Schneider, sondern +höchstkultivierte+ Hygieniker zu dekretieren!
Ich dekretiere also für Frühling, Sommer, Herbst 1914: Gehen +ohne+
Kopfbedeckung! Der „+Steirische Janker+“, +ohne+ Gilet zu tragen, in
aparten modernen +englischen+ Mustern, homespunartig! Breite kurze
Bauernhose, mit Ledergürtel! Es ist eine einfache, hübsche, gesunde,
billige Tracht! Für hübsche, gutgewachsene, also +magere+ Damen
(die anderen sollen gehen wie sie wollen!): Fußfreier Glockenrock,
weite Seidenbluse, kein Hut! Dein Haar, o Fraue, sei dein schönster,
apartester, elegantester und +billigster+ Hut, der nie „aus der
Mode kommt“! „Die Schneider und Modisten wollen auch existieren!“
Diesem Schlachtruf schreien wir entgegen: „Wir wollen keine Schulden
machen!“ „Wir wollen leicht gekleidet, gesund und hübsch und apart
zugleich gekleidet sein!“ Alle Vögel des Waldes sind gesund, hübsch
und apart gekleidet. Aber bei uns dekretierte ein moderner Architekt:
„Gehet so gekleidet, wie der +König von England+ gekleidet geht!“
Solche Blödsinne sagen die Vögel des Waldes nie: Gehet wie der Adler
gekleidet, unser König!
SPLITTER
Wir sind nicht +armselig+ genug, um ununterbrochen den Segen der Sonne,
des zeitlich Aufstehens und des geordneten Lebenswandels genießen zu
können!
*
Eine Sache ist +nicht+ so, wie sie +ausgesprochen+, sondern +so+, wie
sie +gehört+ wird!
*
Eine Dame sagte zu mir: „Pathologisch?! +Alles+ ist doch pathologisch,
was +wirklich tief+ sitzt!“
*
Jeder Mensch rächt sich an dem anderen für das, was an ihm selber
+unzulänglicher+ ist! Der Dicke an dem +Dünnen+, der Rohe an dem
+Sanften+, der Langnasige an dem +Stumpfnasigen+, der Krummrückige an
dem +Geradrückigen+! Und die Frau?! Die rächt sich +überhaupt+! An dem
Mann, daß sie +eine Frau+ ist! Sie muß m., sie muß g., sie muß alt
werden und schiech -- -- -- „na wart, Kerl, das sollst du mir büßen!“
*
Viele Männer wissen es ganz genau, daß sie +tief unter+ ihren Frauen
stehen. Deshalb stellen sie sich in Gesellschaft absichtlich +über
sie+: „Was hat das dumme Mädi da wieder zusammengeplaudert?!“ Das dumme
Mädi denkt: „Du armer Esel!“
*
Ein geschmackvoll gefaßter Chrysopras ist schöner als ein hundertmal
wertvollerer, geschmacklos gefaßter Diamant! Wenn du eine Dame findest,
die +derselben+ Ansicht ist, so +heirate+ sie auf der Stelle. Aber du
wirst ledig bleiben!
*
„Je mehr man uns +verwöhnt+, desto weniger ‚+christlich+‘ werden wir,
demütig-bescheiden. Daher ist es ‚+unchristlich+‘, uns zu +verwöhnen+!“
Ich habe Perlmutterknöpfe gesehen zu +einer+ Krone, die schöner,
leuchtender waren als Perlen zu +tausend+ Kronen. +So weit+ muß man
es bringen! So weit vor allem muß man die +Frauen+ bringen, diese
geborenen +Snobs+!
*
Deine Haare seien, o Frau, dein schönster apartester Hut! Sie sind
schöner als die Federn des unglückseligen Edelreihers, des geplünderten
Paradiesvogels und des gerupften Straußes!
*
Wenn ein Mann dir nur +mit Geld+ seine Verehrung beweisen kann, so
mußt du zu „Schwartz und Steiner“ rennen, seinen Schmuck +einschätzen+
lassen! Freilich kann er früher dort gewesen sein und gesagt haben:
„Sagen Sie der Gans 3000!“
*
„Alle Männer sagen mir, daß sie mich schrecklich liebhaben. Aber ich
glaube nicht daran. Weil ich an meiner +eigenen Wirkungskraft+ zweifle.
