Ich hielt sie lange in Ehren, und Maeterlinck hätte daraus längst

einen Einakter gemacht: +Krone+ 1893. Aber als der Lohndiener Anton

die Bezahlung der Zigaretten verlangte und ich sagte, ich hätte

momentan nichts flüssig, wies er auf diese auf dem Schreibtisch

liegende Krone 1893 und sagte: „Da haben wir ja noch eine!“ -- „Sie ist

ungültig!“ sagte ich, „schauen Sie!“ -- „Dös wer’n mer schon machen, da

verlassen’s Ihnen auf meine Geschicklichkeit, dös blöde Wort ‚Albert‘

wird kaner sehn!“ Und so verschwand die Krone 1893 aus meinem Besitze

und begann wieder ihren Kurs in die Welt hinein, den ich in einer

Anwandlung von „falscher Romantik“ eine Zeitlang aufgehalten hatte

-- -- --.

MEIN BRUDER

Es wäre abgeschmackt, über einen leiblichen Bruder eine Hymne zu

schreiben. Aber da er +außerdem+ ein „Lebenskünstler“ ist feinster

Art, so schreibe ich dennoch über ihn, trotz der nahen Verwandtschaft.

Seine „Bedürfnislosigkeit“ gemahnt an Diogenes, obzwar er nicht in

einer Tonne, sondern Alserstraße 51 wohnt. Ich schickte ihm einmal,

in einer pathologischen Anwandlung von Bruderliebe, hundert Stück

seiner Lieblingszigaretten: Hanum, Korkmundstück. Wir sind alle für

„Korkmundstück“, da „+trocken zu rauchen+“ eine Aufgabe des modernen

kultivierten Menschen ist. Alles darf naß sein, +nur nicht+ die

Zigarette. Zu Ende geraucht, muß sie +so trocken+ sein wie +anfangs+ in

der Schachtel, nur natürlich +verkürzter+ um das, was man weggeraucht

hat!

Also, ich schickte meinem Bruder hundert Stück „Hanum“ mit

Korkmundstück. Am nächsten Tage sagte er zu mir: „Denke dir, welches

Malheur mir passieren mußte mit deinen Zigaretten! Ich saß beim

Frühstück, machte einige Züge, und deine Zigarette fiel mir in die

Teeschale hinein!“ „Nun,“ sagte ich, „du hattest doch noch eine ganze

Schachtel voll vor dir stehen!?“ „Pardon,“ erwiderte er, „die sind

bereits für neunundneunzig herrliche Frühstücksmorgen eingeteilt!“ Ich

hatte keine Tränen im Auge, da ich für solche +Marlitt-Utensilien+

nicht eingerichtet bin. Aber ich hatte sie +in der Seele+, und vor

allem gedachte ich aller verschwenderischen und idiotischen Schurken,

die es um mich herum gibt -- -- --!

LIEBE

Er liebte sie irrsinnig und vergeblich. Man liebt immer nur irrsinnig,

wenn es vergeblich ist! Dann wurde sie sehr, sehr krank. Da sagte sie

zu ihm: „Ich habe Mitleid mit Ihnen. Ich will mich vor Ihnen +noch

nackter+ zeigen als nackt!“ Und sie entrollte ein großes Blatt Papier,

auf dem ihr „+Röntgenbild+“ photographiert war. „O, dieses grazile

+Knochengerüstchen+!“ sagte er entzückt. „Aber bitte nun um den

einzigen Gefallen, zeigen Sie es ja nicht dem Herrn -- --; +das+ will

ich wenigstens vor dem Hund voraus haben!“

DER LUXUS VON HEUTE UND SEINE ÜBERTREIBUNGEN

Eine Rundfrage der „Zeit“

Ich hasse und verachte den Luxus, wie alles hygienisch Unnötige.

Ob wir heutzutage den Luxus forcieren? Wir nicht! Die Idioten! Die

Übertreibungen des Luxus äußern sich in allem, was nicht unbedingt

und direkt zur Gesundheit des Leibes gehört. Der Luxus ist eine „fixe

Idee“, eine „Hysterie“ von Halbgebildeten und hohlen Emporgekommenen,

also gänzlich Heruntergekommenen! Ich sehe in dem Luxus: Sodom und

Gomorrha! Wo Luxus am Platze ist? In bezug auf: Hygiene und Diätetik!

