Ist denn +stehen+, +gehen+, +sitzen+, das Haupt aufstützen, gebückt

sein, sich aufrichten, verlegen sein, verzagt sein, schleichen, tanzen,

ernst sein, ungeistig, unseelisch sein, Almboden-duftend sein, +gar

nichts+?! Oft ist es ja doch +mehr als alles+! Für +den+ jedenfalls,

der es +so+ empfindet!

*

„Ich verlange ja, Anna, von dir weder Anhänglichkeit, noch

Freundschaft, noch Verständnis, noch Dankbarkeit. Aber kannst du nicht

für zehn Minuten deine geliebte Hand in der meinigen lassen, wo du doch

sonst so oft -- -- --.“

„Nein, das kann ich eben nicht!“

„Du kannst dir ja dann die Hände waschen.“

„Ach, da schau her, was +der+ alles noch von mir +verlangert+!“

*

Ich gebe den wundervollsten Zierpark für eine kurzgrasige Almwiese her.

Die schönsten Rosen für das dunkelrote schokoladeduftende Kohlröserl

der Bergwiese. Den Gesang der Patti für den ersten leisen Ruf des

Vogels im Morgengrauen. Ich anerkenne auch den +anderen+ Geschmack.

Aber ich +bedauere+ die Menschen, die ihn haben!

*

Was ist dir, Anna, an deinem Leib so wertlos,

daß du ihn +aufsparst+ für den, dem er +nichts+ ist?!

Und +dem+, siehe, in fast kindischem Trotze, ihn +verweigerst+,

dem er wie Wasser ist für Fische, und wie Luft für Lungen!?

Und ein Fanatismus ist er, eine Religion, eine Gesundung,

und siehe, zugleich eine tiefe süße Krankheit!?!

Vielleicht hast +du+ recht! Anna!

Vielleicht wird einst der Sieger zu mir sagen:

„Ich +beneide+ Sie um das, was Sie +nicht gehabt haben+!

Sie haben noch die +Sehnsucht+ und die +Not+!“

*

Ich las heute fünf Stunden lang in meinem Zimmerchen:

Hermann Bahr über Direktor Burckhard.

Egon Friedell: Ecce poeta.

Mein Lieblingskinderbuch: Les petites filles modèles.

J. S. Máchar: Magdaléna.

Und Goethe: Hermann und Dorothea.

Ich war wie ein Genesender, in anderen Welten.

Da fielen mir die zarten feinen Schritte ein, und wie sie gestern den

Arm hielt über die Sessellehne.

Da sprach ich zu mir selbst: Siehe! du bist +auch nicht stärker+ als

die anderen!

Gott sei Dank, ich bin +so schwach+ wie alle!

DER „KOBERER“ (KUPPLER)

„Du,“ sagte der Graf zur Mitzi G., „wer hat dir denn diesen Brief an

mich aufgesetzt?!“

„Aufgesetzt?! Aufgesetzt?! Wie meinen Sie das?!“

„Aufgesetzt! Selbstverständlich hast du den nicht selbst verfaßt!“

„Weshalb nicht?! Bin ich denn gar so dumm?!“

„Nein, ja. Aber diesen Brief hast +du+ einmal +nicht+ verfaßt!“

„Wer sollte ihn denn verfaßt haben?!“

„Das weiß ich nicht. Das weißt nur +du+. Du, Mitzerl, ich gebe dir 100

Kronen, wenn du mir den Namen nennst!“

„100 Kronen?! Gib mir 150!“

„Also 150!“

„Der +Peter+!“

„Was für ein Peter?!“

„No, der Peter, der Peter Altenberg!“

+Der Brief+: „Habe Dich heute nacht im ‚Tabarin‘ wiedergesehen!