Krankenpflegerinnen +zweifeln nie daran+, daß der Kranke sie liebhabe
und an ihnen hänge!“
*
„Ich komme immer wieder doch zu dir zurück!“ sagte die Dame zu dem
Idioten.
„Ich wünsche mir nicht mehr!“ erwiderte der Weise.
*
An einer Frau +hängen+!? Freilich, man hat dabei etwas wenig Luft und
ist dem Ersticken nahe!
*
„Wir +verderben es uns+ mit so vielen Männern wegen Kleinigkeiten,
unnötiger Grausamkeiten, Wartenlassen, gelangweilter Mienen,
ungezogener Bemerkungen. Aber dadurch erfahren wir es andererseits, wer
sich durch nichts +abschrecken+ lasse, uns zu lieben!“
*
Je weniger Aschenschalen du in deinem Zimmer aufstellst, desto weniger
+verzweifelt+ wirst du sein, wenn deine Gäste die Asche +dennoch+ wo
anders abstreifen. Stelle +gar keine auf+, damit du die Beruhigung
habest, es sei +deine+ Schuld!
*
Eine Lebenskünstlerin. Eine junge Schönheit, der ich eine silberne
Tabatiere mit +ihrem+ von mir geschriebenen Namenszuge schenkte, sagte
allen Herren: „Schaut’s, die hat mir der Baron Wolff g’schenkt. Was,
nett?!“ Eine erboste Kollegin sagte ihr, es sei die Handschrift des
Peter Altenberg, sie kenne sie. Da sagte sie: „Wann der +so+ schreiben
könnt!“
*
Ich stehe jetzt immer vor einer Delikatessenhandlung und betrachte die
französische, fast runde, lederbraune Birne „Madame Lavallière“, vier
Kronen, die ich einst einer bestimmten Dame schenken wollte. Wenn ich
denke, daß ich mich hätte +hinreißen+ lassen, sie ihr zu schenken!? Es
gibt noch +befreiende+ Augenblicke. Jeden Tag stelle ich mich vor die
Birne hin!
*
Ich habe es zwar +schon einmal+ geschrieben, aber die Menschheit
scheint es vergessen zu haben: „+Nicht+ um die Geliebte weine, die du
+verloren+, um +die+ weine, die dir +geblieben+ ist!“
*
„Das Leben +ist eben+ nicht anders!“ sagte das Kaninchen, als es von
der Riesenschlange lebendig langsam verschluckt wurde. Dann steckte es
resigniert noch den Kopf heraus und seufzte: „Frau Schlange, wenn ich
Ihnen nur schmeck!“
*
Bei der Begrüßung von Menschen im Café, Restaurant usw. glaubt man es
momentan an den Gesichtern abzulesen, daß sie füreinander ins Feuer
gehen möchten; aber bei den ersten ausgeborgten fünfzig Kronen spießt
es sich mit dem Feuer.
*
Wasser ist das Ideal aller Getränke; man kann es nur +genießen+, wenn
man nämlich +wirklich+ durstig ist; dann aber mit +Hochgenuß+!
*
Ich habe immer bemerkt, wenn jemand einem eine schreckliche
Komplikation seines Lebens mitzuteilen die Ehre tut, man intensiv
auf seine Schuhe schaut und denkt: „Man kann eigentlich doch nur bei
Herring arbeiten lassen!“
*
Als die „Graphologische Ecke“ mir etwas +Ungünstiges+ schrieb, sagten
alle Freunde: „Siehst du, Peter?!“
Als sie mir etwas +Günstiges+ schrieb, sagten alle: „Jeder kennt deine
Handschrift! Diese Schlaumeier!“
„Das ist eine +Gemeinheit+!“ sagte daraufhin das Fräulein B. mit den
goldroten Haaren.
„Was ist eine +Gemeinheit+?! Daß Peter +so+ berühmt ist, daß alle seine
Handschrift +kennen+?!“
„Nein, +das+ nicht...“
„Also was +denn, was, was+?!“
Da wurde sie ganz rot, verlegen und glaubte selbst, daß +sie+ im
Unrecht sei!