MEINE SCHWESTER

So, jetzt ist also der Mann auch tot, der allein mich noch an dem

Leben festhielt. Er brauchte mich, der Mann mit den vielen geliebten

Silberhaaren, dieser Jüngling von fünfundachtzig Jahren.

Ich wußte es nie, daß ich mit einem Greis zusammen wohnte.

Nie spürte man ihn, nie.

Nur, wenn man lange weg war, Besuch oder Theater, sagte er: „Gott sei

Dank!, daß du wieder da bist!“ Er rechtete nie mit dem Schicksal,

sondern las emsig „Quatre vingt treize“ von Viktor Hugo. Nun ist er

schlafen gegangen, hinterläßt mir die Gesammelten Werke von Viktor

Hugo in Prachtlederband und ein ewiges Gedenken an seine Güte. Es

gibt so wenig ganz wirklich gute Menschen, und einer derselben ist

dahingegangen! Ich habe noch zwei Brüder und eine Schwester. Wenn ich

Krankenpflegerin geworden wäre seinerzeit, als ich zum erstenmal die

Niedertracht der Menschen erlitt, könnte ich sagen, ich besäße noch

alle, +alle+ Menschen, die meiner +bedürfen+! So aber wird der kleine

Kreis immer kleiner und kleiner. Mein Bruder rät mir, mir japanische

Goldflossen-Schleierfische anzuschaffen in einer Kristallwanne,

ferner einen Star und Smaragdeidechsen. Ich werde es versuchen. Es

ist kein Mittel, den geliebten Greis mit den vielen Silberhaaren zu

verschmerzen. Aber da man +vorhanden+ ist, +muß+ man irgend etwas

versuchen so lange, bis man +vereinigt+ ist!

Mein Bruder sagt mir, daß man diese Tiere „enttäuschungslos“ liebhaben

kann und daß man von ihnen nie eventuell „ins Gesicht gespuckt wird“

dafür, daß man sie gern gehabt hat! Sie können also unsere sorgfältige

Pflege, die wir ihnen angedeihen lassen, +gebrauchen+ für ihr zartes

Leben! Gebrauchen, welches schöne tiefe Wort! Von diesem fatalen

einfachen +Urworte+ an: „Er hat sie gebraucht!“, eigentlich immer

+derselbe Klang+! Ja, wir wollen „gebraucht“ werden! Je zarter, je

nobler, je rücksichtsvoller, desto besser für uns! Aber gebraucht

wollen wir werden zeit unseres Lebens! Plötzlich stehen wir durch den

bösen Tod da ohne jegliche Beschäftigung. Da kommt man vielleicht sogar

auf die schreckliche Idee, daß +dieser+ Hut, +dieses+ Kleid, +dieser+

Pelz wichtig wären.

Unser Vater war arm, aber reich! Viktor Hugo, sein Bauernzimmer in

Aussee und seine „Trabucco“ waren ihm wichtiger als die Schätze der

Welt. Von meinem Bruder, dem Dichter, verstand er so viel wie nichts,

oder noch weniger. Er wußte nur, daß er ihm seinerzeit das göttliche

Abführmittel „Rhamnin“ empfohlen habe, das ihm tatsächlich von 59

bis 85 jugendliche Frische verschaffte. Ich selbst bin anders. Ich

betrachte mein +Verständnis+ meines Bruders als die lichte Brücke,

die mich von dem althergebrachten dumpfen Leben der bürgerlichen

Vorurteile hinüberführt in eine Welt, die ich verstehe, aber der ich

nicht gewachsen bin! Es ist, wie wenn man sich in ein Buch vertiefte,

in der Alserstraße 11, 5. Stock: „Erlebnisse im +innersten Afrika+!“

In unserer Familie sind viele Welten beisammen, nur nicht die des

„+äußeren Glanzes+“! Wir alle leben immer nur unser „höchsteigenes“

Leben, zur Verzweiflung derer, die gar keines haben! Der Dichter muß

+nicht+ mit den +Wölfen heulen+, aber wir +müssen+ mit den Menschen

+sprechen+!

