Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn

_Breslau_ und _Leipzig_

Alle Rechte,

insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.

~Copyright 1915 by~

Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn, Breslau.

Druck von Wilh. Gottl. Korn in Breslau.

[Illustration: Kapitel 1]

Im Buchenhofe war ein Hühnchen ermordet worden. Der Verdacht lenkte

sich auf Waldmann, den Dachshund, der nach der Tat flüchtig geworden

war. Es war auch dem Schaffersohne Hannes, der sich sofort aufgemacht

hatte, die Spuren des Mörders zu verfolgen, nicht gelungen, des

Attentäters habhaft zu werden.

»Der Gauner is ausgerückt,« meldete er niedergeschlagen dem Sohne

seines Herrn, dem vierzehnjährigen Heinrich Raschdorf, der zu den

Ferien daheim war. »Ich sag' Dir, a muß in a Fuchsloch gekrochen sein,

sonst hätt' ich 'n erwischt. Ich hab' gesucht wie verrückt!«

»Wenn er Hunger haben wird, kommt er von selber nach Hause,« sagte voll

Überlegung Heinrich, der Quartaner.

»Ja, und weißte was? Dann machen wir 'n Heidenulk! Wir machen Gericht!

Du bist der Richter, und ich bin der Poliziste, und Du verurteilst a

Dackel, daß ihm der Poliziste fünfe aufs Leder haut, und daß a ihn mit

der Schnauze a paarmal aufs tote Hühndel stampt, und daß a ihn 'ne

Stunde in a Kohlschuppen sperrt. Gelt, Heinrich, das machste?«

»Ich werd' mir's überlegen,« antwortete in vornehmer Ruhe der Quartaner.

Diese Zurückhaltung schien dem lebhaften Bauernburschen nicht zu

gefallen. Er sann über etwas anderes nach. Nicht lange, so hatte er's.

»Ja, und weißte was, Heinrich? Das Hühndel werden wir begraben. So 'n

Begräbnis macht auch 'n riesigen Spaß! Du machst a Pfarrer --«

»Das ist mir schon zu kindisch, das hab' ich früher gemacht,« erwiderte

Heinrich.

»Na, hör' mal, wenn Du auch Quartaner bist, kannste doch noch 'n

Pfarrer machen. Siehste, ich bin der Totengräber. Wir machen 'n

Leichenzug, und ich setz' mir Vaters Zylinder auf und geh' so wackelig

vorm Zug her, gerade wie der alte Lempert. Was Ulkigeres wie 'n

Totengräber gibt's nich. Na, und die Mädel sind doch och dabei, die

Lene und die Lotte und die Liese. Die müssen flennen. Und wenn Du die

Rede hältst, müssen sie immer mehr flennen, und nachher lassen wir das

Hühndel ins Grab und die Mädel singen: »In der Blüte deiner Jahre«. Na,

wenn das nischt is! --«

Der Quartaner überlegte. Die Beredsamkeit seines ländlichen Freundes

beeinflußte ihn. Skrupel hatte er ja freilich. Seine »Kollegen« in der

Quarta würden so etwas »einfach dämlich« gefunden haben. Also sagte er

langsam und bedächtig:

»Eigentlich ist es kindisch! Aber Dir zu Gefallen können wir's ja noch

einmal machen. Doch es ist das letzte Mal, Hannes, das sag' ich Dir.

Und Vater und Mutter dürfen nichts wissen.«

»Die wissen so wie so nischt,« sagte Hannes. »Der »Herr« sitzt drüben

beim Schräger, und die »Frau« hat 'n Kopfkrampf und liegt im Bette.

Besser kann sich's nich treffen.«

»Na, denn meinetwegen, Hannes!«

Hannes war von diesem Zugeständnis freudig berührt. Er hob einen

dürren Stecken aus dem Garten auf, rannte ans Fenster des stattlichen

Bauernhauses und klopfte dreimal feierlich an.

Der Kopf eines dunkeläugigen, bildhübschen Mädchens von etwa zwölf

Jahren wurde sichtbar.

»Was is 'n los?«

Hannes senkte geheimnisvoll das Haupt und sagte mit der düsteren Stimme

eines »Grabebitters«:

»Der Herr Raschdorf läßt schön grüßen, und a läßt bitten, daß die

Jungfer Magdalene so freundlich sein täte und 'm toten Hühndel 's

letzte Ehrengeleite geben. Der Pfarr' und die Schule gehn mit!«

»Macht Ihr wirklich Begräbnis?« fragte sie, nicht ohne Begeisterung.

»Natürlich, Lene,« antwortete der Leichenbitter und fiel aus der Rolle.

»Es wird riesig ulkig. Heinrich is Pfarrer und ich Totengräber, und du

mußt das Hühndel in a Sarg legen. Auf 'm Kleiderschranke sind ja die

Zigarrenkisten; da nimmste eine, und da haste die Leiche!«

Damit warf er dem Mädchen das tote Hühnchen, das er bisher in der

Hand getragen hatte, aufs Fensterbrett, schlug sich selber mit dem

»Grabebitterstöckel« ein paarmal auf die Waden und rannte davon.

Der »Buchenkretscham« war vom »Buchenhofe«, auf dem Heinrich und

Magdalene die Kinder der Herrschaft waren, Hannes aber als Sohn des

»Schaffers« lebte, nur durch die Straße getrennt, die von der Stadt

her nach dem schlesischen Gebirgsdorfe führte. Früher waren beide Höfe

zu einer großen »Herrschaft« vereinigt gewesen. Der letzte Besitzer

war bankerott geworden, das Gut wurde dismembriert, einzelne Teile des

Ackers wurden an Bauern des Dorfes verkauft; aus dem Rest der Felder

und den Gebäuden aber entstanden zwei neue Besitztümer, immer noch

sehr stattlichen Umfanges: der Buchenhof Hermann Raschdorfs und der

Buchenkretscham des Julius Schräger.

Vor dem Kretscham machte Hannes vorsichtig Halt. Er schlich an ein

Fenster der Gaststube und lugte vorsichtig durch die Scheiben. Die

Ausschau befriedigte ihn. Sein »Herr« und Schräger, der Gastwirt,

saßen beisammen und sprachen eifrig miteinander. Diese beiden würden

voraussichtlich die Trauerfeierlichkeit nicht stören. Also begab

sich Hannes Reichel nach dem Hausflur. Er hatte Glück und traf die

Schräger-Lotte, die er suchte.

Das etwas blasse Kind erschrak ein wenig, als es Hannes dreimal mit

seinem Stecken auf den Arm klopfte und sagte:

»Der Herr Raschdorf läßt schön grüßen, und ob die Jungfer Lotte

vielleichte so freundlich sein täte und 'm toten Hühndel 's letzte

Ehrengeleite geben. Der Pfarr' und die Schule gehn mit!«

»Was? Der Herr Raschdorf sitzt ja drin in unserer Stube. Und warum

hauste mich denn so auf den Arm?«

Der Grabebitter fiel abermals aus der Rolle.

»Tumme Gans, der Herr Raschdorf is der Heinrich, und wenn Du nich in

'ner halben Stunde drüben bist und mitmachst, da -- da sollst Du mal

sehen!«

Das Mädchen wollte noch etwas fragen, aber Hannes »schmitzte« bereits

seine Waden und »sockte« ab.

»Mit der Lotte is nischt los,« sagte er zu sich selbst. »Sie is 'ne

Tunte! Aber die Lene, die Lene!«

Und das Bürschlein blieb einen Moment stehen und verdrehte verliebt die

Augen. Dann setzte es sich schnell wieder in Bewegung.

Im grellhellen Licht des Julitags lag das Dorf langgestreckt drunten

im Tal. Die Nordseite war durch einen waldigen Hügelzug abgeschlossen,

an dessen Abhang, etwas abgesondert vom Dorfe, die Buchenhöfe lagen.

Drüben die südliche Einrandung der Talmulde war viel niedriger,

ganz mit gelben Saaten bestanden, über denen schwer und schwül die

Sommersonne lag. Und all die vollen Ähren standen wie im heißen Fieber,

in einem Fieber, welches das Leben zur Gluthitze bringt und doch die

besten Säfte und Kräfte verkalkt, verzuckert und vermehlt, so daß nach

dem heißen Rausch das Sterben kommt.

Hannes rannte hinab ins Dorf. An ein paar Bauernhöfen lief er vorbei,

dann kam eine grüne Aue, auf der ein kleines, nettes Haus stand.