*
Ich war in „Venedig“ in berühmten alten Palazzi, in denen ich +nicht
einen Tag lang+ leben könnte. Dann war ich in einem Kuhstall, da roch
es wunderbar, und von dem Plafond hingen keine Kristallglas-Lüster
herunter!
*
Es gibt Frauen, denen man nicht einmal ein Kalbsgulasch zahlen möchte,
und solche, für die man Wechsel fälschen möchte. Aber solche, denen man
einfach sagte, so viel habe ich, so viel kann ich entbehren, gibt es
nicht! Die „Ordnung“ macht ihnen keinen +Spaß+! Ihm oder ihr?! +Beiden+!
*
Être +enfin+ arrivé?! Mais c’est de très mauvaise race! Il faut être
arrivé +au jour de sa naissance+!
*
„Ich freue mich, daß ihr bürgerlichen Damen jetzt schon mit dieser
genialen Tänzerin E. aus dem ‚Palais de danse‘ verkehrt!“
„O pardon, +wir+ freuen uns, daß sie +mit uns+ verkehrt!“
„Ich hab ja meinen Mann schrecklich gern, selbstverständlich, aber wenn
wir noch einmal auf die Welt kommen sollten, +den+ nehm ich mir nicht
mehr!“
*
Die Biene ist das +Genie+ unter den +Wohnungserbauern+. Möchten Sie
aber gern mit ihr deshalb +ein Leben verbringen+?! Es gibt aber Frauen,
die mit +genialen Wohnungserbauern+ gern ein Leben +verbringen+ möchten!
DER „FEIGLING“
Einem Bekannten von mir ist etwas passiert, und wenn ich es hiermit
verteidige, werde ich es mir mit den +sogenannten „Kraftnaturen“+
verderben! Er ging nämlich um halb ein Uhr nachts in Oberdöbling,
von seiner süßen Geliebten weg, nach Hause. Auf dem Wege sprach ihn
ein fremder Herr an und bat um Geld. Herr D. nahm ihn aufs Korn und
eruierte, daß er sich mit zwanzig Heller nicht zufrieden geben werde.
Infolgedessen spendete er eine Krone. „Geb’n S’ an Zehner her!“ Mein
Bekannter öffnete die Brieftasche und überreichte zehn Kronen. „An
Zehner, sag i, an Zehner!“ -- „Ah, der rechnet noch nach der alten
Währung!“ Und wollte zwanzig Kronen spenden. -- „Spielen S’ Ihnen
nit lang mit mir herum! Und geb’n S’ alles her!“ Darauf gab er die
Brieftasche. „Alles, alles, sag i!“ Da gab er die Uhr, den Ring. Der
andere ging weg, ohne adieu zu sagen. Mein Bekannter machte keine
polizeiliche Anzeige. Er wußte nämlich, daß in seiner Brieftasche sich
sein Name mit Adresse befände, und befürchtete die spätere Rache.
Einige Tage später sagte eine „+Kraftnatur+“ zu ihm: „Wundern Sie sich
nicht, mein Herr, daß ich Ihren Gruß nicht mehr erwidere! Sie sollen
sich in einer der letzten Nächte, in Oberdöbling, nicht ‚+fair+‘
benommen haben!“ Am selben Abend sagte seine süße Geliebte zu ihm: „Is
doch gut, daß er dich nicht g’stochen hat!“
TABARIN
Im +Tabarin+ kann man +manches+ lernen, wie überhaupt überall,
+vieles+, vielleicht sogar +alles+. Aber man muß die +Lernorgane+
dazu haben. Sonst lernt man +nichts+, nirgends, und +verlernt+ sogar.
Augen, Ohren muß man haben und deren Verbindung mit Geist und Seele.
Voilà tout. Die +Französin+ also ist nicht +eitel+, das macht sie
vor allem dem „Drahrer“ sympathischer. Nie wird sie dich belästigen
mit Fragen, wie dir ihre Bluse, ihr Hut, ihr Ring gefallen. Machst
du eine günstige Bemerkung darüber, so ist sie glücklich, aber +Lob
erpressen+ wie bei uns tut sie nie. Sie hat die Qualitäten ihres guten,
freien und dennoch netten Benehmens, denkt +nie+ daran, auf dich
zu wirken, sondern +wirkt+! Ihr ist nie +bange+ um ihre +Wirkung+,
infolgedessen +denkt+ sie nicht daran. Sie ist eine unbewußte
Lebenskünstlerin, lebt ihre Persönlichkeit ganz kindlich unverfroren
aus, überläßt sich dem Schicksal, hat künstlerisch leichten Sinn, und
ihre Niederträchtigkeiten haben noch die Gloriole kindlichen Unwissens!