LAOTSE: -- DER HEILIGE BAUM

Ein Zimmermann reiste nach dem Staate Tschi. Als er nach Tschü-yüan

kam, sah er einen heiligen Baum, der so groß war, daß ein Stier sich

dahinter verbergen konnte; er hatte einen Umfang von hundert Spannen,

ragte hoch über den Gipfel des Hügels empor und trug Äste, von denen

manche der Größe nach für Kähne getaugt hätten. Eine Menschenmenge

stand davor und gaffte ihn an, aber der Zimmermann achtete seiner

nicht und ging des Weges weiter, ohne sich umzusehen. Sein Lehrbursche

hingegen sah sich satt daran, und als er seinen Meister wieder

eingeholt hatte, sagte er: „Seit ich in deinem Dienste ein Breitbeil

gehandhabt habe, sah ich nie solch ein prächtiges Stück Holz wie

dieses. Wie geht das zu, Herr, daß du nicht stehen geblieben bist, um

es zu betrachten?“

„Es lohnt nicht davon zu reden,“ antwortete der Meister. „Das Holz

taugt zu nichts. Mach ein Boot daraus, -- es wird sinken. Einen Sarg,

-- er wird faulen. Hausrat, -- er wird bald zerfallen. Eine Tür, -- sie

wird schwitzen. Einen Pfeiler, -- er wird von den Würmern zerfressen

werden. Es ist ein Holz ohne Rang und ohne Nutzen. Darum hat es sein

gegenwärtiges Alter erreicht.“

Als der Zimmermann nach Hause kam, träumte er, der Baum erscheine ihm

und spreche zu ihm: „Was ist es, womit du mich vergleichst? Sind es

die vornehmen Bäume? Der Kirschbaum, der Birnbaum, der Orangenbaum

und andere Fruchtträger werden, sobald ihre Früchte gereift sind,

geplündert und schimpflich behandelt. Große Zweige werden geknickt,

kleine abgebrochen. So schädigen diese Bäume durch ihren Wert ihr

eignes Leben. Sie können ihre zugemessene Spanne nicht vollenden,

sondern kommen vorzeitig in der Mitte der Bahn um, weil sie in die

umgebende Welt verstrickt sind. So ist es mit allen Dingen. Eine lange

Zeit war es mein Ziel, nutzlos zu werden. Mehrmals war ich in Gefahr,

es nicht zu bleiben, aber endlich ist es mir geglückt, und so kam es,

daß ich heute nutzreich bin. Aber wäre ich damals von Nutzen gewesen,

ich hätte jetzt nicht den großen Nutzsegen, den ich habe. Er ist:

+angestaunt zu werden, wegen der Kräfte, die man nicht vergeudet hat im

kleinen+!“

WACHSFIGUREN

Lotte Prizzl, du feines, zartes, liebes, außergewöhnliches Fräulein,

sei allerherzlichst bedankt für deine kleinen großen, nichtigen

wichtigen, spielerisch tiefernsten Püppchen, in Wachs, Tüll und Seide!

Wie Liliputgebilde sind sie, hervorgezaubert aus den Seelen bei E.

T. A. Hoffmann, Beardsley, Maeterlinck, Altenberg! Zur Welt gebracht

jedoch in unbeschreiblicher Seelen- und Körperzartheit von Lotte

Prizzl! Diese Wachspüppchen sind aus der ganzen Edelkultur der Dame

hervorgegangen, die sie verfertigt hat, also ihre +echten Kunstkinder+.

Sie enthalten Träume, Sehnsuchten, Kindlichkeiten, Vornehmheiten,

Melancholien. Man gewinnt sie lieb, besonders den Engel rechts mit den

geschlossenen Augen, das Fräulein im schwarzen Trauerbettchen, den

Mahadö, und eigentlich die meisten. In eine Kristallvitrine gehören

sie, um einem einfachen Zimmer die Marke zu geben: Hier haust ein

+Jemand+!

