Schräger betrachtete ihn mit unruhigen Augen.
»Du mußt doch nich -- Du mußt doch nich, Hermann, hier in der Stube --
leg' mal die Flinte weg und setz' Dich wieder! Wir wollen miteinander
reden.«
Der andere folgte mechanisch.
»Wieviel haste denn übrig, Hermann?« fragte der Wirt.
»Übrig?« Raschdorf lachte. »Übrig is sehr gut! Ich häng' noch von
Johanni her, und dann in fünf Tagen is 'n Wechsel fällig über 500 Mark.
Ich -- ich weiß mir keinen Rat mehr. Es gelingt mir nischt mehr, es
geht nich mehr, alles geht krachen, Geld kommt nich ein -- es is zum
Verrücktwerden!«
»Aber Du hast doch noch das ganze Getreide in den Scheunen. Warum läßte
denn nich ausdreschen?«
»Eins -- zwei, links -- rechts, eins -- zwei, links -- rechts!« Der
Idiot hatte sich einen Helm aus Papier gemacht und marschierte durch
die Stube.
»Mach' doch, daß Du rauskommst, Gustav,« fuhr ihn nun Raschdorf an.
»Man kann ja kein vernünftiges Wort reden, Du alberner Bengel!«
Gustav schnitt ihm eine Grimasse. »Schön tumm! Gar nischt zu sagen!
Es is kalt draußen. Eins -- zwei, rechts -- links!« Dann hielt er
plötzlich inne, drohte dem Bauern mit der Faust und schrie:
»Gar nischt zu sagen! Gar nischt rauszuschmeißen! Hu je, es is so kalt,
es is so sehr kalt!«
Er heulte laut auf. Sein Vater sagte freundlich zu ihm: »Setz' Dich
still in den Winkel, Gustav! Du kannst hierbleiben!«
Er war tief verstimmt. Er selbst schrie seine Kinder manchmal an,
aber von fremden Leuten ließ er ihnen nicht zu nahe treten. Der Idiot
setzte sich hinter einen Tisch und heulte stumpf eine Weile vor sich
hin. Von Zeit zu Zeit warf er einen grimmen Blick nach den Männern
und drohte mit der Faust. Dann nahm er den Papierhelm vom Kopfe und
entfaltete das Zeitungsblatt. Er fand ein Bild darin, das ihn offenbar
sehr interessierte, denn er stierte es unausgesetzt an, lachte, grunzte
zuweilen vergnügt und schnitt Gesichter dazu.
Ein Bauer aus dem Dorfe trat in die Stube.
»Guten Tag, Schräger! 'n Korn! Tag, Raschdorf!«
»Guten Tag, Riedel!«
»Na, wie geht's?«
Raschdorf lachte.
»Gutt geht's! Famos geht's! Wie soll's gehen?«
Der Bauer nickte.
»Na ja, wie soll's dem reichen Raschdorf gehn? Dem muß 's gutt gehn!
Habt Ihr's schon gehört? Beim Huhndorf sein'm Schwager hat's letzte
Nacht gebrannt. Die Scheune und die Stallung is abgebrannt.«
»Ach, da is das dort gewesen?« sagte der Wirt. »Die Röte haben wir ja
gesehen; 's muß a riesiges Feuer gewesen sein. Nu, wie is denn das
zugegangen?«
Riedel zuckte die Achseln und lächelte vielsagend.
»Ja, wer weiß! Wenn einer gut versichert is, und die Gebäude taugen
nich mehr viel, da is ja das Abbrennen gar keen so großes Unglück nich.«
Raschdorf lachte grimmig.
»Da haste recht! Man möchte selber wünschen, daß's amal brennte!«
»Versündigt Euch nur nicht!« sagte Schräger.
Riedel blickte Raschdorf aufmerksam an.
»Nu, bei Dir sind doch die Gebäude noch ganz gutt!«
Raschdorf zuckte die Achseln.
