Wollen Sie +alle+ Fäden in der Hand haben, um Menschen wie Marionetten

zu dirigieren?!? Nehmen Sie doch +nur+ die +drei+ Fäden: +Eitelkeit+,

Geldgier, Sexualität! Schon +danach+ tanzen sie ganz korrekt. Nehmen

Sie aber +noch dazu+ die +drei+ anderen Fäden: Neid, Eifersucht und

Stupidität, so haben Sie ein ganz nett ausgeführtes Marionettenspiel!

Wenn Sie z. B. der Dame Ihres Herzens, sagen wir nämlich +Herzens+,

sagen: „Artur gefällt Ihnen also ernstlich?! Er hat gesagt, Sie hätten

keine aristokratischen Fingernägel!“, so lassen Sie schon die öde Puppe

ganz nett tanzen! Oder zu einem Herrn: „Marie sagte, im Schwimmkostüme

auf dem Bild enttäuschten Sie! +Sonst+ wären Sie ein ganz netter

Mensch!“

*

Man muß sich „nach der Decke strecken!“ Ja, aber nach der leichten,

wärmenden, schützenden!

*

Wenn eine Frau häßlich ist und es +spürt+, wird sie entweder eine

+Viper+ oder eine +Heilige+!

Wenn eine Frau schön ist und es +spürt+, wird sie entweder eine

+Hetäre+ oder -- -- -- eine +reiche Hausfrau+!

Nun werdet ihr mir sagen: „Aber, Herr Altenberg, es gibt doch auch noch

+andere+ Menschen!“

Ja, im verklärten Lichte eures +Idiotismus+, nicht in dem düsteren

Scheine unserer +Weisheit+!

*

Wenn eine schöne Frau „aus dem Leim gegangen ist“, so ist in ihr +eine

ewige Trauer+. Aber das sieht nur der Dichter. Weil er selbst in ewiger

Trauer ist über die Unzulänglichkeiten der Welt.

*

Wenn man sich +nicht+ umbringt, so lebt man weiter. Aber +lebt+ man

wirklich weiter?!

*

+Verlogenstes+ Wort: „Ich hab ihn +sehr gern+, aber er geht mir auf die

Nerven!“

*

+Ideale+: Ich trage ihm +ebenso gern+ das Nachtgeschirr hinaus als ich

ihm den Tee serviere!

*

„Sagen Sie aufrichtig, Herr Peter, ist Ihnen ein Stück Emmenthaler wie

Sie sagen ‚mit tränenfeuchten großen Augen‘, nicht doch lieber auf

einer silbernen Schüssel kredenzt mit silbernem Messer?!“

„Nein, auf einer lasierten Bauern-Tonschüssel und mit den Händen!“

*

„Haben Sie also gar keinen Sinn für Raffinement?!“

„Ja, für das Raffinement idealer Finger, idealer Fußzehen,

geraden Rückens, gewölbtesten Brustkorbes, federnden Ganges, der

Eidechsenanmut, reinsten Teints, süßesten Atems und für das Raffinement

leicht weinender Seele!“

*

Keine Frau hat doch eine Ahnung, +was+ ein Dichter ist, einer, der

um alle Gemeinheiten und Ungerechtigkeiten der Welt sich abhärmt

und daran krank wird! Für sie ist ein Dichter einer, was +für sie+

schwärmt! Nebbich! +Kann+ man denn ernstlich für sie schwärmen, wenn

sie nicht +mindestens+ so zart, so nobel, so feinfühlig ist wie +eine+

Dichterseele?!

*

+Einsicht+ nehmen, in die Dinge des Lebens, Vorbereitungsklasse,

sogenannte Taferlklasse, Abc-Taferlklasse des Lebens!

+Voraussicht+: +Reife+ des Lebens! Abiturium!

+Einsicht+ ist: Der Tag und die flüchtige vergängliche Stunde!

+Voraussicht+: Die Ewigkeit! Die ewige +Entwicklung+!

*

„Ehret die Frauen! Sie flechten und weben -- --.“

Aber +nur+ die, die wirklich flechten und weben!

