Was die Männer, die dir „nachsteigen“ und „Coco, Wiener Journal, An

jenes kleine Fräulein, das vorgestern Ecke -- -- --“ annoncieren,

von dir sich ersehnen, +weißt du+! Darauf sich etwas einzubilden

ist Sache einer +Gans+! Du kennst doch diese kleinen weißen netten

Blechhäuschen, in denen so mancher notgedrungen für Augenblicke gern

verweilt, um sie sobald als möglich wieder zu verlassen?! Solch einem

Häuschen willst du doch hoffentlich nicht ähnlich werden?! Wenn

jemand zu dir sagt, daß er unaufhörlich an dich denke, so erwidere

ihm, daß das keine sehr lukrative Beschäftigung sei! Falls er dir mit

Selbstmord droht oder Melancholie, so erwidere ihm, daß es gestern

ein wenig kühl gewesen sei, das Wetter nachmittags sich aber Gott sei

Dank freundlicher gestaltet habe. Sollte dir jemand etwas schenken

wollen, so nimm es stets ruhig an, denn die Gewissensbisse darüber,

einen vielleicht praktischen und netten Gegenstand +eingebüßt+ zu

haben, sind +gefährlicher+ für deine Seele als die Annahme! Man kommt

in eine nähere Berührung durch einen „Refüs“, denn es nistet sich

leicht in dein Spatzengehirn das Wort „armer Kerl!“ ein. +Mitleid+ mit

jemandem haben, der einen „+haben+“ will, ist eine horrende Eitelkeit.

Eine Selbstüberschätzung. Kannst du dir, aufrichtig, ernstlich es

vorstellen, daß einer à tout prix nur mit dir glücklich werden kann?!

Nein!

DIE „GEWÖHNLICHE FRAU“

Wehe dir, der du nicht +geschützt+ bist vor Frauengunst,

und verbrennst in Liebesbrunst!

Ein +ewig Wachsender+ bisher, wirst du nun ein +Stillgestandener+!

Eh du es spürst, bist du ein +anderer+,

ein +Niederhocker+ wirst du, +Wanderer+,

Nicht wie im Kaleidoskope mehr wandeln sich dir in +holdem

Verändern+ die Bilder des Lebens,

wandelt sich dir dein +wandernder+ Blick;

und im +kleinen Kreislauf+ und lieblichen Austausch

+geschlechtlich-seelischer+ Kräfte

vollendet sich nun dein allzu gesichertes +Alltagsgeschick+!

Aber die anderen, +einsam+, den Blick gerichtet in +Fernen+,

folgen +unentwegt+ ihren Sternen!

Wehe dir, der du nicht vor Frauengunst +geschützt+ bist,

und nur für die „+kleine Tat+“ des Lebens +ausgenützt+ bist!

Für die +All-Schönheit+ darfst du nichts mehr fühlen -- -- --

Die Hauptsache ist, du sollst dich nicht verkühlen!

Nicht mehr bei Emerson-Lesen und Beethoven-Spielen,

wirst du himmlische Kräfte zu unerschöpflicher Tat aufspeichern!

Emerson und Beethoven sind +heilige Geber+ -- --

aber die Frau will sich +an dir+ bereichern!!

Und du, +Arm+-seliger, +verarmst+!

Deines Größenwahnes +heiligen Kern+ heilt sie dir,

gibt dir +zugeschnittene gesunde+ Glückseligkeit dafür!

Im blasenden Sturm +hemmt+ sie dir deinen Lauf,

stellt dir +sorgsam+ den Rockkragen auf!

Vor Abgründen sucht sie dich zu bewahren,

läßt dich in den +Abgrund deiner Alltäglichkeit+ fahren!

Dein Gehirn schützt sie vor +Melancholien+ und +Träumen+,

weiß mit überschüssigen Kräften +aufzuräumen+!

Deine Seele schützt sie vor Wanken und Schwanken,

weiß sie an nahe +Ziele+ festzuranken!

Deinen Körper zwingt sie schäbig, +sich zu erhalten+,

denn sie braucht ihren Alten!!

