Dieser Max, mein Onkel, der seit sieben Jahren tot ist, war einmal

sehr hübsch gewesen, ja, sogar besonders hübsch, auch nach modernen

Begriffen. Ganz schlank, ganz groß, und eine Stumpfnase. Infolgedessen

hatte er ein Liebesverhältnis mit der ganz jungen Näherin seiner Mama,

+meiner+ Großmama. Er kaufte sich daher in Hietzing, Hauptstraße, ein

kleines Haus mit Gärtchen und ließ die junge Näherin darin wohnen. Sie

legte eine Rosenkultur an und Nelken, und war froh, daß ihre zarten

schönen Finger nicht mehr vom Nähen leiden mußten. Sie pflegte sie

sogar, gleichsam als Entschädigung für schreckliche qualvolle Jahre,

mit Malatine, Honigglyzerin. Eines Tages beschloß die Familie, daß

mein schöner, magerer, langer Onkel mit der Stumpfnase eine „Partie“

machen solle. „Ja,“ sagte er, „à la bonheur. Aber was soll mit Anna

geschehen?!“ Man verheiratete Anna mit einem Manne, der sie seit ihrer

Kindheit schrecklich gern gehabt hatte und dem es nur am „Nervus rerum“

gefehlt hatte, um sie, pardon, um +sich+ glücklich zu machen! Anna war

mit allem einverstanden, denn es ist besser, dort einverstanden zu

sein, wo nicht einverstanden zu sein einem auch wenig nützen könnte.

Nun heiratete mein Onkel und baute auf der Hietzinger Villa noch einen

Stock auf. Ein Gärtner wurde engagiert, um die Rosen- und Nelkenkultur

Annas weiter zu pflegen. Eines Tages sagte meine angeheiratete Tante zu

meinem schönen, langen, mageren Onkel mit der Stumpfnase: „Du, wer war

diese Anna eigentlich, nach der diese schönen gefleckten Nelken benannt

sind?!“ Mein Onkel schaute auf die gefleckten Nelken und verstand gar

nicht, daß diese Anna überhaupt noch irgendwie im Leben in Frage käme!

Nun ist mein Onkel schon seit sieben Jahren tot, und meine Tante

ist schon Großmama. Unverändert in herrlichem Beete sind nur die

gesprenkelten Anna-Nelken geblieben in der Hietzinger Villa.

BRIEF AN GRETE WIESENTHAL, DIE TÄNZERIN

Schone deinen Verdauungsapparat, dieses +Zentrum+ deiner

Lebensenergien, aus freier Entschließung, wie eine kranke Wöchnerin

es +notgedrungen+ tun muß -- -- -- und du wirst leicht und beweglich,

fliegend und schwebend, tanzend und jauchzend bleiben!

Hilf nach mit dem heiligen Purgiermittel: +Rhamnin+, Cortex Rhamni

Frangulae, ein Eßlöffel voll vor dem Frühstück!

Idealer Ersatz für +jedes kalte Bad+: Menthol-Franzbranntwein, in

großem +Zerstäuber+, auf den +ganzen Leib+ gestaubt wie Regenschauer.

Abends vor dem Schlafengehen, morgens beim Erwachen!

Armheben, dann nach +abwärts+, und heben +seitwärts+ hinauf, +im Tempo+

des schleunigen +Versaglieri-Marsches+, zu Klavier, Klarinette und

kleiner Trommel (Sousa-Märsche!).

Das +Tanzturnen+!

Vorwärts! Rasch! Präzise! Wie die Maschinengewehre rattern, ră--tā!

Ihr ergebener Peter Altenberg.

p. s. man wird +Tänzer+ durch +Turnen+! Durch Tanzen allein +nie+!

FRAUEN

Die meisten Männer sind sentimental, wenn es ihnen in ihren Kram paßt.