Hannes reckte sich und klopfte mit seinem Stecken ans Fenster. Ein

schmächtiges, blasses Mädel erschien.

»Der Herr Heinrich Raschdorf läßt schön grüßen, und ob die Jungfer

Liese nicht so freundlich sein wollen mögen täte, 'm toten Hühndel 's

letzte Ehrengeleite zu geben. Der Pfarr' und die Schule gehn mit!«

»Wenn is es denn? Wenn is es denn?« fragte das Kind mit vielem

Interesse. »Macht der Heinrich a Pfarrer?«

»Natürlich, Liese, macht a 'n Pfarrer.«

»Gelt, Du, Hannes, der is aber gar nich 'n bissel stolz geworden, und a

is doch schon Quartaner, hat doch jetzt immer Gamaschen an,« sagte das

Mädchen bewundernd.

»Nu eben,« pflichtete Hannes bei. »Komm och balde nach, Liese; 's geht

gleich los! Ich muß bloß schnell 's Grab graben und 'n Zylinder suchen.

Wenn kommt 'n Dein Vater heim?«

»Nu, a kommt balde! Ich müßte eigentlich --«

»Gar nischt mußte! Bloß kommen! Kannste »In der Blüte deiner Jahre«

auswendig, Liese?«

»Bloß drei Verse.«

»Das langt! Bloß balde kommen! In einer reichlichen halben Stunde geht

der Rummel los. -- Nanu, wer is 'n das?«

Zehn Meter von Hannes entfernt lag auf der Aue Waldmann, der Dackel. Er

lag mit der Schnauze auf der Erde, so daß seine langen Ohren den Boden

berührten, und schielte mit höchst durchtriebenem Gesicht den Hannes an.

»A is schon a paar Stunden hier,« berichtete Liese. »Ich hab' ihm

Milchsuppe gegeben.«

»Machste recht, Liese! So ein'm Lump, der 's Hühndel totgebissen hat,

Milchsuppe!«

»Ja, das wußt' ich doch nicht, Hannes. Und ich denke, Du bist froh, daß

wir Begräbnis machen können.«

»Natürlich, Liese, bin ich froh. Wenn der Dackel 's Hühndel nicht

erbissen hätte, wär's sehr schade; aber weil a 's erbissen hat, kriegt

a Hiebe. Das is nich mehr wie recht und billig. -- -- Dackel, nu

Dackerle, nu Waldmänndel, nu komm doch; siehste nich, daß ich Zucker

hab'? Zucker, Waldmänndel! Na, da komm her, Dackel!«

Der Junge näherte sich Schritt für Schritt dem Hunde. Der lag lauernd

auf der Erde und schnitt ein über die Maßen schlaues Gesicht. Er lachte

geradezu. Und als der Hannes auf drei Schritte herangekommen war,

sprang der Dackel auf und lief davon, daß der Boden hinter ihm aufflog.

In dreißig Meter Entfernung legte et sich wieder nieder und grinste

seinen Verfolger mit überlegener Schadenfreude an. Der verbiß seinen

Ärger und beschloß zunächst, seinen Stecken wegzuwerfen und beide Hände

in die Taschen zu stecken, damit ersichtlich sei, daß er gar nichts

Übles im Sinne führe. Dabei verdoppelte er die Kosenamen und führte

alle Schätze der heimischen Speisekammer namentlich auf. Doch als er

sich dem Verfolgten wieder auf drei Schritte genähert hatte, brachte

dieser sein Leibliches abermals durch eine fabelhaft beschleunigte

Flucht in Sicherheit.

Ein paar Knaben schlenderten müßig die Dorfstraße herab. Als Hannes

sie gewahrte, gab er die Verfolgung des Hundes auf und wandte sich den

Jungen zu in der Absicht, neue Teilnehmer an dem Begräbnis zu werben.

Seine ganze blühende Redekunst wandte er zu diesem Zweck auf. Ohne

Erfolg!

»Mit 'm Heinrich Raschdorf spiel' ich nich,« sagte Ernst Riedel, »der

is a stolzer Affe!«

»Ich geb' mich auch nich mit 'm ab,« sagte ein zweiter.

»Und ich tät' überhaupt von mein'm Vater Wichse kriegen, wenn ich uff a

Buchenhof ging,« sagte der dritte.

Hannes war wütend.

»Das werd' ich 'm Herrn Lehrer sagen, der is Heinrichs Großvater,«

sagte er, nachdem er sich kurz die Unmöglichkeit zu Gemüte geführt

hatte, selbst die drei starken Bengel durchzuprügeln.

»Wenn a mir was tut,« sagte Ernst Riedel, »geht mein Vater zum

Schulinspektor.«

»Und meiner och!«

Sie gingen. Hannes schaute ihnen eine Weile nach. Dann spuckte er aus

und schrie ihnen nach: »Ochsen, Ochsen, Dorfochsen!«

* * * * *

In der Gaststube des Buchenkretschams war es ganz still. Nur zwei

Männer saßen drin: Hermann Raschdorf, der Buchenbauer, und Julius

Schräger, der Wirt. Man hörte, wie am Leimstengel auf dem Fensterbrett

die gefangenen Fliegen zitterten. Die Sonne aber, die bei aller vielen

Arbeit immer noch Zeit findet, ein wenig Spaß zu treiben, wie alle

großen Leute, gestattete sich ein wunderliches Spiel. Sie beleuchtete

die großen Schnapsflaschen, die im Schanksims standen, und entlockte

ihnen wunderbare Lichter; und wer da genau hinsah auf die flimmernden

Flaschenleiber, konnte denken, er sähe lauter große Edelsteine. Da

war der Benediktiner, dunkel wie ein Orthoklas, und daneben glänzte

die Kirschflasche wie ein riesiger Rubin; der grüne Magenbitter kam

sich sicherlich selber vor wie ein märchenhafter Smaragd, und der

Eierkognak war so milchig hell und hatte so sanfte Mondscheinreflexe

wie ein echter Opal. Der Branntwein aber, von echtem »Wasser und

Feuer«, hielt sich ohne übermäßige Bescheidenheit für einen Diamanten.

Schade, daß so viele Menschen nicht darauf achten, wenn die Sonne

einmal witzig ist. Auch die beiden Männer nicht.

»Die Hauptsache is, Hermann, daß Du mir keine Schuld gibst,« sagte der

Wirt.

»Aber Du hast mir doch am meisten zugeredet, daß ich die verfluchten

Aktien gekauft hab'!« entgegnete der Buchenbauer.

»Zugeredet, was heißt zugeredet? Hätt' ich Dir zugeredet, wenn ich nich

gedacht hätte, die Sache wär' gut, was? Hätt' ich das? Was? Selber

hätt' ich welche gekauft, wenn ich damals Geld liegen gehabt hätte.«

»Und ich? Hatt' ich welches liegen? Hatt' ich's? Hab' ich nich 'ne neue

Hypothek aufgenommen? Fünftausend Taler, Mensch! Fünftausend Taler! Was

das heißen will bei mir!«

Der Gastwirt sprang ärgerlich auf, steckte die Hände in die

Hosentaschen und trat ans Fenster.

»So is 's! Wenn die Leute Pech haben, schieben sie's immer auf andere.«

Er drehte sich rasch wieder um.

»Nu, Mensch, siehste das nich ein, daß ich's bloß gut gemeint hab'?

Daß ich bloß Dein Bestes wollte? Was?! Wenn die Sache richtig gegangen

wär' --«

»Wenn! Man soll sich mit solchen Lausekerlen nicht einlassen. Herrgott,

wenn wirklich, Schräger -- -- es is ja -- es is ja gar nich zum

Ausdenken --«

Der kleine, dicke Gastwirt legte dem großen, stattlichen Bauern

beschwichtigend die Hand auf die Schulter.

»Hermann! Was nutz't n das alles! Abwarten! ruhig abwarten!«

»Abwarten! Du hast gut reden. Abwarten! Ich -- ich -- mir wird die Zeit

zur Ewigkeit; drüben liegt mein Weib krank, sie weiß nichts von all

dem, die Zinsen bin ich noch schuldig von Johanni, -- ich -- ich --«

»Weißte, Hermann, trink'n wir 'n Kirsch!«

»Ich mag nich, ich will nich, ich hab' schon genug!«

»Trink'n wir halt 'n Kirsch! Das wirste mir doch nich abschlagen,

Hermann!«

Der Wirt ging nach dem Schanksims, und der Rubin tauchte unter.