Man zürnt ihr nicht, das ist es! So wenig man einem Vögelchen zürnte,
das einen aus der Luft oder von einem Baumast aus bekleckste! Es
ist peinlich, aber man zürnt ihm nicht, eher sich selber, daß man
gerade dort hat sitzen müssen! Die Wienerin ist eine Erpresserin,
betrachtet dich von vornherein als einen Geizkragen, der nicht genug
„auslassen“ wird und dem man es daher unerbittlich „herauskitzeln“
muß. Der Champagnerfleck, den du auf das Kleid der Französin machst
unabsichtlich, erzeugt bei ihr einen einzigen tragischen flüchtigen
Augenblick, während die Wienerin sich verfärbt, gleichsam alt und krank
wird und dir es mitteilt, daß das Kleid dreihundert Kronen koste und
wie sie dazu käme, kannst net aufpassen, Ochs?!
Die Französin kümmert sich +niemals+ um deine +Laune+, Gast, um dein
seelisches Wohlbefinden. Sie tut, was sie +kann+, und vor allem,
was sie +will+! Die Wienerin ist ununterbrochen +auf der Lauer+ um
deine seelische Laune ihr gegenüber, da sie einerseits weiß, daß ihr
momentanes ökonomisches Glück davon abhängt, anderseits es +ganz genau+
fühlt, daß sie mit ihrer stieren Persönlichkeit +nichts+ dazu beitragen
kann, deine Laune zu +verbessern+! Die Französin wirkt mit ihrer
+Persönlichkeit+, die Engländerin mit ihrer +Reinheit+, die Wienerin
mit ihrer +Stierheit+!
Frauen sind zu werten +außerhalb+ der Weltkonstellationen!
SPLITTER
Gespräch meines Zimmerkellners mit dem Küchenmädchen über meine letzten
Aphorismen. Er: „Wenn man nur wüßt, wo der Mensch diese Einfälle alle
hernimmt!?“ Sie: „Er hat doch den ganzen lieben Tag nix anderes zu tun!“
*
Bekenntnis einer schönen Seele: „Das +peinlichste+ in der Welt ist,
wenn man an einem Mann gar nichts auszusetzen hat und sich doch mit ihm
tödlich langweilt!“
*
Die Liebe: Ich habe für eine bestimmte junge Künstlerin eine
direkt mystische Verehrung. Ich habe daher mein allerschönstes
+P.-A.-Kollier+, Glas, Holz, Seide, arbeiten lassen und werde es ihr
zum +Selbstkostenpreis+ überlassen!
*
Es gibt Damen, die im „Tabarin“ etwas +ganz Besonderes+ sich erhoffen.
Das sind „+Drah-Dilettantinnen+“. Zum „Drahn“ gehört vor allem die
langjährige gute Erziehung, vom Leben sich nichts Besonderes zu
erwarten!
*
+Die kleine Philosophin+:
„Mit die Champagnerwurzen is es wirklich ganz merkwürdig. Einmal kommen
dir drei auf einmal, und einmal wieder kommt gar keiner. Und dann kommt
dir einer, der kein Geld hat. Und grad der wär so nett, wann er a Geld
hätt! Und grad so aner hat dir kans!
Ergebenst +Finerl+.“
55. GEBURTSTAG
Wien, 9. März 1914.
Peter Altenberg,
und ich muß Ihnen jetzt doch schreiben. Ich dachte: ist es nötig? Ja!