Zum Beispiel: „Mir, mir kannst du das antun, mir, der dich aus dem

Sumpfe herausgerettet hat, mir, ohne den du elend verkommen wärest?!“

Sie will eben das nicht hören, daß sie überhaupt in einem Sumpf je

gesteckt habe, in einer prekären Lage! Daran sie zu erinnern empört

sie, zumal zu einer Zeit, wo sie noch höher hinaus will, wenn auch auf

deine Kosten! Herr, sie will es sich einreden, daß sie als Prinzessin

fertig vom Himmel herabgefallen sei, direkt in ein elegantes Auto

hinein! Erinnere sie daher nicht sentimental, wer sie war, denn eben

das will sie vergessen! Schreibe ihr nicht: „Wo sind die Zeiten, da wir

noch im fünften Stock eines alten Hauses -- -- --?!“ Denn, siehe, sie

will im Hochparterre eines neuen Hauses!

STAMMTISCH

Ein Stammtisch ist ein Tisch, an dem abends die Ungezogenheiten,

Frechheiten und Egoismen der Nebenmenschen ins Unermeßliche auswachsen!

Ein +Spülwasser-Ausguß+ für alles, was die beschäftigte Lebensmaschine

bei Tage belastet und irritiert hatte!

Ich habe daher zu meiner irgendwie möglichen Entlastung einen +kleinen

Tarif+ zu meinen Gunsten eingeführt.

Anekdoten aus der Kinderstube und wundersame Erlebnisse mit seinen

Kleinen: 70 Heller!

Versuche des Mannes, die Gattin oder Geliebte zu blamieren, zu

desavuieren oder als „Dummerl“ hinzustellen: 1 Krone 20! Rache der

beiden Geschlechter für irgend etwas, was sie bei Tage gegiftet hatte:

80 Heller! +Ostentativer+ Versuch eines Herrn, einer Dame bei allen

Dummheiten, die sie sagt, rechtzugeben: 1 Krone 40! Gespräche über

Hygiene, die nicht den Lehren meines „Prodromos“ entsprechen: 90 Heller!

Versuche der Eroberung einer Seele, die, wie alle Seelen, +mir+ gehört,

3 Kronen 80! +Zu nahes+ Sitzen neben einer Dame, die +mir+ gefällt: 5

Kr.! Am ersten Abende der Einführung meines Tarifes, bezahlte mir Herr

T.:

70 Heller

1 Krone 20 „

-- 80 „

1 Krone 40 „

-- 90 „

3 Kronen 80 „

5 „ -- „

--------------------

13 Kronen 80 Heller

ITALIEN

Der Kommis in der +angeblichen+ „Delikatessenhandlung“, der mir den

+angeblichen+ „Prager“ Schinken vormittags aufschnitt und jedes Stück

vorsichtig und behutsam mit seinen ehrlichen aber schmutzigen Fingern

hinlegte, sagte mir wiederholt: „Signor! Heute abend müssen Sie

+bestimmt+ auf den Markusplatz, man spielt Ouverture Amleto!“ Oder:

„Man spielt heute eine Messe von Perosi!“

Ich dachte: „Könnte er nicht während dieser angenehmen Mitteilungen die

Schinkenschnitten mit der Gabel anfassen?!“ Nein, das konnte er nicht.

So musikalisch war er doch nicht.

In dem Glasgeschäfte sagte ich zu dem Kommis: „Diese kleine lilagrüne

Vase würde ich für drei Lire gerne kaufen!“ „Sie kostet sieben Lire,

mein Herr!“ Ich setzte mich und begann mit meiner süßen Fistelstimme

das „Lied an Lola“ zu singen. Er sagte: „Bitte, jetzt Puccini!“ Ich

sang es. Dann sagte er: „Verdi!“ Als das Konzert zu Ende war, packte er

mir die kleine Vase ein und sagte:

„Drei Lire!“

CAFÉ CAPUA

(Ein Gespräch mit einer süßen Amerikanerin)

„Peter, warum heißt das Café von meine berühmte Mann, Arkitekt Loos,

+Cäpüä+?!?“

„Das kann man nicht erklären!“

„Old idiot!“

„Als nämlich die römischen Legionen -- -- --“

„Peter, don’t be foolish, what’s that, +Legionen+?!“

„Hööö -- -- -- die Soldaten, die Offiziere -- -- --.“

„Ah, the officers -- -- --!“ +Das+ verstand sie.