Wehe dir, der du nicht +geschützt+ bist vor Frauengunst,

und verbrennst in Liebesbrunst!

Unser +vergebliches Sehnen+ ist unser +Kräftespender+!

Unser +erreichtes Ziel+ ist unser +Wegbeender+!

Durch unsere Tränen hängen wir mit +der Welt+ zusammen,

die selbst ewig +um Ideale weint+!

+Doch unser Siegerlächeln+ wird uns verdammen,

denn wir sind +vorzeitig+ geeint!

+Zum Abschluß+ will die Frau uns bringen

und +unser Ringen+!

In friedvolle endgültige Ehe wollen wir einst mit der +Gesamtnatur+

treten,

Ihr aber müßt bereits zu Anna oder Grete beten!

Der +Gott in dir+ duldet keine Göttinnen,

aber schon gar nicht +irdische Hundsföttinnen+!

Bei Emerson-Lesen und Beethoven-Spielen

kannst du unerschöpfliche Kräfte erzielen!

Aber selbst deine +vollkommenste+ Frau

erhebt sich nicht zu Brünhildens Abschiedsworten:

„Zu +neuen+ Taten, +teurer+ Helde,

+wie+ liebt ich dich, +ließ+ ich dich nicht?!?“

Es ist ganz einfach: Deine vollkommenste Dame wird stets eine

Klette, eine infame!

RELIGION

Es +gibt+ kein Vernarben „seelischer Wunden“. Der, bei dem es

+geschieht+, der +hatte+ keine. Es war, mit Respekt zu sagen,

ein oberflächlicher Hautritzer, eine Rißquetschwunde, etwas, was

gefährlicher zu sein scheint als es ist! Es +heilt+! Das ist der

Beweis, daß es nicht +tief+ ging, nicht ins Zentrum der „+heiligen

Unheilbarkeiten+“! Was +heilen+ kann, enthält noch Konzessionen an

das feige Leben; lasse dich nicht täuschen von +solchen+ Wunden, so

schrecklich sie auch aussehen mögen, schon ist die mitleidige Natur

am Werke, alles wieder schön zu reparieren, und dich, +Feigling+, dem

Leben und seinem +tätigen Frohsinn+ wiederzugeben! +Wehe euch+, die

ihr wieder friedlich lächeln könnet, denen Gott in seiner gnädigen

Ungnade nicht den +ewigen Schmerz+ in die Seelen gesenkt hat! Ihr

+entzieht+ euch einer „heiligen Mission“, die euch +auferlegt+ wurde,

um eigenwillig lieber +ein Geschäft+ auf Erden zu effektuieren, das

sich +nicht+ rentieren kann! Von dem Wäschekasten eures verstorbenen

Töchterchens müßt ihr +ewig leben+ können, von den sorgsam mit

seidenem Bande zusammengebundenen Hemdchen, von den Sockerln, von

dem Kleidchen ihres ersten Kinderballes! An eurer Trauer müßt ihr

friedvoll werden! Entziehet euch nicht, falsch und feig beraten, eurem

Schmerze, der euch +verklärt+ und erst zu „Menschen“, zu „Dichtern“

macht, zu „Gott-ähnlichen“ Wesen! Solange du +klagst+, +lebt+ der,

+um den+ du klagst! Denn Gott läßt ihn in deinem wehen Jammerschrei

+wiederauferstehen+! Wenn du aber wieder +lächeln+ kannst und „dem

Leben gerecht werden und seinen Anforderungen“, +dann erst+ ist er tot,

zum zweitenmal gestorben und +für immer+! +Dein Lächeln+ hat dir ihn

getötet!

WERDET EINFACH!

Mittendrin in diesem Weltsturm sitze ich krank in meinem Zimmerchen und

überdenke, überschaue die Sünden, nein, die +Irrtümer+ der Menschheit!

Denn die große Sünde ist -- -- sich +irren+! Sich +nicht irren+ ist

allein +sündelos+! Neid, Eitelkeit, Eifersucht, Eigendünkel, falscher

Ehrgeiz beherrschten die Welt! Ein +Irrtum+ des Lebens!

