Der, von dem du es sowieso +genau+ weißt, +fühlst+, daß er +Mitgefühl+

mit deinem +Verluste+ habe, +der+ braucht es dir nicht erst

mitzuteilen! Und dem anderen glaubst du es +ja hoffentlich doch nicht+!

+Schiwe-sitzen+ ist eine schreckliche, infame, feige Verlogenheit! Das

heißt nämlich, in äußerem Leid bei einem +ostentativ+ hocken, der einen

+unersetzlichen+ Verlust erlitten hat! Soll man ihm sagen: „Wir alle

müssen einmal dahingehen!“? Oder: „Du hast die Pflicht zu leben und es

zu überwinden?!“ Lauter dumme Gemeinheiten. Die einzigen angenehmen

Schiwesitzer sind die Erbschleicher. Da weiß man doch wenigstens

genau, worüber sie -- -- -- sich freuen! Eine Dame in Trauer sagte

zu mir: „Ein Freund unseres Hauses ist mir heute auf der Straße scheu

ausgewichen! Ich weiß, er wollte es nicht, daß ich sein bleiches

verstörtes Antlitz sehe!“

FRIEDE

Die sogenannten „Friedensapostel“ vor 1914 waren altjüngferliche

Organisationen mit +Krokodilstränen+ und +blechernen Phrasen+.

Wirklicher Friedensfreund kann nur das +vorausschauende Genie+

sein, das auf unerhört geschickt-diplomatische Weise es unternimmt,

geschäftsgierigen Staaten die Brocken hinzuwerfen, von denen sie

ihre Gier stillen, um dadurch tieferes Unglück zu verhüten! Der Boa

Constrictor spende man ihr Kaninchen, dem Tiger sein Kalb; aber was,

o Mensch, spendest du dem Nashorn, das +ohne Appetit+ dich in bloßer

Bosheit anrennt?! +Dem+ die Explosivkugel!

Aber Friedensapostel werden nichts erreichen!

O ja, die 100000-Kronen-Preise!

VERFOLGUNGSWAHN

Ein junger Offizier ließ sich, in +privater+ Angelegenheit, ein Jahr

vor einem Kriege beim General melden: „Exzellenz, ich lebe in einer

+krankhaften+ Unruhe. Böse Schreckgespenster verfolgen mich bei Tag und

Nacht, was wohl für +heimtückische Fallen+ eine feindliche Macht einem

stellen könnte! Z. B. erwache ich heute aus dem Traum, und es fällt mir

ein, daß Kinoaufnahmen in unseren Gegenden, unter dem Deckmantel von

Schauerromanen, von feindlichen Offizieren ausgeführt werden könnten,

um das Terrain ganz genau photographisch nach Haus zu bringen!“

„Mein lieber netter junger Freund, Sie haben infolge von Schularbeit

+überreizte+ Nerven! Eine leichte Wasserkur dürfte für Sie sehr

angezeigt sein! Da könnte man ja überhaupt nicht mehr existieren, mit

Halluzinationen! Immerhin ganz nett, daß Sie sich Sorgen machen!“

Ein Jahr später waren die Schreckgespenster des jungen Offiziers

Fleisch und Bein geworden!

Da sagte der General zu ihm: „Ich glaube von nun an wirklich an die

+Gespenster der Realität+!“

Später erzählte man ihm, seiner jungen schönen Frau werde von Herrn W.

in gefährlicher Art der Hof gemacht -- -- --.

„+I wo+?!“ sagte er und lächelte.

ÜBER MODE

Ich schlage nochmals in diesen schwierigen Zeiten den Armen und

Enterbten, den Mädchen unter ihnen, die „+venezianische Volkstracht+“

vor. Sie ist das Kleidsamste, Vornehmste, Billigste, schaltet +Neid+,

+Eifersucht+, +Konkurrenz+ mit den Bemittelteren vollkommen aus! +Kein+

Hut, schwarzer Wollschal mit Fransen, schwarzer fußfreier Glockenrock,

schwarze Strümpfe, schwarze Halbschuhe. Kein venezianisches Mädchen

läßt sich mit einem Reichen ein, um eine aparte seidene Bluse, einen

besonderen Hut, schöne Seidenstrümpfe und teure Schuhe zu bekommen! Sie

+könnte+ es nicht einmal tragen, wenn sie es +besäße+, denn sie wäre

schon +äußerlich+ gebrandmarkt und +verfemt+! Eine +Verkaufte+!