*

Was du an deinem Hunde an Zärtlichkeit +vergeudest+, +entziehst+ du den

Menschen. So groß, meine Liebe, ist dein Zärtlichkeitskapital +ja doch

nicht+, daß du es +nach allen Seiten+ hin spenden könntest!

*

Meine +Gedanken+ sind +gut+! Gebt +ihr+ die guten +Taten+ dazu! Damit

das +Ganze+ einen Sinn habe!

*

Nachdem Dr. Egon Friedell das tiefste Buch geschrieben hatte, über

das +moderne Werden+, über mich, hat er mich prompt +verleugnet+!

Weil die +anderen+ das Buch nicht +verstanden+ haben, absichtlich

nicht verstehen +wollten+! Nicht ein jeder ist eben zum +Märtyrer

seiner+ höheren +Erkenntnisse+ geboren! Es muß auch -- -- -- +gute+

Schriftsteller +schlechtweg+ geben!

*

Man kann nur +gute Geschäfte+ machen wollen, nicht schlechte! Auch

„+schenken+“ muß ein recht günstiges Geschäftchen sein, das man im

stillen mit seiner eigenen Seele effektuiert! Ein nettes Profitchen an

+innerer+ Befriedigung muß dabei herausschauen!

*

Auf dem Antlitz eines jeden steht es genau eingeschrieben und deutlich

abzulesen, ob er einem eine besonders feine Zigarette mit Freuden oder

mit Leid anbietet!

*

Dichter sein ist, ein besseres +Gedächtnis+ haben für Eindrücke, für

schlechte und gute! Das rumort dann in einem und will irgendwie heraus!

Einem Dichter kommt es zufällig bei der Seele heraus!

*

Jeder Mensch will sich ununterbrochen über irgend etwas

+hinwegtäuschen+. Dazu sollen ihm +die anderen+ behilflich sein. Die es

+nicht+ tun, sind dann „unliebenswürdige Naturen“!

*

Die Lebenskunst ist, jemandem eine +entsetzliche+ Wahrheit sagen

können, +ohne+ daß er beleidigt ist! Seine Waffe nämlich ist: „Ich bin

beleidigt!“ Du mußt in der Lage verbleiben, ihm noch einen zweiten und

dritten Schuß zu versetzen. +Beleidigt+ darf einer erst sein, bis es

+mir+ paßt, nicht +ihm+!

*

„Sagen Sie mir, daß ich gut aussehe!“ „Bezahlen Sie mir dafür zehn

Kronen?!“ „Ja!“ „Soviel ist es Ihnen wert?! Sie sehen miserabel aus!“

*

Es gibt, nach Gottes Plänen, nur eine Entwicklung +nach aufwärts+.

Aber +ein jeder+ muß dazu extra noch ein bißchen +beitragen+, daß es

doch nicht vielleicht zufällig +nach abwärts+ gehe! Auch +das+ liegt

nämlich in Gottes Plänen!

*

England hat sich für Belgiens Neutralität eingesetzt, die +Deutschland+

mißachtet hat?! Hätte sich England auch für Belgiens Neutralität

eingesetzt, wenn +Frankreich+ sie mißachtet hätte?! Nun also!

*

Japan läßt sich in europäische Interessensphären hineinziehen. Das

heißt, es läßt sich +ausnützen+ und +anschmieren+! Wenn nur alle

wüßten, daß es in keiner Sphäre des menschlichen Wirkens keine

Freundschaft nicht gibt, sondern +nur+ Geschäftchen!

*

Kann man von seinem „behandelnden Arzte“ verlangen, daß er uns frage:

„Hat Sie vielleicht Ihre Geliebte geärgert?!?“ Also, dann +kann+ man,

+soll+ man von seinem „behandelnden Arzte“ +gar nichts+ verlangen!

Er hätte nämlich als +anständiger Mensch+ hunderttausend Fragen zu

stellen! Aber das wäre geradezu +unanständig+! Er fragt daher diskret:

„Magen?! Darm?!“ Sexuelle Dinge fragt er schon nicht. „Sie sollten eine

Zeitlang, sechs Monate, +keusch+ leben!“ Arzt, Mensch, Ochs, willst du

deine „+Praxis+“ denn ganz einbüßen?!? Sei also nicht naseweis!