Konnte Dich nicht ansprechen, durfte es ja doch nicht. Also, da sitzt

vis-a-vis von mir +der+ Mensch, der mich ein Jahr lang splitternackt

unter der Bettdecke gehabt hat!? Und alles hat doch nichts genutzt!“

„Wie kommt er dazu, dir diesen Brief aufzusetzen?!“

„Ich hab zu ihm gesagt: ‚Schreiben S’ mir um Gottes willen so was, was

+ich+ schreiben +müßt+, wenn ich’s schreiben +könnt+!‘“

„Also ist der Brief ja doch nur wieder von dir?!“

„Das hab ich +ja gleich gesagt+!“

Da nahm sie denn der Graf wieder zu sich.

WELTENBUMMLER 1914

Der +Kriegsgott+ und der +Tod+ schlenderten selbander einige Wochen

vorher, als elegante Kavaliere verkleidet, so durch die verschiedenen

Lokale und belauschten die Gespräche. Da vernahmen sie, daß es +noch

sehr+ die Frage sei, ob der „+Tango+“ sich werde +durchsetzen+ können

und ob er überhaupt +salonfähig+ sei!? Ferner, ob +Reiherfedern+ heuer

modern bleiben würden!? Ja, der amerikanische Geschmack setze sich,

Gott sei Dank, immer mehr durch, aber bei aller Einfachheit sei der

Stoff selbst eben um das wieder teurer! An dem Stammtisch des Dichters

vernahmen die beiden Herren eine schreckliche Eifersuchtsszene, weil

einer der Gäste der goldblonden Tschechin selbstgepflückte Bergblumen

mitgebracht hatte. Der Dichter schrie erbost: „Principiis obsta!

Gleich am Anfang kann man noch erretten! +Später+ ist +zu spät+!“ Alle

schrien: „Bravo, Peter, hast es dem Kerl gut gegeben!“ Weil nämlich

alle wegen der süßen Tschechin eifersüchtig waren. Woanders hörten sie,

daß man sich eigentlich nur mehr in Zimmern mit modernem Marmor und

Mahagoni so recht gemütlich und +heimisch+ fühlen könne. Da schlichen

die beiden Kavaliere traurig von dannen --.

Da kamen sie an einer Armenhütte vorbei. Da sagte der Mann zu seinem

jungen Weibe: „Schlimmer kann’s doch nimmer werden! Ein Gewitter sollt

niedergehn, das +reinfegt+!“

Da ließen die beiden Kavaliere ihre Masken fallen und standen in

blinkendem Stahl und weißem Knochenbein da -- -- --.

WISSENSCHAFT UND KRIEG 1914

+Zurücklegung der goldenen Medaille der Royal Society durch Professor

Röntgen.+ Aus +München+ wird uns telegraphiert: Professor +Röntgen+

hat die ihm von der Royal Society in London verliehene große goldene

Medaille, die er nicht mehr besitzen will, dem Roten Kreuz überwiesen.

Die Medaille besitzt einen Goldwert von ungefähr 1000 M.

NACH DREI JAHREN

„O Peter, Peter, lieber Peter, daß ich Sie endlich wiedersehe, und so

ganz unverändert, nein sogar verjüngt!?“

„Von +Wieder+-sehen kann natürlich nicht die Rede sein, da ich Sie zum

erstenmal im Leben erblicke!“

„Peter, Peter -- -- --!?“

„So viel ‚Peter‘ können Sie gar nicht aussprechen, daß ich wissen

sollte, +wer+ Sie sind!“

„Peter, ich bin doch Ihre süße Mathilda!“

„Mathilda, die edle Gazelle? Sie waren ja wie ein Faden so dünn!“

„Ich mußte eine +Mastkur+ durchmachen. Man muß sich eben entscheiden

zwischen +Faden+ und +Leben+!“

„Da hätte ich mich für den Faden entschieden!“

LIEBESGEDICHT

Dora! Ein +neuer+ Name, frisch und hell und +neu+!

Die alten Namen sind blaß und alt,

und wie aus blechernen Kindertrompeten!

Dein Name, Dora, ist +Fanfare+!

