der Liese 'ne Puppe. Na und? -- Nach vier Wochen hatt'

ich mit mein'm Los 30000 Mark gewonnen, a dritten Hauptgewinn.«

»Berger! Es is nich möglich!«

»Ist denn das wahr, Mathias?«

Die ganze Gesellschaft war aufs höchste erregt.

Berger lächelte. »Es ist wahr. Und ich hab' das Geld Heller für Pfennig

ausgezahlt gekriegt. Aber ich hab' mir's nich in Waldenburg geholt; ich

bin nach Breslau gefahr'n. Denn ich mochte kein'n Lärm machen.«

»Das is ja nicht zu glauben!«

»Was is nich zu glauben? Daß jemand 'n Haupttreffer macht? Das kommt

bei jeder Lotterie vor. Und daß es mal 'n kleenen Mann trifft, das

kommt ooch vor. Ich hab' für das Geld Papiere gekauft. Vierprozentige!

Das macht zwölfhundert Mark Zinsen aufs Jahr. Die hab' ich fast alle

gespart. Das sind nun wieder gegen 7000 Mark. Gesagt hab' ich keinem

Menschen was. Nich amal meine Schwester weiß was und die Liese ooch

nischt.«

»Aber warum -- warum haben Sie denn das verschwiegen?«

Berger sah vor sich nieder.

»Ja, warum? Na, das habt Ihr wohl schon oft gehört und gelesen, daß

mancher, den die Leute für 'nen blutarmen Kerl hielten, in Wirklichkeet

a kleener Krösus war. Bei manchem, der a Fechtbruder war, fand man

am Ende viel Gold und Silber unter seinen Lumpen. 's gibt solche

schnurrige Kerle. 's is a ganz besonderer Spaß, die Welt zum Narr'n

zu halten. Bei mir war's auch so. Aber 's war nich das alleene. Das

Geld kam zu spät. Zehn Jahre früher hätt's kommen müssen, wie ich noch

jünger war. Da hätt' ich's gebraucht.«

Die andern sahen ihn verständnislos an; nur Frau Anna blickte vor sich

nieder.

Berger zwang sich wieder zu einem launigeren Tone.

»Ja, und für een'n Lumpenmann paßt sich's doch nich, wenn a reich

is. Ich schämte mich. Und Lumpenmann wollt' ich bleiben. So in der

Welt rumfahren und zu Leuten kommen, das paßt mir. Das is nich so

langweilig. Da gibt's alle Tage was Neues. Na, und das Geschäft ernährt

mich. Deswegen braucht' ich auch das Geld nich. Ich hab' mir immer

gedacht, so 'ne Lotterie is was Tummes. Immer gewinnt's einer, der's

nich braucht. Aber wiederum war 's nich so was Tummes. Immer, wenn mich

so eener scheel ansah, und dachte: »Ach, der arme Schlucker!« lacht'

ich mir eens im stillen. Und ich dachte an allerhand!«

Die andern schwiegen. Bergers Augen begannen zu leuchten.

»Und jetzt dank' ich Gott, daß ich das Geld hab'. Jetzt kann ich's

gebrauchen.«

»Berger, Sie können ja nicht -- Sie dürfen nicht Ihr Geld auf eine so

unsichere Sache --«

»Ich mach', was ich will! Ich borg's -- basta! Die Sache steht ganz

gut. Der Schräger und der Müller werden ausgezahlt, bleiben 85000 Mark

Schulden. Das is bloß reichlich die Hälfte von dem, was das Gut wert

is. Dann bleiben immer noch 5000 Mark zu dem Versicherungsgelde, daß

die Gebäude wieder ordentlich aufgebaut werden können. Und wenn ich

sterbe, haben die Liese und die Schwester noch 7000 Mark. Das ist viel

Geld. Und außerdem haben sie die Hypothek.«

»Berger, es ist mir, als ob Sie ein Märchen erzählten,« sagte der alte

Kantor. »Sie müssen aber an Ihr Kind denken.«

»An die Liese denk' ich schon. Der bleibt alles, jeder Pfennig. Wenn's

nich sicher wär', borgt' ich's nich. Denn ich bin geizig geworden, seit

ich das Geld hab'. Aber es is sicher!«

»Das werden wir nicht annehmen, Berger.«

»So? Und damals -- wie ich ins Gemeindehaus kommen sollte -- als

Dorfarmer? -- Sie denken wohl, a Lumpenmann hat keen Ehrgefühl? Das

merkt a sich, wenn ihn jemand nich hat verlumpen und verhungern lassen.

Und offen gesagt, ich weeß mir keen Rat mit 'm Gelde. Ich hab' mir ofte

gesagt, eigentlich könntest du was anfangen, die Liese aufputzen und so

-- oder selbst 'n feinen Kerl rausbeißen. Ich hab' immer lachen müssen,

wenn mir so was einfiel. 's kam mir so riesig tumm vor. Na, und da hab'

ich's immer aufgeschoben. Kommt alles noch zurechte, dacht' ich immer.

Laß das Mädel! Besser is, sie denkt, sie is arm. Da wird sie a recht

braves Mädel werden. Kommt alles zurechte!«

»Ich besauf' mich auch amal, und nachher tu ich würfeln,« nahm sich

Reichel, der Schaffer, vor. Es war das erste Mal, daß er begeistert war.

Die anderen aber sahen ernst vor sich nieder. Sie waren alle in tiefer

Verlegenheit. Es entstand eine Pause. Frau Anna ergriff Bergers Hand.

»Mathias, Sie wollen mir das Sterben leichter machen.«

»Mutter!«

»Kind! Anna, sprich nicht so! Ich kann's nicht hören!«

Die Frau schüttelte leise den Kopf und bedeckte das Gesicht mit den

Händen.

Mathias Berger sagte nichts. Ein Weilchen saß er ganz still da mit

rotem Gesicht. Dann stand er plötzlich auf und ging hinaus.

Im öden Hofe stand er regungslos.

Einmal, als er ein junger Bursche war, hatte er ein Mädchen geliebt. Es

wurde nicht sein. Ein reicher Nebenbuhler kam und riß sie in seine Arme.

Jetzt ist sie arm geworden und er reich, und der andere ist begraben.

Aber wiederum wird sie nicht sein. Ein stärkerer Freier kommt -- der

Tod. Er steht wohl schon drüben auf den kahlen Wiesen. Bald schreitet

er über die Trümmer und den Hof und führt die Anna heim in sein stilles

Haus. Und die Menschen werden bei der Hochzeitsfeier läuten und singen

und hinterher lachen und zechen, wie jetzt die lauten Gäste drüben in

der Schenke. Der Mathias aber wird wieder mit seinem Handwagen in der

Welt herumziehen und das Vergessen suchen.

»Mathias! Mathias, wo sind Sie denn?«

»Heinrich! Komm mal her, Heinrich!«

»Mathias, sind Sie krank?«

»Es ist nichts, Heinrich! Ich hab' mir bloß so mancherlei überlegt.

Heinrich, wir zwei werden zusammenhalten!«

»Ja, Mathias! Ich bin so froh, daß Sie mein Vormund werden sollen.«

»Vormund nennen sie's auf 'm Gericht; wir heißen's Freund. Du sollst

jetzt »Du« zu mir sagen, Heinrich, und ich sag' auch »Du«, für immer.

Und uns zwei soll niemand auseinander bringen!«

So reichten sie sich die Hände.

[Illustration]

[Illustration: Kapitel 7]

Es war nahe an Mitternacht. Der Buchenhof lag längst ganz still; auch

in der Wirtsstube des Kretschams waren die Lichter erloschen. Nur aus

der Giebelstube drang noch ein matter Schein. Julius Schräger war noch

wach.

Das Bett war aufgedeckt; es war totenstill im Hause, und Schräger war

den ganzen Tag von früh an auf den Beinen gewesen. Aber er legte sich

nicht nieder.