*

„Wenn ich dir sage, du habest ‚+semmelgelbe+‘ Haare, bist du gekränkt,

Geliebte. Wenn ich dir sage ‚+weizengelbe+‘ Haare, bist du versöhnt.

Wenn ich dir sage ‚sonnengelbe‘ Haare, bist du +befriedigt+!“

*

Die reichen Juden haben die Nüchternheit erfunden! „As ma Geld hat, was

braucht ma Schnaps?!“

*

Zeit-+Diebinnen+: „Können Sie sich morgen vielleicht von 6-10 +für

mich+ freimachen?!“

*

„Für jemanden muß man doch um Gotteswillen da sein, der einen brauchen

kann!“ sagte der Mann und ließ sich von einer Wanze sein Blut

wegtrinken!

*

Er sagte nicht „+Geliebte+“ zu ihr, denn das ist +kein Ehrentitel+. Er

sagte: „Du +Mehrerin+ meiner Lebens+kräfte+!“

An eine herzlose Kokette: „Mit einem Wort, Fräulein, wo Sie hintreten,

wächst kein Gras mehr!“

*

Schlecht sein ist gar nicht so schlecht wie +dumm+ sein!

*

Der Dumme hat eine Ausrede für sich. Daß er dumm ist. Das ist das

Gefährliche. Daß man es für eine +Entschuldigung+ hält. Es ist -- -- --

eine +Anklage+!

*

„Der flämische Dichter Emile Verhaeren hat eine gewisse wenn auch

entfernte Ähnlichkeit in seinem Naturempfinden wie Sie, Herr Peter!“

sagte eine schöne Dame zu mir.

„So, findet er auch, daß Spinat die +schönste+, weil die +gesundeste+

Pflanze ist?!?“

*

Wenn man immer +sich besinnen+ würde: Dr. Herbert Fr. hat mit 28

Jahren den Heldentod erlitten, kann nicht mehr En-Aala dickes Format

rauchen, nicht mehr +einschlummern+ und gestärkt +erwachen+, nicht

mehr Mitzi Thumb bewundern, nicht mehr froh sein seiner ökonomischen

Sorgenlosigkeiten -- -- -- nun, was +wäre+ dann?! Dann würde man ihn

vielleicht +noch immer+ um seinen raschen leichten Heldentod +beneiden+!

*

Eigenlob -- duftet: „Ich habe +nie+ einen Taktfehler begangen, außer,

wenn ich ihn begehen +wollte+!“

*

Wenn du ein Schwein schlachten zusehen kannst, ein Reh erschießen,

einen Fisch abschlagen, dann kannst du auch eine Menschenseele

abschlachten!

*

Wieviel edle Rücksicht haben Frauen für ihren Papagei, der nur ewig

„Lora“ schreit, und wie wenig Rücksicht für ihre Dienstboten!

*

Die +Ehre+ einer Mutter müßte es sein, ihr Töchterchen +besser+,

+tiefer+ zu verstehen, als es Tolstoi, Dostojewsky, Hamsun, Altenberg

+verstünden+, wenn sie sie +kennen lernten+! Aber sie verstehen sie

+schlechter+, +flacher+ sogar als ein jeder ihrer konventionellen

begehrlichen Liebhaber und Verehrer! Und dann beklagt sich die Mutter

über „Entfremdung“! Sie, diese +Fremdeste+!

*

Mein Stubenmädchen und das reizende böhmische Küchenmädchen hatten

direkt nichts mehr zu beißen. Infolgedessen kauften sie sich für das

letzte Geld die Delikatesse „Wassermelone“, eine riesige dunkelgrüne

Kugel, innen fleischfarbig mit schwarzen Kernen, aßen sich +toll+ und

+voll+, und hatten die ganze Nacht Bauchkrämpfe. Als ich ihnen Vorwürfe

machte, sagten sie: „Etwas will man doch auch um Gotteswillen von

seinem Leben haben!“ Ja, +Bauchkrämpfe+!