MEINE ANDERE SCHWESTER

Habe über meine Schwester, die Frau Hofrätin, noch nie etwas

geschrieben. Und doch verdiente sie es, beschrieben zu werden. Sie

hatte einst stets den Humor eines englischen oder amerikanischen

Humoristen, wie Boz Dickens und Mark Twain, dabei tiefen Geist und

+unbeschreibliche Gutmütigkeit+. Sie hatte +wirklich goldene+ Haare,

eine Elfengestalt. Sie versammelte von selbst, unwillkürlich, auf

jedem Ball, die +sogenannte+ Elite der Herrenwelt um sich herum, ganz

um sich herum, hielt Cercle, und man lachte sich zu Tode, ganz ohne

Courtoisie, obzwar man auch diese für sie hatte, über ihre schelmischen

und dennoch gutmütigen Bemerkungen. Sie war eine fanatische

Naturfreundin. Aber ebenso fanatisch liebte sie ihre französischen

und ihre englischen Guvernanten. Jede Guvernante wurde ihr sogleich

zu einem verehrungswürdigen, anbetungswürdigen Wesen, das zu kränken

einfach eine Unmöglichkeit war. Mit vierzehn Jahren fand sie einen

verlaufenen häßlichen schwarzen Hund auf der Straße, den sie „Lupus“

taufte und über den sie ein Tagebuch zu führen begann. „‚Lupus‘ sieht

heute schlecht aus, 18. Juli vormittags, ich glaube, er hat einen

Knochensplitter geschluckt. Das dürfte ihm die zarten Magenwände

reizen.“

„11. August. ‚Lupus‘ wurde im Garten in einer Wassertonne ertränkt

gefunden. Hoffentlich hat er nicht lange gelitten. Ich werde ihn nie

vergessen.“ Fortsetzung des Tagebuches: „Der Hofmeister meiner Brüder

wurde entlassen. Wenn jetzt noch Amelie Leutzinger, meine Guvernante,

auch geht, dann habe ich niemand mehr!“ Später heiratete sie, und ihr

zwölfjähriges Mäderl starb. Da schrieb sie in ihr ehemaliges, altes,

unvollendetes Tagebuch: „Mit ‚Lupus‘ hat es +begonnen+, den man mir

ertränkt hat! Und dann ist es so weiter gegangen, gradatim. Mein Bruder

hat immer gesagt, ich hätte einen englisch-amerikanischen Clown-Humor.

Den habe ich eingebüßt!“

Ich schreibe diesen Biografical essay nicht, um meiner Schwester

ein Lob zu singen. Das hat sie in ihrer sozialen, ökonomischen usw.

Position nicht nötig. Ich schreibe es, damit alle diese anderen faden,

öden, geist- und humorlosen, herzlosen, ungezogenen Gänse sich nicht

ewig so frech überheben und ruhig +kuschen+, wenn ihnen einer schon

liebevoll +zu fressen+ und +zu kleiden+ gibt!

AUTOMNE

Es gibt viele Frauen, die es nicht vertragen, wenn man sie liebevoll

und schwärmerisch behandelt. Sie haben recht. Wahrscheinlich halten

sie den für einen ausgemachten Idioten, der solches tut. Sie kennen

nämlich ihren +Unwert+ und sind naturgemäß +empört+ darüber, daß

jemand sie für +wertvoll+ hält. Lieber sind ihnen die, die sich nichts

aus ihnen machen, aber hingegen dennoch -- -- --. Sie fürchten sich,

+den zu enttäuschen+, der ihnen trotz allem seine ganze intelligente

Zartheit widmet. „Wie kommt denn der Arme dazu, mich Mistviech so nett

zu behandeln?!“ Das ist der Untergrund ihrer Stimmung, ihr Unbewußtes.

Im Obergrund jedoch sind sie +nur+ frech, dumm und ungezogen! Sie haben

keine Ahnung von den Pflichten der barmherzigen Pflege eines an ihnen

malheureuserweise seelisch Erkrankten, eigentlich +geistig Erkrankten+!

Ihre ganze bodenlos dumme Roheit ergießt sich über den Starken, der

einmal leider +schwach+ wurde. Wie der Esel in der Fabel dem kranken

Löwen einen Fußtritt versetzt! Es sollte heißen die +Eselin+!

„Sie dürfen mich nicht so sehr verwöhnen, Peter,“ sagte eine Dame zu

mir, „wissen Sie denn nicht, daß wir da leicht frech werden?!“

„Nein,“ erwiderte ich, „das wußte ich nicht; wird denn ein +Bettler+

frech, wenn wir die Gnade haben, ihm einmal fünfzig Heller zu

schenken?!“

„Wir sind eben keine Bettler, Peter!“

„O doch!“ erwiderte ich, „Ihr stellt euch nur so, +als ob ihr keine

wäret+! Aber ihr +seid es+!“

VENEZIANERINNEN

Alle Leute, die hier in Venedig ihr Geld unnütz ausgeben, schwärmen

(als Gegengeschäft irgendwie muß doch ein Profit sein für die

Reisespesen) für die alten Meister (Carpacchio und Bellini haben

wenigstens einen Hauch unserer feinen, modernen Seele), für die alten

Kirchen, die alten Palazzi. Aber zwei Dinge sind hier wichtiger: die

blutroten, lilagrauen Sonnenuntergänge vom Lido aus, vis-a-vis Venedig,

und die +Volkstracht der Mädchen+. Hier nämlich ist die soziale Frage

ein wenig, und zwar genial-einfach, gelöst. Möge jemand die reizende

junge Wienerin dazu bringen! Alle venezianischen Mädchen aus dem Volke

tragen eine adelige, herrliche, einfache und kleidsame, billige Tracht.