Langsam trat er ans Fenster. Der Mond war aufgegangen, und in seinem

halbhellen Licht lag drunten das Dorf. Der Kirchturm ragte deutlich in

die Luft.

Dort unten, ganz nahe am Turme, lag Hermann Raschdorf die erste Nacht!

Er lag unter gefrorenen, harten Schollen in einem dünnen Totenhemd, und

seine Nachbarn zur Rechten und zur Linken waren Tote, Leute, die schon

lange dort unten schliefen. Wie still das dort sein mußte! Nur die

Würmer bohrten an Holz und Knochen, und zuweilen brach ein Sargdeckel.

Dann senkten sich die Schollen und -- drückten schwer.

Schräger fröstelte und trat vom Fenster zurück.

Er war ein Narr, sich so schwere Gedanken zu machen. Zu ändern war

nichts. So setzte er sich auf den Bettrand und legte sich auf die

Kissen nieder. Aber kein Schlaf kam über seine Augen. Er sah immer

in das rote, leise singende Licht. Als wenn das Licht blutete und

wimmerte, so war's.

Schräger schloß die Augen. Warum dachte er immer an Raschdorf? Er war

fort. Er konnte ihm nichts anhaben. Kein Haar konnte er ihm krümmen.

Und bis dahin, daß er auch hinunter müßte, war's lange hin. Dann war

der andere längst zu Staub zerfallen.

Da schlich draußen etwas heran. Schräger lauschte. Es kam näher --

stockte -- war still. Aber jetzt kam's wieder -- es stieß an einen

Stuhl und war wieder still. Dann ächzte es deutlich vor der Tür.

Schräger richtete sich halb auf. Kalter Schweiß trat auf seine Stirn.

Steif und lahm stützten sich die Hände auf die Kissen.

Da ächzte es wieder draußen.

Und jetzt tastete es an die Tür und klinkte langsam auf.

»Was? Wa--as? -- -- -- Ah -- Du -- Gustav! -- Was willst Du?«

Der Idiot, der ganz dürftig angezogen war, legte den Finger auf den

Mund.

»Pst! Still! Ich komm Dir was sagen.«

Er schlich mit unheimlich glitzernden Augen zu seinem Vater und sagte

ihm leise ins Ohr:

»A kommt wieder!«

Schräger erblaßte.

»Gustav, wie kannst Du Dich erdreisten, jetzt in der Nacht --«

»Pst! Ich fürcht' mich! A kommt -- a rennt über die Felder -- mit der

Flinte -- ich hab' 'n gesehn -- a will mich schießen -- und da komm ich

zu Dir -- Du mußt mich verstecken -- und Du mußt ihm Geld geben, daß a

nich schießt.«

Schräger wurde es brühheiß.

»Gustav, augenblicklich gehst Du in Deine Kammer und legst Dich

schlafen. Das is Unsinn!«

Der Idiot brach in Heulen aus, und Schräger mußte ihm den Mund zuhalten.

»Still, Gustav, sei doch still! Es hört Dich sonst jemand. Du kannst ja

hierbleiben. Schrei nich -- schrei nich, Gustav! -- Komm, leg' Dich ins

Bette, ich zieh' Dir die Hosen runter -- so -- und nu leg' Dich um; ich

deck' Dich fest zu.«

Der Idiot klapperte mit den Zähnen, als er im Bette lag.

»Fürchte Dich nich, Gustav, fürchte Dich nich, es kommt kein Mensch.

Schlaf' ruhig ein! Es kommt niemand!«

»Du, ich hab'n gesehn! A weiß jetzt, daß ich angezünd't hab'!«

»Bist Du ruhig, Gustav, bist Du ruhig! Du hast ja gar nich angezünd't.«

»O ja, ich hab'! Mit zwei Streichhölzeln! A wollte mich rausschmeißen

-- uh, und es war doch so kalt.«

»Wenn Du nich ruhig bist, Gustav, kommt der Gendarm. Das darfst Du

keinem sagen, sonst wirst Du fortgeholt. Niemand darfst Du das sagen,

hörst Du? Keinem Menschen!«

Schräger zitterte vor Erregung.

»Ich sag's nich. Sonst schießt a mich tot!«

»Schlaf' ein, Gustav, schlaf' ein!«

»Oh, es hat so gebrannt, so hoch und so heiß, und jetzt wird a kommen.

-- Hörst Du? -- A kommt auf der Treppe -- Vater, versteck' mich!«

Schräger setzte sich auf den Bettrand und ergriff die Hände des

Burschen. Leise redete er auf ihn ein und gebot ihm, die Augen zu

schließen.

Der Idiot verbarg sich tief in den Betten und hielt krampfhaft des

Vaters Hand. Von Zeit zu Zeit schrie er auf, dann hielt ihm Schräger

den Mund zu. So verging eine qualvolle halbe Stunde, dann fing der

Bursche leise an zu weinen und schlief allmählich ein.

Schräger erhob sich. Sein Gesicht war fahl. Ein leiser, schwerer Fluch

kam über seine Lippen. Dieser Mann erkannte, daß sich ein Wurm in sein

Lebensmark eingebohrt hatte, der nie mehr weichen werde.

Langsam ging er an den Schreibtisch, der an der Wand stand, und nahm

ein Zeitungspapier heraus. Es war dasselbe Blatt, das Gustav am

Brandtage zuerst zu einem Heim geformt, dann entfaltet und so gierig

betrachtet hatte.

Das Blatt enthielt ein Bild, das ein brennendes Haus darstellte,

aus dem ohnmächtige Menschen getragen wurden. Dieses Bild hatte die

Phantasie des Idioten erregt und ihn zu seiner Tat angestachelt, wozu

noch gekommen war, daß die Bauern von einem Brande gesprochen und

Raschdorf den Burschen gekränkt hatte.

So war alles gekommen, und Schräger hatte noch am selben Abend die

furchtbare Wahrheit erfahren. Als Gustav vom Brande nach Hause lief,

war er ihm gefolgt. Da hatte der Knabe unter der Treppe im Hausflur

gekauert und gewimmert. Er hatte ihn mit sich in die Stube genommen und

ihn ausgefragt. Und da war ihm der unglückliche Bursche schreiend zu

Füßen gefallen und hatte ihm gestanden, er habe die Scheuer angezündet.

Anfangs hatte es Schräger nicht geglaubt. Aber dann hatte er dem

Jungen die Taschen durchsucht und das Bild und ein ganzes Päckchen

Schwefelhölzer gefunden. Entsetzt hatte er noch einige Fragen gestellt

und mit Gewißheit die furchtbare Wahrheit erkannt, daß sein Sohn der

Brandstifter sei.

Und doch hatte ihn damals nichts bewegt als die peinigende Sorge, die

Sache möchte offenbar werden. Der Verschleierung der Tatsache galt von

da an all sein Bemühen, hinter das sogar sein altes Bestreben, den

Buchenhof zu erwerben, weit zurücktrat.

Nun trat er an das Bett des schlafenden Burschen. Auch im Schlafe war

dieses Gesicht häßlich und öde. Der Junge atmete schwer, und seine

struppigen Haare waren feucht von Schweiß. Er sah wohl auch im Traume

den schrecklichen Jäger, vor dem er sich fürchtete.

Schrägers Kopf sank auf die Brust. Das war eine der schweren

Nachtstunden, da der Mensch Rechnung hält in seinem Herzen und vor

Schuld und Urteil erschrickt.

Wenn Gustav plauderte!

Sie konnten dem Jungen gerichtlich nichts tun, er konnte nicht

verantwortlich gemacht werden. Aber sie würden ihn in eine Anstalt

bringen, ihn unschädlich machen für immer.

Und das fürchtete Schräger; dagegen sträubte er sich mit ganzer Seele.

