seine Leiden -- -- -- wie er dalag auf finsterem kaltem nassem
Felde,
mit seiner Schußwunde!
+Weshalb+ tue ich es?!?
Um nicht die +Qual+ zu haben, +ruhig+ zu werden,
obzwar die +schwache+ armselige Seele nach +Beruhigung+ drängt!
Wenn er aus seiner Ohnmacht erwachte,
dachte er an +mich+. Nein, er dachte:
„Wann, +wann+ wird jemand kommen, mich verbinden?!“
Dem +fremden+ Retter harrte er entgegen.
Als +keiner+ kam, da dachte er an +mich+!
O sei gesegnet, Schicksal,
daß ich wenigstens einen +Augenblick lang+ ihm noch +etwas war+!
DER ALTE HAUSIERER
Heute am Graben, in der Septembersonne, sah ich einen alten Hausierer
mit Patentkleiderhaken, die riesig praktisch und billig waren und die
viele Leute gekauft hätten, wenn sie nicht das Mißtrauen gehabt hätten,
betakelt zu werden. Neben ihm saß seine herrliche braune Enkelin von
vierzehn Jahren. +Infolgedessen+ kaufte ich fünf Kleiderhaken à 70
Heller. Die Kleine war glückstrahlend über das Riesengeschäft. „Soll
meine Enkelin sie irgendwohin zu Ihnen bringen, was brauchen Sie selbst
zu gehn und zu schleppen?!“
Ich +zögerte+ einen Augenblick, dann sagte ich: „Nein, danke!“
Auf dem Wege betete ich: „Du braune süße Herrlichste, mögest du +nie+
es glauben, daß mit einem alten Hausierer-Großvater öffentlich zu
stehen eine +Schande+ sei! Mögest du +stets+ es glauben, daß fünf
Kleiderhaken zu 70 Heller ein +glänzendes Geschäft+ sind; und mögest du
nie einem Manne Waren +ins Zimmer bringen+, der dich +so lieb+ hat wie
ich!“
SPAZIERGANG IM HERBST
Ja, meine Herrschaften, er, der Fünfundfünfzigjährige, geht mit einer
Fünfzehnjährigen, Arm in Arm, über den Graben, in hellem Herbstlichte!
Sie hat braune +natürliche+ Locken und kurzes Kleid, schaut aus wie
dreizehn, und als sie ihn zum ersten Male in J., Dorfstraße, aus der
Schule kommend ohne Schuh und ohne Strumpf, erblickte und zu ihm sagte:
„Sie, Herr, bei Ihnen +bleibe+ ich!“, war sie erst zwölf! Neigung,
Verständnis, Anmut richten sich nicht +nach dem Kalender+! Sie hat die
getreueste intelligenteste Pudelseele: Sie ist wie von Barbédienne
in Bronze gegossen. Eine lebendig gewordene Bronzestatuette. Daß
+die+ sich ärgern, die vorzeitig „aus dem Leim“ gegangen sind, und
die +Feiglinge+, die sich genieren, mit geliebten Mädchen über
den Graben zu gehen eingehängt, im Herbstsonnenlichte, +das+ ist
+selbstverständlich+!
EIN SCHWARZ EINGERAHMTES BILD IN MEINEM ZIMMER
Bunte Kriegsbilderbogen, à fünfzig Heller.
Kriegsfreiwilliger Frank †.
Darunter mein Text:
Ein Dichter, der kein +Sozialdemokrat+, ja sogar +Anarchist+ ist
bestehender +Lebenslügen+, +ist+ kein Dichter! Er dichtet, er träumt,
er faselt, aber das +tönend+ gewordene traurige Herz der ganzen
+wartenden+ Menschheit repräsentiert er +nicht+!
Frank hat durch seinen Heldentod der „Partei“, also der +Menschheit+,
+mehr+ Dienst geleistet wie durch sein Leben! Die grausame und träge
Menschheit +braucht+, +verlangt+ krasse historische Beispiele!