Für mich! Ich +muß+ Ihnen schreiben, nicht damit Sie vielleicht in
einer Ihrer Sachen dann erwähnen: „Die und die schrieb mir...“ nein,
sondern Sie, Sie sind derjenige, zu dem man sprechen, +wirklich+
sprechen kann. Ich schreibe Ihnen nicht so, wie man Schriftstellern
schreibt, sondern als einem von den furchtbar Wenigen, die wissen,
was das bedeutet, wirklich ein Mensch sein wollen! Ich antworte ganz
einfach auf +all das+, was Sie mir in Ihren Sachen gesagt haben. Denn
+mir+ -- +mir+ haben Sie das alles gesagt -- ja, es ist für alle
andern +auch+, ich weiß -- aber +eigentlich+ doch nur für die, die es
+verstehen+. Die fühlen: das gilt dir! Sie sagen einfach das, was man
selbst schon hundertmal empfunden hat, vielleicht auch hat aussprechen
wollen -- und da steht es nun -- ganz selbstverständlich, und man weiß,
es ist das +Richtige+, das +einzig Wahre+, wie es ist -- oder sein
+sollte+.
Aber eines: woher -- woher haben Sie diese Zuversicht, daß die
Menschen, die Welt sich einmal ändern werden? Denn nötig wär’s schon...
Sie sind über fünfzig, nicht wahr? Nun, ich bin neunzehn, aber ich
bewundere Sie darum. Ja, vielleicht, wenn alle das einmal verstehen
würden, was Sie sagen, und +immer wieder+ sagen -- aber +hört+ denn
jemand zu? Ja, +ich+ höre -- aber es müßten ja alle andern es auch!
Dann vielleicht -- -- --! Aber was nutzt es, daß ich -- nachdem
ich Ihre Sachen gelesen habe, Sie für den +Lebenserhalter+ und
+Lebensförderer+ halte, und alle, denen ich es zeigen will, mich dafür
auslachen? Herrgott, ich möchte ja allen sagen, daß es toternst gemeint
ist, was Sie schreiben -- und daß es sehr traurig ist, +darüber zu
lachen+. Und ich möchte nur einen einzigen Menschen finden, mit dem ich
über Sie sprechen kann, wie Sie wirklich sind. Ich glaube, ich könnte
über Sie sprechen, wie über jemanden, den man lange und gut kennt, +so
genau sind Sie in dem drin+, was Sie schreiben -- nämlich das, was
wertvoll ist an Ihnen. Sonst sind Sie vielleicht ein Hund!
Deshalb kann ich zu Ihnen so reden, als würden auch Sie mich kennen.
Und ich bin gespannt, was Sie mir in Ihrem nächsten Buch +zu sagen
haben+. Denn ich habe jetzt alle Ihre Sachen gelesen -- und kann nichts
tun als versuchen, das, was Sie darin sagen, was Sie raten, selbst zu
erproben. Ich glaube fast, man braucht +dazu ein ganzes Leben+ -- -- --
Peter Altenberg, ich danke Ihnen. Sie haben mir das gegeben, was ich
brauche: den +Glauben+, daß +trotz+ und +trotz+ allem die Menschen noch
so werden können, wie Sie sie sehen. Und Sie sehen sie, freilich aber
nach tausend Jahren!
Paula Schweitzer.
LYRIK
Ich habe eine falsche, ja sogar eine +ganz falsche+ Ansicht irgendwo
gelesen über das Wesentliche des +lyrischen Dichters+. Das hat mich
gekränkt. Denn erstens kränkt mich jede +unrichtige+ Ansicht,
zum Beispiel, wenn man sagt, das Eiweiß sei wertvoller als der
Eidotter, oder Reis gebe keine Kraft, obzwar die Japaner damit Port
Arthur doch eingenommen haben; und zweitens ist es ganz falsch, den
lyrischen Dichter anders zu beurteilen als: ein +idealer Gipfel der
Subjektivität+, wodurch +jede+ seiner +Einzelempfindungen+ sich
zugleich +erhöht+ zur Empfindungsweise +aller+ Herzen, also sich
zur +Objektivität+ steigert oder sozusagen kristallisiert! Jeder
unglücklich Liebende ist ein „Werther“, +jede+ nicht erhörende
anständige Frau ist eine „Lotte“. Und Goethe hat seine +subjektive+
unglückliche Liebe zu Frau Lotte Buff +so+ geschildert, daß sie den
+Ewigkeitswert+ für alle +subjektiv+ unglücklich Liebenden und +alle+
subjektiv einen +nicht+ erhörenden +sogenannten+ anständigen Frauen
erhalten hat, also, item, +objektiv+ geworden ist! Wer mir +dagegen+
widerspricht, ist -- -- ein +Wider+spruchsgeist. Und die kann ich nicht
ausstehen. Wenn ich die Bergalmen so schildere, daß +jeder+ sagt:
„Ja, so ist sie, meiner Six, da gibt’s gar nix!“ dann bin ich ein
subjektiv-objektiver Dichter der Bergalm, also a Lyriker.