„Als die römischen Offiziere in Cäpüä zu lange verweilten -- -- --.“

„Peter, idiot, what’s that ‚+verweilten+‘?!“

„They were staying there too long time -- -- --.“

„Aha!“

„wurden sie unfähig -- -- --.“

„What’s that ‚+unfähig+‘?!“

„They could not more -- -- --.“

„Aha!“

„They could not more go in the war, sie konnten nicht mehr in den Krieg

ziehen!“

„Wat’s for connex with the coffeehouse of my grand Dolf?!?“

„Wer dort +sitzt+, fühlt sich +so wohl+, daß er nicht mehr kann gehn

+anderswohin+!“

„Ah, my Dolf is de greßte Arkitekt von de ganze Welt!“

„Zerspring!“

DIE KELLERSTIEGE

Sizilianische Szene

Der Vorhang geht auf

Der Sohn zu dem +vollständig gelähmten+ alten Vater:

„Vater -- -- -- Vater, wie befindest du dich heute? Nein, du kannst mir

nicht +antworten+! Aber ich ersehe es +dennoch+ auf deinem bleichen,

aufgedunsenen, geliebten Gesicht, wie es dir heute geht! +Besser!+

Die Hände nicht so schrecklich geschwollen wie in den letzten Tagen!

Ja, +Geliebtester+, alter Unglücklicher, und +vielleicht dennoch+ der

+weitaus+ Glücklichere von uns beiden, denn +ich+ sorge mich Tag und

Nacht +um dich+! +Um wen denn+ sonst sollte ich mich sorgen?! +Um

Anita?!+ +Die+ sorgt für +sich selbst+! Sie hat nicht die +Gabe+, mich

+um sie+ besorgt zu machen! Sie sorgt +für sich selbst+! Aber, du,

Alter, +hast+ die Gabe, denn du bist gelähmt und +hilflos+! Vater, ich

fühle mich +so einsam, trotz+ Anita, oder vielleicht +wegen+! Vater,

stirb mir nicht, hörst du?! Alter Mann, so wie du lebst, gelähmt, bist

du dennoch ein +Hort+ für mich, eine +Stütze+, ein +Heiligtum+! Möge

Gott mir gestatten, dir weiterhin deinen Stärkungswein aus dem Keller

holen zu dürfen! Möge die alte Kellerstiege so lange aushalten!“

Josefus erscheint:

„Du hast mir sagen lassen, ich solle nachschauen, und die Kellerstiege

ausbessern?! Hast du etwas bemerkt?!“

„Sie ist alt wie mein geliebter Vater. Man muß da immer und überall

besorgt sein. Sie kommt mir nicht mehr +ganz geheuer+ vor! Es ist keine

+neue+ Stiege. Man hat sie +verbraucht+, man muß nun +vorsichtig+ sein,

um sie zu +erhalten+!“

„Ich werde mein möglichstes tun, selbstverständlich!“

„Wir haben unsere alten guten Weine da gelagert, ich erhoffe mir davon

für meinen Vater Gesundheit! Für mich könnte er +einstürzen+, und Anita

trinkt nicht. Wozu braucht sie Wein?! Sie ist so vollsaftig. Sie

berauscht sich an sich selber!“

„Ich werde hinuntersteigen, nachsehen. Sei ohne Sorge!“

Er steigt hinunter.

Anita kommt.