Kein venezianisches Volksmädchen sehnt sich nach Geld oder Luxus, denn

siehe, sie +braucht+ es nicht! Ihren lieblichen Schal hat sie, und

Polenta und Pomo d’oro. Daher hat sie ihre stolz-freie, würdevolle,

anmutig-gelassene Art dahinzuschreiten, in dem Bewußtsein, es könne ihr

vom Satan, der doch in eines jeden Brust +lauert+, nichts passieren!

Mode ist das +Vergängliche+. Wir aber wollen endlich +Bleibendes+,

+Definitives+, +Naturgemäßes+! Mögen die Reichen sich für und für

das Grab der +Unzufriedenheit und der Unrast+ graben durch ihre

überflüssigen Dinge +jeglicher+ Art!

Das Reich der Armen +ersetze+ alles durch den Luxus +ostentativer+

und +fast übertriebener+ Einfachheit und Natürlichkeit! Man lehrt

die Knaben und die Mädchen in den Schulen die für sie +völlig

unverständliche+ und +daher+ wertlose Geschichte vom Diogenes in seiner

Tonne, der vom Beherrscher der Welt nichts für sich erbat als: „Geh

mir, Alexander, ein bißchen aus der Sonne!“ Schulen für Erwachsene,

+Irregeleitete und Dummköpfe+, wären wichtiger! Der +richtig+

verwendete Gulden ist gleich zehn Gulden! Der +unrichtig+ verwendete

ist „falsches Geld“, strafbar!

Wann, wann soll der Denker, der Menschenfreund, der Überschauer,

der Durchdringer, die Gelegenheit benützen zu nützen, wenn nicht in

Zeiten, da durch bittere Erlebnisse von Haß, Neid, Mißgunst, Perfidie,

Lüge, Bosheit, falscher Machtgier, alle es doch eher begreifen, daß

die Tugenden +eigentlich+ Vorteile und Gewinn schließlich sind und

sich in sich belohnen und verzinsen durch ihre Vermeidung +künftiger

unausbleiblicher+ Katastrophen!?!

Jeder kultivierte, das heißt eigentlich schon halb irrsinnige Mensch

hat einen +Schigán+, eine fixe Idee, von der er nicht +abkommen+ kann,

die ihn +beherrscht+ und sogar +martert+. Es handelt sich jetzt darum,

ob dieser Schigán, diese partielle Gehirnerkrankung, den +anderen+

nützt oder +schadet+! Das Auerlicht à tout prix erfinden wollen hat

allen +genützt+. Die schönste Briefmarkensammlung der Erde, die

schönste Uniformsammlung zusammenzugeizen, nützt +niemandem+! Und

+schadet+ dem Betreffenden in seiner intellektuellen und seelischen

Entwicklung!

Man wird ein Monomane, ein Trottel!

+Mein+ Schigán, meine partielle Gehirnerkrankung, ist jetzt: Die

+einfache Volkstracht+, die Neid, Gefallsucht, Eifersucht, Leichtsinn

+unterbindet+, ja +unmöglich+ macht! Nur „fixe Ideen“ haben die Welt

momentan und ruckweise vorwärtsgebracht. Es handelt sich nur +darum+,

ob sie +richtig+ oder +falsch+ sind! Meine ist zufällig +richtig+! Und

jetzt noch einen kleinen Exkurs ins sogenannte Allgemeine:

Der Deutsche und der Österreicher haben eine +wichtigste+ Sache vor

den anderen +voraus+: Sie +schauen+, was bei den anderen +gut+ oder

+schlecht+ ist! Daher können sie +ewig lernen+ und intellektuell

vorwärtskommen, das heißt also, richtig und korrekt +profitieren+ von

+anderen+! Die anderen sind +eingesperrt+ in Vorurteil, Eigenliebe,

Größenwahn, ein schreckliches sibirisches Gefängnis des Geistes und der

Erkenntniskraft! „Mein Herr!“ sagte einmal jemand zu mir, „Sie scheinen

mir zwar ziemlich verrückt und exzentrisch, aber +das+, was an Ihnen

+gut+ ist, kann ich dennoch profitieren! Sehen Sie, deshalb verkehre

ich +trotz allem+ noch immer mit Ihnen!“

ALMOSEN

Das Leben ist ziemlich kurz im ganzen. Und das, was sich einer

unentrinnbar +ersehnt+ von einer -- -- -- weshalb +verweigert+ sie es

ihm?!? Ich gebe zu, sie habe kein besonderes +Vergnügen+ davon -- -- --

aber man hat auch kein besonderes Vergnügen davon, einem frierenden

Bettlerkinde Geld zu schenken! Man muß in die Tasche greifen, das

Portemonnaie öffnen und etwas suchen, was noch keine Krone ist, sondern

höchstens zwanzig Heller! Und +dennoch+ tut man es hie und da. Aus

Schamgefühl +vor sich selbst+!

Aber die Frauen, die wir +liebhaben+, haben eben +kein+ Schamgefühl!

SPLITTER

Aus Mangel an Gesprächsstoff begeht man die gemeinsten Taktlosigkeiten

und Indiskretionen.

*

Es gibt Männer, die eine so blöd perfide Idee von „Freiheit“ haben, daß

sie eine Frau direkt auf „Hur“ studieren lassen!

*

Eine Frau ist immer +zu alt+, und nie nie +zu jung+! Das Gesetz

schreibt uns vor: von vierzehn an! Aber das Gesetz ist nicht von

+Künstlern+ entworfen. +Unser+ Geschmack sagt: In +jedem+ Alter,

wenn du nur sehr +schön+ bist! Freilich heißt es da wie in der Bibel:

„Er hatte ein +Auge+ auf sie geworfen!“ Aber wirklich nur das +Auge+,

dieses +ideale+ Lustorgan!

*

„Peterl, wir freun uns schon so, was Sie über den ‚Lido‘ wieder Nettes

z’sammschreib’n werden, in Ihrer Fasson!?“

„Ich werde schreiben, daß ich zuwenig schöne Füß und zu viele ‚Büsen‘

gesehen habe!“

*

Wenn man +nur das+ sagen würde, was zu +sagen ist+, würde man wortlos

hie und da eine Hand, ein Knie zärtlichst berühren!

*

Es gibt wenig Frauen, denen man einen schlechten Busen verzeiht!

Aber solche, denen man +sogar das+ noch verzeiht, die hat man auch

+wirklich+ lieb! Infolgedessen verzeiht man +keiner+ einen schlechten

Busen! Es gibt Menschen, die +genügsam+ sind, aber das sind keine

+Menschen+! Das sind: +Genügsame+!

ROMANTIK DER NAMEN! U 9

Die drei englischen Panzerkreuzer „Aboukir“, „Hogue“, „Crecy“ werden

nordwestlich von Hoek van Holland von „U 9“ vernichtet, sechs Uhr

morgens.

Die Besatzung des deutschen Unterseebootes „U 9“:

Kapitänleutnant Otto +Weddigen+, Kommandant.

Oberleutnant zur See +Spieß+.

Marineingenieur +Schön+.

Obersteuermann +Träbert+.

Obermaschinist +Heinemann+.

Bootsmannmaate: +Hoer+ und +Schoppe+.

Matrosen: +Geist+, +Rosenmann+, +Hempter+, +Schulz+.

Obermaschinistenmaate: +Marlow+, +Stellmacher+, +Hinrich+.

Maschinistenmaate: +März+, +Reichhardt+.

Obermaschinistenanwärter: +Wollenberg+, +v. Koslowski+.

Oberheizer: +Eisenblätter+, +Schückhe+.

Heizer: +Karbe+, +Schober+, +Lies+, +Köster+, +Vollstellt+ und

+Sievers+.

Ein neues Wort in der +Geschichte+: Termopylae, Waterloo, Sedan,

U 9!

EIN SCHICKSAL

„Habe also alles, alles getan, was Ihre Edelromantik, Ihre scheinbar

schwärmerische Seele von mir +verlangte+, erwünschte, erhoffte,

ersehnte! Max!

Der Lohn ist Ihr letzter kurzer kalter Absagebrief, Ihr frecher

Diebstahl an meinem reichen Herzen!

Erinnere mich dabei nur an die Anekdote von dem Reiter und dem Bettler.