+Werdet einfach!+

Wenn ihr jetzt, +jetzt+ nicht es erkennt, daß +jeglicher+ Luxus

überflüssig, traurig, lächerlich, schändlich und vom Satan ist, daß die

Welt und ihr unnütz euch groß getan habt mit Überflüssigem, wann, wann

werdet ihr es dann +noch jemals+ erkennen?!

+Werdet einfach!+

Gesundheit, Reinheit des Leibes und der Seele werde euer einziger Luxus!

Und Luxus werde eure +Schande+! Ich habe am „+Lido+“ die +häßlichsten+

Füße und Fußzehen erblickt und die +schönsten+ zartesten Strümpfe und

Schuhe! +Betrügerinnen!+

Ihr seht, der Tand hat euch nicht vorwärts gebracht, ein Welten-Brand

vernichtet gleichsam alle Seidenfetzen und Reiherfedern der Erde, alle

Pelze und Perlenketten!

+Werdet einfach!+

Jetzt, jetzt könnt ihr +mithelfen+, indem ihr den Mann, der +ewig

Wichtigeres+ zu schaffen hat, von nun an und für immer +entlastet+

von unnötigen Ausgaben! Hygiene und Diätetik, diese Sparer und Mehrer

menschlicher Lebensenergien, seien euer Luxus! Auch im +Blechlavoir+

kann man rein werden, mit Schwamm und +billigster+ Kernseife! Eure

Wände seien getüncht, eure Fenster bei Tag und Nacht geöffnet, euer

Lager hart-gesund, eine Art idealer Pritsche, bester Loden und bester

Flanell ersetzen euch die +verbrecherischen Pelze+!

+Werdet einfach!+

Es gibt einen +Genuß+ der Einfachheit! Es gibt einen +Stolz+, es gibt

eine +Ehre+ des einfachen Lebens. Jeder helfe jetzt mit, die Welt

zu +reinigen+ von düsteren, grausamen, heimtückischen, teuflischen

Vorurteilen. Tod dem +Überflüssigen+, es belastet, raubt Kräfte,

schwächt, verhindert und zerstört!

+Werdet einfach!+

LAOTSE; URALTER CHINESISCHER PHILOSOPH

1. Geheime Erleuchtung

Was man zusammenziehen will,

das muß man erst sich richtig ausdehnen lassen.

Was man schwächen will,

das muß man erst richtig stark werden lassen.

Was man beseitigen will,

das muß man erst richtig sich ausleben lassen.

Wo man nehmen will,

da muß man erst richtig geben.

So heißt die geheime Erleuchtung.

Das Weiche siegt über das Harte,

Das Schwache siegt über das Starke.

2. Fernschau

Ohne aus der Tür zu gehen

kann man die Welt erkennen.

Ohne aus dem Fenster zu blicken

kann man des Himmels Sinn erschauen.

Je weiter einer hinaus geht,

desto weniger wird sein Erkennen.

Also auch der Berufene:

Er wandert nicht und kommt doch ans Ziel.

Er sieht sich nicht um und vermag doch zu benennen.

Er handelt nicht und bringt doch zur Vollendung.

3. Überströmendes Leben

Große Vollendung muß wie unzulänglich erscheinen,

so wird sie unendlich in ihrer Wirkung.

Große Fülle muß wie leer erscheinen,

so wird sie unerschöpflich in ihrer Wirkung.

Große Geradheit muß wie krumm erscheinen.

Große Begabung muß wie dumm erscheinen.

Große Beredsamkeit muß wie stumm erscheinen.

Bewegung überwindet die Kälte.

Stille überwindet die Hitze.

Reinheit und Stille ist der Welt Richtmaß.

4. Mäßigung der Begierden

Wenn der Sinn herrscht auf Erden,

so tut man die Rennpferde ab zum Dungführen.

Wenn der Sinn abhanden ist auf Erden,

so werden Kriegsrosse gezüchtet auf dem Anger.

Keine größere Schuld gibt es

als Billigung der Begierden.

Kein größeres Übel gibt es,

als sich nicht lassen genügen.

Kein schlimmeres Unheil gibt es

als die Sucht nach Gewinn.