VERWUNDETENSPITAL
Gestern nacht, Mitternacht, besuchte ich das Soldatenspital
„Gartenbau“. Im Sommer war dort die Rosenausstellung, Rosen in
allen Farben, umrahmt von weißen Holzgittern. Dreihundert Betten
mit graugrünen Wolldecken, Bett an Bett. Man glaubt nicht, daß es
Schwerverletzte sind. Todesstille, Nachtruhe, Nachtfriede. Die Kunst,
die +Menschlichkeit+ der Ärzte! In einem großen Glaskasten die
+Liebesspenden+, Zigaretten, dieses +andere+ Morphium des verwundeten
Soldaten! Wir schleichen wie in Filzpatschen. Nichts rührt sich. ½7
morgens werden sie geweckt. O, lasset sie schlafen, in den Tag hinein!
Das geht nicht. Frühstück und Waschen. Schade!
DAS BRAUNE SEIDENWEICHE MUTTERMAL
Sie hatte auf ihrem herrlichen weißen Unterarme ein großes braunes,
flaches, mit seidenen Härchen besponnenes Muttermal. Jemand sagte:
„Befürchten Sie nicht, daß es dennoch irgend einmal irgend jemand
+abschrecken+ könnte?!“ „Im Gegenteil, es ist mein +Talisman+, ich
trage +absichtlich+ immer offene kurze Ärmel, damit +der+ abgeschreckt
werde, der sich +dadurch+ abschrecken +läßt+!“
Einer sagte: „Siehst du, und gerade +das+ gefällt mir an dir +am
besten+!“
„Besser als meine wunderbaren Augen?!“
„Viel, viel besser! Denn mit den Augen ziehst du alle Kerls +an+, aber
+damit+ ist doch wenigstens die +Möglichkeit+ vorhanden, daß einige
+abfallen+!“
JAPAN
Ich bin natürlich +gegen+ die Japaner, sie haben mich als +Menschen+
enttäuscht, aber +nicht+ als Klein-Künstler! So ergeht es +nämlich+
auch vielen bei +mir+. Niemand hält eben in seinem +Alltäglichen+,
was er in seinem +Feiertäglichen+ verspricht! Ich besitze in meinem
Zimmerchen eine japanische dreistöckige Etagere aus braunem und gelbem
Bambus.
Sie ist so zart und fein zusammengeflochten wie irgendeine besondere
Pflanze von Natur aus. Ich liebe sie, trotzdem sie von den jetzt
verhaßten und verachteten Japanern herstammt. So sollte man in allen,
+in allen+ Dingen sein! Selbst die Hände und Füße derjenigen noch
+bewundern+ können, die uns mit Herrn B. v. G. betrogen hat! Und +so+
mit +Menschen+, pardon, mit +Männern+, mit Staaten, mit Nationen! Der
Kreuzotter schwarzgraue Schuppenhaut noch bewundern können, während sie
uns tödlich sticht!
Was ich +außerdem+ über diesen Krieg als +Dichter+ zu sagen habe?! Bis
1. Dezember 1914 habe ich in meinen neuen Skizzen +alles+ gesagt. Bin
selbstverständlich weder +Historiker+ noch +Kriegsberichterstatter+,
+Gott sei Dank+!
KRIEG
Auch im Krieg gibt es Menschen, die nur durch „geniale Tricke“ berühmt
werden. Andere wieder durch düstere +stetige+ Lebensweisheit. Die
Hauptsache bleibt: Ein jeder wirke mit +seinen+ ihm zu Gebote stehenden
geistigen Mitteln! Der Weise braucht keine Tricke, und der, der Tricke
hat, braucht keine Weisheit! Es gibt Dinge, die den +Augenblick+
erfordern. Und andere eine +Ewigkeit+! Für beides muß es „Tüchtige“
geben in einem idealen Staate!