*

Die Natur zeigt uns, daß der Spätherbst nicht minder prächtig,

anziehend, romantisch ist als der Vorfrühling! Jedes hat +seine+

Prächte! Geist und Seele seien +eure+ Prächte, +Spätherbstler+!

*

Sich +altern fühlen+, heißt, daß man schon längst alt ist und

vielleicht +immer+ war! „Solang mir noch mein Zigarrl schmeckt“, ist

nur eine senile Stupidität. „Solang mich noch die Almwiese freut“, ist

eine jugendliche Menschlichkeit!

*

Wenn der Patient doch wenigstens ganz +aufrichtig+, ganz

+wahrheitsgetreu+ dem Arzte sein Leiden schildern möchte! Dann

würde der Arzt +noch weniger+ verstehen als bei einer für +seine+

Auffassungskraft +adaptierten+ Schilderung seitens des Kranken! Dieser

erzählt eben nur gerade so viel als er glaubt +noch+ verstanden zu

werden! +Also+ gar nichts Wahres über seine eigenen Mysterien und

Rätselhaftigkeiten! Ich bin nicht gegen +das+, was die Ärzte +wissen+!

Ich bin nur gegen das, was sie +nicht+ wissen! Ich bin gegen +das+,

was sie zu wissen +glauben+! +Skeptizismus+ über sein Wissen ist:

Entwicklungs-+Möglichkeit+ zu Neuem, Besserem! Also fast schon

+Religion+! +Ad astra!+

*

Wes Brot ich esse, des Lied ich singe!

Das sagen auch so viele +dadurch allein+ anständig gebliebene Frauen.

Aber ist das wirklich etwas so Heroisches?!

Viel heroischer wäre vielleicht: Wes Brot ich esse, des Lied singe ich

noch lange nicht!

*

Alle Menschen machen sich etwas vor, das heißt sie machen es natürlich

+nicht+, aber sie +hoffen+ es, ohne ernstlich davon überzeugt zu sein.

Außer die ganz Stupiden! Nur dem Dichter können sie nichts vormachen,

daher +verehren+ sie ihn, weil sie nicht den +Mut+ haben, ihn zu

+hassen+, as er doch a +Dichter+ is! Aber +gern+ haben sie +den+ nicht,

der weiß, +was+ für ein Klumpert sie sind!

*

Etwas Schreckliches +aus Haß+ zu sagen, +das+ verstehe ich. Aber etwas

+aus Hetz+ zu sagen, damit sich einer „+giftet+“, +das+ verstehe ich

+nicht+. Worte seien +Geschosse+ in einem +ernsten+ Wortgefechte!

*

Ein jeder hat sein „+Packerl+“ hienieden zu tragen. Am schwersten der

+Diskrete+, der niemand davon erzählt. Der andere gibt wenigstens

einen Teil der Last ab, an den Tragesel, den er mit seinen Erzählungen

+belästigt+!

*

Wenn man denkt, welche +Männer nicht+ erhört werden, und welche

+Skier-Matadore+ erhört werden, dann -- -- -- weiß man +alles+!

*

Kannst du eine Frau zärtlich liebhaben im Momente, da sie gähnt oder

das Gähnen mit Anstrengung zu unterdrücken sucht?! Siehe, solcher

Augenblicke gibt es aber Hunderttausende!

„Weshalb sind Sie so streng mit uns, Herr Peter?!“

„Seid ihr nicht +noch strenger+ mit uns, die wir doch nicht +anmutig+

zu sein haben!?“

*

Die Roheit der Menschen zeigt sich nicht erst im Krieg, sondern bereits

im privaten friedlichen Verkehre!

*

Der +Hochstand+ der Chirurgie beweist +nur+ den +Tiefstand+ der

„+internen+ Medizin“! Statt zehn Jahre +vorher+ den Krebs zu

diagnostizieren und zu +heilen+, +operiert+ man den bereits +unheilbar+

gewordenen zehn Jahre +später+!

*

+La danseuse.+

Tu as deux chances -- -- -- ta +danse+ et ton +lit+!

La danse est éternelle, et le corps +flétrit+!