Aus Silber. So ein Nebelhorn, das

durchtönt durch die dunkle Welt,

irgend etwas erweckend, auf, zum Dasein!

Dein Name geht mir bis ins Herz,

ich möchte dir außergewöhnliche Nelken schenken,

und deine Ehre kniefällig preisen, die +in mir+ für dich ist! Man

weiß nicht, weshalb!?

Ein +neuer+ Name, +Dora+!

+Wie Regen+ ist für Pflanzen, wenn +zu lang+ Sonne war!

Wie +Sonne+ ist, wenn +zu lang+ Regen war!

Vom Semmering kommst du, vom Sonnwendestein, vom Pinkenkogel, vom

Berghotel,

und stiegst hernieder in die Niederungen meines Zimmerchens! +Ave,

Dora+!

CHRISTENTUM 1

Der grauhaarige fünfzigjährige Kellner meines Hotels sagte zu mir:

„Helfen Sie mir! Ich war einst Provisor in einer Apotheke. Ich möchte

wieder so eine Stelle haben. Zum Kellner tauge ich leider nicht!“

Ich ging von einer Apotheke zur anderen, ihm eine Provisorstelle zu

verschaffen. Vergeblich.

Acht Tage später sagte mir meine wunderschöne fünfzehnjährige Freundin:

„Du, der Oberkellner ist ein +eigentümlicher+ Mensch! Gestern hat er

mir drei Visitkarten von Studenten an den Tisch gebracht, ich solle

meine Adresse darauf schreiben!“

Am nächsten Tage sagte der Kellner: „Wie ich Ihnen dankbar bin, daß Sie

sich so um mich bemühen, wegen der Provisorstelle! Ich weiß wirklich

gar nicht, wie ich mich da +revanchieren+ soll!?“

CHRISTENTUM 2

Gerichtsverhandlung. Mitleidige Frauen hatten +nach vielen Monaten+

sich endlich +entschlossen+, eine Anzeige zu erstatten. Der Vater

hatte das fünfjährige Töchterchen, des Morgens, weil es ihm,

verschlafen, nicht einen „Guten Morgen“ gewünscht hatte, aus dem

Bettchen gezerrt, an den Ohren hochgezogen und fallen gelassen,

diese Prozedur dreimal wiederholt. Der Gerichtsarzt hatte jedoch

keine +äußerlichen+ Verletzungen „+konstatieren+“ können. In der

+öffentlichen+ Gerichtsverhandlung wurde das fünfjährige Mäderl, dem

die schauerlichen heimtückischen Peiniger es angedroht hatten, ihm

im Falle einer +richtigen+ Aussage einen glühenden Eisennagel in den

Popo hineinzutreiben, den kein Arzt sehen und „konstatieren“ würde, in

Gegenwart seiner Peiniger befragt vom Richter, ob es denn +wirklich+

mißhandelt worden sei!?

Das Kind antwortete frank und frei: „Nein, niemals! Papi lieb!“

PLATONISCHES GESPRÄCH

Der Jüngling: „Herr Peter, welche Frau also darf man wirklich

verehren?!“

„Die, die’s verdient!“

„Und welche verdient es?!“

„Die, die man sich so +erzieht+, daß sie’s verdient!“

„Gibt es nicht welche, die’s von Anfang sind?!“

„Ja, es gibt eben auch einen Beethoven und Schubert. Die sind’s von

Anfang an!“

„Wie soll man sie erziehen?!“

„+Mehrerin+ aller unsrer Kräfte und +ewig+ Fürsorgliche, daß die

vorhandenen nicht +verloren+ gehen!“

DIE FLIEGE

Also, habe ich mir dieses Hundeleben, pardon, Fliegenleben, vielleicht

verlangt?! Meine Eltern haben mich, nur ihrer eigenen Lust frönend,

in die Welt gebracht, uneingedenk der schrecklichen Gefahren, denen

ihr geliebtes Kindchen doch dadurch ausgesetzt werde! Ich will nicht

von den Schwalben sprechen, diesen heimtückischen Meuchelmördern,

die mit offenem Schnabel in rasendem Fluge daherstürmen und uns

hinunterschlucken, schwapp! Denn sie ersparen uns wenigstens die

Todesqualen, ihre scharfe Magensäure löst uns augenblicklich auf.