GESTÄNDNIS
„Herr Peter, verleitet, verführt durch Ihren ungezogenen Freundeskreis,
der direkt sich darauf etwas +einbildet+, Sie +schlimm behandeln zu
dürfen+, das heißt Ihre universale Gutmütigkeit zu +mißbrauchen+, habe
ich selbst hie und da mir leider einen ironischen frechen Ton erlaubt,
den ich jetzt eigentlich sehr bereue!“
„Sehen Sie, +mich+ haben Sie dabei nie verletzt, gedemütigt! Sondern
+nur+ Ihre junge zarte wunderbare +Gattin+!“
„Wieso +diese+?!“
„Weil ich mir immer und +jedesmal+ habe sagen +müssen+, was muß das
doch eigentlich für eine +demütig-schwächliche+ Sklavin sein, die
ihrem Gatten +nicht einmal+ die +Achtung+ vor einem alten Dichter hat
beibringen können, die +sie selbst+ besitzt!“
AUTOGRAMME
Fräulein P. Sch.! Ihnen danken?! Ja, da müßte man ja auch
ununterbrochen der Sonne danken, daß sie Licht und Wärme spendet! Das
wäre ja zu strapaziös!
*
An Fräulein...: Glauben Sie mir, Sie irren sich, ich kann Ihnen
+wirklich+ gar nichts bieten! Denn das Bieten hängt +nicht+ vom
Reichtum des +Gebers+, sondern vom +Reichtum des Nehmers+ ab!
*
An die junge Frau...: Sagen Sie über mein Buch: „Ja, ich habe es
dringend +gebraucht+!“ Oder: „Nein, ich habe es +nicht+ gebraucht!“
Aber sagen Sie nur nicht: „Wirklich, sehr interessant und apart!“
*
Einem Freunde, der ihn angeblich ganz besonders gut versteht: „Du
gleichst +dem+ Geist, den +du+ begreifst, nicht +mir+!“
*
Lieber Freund, ich bin keine +Krücke+ für die +Lahmen+, ich bin ein
Flügel für die +Gehenden+, daß sie +schweben+ können!
*
Sie fragen mich: „Soll man also seine zärtlich Geliebte eigentlich
+nicht+ liebhaben?!“ O ja, aber immer +noch mehr+ die huschende
Smaragdeidechse, die tirilierende Lerche, den schweigenden Wald!
*
Viele, die mir +folgen+, glauben, daß sie sich einem +Abgrund+ nähern!
+Diese+ sollen nur abstürzen!
*
Zum +Dichten+ gehört vor allem +Gedächtnis+! Man muß nämlich an
alle +schönen+ und alle +häßlichen+, an alle +gemeinen+ und alle
+ungemeinen+, an alle +lächerlichen+ und an alle +tragischen+ Dinge des
Lebens +zugleich+ denken können!
*
+Jede+ Liebe muß die Form einer exzentrischen und hysterischen
Sentimentalität annehmen; sonst steht es doch +gar nicht dafür+, sich
diese +Unbequemlichkeit aufzubürden+!
*
Viele Menschen, mit denen man verkehrt, geben einem noch immerfort, wie
die Lehrer im Gymnasium, Sittennoten, Sittenpunkte. „Das, Herr Peter,
ist +wirklich sehr nett+ von Ihnen! Das wieder ist +roh und gemein+!
Heute sind Sie +in Stimmung+! Heute sind Sie +unausstehlich+!“ Ich
mache daher alle diese +Wohlmeinenden+ aufmerksam, daß wir zwar längst
+nicht mehr+ im Gymnasium uns befinden, daß sie mich aber +trotzdem+
alle nach wie vor -- -- -- --!
*
An Paula Sch.: Die meisten Menschen gehen +nur+ ihre Wege, aber die
Dichter gehen ihre Wege und auch +Ihre+ Wege! Weshalb ich das gerade an
Sie schreibe?! Weil +nur+ Sie das ganz +verstehen+! Soll ich es einer
schreiben, die sagt: „Sehr tief, aber was bedeutet es?!“
*
Ich schenke Ihnen, Fräulein, mein Buch. Es ist nicht +für Sie+
geschrieben, aber +aus Ihnen heraus+!