*

+Briefwechsel.+

„Venez demain avec moi au théâtre. Et puis, nous verrons!

Sophie.“

„+Non+, je ne viendrai pas. La manière dont vous avez donné la main

à monsieur B. de G., m’a fait +subitement+ écrouler +toutes mes

tendresses+, comme Messine sous la cendre fatale!

P. A.“

*

Ein junges Mädchen, das in meinem Zimmerchen an der Wand einen gelben

getrockneten Dornrochen hängen sah, sagte: „Er sieht aus wie ein

kleiner Teufel! Aber die wirklichen Teufel sind die, denen man es gar

nicht ansieht!“

*

„Weshalb haben Sie diesen schrecklichen Fisch über Ihrem Bette hängen,

diesen Dornrochen?! Gefällt er Ihnen vielleicht?!“

„+Märchenwunderwelt+ des Meeres! Aber das verstehen Sie nicht,

mademoiselle!“

„O doch! Ein anderes Wort für ‚Exzentrizität‘!“

„Jawohl, ein +anderes+ Wort!“

*

„Herr Peter, Ihre kleinen Sachen -- -- --.“

„Sie meinen wohl meine +kurzen+ Sachen -- -- --.“

„Also gut, Ihre +kurzen+ Sachen, aber weshalb so kleinlich und

empfindlich sein?! Ich wollte ja sagen: gefallen mir sehr gut!“

„Ja, wollten Sie mir denn vielleicht sogar mitteilen, daß Ihnen meine

+kleinen+ Sachen auch noch +mißfallen+?!“

*

Peter, Sie sind ein guter Dichter. Aber Sie wären ein +ebenso guter+

Cafetier, Hotelier oder Geschäftsmann geworden! Sie sehen nämlich bei

+jeder+ Sache, die Sie sehen, +alle ihre Seiten+, und nicht nur wie

wir, immer nur gerade +die+ Seite, die uns zu sehen paßt! Insofern

wären Sie ein schlechter Ehemann, ein schlechter Liebhaber. Denn die

+müssen+ die Beschränktheit haben, auch die ihnen nicht konvenierenden

Dinge +nicht zu sehen+!

*

+An Mitzi Th.+

Es ist leichter, +ganz+ auf Sie zu verzichten als, wenn Sie sich

bücken, +nicht+ die Hand segnend auf Ihr braunes Haar zu legen!

*

+Alles+ kann man in der Welt, nur das eine nicht: einem Mädel, dem man

einmal zwanzig Kronen geschenkt hat, ein nächstesmal zehn Kronen geben.

+Das+ kann man +nicht+!

*

+Weltenliebe+:

Könnten Sie auch ein Liebesverhältnis haben mit einem edlen Mineral

oder mit Spinat?! Mit +allen+ Dingen dieser Erde, +nur nicht+ mit einer

häßlichen Frau!

DER KRIEG

Wir haben seit der Kriegserklärung ein nordböhmisches wunderbar

schönes, schlankes, weizengelbes, stumpfnasiges Stubenmädchen in

unserem Hotel. Das heißt, sie ist kein eigentliches gelerntes

Stubenmädchen, sondern die seit vier Jahren verheiratete Frau (sie

heiratete mit vierzehn Jahren) des Kaffeehauskellners, der einrücken

mußte. Man nahm sie aus Mitleid auf, daß sie da und dort aushelfe.

Dieser schenkte ich eine Jubiläumskrone, die ich seit vielen Jahren

als Talisman aufbewahrt hatte, und dann noch einige Kronen ohne

Talisman, damit sie ihr Essen und Trinken aufbessern könne. Eines Tages

sagte ich zu ihr: „Mathilda, sie bessern mit meinen Kronen nicht Ihr

Essen und Trinken auf, sondern schicken es Ihrem Mann ins Feld!“

Sie errötete und sagte: „Ist denn das nicht für mich mein Essen und

mein Trinken?“

Am nächsten Tage nach dem Erscheinen dieser Skizze sagte die junge Frau

zu mir:

„Ich bin gekränkt und beleidigt, daß Sie mich so in die Zeitung

hineingegeben haben!“

„Beleidigt, gekränkt?! Es ist ja Ihre höchste Ehrung!“

„Sie Dichter, Sie! Ich hab es ja aber gar nicht meinem Mann geschickt,

sondern selber aufgegessen! Und noch dazu nicht einmal das, ich hab mir

eine Bluse dafür gekauft! Wie steh ich jetzt da?!“

DANKGEBET

Risetta, ich danke dir! Ich nehme also keine, die weniger schöne

Hände hat als du!