Ein Reiter ritt frohgemut durch die Wüste. Da bat ihn ein Bettler um

Hilfe. ‚In der Wüste des Lebens eine +menschliche+ Betätigung!‘, dachte

der Reiter, stieg ab, um zu helfen. Da schwang sich der Bettler aufs

Pferd, galoppierte davon. Der Reiter rief ihm nach: ‚Das Pferd ist

+dein+! Aber sollte +je wieder+ ein Bettler Hilfe erflehen, ich lasse

ihn verdursten, verkommen!‘

Da wandte der Dieb das Pferd um und brachte es zurück!

Ihre

C. B.“

DIE LIEBE

Mitzi Th. gewidmet

Weißt du, was lieben ist?!?

Wenn man vor innerer Zärtlichkeit vergeht -- --;

wenn man ein Späher, Lauscher wird nach dem, was sie sich flüchtig,

launisch nur, ersehnt im Übermute ihrer Kindlichkeiten -- -- --;

wenn man sie krank wünscht, um die Sorgfalt der Minute zu

verhundertfachen -- -- --;

wenn man den Atem eintrinkt, der bei ihrem Sprechen unwillkürlich

dich berührt -- -- --;

wenn man bereit ist, stets zu weinen, wie ein gekränktes Kindchen,

wegen nichts -- -- --;

ein Herzgefäß, das überquillt von süßen Leiden; die Zärtlichkeit

tropft aus, tropft über -- -- --;

wenn der Geruch von ihrem Wäschekasten dich belebt, wie andre noch

nicht einmal Semmering-Wälder -- -- --

und wenn du ihr gebrauchtes feuchtes Handtuch inbrünstig an die

Lippen drückst -- -- --;

wenn du die Haarnadel aus ihrem Haar sorgfältigst aufbewahrst und

deren Duft verspürst, der nicht mehr ist -- -- --;

wenn dich ihr Blick erschüttert wie Musik -- -- --;

wenn du dich als Selbstlosen, los vom Selbst, jetzt erst ganz

lebendig fühlst -- -- --

Dann liebst du!

Früher nicht!

Sei sparsam mit dem Wort „Ich liebe dich“, und achte es, wie nichts

auf Erden!

SPLITTER

Als ich einmal über die Verpflichtung angebeteter Frauen, schöne Füße

und wohlgepflegte Fußzehen zu haben, perorierte, unterbrach mich ein

Herr: „Mein lieber Freund, in der Nacht sind alle Katzen grau!“

*

Mysteriös, angenehm-schrecklich ist der Augenblick, wo die

Verzweiflung, die Spannung plötzlich +aufhört+, eine geliebte Hand

+nicht+ berühren zu dürfen!

*

Ich hatte eine riesig gescheite tiefe Freundin, die in +meiner+

Gesellschaft +nie+ sprechen durfte, wollte, konnte! Später heiratete

sie und führte das große Wort und wurde akklamiert. Dann schrieb sie

mir: „Wo sind aber die heiligen Zeiten, da ich noch +schweigend+, in

mich versunken, von Dir dennoch +innerlich+ akklamiert wurde!?!“

*

Ich hatte in meiner Kindheit eine Menge Lieblingsmärchen, die mich

anzogen und anzogen, bannten, tief ergriffen: Die Sieben-Eichen-Wiese

beim Talhof in Reichenau, die Buchenwildnis, die Königskerzenwiese,

die Apollofalterwiese, der Ahornhain, die Brombeerstaudenwirrnis, die

Bodenwiese, das Höllental, der Kaiserbrunnen, das Naßfeld -- -- --.

Aber die Märchen aus den Büchern waren mir +viel zu wenig märchenhaft+!

*

Sehr viele Männer sind sehr intelligent, sehr nett, und machen

+dennoch+ ewig nur den +Eindruck+ von Commisvoyageurs! Andere sind

wieder +weder+ sehr intelligent +noch+ sehr nett und machen dennoch

den Eindruck von +Höchstzivilisierten+! +Woran+ liegt das?! Das kann

ich euch +ganz genau+ sagen: Die ersteren sind eben +im Grunde ihrer

Seele+ doch Commisvoyageurs, die anderen im +Grunde ihrer Seele+ doch

Aristokraten!

*

Frauen bemühen sich länger und geschickter als Männer, es einem zu

verbergen, daß sie „+ein großer Mist+“ sind! Jedenfalls haben sie ein

größeres Interesse an dieser Sache!