IDEALER PUMPBRIEF
Lieber Herr ...
ich wende mich an Sie als einen, gleich Ihrem Bruder ..., intelligenten
und +vor allem+ höchst +entwicklungsfähigen+ Menschen! -- Nemo
+nascitur+ Caesar, sed +crescit+! --
+Sie+ werden es daher am +allerbesten+ einsehen, welche +großen+,
in Ziffern gar nicht auszudrückenden, Vorteile für Ihre +innere+
-- und das ist ja das +einzig+ Wichtige im Leben -- Entwicklung --
+Auffassung+, +Erkenntnis+, +Durchdringung+ des +sonst+ ziemlich
komplizierten und +verworrenen+, ja oft +unentwirrbaren+ Daseins --
gerade Ihr Nahverkehr mit +mir+ Ihnen +unwillkürlich+ und +von selbst+
bietet! Ja, ich habe ein +Anrecht+ kraft meiner Persönlichkeit, die
mit ihren +Gedanken+ und +Gefühlen+ nicht +feig zurückhält+ wie viele
andere, mich als einen modernen +Sokrates+, einen „+Jugendbildner+“ zu
betrachten, der peripatetisch -- bei mir +sitzt+ man sogar bequem und
sauft Bier -- den Schülern und Freunden +unwillkürlich+ die Erkenntnis,
die +Weisheit+ des Lebens +zwanglos+ beibringt! Für diese Lektionen
will ich +Ihnen+, einem Lieblingsschüler, und weil schon Ihr jüngerer
Herr Bruder seit Monaten meine Schule frequentiert mit gutem Erfolge
und mir sogar schon infolge meiner Lehren das geliebte Fräulein B.
weggeschnappt hat, für 25 Kronen monatlich, ebenfalls ein kleines
monatliches Fixum von 25 Kronen berechnen. In Anbetracht der riesigen
Vorteile für Ihr ganzes geistig-seelisch-ökonomisch-sexuelles Leben,
also für Ihre Gesamtentwicklung, geradezu ein Schandlohn!
Und bei dem allem, +bedenken+ Sie, bekommen Sie +bei mir+ alles so
+mühelos+! Wie gesagt, bei +Sokrates+ mußte man mit dem alten Esel
+herumgehen+, peripatetisch! Bei mir +sitzen+ Sie, supieren in aller
Ruhe, trinken, rauchen, und, hast Du nicht gesehen, +auf einmal+,
ein +unscheinbarer+ Anlaß, +breche ich los+ und ergieße ein Füllhorn
nie gehörter Weisheiten über die erschreckten aufgestörten und
+indignierten+ Zuhörer aus! Nehmen Sie sich davon +heraus+, was Ihnen
für +Ihre+ geistig-seelisch-sexuelle Entwicklung wertvoll erscheint,
+überhören+ Sie den +Quatsch+, und +zahlen+ Sie +pünktlich+ und mit
+Freuden+ 25 Kronen pro Monat!
Ihr P. A.
KAFFEEKÜCHE
Das braune süße junge Küchenmädchen ging rasch an meinem Zimmer
vorüber. Ich sagte: „Sie sind heute blaß, Katharina!“
„Ja, soll man vielleicht rosig sein bei diesen Zeiten?!“
„Was haben Sie?!“
„Ich habe in der Zeitung heute gelesen, daß mein Geliebter verwundet
ist!“
„Wohin gehen Sie jetzt?!“
„Jetzt gehe ich Kaffee kochen, bis zehn abends. Da muß man doch
wenigstens die ganze Zeit aufpassen, daß er nicht zu schwach und
besonders nicht zu stark wird!“
„Katharina, mit Ihnen zugleich trauern Tausende!“
„Wenn ich nur wüßt, wohin sie ihn angeschossen haben!? Daß er nicht
zuviel leidet. Ich wär schon +damit+ zufrieden, wenn’s in die Arme oder
in die Beine gegangen wäre!“
Sie beginnt zu weinen und sagt: „Fremde Menschen belästigen mit seinen
Sachen! Das +auch noch+! Adieu, Herr Peter! Wie kommen +Sie+ dazu?!