Denn:

Das Genügen der Genügsamkeit ist dauerndes Genügen.

5. Warnung

Dein Name oder dein Ich:

Was steht dir näher?

Das Ich oder der Besitz:

Was ist mehr?

Gewinnen oder verlieren:

Was ist schlimmer?

Nun aber:

Wer sein Herz an Totes hängt,

verbraucht notwendig Lebendiges.

Wer viel sammelt,

verliert notwendig Wichtiges.

Wer sich genügen lässet,

kommt nicht in Schande.

Wer Einhalt zu tun weiß,

kommt nicht in Gefahr

und kann so ewig dauern.

DIE „TAUBE“

22. September 1914.

Plötzlich knallt ein Gewehrschuß, dann ein zweiter, dann zehn, dann

hundert und hundert. Das Feuer eines Gefechtes erhob sich über Paris.

Woher kam es? Wer weiß, von den Dächern vielleicht. Man sah aber

niemanden. Vielleicht waren oben in den Mansarden Soldaten versteckt.

In der Nähe und in der Ferne vermehrten sich die Gewehrschüsse; auch

schien man ein entlegenes Maschinengewehrgeräusch wahrzunehmen. Dies

alles war großartig und merkwürdig zugleich. Die „Taube“, viel zu hoch,

um getroffen zu werden, verfolgte weiter ihren Kurs, flog nach den

Tuilerien, verschwand hinter den Dächern, kam wieder über die Rue de

la Paix, verschwand wieder. Als das Fahrzeug zurückflog, hörte man auf

einmal das tiefe Geräusch einer Explosion; dann wieder und wieder eine:

der Flieger warf +Bomben+. Ein anmutiges junges Mädchen, „Mannequin“

eines Pariser Modehauses, dreht sich um und wendet sich an eine

Kollegin: „Cochon d’alboche, il fait kaka sur nous!“

ÜBER GERÜCHE

Frauen sind enorm impressionabel, sie nehmen so leicht die Gerüche

ihrer Umgebung an! War sie in der Milchkammer, so riecht sie noch

stundenlang nach Milch, ihre Hände, ihre Haare, ihr ganzer Leib

-- -- --. War sie auf dem Gemüsemarkte, so riecht sie noch stundenlang

nach allen Gemüsen, wie Kräutersuppe -- -- --. Im Garten riecht sie

nach Flieder oder Linde oder überhaupt nach Garten -- -- --. Auf der

Alm nach Kuhweide und Kurzwiese. Das ist ein tragisches Schicksal; denn

immer riecht sie daher auch nach dem letzten Hunde, mit dem sie gerade

beisammen war, nach dem letzten Snob und seiner Pestausdünstung, seinem

Lügegestanke! Nach Dichtern riecht sie nie, denn Dichter halten sich in

respektvoller Entfernung, wahrscheinlich aus künstlerischem Egoismus!

Am meisten riechen sie nach „Frechlingen“, die einem immer allzu nahe

treten! Da nehmen sie denn die Gerüche am allerleichtesten an -- -- --.

Edle Frauen sollten unbedingt immer in der Natur bleiben oder in der

heiligen Einsamkeit ihres eigenen Zimmers. Überall sonst stinkt es!

Auch gute Bücher stinken nie, sie sind das Destillat aus allen

übelriechenden Sünden, die man begangen hat; man hat daraus endlich

einen Tropfen wohlriechender Menschlichkeit gewonnen!

Aber die anderen destillieren nicht!

MODERNE ARCHITEKTEN

Bei der Wohnung eines Pferdes sagt man: Wie gedeiht das Pferd, dieses

+edle+ Tier am besten?!! Bei der Wohnung eines Schweines: Wie +gedeiht+

das Schwein, dieses +nützliche+, am besten?! Bei der Wohnung der

Kuh: Wie gibt sie die fetteste Milch?! Nur beim Menschen fragt man

das alles nicht. Man fragt: Ist es +schön+?! Schön, schön, dieses

+alleridiotischste+ Wort! Nein, +nicht+ idiotisch, denn mit Marmor und

Mahagoni macht ihr eure Geschäfte, zehn Prozent vom Architektenhonorar!