„Du bist allein, Alter?! +Noch immer+ lebendig? Schade! Nun, +mich+

störst du nicht, du +Gelähmter+! Dein Sohn ist ein +Esel+! Ein +Esel+,

ein +Esel+, +verstehst+ du mich, du alter Geschwätziger?! Ja, +mit den

Augen+ schwatzest du, mit den Augen, aber das versteht Gott sei Dank

niemand!“

Man hört ein schreckliches Gepolter im Keller, ein düsteres Fallen.

Anita: „Was ist da unten los?!“

+Endlich+ kommt Josefus herauf, mühselig, erzählt von dem Einsturz des

Weinkellers, man möge niemand hinunterlassen!

Anitas +Liebhaber+ erscheint.

Anita: „+Gut+, daß du da bist, +gut+! Ich kann es nicht +aushalten+

ohne dich! Der Alte will nicht sterben, dieser +Eigensinnige+, und der

Esel +langweilt+ mich mit seiner +Sohnesliebe+! +Du+ bist für mich Luft

und Licht, +dir allein+ gehöre ich! Alter, Eigensinniger, hörst du es,

ja, du hörst es, +diesem allein+ gehöre ich, und nicht deinem Esel von

Sohn!“

Sie küssen sich.

„Alter, nun erzähle alles deinem Esel von Sohne! Ja, wir +küssen+ uns,

und wir +lieben+ uns, und noch mehr, +noch mehr+! Aber dein Sohn hat

die +Sohnesliebe+, da verpufft er seine ganze Glut, und für sein armes

Weib bleibt nicht viel übrig! Ich +begnüge mich nicht+ mit dem, was

von seiner Sorge um dich +für mich übrig bleibt+!“

Der Liebhaber ab.

Der Sohn kommt, will in den Keller, dem geliebten Vater seinen Wein

bringen. Anita erkennt da +plötzlich+, daß sie ihn jetzt +loswerden+

könnte, wenn sie ihn +nicht warnt+. Sie blickt ihn +unbeschreiblich

hart an+, während er die leeren Flaschen reinigt. Der Alte will ihn vor

dem Todesgang mit den +gelähmten Händen zurückhalten+, kann es aber

nicht!

„Vater, ich tue es ja für dich, du Dummer, Guter, der Wein wird dir

Leben bringen!“

Er geht langsam hinunter die Kellerstiege, +stürzt sich zu Tode+! Anita

schleicht höhnisch zum Alten hin. Der +reckt sich+, wird momentan

ungelähmt und +erwürgt+ sie.

Vorhang

(Einem +ungeschriebenen+ Stücke der +Maria-Grasso-Truppe+

nacherzählt.)

