Unsere „+Apparate+“ haben eine himmlische Nachsicht. Sie ver

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1915 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische

Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und

heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber

dem Original unverändert; fremdsprachliche Passagen wurden nicht

korrigiert.

Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit

halber an den Anfang des Buches versetzt. Die Reihenfolge der

Tabellenpunkte wurde der Abfolge im Buch entsprechend angepasst.

Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit

den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

kursiv: _Unterstriche_

fett: =Gleichheitszeichen=

gesperrt: +Pluszeichen+

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[Illustration]

Fechsung

von

Peter Altenberg

S. Fischer, Verlag

Berlin 1915

Alle Rechte, besonders die der Übersetzung, vorbehalten

Non _nascimur_ homines, sed _crescimus_!

Wir werden nicht _geboren_ als Menschen, aber wir wachsen allmählich

dazu _heran_!

*

Ein modernes Buch soll eine organische Verbindung sein einer _einzelnen

Menschenseele_ und einer _Weltanschauung_!

*

Ich schreibe das _aktuellste_, das _persönlichste_, das _allgemeinste_

Buch: für alle, die da _sind_ und _sein werden_! Nur nicht für die

_Gewesenen_ jeglicher Art! _Pereant Seniles!_

P. A.

INHALTSVERZEICHNIS

Nachtrag zu Prodromos 9

Erlebnis 30

Nester 31

Entdecken 32

St. D. 33

Vergnügungslokal 34

Moulin Rouge, „Venedig in Wien“ 34

Karriere 36

Verein Naturschutzpark 38

Mimikerinnen 39

Albert 40

Mein Bruder 41

Liebe 42

Der Luxus von heute und seine Übertreibungen 42

Meine Schwester 43

Laotse: Der heilige Baum 45

Wachsfiguren 46

Meine andere Schwester 47

Automne 49

Venezianerinnen 50

Ein Lied 51

Venedig 52

Venedig 53

Onkel Emmerich 55

Das Leben 56

Onkel Max 57

Brief an Grete Wiesenthal, die Tänzerin 58

Frauen 59

Stammtisch 60

Italien 61

Café Capua 61

Die Kellerstiege 62

Tschuang Tse: Der Glockenspielständer 65

Plauderei 66

Die Urgroßmutter 67

Die Auffassung 69

England 70

Das Glasgeschenk 71

Vanitas 72

Ständchen 72

Mein Fensterbrett 73

Paulina 74

Erziehung 75

Reformationszeitalter 76

Splitter 76

Der „Feigling“ 82

Tabarin 83

Splitter 84

55. Geburtstag 86

Lyrik 87

Der Tod einer Samariterin 89

Die Stupiditäten der Vogel-Strauß-Politik 90

Geistigkeit 92

Apollotheater 93

Splitter 95

Semmering-Photogravüren 105

Splitter 114

Brief an eine junge Brasilianerin 114

Splitter 116

Kriegszeiten 126

Sühne 126

Dora 1 127

Dora 2 128

Dora 3 129

Zum Heldentode des Dr. Frank 130

Der Vorfrühling 130

Naturliebe 131

Witz 132

Plauderei 132

Karoline 133

Meine Schwester Gretl 134

Krieg 134

Meine Tränen 136

Quod licet 137

Signor Io 137

Splitter 138

Ausblicke 138

Dilemma 139

Romantik 140

(Goethe!) Hermann und Dorothea 141

Farbe 142

Diätetik der Seele 143

Splitter 144

Schule des Lebens 144

Theater und Krieg 145

Philosophie 145

Der letzte Wille eines deutschen Prinzen 147

Briefwechsel zweier Freundinnen 147

An die Frauen 148

Schicksals tragischer Anfang 150

Gedicht 150

Man ermannt sich 151

Plauderei 152

Anna 153

Der „Koberer“ (Kuppler) 156

Weltenbummler 1914 157

Wissenschaft und Krieg 1914 158

Nach drei Jahren 159

Liebesgedicht 159

Christentum 1 160

Christentum 2 161

Platonisches Gespräch 161

Die Fliege 162

Splitter 163

Liebesgedicht 167

Revanche 168

Die „unglückliche“ Liebe 168

Variation über ein beliebtes Thema 171

Parte 172

An die Kokette 172

Splitter 174

Der Krieg 186

Dankgebet 187

Splitter 188

Die Schuhpasta 190

Philosophie 191

Aus Maxim Gorkis Biographie 192

Der Schigan 193

Geselligkeit 193

Kriegszeiten 194

Kriegslied einer Fünfzehnjährigen 194

Kondolenzen 195

Friede 196

Verfolgungswahn 196

Über Mode 197

Almosen 200

Splitter 200

Romantik der Namen! U 9 201

Ein Schicksal 202

Die Liebe 203

Splitter 204

De Amicitia 206

Kriegshymnen 207

Reale Romantik 1914 208

Über die Anständigkeit 209