Bei getünchten Wänden und Eiche oder Buche bekommt ihr +nischt+!

Deshalb Pracht, Pracht, am prachtesten! Und die Kundschaft?! Kann

sie nicht Neid, Eifersucht, Verzweiflung erwecken bei denen, die in

„Ställen“ leben?! Na also, san mer zufrieden! Auf Gesundheit wird

gepfiffen! Nur Pflanz!

Hoch Mahagoni!

WERTHERS LEIDEN

Siehe, man wird milde und verständnisvoller!

Habe mit 55 Jahren „Die Leiden des jungen Werther“ wieder gelesen.

Verstehe absolut nicht mehr diese Talmisentimentalität und +reelle

Verlogenheit+ dieser Lotte Kestner gegenüber und ihrem Gatten Herrn

Albert, diesem Biederen, die man einst +verehrte+. Beide +weiden sich

doch gleichsam+ an der mysteriösen Wirkung, die diese +anständige

Gans+ auf das zarte Dichtergemüt dieses +herrlichen+ unglückseligen

Werther ausübt, ja, +beziehen+ davon sogar vielleicht einen Teil ihres

+eigenen Lebensglückes+! „Mir zwa g’hören halt einmal zusammen, etsch!“

Albert müßte als +wirklich+ anständiger Mensch, der ein Philister eben

nie ist, nie sein +kann+, der Lotte sagen: „Mein liebes Kind, dieser

+Edelmensch+ ist +krank+ an dir, erhöre ihn ein +einziges Mal+, und

entlasse ihn dann gnädig, daß er die +Edellast+ seiner armen gequälten

Seele wenigstens weiter ertragen könne durch die +ewige+ Erinnerung

an eine Glückseligkeit, die +ich tausendmal+ habe durch +Schicksals

unverdiente Gnade+!“

Und Lotte ihrerseits müßte es von selbst sagen: „Werther, du bist +an

mir+ krank, und +ich+ sollte, im Gegensatze zu jedem +fremden Arzte+,

der +für nichts+ seine ganze Kunst jedesmal aufbietet, irgendeinen

gleichgültigen Fremden zu heilen, dich +vor mir+ dahinsiechen lassen

und trotzdem +keine Hand rühren+?! Da müßte ich mich ja als eine +feige

Mörderin+ vor mir selbst schämen!“

Aber es geht eben +anders+ aus, und alle Hypokriten sind gerührt. +Ich

nicht!+

+Lotte+ und +Herr Albert+, +euer+ schmales mageres Eheglück wiegt nicht

auf eine +einzige Qualstunde+ Werthers!

Dös merkt’s euch, ihr Herrschaften, die sich +anständig dünken+, weil’s

+ka Herz habts+! Außer für +ihr+ G’schäft, das sie +untereinander+

machen! Aber wirklich +untereinander+!

DU HAST ES SO GEWOLLT

Nun hast du deine Ruhe, süße Frau -- -- --

Nicht stört dich mehr mein Schlachtkalb-Blick --

So hast du es gewollt!

Ich hab’s vernommen! Ich war dir eine Last!

Und Tage werden kommen, Jahre, vielfältigen Schicksals -- -- --

Und einst wirst du in einer müden Stunde in meinen Briefen kramen:

„Er ward sehr krank an mir; ich aber ließ ihn sterben -- -- --.“

Nun hast du deine Ruhe, süße Frau.

Verstummt der bangen Klage störendes Geplärre!

Es spricht dein harter Blick: „Sehen Sie, so sind Sie mir viel lieber!“

+Sahst du den schwarzen Panther in seinem Käfig manchmal mit dem gelben

Blick des Wahnsinns rastlos seine Achter schleichen?! Sahst du ihn?!+

-- -- --

Nun hast du deine Ruhe, süße Frau.

„Wir wollen gute Freunde bleiben, Peter, nicht wahr?! Nicht? Wie?! Was,

was haben Sie?!“

„Nichts -- -- --“ sagte ich und reichte dir die Hand.

