Stadl‘, uns klingt es ‚weanerisch‘, Dir aber wie ein tiefes +Lied+!
Deshalb wollen wir +hier+, in Deiner Gesellschaft, +verstummen+, und
Deine +Andacht+ nicht stören, Lióschka! Vielleicht wirst +auch Du+ uns
dann +einst+ einen solchen Dienst erweisen, wenn +auch uns+, irgendwo,
+Dir unverständlich+ und fremd, einst düstere Trauer umfängt -- -- --!
Peter Altenberg.“
POETA
Ein Dichter, der kein +Sozialdemokrat+ ist, und sogar, mit Rücksicht
auf Haß und Verachtung der +durch Gewohnheit+ eingenisteten Vorurteile
der Menschen, kein +Anarchist+ ist, +ist+ kein +Dichter+! Wer +sich+,
seine +Familie+, seine +Kinder+, seinen +Frieden mehr+ liebt als die
fremde entfernte Menschheit, +ist+ kein +Dichter+! Er +dichtet+, aber
er ist kein +Vertreter+! Kein Fürsprecher, kein Vorsprecher +aller+!
Er ist kein Standarten+träger+ in der Schlacht der Welt! Er amüsiert,
er rührt, aber er +heilt+ nichts! Er ist kein +Arzt+ der +kranken+
Menschheit, also kein +Dichter+! Er dichtet für die +Gesunden+,
+Befriedigten+, und die +brauchen+ ihn +nicht+! Die können sich +ohne
ihn+ behelfen, sich +durchfretten+! Ein Dichter sagt das, +nur+ das,
woran alle anderen kranken, +leiden+, daß sie es nicht aussprechen
+können, dürfen+! Sonst braucht man ihn +ja nicht+. Auf Reime, Verse,
Phrasen wird +verzichtet+! Eine Dame der Gesellschaft sagte zu mir:
„Wir wollen +erhoben+ werden, +erfreut+ von euch Dichtern!“ Ja,
Schnecken, das möcht euch so passen, ihr +Drohnen+ der arbeitsamen
+Weltentwicklung+!
SAPPHO
(Erika von Wagner gewidmet)
Soll die „Sappho“ von einer +reifen+ Künstlerin gespielt werden oder
von einer +jungen+?!
Von einer +jungen Reifen+! Von einer +reifen+ Jungen!
Sappho soll von dem Herrn Phaon und dem Fräulein Melitta nicht sekiert,
gedemütigt, gemartert und stehen gelassen werden, weil sie eine +alte
Schachtel+ ist mit seelischen und noch anderen Ansprüchen, sondern
+nur+ deshalb, weil sie eine +Dichterin+ ist, also ein +höherer+
Organismus, der von den kriechenden Lebenstierchen +deshalb allein eben
stets und überall+ mißverstanden, gemieden, gedemütigt und verraten
wird!
Sappho muß wegen ihrer +hoheitsvollen+ Art zu denken, zu fühlen,
zu stehen, zu gehen, zu sprechen, zu schweigen, einen peinlichen
drückenden Respekt einflößen, den die +Armseligen+ eben nicht lange
aushalten! Man verrate sie um ihrer +ewigen inneren Jugend+, nicht um
ihres +äußeren Alterns+ willen!
Sie werde gespielt von einer +Jungen, Reifen+! Sollen wir vielleicht
das Gefühl haben, daß eine alte zudringliche Gedichtemacherin und
Harfenklimperin zwei frische fesche Menschenkinder belästigt und
stört in ihrem berechtigten Lebensglücke?! Nein, wir müssen durch
des Dichters Grillparzer Gnade und des adeligen Jugendprangens
der Darstellerin auf seiten +Sapphos+ stehen! +Gegen+ das, ha ha,
+Liebespaar+, Phaon und Melitta! +Verräter+ sind sie, weil sie
+armselig+ sind!
GERECHTIGKEIT
„Die Achtung vor dem Gegenstande,“ sagte ich, „sehen Sie, das
mangelt den meisten sogenannt kultivierten Frauen! Das müßte man
ihnen beibringen, von Kindheit an! Die Achtung vor der Puppe, dem
Puppenschranke, vor den netten Möbeln im Zimmer. Die Sachen in Ordnung
halten, reinigen, ist noch nicht: sie +liebhaben+ und +schätzen+! Es
ist eine sozusagen überkommene lederne fast lästige Pflicht. Sehen Sie,
ich liebe z. B. diese Zigarettendose aus gemasertem und geflammtem und
geschecktem Koreschkaholze. Ich sorge dafür, daß sie politiert bleibe
wie am ersten Tage und ohne Kratzer! Da würde sie mir wertlos. Niemand
darf sie mir daher in die Hand nehmen!“
„Ich +auch nicht+?! +Ich+ aber doch!“ sagte Fräulein Angela.