*

Über die +Phrase+: „Sie sehen wirklich so jung und guterhalten aus!“

+Die letzte Unterredung mit König Umberto.+ Aus +Rom+ wird uns

geschrieben: Am 23. September ist in Monza der frühere langjährige

radikale Abgeordnete +Oreste Pennati+ gestorben, der sein Vaterland von

1894 bis 1909 im Parlament vertreten hat. Pennati hat eine unerwartete

Berühmtheit in Italien dadurch erlangt, daß er am tragischen Abend

des 29. Juli 1900 der letzte Mensch war, mit dem König Umberto

gesprochen hat. Er hatte den König als Abgeordneter für Monza auf dem

Turnfestplatz empfangen und geleitete ihn nach dem Turnfest nach seinem

Wagen. In heiterem Geplauder mit dem Abgeordneten schritt der König

dahin, und an dem Wagen angelangt, sagte er auf ein Kompliment Pennatis

über seine vortreffliche Gesundheit: „Ja, lieber Pennati, so jung wie

die Turner da drinnen sind wir beide allerdings nicht mehr.“ Dabei wies

der König lächelnd auf seinen schneeweißen Bart, schüttelte Pennati

die Hand und schwang sich auf das Trittbrett der Equipage. In diesem

Augenblick fiel der tödliche Schuß.

*

Wenn man im dichtgedrängten Varieté +so+ dasitzt, daß man immer

bedenkt, dem +anderen+ die Aussicht nicht zu verkürzen, ist man ein

+Adeliger+! Im anderen Fall ein +Schurke+!

*

„Stört Sie mein Zigarettenrauch?!“ sagen die Herren

+devot-kriecherisch+ zu den Damen. Den Herren neben ihnen sagen sie das

nie, außer denen, die sie anpumpen wollen!

*

Man möchte Frauen +viel lieber+ Blumen schenken, wenn man es nicht

wüßte, daß sie es erwarten!

DE AMICITIA

+Freund+ ist einer, der es sich erlaubt, taktlose, infernale, rohe

Bemerkungen und Fragen zu stellen, einen zu demütigen, zu blamieren,

lächerlich zu machen, in den Augen der anderen herabzusetzen und, falls

man sich darüber beklagt, zu sagen: „Ich bin doch dein Freund!“

+Distanz einhalten+ ist die Kultur, der Takt, die Musik des Herzens.

Aber wieviel Unmusikalische gibt es?! Es gibt genug notwendige

Verletzungen in dieser Schlacht „Leben“, aber die unnötigen erst sind

+Verbrechen+! Heimtückischer feiger Meuchelmord an unschuldigen Nerven!

Kindern wird das Blut zu Wasser, wenn Möbel krachen. Zarten Erwachsenen

ebenso bei taktlosen Bemerkungen. Man erschrickt, wird hilflos wie

ein Kind! Wehe euch, die ihr unsere Seelen, die an der Not der ganzen

Menschheit traurig zu tragen haben, eines Scherzes wegen demütigt und

belastet! In die +Arena+ der blutig Übermütigen werden wir von euch

getrieben, und je mehr spitze Lanzen in unserer Seele zitternd stecken,

desto befriedigter, vergnügter seid ihr! Die scherzhafte „ironische

Note“ ist der feige Schutz der eigenen Armseligkeiten gegen den, der

schweigend-ernst +im Lichte seines Geistes, seiner Seele+ dasitzt!

KRIEGSHYMNEN

Kriegshymnen san net schlecht. Gar net schlecht!

So Worttrompeten, Wortetrommeln, Wortgeratter: Auf in den Kampf,

auf in den Tod! Zum Siege!

Doch +schmerzlicher+ dient man dem Vaterlande

mit einem Leberschuß, einem Schuß in die Niere, in die Nabelgegend!

Man muß es dann nämlich +tragen+, +Jahre+

lang, auch wenn die Kriegsbegeisterung +vorbei+ ist,

und +Nüchternheiten+ einziehn in die Seelen!

+Nüchtern+ berauscht sein, das war ewig

die Devise +meines+ Herzens! Künstlertum im +Leben+!

Nicht +berauscht+ berauscht, und nicht nüchtern +nüchtern+!

Sondern +nüchtern+ berauscht! +Begeisterung+ in heiligen

+Friedenszeiten+!

Der Krieg begeistert jeden schon +von selbst+!

Was braucht man da noch Trommeln und Trompeten?!?