Und schließlich, wenn wir +selbst+ Schwalben wären und die anderen

die Fliegen?! Wären +wir+ rücksichtsvoller?! Keineswegs. Aber die

Menschen, die Menschen! Ohne irgendeine Geschicklichkeit im Fliegen

oder sonstwie, fangen sie uns ab an gekauften und an Lüstern mitten

im Zimmer aufgehängten Leimbändern, die, um uns zu betören, noch mit

Zucker bestrichen sind! Feig und faul liegt so ein junges hübsches

Mädchen des Morgens im Bette, blickt ungerührt auf uns Unglückliche,

die seit Sonnenaufgang, von dem lieblichen Dufte des Menschenleibes

angezaubert, nun an dem Leimbande kleben, dem langsamen Martertode

preisgegeben! Und ihre Verehrer träumen unterdessen: „Sie könnte keiner

Fliege etwas zuleide tun!“ Ja, Schnecken! Rache, Rache! Die Ärzte haben

erklärt: „Der Stich einer Mücke, die auf Aas gesessen ist, kann tödlich

wirken!“ Brüder, Schwestern, auf Aas!

SPLITTER

Sie war eine junge arme Kassierin in einem „Tschecherl“.

Sie hatte nur eine Leidenschaft, vielmehr eine Sehnsucht -- -- -- edle

Zigaretten.

Ich schenkte ihr welche.

Eines Tages küßte ich sie, berührte sie zärtlich.

Sie ließ es sich gefallen.

Dann sagte sie: „Schade, jetzt schmecken mir diese feinen Zigaretten

nicht mehr so gut. Bisher habe ich sie umsonst gehabt!“

*

Als die süße junge Mathilda Sch., Kaffeeköchin, entlassen wurde, sagte

ich zu ihr: „Ich will mich einer mir liebsten Sache entäußern dir

zuliebe, die ich besitze!“ Und schenkte ihr meinen Weidenreisekorb,

wasserdicht gefüttert, mit zwei Nickelschlössern, der meine einzige

Reise, nach Venedig, miterlebt hatte. Später erst erinnerte ich mich,

daß die Schlösser mich nervös gemacht hatten und nicht schließen.

So ist es fast mit allen Schenkungen. Nur erinnern sich die anderen

+vorher+!

*

Frau Vallière, die mich zu einer achttägigen Autofahrt durch das „Val

Sugana“ eingeladen hatte, sagte mir beim Abschiede in Mestre, aus dem

Waggonfenster heraus: „Sagen Sie mir, bitte, etwas Liebes, das ich mir

mitnehmen kann in meine Tage!“

„Gnädige Frau, ich habe acht Tage lang es nicht gespürt, daß ich in

Gesellschaft einer fremden Dame reise!“

„Danke!“

*

Es gibt keine noch so anständige +ganz+ innerlich ausgefüllte, +ganz+

zufriedene Frau. Sie hat immer noch ein Plätzchen in ihrem Herzen für

einen, der alles +hergibt+ und nichts +bekommt+!

*

Angenehme Kritik.

Das „Prager Tagblatt“ schrieb: „Das Buch ‚Semmering 1912‘ ist vor

+drei+ Monaten erschienen. Es hat +bereits+ drei Auflagen. Bereits?! Es

sollte +bereits+ hundert haben!“

*

Jede Frau ist eine +perfid+-absichtliche oder +perfid+-unabsichtliche

Zerstörerin der Welt, die man sich mit einer anderen mühselig-zärtlich

aufgebaut hat! Mit einer einzigen +geschickt-ungeschickten+ Bemerkung,

nur so hingesagt, kann sie wie ein 38-cm-Geschütz alles in Trümmer

legen und vernichten, was man jahrelang zum Schutze seiner Seele

aufgebaut hatte für eine Andere! Es gibt einige wenige Frauen, die

+keine+ Giftzähne haben, das sind Seelengenies. Z. B. die Paula, die

Dora. Sie sind hilflos, +also+ süße Kindchen! Die, die sich wehren

können, sind Kreuzottern +gleichzuachten+, schleichenden Reptilien.