PRODROMOS

Ein Riesenhai, 4½ m lang, 700 kg schwer, kam zum Haidoktor und

beklagte sich über furchtbare Schmerzen in der Magengegend. Der

Haidoktor operierte ihn und fand im Magen rechts unten den Stiefel

eines siebenjährigen Kindes und eine Batist-Frauenunterhose. „Habe

ich nicht immer in meinen berühmten Büchern davor gewarnt, angezogene

Menschen zu verspeisen, da Lederstiefel und Wäsche eine Gefahr für den

Verdauungsapparat bilden des zarten Haimagens?! Ich pries euch hundert-

und hundertmal den völlig nackten badenden Menschen an! Aber ihr wollt

nicht lernen!

Der nackte badende Mensch ist leichtverdaulich, hinterläßt keine

‚schädlichen Rückstände‘.“

„Herr Doktor,“ sagte der Riesenhai, „die Begierde hat mich hingerissen!

Als ich die junge Frau und das Kind erblickte, vergaß ich auf die

unverdaulichen Stiefel des Kindes und auf die Unterhose der jungen

Frau!“

„Mein junger temperamentvoller Freund, diesmal habe ich Sie noch

herausgerissen; aber lieber hungern und auf +Leichtverdauliches warten+

als etwas +Schwerverdauliches+ wegen eines +momentanen Lustgefühles

hinunterschlingen+!“

HUMANITAS

Mein Kind, mein Geliebter, meine Schwester, meine Tante, mein Hund!

Aber nie: Meine +Menschheit+! +Meine+ tausend Brüder und Schwestern,

die +unbekannten+, und dennoch +so gut+ bekannten wie die, deren

Familiennamen man +zufällig+ kennt!

„Gibt es ein Wesen, das sich so freut, wenn ich nach Hause komme, wie

mein Hund?!“

Nein, denn er lebt Tag und Nacht von deiner +übertriebenen

lächerlichen+ Zärtlichkeit, +erpreßt+ sie ununterbrochen durch

Wedeln und ängstlich Schauen, macht dich, ein geschickter ungeheurer

schäbiger Hunds-Egoist, zum Sklaven seiner teils sentimentalen, teils

+reellen+ Bedürfnisse! Ein geliebter und verwöhnter Hund ist +stets+

das Sedan, das Waterloo einer Seele, die in dem +ehrlichen+ Krieg, dem

unerbittlichen Krieg des Lebens, zu +schwächlich+, zu +minderwertig+

war, zu siegen! Habe die Kraft, nach Hause zu kommen, müde, erschöpft,

+enttäuscht+ vom Leben, ohne daß dich ein Köter, den du auffütterst mit

Wurst und Zärtlichkeiten, +befriedigt+ und tröstet durch sein feiges

Schweifwedeln! Habe einfach die Kraft, zu leben, zu wirken, +ohne+ auf

die Anerkennung minderwertiger Organisationen zu reflektieren!

SPORT

Wenn ich so Wintersportsleuten, edlen zarten Damen, stundenlang zuhöre,

+schaudert+ es mich!

So wenig, so +kläglich wenig+ stilles idyllisches romantisches Glück am

schönheitsprangenden Frieden der Natur! So viel strenger lächerlicher

Egoismus und schäbige Befriedigung, ob man über eine Fläche, auf

der man drei Stunden lang hinaufstapfte, in fünf +Minuten+ wieder

heruntersauste! Natur als Zirkus, als Manege! Wie wenn jemand sagte:

„Nach Beethovens Neunter krieg ich immer so einen gesunden Appetit zum

Nachtmahl!“ Wie ist es, daß euch schneebedeckte Wiesen, kahle Bäume

und Notschrei der schwarzen Krähe nicht +edel-trübsinnig+ machen und

zugleich +erhoben+ über das lügereiche Leben, das ihr führt trotz

allem?! Es +ist+, weil ihr selbst die tiefe Poesie der Winterlandschaft

in eure schamlos harten Dienste zwängt! +Sich hingeben+ kennt ihr

+nicht+! Sich +verlieren+! Ihr seid +euch+ zu wichtig!