Sophie, ich danke dir! Ich nehme also keine, die weniger sanftmütig

ist als du!

Paula, ich danke dir, ich nehme also keine, die weniger intelligent

ist als du!

Esthère, ich danke dir, ich nehme also keine, die weniger anmutig

ist als du!

Ich nehme also +keine+!

Ich danke euch!

SPLITTER

„Wie gern möchte ich diesen delikaten Knödel da essen, wenn ich mich

durch mein heiliges Buch ‚Prodromos‘ nicht verschworen hätte gegen

jegliche Teigware!“

„Peter, was täten Sie aber, wenn Sie heute ganz allein am Tische

wären?!“

„Nun, schaut +Gott+ nicht herab auf mir?!“

*

Wenn man nicht auf alle Kapricen einer Dame eingeht, +geht man ein+!

*

Das berechtigte Mißtrauen der Frauen gegen die Verehrung von Männern

können auch die nicht bannen, die sie +wirklich+ verehren. Es gibt

immer leider noch Männer, die die Töne der Seele so genau +kopieren+

wie erstklassige +Tierstimmenimitatoren+ die edlen Tiere!

*

Eine Dame der +Gesellschaft+ sagte zu mir: „O, Strindbergs ‚Vater‘, ein

tiefbedeutsames Werk. Aber +kraß+! Weshalb +kraß+?! Das Leben ist schon

+kraß+. Jetzt auch noch kraß die Kunst?!“

„Die Kunst ist ein Spiegel des Lebens!“

„Ja, aber ein verklärter!“

„Sie soll die Torheiten zeigen und dadurch bessern!“

„Bessern?! Was ist an uns zu bessern?!“

„Da haben Sie vielleicht recht!“

*

Die +geschickteste+ Art, einen Konkurrenten zu +besiegen+, ist, ihn in

dem zu +bewundern+, worin er +besser+ ist!

*

„Unser Papagei war so intelligent! Wenn er hungrig war, hat er gleich

geschrien: Hunger, Hunger!“

„Das war ihm ja doch eingelernt!“

„No, und +uns+?!“

*

Bismarck zu seinem Arzte: „Habe heute die ganze Nacht kein Auge

zugemacht!“

„Weshalb, Durchlaucht?!“

„Ich habe die ganze Nacht hindurch +gehaßt+!“

*

Es ist das Schrecklichste, mit einer +dummen+ Frau Konversation zu

führen. Nicht weil sie +dumm+ ist! Sondern weil man ihr ununterbrochen

beweisen muß, daß man sie für gescheit hält!

*

Sagt mir doch, ihr netten Weiberchen, weshalb sucht ihr euch denn immer

nur die ärgsten Schafsköpfe aus, um eure Macht an ihnen zu beweisen?!?

„Peter, Schafskopf, die anderen gehen uns doch nicht auf den Leim!“

Würde es euch nicht glücklicher machen, einen wertvollen Menschen

einmal einzufangen?!?

„Gewiß, Peter. Aber Die lassen sich ja nicht!“

*

„Peter, wieviel Pelzwesten glaubst du approximativ, habe ich heute

allein verkauft?!“

„Tausend!“

„Dreißigtausend!“

„Was habt ihr daran verdient?!“

„+Nichts!+ An solchen Sachen will, +darf+ man nichts verdienen!“

„Nun, und wieviel habt ihr +doch+ daran verdient?!“

„Peter, etwas +muß+ man doch verdienen, man hat ja doch auch Risiko und

Spesen!“

„Risiko und Spesen haben +nur+ die Verwundeten, die in euren

gelieferten Westen +stöhnen werden+!“

„Peter, +Träumer+, +Weltenferner+, wie stellst du dir es also vor?!“

„Ich stelle es mir vor, daß man an +diesen+ Heldenleidenswesten

+nichts+ verdienen soll, nichts verdienen +darf+! Ich habe +auch+ mein

Gedicht ‚Weltenbummler 1914‘ ohne Honorar gespendet!“

„Was hast du für Spesen gehabt?!?“

„+Geist+ und +Seele+!“

„Peter, +wir+ haben +größere+ Auslagen!“

*

Peter-Scampi:

Scampi, in +Salzwasser gekocht+, und in einer +dünnen+ Paradiessoße mit

+Pfeffer+ und +Majoran+ und Lorbeerblättern in einer kleinen braunen

Porzellanterrine serviert! Dasselbe mit Thunfischbrocken! Dasselbe mit

+Solefilets+!

DIE SCHUHPASTA

Heute habe ich mir die ideale „Schuhpasta“ gekauft für meine idealen

braunen weiten Halbschuhe. Sie heißt „Salamander“, also die, die

sogar dem Feuer Widerstand leistet, riecht ein wenig nach Terpentin,

soll nur mäßig eingerieben werden. Man glaubt immer, der +Kultivierte+

sei naturgemäß ein +Wißbegieriger+! Dem ist aber nicht so! Sondern

gerade umgekehrt. Ich bin 55 Jahre alt und habe noch keine Idee, woraus

Schuhpasta auch nur annähernd bestehe. Ich benütze sie, ich erkundige

mich nach ihrer +Wirkung+ auf meine Schuhe, aber was sie ist, +ist+,

ihrem innersten geheimnisvollen Wesen nach, das, seien Sie mir nicht

gram, +interessiert+ mich nicht!

Wie wenn jemand sagte: „Ich kann meine Frau gut brauchen, aber +wie+

sie ist, +wer+ sie ist, +was+ sie ist, seien Sie mir darob nicht gram,

ich weiß es nicht!“ Der Kultivierte ist eben +nicht+ wißbegierig. Wenn

er +damit+ anfinge, wo käme er +hin+?! Er zersplitterte sich in tausend

wertlose Details, verlöre die volle Fähigkeit, sogar sein Zahnbürstchen

zu +gebrauchen+, ehe er nicht genau wüßte, wie es +verfertigt+ worden

ist!?

Der angeblich Kultivierte, meine Herrschaften, ist +beschränkt+! Er

beschränkt sich -- -- -- auf die angeblich +wichtigen+ Dinge im Leben!

PHILOSOPHIE

Die meisten Menschen sind bequem und feig, +also+ Philosophen. Sie

sagen: „Dieser Krieg hat kommen müssen!“ Oder: „Er hätte +nicht+ kommen

müssen!“ Aber +was+ zu tun ist, nachdem er doch einmal +da+ ist, +das+

beschäftigt sie nicht. Ob ich eine Frau hätte heiraten sollen oder

nicht?! Aber +was+ zu tun ist, +nachdem+ ich sie doch einmal +habe+?!

Man hätte, man hätte! Aber siehe, man +hat+ bereits! Die tiefste, die

wichtigste Lebenskunst +ist+, den gegebenen Verhältnissen +gerecht+ zu

werden, nicht Träumereien und Utopien in +Vergangenheit+ und +Zukunft+!

„Geben Sie ihr eine Abfindungssumme von 600 Kronen monatlich!“ „Da

behalte ich das Luder gleich lieber bei mir!“ No also, siehst du?!

Gerettet!

AUS MAXIM GORKIS BIOGRAPHIE

(SEHR WICHTIG!)

Nach einem im 20. Lebensjahre infolge von Selbstquälerei (wer

+bin+ ich also +denn wirklich+?!) unternommenen Selbstmordversuch

schrieb er: „Nachdem ich also die +nötige Zeit krank gewesen war+

(Entwicklungserhöhungen durch Leiden!), fing ich einen Handel mit

Äpfeln an.“

Und dann weiter: „Obzwar es mir nun recht gut ging, überfiel mich die

Wanderlust, da ich mich, unter den +intelligenten Menschen+ nicht ‚+am

Platze fühlte+‘.“ Nein, er fühlte sich nicht +am Platze+, denn er war

ein +Genie+, und die „+intelligenten Menschen+“ sind doch eigentlich

nur Trotteln!