Er liebte seine beiden Kinder abgöttisch, wie so oft Geizhälse, die in

ihrer Seele sonst nie einen Funken Idealismus haben, an ihren Kindern

mit einer unordentlichen Glut hängen, die anständigen Leuten fremd

ist. Das ist auch ein Zug, den die Geizhälse mit den Bestien gemeinsam

haben. Und noch eines kam hier dazu, die Gefahr, daß der Junge des

Vaters Mitwissenschaft verriet.

Sein Eid! Sein Eid! Wie stand er da!

Gewiß, er konnte im schlimmsten Falle alles abstreiten. Das Zeugnis des

Jungen galt vor Gericht nichts. Er konnte sagen, er habe nichts gewußt.

Aber die Dorfleute! Wenn ihr Vertrauen verschwunden war, war sein

Geschäft verloren -- alles verloren. Das durfte unter keinen Umständen

geschehen.

Und sein alter Plan: den Buchenhof zu gewinnen! Es war ja gut, wenn der

Raschdorf unterging. Was ging ihn der Raschdorf an? Schließlich hatte

er sich doch selber ruiniert!

Die Lampe ging aus. Schräger erschrak. Jetzt im Dunkeln würde auch er

sich fürchten. Er sann nach, wo er Licht hernehmen könnte. Es war,

ohne Geräusch zu verursachen, keines zu erlangen. So setzte sich der

Einsame in einen Lehnstuhl.

Nur das eine nicht, nur nicht nach dem Fenster sehen! Das Mondlicht

fiel so gespenstisch herein, und dort unten ragte der Turm auf,

als wenn mitten aus dem Kirchhof sich ein geisterhaft drohender

Riesenfinger emporstrecke.

Nur nicht nach dem Fenster sehen!

Eine Weile saß Schräger grübelnd still. Dann begannen seine Lippen zu

zucken, Worte zu sprechen, ohne daß er's hindern konnte: »Ich schwöre

vor Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit

sagen, nichts verschweigen --«

Ein Stöhnen; Schräger sprang auf. Was fiel ihm ein? Wie kam er dazu,

das zu sagen -- das?

Er schloß die Augen und drückte den Kopf gegen die Kacheln des Ofens;

sie waren kalt.

Kalt! Wenn das Feuer erlischt und wenn das Leben erlischt, kommt die

Kälte.

»-- nichts verschweigen und nichts hinzusetzen --«

Schräger raffte sich auf, und wie alle, die das Elend trifft, versuchte

er den Kampf mit der furchtbaren Furie, die das böse Gewissen heißt,

den nutzlosen, törichten Kampf, den auf die Dauer kein Sterblicher

besteht, wenn nicht die starke, heilige Gnadenhand Gottes die eisernen

Krallenfinger mächtig und linde aus den blutenden Schultern löst.

»Was hab' ich denn getan? Was hab' ich denn gesagt? Ich hab' nur

erzählt, was ich wußte. Nur das!«

»-- nichts verschweigen --«

Schräger blickte scheu nach dem Bette.

Eines hatte er verschwiegen: das, was alles gelöst hätte.

»Wissen Sie, wer der Brandstifter ist?«

»Nein!«

Und die schwarze, hohläugige Gegnerin warf den Einsamen in den

Lehnstuhl zurück. Dort preßte er das Gesicht gegen die Lehne.

Da, wie er sich sammelte, aufraffte, kam ihm eine neue Waffe.

»Es ist niemand verpflichtet, gegen sein eigen Fleisch und Blut zu

zeugen. So sagt wenigstens das Gericht, wenn auch nicht die Religion.«

Er atmete auf. Das würde die Erlösung sein, der Sieg! Der Dämon stand

an der Tür, als wolle er gehen. Aber er wandte sich noch einmal um.

»Trauen Sie dem Angeklagten das Verbrechen zu?«

Wie ein Lavastrom flutete die Frage durch die Seele des Einsamen, die

Frage und die meineidige Antwort, die er gegeben: »Ich weiß es nicht

genau. Er wird es wohl gewesen sein!«

Leise kam der Dämon näher und beugte sich an Schrägers Ohr. Das Fenster

knackte und knisterte ein wenig. Das klang wie leises, böses Lachen.

Und es war, als ob die furchtbare Stimme zischelte:

»Und weißt Du, was Du weiter getan hast? Das Geld hast Du ihm

gekündigt, ihn bankerott zu machen; zum Müller bist Du gegangen,

ihn aufzuhetzen, und da hat Dein Freund die Flinte genommen und ist

hinübergegangen. Und Gott hat gefragt: »Woher kommst Du? Ich habe Dich

nicht gerufen!« Mit Donnerstimme hat Gott es gefragt. Dein Freund aber

hat mit bleicher Hand hinabgezeigt auf Dich und gesagt: »Der hat mich

auf den Weg gezwungen zu Dir, der! ...««

»Gustav, wach' auf! Wach' auf, Gustav! Ich kann nicht allein sein!«

Der Bursche fuhr erschrocken auf.

Und Julius Schräger suchte bei ihm Hilfe, bei dem Idioten, der

verschlafen wimmerte und bald wieder einschlief.

Ein wenig später rasselte draußen ein Fuhrwerk vorbei. Schräger

sprang ans Fenster. Wie eine Erlösung betrachtete er die brennenden

Wagenlichter. Da waren doch Menschen -- Menschen.

Aber bald darauf kam noch ein Licht langsam über die Felder herauf, ein

einsames Licht, vor dem es dem erregten Manne schauerte. Wie gebannt

sah er hin; er konnte sich nicht wegrühren vom Fenster, als wenn jenes

Licht ihn zwinge. Er rieb sich die Augen, er wollte das Blendwerk

bannen. Es gelang nicht. Näher kam das Licht, immer näher, gerade auf

das Haus zu. Und nicht auf der Straße kam's, nein, über die Felder, ein

weißes, blasses, taumelndes Licht.

Der Wind wimmerte draußen, und der Mond war untergegangen hinter

schwarzem Gewölk. Es war fast ganz dunkel.

Jetzt war das Licht da. Wie eine Laterne war's und hatte doch nicht die

Form gewöhnlicher Laternen.

Jetzt -- jetzt konnte er's sehen! Eine schwarze Gestalt trug die

Laterne, und ihr folgte eine weiße. Schräger sah es deutlich im

Lichtschein.

Und jetzt verschwanden die Gestalten mit dem Lichte huschend drüben im

Buchenhofe.

Mit verzerrtem Gesicht drehte sich Schräger um.

Der Tod, der den Raschdorf heimführt, fiel ihm ein.

Er war sonst nie furchtsam gewesen. Aber seit er einen unter dem Rasen

hatte, dem er den Atem genommen, kam die grauenhafte Angst -- die

wahnwitzige, abergläubische Furcht.

Finster war's, schauerlich finster, und der Junge röchelte so schwer.

Ein Mittel! Ein Mittel, um der Qual zu entgehen!

An den Wänden tastete sich Schräger hin, zur Tür hinaus und dann leise

wie ein Dieb die Treppe hinunter nach der Gaststube.

Dort atmete er auf. Es wurde ihm ein bißchen wohler. Vorsichtig schloß

er die Fensterläden, dann zündete er die Lampe an. Licht! Licht ist

allein schon eine Wohltat.

Aber doch war's auch hier einsam und furchtsam.

Da suchte er das Mittel.

Zum ersten Male trank er viel Schnaps. Dadurch wurde er mutiger.

Schließlich füllte er eine Flasche, löschte das Licht aus, tappte nach

seiner Schlafstube zurück, um den Jungen nicht allein zu lassen, setzte

sich in den Lehnstuhl und trank -- trank aus der Flasche.

* * * * *

Am andern Morgen lag ein lichter Dreikönigstag über der winterlichen

Erde.