DAS LEBEN

Er schrieb eine Hymne auf die Einfachheit der Kleidung in diesen

Kriegszeiten, es kam sogar eine Stelle vor: „Und teure Pelze seien

eure +Schande+! Loden und Flanell eure +Ehre+!“ Nun kam eine Dame an

seinen Stammtisch mit einem Polarfuchspelze. „Sie sehen, Herr Dichter,

wie wenig Ihr Angriff gegen uns Frauen gewirkt hat!“ sagte sie. „Das

sehe ich nicht, sondern im Gegenteil, es zeigt sich eben etwas sehr

Wichtiges, nämlich: +Luder bleibt Luder!+“ sagte der Dichter, und

entfernte sich hoheitsvoll wie König Heinrich, den der Herr B’suff

Falstaff angerufen hatte: „He, Heinz!“

DAS TESTAMENT

Das Testament Pius X.

„Messaggero“ will von einer vatikanischen Persönlichkeit den Wortlaut

des +Testaments des Papstes+ erfahren haben. Es soll nur wenige Zeilen

enthalten und mit folgender Erklärung schließen:

„+Ich bin in Armut geboren, habe in Armut gelebt und will in Armut

sterben.+

Ich bitte den Heiligen Stuhl, meinen Schwestern monatlich 300 Lire

auszuzahlen.

+Ich will nicht einbalsamiert werden.+“

HELFEN

Wir wollen von den Mitmenschen, von uns selbst, nicht +mehr+,

nicht +Schwierigeres+ verlangen, als dem menschlichen Nervensystem

einmal +leichtfaßlich+ ist! Opfer, ja, aber in der Sphäre der

Opfer+fähigkeit+! Der eine bemitleidet malträtierte Pferde, der andere

Hunde, die zu schwer am Karren zu ziehen haben, der eine hungernde

mißhandelte braune Knaben, der andere hungernde mißhandelte blonde

Mäderln. Ein jeder hat seine Privatseele, sein Privatmitleid, das er

mit dem objektiven Weltenmitleid in einen diplomatischen Zusammenhang

zu bringen sich bemüht! Seien wir nicht radikal, nicht engherzig,

wenn einer für die Freiwillige Kinderschutz- und Rettungsgesellschaft

lieber ein flachsblondes schönes stumpfnasiges Mäderl zu erretten

wünscht von ihren Peinigern als eine Schwarze mit einer häßlichen Nase!

Möge man +private+ Vorliebe mit +allgemeiner+ Menschlichkeit in einen

+natürlichen Akkord+ bringen, und von den Menschen, und sogar von

sich selbst, nichts +Übermenschliches+ verlangen! Als ich 24 K. heute

hinterlegte zur vier Wintermonate langen Ausspeisung eines blonden

stumpfnasigen Mäderls, sagte der Sekretär zu mir: „Glauben S’, die

Schwarzen haben kan Hunger?!“ „O ja,“ erwiderte ich, „da werden sich

halt hoffentlich auch Liebhaber finden!“

LIEBE ZU GEGENSTÄNDEN

Liebe zu Gegenständen, +nicht+ „befriedigte Eitelkeit“ in bezug auf

Schmuck und Wohnungseinrichtung, sondern Liebe, +wirkliche+ Liebe zu

einzelnen Gegenständen, die dem wirklichen Geschmack +entsprechen+,

sollte man Kindern und Frauen, +auch+ Kindern, beibringen! „Diesen

Stock habe ich sehr lieb,“ sagte ich zu Fräulein Mizi, die zu

Besuch bei mir war. „Er hat einen schönen Griff aus Rhinozeroshorn,

braunrötlichgrau, und einen Stab aus hellgelbem Buchs. Ich putze ihn

täglich mit einem Rehlederlappen. Niemand darf ihn mir anrühren.“

„+Mir+ geben Sie ihn auch nicht in die Hand, +mir+?!“

„Bitte, nehmen Sie ihn!“

Sie fuchtelte damit sogleich +absichtlich+ herum, bis in die

gefährliche Nähe der von der Plafondlampe herabhängenden zwei langen

Fliegenleimbändchen.