»Na also!« sagte Schräger, indem er langsam mit den gefüllten Gläsern

zurückkam. »Nur nich 'n Kopp verlieren! Wird ja noch alles werden. So,

da! Na, trink mal, Hermann! Auf Dein Wohl!«

Da tönten Schritte draußen im Hausflur.

»Der Briefträger,« keuchte Raschdorf und stieß das gefüllte Glas um. Er

stand auf und stützte sich schwer auf den Tisch. Ein Landbriefträger

trat über die Schwelle, erhitzt und bestaubt.

»Guten Tag!« sagte er; »'n Korn und a Glas Einfach --«

»Is was an mich?« fragte Raschdorf schwer beklommen. Auch der Wirt

blickte aufs höchste gespannt nach der schwarzen Ledertasche. »Jawohl,

Herr Raschdorf, da ist ein Brief!«

»Vom Rechtsanwalt,« sagte Raschdorf leise und langte über den Tisch.

»Komm mit ins Stübel, Hermann!« riet der Wirt.

Die beiden Männer gingen ins Wohnzimmer des Wirtes. Mit zitternden

Fingern löste Hermann Raschdorf den Umschlag des Briefes.

»Setz' Dich, Hermann, setz' Dich!« Der Wirt zwang ihn aufs Sofa.

Und Raschdorf las. Da wurde das Gesicht blaß, die Mundwinkel verzogen

sich, der Unterkiefer zitterte, und auf der Stirn brannte ein roter

Fleck wie eine Wunde.

»Verflucht! Oh -- oh -- verflucht!«

Das Papier entsank dem starken Mann, und er selbst fiel mit dem Gesicht

auf das Sofa und krallte seine Finger in die Polster.

»Was is denn, Hermann, um Gottes willen, was is denn?«

Keine Antwort. Der hünenhafte Körper nur zuckte krampfhaft auf und

nieder, die Hände fuhren wie irre hin und her, und der Kopf bohrte sich

in den Sofasitz.

Der Wirt bückte sich, hob den Brief auf und las.

Eine lange Pause entstand.

»Fünfzehn Prozent, nur fünfzehn Prozent!«

Schräger setzte sich auf einen Stuhl. Schweigend betrachtete er den

Unglücklichen, der in dumpfes Schluchzen ausbrach. In den grauen Augen

des Wirtes zuckte es sonderbar. Ein Weilchen blieb er so ganz still,

dann schlich er auf den Zehen hinaus und verkaufte drüben dem wartenden

Briefträger um zehn Pfennig Schnaps und Bier.

»Sagen Sie einstweilen von dem Briefe nichts im Dorfe,« sagte er zu

dem Briefträger und kassierte die zehn Pfennig Zeche ein. Dann ging

er zurück nach der Wohnstube. Behutsam öffnete er die Tür. Raschdorf

lehnte auf dem Sofa, die Füße weit von sich gestreckt.

»Hermann!«

»Na, was sagste? Haste gelesen? Fünfzehn Prozent! Was? Das macht sich!

Diese Schweinebande!«

»Aber 's muß doch 'n Gesetz geben, Hermann!«

»Gesetz geben! Schafkopp! Gesetz! Wenn Du 'n Hund ohne Maulkorb

rumlaufen läßt, oder wenn Du die Wagentafel zu Hause vergessen hast,

da gibt's 'n Gesetz, da werden sie Dich schon fassen; aber wenn kleine

Leute von Spekulanten um ihr Geld begaunert werden, um Tausende, um

viele Tausende, um alles -- da gibt's kein Gesetz, da kräht kein Hahn

darüber, da kümmert sich kein Teufel drum -- Schweinebande!«

Schräger trat nahe an den Sofatisch.

»Es ist schrecklich, Hermann! Und das Schlimmste: nu werd' ich die

Schuld kriegen.«

Raschdorf blickte auf.

»Die Schuld kriegen! Du? Hä! Natürlich bist Du schuld!«

»Hermann, das verbitt' ich --«

»Ach, halt's Maul! Was hat's denn für 'n Zweck, wenn ich Dir die Schuld

geb'? Krieg' ich mein Geld wieder? Was? Nee! Hin is hin! Aber daß Du

mir zugeraten hast, daß Du mir in a Ohren gelegen hast Tag und Nacht,

das steht auf ein'm andern Brette, Schräger!«

»Na, is gut, Hermann! Gut is! Ich werd' Dir ja nich mehr raten! Ich

sag' ja kein Sterbenswort mehr, und wenn Du --«

»Und wenn ich gleich pleite geh'! Weiß ich, Schräger, weiß ich! Is auch

ganz gut so.«

»Na, das is ja richtig! Das habe ich mir ja gerade um Dich verdient!«

Schräger trat ans Fenster und blickte hinaus auf die staubige Straße.

Raschdorf erhob sich und dehnte die Arme.

»So! Nu werd' ich's meinem kranken Weibe sagen, und nachher könn'n wir

ja die Klappe zumachen und fechten gehn.«

Schräger drehte sich langsam um.

»Hermann,« sagte er, und seine Stimme klang warm, »Hermann, wenn Du 'n

Freund brauchst!«

Raschdorf sah ihn mit herbem Lächeln an.

»Wenn ich 'n Freund brauch', komm ich zu Dir. Verlaß Dich darauf,

Schräger!«

Sie sahen sich einige Sekunden in die Augen.

»Adieu, Schräger!« -- --

Über die Straße ging Raschdorf und über seinen Hof. Er sah und hörte

nicht. Als er in den Hausflur kam, blieb er stehen, als ob er Mut

fassen müsse. Von oben herab klang ein hohles Husten. Da raffte sich

der Mann auf. Langsam stieg er die Treppe hinauf und öffnete eine Tür.

»Wie geht Dir's, Anna?«

Die sanfte, zarte Frau, die im Bette lag, sah ihn erstaunt an und

fragte furchtsam:

»Was ist Dir, Hermann?«

»Mir? -- Was soll mir sein?«

Die Kranke richtete sich auf.

»Hermann, es ist was passiert! Dir ist was; Hermann, was ist Dir?«

Er sank auf den Stuhl neben ihrem Bette und lehnte den Kopf an das

kühle Kissen. Und wie sich ein Schuldbekenntnis von Männerlippen immer

schwer und schmerzhaft losringt, so auch jetzt.

»Anna, ich -- hab' spekuliert, -- und ich hab' verloren.«

Eine heiße Röte zog über das weiße Frauengesicht. Sie sagte nicht

gleich etwas, aber dann fragte sie:

»Ist es viel, Hermann?«

»Viel, Anna! Sehr viel! Über -- über viertausend Taler.«

Die Kranke sank in die Kissen zurück und legte den rechten Arm über

die Stirn und die Augen. Und der Mann saß in finsterem Schweigen an

ihrem Bette. Kein Laut. Nur die Frau hustete ein paarmal. Und die Sonne

schien schwül in die Stube.

Da klang ein seltsam Tönen in diese Todestraurigkeit. Vom Garten unten

drang schwaches Kindersingen: »In der Blüte deiner Jahre«.

Müde erhob sich Raschdorf. Er hatte nicht den Mut, seiner blassen Frau

in die Augen zu sehen. So trat er sachte ans Fenster und lehnte sich

gegen die Mauer.

Ein wunderliches Bild bot sich ihm unten im Garten. Er sah nicht alles,

nicht den Hannes, der possenhaft aufgeputzt da unten stand, nicht die

fremden Kinder; er sah ein totes Hühnchen, das mit Myrtenzweigen und

blauen Bändern geschmückt über einer Grube stand, er sah sein schönes

Kind, die Magdalene, und er sah seinen einzigen Sohn, der wie ein

Geistlicher angezogen unten stand und vernehmlich sagte: »~Vita brevis!

Vita difficilis!~«

»Das Leben ist kurz! Das Leben ist schwer!«

Das Wort traf den Mann ins Herz. Er ging zurück zum Bette der kranken

Frau und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen. --

[Illustration]

[Illustration: Kapitel 2]

Drüben im Buchenkretscham durchmaß der Wirt die einsame Gaststube. Er

war wohl in schwerer Erregung. An allen Tischen blieb er stehen und

trommelte mit den dicken, kurzen Fingern darauf. Immer lockte es ihn

ans Fenster, und er hatte doch nicht den Mut, ganz nahe hinzutreten.