Keine unterscheidet sich von der andern, keine erregt Neid, Eifersucht,

Begierde, Schadenfreude, üble Nachrede, Sehnsucht, Verzweiflung,

böses Beispiel. Alle sind gleich angezogen, kleidsam, nobel, einfach,

vornehm, billig. Schwarzer wollener Schal mit langen Fransen, schwarzer

Rock, schwarze Strümpfe, schwarze Halbschuhe. Die reichen Damen werden

nicht beneidet -- niemand aus dem Volke würde so prunkhaft angetan sein

wollen. Es ist eine ideale Trennung zwischen reich und arm. Der Arme

ist besser, vornehmer, zarter angezogen. Ein Hohnlächeln für Paquin und

Poiret! Heil unserer Hausindustrie! Niemand kann ein venezianisches

Mädchen aus dem Volke betören mit Kleidern, Blusen, Schmuck. Was sie

brauchen, haben sie. Man kann sie betören... mit Liebe. Aber das finden

sie unter ihresgleichen. Der schwarze Schal verpflichtet zu vornehmer

Haltung, zu Ernst und Würde. Es ist eine Art von kleiner Lösung der

sozialen Frage. Auch kann man diese Mädchen nicht zu Soupers ködern,

verleiten und dann „schwach“ machen durch Wein. Ihre Spaggetti,

Zucchetti, Melanzani haben sie. Und ihren Chianti eventuell. Und ihre

Ehre haben sie auch. Gehet schwarz, einfach, nobel und sehet nicht auf

Die, die bunt gehen und überladen. Es ist wahrlich nichts zu beneiden

an ihnen.

EIN LIED

Ganz Venedig war überschwemmt, musikalisch überschwemmt von einem

Lied: „Valse brune“. Überall strömte es hervor, aus allen Gassen, es

floß auf die weiten Plätze, rann in die Vergnügungslokale, sickerte

in die Türspalten der armen Mädchen, tropfte von allen offenen

Fenstern herab auf die Passanten, die es doch nicht benötigten, da

sie es selbst, schlendernd oder in harte Arbeit gehend, vor sich

hin trällerten. Es ist kein schlechtes Lied, nein, es ist süß und

ein bißchen fade, und ich kann es mir ganz gut vorstellen, daß ein

verliebtes Mädchen gerne ihre letzte Lire herschenkt, um es sich noch

einmal vom Werkelmann vorspielen zu lassen oder von der Salonkapelle

in „Folies Bergères“. Aber was ist dieses Lied gegen das Lied von

1913, das nun neu auftaucht wie ein mildes süßes Licht und alle zarten

Melancholien der bescheidenen und enttäuschten oder sehnsuchtsvoll

hoffenden Menschenseele enthält?!? Es heißt: „Fili doro“, von

Buongiovanni! Dieses Lied, man kann es nicht oft genug hören! Es

ist das Lied der italienischen Volksseele! Es ist die +Königshymne+

des Volkes, es enthält seine Freude, seine Traurigkeit, seine Armut,

seine Genügsamkeit und seinen Seelenadel! Überall strömt es nun statt

„Valse brune“, das gestorben ist, hervor aus allen Gassen, es fließt

auf die weiten Plätze, es rinnt in die Café chantants, es sickert aus

den Türspalten der armen Mädchen mit den edlen, stolzen, einfachen,

schwarzen Schals, es tropft von allen geöffneten Fenstern herab auf die

Passanten, die es weiter tragen in die Arbeit oder an das blaue Meer.

Es ist das Lied der Seele, es ist die Hymne des Volkes! „Fili doro“,

von Buongiovanni!