+Zertritt+ sie!

*

An eine Vierzehnjährige:

„Wenn du mich +verläßt+ -- -- -- wirst du +wiederkommen+!

+Getreulicher+ als wenn du mich nie +verlassen+ hättest! +Deine+

Erfahrung war dir dann wichtiger als +meine+ Lehre! Und dennoch hätte

dir diese viel +ersparen+ können! Aber du hattest ja Zeit -- -- --

von vierzehn bis neunzehn! Und ersparen tun sich Frauen nichts gern,

besonders von den süßen, den süß-bitteren Erfahrungen!“

*

Wenn mein Stubenmädchen einmal mein hübsches Zimmerchen nicht aufräumt

und ich ihr Vorwürfe mache, sagt sie: „Jessas, wann ma amal vergißt,

der Stall wird sich noch halten bis morgen!“ Sage ich aber nichts,

sondern blicke nur stumm und ernst, so hat sie zwar Gewissensbisse,

erbleicht, aber räumt nicht auf. „Wann also räumt sie denn dann

doch auf?!“ Wenn ich eine Krone bezahle! „Das ist eine Gemeinheit!“

Keineswegs, von selbst zahle ich ja nicht, erst bis Staub auffliegt!

*

Wenn meine Geliebte nicht da ist, sehne ich mich nicht nach ihr, wenn

sie da ist, schon gar nicht, wann also sehne ich mich nach ihr?!

*

„Abgesehen vom Talent, könnte ich alle dieselben Sachen schreiben wie

dieser Peter Altenberg. Wenn ich nämlich +ebenso+ unverschämt wäre und

dieses ununterbrochene und überflüssige +Bedürfnis+ hätte, die Menschen

über irgend etwas +aufzuklären+! Ich bin +direkt froh+, daß sie ‚irre

gehen‘. Wer hat denn +mich+ aufgeklärt?! Etsch!“

*

Meine Mama sagte immer zu mir noch in den sogenannt +guten+ Zeiten:

„Wenn wir die 20000 Kronen wirklich +hätten+, die wir jährlich

+ausgeben+, so hättest du ein Recht, uns Vorwürfe zu machen, daß wir

sie +ganz+ ausgeben! Da wir sie aber +nicht+ haben und +dennoch+

ausgeben, ist es eine Taktlosigkeit von dir!“

*

Die „Anständigkeit“ einer Frau hängt +ausschließlich+ von ihrem „Akt“

ab. Ist dieser +vollkommen+, dann +muß+ sie immer „unanständig“

bleiben! +Nur+ das Bewußtsein, nicht +allen+ zu gefallen, bringt sie

dazu, sich einem +einzigen+ anzuhängen!

*

Nur das Gefühl, demnächst „aus dem Leim zu gehen“, erzeugt bei der Frau

eine Art von +Talmitreue+!

*

Wenn die schöne Frau keine +Phantasie+ hätte! Dann könnte sie sich es

nicht +vorstellen+, wie es wäre, wenn sie +den+ oder +jenen+ erhören

würde! So aber -- -- -- hat sie Phantasie!

*

An eine schöne Frau +glauben+, ist dasselbe, wie es glauben, daß

der Kuckuck im Sommerwalde +nur+ für +uns+ seinen bezaubernden Ruf

erschallen lasse!

*

„Vous me déshabillez tout-à-fait sous mes vêtements, avec vos yeux!“

sagte eine Süße zu mir.

LIEBESGEDICHT

Was du mir +spendest+,

zahl ich dir +zurück+, mit anständigen Zinsen,

mit dem Gelde meiner Seele, meines Geistes,

Anna!