Die Augen aber richteten sich immer aufs neue nach dem Buchenhofe. So

vertieft war er in seine Gedanken und in das Anschauen des stattlichen

Gehöftes, daß er nicht einmal bemerkte, wie sich die Tür öffnete und

ein Mann erschien, der ihn sekundenlang beobachtete.

»Eine wunderschöne Besitzung, der Buchenhof, was, Schräger?«

»Ah -- ah -- ja -- ja -- natürlich -- natürlich; ach, Du bist's,

Berger, Du hast mich ja --«

»So erschreckt, gelt ja? Hähä! Is kaum zu glauben, daß 'n Gastwirt

erschrickt, wenn a Gast kommt.«

»Ich -- ich dachte gerade nur --«

»Du dachtest gerade nur darüber nach, was doch der Buchenhof für 'ne

riesig hübsche Wirtschaft wär', und da kam ich dummerweise und störte

Dich in Deiner Andacht.«

»Bist doch halt a gespaßiger Mensch, Berger. Immer weißte 'n Witz. Was

kann ich Dir denn einschenken?«

»Gar nischt! Ich will Dich bloß was fragen, Schräger. -- -- Weiß er's

schon?« Und er zeigte mit dem Daumen nach dem Buchenhofe.

»Was -- was soll er denn wissen?«

»Von der Pleite und den 15 Prozent!«

»Berger, woher weißt denn Du das schon wieder? Das is ja gar nicht

möglich!«

Der andere lachte.

»Ja, weißte, wenn man Lumpenmann is wie ich und so mit einer

Kurier-Hunde-Post im ganzen Lande rumfuhrwerkt, da hört man vieles. Was

a richtiger Lumpenmann is, der weiß alles.«

Der Wirt sah Berger mit unruhig flackernden Augen an.

»Na, meinetwegen! A weiß schon. A hat halt Pech! Mich geht's ja nischt

an, Berger. Was?«

»Nu je! O ja! Doch, doch!«

Der Lumpenmann lachte bei dieser Rede. Schräger fuhr auf.

»Mich soll's angehen? Mich? Was denn? Was denn zum Beispiel? Möcht' ich

wissen. Was denn, Berger?«

Der lehnte sich gegen das Schenksims, kniff seine Äuglein ein wenig

zusammen und sagte ganz ruhig: »Ich werd' Dir mal was sagen, Schräger.

Siehste, es könnte einer auf den Gedanken kommen, es wär' eigentlich

ganz hübsch, wenn die beiden Buchenhöfe wieder zusammenkämen. -- Laß

mich reden, Schräger, reg' Dich nich uff! Also, wenn alles wieder eine

Herrschaft wär'! Das könnte schon einer denken. Nich? Na, aber 's wär'

'n sehr dummer Gedanke, Schräger, denn die Raschdorfs gehen da drüben

nich raus!«

»Ich weiß nich, was Du hast, Berger. Ich denk' doch im Traume nich an

so was. Der Raschdorf is mein Freund.«

»Is Dein Freund, Schräger. Das ist hübsch von Dir! Und weil Du nu

Deinen Freund mit den Aktien so in die Tinte geritten hast --«

»Berger, das laß ich mir nich gefallen!«

»Weil Du ihn so in die Tinte reingeritten hast, sag' ich, wirste ihn

wohl jetzt wieder rausreiten müssen.«

»Das is 'ne Frechheit von Dir, Berger! Wie kommste denn dazu? Das geht

Dich doch gar nischt an!«

»Geht mich gar nischt an, Schräger, da haste recht! Aber gerade das,

was mich nischt angeht, um das kümmer' ich mich. Schräger, ich will

Dir mal in aller Gemütlichkeit was sagen: Wenn Du etwa am Raschdorf

schuftig handelst, da mach' ich Dich schlecht im ganzen Vaterlande und

im ganzen Waldenburger Kreise. Verstehste? Ich verkauf' Dich als Lumpen

in jedem Hause.«

»Nu is aber genug, Berger! Das sagste mir in meinem Hause? Ich verklag'

Dich, und wenn Du noch 'n einziges Wort sagst, da --«

»Da schmeißte mich raus. Machste recht, Schräger, tät' ich auch machen!

Aber ich geh' schon alleine. Meine Meinung weißte! Leb' gesund,

Schräger!«

Berger hörte noch, daß ihm der Wirt etwas nachzischelte, aber er

kümmerte sich nicht darum. Aus der sauersüß riechenden Wirtsstube trat

er wieder hinaus auf die sonnenbeglänzte, freie Straße. Ein kleiner

Planwagen stand da, vor den ein großer, schwarz- und weißhaariger

Hund gespannt war. Der schielte seinen Herrn mit einem verliebten

Seitenblick an und klopfte in drei gleichmäßigen Zwischenräumen mit

seinem mächtigen Schweife an die Wagendeichsel. Der Lumpenmann stutzte

und betrachtete aufmerksam sein Gefährt, in dem sich leise etwas regte.

»Haste etwa a Raschdorf Heinrich gesehen, Pluto?«

Der Hund bellte freudig.

»Oder vielleichte gar a Schaffer-Hannes?«

Der Hund bellte noch lauter.

»Haste sie wirklich gesehen, Pluto? Möcht' ich wissen, wo sie stecken.«

Der Hund bellte wie toll und zerrte und riß an seinem Geschirr. Der

Lumpenmann bückte sich und machte ihn frei.

»Na, da such', Pluto, da such'!«

Ein Satz, und der mächtige Hund war unter der Plane verschwunden. Ein

Zeter- und Mordgeschrei erhob sich in dem kleinen Wagen, dazwischen

tönte ein ganz rasendes Hundegebell. Der Lumpenmann stand da und

lachte, und die Tränen liefen ihm über das runzelige, bestaubte Gesicht.

Ein paar Gamaschen wurden auf der Deichsel sichtbar, in denen steckten

zwei Quartanerfüße, und nach und nach kam der ganze junge Akademiker

zum Vorschein. Unterdessen war ein wüstes Gebrülle und Gebelle im Wagen.

»Du bist verrückt, Pluto! Mein Gesicht, au, mein Gesicht!«

Der kleine Wagen wankte und bebte von dem gewaltigen Kampfe, der

sich in ihm abspielte, und dann wurde in seiner dunklen Öffnung ein

animalischer Knäuel sichtbar, und rechts von der Deichsel fiel ein Hund

auf die Straße, und links von der Deichsel ein Junge.

Hannes erhob sich mit zerkratztem Gesicht.

»Wir kommen vom Begräbnis,« sagte er kläglich und betrachtete

zerknirscht den demolierten Paradehut seines Vaters. »Da macht man sich

'n kleinen Spaß und kriecht mal in den Lumpenwagen, und gleich hetzt a

mit Hunden. Was bloß mein Vater zu seinem Zylinder sagen wird! Pfui,

Mathias, das werd' ich mir merken! Das is ruppig von Ihn'n.«

Der Lumpenmann lachte, daß er sich schüttelte.

»Ihr Halunken! Gelt, das wär' a Spaß gewesen, wenn Euch der Mathias

Berger ins Dorf gezogen hätte! Na, heul' nich etwa, Hannes! Sagen wird

Dein Vater zum kaputen Zylinder nischt; a sagt ja nie was; höchstens

durchhauen wird a Dich.«

In diesen Worten vermochte Hannes einen erheblichen Trost nicht zu

erblicken, und so versprach ihm Mathias Berger einen neuen Zylinderhut.

Er habe zwei Stück. Einer rühre von seiner Hochzeit her, den anderen

habe er geerbt. Der Hannes solle sich den schönsten gleich abholen,

ehe der Vater vom Felde heimkehre und gewahr werde, was mit seiner

»Trauertonne« passiert sei.

Da war die Not des Buben behoben. Und nachdem Hannes durch einige

kritische Fragen, die das Erbstück betrafen, die tröstliche Zusicherung

erhalten hatte, daß die beiden Hüte Bergers wirklich Prachtexemplare

ihrer Art seien, spannte er sich selbst neben den von ihm sonst

heißgeliebten Pluto und zog mit ihm das Wägelchen die Straße hinab dem

Dorfe zu.