Philosophie 210

Beim Morgenkaffee 211

Splitter 211

Die „gewöhnliche Frau“ 214

Religion 216

Werdet einfach! 218

Laotse, uralter chinesischer Philosoph 219

Die „Taube“ 221

Über Gerüche 222

Moderne Architekten 223

Werthers Leiden 224

Du hast es so gewollt 225

Prodromos 226

Humanitas 227

Sport 228

Das Leben 228

Das Testament 229

Helfen 229

Liebe zu Gegenständen 230

Alma 231

Der „rote Stadl“, Ausflugsort bei Wien 232

Poeta 233

Sappho 234

Gerechtigkeit 235

Splitter 236

Gedicht der Lioschka 238

La Rampa 239

Die Kundschaft 240

Altern 240

Brief 241

Der Esel 242

Angst 242

Die unentrinnbaren Bedürfnisse der Menschheit 243

Die Tänzerin 243

Gymnasium 244

Jause 245

Der Abschied 246

Robert Mayer 246

Landpartie mit der Fünfzehnjährigen 247

Über das „Drahn“ 248

Hochgeehrte gnädige Frau 249

Porträtmalerei 250

Bekenntnis einer schönen Seele 250

Labedamen 251

Die junge Gattin 252

Der alte Hausierer 252

Spaziergang im Herbst 253

Ein schwarz eingerahmtes Bild in meinem Zimmer 254

Verwundetenspital 254

Das braune seidenweiche Muttermal 255

Japan 255

Krieg 256

Geständnis 256

Autogramme 257

Idealer Pumpbrief 259

Kaffeeküche 261

Politik 262

Selbstkritik d. h. also Selbstlob 262

Das Theaterstück eines im Felde stehenden deutschen

Offiziers 264

Splitter 265

Theaterkarten 267

Splitter 268

Sklavin 269

Bannfluch 269

Splitter 270

Gespräch mit der wunderschönen Siebzehnjährigen aus

Sarajewo 271

Splitter 272

Friedell 273

An Pia Doré 274

NACHTRAG ZU PRODROMOS

SIMPLEX VERI SIGILLUM!

Jeder Mann weiß +ganz genau+, welche Art von Nahrung sein geliebter

Hund braucht, um „fit“ zu bleiben, wann, wo und wie er schlafen muß,

kennt es ihm sogleich an, wenn ihm irgend etwas fehlt, ja, geht

sogleich in zweifelhaften Fällen zum Tierhändler, zum Tierarzt. Aber

von der geliebten, zartesten Frau sagt er: „Geht ihr denn was ab?

Hat sie sich zu beklagen?! Na also!“ Er forscht nicht nach, sie hat

leider die +Sprache+ mitbekommen, sie, diese +dennoch+ ewig Stumme

und +Verstummende+! Von ihrer Ernährung, von ihrer Verdauung weiß er

nichts, das weiß er nur von seinem Hunde. Auch kann er nicht wegen ihr

zum Tierarzt gehen, leider. Auch zum Tierhändler nicht, denn er hat sie

wahrscheinlich nur von einem Menschen erhandelt. Und den trifft keine

Verantwortung.

*

+Fasten+: Wenn du deinem Leibe +etwas weniger+ darreichst, als

er benötigt, frißt er dir +genial-freundschaftlich+ zuerst die

+krankhaften+ Gewebe und das +überflüssige+ Fettgewebe weg. Herr

Banting, Kaufherr, der Bauer Schroth, ahnten das. Aber die Ärzte

päppeln dich auf wie das Mastvieh zur Viehausstellung, um von

idiotischen Eltern, idiotischen Liebhabern, idiotischen Ehegatten

belohnt und belobt zu werden!

*

Zu mager gibt es nicht, es gibt nur zu dick!

*

Die, die +über mich+ lachen, werden später +über sich+ weinen!

*

Ich bin nicht erstaunt, daß jemand, der abends geröstete Kalbsleber

oder Nierndln frißt, mir meine geliebteste Geliebte wegnimmt! Bei

weichgekochtem Reis hätte er diese Untat +nicht+ vollführt!

*

Schmutzige und vor allem +vorstehende+ Fingernägel (Krallen) sind

+unnötig+. Belästigen wir unsere daran unschuldigen Nebenmenschen

mit unseren +notwendigen+ Unzulänglichkeiten, und verschärfen wir

unsere +ohnedies prekäre+ Situation, in +jeglicher+ Beziehung, nicht

noch durch unnötige Belästigungen der daran völlig unschuldigen

Nebenmenschen!

*

Im Augenblicke, da eine geliebte Frau es uns traurig mitteilt, sie

habe +unideale+ Brüste, hat man es ihr bereits +verziehen+; ja, sie

rührt uns dann eventuell desto mehr! Nur der Pfau, der mit bereits

+zerschlissenen+ Federn noch sein Rad schlägt, ist uns +verächtlich+!

*

Um gesund zu bleiben oder zu werden haben wir ganz einfach bei

Tag und bei Nacht die Darmnerven zu schützen, die Magennerven,

die Sexualnerven, die Gehirnnerven und die Herznerven. Und alle

anderen Nerven obendrein. Freilich muß man auch Geld haben, keine

Eifersuchtsqualen, und stets gerade die Frau, auf die man momentan

„fliegt“! Basta.