Wuchergeschäfte wollen wir nicht machen -- -- --

dazu sind wir +beide+ zu intelligent.

+Zu bald+ würde der Übervorteilte es spüren! Und +traurig+ werden!

+Atonie+ der Seele!

+Reinliche+ Geschäfte der Seele und des Leibes

geziemen dem Weisen des Daseins!

Und wir +sind+, wir +sind+ nun einmal da in +dieser+ Welt,

können uns nicht +entziehen+, auf die Dauer!

Was du mir +spendest+,

zahl ich dir gern und leicht zurück;

und meinem +Geiste+ hast du +deinen+, wenn auch +von mir+

erworbenen, entgegenzubieten,

und noch dazu gratis die weißen Beine und die goldenen Haare und die

Kinderbrüste!

Siehe, ich muß mich also direkt anstrengen,

das durch Anmut meines Geistes und Kraft und Weltenweisheit

auszugleichen,

was du +von selbst+ durch Schicksals Gnade spendest!

Drum sind wir, siehe, leider dennoch ewig in eurer Schuld, Anna!

Ein Blick von dir -- -- --

und im Schuldbuch steht: „Peter, du schuldest ihr noch Milliarden!“

REVANCHE

Sahest du heute, ängstlichen Blickes, in meinen Augen die Gespenster

der Entfremdung, Mädchen -- -- --?!

Und sahest mich an, flehentlichen Blickes,

und konntest nicht sprechen, was du so gern sprechen wolltest,

und konntest dich nicht rühren und mir um den Hals fallen?!

Und bliebest +verbittert+ stehen, wie umgewandelt

von meiner Ungnade,

+erbittert+ über das Schicksal und die Welt?!

Siehe, +so, so+ bin +ich+ einst gestanden vor +jener+ --.

Und weil ich weiß, +wie+ es tut,

nehm ich dich also wieder in Gnaden auf, Mädchen!

DIE „UNGLÜCKLICHE“ LIEBE

Aber wenn ich deine Hand beim Abschiede im Restaurant berühre oder auf

der Straße?!?

Feiere ich da nicht meine Hochzeitsnacht mit dir, fast

+physiologisch+?!?

Und siehe, dein Geliebter steht vielleicht dabei und schaut, und sagt

zu mir halb mitleidig: „Servus, verrücktes Huhn --!“

Und küss ich nicht die Innenfläche meiner eigenen Hand, die +deine+

Handinnenfläche für einen Augenblick lang sanft berührt hat?!?

Gibt uns der „+seelische Selbsterhaltungstrieb+“, diese immanente Angst

vor dem Zerstörtwerden, nicht +Zaubermittel fast+, uns zu erretten aus

der Not der Seele?!?

Und wenn wir ihr beim Anziehen, beim Ausziehen ihres Paletots

behilflich sind, vor allen Leuten, haben wir da nicht Schauer

mysteriöser Zärtlichkeiten, die der +Beglückte+ vielleicht im Bette

nicht einmal empfindet mit ihr, da sie dort zum „Weibchen“ wird, gleich

allen, die +schon+ waren, und die +noch+ kommen werden oder könnten!

Die +Art+ besiegt das +Individuum+!

Ist’s nicht ein +Ausgleich+ unseres +Unglück-Glückes+?!?

Könnt ihr uns unsere Hochzeitsnächte rauben, ihr +Beglückten+?! Wir

haben sie +hinterrücks+ -- --.

Wir haben sie sogar in der „+Phantasie der Frauen+“, die uns +nicht+

erhören! Wie, wenn sie uns erhörten, träumen sie manchmal?

Einmal, aus Laune oder Ungezogenheit und Neugier?! So Gnadenspenderin

spielen?!? Teufeline?!?

Was vor dem +halben Einschlafen+ des Nachts die Frauennerven sich +halb

erträumen+, thront +oberhalb+ moralischer Gesetze! Niemand kann’s

+verwehren+!