»Gutt? Was heißt gutt? Flickereien gibt's immerfort. Die Scheunen
möcht' ich neu decken lassen, und der Kuhstall is ganz erbärmlich
eingerichtet. Die alten Kerle haben keine Idee gehabt, wie a
vernünftiger Stall zu bau'n is. Na, und wie das beim Huhndorf sein'm
Schwager is -- a kriegt a schönes Stück Geld von der Versicherung, und
dann -- ein'm Abgebrannten hilft jeder. Das is gar nich so schlimm.«
»Na, immerhin, jetzt vor'm Winter -- 'ne Zuckerlecke is das nich.«
»Nu, ja, man red't halt so,« sagte Raschdorf achselzuckend; »ich für
mein Teil red' ihm ja auch nichts Böses nach.«
Damit sprang die Unterhaltung auf etwas anderes über. Ein paar andere
Gäste kamen noch, und der dicke Wirt ging immer hin und her mit den
gefüllten Schnapsgläsern. Am meisten trank Hermann Raschdorf.
* * * * *
Drüben seine kranke Frau war allein. Am Nachmittag, als ihr Junge
heimgekommen war, hatte sie seit Wochen wieder einmal eine glückliche
Stunde gehabt. Den Hannes, der mitkam, hatte sie mit einem Auftrag ins
Nachbardorf geschickt. Es war ihr zu unruhig, und sie wollte auch ihren
Heinrich allein für sich haben.
Sie war so einsam. Höchstens daß ihr Vater aus dem Dorfe kam und
sie besuchte. Den Mann sah sie selten, und wenn er da war, hatte
er schlechte Laune. Und das Kind, die Magdalene, war nicht fürs
Stillsitzen. Ihr gesunder Körper wollte hinaus zu Arbeit oder Spiel.
So war sie eine stille Frau, immer sich selbst überlassen. Da kamen
so trübe Gedanken. Krank sein, immer krank, keine Hoffnung haben auf
völlige Heilung, machtlos zusehen, wie dem Manne sein Hab und Gut
langsam aus den Händen glitt und den Kindern die Heimat versank, das
war ihr Los.
Aber die Märtyrerinnen murren nicht, und wenn sie jemand um ihr
Schicksal fragt, lächeln sie. Und es ist auch im ärmsten Leben etwas
Liebes und Lichtes.
Der Heinrich! Er hing so zärtlich an ihr, er schrieb ihr alle drei
Tage einen Brief. Und wenn sie in stiller Nacht leidend und wachend
in ihrer tiefen Verlassenheit im Bette lag, dann suchte auch ihre
geängstigte Seele eine Heimat. Durch die Nacht flog ihre Sehnsucht,
hinab über Berge, hin über rauschende Wälder und schlummernde Dörfer,
bis zu einer großen, glänzenden Stadt an einem breiten, tiefen Strom,
dorthin, wo die hellen Lichter nicht erlöschten die ganze Nacht, wo
das Leben flutete auf den Straßen und Plätzen, und wo doch in einem
einsamen Stüblein ein müder Knabe schlief, dessen letzter Gedanke seine
Mutter gewesen. Am warmklopfenden, reinen Herzen dieses Kindes machten
Frau Annas Leid und Sehnsucht Halt und wurden stille -- denn dort war
ihre Heimat.
Und heute war diese Heimat ihr wieder nähergerückt, heute war
eigentlich auch sie nach Hause gekommen.
Es war so schön gewesen die zwei Stunden, so, als ob draußen goldener
Sonnenschein wäre und die blassen Astern im Garten strahlende Rosen
seien. Von ihrem Kummer und ihren Leiden hat sie ihm wenig erzählt,
fast gar nichts. Sie wollte sich diese Glücksstunde, auf die sie lange
gewartet hatte, nicht trüben. Sie fühlte ja auch nichts Schmerzliches,
sie war ganz gesund und glücklich.
Aber dann war der Hannes zurückgekommen. Er hatte sich heute sehr
beeilt. Da hatte sie selbst dem Heinrich zugeredet, er solle ein
bißchen mit dem Hannes hinausgehen; sie wolle nun ruhen.
So war sie wieder allein. Aber das stille Lächeln auf ihrem Gesichte
blieb. Die Lene kam und brachte die Lampe. Sie küßte die Mutter in
großer Eile und ging bald wieder hinaus.
Es war so stille. Man hörte, wie die Lampe knisterte. Der Dackel war
verfroren vom Felde gekommen und vertrug sich heute sogar mit der
Katze, nur um ein Plätzchen am Ofen neben ihr in ungestörter Ruhe zu
genießen.
Die Uhr schlug sieben. Da ging draußen knarrend das Hoftürchen, und ein
schwerer, unsicherer Schritt schlurrte über den Hof. Das war wohl ihr
Mann. Sie lauschte. Die Schritte verloren sich, er kam noch nicht ins
Haus.