*

Ein Mensch, auch wenn er nur eine Frau ist, muß +nie+ ungezogen sein,

+nie+ taktlos sein, +nie+ vorlaut sein, +nie+ geschmacklos sein, +nie+

roh sein, +nie+ grausam sein, +nie+ frech sein, +nie+ unbescheiden

sein, +nie+ arrogant sein, +nie+ habsüchtig sein, +nie+ eitel sein,

+nie+ kokett sein, +nie+ neidisch sein! Nein, wahrlich, das muß er

nicht! Weshalb sind sie es also fast alle?! Weil sie keine +Menschen+,

sondern „+Menscher+“ sind!

*

Bei allen Dingen, die man für seine Gesundheit, seine

Entmaterialisierung, sein +Leicht-+ und +Unbeschwert+werden,

unternimmt, muß man vor allem daran fast religiös +glauben+! Der

Skeptiker, Pharisäer, Melancholiker ist +verdammt+, daß alles

Unternommene ihm doch +nichts nütze+! Der +Glaube+ an die +Wahrheit+

versetzt Berge!

*

+Symptome+ von Krankheiten, Haut-Ekzeme, beheben, statt auf die

+Ur-Ursache+ des Leidens tiefzubohren, ist ein feiges Manöver, für das

die idiotischen Eltern, der idiotische Geliebte (meistens Gehaßte) oder

der in Erwerbssorgen sich erschöpfende idiotische, angeblich liebevolle

Gatte (er verdient das Geld) dem Arzt gern und dankbar bezahlen!

Vogel-Strauß-Politik: man +sieht+ nichts mehr von der Erkrankung. Nein,

sie hat sich wegen schlechter Behandlung +ins Innere+ zurückgezogen und

lauert hier auf Rache in Form von künftigem Krebs usw.! Krankheit ist

+der Notschrei der beleidigten Natur+! Halte ihr nicht den Mund zu!

Wenn sie schon so gütig ist, zu schreien und um Hilfe dich anzuflehen!

*

Ich sterbe lieber an Diarrhöe als an Verstopfung. Wer +das+ nicht

versteht, versteht +überhaupt noch nichts+. Und vor allem wird er

+vorzeitig+ Gott sei Dank elend zugrunde gehen!

*

Hippokrates: „Je mehr ihr einen kranken Organismus ernähret, desto

+mehr schadet+ ihr ihm!“ Denn gerade zur Verarbeitung, Assimilierung

+fehlt+ ihm im kranken Zustande die nötige +Kraft+! Man +frißt+

sich viel mehr zu Tode, als man sich zu Tode +sauft+! Alkohol ist

ein sichtbares, erkennbares, spürbares Gift, aber die +Wiener

Mehlspeisen+ sind ein unkenntliches heimtückisches Gift, unter den

verräterisch-appetitlichen Namen: Tatschkerln, Fleckerln, Wuchterln,

Strudel, Erdäpfelnudel, Rahmstrudel, Dalken, Palatschinken, Omelette.

*

Ein Teufelssatz: Was einem +schmeckt+, kann einem nicht +schaden+!

Richtiger ist, daß, was einem +nicht+ schmeckt, einem nicht schaden

kann, denn man läßt es eben stehen!

*

Die Katze ist, abgesehen von ihrer genialen Bewegungsanmut, ein Genie:

sie heilt sich von jeder Erkrankung, sogar von Vergiftung, durch

+Aushungern+!

*

„+Wir+ brauchen den Mann als ‚+Wurzen+‘,“ sagte eine ganz süß

Aufrichtige. „Aber wieso er +uns+ braucht, +das+ ist mir +ganz

unverständlich+!“

*

Ich entließ mein Stubenmädchen im Grabenhotel, Risa Schmied, mit

folgendem Zeugnis, da sie es vorzog, die Privatwohnung des Grafen

Kaltenegg zu betreuen: „Wenn Sie bei uns geblieben wären, hätte ich,

als Junggeselle, den Tagen der Vereinsamung, des Alterns, der Krankheit

ruhig entgegengeharrt, wie ein in Familienliebe Gebetteter! Nein,

+besser+!“

*

Du wirst es mir doch nicht ins Gesicht sagen wollen, Selbstbetrüger,

daß dir Austern besser schmecken als mir mit Hunger +Gesegnetem+

dampfende Kipfelerdäpfel in der Schale mit Teschener Butter und Salz?!

Gleich wird dich der „Krebs“ holen und die Leberentartung!

*

Rechnen ist +so einfach+; aber +falsch rechnen+, da kennt man sich dann

gar nicht mehr aus.

*

Fett ist besser als Mehl und Zucker. Weshalb?! Man hört früher auf,

weil es einem bald widersteht. +Günstig+ ist alles, was sich einem von

selbst bald +mies+ macht! Also auch die geliebte Frau!

*

Ein „Pfleger“ sollte das +Zarteste+ sein, aber er ist das „+Roheste+“!