Schräger erhob sich müde und zerschlagen aus dem Lehnstuhl, in dem er

ein paar Stunden im dumpfen Schlummer des Rausches gelegen hatte. Es

war acht Uhr vorbei. Er weckte seinen Sohn und gebot ihm noch einmal

eindringlich Schweigen. Dann versprach er ihm, er würde ein zweites

Bett in diese Stube schaffen lassen, und Gustav könne jetzt immer bei

ihm schlafen. Nur dürfe er nichts sagen.

Drunten im Hause polterten die Dienstleute. Das tat Schräger wohl. Auch

das Licht beruhigte ihn. Mehr aber half ihm ein guter Gedanke, den er

in der Nacht gefaßt hatte: er wollte hinüber zur Frau Raschdorf gehen

und die Kündigung zurücknehmen.

Schlafen mußte er wieder können, ruhig mußte er wieder sein, selbst auf

die Gefahr hin, daß er den Buchenhof nicht bekam. Sonst, meinte er,

würde er verrückt werden vor Furcht.

So ging er gleich vor dem Frühstück nach dem Buchenhofe. Unter der Tür

traf er die Magdalene Raschdorf.

Das schöne Kind sah ihn herb an.

»Lene, ist Deine Mutter schon aufgestanden?«

Das Mädchen schüttelte finster den Kopf.

»Ich möchte mit Deiner Mutter gern sprechen.«

»Sie ist krank!« sagte Lene und wandte ihm den Rücken.

»Ganz wie der Vater,« dachte Schräger, »so stolz und abweisend.« Aber

er zwang sich, freundlich zu sein.

»Lene, ist es schlimmer geworden mit der Mutter?«

Das Kind nickte und schlug die Hände vors Gesicht; dann lief es ins

Haus.

Eine Magd erschien und klärte Schräger auf. Die Frau hatte in der

Nacht Blutsturz bekommen. Ein Gespann hatte den Doktor geholt und eine

barmherzige Schwester aus der Stadt mitgebracht, und der Pfarrer und

der alte Kantor waren auch in der Nacht gekommen.

»Mit einer Laterne?« fragte Schräger stockend.

»Ja, mit einer Kirchenlaterne!«

»Aah!« seufzte Schräger auf und nickte.

Der Arzt kam die Treppe herab.

»Was wünschen Sie?« fragte er Schräger.

»Ich -- ich habe der Frau Raschdorf Geld gekündigt, und ich will die

Kündigung zurücknehmen.«

»Lieber Freund, da kommen Sie leider zu spät. Frau Raschdorf ist eben

gestorben.«

Ein schriller Schrei ertönte von oben. Das war die Lene, die es

auch jetzt eben erfuhr. -- Schräger ging mit schweren Schritten

heim. -- -- -- --

Wieder flog die Todeskunde durchs Dorf, und die Leute wurden still. Ein

Schrecken kam über die Menschen.

So viel Trauer in einem Hause weckte überall Furcht. Ein leises Grauen

mischte sich drein, als sei hier eine Strafe des Himmels sichtbar und

offenkundig in Erscheinung getreten für Sünden, die die Menge nicht

genau kannte. Aber ein Mitleid regte sich in den weicheren Herzen für

die zwei verwaisten Kinder. Dieses Mitleid hätte zum Siege verhelfen

können im Kampfe um die Heimat. Durch Mitleid hätte Heinrich Raschdorf

sich jenen Herzboden bei den Mitgliedern der Gemeinde erkaufen können,

um den er lange Jahre hindurch so bitter kämpfen mußte. Es kam ein

günstiger Augenblick, wie er nicht mehr wiederkam. -- Ein paar

Sympathiekundgebungen kamen aus dem Dorfe. Gespanne wurden angeboten,

auch sonstige Unterstützung, und zwölf Männer meldeten sich freiwillig

als Träger der Leiche. Der Bauer, der sich vor Tagen wegen Influenza

entschuldigt hatte, hatte die zwölf Männer gesammelt. Er schickte eine

Magd und ließ fragen, ob die Träger gebraucht würden.

Mathias Berger brachte seinem Mündel Heinrich die Nachricht aus der

Küche in die Wohnstube.

»Die Leute werden vernünftig, Heinrich! Siehst Du, schlecht sind sie

gar nich. Sie haben sich bloß mit Deinem Vater nich verstehen können.

Es is schon gut, Heinrich, wenn Du mit den Leuten auskommst, denn sonst

bleibst Du in der Fremde, auch wenn Du zu Hause bist. Das kannst Du mir

glauben.«

»Den Vater haben sie nich tragen mögen,« sagte der Junge finster.

»Warum nicht?«

Mathias Berger wußte nicht gleich eine richtige Antwort. Eine

leidenschaftliche Röte flammte über das Knabengesicht.

»Weil sie dumm sind, weil sie schlecht sind! Mathias, ich hab's gehört,

ich hab' gehört, wie sie auf meinen Vater schimpften, damals in der

Stadt. Alle haben sie gelacht über den schuftigen Barbier, und wie ich

ihm die Nase blutig gehau'n hab', da haben sie über mich herfallen

wollen -- zwanzig Männer über einen Jungen! Mathias, sie dürfen meine

Mutter nicht tragen. Ich leid's nicht!«

Die stolze, herrische Art der Raschdorfs brach bei dem Knaben durch.

Mathias blieb ruhig und milde.

»Heinrich, sie lassen sich selber anbieten. Es ist nun einmal so

Sitte auf dem Dorfe. Wenn wir das abschlagen, das is eine riesige

Beleidigung.«

»Und die? Haben die meinen Vater nicht beleidigt? Gebettelt hab' ich,

gebettelt, Mathias, daß sie's glauben sollen, sie haben nicht gemuckst.

Ich leid's nicht, Mathias, ich leid's nicht, daß sie die Mutter tragen.«

»Hör' mich mal an, Heinrich! Siehst Du, die Scheune werden wir wieder

aufbauen, den Stall auch. Das is nich schwer. Auch die Wirtschaft

kriegen wir wieder rauf. Das is auch nich schwer. Das läßt sich alles

machen, wenn man a bissel Geld hat und fleißig is. Aber Heinrich -- die

Leute, die Leute! Die müssen auch wieder lernen, freundlich mit uns zu

sein. Das is die Hauptsache, Heinrich! Das is wichtiger, als daß wir

die Wirtschaft wieder aufbauen. Sieh mal, ich war früher so a armer

Kerl. Ich hatte kaum a paar Sonntaghosen. Aber zu Hause war ich, 'ne

Heimat hatt' ich. Das war, weil mir die Leute gut waren. Dein Vater,

Heinrich, der hat keine solche Heimat gehabt.«

»Willst Du auch auf den Vater schimpfen, Mathias?«

»Wein' doch nich, Heinrich! Ich will ja bloß mit Dir reden, weil Du

doch schon ein großer, kluger Mensch bist. Sieh mal, ich sage, das war

eben das Unglück von Deinem Vater, daß a sich nich mit a Leuten im

Dorfe vertrug. Ich sag' ja nich, daß a schuld war. Ich sag' bloß, es

war sein Unglück. Denn siehst Du, immer alleine konnt' a nich sein,

immer in die Stadt fahren konnt' a auch nich, na, und da wurd' a

verdrossen und ging zum Schräger, und das war sein Verderben.«

Der Knabe weinte leise vor sich hin. Berger schlang den Arm um seine

Schulter.

»Heinrich, Du hängst so an zu Hause. Es ist notwendig, Heinrich, daß

wir gute Freunde im Dorfe haben. Ich bin zu a ungeschickter Kerl, ich

kann Dir's nich so beschreiben, wie ich mir's denke. Aber das weiß ich:

Wir brauchen die Leute, auch wenn wir sie nich brauchen. Wir müssen's

annehmen, Heinrich!«

»Da -- da sag' ihnen, sie sollen die Mutter tragen; Du bist ja klüger,

Du mußt's ja wissen.«

In demselben Augenblick öffnete sich die Tür, und Magdalene Raschdorf

trat hastig ein.