„Nein, Sie +auch nicht+!“
„Das ist aber nicht sehr liebenswürdig!“ Und hatte sie schon zwischen
den Fingern.
„Gans!“ sagte ich.
„Was, wegen so einer dalketen Dosen mich beleidigen!? Ah da schau her,
der Narr!“
Und warf die Dose hin.
„Gans!“ sagte ich und putzte die Dose mit meinem Rehleder blank.
„Mit Ihnen bin ich fertig! Das also ist Ihre Verehrung?! Gut, daß ma’s
waß!“
SPLITTER
Wenn eine Frau keine +sexuell-ästhetische Anziehungskraft+ mehr hat,
muß man +von Glück sagen+, wenn sie keine +Verbrecherin+ wird, aus
+Ranküne+ gegen das +angeblich unverdiente+ Schicksal. Es wäre denn,
daß sie gute, zarte, nahrhafte Suppen kochen und Leinenlöcher nett
ausflicken kann! Das versöhnt sie wieder ein bißchen mit dem harten
Schicksal! „+Zu irgend etwas+ bin ich ja doch noch zu +gebrauchen+!“
*
„Mein Herr, was haben Sie Ihrer wunderbaren zarten Frau zu bieten?!
Ihren Größenwahn, an den sie +glauben+ muß, weil Sie ihr zu fressen
geben!? +Ich+ habe ihr zu bieten mein zärtlichstes +Gedenken+ bei
Tag und Nacht. Bei mir muß sie +an nichts+ glauben, und sie glaubt
und sie weiß +dennoch+! Sie weiß, daß ich bei der Berührung ihrer
geliebten Finger vergehen, ja +zerfließen+ würde vor Seligkeit,
und daß +Sie+ die Inanspruchnahme ihres ganzen Organismus nur als
eine selbstverständliche erfüllte Verpflichtung spüren! Sie können
also nicht mit mir konkurrieren, außer ich käme in eine ebenso
fatal-tragische Situation! Da sei aber Gott vor! Es ist süßer, vom
‚Haupttreffer‘ zu träumen als ihn zu machen!“
*
Ich hasse natürlich häßliche, breite, aber wohlgepflegte manikürte
Hände! Diesen elenden feigen Versuch, das Schicksal mit drei Kronen zu
versöhnen, ja besiegen zu wollen! Infolgedessen empfinde ich eine fast
mystische Rührung für ideal-aristokratisch-zarte Hände, die schmutzig
sind, ungepflegt und sogar schmutzige Nägel haben! Es erinnert mich
an Meister Bruckner, der zwar +göttliche+ Sinfonien erträumt hat,
aber mit den Fingern in die Kalbsgulaschschüssel öffentlich griff!
Gott+begnadete+ haben es eben +nicht nötig+, die Bourgeoisie +nicht+ zu
kränken!
*
Auch einen Hund bezieht man meistens in seine +sonstigen
Gemeinsamkeiten+ noch ein, der fürs Fressen den ganzen Tag liebwedelt
und treu ist! Interessanter wäre natürlich eine hellgrau-weiße,
anmutige, schmiegsame große treulose Katze; aber, siehe, man will
„+angewedelt+“ werden, man will es +genießen+, daß jemand +sichtlich+
freudig bewegt ist, wenn man nach Hause kommt, und +sichtlich+
verzweifelt, wenn man weggeht! „Gott, mein Hund hat sich so
+gekränkt+, daß ich ihn heute zu Hause gelassen habe! Desto größer die
+Freude+, wenn er mich +wiedersehen+ wird!“ Prosit! Wenn er nur nicht
hingewischerlt hat vor lauter Sehnsucht!
*
„Peter, wie g’fallt Ihnen mein neuer g’scheckerter Pelz?! Und gar net
teuer, vierhundert Kronen!“
„Er gefällt mir sehr gut. Aber weshalb hängt er +an Ihnen+?! Am
+lebendigen Tiere+ ist er +herrlich+. Oder irgendwo als +Teppich+. Soll
er etwas +verstecken helfen+, was +nicht schön+ ist?! Das wollen wir
+nicht hoffen+. Und sonst gegen Kälte tuts ein +edel-weicher Flanell+
auch! Ah, Sie wollen vielleicht +beweisen+, daß Sie bei Herrn v. G.