Nur +Trinkgelder+ können ihn noch +menschlich+ machen! Aussagen von

„Pflegern“ Gehör und Glauben schenken, ist das +feigste, infamste

Verbrechen+, das je +Ärzte+, +Verwandte+, +Gattinnen+, +Freundinnen+,

+Geschwister+ begangen haben!

*

+Gefährlich+ sind nur die Dinge, die du auf die Dauer verträgst! Ein

festes Verhältnis, die Ehe und Mehlspeisen! +Fett+ und die +Hure+ sind

+ungefährlich+!

*

„Willst du nicht lieber noch auf das +Glück des Hungers+ warten?!“

sagte der Papa zu seinem geliebten Kindchen. „Nein, Papschen, ich

möchte lieber jetzt schon essen!“ Der Vater dachte: „Aus dir wird auch

kein Genie!“

*

Einem Patienten, der unter deiner Obhut steht, um acht Uhr abends ein

ausgiebiges Schlafmittel verabreichen, Paraldehyd 20 Gramm, während im

Nebenzimmer einer laut betet und Gott und die Welt zu Zeugen für irgend

etwas anruft und mit Ermordung aller Schuldigen droht, ist ein +feiges

Verbrechen+ von +Ärzten+ und +Pflegern+! Schlafmittel haben Nachtruhe

zu +garantieren+, sonst sind sie ein +Gift+, ein +wissentlicher Mord+!

*

Meine „Pfleger“ Franz Pfleger und Josef Hennerbichler waren +Genies+

der Menschenfreundlichkeit, wie Beethoven ein Genie der Töne. Aber die

+andern+ sollte man alle chinesisch foltern für ihre geheimnisvollen

Verbrechen, die sie vollführen und die selbst durch +Trinkgelder+

nicht immer verhindert werden können, +am wenigsten aber+ durch die

kontrollierenden (ha, ha, ha, ha!) +Ärzte+, vulgo „ich kenn mich nix

aus“!

*

Der Patient einer Anstalt ist der „schreckliche Mensch“, der den Arzt

Tag und Nacht hindert, ein ungestörtes ödes und friedlich-sattes

Familienleben zu führen!

*

Ich leide an Ekzem, Hautausschlag, Pusteln, +heißt+: mein Körper hat

die +Gnade+, mir es +mitzuteilen+, daß etwas in ihm +versteckt tief

drinnen+ nicht ganz in Ordnung ist, und er macht mich daher gnädig

bittend aufmerksam, durch +äußere+ Anzeichen, daß +drinnen+ etwas

+Bösartiges+ sich +ereigne+. Wenn ich aber die getreuen Sendboten

dieser Meldung, Ekzem, Hautausschlag, Pusteln, +vertreibe, vernichten+

lasse durch Salben, dann bin ich ein gottverlassener +Ochs+, der der

+Bestrafung+ durch ein gerechtes Schicksal +nicht entgehen+ wird!

*

Wenn die Frauen es +einsähen+, daß +Fasten+ eine +Verjüngungskur+ sei,

würden sie sich zu Tode fasten!

*

Hast du schon auf der Wiese, auf der Alm den +Duft+ frischen Kuhdüngers

gespürt?! Er gehört gleichsam zum Duft der Erde und der Gräser! Die

Kühe haben nicht das Glück, von +Menschen-Almen+ dasselbe zu behaupten!

Aber sie werden es einst! Hoffentlich!

*

Genieße erst eine Frau, bis dich +die Sehnsucht nach ihr verzehrt+!

Auch hier gilt das Sprichwort: Hunger ist der +beste Koch+!

*

Professor Sandouzy: La +sur alimentation+ n’est que de la +sur

intoxication+! (Vergiftung.)

*

Belästigen Sie mich nicht mit den Konfidenzen Ihrer

+geistig-seelischen+ Komplikationen! Essen Sie +ausschließlich+

Hafergrütze, Pommes cheeps (in dünnen Scheiben geröstete

Salzkartoffeln), +Eidotter+, Spinat, Spargel, Gervais, schlafen Sie

zwölf Stunden bei +weit geöffneten+ Fenstern, nehmen Sie morgens

nüchtern einen Eßlöffel voll Rhamnin (Cortex Rhamni Frangulae)

-- -- -- und dann wollen wir weitersprechen über Ihre +merkwürdigen+

seelisch-geistigen Komplikationen! Aber zuerst muß die Maschinerie in

Ordnung sein! Verstanden?!

*

Nach überstandenem Typhus +verjüngt+ man sich, wenn man eben nicht

zufällig daran gestorben ist, +bloß darum+, weil man in der glücklichen

Lage war, sechs Wochen und länger nichts +essen+ zu müssen, zu

+können+! Die Auffassung von +Glück+ ist eben +verschieden+; ja,

die eine ist +richtig+ und die andere +unrichtig+, die eine ist

+anständig+, die andere ist +unanständig+, die eine ist eine +Weisheit+

und die andere ist eine +Stupidität+! +Verschwenden+ ist +unrichtig+,

+unanständig+ und +stupid+. Ohne +tiefste Anhänglichkeit+ eine Frau

+genießen+ wollen, ist +unrichtig+, +unanständig+ und +stupid+. Weshalb

aber?! Weil sich alles mehr +rächt+, als es dir Genuß bereitet hat,

Esel! Wenn es umgekehrt wäre, hättest +du+ recht, und ich wär der Esel!