VENEDIG

Ich hörte, seitdem ich da bin, man müsse vormittags +ziellose+

Promenaden machen durch die Gäßchen und über die Plätze mit

unbekannten Statuen, mit einem Worte: +schlendern+! Nun, nach vier

Monaten, schlendere ich endlich, wie es geboten ist, durch die

übelriechenden Gäßchen und über Plätze mit unbekannten, wenn auch

unschönen Denkmälern. Ich ging an unzähligen Wurst- und Käsehandlungen

vorbei, deren Duft mich nicht zum Verweilen lockte, während in den

Gemüsehandlungen die lila Melanzani mich nicht sehr aufregten, da

ich sie in Öl bereits für ungenießbar erschmeckt hatte. Auch Pomo d’

oro, die bei uns ganz schlicht Paradiesäpfel heißen, konnten mich

nicht erschüttern, da es hier keine Speise gibt, in der oder neben

der sie nicht die Speise selbst zu einer ungenießbaren gestalten. Es

ist schwer, den edlen Paradiesapfel uns verhaßt zu machen, aber die

italienischen Köche treffen es. Sie wollen ihn nicht kochen, sondern

erlauben es sich in ihrer südlichen Leidenschaftlichkeit, ihn uns

roh vorzusetzen, wodurch er unsre ehemalige freundliche Zuneigung

einbüßt. Nun, weshalb so kritisch und boshaft sein in einem Lande,

das uns geschnittene Kürbisse in Öl, Zucchetti darbietet, auf daß wir

unsern Hunger daran stillen!? Die Namen der Speisen wären wert, von

Moissi deklamiert zu werden in aufgeregten Mädchenschulen. Dort lebt

man noch vom Klang! Wir Älteren, aber nicht mehr Düpierbaren, ziehen

einen mürben Nierenbraten mit Niere phonetisch-kulinarischen Genüssen

vor! Der Italiener ist genügsam: er begnügt sich, uns für teures Geld

schlechte Ware zu liefern. Zucch-èti, Spagèti, Melanzáni et pòmo d’ ôrò!

VENEDIG

Maria Mazzucato ist das schönste Mädchen Venedigs. Sie ist Arbeiterin

in einem ganz winzigen Modistengeschäft in der Merceria Capilleri.

Sie hockt von früh bis abend und putzt Hüte auf für Damen, die alle

zusammen nicht so schön sind wie sie. Sie ist eine ästhetische

Vereinigung von Otéro, Grete Wiesenthal, Duse. Sie ist sechzehn Jahre

alt und sehr schlank und sehr groß, also eine Vollkommenheit. Ich

schrieb ihr eine Ansichtskarte (calme du soir): „Venise a été cet été

une ville vraiment très intéressante et originale: elle a contenu la

princesse de Terra Nova, Mitzi Thumb, et Maria Mazzucato! Les palazzi,

mais mon Dieu, c’est mort, c’est enseveli! Et les vieux tableaux, mais,

j’en préfère les jeunes et vivants!“

Maria Mazzucato hat mir ein Abschiedsgeschenk, zur Erinnerung,

eine wunderschöne lederne Handtasche, +refüsiert+. Sie hat gesagt:

„Zur Erinnerung?! Ich habe ja Ihre Ansichtskarte!“ Infolgedessen

tauschte ich die Handtasche um gegen ein wunderbares gelbgeflecktes

Schildkrotpapiermesser für meinen Schreibtisch. Wie gut, daß sie es

+refüsiert+ hat. Erstens wird sie Gewissensbisse haben und ein bißchen

Reue, und ich, nun, ich habe ein schönes Papiermesser! Gestern schnitt

ich damit auf: „Aage Madelung, Der Sterlett.“ Ich war wirklich ganz

zufrieden mit dem schönen Papiermesser.