Mathias Berger und Heinrich Raschdorf folgten in einiger Entfernung. Es

war Abend geworden. Einzelne Schnitter kamen heim vom Felde. Irgendwo

draußen waren die ersten Halme gefallen. Wie die Leute am Anfang der

Ernte so stolz daherschreiten! In ihren Muskeln ist aufgespeicherte

Kraft, und die frohe Gewißheit wohnt in ihren Herzen, daß ihr Körper

kräftig und tüchtig ist. Diese gesunden Menschen sind vielleicht

die glücklichsten Leute der Erde. Sicher aber die leidlosesten, die

ruhigsten, die ungeängstigtsten. Was ihnen fehlt, wissen sie nicht,

und was sie haben, steht über aller Wertung nach Geld. Die anderen

haben viel, was Plunder ist, und das Schlimmere ist: sie wissen, was

ihnen fehlt, und grübeln darüber nach und sehnen sich müde. Es ist kein

Wunder, daß ein verschlossener, wortkarger Stolz in den Bauern wohnt.

Lächelt der Städter über den Landmann, wenn er ihn unbeholfen über

seine Straßen troddeln sieht, der Bauer lacht unendlich verächtlicher

über den Städter, wenn der neben seinen Erdfurchen und strotzenden

Saaten so vorsichtig und blaß und müde daherwandelt.

Mathias Berger sah seinen jungen Begleiter an, der einen grauen Anzug

mit kurzen Hosen, einen weißen Strohhut und Gamaschen trug. »Eigentlich

siehst Du Dich komisch an hier auf der Dorfstraße,« sagte er.

»Ja, Mathias, wissen Sie, und ich wär' auch viel lieber wieder zu

Hause.«

»Gefällt Dir's nicht auf der Schule in Breslau?«

»O ja, wenn man der Siebente ist von achtunddreißig, das ist schon

ganz anständig. Im Französischen hab' ich bloß »genügend«, sonst steh'

ich ganz gut. Aber wissen Sie Mathias, das Schlimme ist, daß mir immer

so bange ist.«

»Du hast wohl manchmal das Heimweh, Heinrich?«

Der Knabe mäßigte seine Stimme.

»Ja, aber das sag' ich bloß Ihnen, Mathias! Sonst müßt' ich mich ja zu

sehr schämen. Und meine Kollegen würden sagen, ich sei eine Memme, und

ich kriegte Klassenkeile. Aber mir ist halt immer so bange. Ich kann

nicht dafür. Überhaupt nach den Ferien! Einmal hab' ich nach den Ferien

meine Wochentagsschuhe vier Wochen lang nicht angehabt. Ich mochte sie

nicht abbürsten, weil -- weil Boden von zu Hause dran war.«

Der Lumpenmann wandte sich ab und sagte mit verstellter, etwas heiserer

Stimme:

»Das wirste schon noch überwinden lernen, Heinrich! Oder willste nicht

gern Doktor werden oder Pfarrer oder sowas?«

»Nein, Mathias, ich will nicht! Ich will wieder zu Hause sein, wo Ihr

alle seid.«

»Willste denn Bauer werden, Heinrich?«

»Ja. Sehn Sie mal, Mathias, es wär' doch schade um unser schönes Gut.

Sehn Sie, hier gerade an dem wilden Kirschbaum kann man unsere ganzen

Felder übersehen. Das sind doch viel! Nicht, Mathias? Eigentlich sind

wir doch reich. Aber das sag' ich gar nicht in Breslau. Ich denk' bloß

immer dran, daß wir so ein schönes Gut haben.«

Der Lumpenmann bückte sich hastig nach dem Wegrande, riß einen Stengel

Sauerampfer ab, biß darauf herum und spuckte dann alles weit von sich.

»Was macht denn Deine Mutter?« fragte er.

»Die ist wieder ganz krank. Am Mittwoch, wie Wochenmarkt in Waldenburg

war, war sie mit beim Doktor.«

»Und was hat der gesagt?«

»Das weiß ich nicht. Sie hat geweint, als sie heimkam. Das ist es auch,

was mir immer so bange macht, daß die Mutter nicht gesund ist.«

Sie gingen eine Weile schweigend weiter.

»Sieh nur, daß Du weiter auf der Schule fortkommst, Heinrich! Gelt, bis

in die Prima mußt Du, eh' Du den Einjährigen hast?«

»Bloß bis Ober-Sekunda.«

»Das wär'n also reichlich noch drei Jahre. Sieh och, Heinrich, 's is

schon gutt, wenn Du was lernst. Auf alle Fälle is gutt. 's is ja ganz

erbärmlich, wenn einer so tumm is wie zum Beispiel ich. Kannste denn

eine Stellung kriegen, wenn Du einjährig bist, Heinrich?«

»O ja, es war einer mit auf unserer Bude, der ist nach 'm Einjährigen

abgegangen, und jetzt ist er Schreiber auf einem Landratsamte, und dann

wird er Kreissekretär oder so ähnlich. Aber ich mag nicht Kreissekretär

werden. Ich will Bauer werden.«

»Schon, schon, Heinrich! Aber sieh mal, am Ende könnt'st Du Dich doch

später anders besinnen.«

»Nie, Mathias, nie! Ich übernehm' das Gut. Das ist tausendmal besser,

als wenn ich so in einer Schreibstube sitzen muß.«

Ein Blick des Lumpenmannes glitt über die goldenen Fluren, die sich

rechts und links von ihm ausdehnten und die alle jetzt noch den

Raschdorfs gehörten.

»Wir werden schon sehen, daß Du ein Bauer werden kannst. Wir werden

schon sehen!« sagte er. -- --

Hannes hielt mit der Hundefuhre mitten auf dem Wege an. Aus einem

Feldraine bog ein Trupp Schnitter ein, und an ihrer Spitze schritt

schwer und gewichtig August Reichel, der Vater des Hannes.

»Na, da komm mal schnell, Heinrich, sonst passiert da unten ein

Unglück!« sagte der Lumpenmann und schritt mit seinem Begleiter rüstig

aus.

Sie kamen ziemlich gleichzeitig mit den Schnittern an dem Wagen an.

August Reichel, ein Riese von Gestalt, blieb stehen und betrachtete

höchst beängstigenden Blickes seinen Sprößling, der da beklommen vor

ihm stand und mit der einen Hand krampfhaft hinter dem Rücken etwas

versteckte.

Der Riese reckte ein wenig den Hals und konnte so ganz bequem auch

aus einiger Entfernung die Rückseite seines Nachkommens einer genauen

Musterung unterziehen. Ein Zucken ging über das Gesicht des Goliath.

»Her!« sagte er lakonisch und streckte die Hand aus.

Hannes reichte ihm die ruinierte »Trauertonne« und schielte halb

ängstlich, halb abwartend durch die Haare, die ihm in die Stirn hingen,

zu seinem muskulösen Vater hinauf.

Der betrachtete den Zylinder, nahm den Strohhut vom Kopfe, probierte

den Zylinder auf, fand, daß er ihm passe, prüfte dann das Schweißleder

und hieb plötzlich dem Knirps vor ihm den Hut mit solcher Wucht auf

den Kopf, daß dieser bis übers Kinn darin versank und mit beiden Beinen

zugleich auf der Straße kniete.

»August, halb und halb bin ich schuld,« sagte der Lumpenmann

beschwichtigend, »ich hab' zwei Zylinderhüte zu Hause; ich schick' Dir

einen.«

Über das breite Gesicht des Riesen ging ein Lächeln.

»Ich brauch' keinen!« sagte er und nickte dem Lumpenmann freundlich zu.

Daran setzte er sich wieder an die Spitze seiner Schnitterschar und

schritt in breitbeiniger Majestät die Anhöhe hinauf dem Buchenhofe zu.

Hannes arbeitete sich ans Tageslicht. Er sah seinem Vater halb

ärgerlich, halb schadenfroh nach und sagte, indem er sich die Stirn

rieb und dem Vater mit dem Finger nachdrohte:

»Na wart' nur! Wenn ich heute abend Koppschmerzen hab', da wirste mir

ja Tee kochen müssen!«

Mathias Berger lachte, Pluto bellte einen kleinen Jubelhymnus, Hannes

faßte ihn um den Hals, und die kleine Karawane zog weiter.

So kamen sie bei dem kleinen Hause des Lumpenmannes an. Die Liese kam

ihnen entgegen. Eine ganze Woche lang hatte sie den Vater wieder nicht

gesehen. Nun schmiegte sie sich zärtlich an ihn. Er aber schlang den

Arm um sie und fuhr mit der Hand über ihren flachsblonden Kopf.