Ihre braunen Augen standen voll Tränen. Die Stimme bebte ihr, als sie

sprach: »Mathias, sie hat gesagt -- sie hat zu unserer Martha gesagt --

Sie -- Sie haben -- Sie haben unsere Mutter geküßt!«

»Lene! Was fällt Dir ein! Wer sagt das?« rief Berger.

»Wer sagt das, Lene?« stammelte Heinrich.

»Die -- die Magd vom Perschke-Bauer, die da is -- die hat's zur Martha

gesagt -- und ich -- ich hab's gehört!«

Mathias sprang aus der Stube hinüber nach der Küche. Eine junge Magd

stand schwatzend bei einer andern.

»Frauenzimmer, erbärmliches, was hast Du gesagt? Zu dem Kinde? Zu dem

Kinde?«

Die Magd wurde blaß und floh in einen Winkel.

»Was ist denn? Was ist denn? Jeses! A will mich hau'n!«

»Was hast Du gesagt von mir und der toten Frau Raschdorf -- Mädel?«

Berger, der ihr gefolgt war, trat drohend und keuchend vor sie.

»Ich hab' nichts gesagt -- ich hab' -- Jeses --!«

Ein Schlag klatschte ihr auf die Wange.

»Gesteh's, Frauenzimmer, oder --«

»O Gott, o Gott, lassen Sie mich!«

»Was Du gesagt hast, will ich wissen!«

Wieder erhob er drohend die Faust.

»Ich hab's bloß nachgesagt, der Herr sagt's, die Frau, 's ganze Dorf.

Ich kann nicht dafür --!«

»Das ganze Dorf? Raus! Und sag' Deinem Herrn, wenn sich noch eins auf

dem Buchenhof sehen läßt, da hetz' ich die Hunde!«

»Ich bring' sie um! Ich schlag' sie tot!« schrie Heinrich in rasender

Wut und klammerte sich an das Mädchen. Berger riß ihn los.

»Laß sie! Laß sie laufen, Heinrich!«

»Loslassen, Mathias, los! Ich schlag' sie tot!«

Heinrich schlug mit den Füßen gegen Mathias, der ihn festhielt, während

das Mädchen heulend davonlief.

Nach langer Zeit, als sie sich etwas beruhigt hatten, sagte Berger:

»Es war unrecht, Heinrich! Das dumme Ding quatscht bloß nach, was ihr

die Leute vorreden. Aber, Heinrich, ich war ein großer Esel. Du hast

recht, die dürfen Deine Mutter nicht tragen. Sie sind zu schlecht!«

Der Knabe wandte ihm den Rücken und stand in finsterem Groll und in

furchtbarem Nachgrübeln zitternd da. Berger betrachtete ihn und ahnte,

was in dieser Seele vorging. Da sagte er mild:

»Heinrich, komm einmal mit zur Mutter!«

In der kleinen Stube stand der Sarg. So friedlich lag die verklärte

Frau auf den weißen Kissen. Laut aufschluchzend kniete Heinrich am

Sarge nieder. Mathias Berger stand da mit gefalteten Händen, lange --

in stummer Betrachtung. Das war ein tiefes Glück, daß er so ruhig hier

stehen konnte.

»Heinrich,« sagte er leise, »ich hab' Deine Mutter sehr lieb gehabt,

aber küssen tu ich sie jetzt das erste Mal.«

Und er beugte sich über den Sarg und küßte die lächelnde Tote.

Dann faßte er den Knaben an der Hand und führte ihn hinaus. Und

Heinrich schmiegte sich fest an ihn an.

[Illustration]

[Illustration: Kapitel 8]

Neues Leben war auf den Buchenhof gezogen. Unten im Dorfe im

kleinen Schuppen stand unbenutzt der Lumpenwagen, und Pluto, der

»Bernhardiner«, lag faul im Buchenhofe und duldete mit lässiger,

gelangweilter Vornehmheit die Neckereien Waldmanns, des Dachses.

Mathias Berger war nicht mehr auf den Lumpenhandel gezogen, er war der

Verweser des Buchenhofes geworden.

Die Bauern im Dorfe lachten. Ein Lumpenmann Großbauer, das war auch

zum Lachen. Zum Bauer sein gehört Verstand und noch mehr Geld. Und

das hatte Mathias Berger beides nicht. Wenigstens nicht den richtigen

Verstand. Von Geld war sowieso nicht die Rede.

Der Barbier hatte ein »Gedicht« gemacht; das hieß:

»Der Herr vom Buchenhofe hat sechs Dreier und

Ein' Lumpenwagen und ein' großen Hund.«

Dieses Gedicht fand starken Beifall im Dorfe, und selbst die kleinen

Kinder lernten es auswendig. Auch erfand ein Tonkünstler eine sinnige

Melodie dazu, so daß das Lied gesungen und gepfiffen werden konnte.

Den Dichter machte es populär, und alle hielten ihn für einen witzigen

Menschen, der einen helleren Kopf habe als die anderen Leute.

Mathias Berger hörte von dem Spottverse und beschloß, in einem

wirklichen Gedichte, das der Redakteur des kleinen, landläufigen

Blättchens gewiß drucken würde, dem Barbier und den Dorfleuten eine

derbe öffentliche Antwort zu geben.

Mathias war in seinen Feierstunden ein Dichter. Er verfaßte zwar meist

nur Gelegenheitsgedichte, wie Nachrufe, Festtagswünsche u. dergl.; aber

einige Gedichte hatten auch in der Zeitung gestanden, und so hoffte

Mathias, auch diesmal mit einem geharnischten Poem anzukommen.

Da fand er am Tor des Buchenhofes mit Kreide die Worte angeschrieben:

»Der Barbiehr ist ein Esel!« Hannes, der Schaffersohn, bekannte

sich mit vergnügtem Schmunzeln als Urheber dieses Sinnspruches und

versicherte mit Wichtigkeit, daß er denselben Satz fast auf allen

Zäunen und Toren des Dorfes verewigt habe. Dafür erhielt er von Mathias

Berger eine unvermutete, aber sehr ausdrucksvolle Ohrfeige, und dieser

andererseits zog aus dem Vorfall die weise Lehre, daß es nicht gut sei,

sich mit Schubiacks in einen literarischen Kampf einzulassen. --

Auf Betreiben des alten Kantors war Mathias Berger zum gesetzlichen

Vormund über die beiden Kinder Heinrich und Magdalena Raschdorf

bestimmt worden.

Einen Tumult gab es im Dorfe, als bekannt wurde, daß Berger für

Heinrich Raschdorf das Gut kaufe und der Knabe sich mit seiner

Schwester »auseinandersetze«. Das Gut war abgeschätzt worden, nicht

viel über die Gesamtschulden hinaus, die Heinrich Raschdorf übernahm.

Das Mädchen erhielt eine geringe Summe ausgezahlt, die fest angelegt

wurde.

»Wenn es uns besser geht, Lene,« sagte Mathias, »dann bekommst Du

freiwillig, so viel wir Dir geben können. Jetzt dürfen wir den Hof nich

noch mehr belasten, sonst können wir ihn nich halten.«

Das Mädchen verstand nichts davon; es war zufrieden, daß es auf dem

väterlichen Gute bleiben durfte. --

Und um diese Zeit geschah es, daß Hannes abermals Prügel kriegen mußte.

Das kam so:

Er hatte einem Rudel Jungen, das ihm den Spottvers von den »sechs

Dreiern« in die Ohren sang, wütend und doch triumphierend zugeschrien,

der Mathias Berger habe mehr Geld als die ganze »Lumpenpakasche« der

Dorfleute, er hab' das ganze Dorf »gefünffingert«, denn er besitze 40-

oder gar 100000 Taler, und das habe kein Mensch gewußt. Und als die

Jungen lachten, fragte er sie schnippisch, woher denn etwa mit solcher

»Fixigkeit und Leichtigkeit« dem Schräger und dem Müller die Schulden

bezahlt würden, wenn nicht der Mathias das Geld gäb'. Denn sonst borgte

doch kein Mensch.