TSCHUANG TSE: -- DER GLOCKENSPIELSTÄNDER

Tsching, der Meister der Holzarbeiter, schnitzte einen

Glockenspielständer. Als es vollendet war, erschien das Werk allen, die

es sahen, als sei es von Geistern geschaffen. Der Fürst von Lu fragte

den Meister: „Welches ist dieses Geheimnis in deiner Kunst?“

„Dein Untertan ist nur ein Handwerker,“ antwortete Tsching, „was für

Geheimnis könnte er besitzen? Und doch ist da etwas. Als ich daran

ging, den Glockenspielständer zu machen, hütete ich mich vor jeder

Minderung meiner Lebenskraft. Ich sammelte mich, um meinen Geist zur

unbedingten Ruhe zu bringen. Nach drei Tagen hatte ich allen Lohn, den

ich erwerben könnte, vergessen. Nach fünf Tagen hatte ich allen Ruhm,

den ich erwerben könnte, vergessen. Nach sieben Tagen hatte ich meine

Glieder und meine Gestalt vergessen. Auch der Gedanke an deinen Hof,

für den ich arbeiten sollte, war geschwunden. Da sammelte sich meine

Kunst, von keinem Außen mehr gestört. Nun ging ich in den Hochwald. Ich

sah die Formen der Bäume an. Als ich einen erblickte, der die rechte

Form hatte, erschien mir der Glockenspielständer, und ich ging ans

Werk. Hätte ich diesen Baum nicht gefunden, ich hätte die Arbeit lassen

müssen. Meine himmelsgeborene Art und die himmelsgeborene Art des

Baumes sammelten sich darauf. Was hier Geistern beigemessen wurde, ist

darin allein begründet.“

PLAUDEREI

Ich verstehe es nicht, weshalb die Frauen so anspruchsvoll sind, in

allem?! Ich finde schon eine +Doppeltüre+, wobei die innere noch dick

mit +Werg+ ausgepolstert ist, einen Messing-Türverschluß und +Ohropax+,

Wachs-Watte-Kugel als +Ohr-Verschlußtüre+, für ein +außergewöhnliches+

Glück! Man hätte doch malheureuserweise in einer Zeit leben, vegetieren

können, wo +das+ noch nicht erfunden war! Und man hat, man hat!

Aber Frauen wollen verehrt, verehrt werden, und begehrt, begehrt

werden! Was haben sie von vollständiger garantierter Zimmerruhe mit

Doppelpolsterung?! Beweist es ihnen, daß sie +doch zu irgend etwas+

von Nutzen sind?! Nein. Es beweist ihnen gar nichts. Aber sie +wollen

bewiesen haben+! Freude an Gegenständen!? Wenn man ihnen wenigstens

+diese+ „Kultur“ beibringen könnte! Aber +welcher+ Gegenstand erfreut

sie?! Der, den die +andere+ nicht hat! Einen +bestimmten+ Schirmgriff

+lieb+ haben können! +Dazu+ eine geliebte Frau +emporerziehen+! Die

Mode ist für +die+ vorhanden, die nichts +wirklich lieb+ haben können

von Gegenständen! Man gibt diesen +humpelnden+ Hexen deshalb diese

+Krücke+ „Mode“! Aber der freie bewegliche Mensch ist schwebend, mit

+eigenem+ Geschmack, +über+ diesem Kerker „Mode“! Ich sprach früher von

gepolsterten Doppeltüren -- -- -- ja, auch +das+ kann bereits glücklich

machen, und es ist +unabhängig+ davon, daß einen eine gern hat! Oder

einer eine! Glück ist Unabhängigkeit von dem, der einen scheinbar

glücklich macht!

DIE URGROSSMUTTER

von Anna Lesznai

(Muster eines +gänzlich+ unverschmockten, +verständlichen+ und

dennoch +tiefen+, einfachen, +modernen+ und dennoch +ewig+ alten

Gedichtes!)

Auf +vergeßnem+ Gottesacker ruht mein Ahnchen wurmzerfressen --

selbst die dunkle Ammensage hat den Namen +längst+ vergessen.

Wo du +wohntest+, Urgroßmutter? Hinterm Berg, im neunten Hage

muß ein weißes Häuschen stehen -- +da erschöpftest du die Tage+.

Warst vielleicht ein +Krämerweibchen+ -- und in einem +dumpfen+

Laden,

zwischen Mehl, Kattun und Pfeffer lebtest du in Staub und Schwaden.

Dicht am Laden noch die +Schenke+; wie sich auch die Sonne

+wende+ --

+immer+ regten sich die starken, +arbeitsamen+ beiden Hände.

Hat der Größern Schar +gefuttert+, wollt der +Säugling+ just

erwachen --

hieß es rasch im Laden +rechnen+ und den Zechern +zuzulachen+.

+Schwere+ Stunden, +stumme+ Stunden ging dein Leben ohne Säumen --

+kanntest nicht+ die holde Liebe, hattest keine +Zeit+, zu träumen.

+Niemand+ weiß von dir zu sagen. +Nichts+ als deine armen, blassen,

+ungeträumten+ Träume hast du +mir+ als Erbe +hinterlassen+.