Jedoch im heiligen Frieden wird wieder alles +schlapp+ und +müde+,

und trottet fort in +schäbigem+ Geleise!

In +Friedenszeiten+, Dichter, Philosophen,

rufet die Menschen +wach+ und +auf+

zu Lügelosigkeit, Einfachheit, Askese und

vornehmer Gesinnung +durch+ und +durch+!

Auf daß ein nächster Krieg +unmöglich+

werde und sein +Schreckenslärm+,

und ebenso +Kriegshymnen-Blech+!

REALE ROMANTIK 1914

Der Polizeihund und Kriegshund „+Zerr+“, der sich schon in vielen

wichtigen und schwierigen Dingen bisher ausgezeichnet hatte, wurde von

seinem Besitzer dem Kriegsministerium zur Verfügung gestellt und ist

mit seinem Pfleger, Herrn T. Wagner, gestern zu seinem Regimente in K.

eingerückt. Sein „Herrl“, Dr. v. B., nahm auf dem Perron des Bahnhofes

unmittelbar vor Abgang des Zuges seinen Kopf zwischen beide Hände,

blickte ihm streng-gerührt in die Augen und sagte: „+Zerr! Brav sein!

Mir zuliebe! Verstanden?!+“

Und der Hund schien verstanden zu haben, denn er kroch ruhig in den

Waggon hinein, ohne vom „Herrl“ mehr umständlich rührenden Abschied zu

nehmen.

ÜBER DIE ANSTÄNDIGKEIT

Das mit der Anständigkeit ist auch so eine Sache! Es haben nämlich

+beide+ Teile anständig zu sein, in +gleicher+ Art und Weise. Sonst

kommt einer der Teile zu kurz dabei. Und +das+ ist unanständig. Weil

es +schwächt+! Alles, was +schwächt+, ist +unanständig+, sowohl von

seiten desjenigen, der schwächt, als auch +ganz besonders+ von seiten

desjenigen, der sich schwächen +läßt+! Denn das ist dumm, inferior, und

daher +ebenfalls+ unanständig! Ich habe +nur+ anständig zu sein dem

+wirklich+ Anständigen gegenüber! Sonst ist +Kriegszeit der Seele+!

Man muß Buch führen über alle Anständigkeiten und alle

Unanständigkeiten seiner Nebenmenschen, sowohl Völker, Staaten, als

auch einzelne, sogar sogenannte Liebespaare, eine gerecht reinliche

wahrhaftige Buchführung! Um nicht in seelischen oder anderen Bankrott

zu geraten und Konkurs ansagen zu müssen seiner für den Kampf ums

Dasein notwendigen +Lebensenergien+! Ich kannte einen Mann, der zwei

Jahre lang „Buch“ führte über alle Gemeinheiten, vor allem +unnötigen+

Grausamkeiten seiner süßen Geliebten. Eines Abends las er ihr ruhig und

gemessen eine Stunde lang das ganze Register vor, und schmiß sie hinaus!

Sie sagte weinend: „Hätt’st mir dös früher g’sagt, hätt’st es nicht

anwachsen lassen!“

„Ich?! Nein, +du+!“

PHILOSOPHIE

Wie kann man +noch+ lieben, wenn man +nicht mehr+ liebt?! +Wie+

macht man das in seiner Seele aus?!

Da mußt du den +Philister+ fragen! Der +kann es+!

Seine +gestorbene Seele+ wird ersetzt durch die +lebendige

Verpflichtung+!

Es ist ein Kunststück, eine Zauberei, ein +Über-+, ein

+Widernatürliches+, jedoch +er+ bringt’s zustande!

Freilich, frage mich nicht, wie es dann in der verschanzten Festung

seiner Seele ausschaut!

Sie ist zerschossen, kein Stein mehr auf dem Stein, ein +Chaos+!

Er hat +kapituliert+, dem +Feinde+ sich ergeben „Verlogenheit“,

ohne es zu wissen!

Er glaubt, er habe seine +Pflicht+ getan!

+Wahrhaftigkeit+ jedoch besiegt +unerbittlich+ im Lauf der Zeit jede

noch so gut verschanzte Festung „+Lebenslüge+“! Sie +muß+

kapitulieren!