+Anwert+ haben, der ihn gekauft hat?! Das glauben wir ja sowieso,
da müßt er ja keine Augen im Kopf haben. Außerdem aber -- die eitle
+Blödheit der Männer+ ist +kein+ Beweis für die +Schönheit der Frauen+!“
GEDICHT DER LIOSCHKA
Roter Stadl.
„Graue kahle schlanke Birken, Märzende, +ich grüße euch+!
Ich gönne den Fremden +nicht+ diesen melancholischen Anblick
-- -- --.
Ach, sie schauen ja sowieso nicht zu euch hin, geliebte Bäume,
die ihr in den blauen kühlen Himmel vielverästelt hineinragt!
Mir gehört ihr allein, +mir+, und selbst die Vögel warten auf euch
erst,
bis ihr grün seid! Bis ihr zum Nestbau taugt!
+Mir+ gehört ihr, +mir+, zu allen Zeiten des Jahres,
und wenn man euch zersägt und fällt und zerschneidet,
werde ich auf euren bleichen gelben Stümpfen kauern,
und nichts denken, nichts fühlen, sondern trauern!“
*
Sie sagte: „Der ‚Rote Stadl‘ ist mein Hauptprüfungsgegenstand, er ist
die Matura des Liebenden! Je nachdem einer sich dort benimmt, hab ich
ihn gern oder verachte ihn!“
LA RAMPA
(Sizilianische Szene)
Der vollständig gelähmte alte Mann kauert hilflos in einem Lehnstuhl.
Eine Treppe mit Geländer (La rampa) führt in den Weinkeller. Nach
einigen Minuten +Lautlosigkeit+ erscheint die junge +wunderbar+
schöne Schwiegertochter: „Ah, Schwiegerväterchen, bonsoir, wie gut
du ausschaust! Nun freilich, bei +dieser+ zärtlichen Pflege deines
Herrn Sohnes! +Mich+ freilich pflegt er +nicht so gut+! Aber brauche
ich +ihn+, ich habe +andere+! No, das weißt du ja, mein süßes
Alterchen, +vor dir+ mache ich keine +Geheimnisse+, das wäre ja
eine Familiensünde, besonders da du, Armer, doch gelähmt bist und
nichts +austratschen+ kannst! Gleich wird dein zärtlichster Sohn,
mein +Gatte+, dir aus dem Weinkeller deinen Lieblingstrank zur Jause
bringen, der dich immerfort +leider+ am Leben erhält! Hörst du ihn,
gleich wird er da sein, dem +du+ die Zärtlichkeiten +wegstiehlst+, die
+mir+ dann +fehlen+?!“
Später beredet sie dann in Gegenwart des gelähmten Alten ihren
+Liebhaber+, die Kellerstiege +halb anzusägen+, wo der Gatte den
geliebten Labetrunk dem Vater holt. Der Gatte stürzt sich zu Tode, da
erhebt sich der Alte kerzengerade, umspannt mit stählernen Fingern
den Hals der höhnenden wunderbar schönen Schwiegertochter, bis sie
+erwürgt+ ist! Der Vorhang fällt.
DIE KUNDSCHAFT
„Herr von Altenberg, was verschafft mir die Ehre, womit kann ich
dienen, was is denn schon wieder passiert, Sie schaun so aufgeregt
drein!?“
„Der Rahmen ist von selbst aus dem Leim gegangen!“
„Von selber?! Sie werden halt recht damit herumg’haut haben, ein
nervöser Mensch, ein Dichter!“
„Herumgehaut?! Mit einem Bilderrahmen, der an der Wand hängt?!“
„No an der Wand is er nicht von selber g’sprungen! Da muß man schon
bissel mithelfen, so ist das nämlich nicht!“
„Was kostet die Reparatur?!“
„Ah, zahlen wollen’s?! Was sie kost? Gar nix kost’ sie. So a
schlamperter Arbeiter, laßt ihn net langsam trocknen, nur immer gleich
abliefern, abliefern -- --.“
ALTERN
Bei 22° Kälte auf dem Semmering, vor drei Jahren, war mir warm. Jetzt
ist mir kalt bei 14° über Null.