+So aber+ bist +du es+!

*

Hunger ist nicht nur der beste Koch, sondern auch der +beste Arzt+!

*

Bei Überreichung einer weißen Ledertasche mit eingesetzten grünen

und rostroten und lila Lederfleckchen, an einem schwarzen dicken

Seidenkordon, für +Paula-Ju-Ju+: Der Wert einer Sache ist eben +nicht+

ihr +Geldwert+, sondern immer nur der +Grad der inneren Kultur+ des

Beschenkers: sein vornehm-exzeptioneller Geschmack! Nie dürfte mir eine

Freundin, wenn ich reich wäre, +den+ Schmuck tragen, den diese reichen

+Unkultivierten+ schenken! Eine große schwarze Perle ist -- -- -- groß

und schwarz, aber schön ist sie +nicht+. Sie erweckt nur Neid und

Eifersucht, ist also ein Geschenk Satans an eine +Teufeline+!

*

Reine Hände und Füße sind gewiß notwendig und angenehm, aber noch viel,

viel notwendiger und angenehmer ist ein reiner, gründlich gereinigter

Darm!

*

Ihr nehmt parfümierte Seifen zu zwei, drei, fünf Kronen. Aber ein

Eßlöffel von +Rhamnin+ (Cortex Rhamni Frangulae) würde euch viel reiner

und appetitlicher, froher und leichter machen, nämlich von +innen+

heraus!

*

Ich bin fest überzeugt, daß Jago, Franz Moor, Macbeth, Mephisto,

Hamlet, Wallenstein an Verstopfung litten!

*

Das +Überflüssige+ und das +Notwendige+ -- -- -- +Hölle+ und +Paradies+!

*

Die „Jungfrau von Orleans“ hat nie menstruiert. Die dadurch ersparten

Lebensenergien verwendete sie, um +Frankreich+ zu erretten!

*

Das tiefste Verbrechen der Ärzte in den Sanatorien ist, Schlafmittel

nicht restlos +ausschlafen+ zu lassen, Melancholiker zur

Nahrungsaufnahme mit +Gewalt zu zwingen+; reiche Mäzene sollten

+Prämien+ aussetzen für +ideale, gutmütige, verständnisvolle+ Pfleger!

*

Der Geist ist die notwendige unentrinnbare +Folge+ des Leibes. Wie

das Licht der Lampe die Folge von Docht, Petroleum, Luft ist. +Rußen+

tut nur der Leib; der +schlimme+ Geist, das +trübe+ Licht ist eine

Konsequenz des +ungepflegten+ Leibes! Der Geist brennt immer gern klar,

wenn Docht, Lampe, Luft nur richtig sind! Es gibt keine „Ausnahmen“.

Ausnahmen entstehen dadurch, daß man gewisse +Ursachen+ nicht

+erschauen+ kann, obwohl sie vorhanden sind! Eine +Ausnahme+ ist eben

einer, dessen +Ursache+ man nicht kennt!

*

Es gibt nur +eine+ Wahrheit, unter +verschiedenen+ Namen. Siede alle

Religionen, alle Philosophien der Welt in einem +Weisheitskessel+ aus,

und es bleibt ein +allgemeingültiger gleicher+ Extrakt übrig!

*

Jeder bedauert seine +weisen Erkenntnisse+. Wahrscheinlich sind sie

eben weder genug weise noch genug +Erkenntnisse+!

*

Banting war ein Kaufherr, Ludwig Kornaro ebenfalls, Schroth war ein

Bauer, Prießnitz ebenfalls, Fletscher ist ein Millionär und Altenberg

ist ein Dichter. Aber die Ärzte sind -- -- -- +Ärzte+!

*

Es gibt zwei Dinge, an denen man, bei +völliger+ leiblicher

Gesundheit, zugrunde gehen kann; unglückliche Liebe, Eifersucht

und Geldkalamitäten. Das sind ja schon +drei+ Dinge. Es wird also

jedenfalls +noch mehr+ geben.

*

Anklagen erheben gegen die +verbrecherische Stupidität+ in Sanatorien

ist +zwecklos+. Die Ärzte +verstehen nichts+, und die +Pfleger+ sind

Leute, die ihren Beruf als Fleischer und Gefängniswärter verfehlt

haben! Ich erkläre jeden Menschen, der in +gutgemeinter Absicht+

einen lieben Verwandten usw. usw. einem Sanatorium +zur Pflege+

überantwortet, für einen +wissentlichen Meuchelmörder+! Nein, für ein

Rindvieh erster Klasse! Ihr Leitmotiv ist: „Sollen die Ärzte ihr Leid

an ihm erleben! Ich kann keine Rätsel auflösen, er sagt, er könne ohne

die Anna absolut nicht leben! Kann man ohne eine Anna nicht leben, wenn

ein geliebter?! Vater dagegen ist?! Marsch, ins Sanatorium! Dort wird

man dir ‚die +Anna+‘ schon austreiben!“

*

Nichts ist leichter, als erkannte Wahrheiten predigen. Aber sie +nicht

zu predigen+ ist eine feige Gemeinheit!