Bitte um Entschuldigung!“
POLITIK
La gloire! La grande nation!
Ganz nett, aber, pardon, die anderen möchten
eben +auch+ existieren, und mindestens +ebenso glorios+ wie ihr!
Es ist schon einmal so +verhängnisvoll ungeschickt+,
daß +ein jeder+ sein Plätzchen an der Sonne
des Lebens sich erwünscht!
Sich +vertragen+, ist immer noch das beste
Lebensgeschäft, das man auf dieser Lebensbörse effektiveren kann!
Ich z. B. denke immer nur an das, was der +andere+ oder vielmehr
+die+ andere von mir brauchen könnte!
Denn was +ich+ von +ihr+ brauchen kann,
darüber muß ich leider nicht erst nachdenken; ich weiß es +zu
genau+!
Also: +do+ ut +des+!
SELBSTKRITIK D. H. ALSO SELBSTLOB
Jetzt will ich mich mal selber gründlich kritisieren, objektiv
betrachten, nachdem so viele gutmütige nachsichtige Kritiker mich
über den grünen Klee belobt und anerkannt haben. Also, +was+ bin ich,
+wer+ bin ich, +wie+ bin ich?! Ich bin ganz einfach der, der von oben
+herunter+ schaut, von unten +hinauf+, und außerdem überall +rundum
herum+! Ich habe nicht die „Vogel-Strauß-Politik“ fast aller anderen,
die nur +das+ sehen, hören, verstehen wollen, was ihnen +paßt+! Mich
stören, verletzen, enttäuschen, kränken eben Unzulänglichkeiten
jeglicher Art nicht +so+ sehr wie andere, denn ich habe dafür für
„Zulänglichkeiten“ ewige Begeisterungsfähigkeit, Anerkennung, ja
+sogar+ Dankbarkeit! Die süße klangreiche Stimme einer Frau kann mich
+fast+ dafür +entschädigen+, daß sie sonst ein +dummes Luder+ ist! Und
so in allem und in jedem.
Ich habe es nicht nötig, +ein+ Auge zuzudrücken, da das +andere+
tiefbegeistert immer offen steht! Ich kann überall schrecklichste
+Mängel+ sehen, weil ich +ebensoviele+ herrliche +Vorzüge+ überall
+zugleich+ erschaue! Besonders die anmutigen zartgegliederten,
beweglichen, edel-hautigen Frauen geben uns Gelegenheiten, sie zu
bewundern, anzubeten, zu verwöhnen, während wir +zugleich+ in unser
„inneres Tagebuch“ und Nachtbuch schreckliche vernichtende Dinge über
sie notieren! Diese „Symphonie“: Erleben! Weshalb versuchen wir es denn
nicht, Beethoven, Bruckner zu beschämen, zu +überflügeln+ durch unsere
Seelensymphonien des +Daseins selbst+, aus erster Hand, nicht erst
tiefsinnig umgesetzt in Klang und Töne!? „Ich habe mit Fräulein X. Y.
+erlebt+: Symphonie C-Moll!“ Auf Musik erst warten, wozu?! Das +Leben+
töne!
Meine Bücher sind ein Sammelsurium von allem Möglichen, +Wichtigen+;
denn nichts ist +unwichtig+ außer das +wirklich+ Unwichtige. Wie zum
Beispiel der Luxus -- und die Vorurteile +jeglicher Art+! +Form+
hat dem Inhalt zu +dienen+! Tiefe Gedichte +ohne+ Reim und Versmaß
sind +noch+ besser als solche +mit+. Denn bei ihnen spürt man das
+Restlose+, während man bei den anderen stets noch meint, +wie tief+
sie erst geworden wären +ohne+ das Prokrustesbett, die „Eiserne
Jungfrau“ von Vers und Reim! +Form+, du größter frechster +Hochstapler+
von +leeren+ Gehirnen, +leeren+ Herzen! Ich hasse dich! Ich +verachte+
dich!