Man altert.
Sie erzählte mir, ein Herr habe sie in der Tramway angesprochen.
„War er wenigstens elegant?!“ fragte ich gleichgültig.
Man altert.
Geld blieb aus, und ich tobte nicht Tag und Nacht über die
Ungerechtigkeit der Welt!
Man altert.
Ich hatte ein Bläschen auf der Zunge und dachte an Krebs!
Man altert.
Ich dachte an die Jugendzeit: Gott sei Dank, daß diese Periode von
schamloser Stupidität und frecher +Lebensunweisheit vorüber+ ist!
Man bleibt jung.
BRIEF
Geehrte gnädige Frau, ich werde Ihnen jetzt diagnostizieren, woher
Ihre ewige Differenz mit Ihrer heranwachsenden Tochter stammt! Ihr
Töchterchen war als Kind auffallend hübsch, hat sich aber im Laufe der
Entwicklungsjahre mit Respekt zu sagen „vermießt“. Da Sie selbst vom
sogenannten Frühlingsleben der Frau nie etwas genossen hatten, freuten
Sie sich unbewußt und naturgemäß, daß Ihre Eitelkeit wenigstens bei
dem heranwachsenden hübschen Töchterchen endlich befriedigt werden
würde. Aber sie wurde eben nicht hübsch, und statt romantischer Erfolge
und eines sogenannten kleinen Hofstaates von Jünglingen, die Blüten
schicken, hat sie nur einige ganz edle Freunde, deren kühles Gehaben,
deren gemäßigte Konversation Sie als Mutter und Gastgeberin unendlich
langweilt! Sie werden sagen: „Schön stellen Sie mich hin! Bin ich also
ein eitles Scheusal?!“ Weshalb denn gleich so grausame Benennungen?!
Sagen wir: +eine eitle Mama+!
DER ESEL
Er sagte: „Du bist langweilig, trotz deiner Schönheit. Die Sorge um
deine neuen Frühjahrshüte ist +für mich+ keine Sorge!“
„Ich habe aber außerdem noch lange schmale weiße Beine!“
„Ich +anerkenne+ sie. Aber sie interessieren mich nicht allzusehr!“
„Ich habe einen nach süßen gekochten Mandeln duftenden Atem!“
„+Stimmt!+ Aber Linden und Akazien duften mindestens ebenso gut!“
„Ich werde dich mit deinem Freunde Norbert zu betrügen versuchen!“
„+Das+ allerdings interessiert mich!“
ANGST
Jeder Mensch hat eine andere Art Angst. Aber ein jeder versteht nur die
+seine+. „Vorm Zahnarzt fürchten’s Ihnen?! Für mich is der Zahnarzt wie
a Tarockpartie, i setz mich hin, und es geht los. Schamen’s Ihnen!“
„Was, Sie haben Platzangst, Agorâfobíe?! Sie können nicht über einen
freien Platz hinübergehen?! Na, nicht sollt ein fesches Maderl drüben
stehen, wie’s hinhupfen täten!“
„Ich befürchte, ich werde mit meinen dreihundert Kronen monatlich
schwer auskommen können!“ „Was, mit dreihundert Kronen?! Soviel hat ja
bald ein Hofrat! Ah da schau her!“ „Wieviel brauchen Sie?!“ „Ich? Ich,
wie kommt das dazu? Neunhundert!“
DIE UNENTRINNBAREN BEDÜRFNISSE DER MENSCHHEIT
Die französischen Schützengräben sind zuweilen nur 40 oder 50 Meter
entfernt von den deutschen. Zwischen 12-2 wird, wie auf Verabredung,
in beiden Lagern Mittagspause eingehalten. Will dann einer „aus
menschlichen Gründen“ verschwinden, so hebe er den Gewehrkolben;
sogleich verläßt dann auch ein Feind den Schützengraben -- -- -- als
Geisel, falls der andere dennoch angeschossen würde!
DIE TÄNZERIN
„Prenez moi dans votre chambre!“ sagte er zu der Vergötterten zum
ersten Male, um Mitternacht.
„Pas aujourd’hui!“
Wie, also doch morgen, übermorgen, in acht Tagen, in zwei Monaten,
also überhaupt irgend einmal?! Aber da hatte er diese Allergeliebteste
ja schon bereits in Besitz genommen +durch diesen Ausspruch+! Die
goldenen schimmernden Tore zur Seligkeit standen offen, er erschaute
bereits ihre körperliche geliebte Herrlichkeit! Er war von nun an ein
gesalbter König. Was ist dagegen dieses armselige Wörtchen: „Komm!“
Und wenn sie es auch +gar nie, gar nie+ sagen würde später, seine
+Hochzeitsnacht+ war: „Pas aujourd’hui!“ Der Hoffnungsstrahl!