In dem dunkeln, dumpfen Laden, +still+ in deiner Seele Tiefen

wuchsen +süße+ Frauenwünsche, die den lauten Tag +verschliefen+ --

mit den seidnen Festtagskleidern und dem selbstgewobnen Linnen

schlossest du sie in die Truhe, für die späten +Enkelinnen+.

+Ich+, die junge Urgucktochter, darf die +reiche+ Truhe leeren,

Urguckahnchens Träume +spinnen+ und von +deiner Sehnsucht zehren+.

Rosen +längst vergeßner Lenze+ blühen mir zum +Feiertage+,

weil ich meiner Urgroßmutter +ungelebte+ Liebe +in mir trage+.

Genehmigte Übersetzung von Roda Roda.

DIE AUFFASSUNG

Ich schrieb in die Zeitung über die süße Tänzerin Hedi Weingartner,

sie repräsentiere in allem und jedem die herzige Wienerin. Der Schluß

lautete: „Und dennoch, bei aller Lustigkeit, innerlich dennoch tief

traurig! Worüber?! Fraget +Franz Schubert+ und +Hugo Wolf+!“

Mein junger Zimmerkellner sagte zu mir: „Jessas, das war wieder schön,

was Sie über die Wienerin g’schrieben haben. Und die G’schicht mit dem

Herrn Wolf und dem andern Herrn!“

„Wie ist das?!“ fragte ich.

„No, die zwei Herren, die das arme Madl stehn g’lassen haben!“

„Nein, das sind zwei längst verstorbene berühmte Wiener

Liederkomponisten, die äußerlich lustig und in ihren Liedern dennoch

tief traurig gewesen sind!“

„Aha... +so+ ist das aufzufassen! Herr von Altenberg, aufrichtig

gesprochen, +meine+ Auffassung g’fallt mir besser!“

ENGLAND

Soll ich wieder einmal eine Hymne anstimmen zum Preis und Lob

aller dieser herrlichen bettelarmen unwissenden und dennoch

+höchstkultivierten+ englischen Tänzerinnen aus den Tanztruppen?! Soll

ich sagen, daß, trotzdem sie vielleicht nur die Töchter von Matrosen,

Polizeiwachtleuten, Hausbesorgern sind, sie das bescheidenste,

vornehmste, keuscheste, unkoketteste, un-männersüchtigste,

un-geldgierigste Benehmen haben?! Im +Gegensatz+ zur +Französin+ und

anderen uns näher liegenden Nationen?!? Es sind +Dollies+, Püppchen,

zart und ergeben, dankbar, freundschaftlich, verständnisvoll, anmutig,

originell und +ihre eigene Welt+ durchlebend, sogar +durchtrauernd+!

Erstaunt sind sie, daß die Männer größtenteils so frech und dumm,

eitel und noch etwas anderes sind. Aber sie können sich Gott sei Dank

nicht helfen, verändern nicht ihr süß-kindliches Sein! Soll ich die

„+Four magnets+“ erwähnen, mit den Kindchen +Bessie+ und +Olive+?! Die

+Rockinggirls+ mit der süßen Elsie, und mit Lilly, der Gebenedeiten?!