Diese Straßendebatte hatte drei Folgeereignisse:

1. Mathias Berger wurde zur Einkommen- und Kommunalsteuer herangezogen;

2. im Dorfe entstand eine neue, vielleicht überhaupt die stärkste

Sensation, und 3. Hannes bekam Hiebe.

Das letzte Ereignis vollzog sich an einem trüben schwermütigen

Märzabend in des Schaffers Stube. Der Vater war sehr schweigsam dabei,

der Sohn nicht. Nach der Katastrophe ging Hannes hinaus, starrte in das

trübe Abendlicht und lehnte seinen verlängerten Rücken gegen eine kühle

Mauer. Da kam die Lene über den Hof, sah ihn verächtlich an und sprach

nur das eine Wort: »Quatschkopp«.

Damit warf sie ihm etwas vor die Füße. Es war der Ring, den er ihr

ehemals verehrt hatte.

Hannes rührte sich nicht. Für seinen Kampfesmut so schmählich behandelt

zu werden, hatte er nicht verdient. Er nahm sich fest vor, weder mit

seinem Vater noch mit Mathias noch mit der Lene jemals im Leben wieder

ein Wort zu reden, und dann kroch er in sein Bett und schlief mit wehem

Herzen und ebensolchem Rücken ein.

Im Dorfe unten aber wurde nach drei Tagen eine romantische Mär erzählt.

Irgendwo -- den Ort wußte niemand genau -- habe eine alte, sehr

geizige Frau gelebt, die all ihr Lebtag gespart und sich eine große

Menge Papiergeld in einen alten, wollenen Unterrock eingenäht habe.

Niemand hätte von dem kostbaren Unterfutter des alten Rockes, den die

Frau beständig auf dem Leibe getragen habe, etwas gewußt, selbst die

eigenen Kinder nicht. Eines Tages sei die Frau plötzlich am Herzschlag

gestorben. Der Rock sei nebst anderem wertlosen Zeug einem gewissen

Lumpenmann verkauft worden, und das weitere könne sich jeder denken.

Von dieser Geschichte erfuhr Mathias Berger vorläufig nichts. Er wußte,

daß die Sympathie, die er früher im Dorfe genossen, geschwunden war

seit dem Tage, da er sich der Raschdorfschen Sache annahm. Er hatte

sich in Widerspruch gesetzt mit der öffentlichen Meinung, und das

mußte er fühlen. Daß er einer ungeheuren Unehrlichkeit bezichtigt

wurde, ahnte er nicht, freute sich vielmehr, daß sich die Leute

schmerzlich den Kopf darüber zerbrechen würden, wie er zu so vielem

Gelde gekommen sei.

Unterdes hatte er auch nicht Zeit, sich um das Gerede im Dorfe zu

kümmern. Die riesige Arbeitslast, dem zerrütteten Buchenhofe wieder

aufzuhelfen, lag auf seinen Schultern. Und da wuchs mit der Aufgabe

seine Kraft. Zum erstenmal im Leben stand er so schweren Forderungen

gegenüber, und sie stählten ihn.

Im zeitigen Frühjahr schon begann der Aufbau der Gebäude. Mathias

Berger hatte einen tüchtigen, gewissenhaften Maurermeister gefunden,

der sein Werk solid, rasch und billig herstellte.

Berger war von früh bis in die späte Nacht tätig. Jetzt war er in der

Stadt zu Verhandlungen, jetzt stand er draußen auf dem Felde, jetzt saß

er grübelnd und rechnend in der Stube, und dann stand er wieder unter

den Handlangern und rührte Kalk ein oder trug Ziegel.

Ein Notstall wurde errichtet, die nötigen Ackerpferde gekauft, das

Ackerzeug ergänzt, und die Feldarbeit konnte neu beginnen. Reichel, der

Riese, arbeitete für drei. Aber er tat noch mehr. Er bot Mathias Berger

seine Ersparnisse an, die sich auf ein paar hundert Mark beliefen.

»Reichel,« sagte Berger, »Dein Geld brauch' ich jetzt noch nich.

Vielleicht später! Dann pump' ich Dich an, das versprech' ich Dir

feierlich! Jetzt brauch' ich bloß Dich selber. Aber ganz notwendig,

Reichel!«

Der Riese errötete über das Lob, das in diesen Worten lag, und

arbeitete wieder, als ob er die Welt zusammenreißen wolle. Es war,

als ob er seinen Charakter geändert habe, denn er tat alles mit einer

großen Hast, wenn er ging und arbeitete, und ließ die majestätische

Ruhe ganz außer acht, die sonst seinem Wesen eigen war.

Auch die Kinder halfen emsig nach ihren Kräften, und Hannes benahm sich

in diesen Tagen tadellos, denn am Tage blieb ihm nicht eine Minute

Zeit, Allotria zu treiben, und am Abend war er todmüde.

In all diesem emsigen Treiben fehlte nur Heinrich. Er war wieder auf

der Schule. Ein paarmal schrieb er dringende Briefe, er wolle nach

Hause, wolle helfen. Aber Berger, sein Vormund, ging darauf nicht ein.

Er antwortete ihm kaum. Einmal nur schrieb er auf eine Postkarte:

»Lieber Heinrich, sei Du nur so fleißig auf der Schule, wie wir hier

alle sind, dann wird alles gut werden.«

So kam es, daß Heinrich trotz der heftigen Seelenerschütterungen, die

seine Schülerarbeit gehemmt hatten, zu Ostern das Versetzungszeugnis

als »Dritter der Klasse« nach Hause tragen konnte.

Auf dem Bahnhof holte den Knaben niemand ab. Es war kein Pferd

übriggeblieben für die Fuhre. Aber da drüben hielt ein Wagen aus

Heinrichs Heimatsdorfe. Ein Bauer holte irgend jemand von der Bahn.

Heinrich stand mit seinem schweren Handkoffer da und wartete immer,

ob ihn der Bauer nicht auffordern würde, mitzufahren. Aber der sagte

kein Wort, und zu bitten schämte sich der Knabe. So fuhr der Bauer mit

seinem halbleeren Wagen heim, und Heinrich nahm den Koffer und machte

sich schwerbeladen auf den Weg nach Hause.

Der Koffer zerrte an seinen Armen und Schultern. Aber dem Knaben war

doch, als ob er an dem Herzen in der Brust noch schwerer zu tragen

habe. Er kam das erstemal nach Hause seit dem Tode beider Eltern.

Wie schwer sich das ging! Schwer und ohne alle Freude. Er hatte auch

jetzt keine Begierde, die Veränderungen zu sehen, die seitdem gemacht

worden waren. Es waren schon zu viel Veränderungen für eine Heimat.

Als er den Buchenhof sehen konnte, blieb er tiefatmend stehen. Dann

begann er heftig zu weinen. War er dort unten zu Hause? War das

wirklich der Ort, nach dem er sich in seinen Heimwehstunden gesehnt

hatte? Oder war er nicht in die Irre gegangen, war das nicht die Fremde?

Wenn sein Vater jetzt dort unten ginge und nur einmal hinaufnickte, das

wäre schön.

Aber dort war der Kirchhof. Dort lagen Vater und Mutter. Dorthin mußte

der Heinrich gehen, wenn er nach Hause kommen wollte.

Und die Tränen des Kindes flossen reichlicher.

Da erhob sich etwas vom Straßenrande, ein Stückchen den Weg hinunter,

und kam rasch auf Heinrich zugelaufen. Es war Lotte Schräger.