Erst nach einer knappen Viertelstunde trat er bei ihr ein. Er hing die
Mütze an einen Nagel und sah sich unsicher um.
»Wo is der Heinrich?«
»Er is ein bißchen drüben beim Schaffer.«
»So. Beim Schaffer? Ge -- hört a da hin? Was? Hierher gehört a! Der
Schaffer is wohl wichtiger -- wie -- wie ich -- was?«
Die Frau wandte sich ab.
»Er kommt gleich wieder!«
»So? Kommt gleich! -- Will ich auch -- will ich auch wünschen.«
Da ging schon die Haustür, und Heinrich kam. Hannes war in seiner
Begleitung Aber wie er sah, daß der »Herr« in der Stube war, zog er es
vor, draußen zu bleiben.
»Guten Abend, Vater!«
»Nu, kommste endlich?«
»Ja, ich war ein bißchen beim Schaffer, weil Du noch nicht da warst.«
»Weil ich -- weil ich nicht da war? Werd' wohl noch amal fortgehen
können -- was?«
»Ich bitte Dich, Hermann.«
Der Junge setzte sich niedergeschlagen und verschüchtert an den Tisch.
Sein Vater trat vor ihn, legte die Hand auf seine Schulter und
schüttelte ihn ein bißchen. Dann sagte er mit rauher Stimme: »Na, haste
schon die große Neuigkeit gehört, daß wir -- daß wir -- so gut wie
bankerott sind?«
»Vater!«
»Hermann, ich bitte Dich --«
»Was is da zu schreien? In a paar Monaten da wissen's alle alten Weiber
-- da pfeifen's die Sperlinge --«
Der Knabe richtete die Augen auf den Vater -- entsetzt, fassungslos.
»Vater! Was sagst Du? Das ist doch nicht wahr!«
Er sprang auf, klammerte die Hände um den einen Arm des Vaters, und der
Mund verzog sich zu zuckendem Weinen.
Raschdorf ließ schwer das Haupt sinken.
»Es ist wahr -- ich sag's ja eben -- es ist nichts mehr zu machen --«
»Vater, müssen wir da fort von unserem Hofe? Müssen wir da fort von zu
Hause?«
Der Mann war plötzlich nüchterner geworden.
»Ja,« sagte er, und seine Stimme ging schwer, »es geht hier mit uns zu
Ende.«
Da ließ ihn der Knabe los und brach in bitterliches Weinen aus. Die
kranke Frau im Lehnstuhl sah ihn mit unbewegtem Gesichte an. Langsam
aus der tiefsten Quelle des Herzens stiegen zwei Tränen in ihre großen
Augen. Die galten ihrem Kinde, das einen Schicksalsspruch vernahm, der
es aus seiner Heimat verbannte, und das es nun nicht glauben wollte
und mit unschuldigen Tränen und Bitten sich dagegen vergebens wehrte. --
Draußen war Nacht. Ringsum am Himmel hing ein Kranz aus lichteren
Wolken. Aber über dem Buchenhofe drohte ein schwarzes Gewölk --
finster, zerrissen. Regentropfen rieselten aus der Unheilswolke und
trafen den Buchenhof, als ob ein finsterer Geist mit seinem Weihwedel
dort oben stände und einen schrecklichen Segen spräche: das Weihewort
des Verderbens.
Eine dunkle Gestalt jagte flatternd über den Hof. Ein Keuchen ging von
ihrem Munde. Sie fiel. Sie sprang auf. Die Haustür riß sie auf, die
Stubentür:
»Jeses, es brennt -- es brennt in der Scheune!«
»Es -- es brennt!«
Ein schriller Laut aus dem Munde der Frau, die sich erhob und leblos
zurücksank.
»Es brennt?! Es brennt?!« Ein lallendes Kinderwimmern.
»Es brennt!« Ein lautes, gellendes Männerlachen! --
[Illustration]
[Illustration: Kapitel 4]
Im Garten unter einem Apfelbaume, abseits von der Menge stand Mathias
Berger, der Lumpenmann, und hielt mit seinen Armen Heinrich Raschdorf
umschlungen. Ringsum standen Tische, Schränke, Stühle, lagen Betten,
Kleider, Wirtschaftsgeräte verstreut im Garten.
Der Markt der Unglücklichen!