DAS THEATERSTÜCK EINES IM FELDE STEHENDEN DEUTSCHEN OFFIZIERS
Ich bin leider kein „zünftiger Theaterreferent“, ich bin nur,
+trotz+ meines Namens oder vielleicht +wegen+, ein ganz gemeiner
Varietéreferent geblieben, was, wenn es noch so gut ist, nichts gilt
in der +literarischen Welt+! Ich bin kein +Areopag+, was hat zu
entscheiden über die Güte eines Stückes und über die Qualitäten von
den Leistungen von seiten der darstellenden Künstler, inwiefern sie
den Intentionen des Dichters nachzukommen ehrlich angestrebt haben,
inwiefern hinwiederum der Dichter den Intentionen des Referenten
nachgekommen ist, der sich schon infolge seines ernsten Berufes
längst vor der Premiere mit den Qualitäten des Stückes streng und
intensiv befaßt hatte! Ich war infolgedessen bei der Erstaufführung
von Fritz von Unruhs „+Offiziere+“, zugleich mit der jungen schönen
bleichen Frau, in deren Loge ich zu Gaste war, tief begeistert und oft
tränenüberströmt.
„Sie sind doch kein Knabe mehr, Peter!“
„Im allgemeinen nicht, aber hie und da bei wichtigen besonderen
Anlässen!“
Ja, das Stück ist herrlich, die Darsteller Iwald, Pointner, Forster,
Turner, +Fräulein Choste+, vollkommen! Ob dieses moderne Stück nichts
anderes eigentlich sei als das alte Kleistsche: „+Prinz von Homburg+“,
ist mir ganz egal. Das alte ist +fad+, und das neue ist +packend+!
Vielleicht würde ich es +auch+ anders sehen, wenn ich in +angesehener
Stellung+ wäre, aber so, als ganz gewöhnlicher Varietéreferent, bin ich
nur +gerecht+ und +begeistert+!
SPLITTER
Frau E. v. W. sagte zu mir: „Wenn ich, ganz nach Ihren Prinzipien,
stumm, in mich gekehrt, dasitze, werden Sie sich doch, nach Stunden,
mit mir schrecklich langweilen und sich eine fesche Ungezogene
herbeiwünschen, nicht?!“
„Allerdings! Aber es wird dann nur +meine+ Inferiorität beweisen, nicht
die +Ihre+!“
*
„Bin ich Ihnen, mein Herr, nicht doch zu wenig leblos, temperamentlos,
zu fad?!“
„Mir +nicht+, solang ich spüre, daß Sie es den anderen +ebenso+ sind!“
*
„Denk dir, Mietzi, ich hab dem Peter seine Monatsrente entzogen!“
„Hat er sich gegiftet?!“
„Nein. Er hat nur gesagt, er kann vor Sorgen nun nicht mehr so ganz
frei dichten!“
„Gott sei Dank!“
*
„+Schöne+ Frauen sind eigentlich sehr +gutmütig+, sie freuen sich,
daß sie +wegen nichts+ so gefallen! Was sie +ungutmütig+ macht, ist
ja +nur+ das Gefühl, daß man sich +besonders lang+ nicht anschmieren
lassen wird!“
*
+Wirkliche Werte?!+ Lächerlich. Duftet die Rose +dem+, der Schnupfen
hat?! Und dem anderen, der +keinen+ hat, bereitet sie vielleicht nur
+Migräne+!
*
„Ich möchte mit Ihnen etwas +ganz Außergewöhnliches+ erleben, Herr
Franz, ich lasse mir und Ihnen dazu vier Wochen Zeit!“
Für diesen Ausspruch drückte er ihr zärtlichst die Hand.
Da war es +schon+ erlebt!
*
Einer sagte zu mir: „Ich hab eine erst +wirklich gern+, bis ich +sie
ganz gehabt+ hab!“
„Da hat sie Ihnen früher wahrscheinlich +weniger+ gegeben durch ihre
Persönlichkeit!“
„Nein, aber es ist halt doch +etwas ganz anderes+!“
„Ja, etwas +ganz anderes+ ist es allerdings!“
*
Es ist keine große Kunst, überall das +Für+ und +Wider+ einer Sache
herauszustöbern; aber es +nicht+ herauszustöbern ist ein Kretinismus!