„Bitte nicht, geben Sie acht, der Fliegenleim geht nicht so leicht

wieder herunter.“

„Hat ihm schon!“ sagte sie triumphierend.

„Das war +unnötig+,“ sagte ich +streng+.

„Tun S’ Ihner nix an mit Ihrem dalkerten Stecken!“ Und schmiß

ihn ins Zimmer hinein. Ich hob ihn auf, putzte ihn ab mit meinem

Rehlederlappen. Da ging sie gekränkt und beleidigt stolz von dannen.

„Wegen so an Stecken, hm! Da bin ich mir doch mehr wert!“

ALMA

(Gustav Mahler gewidmet)

Sie saß in tiefer Trauerkleidung im Goldenen Prunksaale, in dem die

„Kindertotenlieder“ ihres verstorbenen Gatten, an das verstorbene

elfjährige Töchterchen, aufgeführt wurden. Die Sängerin sang schlicht,

die Instrumente murmelten und klagten. Irgend jemand schlich behutsam

herein und setzte sich. Irgend jemand schlich behutsam hinaus. Man

markierte Ergriffenheit. Die Dame in Trauerkleidung saß da und verbarg

ihr Leid vor den Menschen -- -- --. Man markierte „Totenweihe“. Wenn

jemand sich räusperte, sagte man: +Pst!+ Sie dachte vielleicht an die

Ufer des Wörthersees, wo ihr Kind und ihr Gatte im Sonnenlichte sich

gebräunt hatten -- -- --.

Neben ihr saß einer, der wollte ihr so sehr gerne die Last abnehmen

-- -- --. Er war aber ganz hilflos. Er dachte nur: „Wie +hilflos+ sind

wir +Hilfbereiten+!“ Dann bot er ihr Kuglerbonbons an, „Crême de Mokka“

-- -- --. „Ich kann das Stanniolpapier nicht herunternehmen wegen

meiner Handschuhe,“ sagte sie leise. Da wurde er ganz rot, ihr den

Dienst leisten zu dürfen -- -- --. Er tat es so ängstlich behutsam, daß

sie lächeln mußte. Ja, sie lächelte. Das dritte Kindertotenlied weinte:

„Tà dă tà, tà dă tà, tà dă tà dă tà dă tà -- -- --.“

DER „ROTE STADL“, AUSFLUGSORT BEI WIEN

„Liebe, liebe Freundin Lióschka, nun habe ich also Sonntag Ihr kleines

‚Erdenparadies‘ gesehen, den Ausflugsort ‚+Zum Roten Stadl+‘! Für

andere ist es nichts, nichts, ein +Jausenplatz+, wo die reichen

Menschen ihre Automobile, ihre Frühlingstoiletten zeigen, Mädchen ihre

reichen Liebhaber, diese ihre schönen Geliebten! Und der Gugelhupf

ist schlecht, mit wenig Eiern und noch weniger Rosinen angerührt.

Aber für Sie, Lióschka, ist es eine süße Traumwelt, Ihre Märchenwelt.

Alles, alles betrachten Sie da +liebevollst gerührt+, es ist Ihre

Seelenheimat, +mehr+ wünschen Sie sich ja gar nicht vom Leben; da

fühlen Sie sich +frei+ und +glücklich+. Das, wovon +die andern+ leben,

ist für Sie +von keinerlei Interesse+, und für die kahlen Bäume und den

Wiesenbach am ‚Roten Stadl‘, an einsamen Wochentagen, geben Sie den

+ganzen schreienden Prunk+ des Lebens hin! Sie sind eine Dichterin, der

man es +aber leider nicht glaubt+. Das ist +sehr, sehr traurig+. Ihre

Seele ist +unverstanden+ im Getriebe der Welt! Mehr kann man darüber

nicht sagen. Ich empfinde Ihre Traurigkeit! Mehr kann ich darüber nicht

sagen. ‚Roter Stadl‘, für Dich eine Welt! ‚Roter Stadl‘, siehe, +uns+

bist du ein Platz wie ein +anderer+ -- -- --.

Fechsung · 第 11 / 14 段