*

Wüste, Steppe, Sümpfe in gesundes +Ackerland+ verwandeln! Aber einige

Hypokriten weinen um die +verlorengehende+ Romantik dieser Gegenden!

*

„Sie wollen nicht essen, mein Herr, weil Sie +verzweifelt+ sind,

+melancholisch+ sind, der Nahrung nicht bedürfen?! Na, wo ist denn

der Gummischlauch, durch die Nase in den Magen?! Da wird Ihnen die

Verzweiflung schon vergehen, bei einer +anderen+!“

*

Es gibt Pfleger, die „+Bauchredner+“ sind, und daher +jedem+

Unglückseligen das „+fremde Stimmen hören+“ beibringen können! Ob sie

von den „Beteiligten“ dafür +bezahlt+ sind, +weiß man nicht+!

*

Gebt ihnen nicht das +Wissen+! Gebt ihnen den +Glauben+ an das Wissen!

Siehe, das kann man aber eben nur den +Gläubigen+! Denn in ihren

+Herzen+ ist bereits das Wissen, wenn es auch noch nicht ins Gehirn

+hinaufgedrungen+ ist. Sie +wissen+, mit ihrem +gläubigen Herzen+! Aber

die, so weder mit dem +Herzen+ noch mit dem +Gehirne+ wissend werden

können -- -- -- sie sollen +unerlöst+ bleiben ewiglich und verdammt

-- -- -- zu innerer Unrast, Unfreiheit und +Bösartigkeit+!

*

„Mein Herr, es ist leichter zu predigen, als es besser zu machen!“ „Ja,

aber es schlechter machen und das Bessere nicht einmal zu predigen, das

ist eine Infamie!“

*

Arzt sein heißt, die +Natur+ in ihren genial weisen Plänen unterstützen

und es +verhindern+, daß man ihre geheimnisvolle Rekonstruktionsarbeit

+störe+! Unterstützungen der Natur sind: Restloser Schlaf bei

+weitgeöffneten+ Fenstern mit Ohropax (Watte-Wachs-Kugeln) in

den Ohren. Rhamnin (Cortex Rhamni Frangulae) ein Eßlöffel vor

dem Frühstück. Bestäuben der ganzen Haut mit Eau de Cologne oder

Menthol-Franzbranntwein vermittels einer +großen+ Parfümspritze,

Vermeidung +jeglichen+ Ärgers (Krebs der Seele, es frißt weg!).

Leichtest verdauliche Nahrung: Weichgekochter Karolinenreis, Gervais

mit Salz, +junger+ Camembert mit Salz, harte +Eidotter+ mit Salz,

Joghurt, saures Oberes, Pularde, Chapon de Styrie, Sterlett, Branzino,

Spinat.

*

+Nicht+ trinken dürfen, wenn man +durstig+ ist, gehört zu den

scheußlichsten ärztlichen Verordnungen. Freilich kannst du den Durst

mit fünf Eßlöffel voll Wasser oft +löschen+!

*

Suppe +verdünnt+ den Magensaft. Mehr braucht man darüber nicht zu sagen!

*

Die meisten +Bedürfnisse+ sind nur +Ungezogenheiten+!

*

+Kopiös+ frühstücken heißt, die im Schlafe +gewonnenen+ Lebensenergien

sofort für die Verarbeitung völlig überflüssiger Nahrung

+verschwenden+! Das Frühstück hat ein Kultivierter nur zu +markieren+!

*

Schlafmittel müssen +restlos+ ausgeschlafen werden! Sonst wenden sie

sich +gegen+ den Organismus. Bei Schlafmitteln zu einer +bestimmten+

Zeit geweckt werden ist ein +heimtückischer+ Nervenmord! Siehe:

Sanatorien mit +gemeinsamen+ Schlafräumen!

*

Schöne Frauen, seid +nackt+ unter euren Kleidern! +Dieses+ Reizmittel

ist von der Hygiene +geheiligt+! Keine Strümpfe, seidene Socken! Keine

Höschen! Der +nicht+ abgehärtete Mensch ist noch kein Mensch!

*

„Hast du mich denn aber wirklich auch ein bißchen lieb, Anna?!“

„Liebster, wie könnte ich denn sonst die vielen schönen teuren

Geschenke von dir annehmen?!“

*

Eine +kultivierte+ Frau sein heißt ganz einfach, die Milliarde unserer

Lebensenergien +noch+ um eine Milliarde +vermehren+!

*

Dies, siehe, ist vom +Teufel+: Rohe Eidotter sind +gesund+, aber +fad+!

Wie kann etwas +fad+ sein, das +gesund+ ist?!