GYMNASIUM
Ordinarius der zweiten Gymnasialklasse an den reichen Vater eines
elfjährigen Söhnchens, das bereits fabelhaft auf der Violine Mozart,
Haydn spielt:
„Sehr geehrter Herr Kommerzialrat, falls es Ihnen Ihre kostbare Zeit
gestattet, erbitte ich mir dringend im Interesse Ihres Herrn Sohnes
eine Unterredung!“
Unterredung:
„Könnten Herr Kommerzialrat, bei Ihrer Vorbildung, nicht mit ihm selber
die Verba auf mi durchstudieren?! Ein Vater ist eben stets doch noch
eine tiefere Autorität als ein armer Lehrer!“
„Herr Professor, ich will Ihren Lieblingswunsch also erfüllen. Ich habe
von ganz klein angefangen, da weiß ich also doppelt den Wert der +Verba
auf mi+ zu schätzen!“
Ich begreife es nicht, wieso man nicht +vor allem+ einen Weltkrieg
führt gegen die toten, wirklich +toten+ Sprachen!? Solange man
sie mühselig erlernt, kann man die Schönheit der Klassiker noch
nicht erfassen. Und später findet man, daß Tolstoi, Hamsun, Gorki,
Tschechow, Strindberg viel +wichtiger+ sind, um das +Leben+ in seinen
geheimnisvollen Tiefen kennen zu lernen!
Wir haben nur eine gewisse Summe von Lebensspannkräften, vitalen
Energien! Was davon in den acht Jahren Gymnasium +vergeudet wird+,
würde +ausreichen+, jeden für die ganze übrige Zeit zum +Genie+ zu
machen!
JAUSE
Jausengespräch zweier junger bildhübscher Dienstboten im fünften Stock
auf dem düsteren Gang vor meinem geliebten lichten Zimmerchen:
„Jessas, an schönen noblen Kehrbesen habt’s ihr da oben! Unserer unten
in der Kaffeeküche, +der+ schaut aus! Wie a g’rupftes Hendel!“
„I schenk Ihnen meinen! Der Peter kauft mir an anderen!“
„Was für ein Peter?!“
„No der Peter. Der Peter Altenberg. Er is ein Schmutzian, das heißt
er hat nebbich nichts, aber für solche praktische Arbeitssachen
hat er ein Herz. Sie, der Mensch hat Ihnen einen Abstauber für die
Wandphotographien, von lauter grauen jungen Straußfedern, fünf Kronen
hat er gekostet!“
„+Den+ möcht ich haben. Der muß ja wunderbar +wischen+!“
„Ja, den gibt er net her. Hundertmal hab ich ihn schon darum
angebettelt! Er hat g’sagt: „Im +Testament+!“ Aber der lebt uns +noch+
zehn Jahr. Solche Leut, die gar nix zu arbeiten haben als dös bissel
dichten, die san +zach+!“
DER ABSCHIED
Morgenvisite, =1.= Sanatoriumsarzt:
„Sie wollen uns also ernstlich verlassen, Herr Peter?! Bravo, bravo,
ein erstes schönes Anzeichen wiedergewonnener Lebensenergien! Bravo.
Nun aber nur rasch fort, damit man nicht wieder bedenklich werde, den
Mut verliere!“
Abendvisite. =2.= Arzt:
„Sie wollen uns also ernstlich verlassen, Herr Peter?! Ganz gut,
wir werden Sie nicht zurückhalten selbstverständlich. Aber ein
bedenkliches, ja ich möchte fast sagen, ein symptomatisch ungünstiges
Anzeichen ist es, daß Sie so rasch weg wollen plötzlich!“
ROBERT MAYER
Kochet, waschet, flicket, tuet noch etwas anderes +für uns+, aber tuet
um Gottes willen nichts +gegen uns+! Du wirst seufzen: „Ein krasser
Egoismus!“ Mitnichten, Fräulein oder Frau, mitnichten! Denn was ihr
selbstlos für uns leistet, leistet ihr +für euch+! Unser Emporkommen
ist doch auch +euer+ Emporkommen, in +jeglicher Art+! Robert Mayer
entdeckte die „Erhaltung der Energie“! Siehe, nichts geht verloren
an Lebensenergien! Was eine Frau dem Manne +spendet+, so oder so, es
bleibt! In irgendeiner Form! Oft leider nur im Kindlein! +Ihr+ gebt
+uns+, und wir +geben zurück+ der Welt, dem Leben, oft tausendfach!