*
+Trauer.+
Die Träne, die du trocknest, macht einen geliebten Verstorbenen erst
vertrocknen, der bis dahin unter deinem Naß gediehen ist!
*
Wenn Kürze des Witzes +Seele+ ist, wenn Kürze des Essays +Seele+ ist,
wenn Kürze der Novelle +Seele+ ist, dann, dann -- -- -- bin ich +kurz+!
*
Die +ganz feinen+ Damen sind ebenso brutal-ordinär wie die +ganz
ordinären+ Damen. Nur merkt man es nicht so +ordinär+. +Das+ ist das
+Feine+ an ihnen!
*
Meine Bücher: Eine organische natürliche Verbindung einer inneren
+Biographie+ mit einer inneren +Weltanschauung+!
*
Es ist wie gesagt keine große Kunst, alle Dinge des Lebens von allen
ihren Seiten +zugleich+ betrachten zu können. Aber es +nicht+ zu
+können+ ist eine +Beschränktheit+!
*
Wenn jeder +nur+ das leistete, was er leisten +könnte+!
„Aber er leistet das, was er leisten +möchte+!“
Und das ist viel zuviel zuwenig!
*
+Der Kranke.+
Wir brauchen Schlaf, nur Schlaf, diesen +rücksichtsvollsten+ Bruder
dieses +rücksichtslosesten+ Bruders, Tod!
THEATERKARTEN
Wenn ich jemandem zwei gute Theaterkarten schenke, darf er mir, wenn
auch noch so liebenswürdiger Art, kein Gegengeschenk machen, das dem
realen Wert meiner Karten +entspricht+ oder ihn +übertrifft+! Denn
erstens beraubt er +mich+ der Freude des Schenkens, sich der Freude
ewig innerlich fortvibrierender Dankbarkeit! Wenn er aber doch das
innere Bedürfnis hat, sich zu revanchieren?! Dann schicke er mir seine
schöne junge Geliebte für zwei Stunden ins Haus!
SPLITTER
Inwiefern kann Österreich durch sein Bündnis mit Deutschland künftighin
profitieren?!?
Insofern es lernt, daß z. B. eines seiner +Lieblingslieder+: „Drah’n
mer +auf+, und drah’n mer +um+,
es liegt nichts dran!“
ganz falsch ist, und eben doch sehr viel an allem dran liegt!
*
Diese hündische Anhänglichkeit dieses Herrn B. für Frau L. paßt sich
für einen gscheckerten Foxterrier, aber nicht für einen rotschädlerten
Menschen!
*
Er hatte sich kolossal an sie angewöhnt: die ewigen unnötigen
Mißverständnisse nämlich später wieder aufzuklären und alle klaren
Dinge ewig wieder mißzuverstehen! Man spielt sich herum wie die Katz
mit der Maus! Leider ist man nicht die Katz, sondern die +Maus+!
SKLAVIN
Als ich sie vor Leuten in mein Zimmer schickte, die verlorene goldene
Aufziehschraube meiner geliebten Uhr zu suchen, abends.
Was für ein verfallenes bleiches verzweifeltes haßerfülltes Antlitz du
bekommen hast sogleich, unbewußt, gegen dich selbst vielleicht sogar!
Du hast den Stolz der niedrigen kriechenden Organisationen, die von
der Ehre, dem Stolz des „+Dienens+“, des heiligen „+Dienstbarseins+“
+nichts+ in sich haben, weil ihre Würde nicht +von innen+ vorhanden
ist, ein unzerstörbar ewiges lichtes Gepränge, sondern von außen
verlogen angepickt und angeschminkt an deine eigentlich +würdelose+
Seele!
Der +Freien+ Stolz ist: frei zu +dienen+!
Der +Sklavin+ Stolz ist: +scheinbar+ frei zu sein!