Die +Romaine-Truppe+ mit der edlen Lilly Romaine, die mir aus Rom

geschrieben hat, seitdem sie in der Peterskirche war, könne sie nicht

mehr so leicht und fröhlich abends tanzen?!? Die +Ismay-Truppe+ mit Ida

und Beatrice Ismay, die sagten: „O, der böse Publikum war heute sehr

gegen uns, kein Applaus, wir wollen nicht supieren, kein Appetit, wenn

man uns nicht lieb hat!“ Und die Sechzehnjährige mit braunen dicken

Locken sagte zu mir: „O bitte, kann ich einen Moment stören?!“ „Gewiß!“

sagte ich. „O bitte, ist es richtig, daß Sie sind a most clever poet

of Vienna?!“ „Ob +clever+, weiß ich nicht, aber poet, no ja!“ „O

bitte, wir haben auch sehr große Dichter bei uns in England!“ „Gewiß,

natürlich, es ist kein Zweifel!“ „Zum Beispiel Shakespeare.“ „Ja, ein

bedeutender Mensch!“ „Er ist leider schon gestorben!“ „Ja, schade um

ihn, gerade solche Leute müssen weggehen!?“ „Es muß eine angenehme

Arbeit sein, zu dichten!“ „Ja, es ist nicht unangenehm!“ „Man darf

arbeiten, wann man will, nicht wahr?! Wir sind +auch+ Artisten. Wir

müssen auch arbeiten, aber zu einer bestimmten Stunde, elf Uhr abends.

Sie arbeiten wahrscheinlich in der Früh?!“ „Nein, in der Früh schlafe

ich.“ „Ah, also mittags, wenn die Sonne hell und schön vorhanden ist?!“

„Nein, da schlafe ich auch noch.“ „Immerhin, ein Dichter ist frei, er

ist ein Vogel.“ „Ja, das ist er!“ sagte ich. Ich wäre gern vor diesem

Kinde hingekniet und hätte ihr gern ein Rumpsteak mit potatoes bezahlt

-- -- --. Aber kann man Lieblichkeit bezahlen?! Nein!

DAS GLASGESCHENK

Weshalb ein Glas, dickes Kristall, geschliffen nach Altwiener

Muster, mit deinem Namen in +meiner+ Schrift graviert?!

Leblose Dinge sollen dir auch +lebendig+ werden,

wo’s keinen +Gram gibt+ und keine +Enttäuschung+!

Nicht, daß du daraus trinkest, weil +ich’s+ spendete!

Du sollst am +Glas+ dich freuen, an der +Form+,

und daß es +dein+ ist, zu +eigenstem+ Gebrauche,

von allen anderen +merkwürdig+ unterschieden!

Und solltest du dabei meiner +gedenken+,

so kann’s dem schönen Glase auch nicht schaden!

Heil dir und deinem Trunk!

Nicht, daß du sagest: „Ich hab ein Glas, es ist +von ihm+!“

Sondern: „Ich hab ein +wunderschönes+ Glas, und +außerdem+ ist es

von ihm!“

VANITAS

O Mann, +falls+ du einer +bist+,

sage niemals: „Ich +werde+ geliebt!“

Sage immer nur: +Ich+ liebe!

Das erstere überlasse der zarten Frau, dem Walde und der Rose!

Sie sind vorhanden, um, schweigend, geliebt zu +werden+!

Du aber +liebe+! Das sei deine Kraft, dein Stolz!

Und wenn du +Gegenliebe+ findest,

so sei es nur gleichgültiges +Echo deiner+ Weltposaune!

Auch +ohne+ Echo +bist+ du es!

STÄNDCHEN

An Paula S.

Wenn +du+ bei mir bist,

denke ich +nur+ an alle anderen!

Wie schrecklich es nämlich mit ihnen war, wie dumm, verlogen und wie

+überflüssig+!

+Du+ allein spürst es, +wie+ ich den „Talhof“ liebte, Reichenau, den

Schneeberg, Gmunden, die Dolomiten, Semmering, +du+ spürst es,

machst es gleichsam +mit+, in mir, in dir,

und in der Welt +realer+ Träumereien!

+Du+ spürst es, daß du mir bist wie ein +Extrakt+ von allem diesem

Schönen,

das ich in vielen Jahren, +fern+ von dir, erlebt!

Ich habe es +erlebt+, um es von neuem +mit+ dir, +in+ dir und

+durch+ dich zu erleben!

Und +so+ erlebst du’s noch +einmal+ mit mir, ohne es je gesehn zu

haben ...