Wenn einer aber +gar nichts+ hätte von eurer Spende, den vernichtet,
sackelt aus! Betrügt ihn hinten und vorn, bestraft ihn! Er versündigt
sich an Robert Mayers entdecktem Gesetze von der „Erhaltung der
Lebensenergien“! Er +nahm+ und +gab nichts+ zurück! Er verderbe!
LANDPARTIE MIT DER FÜNFZEHNJÄHRIGEN
Es ist also +nicht wahr+, was ich +durch Jahre+ glaubte,
daß du im heiligen Frieden von Wald und unbetretenen
Wiesen und Bergbach-Urwaldufern dich +verlörest+?!
Ein Offizier, der vorüberkam, machte dich erröten,
und +kaum+ vermochtest du dein Köpfchen +nicht+ zu wenden,
um es zu erleben, daß er +dir+ nachschaut!
Was ist es also mit deinen Sommerbriefen
voll von Buchenwäldern, Birken, Kuckuckruf,
gefangenem Igel und Sammlung merkwürdiger Kieselsteine im Bachbett?!
Sich +verlieren+! Du +tiefste Weisheit+ einer Frauenseele, eines
Frauenleibes!
Jedoch an +was+, an +wen+?!
Es ist die +erste+ Landpartie und auch die +letzte+!
Nur +einmal+ stört man mir mein +stummes Zwiegespräch+ mit der
Natur!
ÜBER DAS „DRAHN“
Sein Wesen und seine +wirkliche+ Bedeutung im Lichte -- -- -- der
Drahrer!
Die meisten verstehen den +Sinn+ dessen, was sie aus Ungezogenheit
und Stupidität tun, +nicht+. Der Drahrer +draht+ stupid. Das heißt,
er opfert die Nachtruhe, Zeit, Geld, und noch etwas +anderes+, um zu
+drahn+, d. h. um in einem marmorgetäfelten gut erleuchteten Raume mit
Klavierbegleitung Barmädeln den Hof zu machen und gesehen zu werden von
denen, die +nicht genug+ Geld haben, um den Mädeln den Hof zu machen.
Denn Hof kostet eine Unmenge „Drinks“, Zigaretten, +Trinkgeld+ für die
+gestohlene, geraubte+ Zeit, für +Langweile+ der unglücklichen Schönen,
die +zu allem+ nett lächeln +müssen+ oder jedenfalls nicht +allzu
beleidigt+ sein dürfen, wenn +er+ doch zu witzig und „+fesch+“ werden
sollte infolge des Alkohols!
+Nein+, drahn ist eine +Regenerationskur+, ein momentanes, wenn auch
stundenlanges +Ausspannen+ aus allem, was dich den Tag über bedrängt,
gekränkt, geknebelt, gedemütigt hatte! +Siehe+, du wirst ein +freier
Mann+! Kein Vorgesetzter, keine Verpflichtung, keine Familie, keine
Frau, kein Kind, kein Gläubiger! Du bist dein eigener Herr, und, falls
du generös bist, sogar beliebt und gern gesehen! Draußen freilich auf
der dunklen Gasse, überfällt dich wieder +deine eigene Nichtigkeit+!
Aber willst du ihr denn +endgültig+ entrinnen?! Sei froh und dankbar,
daß du auf sie +vergessen+ durftest, +konntest+, von 1-4!
HOCHGEEHRTE GNÄDIGE FRAU
Sie fragen mich, weshalb ich plötzlich von Ihnen +abgefallen+ sei?!
Erstens +ist es+ gar nicht so +plötzlich+. +Nichts ist plötzlich, alles
ist allmählich.+ Es +scheint+ nur plötzlich. Und zweitens: weil Sie
eine abfällige Bemerkung darüber gemacht haben, daß ich 56jähriger
mit meiner fünfzehnjährigen braunlockigen Freundin, die kurze Kleider
trägt und aussieht +Gott sei Dank+ wie dreizehn, eingehängt, mittags,
also im vollsten, strahlendsten Tageslichte, über den Graben gehe!? Ich
finde, es sollten sich +alle jene+ eher +schämen+, die mit älteren, aus
dem Leim gegangenen, wenig begehrenswerten Damen öffentlich sich +noch
zeigen+!