Gesundheit ist das größte +Amüsement+!

*

Wenn ihr +wüßtet+, wie spielend leicht der +heilige Magensaft

püreeförmige+ Speisen durchdringt und verarbeitet, verdaut, und wie

mühselig +feste Stückchen+ -- -- -- wenn ihr es +wüßtet+! Aber ihr wißt

+nichts+, zu eurem +Verderben+!

*

„Ich hab noch an guten Magen!“

+Noch!+

*

Die +Geschmacksnerven+ müssen durch die +Intelligenz+ ersetzt werden!

Die meisten essen nach ihrem Geschmack!

*

Wir sollten nicht so sehr +lang leben+ als +kurz sterben+ wollen!

*

Unsere „+Apparate+“ haben eine himmlische Nachsicht. Sie verzeihen uns

jahrelang alle unsere Infamien, Unanständigkeiten, Stupiditäten, die

wir begehen. Aber endlich remonstrieren sie -- -- -- mit +Krankheit+!

Da sollten wir doch endlich weise aufmerksam werden! +Nein+, wir rennen

zum +Arzt+!

*

+Später+ ist +zu spät+!

*

Stoff +wechseln+! Aber nicht nur +außen+, Batisthemd und seidene

Socken, sondern +innen, innen+! Die innere Wäsche wird gewaschen durch

„+Verbrennen+ mit Sauerstoff und +Purgieren+“! Ihr aber: außen +hui+,

innen +pfui+!

*

Ich sehe eine Säuferleber und saufe +dennoch+! Ich sehe eine dicke Frau

und heirate +dennoch+!

*

Vom +Geist+, von der Seele aus wollt ihr +repariert+ werden?!? Nein,

die +Maschinerie+ muß repariert werden! Man +denkt+ anders, man

+empfindet+ anders nach Bohnen+püree+ wie nach Bohnen +mit+ der Schale!

*

Man sollte jede ungezogene, lieblose, hartherzige Frau fragen, was sie

denn am Abend vorher +supiert+ habe?! Sagt sie: „Bries mit Spinat,“

dann bist du +verloren+! +Gib jede Hoffnung auf!+ Aber sagt sie:

„G’selchtes mit Knödel“, dann rate ihr zu: „Bries mit Spinat!“ +Ein

letzter Versuch!+

*

Ich kann mir +leider+ auf nichts mehr einbilden, seitdem diese dummen

alten Griechen das Wort geprägt haben: „+Mens+ sana in +corpore+ sano!“

Und außerdem waren es sogar +Lateiner+!

*

Iß schön deine Suppe! ist genial-richtig gesagt. Denn die Suppe muß die

Konsistenz einer dickflüssigen +Speise+ haben, sonst +verdünnt+ sie dir

nur deinen wertvollen Magensaft, den du doch, wie du +nicht+ weißt, zu

Wichtigerem brauchst!

*

Auch „Arteriosklerose“ kann man für zwanzig Jahre besiegen, wenn man

+rechtzeitig+ weiß, daß man sie +hat+! Nur „+nicht wissen wollen+“, ist

eine irreparable +Sünde+!

*

Sich +wiederholen+?! Ja, man wiederhole: 2 und 3 macht 5!

*

Napoleon I. soll von einer wunderschönen Frau, die ihn fast mystisch

verehrte, gesagt haben: „Qu’elle se +déshabille+!“ Es gibt aber

entgegengesetzte Naturen, die in einem solchen Falle mit +ebensolcher

Berechtigung+ sagen könnten: „Qu’elle ne se déshabille +pas+!“

*

„Wann soll man also eigentlich essen, Herr von Altenberg, nach +Ihrer+

Ansicht?!“ Erstens lassen Sie das „von“ aus, zweitens ist es nicht

+meine+ Ansicht, sondern die der +Natur selbst+, und drittens: +Bis+

dir der Gedanke an eine alte Brotrinde das Wasser im Munde sozusagen

zusammenlaufen macht!

„Herr von Altenberg, ist es in ‚+sexuellen Dingen+‘ vielleicht

+ebenso+?!?“ „+Ja, ganz ebenso!+“

*

Der Sokrates hat den „Giftbecher leeren“ müssen wegen seiner Ansichten

über das Leben, mich laden sie wegen meiner Ansichten zu „Champagner“

ein. Jedenfalls eine angenehmere, wenn auch langwierigere Todesart!

*

Eine +schreckliche+ und +gefährliche+ Erkrankung für junge Mädchen

ist: Ewige +Dezentralisation+ durch „Amüsements“. Da kann sich nämlich

nichts im Innern +langsam organisieren+, wenn man es immer durch

Äußeres +stört+ oder +unterbricht+! Mütter sind daher +schamlose+

Verbrecherinnen, die darüber +erfreut+ sind, daß ihr Töchterchen immer

+erfreut+ ist! „Sie ist kopfhängerisch“ würde natürlich bedeuten: „Sie

ist +wertvoll+!“ „Sie ist lustig“ bedeutet natürlich: „Sie ist +flach+

und +wertlos+!“

Wollt ihr nicht endlich, +Betrüger+ und +Selbstbetrüger+, diese

+verlogenen+ Ausdrücke: „Liebe“, „Freundschaft“ durch die heiligen

Worte ersetzen: „+Weise Erkenntnis+“?! Niemandem nämlich kannst

du +nützen+ wie durch +weise Erkenntnis+ seiner Bedürfnisse!