MEIN FENSTERBRETT

Von +allen+ meinen betreuten Blumen auf meinem Fensterbrett,

in herrlichen Vasen, bliebst +du+ mir getreu,

+du+ Buschen von lila Margeriten!

+Du+ wuchsest und gediehest freudig, liebevoll, unter +meiner+

Pflege!

Die +anderen+ Blumen, vielleicht +zarter+ oder +minderzart+,

sehnten sich nach etwas +anderem+,

das +ich+ in +meinem+ Zimmer nicht zu bieten hatte!

+Trotz+ treuester Pflege!

Sie wollten hinaus, +irgendwohin+,

und weg von mir!

+Du+ aber, lila Margeritenstrauß,

in blausilberner Vase, fühlst dich +wohl+!

Ich spende dir +nicht mehr+ wie allen anderen!

+Du+ bleibst in Pracht. Die anderen welken hin und wollen +fort+!

Für sie gibt’s +irgendwo+ ein besseres Leben!

So geht denn hin, zu +anderen+ Betreuern!

In +meinem+ Raum gedeiht nur +meine+ Welt!

PAULINA

Ich hab „erwarten“ nie gekannt!

Wirklich nicht! Es ist keine Überhebung. Ich hab es nicht gekannt.

Wenn sie kam, kam sie. Wenn sie nicht kam, kam sie nicht.

Kann ich sie zwingen?!

Man hat so viel Verpflichtungen, Vergnügungen!

Soll ich erst fragen, um die Wahrheit oder die +Unwahrheit+ zu

erfahren?!

+Beides+ ist wahr. Wahr ist, daß sie +nicht+ kam!

Ich hab „erwarten“ nie gekannt.

+Jetzt+ kenn ich es.

Süß-bitter, bitter-süß schmeckt’s auf der Seele!

Wie wenn man einem durstigen Tier den Wassernapf zeigte,

und ihn zurückzieht. Dennoch sieht er ihn und weiß, er ist!

Genug +Vergleiche+! Wer +den+ nicht versteht,

versteht den anderen +auch nicht+!

Viele Dichter haben schon tief geschrieben über die Erwartung.

Ich aber sage: +Dürstendes+ Tier, du +siehst+ den Wassernapf und

darfst nicht +trinken+!

ERZIEHUNG

An ein zwölfjähriges Mädchen:

„Wenn du es +ganz genau+ wissen willst, Martha-Maria, ob du jemanden

+wirklich+ gern hast, so verlasse dich +nie+ auf dein eigenes

gesprochenes Wort: ‚Ich hab Sie gern!‘, sondern denke sogleich nach,

ob es dich mehr freuen würde, ein geliebtes Buch, eine geliebte Puppe

oder irgendeinen deiner geliebten Gegenstände dem Betreffenden zu

+schenken+, als es +für dich selbst+ zu behalten! Dann wirst du erst es

genau wissen, ob du jemanden +wirklich+ liebhast!!!“

*

„Martha-Maria, ich schenke dir heute meine geliebte

Lido-Muschelsammlung, in einem braunen geflochtenen japanischen Korb.

Ich habe am Strande des Adriatischen Meeres seit dem 3. Mai gesammelt,

und zwar unter Tausenden nur die apartesten. Die elf Tigermuscheln

jedoch habe ich dazu gekauft, denn, obzwar sie auch zu den Kunstwerken

der Adria gehören, findet man sie nie am Strande, sondern muß sie tief

fischen wie die Schwämme. Diese Muschelsammlung legte ich mir an als

Andenken an den Lido und an manches andere, Freud und Leid, wie es

schon so kommt. Nun schenke ich sie dir, Martha-Maria, denn das Wort:

‚Ich habe dich lieb‘ hat ja doch zu wenig Bedeutung und zu wenig Klang!

Dein Peter.“

REFORMATIONSZEITALTER

Fechsung · 第 3 / 14 段