»Liese! Nu, Liese! Nu, mei Madel du!«

Ein ganzer Strom von Liebe ging durch diese paar Worte. Dann kam auch

die Schwester Bergers, die ihm seit dem frühen Tode seiner Frau die

Hauswirtschaft besorgte. Unterdessen spannten die Knaben den Hund aus

und schoben den Wagen in einen kleinen Schuppen. Mathias Berger folgte

ihnen. Er hob einen riesigen Sack aus dem Wagen, der prall mit Lumpen

gefüllt war, und schüttelte ihn aus.

»Na, da seht mal! Wenn ich die sortieren werd', das ist ganz

int'ressant. Da ist alles dabei. Wollflecke von Großmutterkleidern und

Kattun von Kinderschürzen, Übrigbleibsel vom Brautstaate und Leinwand

von einem Totenhemde. A Lumpenmann kann alles sehen. Es kommt von allem

was in seinen Sack.«

Heinrich folgte gedankenvoll diesen Worten; aber Hannes hörte nicht

darauf und machte sich mit einem kleinen Holzkasten zu schaffen.

In der Stube wurde dieses Schatzkästlein geöffnet. Ein Kinderherz

konnte bei solchem Anblick selig sein. Es gab ja auch einige

langweilige Dinge in dem Kasten, wie: Fingerhüte, Nähnadeln, Zwirn,

Jerusalemer Balsam und Federhalter. Aber sonst! Soldatenbilder,

allerhand andere Bilder mit schönen Versen von Gustav Kühn aus Neu

Ruppin, Peitschenschnüre, Pfeifen, Kreisel, Spielmarken, Papierorden,

kleine Pistolen, Vogelpfeifen, »goldene und silberne« Uhren und

Fingerringe die schwere Masse mit den prachtvollsten Steinen.

»Ich möchte gerne a Fingerringel für die Raschdorf-Lene« sagte Hannes,

»weil die mir ofte manchmal a Stückel Wurstschnitte gibt.«

»Such' Dir einen aus, Hannes,« sagte der Lumpenmann.

Der Knabe wühlte mit zitternden Fingern in den Schätzen. So mag den

Märchenprinzen zu Mute gewesen sein, die nach dem Wunderring suchten.

Heinrich stand etwas abseits. Er hielt es wohl mit seiner

Gymnasiastenwürde unvereinbar, sich noch für solche Dinge zu

interessieren, aber er wandte doch kein Auge von dem Kasten.

Schließlich trat er mit gewaltsam erzwungener Gleichgültigkeit näher.

»Was ist denn da eigentlich alles?« fragte er mit ungeheurem Gleichmut.

»Wenn Dir was gefällt, Heinrich, such' Dir nur aus,« sagte Berger

freundlich.

Heinrich tat so, als ob er das durchaus nicht beabsichtige, aber

schließlich prüfte er doch eine kleine Zündblattpistole und ließ sich

durch einiges Zureden Bergers bewegen, sie nebst einer Schachtel

Munition zu behalten. Auch einen silbernen Ordensstern nahm er noch an

sich. Dann aber fühlte er das Bedürfnis, wieder ernsthafter aufzutreten.

»Wissen Sie, Mathias, wer die Lumpenmänner eigentlich in Schlesien

eingeführt hat?«

»Nein,« sagte Mathias, »das weiß ich nicht.«

»Das hat der Alte Fritz getan,« belehrte ihn Heinrich. »Vor der Zeit

des Alten Fritz gab's keine Lumpenmänner in Schlesien.«

»Da hat der Alte Fritz was sehr Kluges gemacht,« entgegnete Berger.

»Is überhaupt sehr tüchtig gewesen,« sagte Hannes wohlwollend, um damit

zu zeigen, daß er auch in der Geschichte bewandert sei. Dabei stellte

er drei Ringe in die engere Wahl: einen Diamantring, einen Rubinring

und einen einfachen Silberreif, auf dem das Wort »Liebe« eingeprägt war.

»Ja,« nahm Heinrich wieder das Wort, »der Alte Fritz war sehr sparsam,

und er wollte nicht, daß die Leute was wegwarfen: Lumpen, Knochen,

altes Eisen und so ähnlich. Da setzte er die Lumpenmänner im Lande

ein. Und die mußten solche Dinge im Kasten haben wie Sie, Mathias. Und

das nennt man Tauschhandel. Wobei es auch auf die neuen Papierfabriken

ankam.«

Bergers Augen leuchteten. »Sieh mal, Heinrich, das is doch hübsch, wenn

einer das alles weiß. Ich bin nu schon so lange Lumpenmann, und ich

bin es auch gerne; aber ich hab' noch nie gewußt, wer uns eigentlich

erfunden hat. Es wär' doch hübsch, wenn Du weiter studiertest und

ein Gelehrter würdest. Nich, Heinrich? Sieh mal, Bauern gibt's doch

massenhaft auf der Welt.«

Der Knabe fühlte sich geschmeichelt, aber er schüttelte doch den Kopf.

»Nein, ich will Bauer sein. Ich will den Hof übernehmen. Ich will immer

hier sein.«

»Das is richtig,« stimmte Hannes bei; »wenn Du nich da bist, is nischt

los zu Hause. Sieh mal, Heinrich, welchen nehm' ich nu: den mit dem

weißen oder den mit dem roten Stein? Den silbernen mit »Liebe« mag ich

nich; da gäb' mir die Lene am Ende 'ne Backpfeife. Ich denke, ich nehm'

den roten.«

»Nimm sie beide, Hannes,« sagte der Lumpenmann. »Wer die Wahl hat, hat

die Qual.«

»Aber der silberne ist auch niedlich -- sehr hübsch ist er,« sagte

Heinrich.

»So behalt' ihn,« sagte Berger.

»Den mit »Liebe«?« fragte Hannes erstaunt. »Wem willste denn den mit

»Liebe« schenken, Heinrich?«

Der Quartaner wurde blutrot.

»Ach, niemand,« stotterte er, »niemand, vielleicht der Liese.«

Und er gab das unechte, kleine Ringlein der Liese, der Tochter Bergers,

die schon lange mit roten Wangen hinter ihm gestanden hatte.

* * * * *

Am Abend noch, als die Sonne im Verlöschen war, ging Mathias Berger die

Dorfstraße hinab nach der Schule. Die beiden Knaben waren längst zu

Hause; die kleine Liese lag im Bett und schlief und hatte das silberne

Ringlein am Finger.

Der alte Dorfkantor Johannes Henschel saß an einem Harmonium und

spielte aus einer Orgelpartitur.

»Es ist eine schwere Sache, eine sehr schwere Sache, Herr Kontor, wegen

der ich komme,« sagte Berger.

»Was ist denn?«

»Herr Kantor, eh' 's Ihnen die anderen sagen: Ihr Schwiegersohn, der

Herr Raschdorf, verliert bei der Fabrik sein Geld.«

Das blasse Gesicht des alten Lehrers wurde noch um einen Schein fahler,

und die welke Rechte fuhr nach der Brust.

»Bei den Aktien?! Ist das möglich, Berger? Ist das möglich?«

Mathias Berger sah den Alten mitleidig an.

»Es ist so, Herr Kantor. In Altwasser drüben der Teichmann verliert

auch dreitausend. Von dem weiß ich's. Fünfzehn Prozent kriegen die

Aktionäre raus. Das ist alles.«

Ein Zittern ging über das Antlitz des alten Mannes. Dann stützte er den

Kopf schwer auf die Hand.

»O mein Gott!«

Es war ganz still in der Stube, nur die Uhr tickte leise. Draußen erhob

sich ein matter Nachtwind und fuhr müde durch die alten Bäume des

Schulgartens.

Mathias Berger nahm wieder das Wort.

»Sehn Sie, Herr Kantor, das ist ja eigentlich nicht meine Sache. Es

geht mich gar nischt an. Aber Sie wissen ja, ich bin Ihn'n viel Dank

schuldig. Wie ich a blutarmer Junge war, ohne Vater und Mutter, da

haben Sie mich aufgenommen und mich großgefüttert. Das vergess' ich

nich, und wenn ich hundert Jahr' werd'. Was mir das jetzt leid tut,

kann ich gar nich sagen. Aber, Herr Kantor, der Herr Raschdorf sollte

sich nich mit 'm Schräger einlassen. Das is a grundschlechter Kerl!«

»Der Gastwirt? Ach nein, Berger! Der hat ja meinem Schwiegersohn immer

noch ausgeholfen, wenn's einmal fehlte.«

»Ausgeholfen, Herr Kantor! Warum denn? Warum denn? Weil a ihn nach und

nach ganz in seine Gewalt kriegen will. Bloß darum! Ich sag' Ihnen, dem

dicken Kerle wird erst ganz wohl sein, wenn a beide Höfe hat. Darauf

spekuliert a, darauf hat a's abgesehn! Schräger is Raschdorfs größter

Feind!«

Der alte Kantor schüttelte unwillig den Kopf.