Ja, ich gebe es zu, daß Frühlingsvollkommenheit, braune +natürliche+
Locken, unbeschreibliche adelige kindliche Anhänglichkeit, der
+mysteriöse Anflug+ eines Busens, absolute Fettlosigkeit, eine
+Käthchen-von-Heilbronn-Seele+ und dabei +tiefste Geistigkeit+ mich
nicht +abschrecken+, mit einer so gearteten Person öffentlich in vollem
Sonnenlichte Arm in Arm zu gehen!
+Ich+, gnädige Frau, bin von Ihnen +nicht+ abgefallen!
+Sie+ von +mir+!
PORTRÄTMALEREI
Kunst ist die selbstlos-heilige +Vermittlerin+ zwischen der mysteriösen
Pracht der Natur selbst und den ursprünglich stumpfen Herzen der
Menschen!
Wer die Natur +direkt+ genießen kann,
+braucht+ keine Kunst!
Wer die Kunst +braucht+, kann die Natur +nie+ direkt genießen!
Das geniale +Porträt+ einer wertvollen wunderschönen Frau, hat +nur+
für die Wert, die es sonst am +lebendigen+ Objekte nicht so ganz tief
+heraus+ finden könnten!
Der Liebende ist ein +Ochs+, ein +Verwirrter+.
Er +braucht+ das Porträt eines Künstlers von seiner Geliebten!
Der +Verstehende+ braucht +kein+ Porträt! Es befindet sich nämlich
ideal-genial in seinem +Gehirne+!
BEKENNTNIS EINER SCHÖNEN SEELE
„Ich bin sehr, sehr schön. In meiner grauen Samtkappe mit der dicken
grünen seidenen Troddel, die über meine aschblonden Schläfenhaare
herabbaumelt, sehe ich direkt aus wie -- -- --. Nun, was bedeuten
Vergleiche, alte Bilder, vergilbte Namen, da man doch Gott sei Dank
noch ein +lebendiges Kunstwerk+ ist!?! Aber +etwas+ fehlt mir, was
+jede+ hübsche armselige Hure voraus hat. Man +anerkennt+ mich,
aber ich erwecke keine bösen teuflischen Instinkte, das einzige,
was durcheinander bringt und alle besiegt! Ich bin +innerlichst+ zu
anständig, das heißt, ich habe nicht mehr die perfide Lebenskraft der
Schlange, des Salamanders, des Regenwurmes!
Ich bin +edel-feig+!
Wenn man mich +tritt+, fühle ich mich +getreten+! Und das ist falsch.
Da triumphieren die +Treter+! Trotz meiner bezwingenden Schönheit ist
noch etwas in mir, das +mich+ bezwingt! Das sollte nicht sein. Ich bin
das Opfer von einem +Stückchen Seele+, das mich ewig stört, verhindert!
Man sagt mir zwar: ‚Du wirst +auch+ noch einen finden, den gerade +das+
interessiert!‘ Gott, hoffentlich. Weshalb soll man denn auch gerade
+daran+ Schiffbruch leiden, was an einem sogenannt noch Besseres ist?!?“
LABEDAMEN
Wir haben nichts dagegen, daß die feinen Damen uns +laben+. Aber der
+Schlaf+ ist uns doch noch +wichtiger+ und wertvoller! Man weckt
uns liebevollst aus dem heiligen Regenerationsschlummer, um uns
fade Limonaden oder +angeblich+ stärkende Getränke zu verabreichen.
Mit Respekt zu sagen, wir sch., pfeifen auf alles! Nur Ruhe, Ruhe,
Ruhe, Schlaf! Die Damen wollen uns beweisen, daß sie für uns
besorgt sind?! Wenn sie uns, zu Tode Erschöpfte, +ganz+ in Ruhe
lassen möchten, +dadurch+ bewiesen sie es uns! Eventuell noch durch
hingestellte zehntausend Zigaretten! Niemand versteht den +Kranken+!
Am allerwenigsten der +Gesunde+! Er ist nämlich +zu gesund dazu+! Wir
brauchen den +Bruder+ des uns nahen Todes, den +Schlaf+!
DIE JUNGE GATTIN
+Frau Ernst+ gewidmet.