Wenn +meine+ Träne von allen +agnosziert+ wird als +ihre+ Träne,
wenn +mein+ Lächeln von allen +agnosziert+ wird als +ihr+ Lächeln,
wenn +meine+ Eifersuchtsqualen zugleich von allen als +ihre+
Eifersuchtsqualen gefühlt, gelitten werden, ich also nur das +tönende+
Herz aller, +leider stummen+, bin, indem ich es +sage+, mitteile,
hoffentlich aber +ohne Reim+, so bin ich ein +lyrischer Dichter+! Der
+lyrische Dichter+ unterscheidet sich von dem +lyrischen Menschen
überhaupt+ nur dadurch, daß er +aussagt+, was jener +verschweigt+!
Diskretion in +Herzenssachen+ ist, wie Diskretion in sexuellen und in
ökonomischen Sachen, +immer nur+ ein Zeichen, daß irgendwo irgend etwas
irgendwie nicht ganz koscher ist und das +Licht des Alltages+ zu meiden
hat! Der Dichter hat +nichts+ zu +meiden+!
DER TOD EINER SAMARITERIN
+Komtesse Lubienska vom Schnellzug getötet+
+Krakau+, 24. März.
Gestern abend ereignete sich auf der Eisenbahnstrecke Krakau-Zakopane
ein schwerer Unglücksfall, dem die neunzehnjährige Tochter des dortigen
Großgrundbesitzers Grafen Dr. Felix +Lubienski+ zum Opfer fiel. Die
Komtesse, die in der ganzen Umgebung wegen ihres Wohltätigkeitssinnes
allgemein verehrt wurde und der Bauernschaft in Erkrankungsfällen stets
erste Hilfe leistete, erhielt gestern abend die Nachricht, daß eine
Bäuerin in einem nahegelegenen Bauernhofe im Sterben liege. Sie begab
sich unverzüglich auf den Weg dahin, und um diesen abzukürzen eilte
sie durch den Schloßgarten, der von der Eisenbahnlinie Krakau-Zakopane
durchschnitten wird. Beim Versuche, das Geleise zu übersetzen, wurde
sie von dem eben die Stelle passierenden Schnellzug erfaßt und getötet.
Man fand die junge Aristokratin als gräßlich verstümmelte Leiche auf.
Als der tragische Tod der Komtesse in der Umgebung bekannt wurde,
strömte die Landbevölkerung in Scharen nach dem Schlosse, um an
der Bahre der allverehrten Wohltäterin Gebete zu verrichten. Das
Leichenbegängnis wird sich zu einer Trauerkundgebung der ganzen
Bauernschaft im weiten Umkreise des gräflich Lubienskischen Besitzes
gestalten. Und gerade +diese+ mußte überfahren werden!? Zum
„+überfahren-werden+“ sind doch +andere+ da! Wenn ich da an Paula,
Esthère, Anna, Mitzi denke und diese anderen -- -- -- „Samariterinnen“!?
DIE STUPIDITÄTEN DER VOGEL-STRAUSS-POLITIK
„Nein, sie erzählt mir merkwürdigerweise wirklich alles, alles, ich
habe mich wiederholt, sogar zu meinem Erstaunen, davon überzeugt!“
Ochs!
*
„Ich gebe zu, daß sie sich gern amüsiert -- -- --.“
Ich geb’s auch zu. Gebn S’ noch etwas zu, daß mer auf gleich kommen!
*
„Sie ist ja noch ein halbes Kind -- -- --.“
Ja, aber die andere Hälfte ist ein ausgewachsenes Mistvieh!
*
„Sie sagt immer ‚Maxl‘ zu mir, und zwar so herzig -- -- --.“
Ich höre immer nur heraus „Herr Idiot“, „Herr Nebbich“ und von herzig
keine Spur.