Drückt ihr, +Beglückte+, vielleicht je den Rand ihres Trinkglases

verstohlen an eure Lippen, ja +umküßt ihn+ ganz, mit zärtlicher

Geschicklichkeit, wenn der Tisch frei geworden ist von Gästen im leeren

Speisezimmer?!?

Küßt ihr die Orangenschalen, die sie geschält hat?!?

Küßt ihr die +lippengeheiligten+ Gabelzinken?!?

Schleicht ihr euch hin, wie Jäger auf die Beute, Haselnußschalen

aufbewahrend, Traubenstengel, von ihrem geliebten Teller?!?

Gebt ihr dem Stubenmädchen, das euch dabei ertappte bei eurer heiligen

Handlung, zehn Kronen, daß sie verschwiegen bleibe?!?

Habt +ihr+ solche +Schliche+ nötig, +glückliche+ Unglückselige?!?

Und einmal sagte mir ein junges Stubenmädchen: „Ich nehm kein Geld, ich

+gönn’s+ der Frau!“

Ein +Nichts+ wird eine +Kirche+!

Und die Sehnsucht, ihr Kleid zufällig zu berühren, wird ein

+Fanatismus+!

Das Kleid wird zum +Symbole+ ihres Leibes!

Die lose Kleiderfalte, die absteht, wird zu ihrer Haut!

Wir können ihren Leib berühren in ihrer losen Kleiderfalte. Wir!

Man berührt ihr Kleid, und man kann wieder schlafen, schlafen, +von da

an+, wie wenn’s ein Schlafmittel wäre für zerstörte Nerven!

Man schläft ein, wie ein weinendes Kindchen einschläft, dem man

gewährte, wessen es bedurfte -- --.

Friedevoll versinkt man in bessere Welten.

Weil man ihr Kleid berührt hat -- -- --.

Ihr armen +Glücklichen+, was braucht ihr +alles erst+ zu eurem

Glücke?!?

Uns aber weht ihr Atem unwillkürlich an beim Sprechen und macht uns

bereits selig -- -- --.

Das alles nennen sie dann unsere „+unglückliche Liebe+“!

VARIATION ÜBER EIN BELIEBTES THEMA

+Verwöhnt sein+, ist das schreckliche Unglück der schönen Frauen.

Infolgedessen haben sie +nichts+ von ihrem Leben, sondern +nur noch+

Neid, Eifersucht, Eitelkeit. „Ich bin es so +gewöhnt+“, ist der

tückischste +Mord+ an der Seele. Denn siehe, sie wünscht stets und

stets +überrascht+ zu werden!

Was ihr gewohnt wird, macht sie +leblos, tot+. Sie hört +allmählich+

auf zu +funktionieren+, wird starr, hart, sogar bösartig. Ein gütiger

Blick zu +ungewohnter+ Gelegenheit! Und die Seele errötet dir vor

Freude. Das was sie stets bekommt und stets, läßt sie bleich. Und

dennoch wäre es tiefste Kultur, das Gute, das man hat, +stets+ zu

empfinden als eine Gnade Gottes! +Dazu+ sollte man ein Kind erziehen,

daß es in jeder Schachtel seine besonderen Schätze hat und daß ein

Pfirsich ist wie Feiertag! Schöne Frauen haben +nichts+ von ihrem

Leben. Sie sind zu sehr daran gewöhnt, schön zu sein!

Wenn eine Häßliche acht Tage lang schön sein könnte! Eine Schöne viele

Tage unscheinbar! Ein Bettler vierzehn Tage lang reich! Ein Reicher

hie und da bettlerisch! Um aus +Gewohntem+ Schätze auszulösen für die

Seele, muß man schon fast der Weltgeist selber sein!