BEIM MORGENKAFFEE

Ein fremder Advokat, durch die Kriegszeiten vertrieben aus L., sprach

mich beim Morgenkaffee in meinem Graben-Hotel an: „Pardon, kennen

Sie unseren Dichter Sienkiewicz?! Der hat eine Skizze geschrieben:

‚Das Urteil des Zeus‘. Die hätte ich Ihnen, Herr Peter, gegönnt, daß

sie +Ihnen+ eingefallen wäre! Apollo wettet mit Merkur, er könne die

‚+schönste+ Frau der Welt‘ +verführen+. Merkur zeigt ihm eine ganz

junge Schlossermeistergattin, die gerade zum Brunnen geht, Schürzen

auswaschen. Apollo naht sich ihr in verschiedenen Gestalten, als

Athlet, als Künstler, als Elegant, als Bankdirektor. +Vergeblich+! Da

fragt Apollo Zeus und vermutet, Merkur habe eine Hinterlist angewendet

bei der Wette. Sonst wäre es ganz unmöglich. ‚Ganz richtig,‘ erwiderte

Zeus, ‚Merkur hat dir nämlich zwar gesagt, sie sei die +schönste+ Frau

der Welt, hat es dir aber verschwiegen, daß sie auch die +dümmste+

sei‘!“

SPLITTER

Wollen Sie Liebe?! Nein, +Verständnis+!

Wollen Sie Freundschaft?! Nein, +Gerechtigkeit+!

Weshalb?! Weshalb +nur+ das?!

Weil ich mich +rühme+, daß aus +Verständnis+ und +Gerechtigkeit+ von

selbst Liebe und Freundschaft +allmählich+ erblühen werden!

* * * * *

Hungern, hungern, wenn man weiß, man wird +dann+ fein zu essen

bekommen, ein +Glück+! Essen, essen, wenn man ausgehungert ist, ein

Glück, ein Glück! Aber gegessen +haben+, +satt+ sein, ein +Unglück+!

In +dieser+ Situation befinden sich alle Glücklichen! Daher sind sie

+unglücklich+!

* * * * *

Die Leute, die Geld haben, rechnen mir nach, daß ich, ohne Geld,

dennoch +glücklicher+ lebe als sie! Das ist unrichtig; aber +mit+ ihrem

Gelde würde ich allerdings +glücklicher+ leben!

* * * * *

Wie kann man sich an Austern je +satt+ essen?! Nach +einem+ Dutzend

hört man eben auf, um sich +weiter+ nach einem zweiten Dutzend +sehnen+

zu dürfen!

* * * * *

Vom Weib befreit, wirst du ein +Held+!

Vom Weib befreit, wirst du ein +Weiser+!

Vom Weib befreit, wirst du ein +Herr+!

* * * * *

Die +Mode+ -- -- -- das heißt für den +anständigen ehrlichen+ Denker:

+Hygiene!+ Seid +splitternackt+ unter euren Röcken! Seidene Socken,

keine Höschen! Dem Wind, der Feuchtigkeit, Hitze und Kälte ausgesetzt!

+Staub+ kann man wegwaschen, nicht aber die +Verweichlichung+!

* * * * *

Mir sagte jemand: „Reden Sie mir nicht ab von meinen gefährlichen

Kletterturen! Wenn ich +das+ nicht mach, so mach ich arme

unglückliche Mädchen -- -- -- unglücklich! Irgend etwas Aufregendes,

Himmelsakrament, muß geschehen!“ „A la bonheur!“ sagte ich, „da

+derstessen+ S’ Ihnen lieber!“

* * * * *

Man tut den Ärzten unrecht. Sie hätten doch einfach nichts zu

verkünden als: „Wir können nur +darüber+ wachen, daß der Kranke seine

‚Naturheilkraft‘ nicht +verhindere+!“ Aber da sie das eben +nicht+

verkünden, tut man ihnen +nicht+ unrecht!

* * * * *

Goethe lehrt uns „+Goetheisch+“ zu werden, das heißt +rundum+ zu

blicken, +alles+ zu erleben, zu erleiden, zu genießen und +noch dazu+

es philosophisch zu +verdauen+ vermittels seiner Gehirnkräfte! Die

anderen aber lehren uns: „Sixt es, +so+ sind +wir+!“ Eine Sache, die

uns leider meistens +gar nicht+ interessiert!

* * * * *

An eine wunderschöne Fünfzehnjährige:

Fechsung · 第 10 / 14 段