BANNFLUCH
+Hinauf+ kommen wollen, +heraus+, aus den Niederungen, den Sümpfen,
seelisch-geistig, +das+ ist alles! Man muß deshalb nicht gleich
Klosterschwester werden, aber immerhin, wenn auch in dieser heiligen
reinen friedlichen Klosterzelle seiner faden Stube! Der Mann ist der
Schandbube, ist der Mörder der Frauenreinheit! Daß sie selbst aber
die Gefahr, die Erniedrigung nicht sofort +erkennt+, spürt, wittert,
ahnt, riecht, ist ihre +Hurennatur+! Was dir geschieht an Leid, an
Demütigung, o Fraue, und seiest du erst fünfzehn Lenze jung, ist
+deine+ Schuld, und +dein+ Verbrechen! Würde, adeliger Stolz, wirft
jeden Wüstling reuig zu deinen Füßen nieder! +Verführt+ wird +nur+ die,
die zum +geraden+ Wege ohnedies nie taugte! Besser also eine +gute
Hure+ als eine +verlogene Anständige+! Zeige dich wenigstens ehrlich in
deinem Schuppenpanzer, Echse! Hexe!
SPLITTER
So viele schöne Frauen sind ungezogen. Weil man sie nicht erzieht?!
Nein, weil man ihnen einredet, daß es +herzig+ sei!
*
Schöne begehrenswerte Frauen wollen immer es erproben, was man uns noch
alles sagen und antun darf, ohne daß wir beleidigt sind! Beleidigt sind
wir +natürlich sofort+, aber man darf sich’s wegen dem anderen Geschäft
nix merken lassen!
*
„Was haben Sie davon, daß Sie uns so durchschauen, Peter?!“
„Daß ich es dann genau weiß, +darauf+ komme es eben doch +nicht+ an!“
*
Eine Frau, die ganz genau so wäre wie ich, nur ohne -- -- Schnurrbart!
Das wäre es!
*
Ich lese bei S. Jacobsohn: „Der Fleiß und die übrigen sieben
Todtugenden!“
*
+Verkehr mit edlen Frauen.+
Es ist künstlerisch-nobel, seine Perlen unter den Tisch fallen zu
lassen. Aber es muß sich eine finden, die sie zärtlich aufklaubt!
*
Ὅρκος ὀδόντων, der Stachelzaundraht. Gehe +äußerlich+ so +exzentrisch+
gekleidet, daß dich schon im vorhinein jene +meiden+, die dann mit
Entsetzen sonst erst +zu spät+ es merken würden, +wie sehr+ du dich
erst recht innerlich von ihnen, Gott sei Dank, +unterscheidest+!
*
Ich habe viele +Freunde+, aber wenig +Brüder+! Freunde sind +die+, die
+das noch+ verstehen, was sie verstehen +können+ an mir! Aber +Brüder+
sind +die+, die +auch das noch+ an mir verstehen, was sie +nicht mehr+
verstehen können!
GESPRÄCH MIT DER WUNDERSCHÖNEN SIEBZEHNJÄHRIGEN AUS SARAJEWO
„In einer kleinen abgelegenen Stadt, umringt von romantischen
Wildnissen, haben wir viel voraus vor unseren unglückseligen
Mitschwestern in den flachen Großstädten. Wir haben voraus:
+Langweile+, +Nachdenken+, +Melancholie+! Wir bekommen es sehr bald
heraus, daß es nur sehr sehr wenige Männer gebe, die uns befriedigen
können: Mozart, Schubert, Hugo Wolf, Tschechow, Beethoven, Emerson,
Tolstoi, Hamsun, Grieg. Aber den anderen genügen wir nicht. Das heißt
sie bilden es sich momentan ein, daß wir ihr Höchstes seien. Aber da
sie unseres nicht sein können, können wir auch nie +eigentlich+ das
ihre sein! +Nur+ gleich und gleich gesellt sich gern! Wir aber leben
ungesellig, mit unseren Göttern, +unseren+ Männern!“
Ich schwieg, berührte ihr zärtlichst die Hand.
SPLITTER