»Das müssen Sie nicht sagen, Berger, das ist unrecht! Schräger hat sein

Geld auf die letzte Hypothek gegeben. Der ist ein Freund von meinem

Schwiegersohn.«

Mathias Berger erhob sich.

»Na, da -- da tut mir's leid, daß ich was gesagt hab'.«

»Setzen Sie sich, Berger, setzen Sie sich doch wieder! Sie sehen zu

schwarz. Der Schräger und mein Schwiegersohn sind Freunde. Sie sind

zusammen in die Schule gegangen, sie sind zusammen aufgewachsen.

Schräger ist nicht schuld. Das ist halt Unglück, Berger, schreckliches

Unglück! O Gott, ich weiß ja nicht, was werden soll! Fünftausend Taler!

Und mir hat er immer nichts gesagt, wie's steht, nichts!«

Eine Pause entstand. Beide Männer starrten vor sich hin.

»Um Ihre Tochter tut mir's leid,« sagte Berger endlich leise.

Der alte Lehrer wandte sich ab.

»Und um den Jungen, um den Heinrich! Heute sagt a mir, a will nich

studieren; a will Bauer werden -- übernehmen die Wirtschaft --, das is

ja a Jammer.«

Ernst und groß wandte der Alte die Augen dem schlichten Manne gegenüber

zu.

»Ich hab' ein Unrecht begangen, Mathias -- ich, nicht der Schräger.

Ich mußte dem Raschdorf die Anna nicht geben. In so einem Gut muß Geld

sein! Was waren da die paar Pfennige, die ich ihr mitgeben konnte? Gar

nichts! Gar nichts! -- Und nun ist das Elend da. Ich bin schuld daran,

Mathias -- ich!«

Berger richtete sich auf.

»Herr Kantor, nehmen Sie's nich übel, aber das is -- das is Unsinn, was

Sie da sagen. Sie sind nich schuld! Der Raschdorf stand sehr gut da.

Der brauchte keine reiche Frau. Bei dem ging's ohne Mitgift. Aber wie

hat a gelebt? Wie a gnädiger Herr! Immer oben raus! Und das Schlimmste:

a hat sich mit dem Schräger eingelassen, und das is und bleibt ein

Malefiz-Lump, und wenn a noch so scheinheilig tut, und wenn Sie noch so

für ihn reden.«

Der Kantor schüttelte den Kopf.

»Es wäre schlecht, Mathias, einem zweiten die Schuld zu geben, wenn uns

ein Unglück trifft. Und selbst, wenn er ihm zugeredet hat, wer konnte

das ahnen? Den Ausgang konnte niemand wissen. Es ist eine bittere

Sache, Mathias, wenn man alt ist und ein einziges Kind hat, und dem

geht's so!«

* * * * *

Als der Lumpenmann heimging, lag die Sommernacht über dem schlummernden

Dorfe. Ernte! In schweren, schwülen Zügen atmete draußen das

todgeweihte Feld.

Mathias Berger blieb stehen und sah noch einmal nach dem Schulhause

zurück, das ihm in seiner Kindheit ein zweites, besseres Vaterhaus

gewesen war und wohin ihn auch jetzt noch eine leise Sehnsucht immer

wieder führte. Er liebte den alten Mann dort, der so gutmütig und

kurzsichtig war, daß er die Bosheit der Menschen nicht erkannte, nicht

die Bosheit, aber auch nicht die geheimen, tiefen Leiden, die dicht

neben ihm bluteten.

Als bettelarmes Kind hatte ihn der Kantor aufgenommen in sein Haus, ihn

erzogen, ihn auch außer der Schulzeit unterrichtet. Da war der Mathias

mit der Schul-Anna zusammen aufgewachsen, und sie hatten gelebt wie

Bruder und Schwester. Später ging Mathias als Bergmann in die Grube.

Aber wenn er einen freien Sonntag hatte, war er im Schulhause. Da war

leise, während er heranwuchs, die Liebe in sein Herz gekommen. Es hatte

niemand was gewußt, nicht der Kantor und auch nicht die Anna. Es wäre

ja so schrecklich frech und undankbar gewesen, wenn er etwas davon

gezeigt hätte, er, der arme Kohlenschlepper.

Bis sie sich verlobte. Da war es zu Ende gewesen mit seiner Fassung. Er

brachte es nicht mehr über sich, ins Schulhaus zu gehen. Und damals hat

es dann die Anna gewußt. Der Kantor hat sich bloß gewundert und über

den Abtrünnigen geärgert.

Ach, die furchtbare Arbeit in der Kohlengrube! So allein sein in den

düsteren Stollen unter der Erde und gar keine Hoffnung haben für alle

Zukunft. Das hielt Berger nicht aus.

Ein Verwandter von ihm starb und hinterließ ihm ein Häuslein und das

Lumpenhandelgeschäft. Der Kantor wollte von dem Berufswechsel nichts

wissen; aber Mathias war froh, daß er nun immer im Freien sein konnte,

herumwandern in der Welt bei vielen Leuten und nicht mehr allein sein

mußte mit seinem Herzenskummer. Da wurde er allgemach wieder ruhiger

und heiterer. Nach einigen Jahren heiratete er ein braves Mädchen. Er

hatte ihr keine trübe Stunde bereitet, sie ihm auch nicht. Aber sie

starb schon nach einem Jahr, als die Liese geboren wurde.

Da war er wieder einsam. Und über Ehe und Grab kam manchmal in stillen

Stunden aus der Jugendzeit die alte Liebe wieder, ganz wunschlos,

aber doch schmerzhaft tief -- so wie heute, da sie krank und schwach

nun doch der Armut entgegengehen sollte, der Armut, die allein ihm

einstmals verbot, sie zu begehren.

Von fernher kam ein Gewitter, und Mathias ging heim.

[Illustration]

[Illustration: Kapitel 3]

Anfang des nächsten Oktober kam Heinrich wieder nach Hause. Es waren

Herbstferien. Ein Dienstjunge holte ihn mit einem kleinen Korbwagen vom

Bahnhof ab. Die großen, schwarzen Augen des Knaben hingen unverwandt

an den heimischen Bergen. Immer, wenn er von der flachen Oderebene

da unten kam und zum ersten Male wieder die Hügel des prächtigen,

reichgegliederten Waldenburger Berglandes aufsteigen sah, schlug sein

Herz schneller, gerade als ob auf den einsamsten jener Berge ein

heiliger Friede wohne, wo allein alle Bangigkeit gestillt und alle

Sehnsucht vergessen würde.

Und doch war die Landschaft trübe. Die bunten Blätter zitterten an

den Bäumen, und weiße Nebelschleier zogen über die leeren Wiesen. Die

Weiden standen wie gebückte, krumme Greise an den Bächen und Teichen,

als wollten sie sich hinunterstürzen und sterben. Und der Wind sang

in den hohen Pappeln am Wege ein Lied vom fernen Sommer und von toter

Freude.

Aber es war die Heimat, die Heimat, die dieser Knabe schmerzhaft

liebte, an die er alle Tage dachte, da er ihr fern sein mußte.

Langsam fuhr der Wagen die sandige Straße entlang. Der Kirchturm des

Dorfes ragte auf; da lief ein Zittern über die Gestalt des Kindes,

und die feine Gestalt reckte und dehnte sich, mehr zu sehen, mehr von

der Heimat. Dann kam ein Grenzweg, und nun war Heinrich Raschdorf auf

väterlichem Boden. Ein glückseliges Leuchten brach aus seinen Augen.

Jetzt war es aus mit Sehnsucht, Heimweh und Herzeleid, jetzt fühlte er

sich sicher und geborgen.