Am selben Abend sah ich in den „Folies Bergères“, einem ganz kleinen

Chantant: La Eutimia. Sie war ganz jung, absolut tadellos gewachsen,

gelber Teint und schwarze Haare. Sie sang mit tiefer süßer Stimme

die herrlichen Lieder: „Fili doro, la retirata, Una sola volta,

Marechiare.“ Nach der Vorstellung stellte sie sich in dem schmalen Gang

auf und sagte zu jedem Herrn: „20 centesimi obligo!“ Ich gab ihr fünf

Lire. Ich sagte zu ihr: „Darf ich Ihnen morgen eine schöne lederne

Handtasche bringen?!“ „Gewiß, mein Herr, ich werde glücklich sein!“

Da nahm ich denn mein schönes Schildkrotpapiermesser und tauschte es

wieder um gegen die schöne Handtasche. „Ah,“ sagte der Kommis, der mich

bediente, „also hat die Handtasche doch der Dame besser gefallen?!“

„Ja!“ sagte ich, „sie hat es sich überlegt!“

ONKEL EMMERICH

Mein Onkel Emmerich hatte kein Herz. Er spekulierte und kaufte Kopien

alter Bilder als echte, die sich dann später teilweise sogar als echte

herausstellten. Endlich hatte er abgewirtschaftet. Wir Knaben saßen

beim Nachtmahl am Abend des „ökonomischen Sedan im Hause Emmerich“, und

mein Onkel bewies uns an der Hand von Silberers Sportzeitung, seiner

Bibel, daß „Quick Vier“ am Sonntag das Rennen gewinnen müsse. Außerdem

habe er private Tips erhalten aus dem Stall. Plötzlich sah er auf und

bemerkte, daß Frau und Tochter leise weinten. „Wenn ich nur wüßte,

weshalb jetzt diese Weiber platzen?!?“ sagte er. Natürlich platzten

sie wegen des verlorenen Geldes. Wegen was platzen Weiber ernstlich?!

Quick Vier gewann auch nicht, weder Quick noch Vier, sondern überhaupt

nicht, und mein Onkel fuhr auf dem hohen Dache des englischen eleganten

Sportomnibus (zehn Kronen der Sitz!) und mit demselben Rennglas

bewaffnet, das auch Graf Niki Esterhazy hatte, ganz nachdenklich nach

Hause. „Die Mitgift unserer armen Tochter!“ weinte unaufhörlich meine

Tante. „Erziehe dein Kind so, daß sie keine Mitgift braucht!“ sagte

mein Onkel. Als er seine Gemäldesammlung, wegen der er sein Leben lang

von der Familie verhöhnt worden war, versteigert hatte, erwies es

sich, daß sie wertvoller gewesen war als das ganze Geld, das er sonst

verspekuliert hatte. Einen merkwürdigen Menschen nannte ihn von nun

an die Familie, die ihn bisher einen Leichtsinnigen genannt hatte.

Meine Tante aber sagte: „Emmerich, innerlich bist du ja doch ein guter

Mensch!“

DAS LEBEN

Einem zwölfjährigen Mädchen, das im Stabilimento angestellt war für

eine Lire täglich und das außerdem bildhübsch war, kaufte ich im Lauf

der Säson dreimal zwölf Abonnementkarten für das Meerbad. „Ja,“ sagte

die Geschäftsdame, bei der sie angestellt war, „Sie verführen mir

dieses Kind! Es soll arbeiten, nicht baden und sich amüsieren! Wenn

Sie immer gebadet hätten, statt zu arbeiten, wären Sie auch nicht das

geworden, was Sie heute sind!“

„Ich habe nie gebadet und noch weniger etwas gearbeitet!“ erwiderte

ich. „Weshalb soll dieses arme Kind zusehen, wie alle diese wertlosen

Frauen im Meere baden und sich vergnügen?!?“

„Ja, mein lieber Herr, sie haben eben das Geld dazu!“

Einige Wochen später traf ich das Kind. „Eine Freundin von mir hat,

denken Sie, ein Tramwayabonnement! Sie rutscht hin und her!“

„Nun, du kannst auch eins haben!“

Eine Woche später: „Denken Sie, im vorigen Jahr erhielt ich eine

Schachtel Aquarellfarben samt Pinseln und Zeichenalbum! Aber jetzt ist

es schon ganz aufgebraucht!“

Ich kaufte ihr natürlich neue. Sie war ganz entzückt. Eine Woche

später sagte sie: „O, jetzt kommt der Winter, da ist es kalt. Meine

Mama, meine gute Mama braucht ein warmes Tuch zum Ausgehen. Auch unser

Klavier ist verstimmt, soll repariert werden, und Anne-Maria hat einen

Zahn zum Plombieren.“

„Kind,“ sagte ich, „ich bin erstaunt, daß du alle diese Dinge gerade

mir erzählst!?“

„Ja, Sie alter Esel, wem soll ich sie denn erzählen als dem, der

mich gern zu haben scheint und mich für bildhübsch hält?!? Soll ich

es vielleicht dem erzählen, der mich für einen ekelhaften kleinen

zudringlichen Fratzen hält? Der gibt doch gewiß nichts her!?“

„Du hast recht!“ sagte ich und bezahlte ihr noch den Klavierstimmer und

den Zahn ihrer Schwester!

ONKEL MAX

Fechsung · 第 2 / 14 段