Ganz später schrieb er in einem Briefe an irgend jemand: „Vergessen Sie

nicht der Gerechtigkeit halber zu erwähnen, daß mein +erster+ geistiger

Lehrer der Schiffskoch Smurij war, mein +zweiter+ Herr Rechtsanwalt

Lanin, mein dritter Kaljuschny, wie soll ich ihn betiteln, ein

‚+Außenstehender+‘, und erst als vierter der +wirkliche+ Dichter

Korolenko!“

DER SCHIGAN

Jeder Mensch hat irgend einen anderen schrecklichen, ihm eigentümlichen

+Schigán+ (fixe Idee). Auf diesen Rücksicht zu nehmen heißt man

Freundschaft! +Ich+ halte es für eine tiefere Freundschaft, dieses

+krankhafte wuchernde Gewebe der Seele+ zu zerstören! Aber das nennen

sie dann „herzlos“. „Weshalb sagen Sie mir, daß die von mir wenn auch

unglücklich verehrte Frau häßliche plumpe Hände habe?!“

„Um Sie zu heilen!“

„Aber +das+ ist ja +noch schrecklicher+, eine Person mit so häßlichen

plumpen Pratzen +dennoch+ so gern haben zu müssen!?!“

GESELLIGKEIT

Wenn Leute „gesellig“ zusammenkommen, so +muß+ irgend etwas +vorgehen+.

Und zwar vor allem irgend etwas, was +alle+ interessiert und niemanden

direkt +angeht+! Also der +Mord des Herzens+! Oder man muß wichtigen

Dingen ein Mäntelchen von +Scherz+ und +Ironie+ umhängen! Damit +alle+

es vertragen. +Wirkliche+ Leiden schont man zwar, Tod eines Nächsten,

Verarmung, Krebserkrankung. Aber was sind +wirkliche+ Leiden?! Sind

nicht +alle+ leidensvollen Leiden +wirkliche+?! Selbst wenn der

+Gerichtshof der Nebenmenschen+ sie nicht als solche +anerkennt+?!

Einmal sagte mir jemand: „Mein Herr, es ist ein wenig langwierig, auf

die endliche Anerkennung seiner unheilbaren Krankheit von Seiten seiner

Freunde zu warten!“

KRIEGSZEITEN

Hi hi hi, ich traf eine sehr reiche Dame, die zu mir sagte: „Ich bin

jetzt sehr beschäftigt in einem Säuglingsspitale. Säuglinge sind schon

eine ziemlich peinliche Sorge für Mütter. Aber für Fremde?! Nicht?! Was

ist Ihre Meinung?!“

Ich erwiderte, ich wüßte ihr einen guten Ausweg. „Verkaufen Sie Ihre

fünf großen berühmten modernen Gemälde, die für das Glück der Menschen

+keinerlei Bedeutung+ haben, und stellen Sie mit dem Erlös zehntausend

+gelernte+ Säuglingspflegerinnen durch ein Jahr an, um +Sie zu

ersetzen+!“

„Sie Anarchist!“ sagte sie.

„Ja, ich wünsche, daß die +Lüge+ ermordet werde!“

KRIEGSLIED EINER FÜNFZEHNJÄHRIGEN

Er stand monatelang jedesmal an der Ecke der Straße, wo ich

vorübergehen mußte, halb elf vormittags.

Dann schrieb er, er könne, er wolle ohne mich nicht mehr leben.

Es schmeichelte mir riesig, aber ich dachte: Wie komme denn ich

gerade dazu, sein Leben ihm zu erhalten?!

Gestern ging ich zufällig beim Kriegsministerium vorüber,

und las die Liste der Gefallenen. Er war darunter.

Ich dachte: Vielleicht ist er mit meinem Namen auf den Lippen

gestorben.

Da bin +ich also doch dazugekommen+, ihm bei seinen Lebzeiten zu

helfen!

KONDOLENZEN

Fechsung · 第 9 / 14 段