»Guten Tag, Heinrich! Guten Tag! Ach, ist das schön, daß Du kommst!

Siehst Du, ich hab' einen Strauß gemacht. Da -- nimm ihn! Warum

sagst Du denn nichts? Gefällt er Dir nicht? Es gibt jetzt noch keine

hübscheren Blumen.«

»O ja, Lotte, er ist sehr schön. Wo kommst Du denn her?«

»Ich hab' gewußt, daß Du kommst. Und es hat Dich doch niemand abgeholt,

da wollt' ich Dir ein bißchen entgegengehen.«

Er wurde verlegen.

»Na ja, Lotte, da seh' ich doch jemand, den ich kenne.«

»Komm, ich werd' Dir den Koffer tragen. Oh, is der schwer!«

»Laß, Lotte, den Koffer kannst Du nicht tragen, den trag' ich selber!«

»Na nu, mal weg mit der Hand! Ich trag' den Koffer! Du mußt ja schon

schrecklich müde sein!«

»Lotte, es geht nicht! Laß mich wenigstens am Henkel mit anfassen, da

wird's besser gehen!«

So einigten sie sich und trugen den Koffer miteinander den Weg entlang.

Der Frühling lachte aus dem Walde heraus, und Heinrich Raschdorf ward

auf einmal wohl ums Herz. Die Bangigkeit war verschwunden, und wie

durch ein Wunder war die Ferienfreude in sein Herz eingekehrt.

»Lotte, ich freu' mich so, daß ich Dich getroffen habe.«

Das Mädchen sah ihm unschuldig ins Gesicht und lachte.

»Ja, sieh mal, Heinrich, das ist halt, weil ich doch eigentlich Deine

Braut bin. Weißt Du noch damals vom Feuer?«

»Ich weiß es noch!«

Der Knabe war rot geworden. Er war schon reifer als das Kind, und es

ging ihm jetzt wie eine langsame Lähmung durch die Glieder. Er hatte

immer jene Mitschüler für schlechte Subjekte gehalten, die davon

redeten, daß sie eine »Flamme« hätten. Es waren so fünf bis zehn Stück

davon in der Klasse. Und ein paar machten sogar Gedichte. Herauskommen

durfte so etwas nicht, da wäre einer einfach »abgesägt« worden. Eine

schlechte Nummer wäre das mindeste gewesen.

Eine Angst packte Heinrich, ohne daß er doch ein heimliches

Glücksgefühl los wurde. Und der junge Herkules wußte gar nicht, daß er

da mit seinem Koffer auf einem Scheideweg herumlief.

Lotte begann wieder zu reden.

»Jetzt nach Ostern komm ich auch auf die Schule. In eine Höhere

Töchterschule. Weißt Du, Stunden hab' ich ja schon viel gehabt, auch

im Französischen, aber jetzt soll ich nu die richtige Bildung lernen.

Vielleicht auf vier Jahre komm ich fort.«

»So, so, Lotte. Da wirst Du ja eine feine Dame werden.«

»Ja, der Vater will's. Viel Spaß macht mir's nicht. Aber ich denke,

wenn Du doch so viel lernst, da muß ich auch nicht so dumm sein, wenn

wir uns schon einmal heiraten.«

Das Mädchen ging von seinem Eheprojekt nicht ab.

»Du hast doch niemand was erzählt, Lotte?« fragte Heinrich ängstlich.

»Soll ich nicht?«

»Nein, Lotte, Du darfst nichts erzählen -- niemand! Hörst Du --

niemand: Das paßt sich nicht!«

»Das paßt sich nicht?«

Das Mädchen wurde nachdenklich. Zum ersten Male kam ihr ein dumpfes

Bewußtsein, daß es sich hier um etwas handele, was niemand wissen

dürfe. Und das tat ihr leid.

»Aber -- aber so einen niedlichen Ring könntest Du mir auch schenken.«

Dem Knaben wurde schwül, und er sah sich ängstlich um, ob auch niemand

in der Nähe sei.

»Ich möchte schon, aber ich hab' keinen, und wenn's geht, schenk' ich

Dir einen.«

»Ach, da würd' ich mich aber freuen, Du! Schrecklich tät ich mich

freuen!«

Heinrich begann ein alltägliches Gespräch, und das setzten sie fort,

bis sie sich eine Strecke vom Buchenhofe entfernt verabschiedeten.

Unterm Hoftor blieb Heinrich stehen. Er kannte das väterliche Gehöft

kaum wieder. Vieles war verändert. Eine Menge Baumaterialien war im

Hofe aufgeschichtet und eine Schar Arbeitsleute war geschäftig tätig.

Abseits an einer Mauer saßen Hannes und Lene. Sie hatten ein jedes

einen Hammer in der Hand, und damit schlugen sie Kalk los von alten

Ziegeln.

Als sie Heinrich sahen, kamen sie rasch auf ihn zu. Mit herzlicher

Freude begrüßten sie den Heimkehrenden.

»Jesses,« schrie Hannes, »nu hat niemand an den Koffer gedacht. Na, da

haste gut schleppen können. Gib mal her! Schwerleck, der zieht! Na,

siehste, Heinrich, Du mußt nich immer so viel Bücher reintun, denn sie

sind schwer, und pauken tuste in den Ferien doch nich!«

»Von wem haste denn den Strauß?« fragte Lene.

Heinrich wurde rot und suchte nach einer Ausrede. Aber dann sagte er

mit möglichstem Gleichmut:

»Ach, ich hab' die Schräger Lotte getroffen, und die hat ihn mir

geschenkt!«

»Die Schräger Lotte?« fragte Lene streng.

»Die Schräger Lotte?« wiederholte Hannes entrüstet. »Na, ich danke, mit

der gibst Du Dich noch ab und läßt Dir Sträuße schenken? Das hätt' ich

nich von Dir gedacht!«

»Aber was -- was ist denn?«

Hannes und Lene sahen sich an.

»Er weiß noch nich. Na, ich werd' Dir's sagen, Heinrich. Rat' mal, wo

unser Mathias is!«

»Unser Mathias? Zu Hause! Wo sonst?«

Die Lene trat ganz dicht an ihn heran und flüsterte ihm ins Ohr:

»Im Gefängnis is a!«

»Im Gefängnis -- das ist nicht wahr!«

»Ja! Der Schräger hat'n verklagt, und da hat a zehn Tage gekriegt.

Wegen der Beleidigung!«

Der Knabe stand wie erstarrt.

»Na, und Du läßt Dir von der Lotte 'n Strauß schenken?«

Heinrich konnte kein Wort sagen, kein armseliges Wort. Ein Stückchen

Heimat hatte sich vor ihm aufgetan, als er mit dem Nachbarskinde vorhin

wanderte. Und das wurde ihm so grausam wieder genommen.

»Seit wann ist er fort?« brachte er endlich heraus.

»Heute is der vierte Tag. A hat sich gerade über die Feiertage

einsperr'n lassen, daß a dann wieder mit arbeiten kann. Na siehste, die

Schrägerleute, das sind eben alles Lumpe.«

Jenseits des Hoftors schallte eine krächzende Stimme:

»Eingesperrt -- eingesperrt! -- Sechs Dreier und einen Hund, einen

großen Hund!«

»Das ist der Gustav, das blödsinnige Heft! -- Da! Hier habt Ihr Euren

Mist wieder!«

Und Hannes riß Heinrich den Strauß aus der Hand und schleuderte ihn

über das Tor.

»Was machst Du, Hannes, was --«

Aber draußen schrie der Idiot schon wieder: »Blumen! Blumen! O, schöne

Blumen! A Pukettel! A Pukettel! Ich putz mich! Ich mach mich fein!

Sechs Dreier und einen Hund -- einen gro--o--o--ßen Hund!«

Damit verschwand er singend im Kretscham.

Heinrich stand mit gesenktem Kopfe da.