Die Fackeln des Unheils beleuchteten ihn. Das friedliche Laub der Bäume
zitterte vor der Höllenglut, färbte sich rot und sank zur Erde. Und
die kahlen Äste starrten dem Feuer entgegen, wie zitternde Tiere vor
ringelnden Schlangen beben.
»Heinrich! Du mußt ins Haus! Sieh mal, das Wohnhaus brennt nich ab --
das is nu vorbei! Du mußt ins Warme, Heinrich!«
»Ich will nicht, Mathias -- ich -- ich muß Wasser tragen!«
»Du kannst ja nicht mehr! Du bist ja durchnäßt, Du zitterst ja am
ganzen Leibe.«
»Es ist ja unser Hof -- ich -- ich -- oh -- oh -- Mathias -- --«
Der Knabe war ohnmächtig.
Berger rief über den Garten:
»Ehrenfried, he -- Ehrenfried!«
Ein Bauer kam heran.
»Ehrenfried, paß a bissel auf hier, daß niemand was stiehlt! Ich muß
den Jungen ins Warme bringen; er holt sich sonst den Tod.«
Der Bauer war zu dem Dienst gern bereit.
»Schaff' ihn doch zum Schräger rüber ins Wirtshaus,« riet er.
Berger schüttelte den Kopf und trug den ohnmächtigen Knaben ins
Wohnhaus. Die Leute machten ihm scheu Platz.
Ein donnerndes Krachen dröhnte durch den Hof. Eine hohe Mauer war
zusammengestürzt. Funken sprühten um das ohnmächtige Kind und seinen
Retter.
Drinnen in der Wohnstube war der große Ofen noch warm, und Hund und
Katze lagen friedlich unter der Ofenbank. Sonst war alles ausgeräumt.
Nur die Petroleumlampe brannte noch. Aber ihr trautes Licht wurde
schrecklich überstrahlt von der roten Lohe, die von draußen
hereinleuchtete.
Berger legte den Knaben auf den Fußboden und ging nach dem Garten
zurück. Dort raffte er eine Menge Betten auf und trug sie nach der
Stube.
Fürsorglich bettete er das kranke Kind, nachdem er es der triefenden
Kleider entledigt. Dann kniete er neben dem Lager nieder und drückte
einen Kuß auf die kalte Stirn des Knaben.
Da ging die Tür auf. Eine Frau trat langsam in die Stube. Ihre Stirn
war marmorweiß, aber auf den Wangen brannte das Fieber, und das Feuer
von draußen beleuchtete sie.
»Berger! Was ist denn? O Gott, was ist?«
Der Lumpenmann erhob sich und erschrak.
»Frau Raschdorf, Sie! -- Sie sollen doch im Gasthause bleiben! Es ist
nicht gut für Sie --«
»Was ist mit Heinrich? Berger, was ist mit Heinrich?«
»Er ist ohnmächtig, gerade erst ohnmächtig geworden. Er hat sich so
sehr angestrengt, und dann die Aufregung --«
»Heinrich, mein lieber Heinrich!« Und die Frau kniete aufweinend neben
dem Lager nieder.
Berger schlich hinaus. Aus dem großen Durcheinander im Garten suchte er
den Lehnstuhl und eine Decke heraus und trug beides nach der Stube.
»Ich bringe Ihnen Ihren Lehnstuhl, Frau Raschdorf.«
Sie erhob sich. »Mathias, er kommt nicht zu sich. Was wird werden? Was
wird mit ihm werden?«
Der Lumpenmann beugte sich über das Kind.
»Er wird schon wärmer. Ich denke, er wird bald aufwachen, gut zugedeckt
ist er ja, da wird er schwitzen, und es wird ihm weiter nichts
passieren.«
Zitternd stand ihm die Frau gegenüber. Ihre Augen leuchteten heiß auf,
als sie ihn ansah; ein Zittern flog über ihren Körper, und mit erregter
Stimme sagte sie:
»Mathias -- Du -- Du hast das einzige gerettet -- was ich noch habe.«
Sie streckte die Hände aus und schlug sie über seine Schultern, und ihr
Gesicht sank matt an seine Brust in halber Ohnmacht.
Mathias Berger stand wie einer, der plötzlich stirbt und dem nur eine
heiße, letzte Lebenswoge noch schmerzhaft und warm durchs Herz schlägt.
Doch er raffte sich rasch zusammen. »Setzen Sie sich, Frau -- Frau
Raschdorf und wachen Sie bei ihm!«