Hier auf heimischer Erde wäre er dem gefürchtetsten Lehrer sicher und

lächelnd entgegengetreten; hier hätte er sie nur einmal haben mögen,

alle seine Mitschüler; beide Hände würde er ausstrecken und sagen:

»Seht Ihr, hier bin ich zu Hause! Hier wohnen mein Vater und meine

Mutter und mein Großvater und alle, die ich kenne. Und alle die Felder

sind unser, und dort drüben das ist unser Hof.«

Ein Mann mit einem Jagdgewehr ging über die Felder, kaum zwei- oder

dreihundert Meter vom Wege entfernt. Der Dienstjunge hielt das Pferd

an. Heinrich aber sprang auf, riß den Hut vom Kopfe, winkte und schrie:

»Vater, Vater, Vater!«

Der Mann unten blieb stehen, blinzelte durch das Herbstlicht herauf und

winkte ein wenig mit der Hand. Dann gab er ein Zeichen weiterzufahren

und setzte seinen Pirschgang fort.

Knarrend fuhr der Wagen die Straße weiter. Der Knabe saß ganz still.

Ein Kartoffelfeld tauchte auf. Eine Anzahl arbeitender Menschen waren

da beschäftigt und wühlten geschäftig in der schwarzen Erde nach den

weißen, duftenden Knollen. August Reichel, der Schaffer, überwachte

das Ganze wie ein schweigender König. Aber allen nahm er die schweren,

gefüllten Körbe ab und schüttete deren Inhalt auf einen riesigen Wagen.

Da trennte sich ein junger Bursche vom Arbeitstroß, rannte ein

Stückchen, fiel über einen Kartoffelsack, stand wieder auf, stolperte

noch einmal über eine Furche, riß dann die Mütze vom Kopfe, schlug in

einem ganz närrischen Tempo Räder damit in die Luft, sprang über den

Straßengraben, trat an den Wagen und sagte keuchend:

»Na, Heinrich, das is aber fein, daß De kommst!«

»Guten Tag, Hannes! Du hast ja so kalte Hände.«

»Na, klaub' mal Kartoffeln, wenn der Boden so kalt is! Du kannst froh

sein, daß De immer Quartaner sein und in der Stube sitzen kannst.«

»Hannes, Du mußt mitkommen!«

Heinrich rief hinüber nach dem Felde: »He! -- Reichel! -- Schaffer! --

Darf der Hannes mit mir fahren?«

Der Riese verfiel in Nachdenken, schüttelte erst heftig den Kopf,

dachte aber weiter nach, zuckte dann unschlüssig die Achseln, machte

noch eine bedenkliche Pause, nickte darauf kurz und wandte sich ab.

»Das wußt' ich schon,« sagte Hannes und kletterte auf den Wagen. »Ich

sag' Dir, a hätte sich geärgert, wenn ich nich mitgefahren wär', und

ich och. Los, Friedrich! Nu komm'n wir vom Gymnasium! Haste vielleicht

Zigaretten, Heinrich? Hier sieht's keen Mensch!«

Auch der einsame Jäger ging heim. Er hatte kein Glück. Seine Jagdtasche

blieb leer.

Glück! Raschdorf lachte. Er und Glück haben! Das gab's lange nicht mehr

für ihn.

Müde lehnte er sich auf sein Gewehr und sah düsteren Blickes über

die kahlen, toten Felder und nach den Wolken, die schwer über die

bunten Berge herabsanken. So trübselig hüllten sie die schimmernde

Herrlichkeit ein, wie man dunkle Decken und Schleier zieht über goldene

Wände zur Zeit der Trauer. Nach Minuten erst merkte der Einsame, daß er

in Gefahr sei, denn die Hähne des Gewehrs, gegen dessen Lauf er sich

lehnte, waren gespannt.

Ein herbes Zucken ging über das Gesicht des Mannes, dann riß er das

Gewehr herauf und feuerte beide Schüsse in die Luft. Er schloß die

Augen bei dem dumpfen Knall, dann ging er weiter.

Und wie so häufig in letzter Zeit, ging er zum Schräger. Er traf den

Wirt allein, denn es war noch am zeitigen Nachmittag.

»Nu, kommste mit a Zinsen, Hermann?« fragte Schräger freundlich.

»Haste es so eilig mit a Zinsen? Ich dächte, Du brauchst 's nich so

nötig.«

»Nu je, sein Geld braucht jeder; jeder, Hermann! Ich och!«

Raschdorf setzte sich schwerfällig hinter einen Tisch.

»Schneid' mir's aus der Haut! Ich hab's nich! Hexen kann's keiner!«

Der Wirt wandte ihm verdrießlich den Rücken und sah mürrisch zum

Fenster hinaus. Draußen rumpelte eine Rübenfuhre langsam vorbei. Dann

wurde es still. Keiner der Männer sprach.

Da öffnete sich die Tür, und ein etwa siebzehnjähriger Junge

trat herein, ein starker Bursche von auffallend idiotischem

Gesichtsausdruck. Das war der einzige Sohn Schrägers.

»Hu, hu,« sagte er und rieb sich die Hände. »Is aber kalt heute! Mag

ich nich auf dem Felde sein -- mag ich nich -- mag ich gar nich a

bissel. -- Schön tumm! -- Schön tumm! -- Schön tumm!«

»Du sollst machen, daß Du wieder rauskommst, Du Faulpelz!« sagte

Schräger.

Aber der Sohn lachte ihn aus.

»Selber Faulpelz! Och, es is kalt draußen. Und hier is warm! Hier is

viel schöner! Schön tumm! -- Schön tumm!«

Er fing an zu pfeifen und hüpfte auf einem Bein die Stube entlang,

wobei er sich immer abwechselnd Ohren und Nase rieb. Dann setzte er

sich hinter einen Tisch und dröselte stumpf vor sich hin. Schräger

beachtete ihn nicht mehr. Er wandte sich wieder an Raschdorf.

»Sieh mal, Hermann, Ordnung muß nu mal sein. In Geldsachen hört die

Gemütlichkeit auf. Das is nu mal so! Zum Wegschenken hat ja keiner was.«

Raschdorf fuhr auf und schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Wegschenken? Wer spricht denn vom Wegschenken? Mir braucht keiner was

zu schenken, und Du zu allerletzt. Das hab' ich noch nicht nötig!«

Schräger zuckte die Achseln.

»Immer gleich beleidigt! Immer der große Herr, der sich nischt sagen

läßt. Siehste, Hermann, das is Dein Fehler. Du hast Dir's nach und nach

mit allen Bauern verdorben. Wenn Du mehr Freunde hättest --«

»Ach, halt's Maul, laß mich in Frieden mit den Schafköppen!«

»Ihihihi -- Schafköppen, Schafköppen, Schafköppen!« lachte der Idiot.

»Du sollst machen, daß Du rauskommst, Gustav!«

Der Junge rührte sich nicht vom Platze.

»Ne,« grinste er. »Es is kalt! Schön tumm!«

Raschdorf nahm wieder das Wort.

»Würde mir einer von den'n helfen? Was? Keiner! Sie würden sich hüten.

Sie borgen mir nicht einen Taler.«

»Das macht bloß der Schräger,« sagte der Wirt bitter. »Der is der

Schafkopp.«

Da wurde das Gesicht des Buchenbauern dunkelrot, und er fuhr jähzornig

auf:

»Du -- Schräger -- ich -- ich -- geb' Dir 'ne Backpfeife!«

»Gib ihm eine, gib ihm eine!« schrie der Idiot mit Begeisterung.

Der dicke Leib des Wirtes zappelte vor Erregung. »So? -- Soso?

Backpfeifen -- Backpfeifen bietet mir der gnädige Herr an? So?

Backpfeifen für alles, was ich ihm schon zu Gefallen getan hab'? Is

gutt, Herr Raschdorf! Wenn ich bis morgen meine Zinsen hab' und zum

nächsten Quartal meine 20000 Mark, da -- da kann der gnädige Herr

backpfeifen, wen a will.«

Es wurde still. Nur eine Zeitung knisterte, die der Idiot mit den

Händen bearbeitete. Schräger trat wieder ans Fenster und sah hinaus.

Langsam erhob sich Raschdorf und griff nach seinem Gewehr. Und so trat

er neben den Wirt.

»Julius,« sagte er langsam und schwer, »ich werd' versuchen, daß Du zu

Deinem Gelde kommst. Was ich heute rede, weiß ich nich. Mir summt alles

im Koppe, und manchmal -- da -- da wird mir ganz trübe. Siehst Du,

vorhin, draußen auf 'm Felde, da hab' ich so auf der Büchse gelehnt --

so --«

»Sie is doch nich geladen?« kreischte der Wirt und trat ein paar

Schritte zurück.

Die Heimat: Roman aus den schlesischen Bergen · 第 7 / 30 题