»Unser Mathias! Aber das war doch nicht recht, Hannes! Die Lotte kann

doch nichts dafür.«

Die Antwort gab seine Schwester Lene.

»Das is ganz egal! Von den Schrägerleuten darfst Du keinen Strauß

nehmen. Das paßt sich nicht!«

»Du wirst doch nich etwa zu den'n halten! Das hätt' sich der Mathias

gerade verdient. Na komm, Lene, wir müssen wieder Ziegeln abkratzen.

Geh nur in die Stube, Heinrich.«

Die Kinder gingen fort, und Heinrich nahm den Koffer und trat ins Haus.

Niemand war in der großen Wohnstube. Leer und einsam lag das Zimmer. Da

fühlte Heinrich Raschdorf, daß hier die Heimat nicht mehr war.

Müde sank der Gast auf einen Stuhl und stützte sich auf den Tisch. Und

so saß er ohne klare Empfindungen. Nur eine große Bangigkeit war in ihm.

Er hatte wohl auch Hunger. Aber es kam niemand, ihn zu fragen, ob ihm

etwas fehle.

Der Lehnstuhl der Mutter stand am Fenster -- leer. Zuguterletzt ging

Heinrich mit zagen, scheuen Schritten näher und setzte sich in den

Stuhl. Das Gesicht preßte er gegen die Lehne.

Und auch in dem Stuhle war nicht die Heimat. Nur eine wilde, quälende

Sehnsucht kam, indes es draußen langsam dunkelte.

* * * * *

Drüben über der Straße ging indes eine Kindheit unter.

Die Kindheit Lottes.

Wer von allen weiß, wie lange Kindheit dauert? Bei manchen Wesen ist

sie früh verloren; bei manchen dauert sie das ganze Leben.

Wer ein Wissender wurde, ist kein Kind mehr. Nur die sind Kinder, die

vor den verschleierten Bildern des Lebens wunschlos stehen und nicht

fragen.

Wer mit zweifelnder Hand den Schleier hob, oder wem ein Sturm die

großen, öden Bilder enthüllte, der ist weit von der Kindheit.

Und wer weit von der Kindheit ist, ist nahe dem Tode.

Die Scham war diesem Mädchen gekommen wie ein dunkelrotes Licht,

das ein trübes Erkennen brachte, das Erkennen, daß Lieb' und Treue

gemißhandelt werden können.

O, ihr welken Anemonen!

O, ihr toten, traurigen Veilchen!

[Illustration]

[Illustration: Kapitel 9]

Drei Jahre später. Die Osterglocken läuteten genau so wie damals,

als der Buchenhof wieder aufgebaut wurde. Ganz derselbe Akkord! Ganz

dasselbe Osterlied. Nur ein neuer Kantor ging vor der singenden Menge;

der andere war bei der stillen, großen Zuhörerschar, die ungesehen

hinter der frühlingsgrünen Rasengardine nach Auferstehungsliedern

lauscht.

Vorweg im kirchlichen Zuge gingen die Musizierenden, dann kam der

Priester mit seiner Begleitung und dann die Gläubigen in Reihen zu fünf

oder sechs Leuten.

Eine solche Reihe bestand aus Heinrich und Lene Raschdorf, Mathias

Berger, Liese, dem Schaffer und seinem Sohne Hannes.

Die Buchenhofleute gingen immer für sich. Sie vermischten sich mit den

anderen nicht.

Früher waren sie mit bei der Musikkapelle gewesen, jetzt schon lange

nicht mehr. Sie waren einmal beleidigt worden.

»Das ist kein Schade,« hatte der Mathias damals gesagt, als er mit

seiner Trompete nach Hause kam, die sonst auf dem Chor neben der

Orgel hing, »gar kein Schade, denn die Sänger und Musikanten sind die

unandächtigsten Leute in der ganzen Kirche. Wenn sie musizieren, da

haben sie bloß immer aufzupassen, daß sie nich aus 'm Takt kommen, und

könn'n an a Herrgott nicht denken, und wenn Pause is, da schnaupen sie

sich die Nasen aus oder quatschen miteinander. Na, ich sage: Wenn der

Herr Jesus mal auf so 'n Chor käm', der schlüg' manchem die Baßgeige um

die Ohren.«

»Is richtig,« hatte der Schaffer gesagt und sonst nichts, hatte aber

auch damit seine künstlerische Stellung als Paukenschläger begraben.

Am nächsten Sonntag aber, als Reichel mit Mathias in der Kirche unten

im Schiff saß, schlief er ein. Da sagte Mathias auf dem Heimwege,

für den Schaffer wäre das Paukenschlagen immer noch der allerbeste

Gottesdienst.

Nach der kirchlichen Feier an jenem Ostermorgen gingen die

Buchenhofleute miteinander heim.

Sie waren sehr fröhlich, denn es ging ihnen gut. Heinrich war nun

endgültig von der Schule zurück. Er hatte die Berechtigung zum

Einjährigen-Dienst erworben, und Mathias Berger war zufrieden mit ihm.

Heinrich war ein hochgewachsener, etwas blasser, aber hübscher Bursche

geworden.

»Nun kann's gehen, wie's will, Heinrich, nu find'st Du immer 'ne

Stelle.«

Übrigens ging es gut. Der Hof war völlig neu eingerichtet, und ein

paar günstige Jahre sowie Fleiß und Anspruchslosigkeit, die keiner

Steigerung mehr fähig waren, hatten zuwege gebracht, daß Mathias

Berger nicht nur die Zinsen pünktlich bezahlen konnte, sondern immer

neue Verbesserungen im wirtschaftlichen Betrieb anlegte, wenn er auch

vorläufig noch kein Geld sparte.

Wenn ihn aber Heinrich fragte, ob er sich auch gewissenhaft die Zinsen

für sein eigenes Kapital nähme, wurde er immer verstimmt und sagte:

»Möchtest mir wohl auch gern Lohn geben wie einem Großknecht? Sei nur

still! Ich komm schon zu meiner Sache, wenn's erst besser geht. Später

rechnen wir ab. Ich schreib' alles auf. Und weißt Du, was ich brauche,

nehm' ich mir, und meiner Schwester und der Liese schick' ich Milch und

Butter, Kartoffeln und Speck. Das sind genug Zinsen.«

Nun trug sich Mathias Berger mit großen Plänen. In einem Hügel, der

zum Buchenhof gehörte, hatte er ein Lehmlager entdeckt. Also wollte er

eine Ziegelei anlegen und erhoffte von dieser reichliche Erträge. Nur

klug und vorsichtig müsse man es anfangen. Jedenfalls sei die Sache

bei der regen Bautätigkeit, die im Kreise entfaltet werde, durchaus

aussichtsvoll. Als Anlagekapital wollte Mathias Berger seine letzten

7000 Mark zu Hilfe nehmen.

»Und wenn das Geld verloren geht, wenn wir pleite werden, wenn Du

stirbst, was wird dann aus der Liese?«

Bergers Gesicht verfinsterte sich etwas.

»Aus der Liese?! Na ja! Aber sieh mal, da muß sie halt arbeiten --

wie wär's, wenn ich das Geld nicht gewonnen hätte? Und dann is vom

Pleitewerden gar keine Rede. Geht der Krempel nicht, hör'n wir zur

rechten Zeit auf!«

Heinrich dachte nach.

»Jawohl, und ich würde ja auch die Liese nicht verlassen, ich würde

alles tun für sie -- alles!«

Da leuchteten Mathias Bergers Augen. Es lag ein eigener Osterglanz

darin. Und er drückte Heinrich stumm die Hand.

Der aber sah den Weg hinauf.

Dort ging im jungen Morgenlicht eine schlanke, feine Mädchengestalt.

Sie trug ein lichtes Kleid und einen ganz modischen Hut.

Die Heimat: Roman aus den schlesischen Bergen · 第 9 / 30 题