PARTE

Einmal mein wirkliches echtes +nicht+ konventionelles Beileid! Zum

Heldentode eines der +allerkultiviertesten+ Menschen:

Unser lieber Bruder

=Dr. jur. Herbert Fries=

=Fähnrich i. d. R. des k. u. k. Feldkanonen-Regiments Nr. 42=

ist am 7. September 1914 bei Rawaruska gefallen und wurde auf dem

Ortsfriedhof in Rzyczki bestattet.

+Inzersdorf+ bei Wien, Oktober 1914.

=Dr. Edgar Fries=, =Elisabeth Freiin v. Pereira=, =Dr. Egon Fries=,

=Lyda Wittgenstein=, =Hertha Fries=, Leutnant i. d. R. =Dr. Egbert

Fries= im Felde.

AN DIE KOKETTE

Soll ich verzeihen, daß es schon wieder regnet?!?

Und wenn es sein muß, immer wieder regnen wird?!?

Darfst du denn um etwas mich um Verzeihung bitten, das +außerhalb+

deines guten Willens ist?!?

Ich kann verzeihn, daß du unanmutig gehst,

nicht schwebst in freudigen Leichtigkeiten -- -- --;

obzwar’s mein Auge ärgert und es lieblos macht --;

schwerfällige Nymphen sind ein böser Gegensatz -- -- --.

Ich kann’s verzeihn, denn Übung könnte bei gutem Willen es noch

mählich ändern -- -- --.

Doch wie soll ich dir die „inneren Mächte“ verzeihn, dein Schicksal,

das du miterhalten hast in deinen Nerven?!?

Soll ich dir Vater, Mutter, Großeltern verzeihn und alle deine

Ahnen?!?

Wenn du’s von mir verlangst, verzeihe ich!

So verzeihe ich der Kreuzotter, die den Todesbiß gibt wegen nichts.

Sie sticht -- weshalb, niemand kann es ergründen!

Ja, ich verzeih und sterbe!

Aber ist es anständig, Verzeihung zu verlangen, zu erwarten, für

Sünden, die man dennoch nicht lassen kann?!?

So eine Frist sich zu verschaffen von verlogenem Frieden?!?

Darf die Kokette uns um Verzeihung bitten?!?

Sieh, Rosita, ich werde also dein gutmütiges Bemühn gerührt

betrachten -- -- --;

ja, tief, tief gerührt!

So schau ich zu, wie eine edle Seele mit ihren Höllen kindisch

kämpft -- -- --.

Verzeihung, tragischstes aller Worte!

Kann ich verzeihen, daß es wieder regnet?!?

Und wenn es sein muß, immer wieder regnen wird?!?

Geliebteste, laß uns ohne Verzeihung leben!

Die Sünden sind des Tages und der Stunde -- -- --

vielleicht lohnt sich das Ganze doch der Qual!

SPLITTER

Wenn ich jemanden bitte, eine Sache, die mir wert und lieb ist, nicht

anzurühren (man schaut nämlich mit die Augen, net mit die Pratzen), so

ist +er+ beleidigt. „No no no, i friß Ihnen nix weg!“ „+Hoffentlich+,“

sage ich, „das wär noch schöner!“

*

Ich habe eine Freundin, die immer eine Ausrede hat, um +dazubleiben+;

und eine, die immer eine Ausrede hat, um +nicht+ dazubleiben. Jetzt

denke ich in einem fort nach, welche mich weniger stört!?

*

Aphorismen sind das, was, wenn es einem anderen einfällt, er daraus

einen langen Essay macht! Gott sei Dank fällt es ihm aber nicht ein!

*

Ich teile die Frauen ein, man muß nämlich alles einteilen, in solchene,

die +immer+ denken: „Wie wäre es doch, wenn +dieser+ oder +jener+

-- -- --!?“ Und in solche, die das +nie+ denken. Die ersteren sind

allein gefährlich! Aber auch die anderen sind nicht ungefährlich. Denn

wenn sie bei einem +picken+ bleiben, bleiben sie +picken+! Und +das+

ist nicht jedermanns letzte Träumerei!

*

Fechsung · 第 8 / 14 段