*
„Muß man denn gleich das Schlimmste von jemandem denken?!“
Nein, das wäre unbequem.
*
„Meine Frau ist sparsam. Sie braucht +nur+ das +für sie+ Notwendigste!“
Ah, da schau her.
*
„Ich habe mir trotz allem noch eine gute Portion Optimismus bewahrt!“
Sie meinen wohl eine riesige Portion Kretinismus!
*
„Ich habe so viele Beweise ihrer Anhänglichkeit,“ sagte die Maus von
der Katze;
ja wirklich, sie hatte sie zum Fressen gern.
*
„Wir wollen doch nur auf eine +angenehme Weise+ getäuscht werden!“
Wie ist das?!?
*
„Sie hat eine solche Freude über +meine+ Blumen!“
Über Ihre +Blumen+!
*
„Sie ist fast die ganze Hälfte des Jahres so nett zu mir -- -- --!“
Ja, sechs Wochen vor Weihnachten, sechs Wochen vor ihrem Geburtstag,
sechs Wochen vor ihrem Namenstag und sechs Wochen vor deinem Besuch in
ihrem Seebad. Macht schon ein ganzes halbes Jahr!
GEISTIGKEIT
+Vergeistigung+ ist, wenn die äußerste menschlichste Zärtlichkeit sich
ins +Körperliche+ hinüberretten, sich befreien, sich dokumentieren
+muß+, weil man es absolut nicht mehr bei sich behalten könnte! Meine
Schwester Gretel mußte, besonders in der letzten schweren Zeit, dem
geliebten 85jährigen Vater ununterbrochen leise über die silberweißen
Haare streicheln, sonst hätte sie diese Fülle von aufgestapelter Angst,
Sorge, fanatischer Anhänglichkeit +unmöglich aushalten+ können. Sie
+mußte+ ihn streicheln, ihm in die Augen schauen, seine Hände berühren!
So sei der Liebende; die Liebende! Nicht +anders+! Der Hund muß vor
zärtlichster Anhänglichkeit wedeln, irgendwie muß er seine tiefe Liebe
zu dir +äußerlich+ ins Leben hinaus, +körperlich+ dokumentieren, ja dir
+beweisen+ und leicht plausibel machen! Er weiß, daß du sein Innenleben
sonst +nicht ganz+ erfassen kannst! So sei alles Körperliche nur der
+letzte plausible Ausdruck+ einer tiefen seelischen Angelegenheit, die
ans Licht des Tages gelangen will und +keinen Grund hat+, sich länger
zu +verstecken+! So sei der Kuß und jegliche Berührung! Die +innere+
Zärtlichkeit wird +endlich herausgeboren+ in die Welt, braucht sich
nicht +zu genieren+, +kann+ es sogar nicht, da sie zum Leben+müssen+
+erstarkt+ ist! +Unentrinnbarer+ Zwang sei die Devise des +höchst
kultivierten+ Organismus, nicht +spielerische Tändelei+! +Alles+
stehe unter den heiligen Schutzfittichen der Natur, und die Berührung
geliebter Finger sei +nur+ der Ausdruck unabwendbarer seelischer
Anhänglichkeiten!
Alle +körperlichen+ Dinge aber sogleich +körperlich+ empfinden, ist
ein Zustand von sogenannter „reizbarer Schwäche“, das heißt, man hat
nicht Zeit, +seelisch auszureifen+! Dante konnte sieben Jahre für die
vergötterte Beatrice seelisch ausreifen! Es gibt ein herrliches Lied,
mit dem Refrain: „Zeit -- -- -- nur +Zeit+!“ Sich „Zeit nehmen“ ist die
edle Ermahnung von Volksschullehrern an ihre Schüler. Ja, wertvolle
Frauenseelen mahnen eigentlich immer ängstlich: „Es wird schon die Zeit
kommen -- -- --.“ Zu jeglicher „Vergeistigung“ ins Körperliche braucht
man +Zeit+, und die vorschnell gepflückte Stunde ist ein Verbrechen und
eine +Ungeschicklichkeit+, die du an +dir selbst+ begehst! +Reizbare
Schwäche!+
APOLLOTHEATER