Mutterliebe, die das geliebte Töchterchen aus dem heiligen wertvollen,

+ja unentbehrlichen+ Morgenschlaf in das Leben hineinzerrt, ist

+Mutterhaß+! Mütter maßen sich Erziehungsintelligenz an, weil sie

+konzipiert+ und +geboren+ haben, zwei Vorgänge, die mit dem +„Geist“

nichts+ gemeinsam haben!

*

Vom „Geist“ aus müßt ihr +göttlich+ werden können, das heißt gerecht,

gütig und wahrhaftig, ihr +Lügetiere+! Es gibt keinen Ehrentitel:

+Mama+, man muß sich ihn erst redlich verdienen!

*

Melancholiker (und welcher Kranke wäre keiner?!) in Sanatorien, wo

man sowieso in +gedrücktester, verzweifelter+ Stimmung sich befindet,

zu +normaler+ Nahrung und +Einhaltung+ von Speisestunden zu zwingen,

zumal mit Androhung +künstlicher+ Ernährung durch den +Nasenschlauch+,

ist eine +verbrecherische Stupidität+, die +überall+ im +sogenannten+

aufgeklärten Europa, inmitten der +Kontrolle+?! der +bürgerlichen

Gesellschaft+ ausgeübt wird, die sich über +sibirische Gefängnisse+

jedoch angenehm skandalisiert! Pfui Teufel! Ihr jesuitischen Feiglinge!

Melancholisch Bedrückte, Stoffwechsel-Verlangsamte, Brütende, Trauernde

kommen mit einem +Minimum+ von einem Minimum von Nahrung aus (drei

Gläser Joghurt, drei rohe Eidotter mit Salz in Suppe gesprudelt,

Milchkaffee, Biskuit). Das Wort „essen“ ist in +Mostschädel,

Idiotengehirne+ eingenistet, aber das Wort „+verdauen+“ begreifen sie

nicht! Denn sie verdauen tatsächlich alles, was sie fressen, diese

+Gesundheitsviecher+! Und gerade diese Untiere sollen die +Abnormalen+,

die Kranken, verstehen?!? Die +Kranken+ sollten die +Gesunden+

internieren, damit diese an ihnen keine +Gemeinheiten+ begehen können!

Ich sah einen vormittags Bratwürstchen mit Rotkraut verzehren,

infolgedessen gab ich den Verkehr sogleich mit ihm auf. Da kann nichts

Gutes herauskommen, bei dieser +verbrecherischen Lebensführung+!

*

Wenn ich die Leute in den +Sanatorien+ so Revue passieren lasse

-- -- -- lauter nette, feine, gescheite, ruhige, anständige Menschen!

Was macht es, daß sich einer für einen Kaiser hält und eine für eine

Fürstin?! Alle sind ganz normal, bis auf eine kleine, unscheinbare,

fixe Idee. Aber draußen, draußen im Leben, da ist ein jeder +voll+ von

fixen Ideen! Der eine hat Ehrgeiz, wozu, weshalb?! Der andere will von

einer +geliebt+ werden, die ihn +nicht ausstehen kann+. Einer stirbt

vor Eifersucht wegen einer, die es nicht einmal verdiente, daß man

sich ihren Namen, viel weniger ihre Adresse merke. Einer hofft, ewig

begehrenswert zu bleiben; eine, ewig taufrisch! Einer glaubt +etwas+ zu

sein, weil eine, die +nichts+ ist und +noch weniger+, auf ihn „fliegt“!

Einer läßt sich ein hellblaues Samtgilet machen mit grünen Glasknöpfen.

Einer zahlt einer ein Kalbsfilet mit Spargelspitzen und ist überzeugt,

bei ihr eine Eroberung gemacht zu haben. Ein anderer zahlt +noch mehr+

und ist +noch überzeugter+! Die begehrten Frauen fühlen sich wie in

einem Irrenhaus. Nur die begehrenden Männer nicht. Die sind zu borniert

dazu. Die nehmen alles ernst. Eine junge Dame sagte zu mir: „Daß +wir+

die Männer brauchen, +das+ begreife ich! Als idiotische Wurzen! Aber

wozu sie +uns+ brauchen, +das+ kann ich nicht begreifen!“

*

Lukullus-Diner: Soupe Crême d’orge; Asperges de Eibenschitz et

Pudmeritz; Bries gratiné sauce Parmesan; Zanderfilets, sauce pomo d’oro

salée; Crême de framboises; poires bonne femme; Gervais, Camembert,

Roquefort, Chester; Café au lait; Kurfürstlicher Magenbitter „Danziger

Lachs“; das Recht, seiner schönen Nachbarin, vom servierten Kaffee an,

+ganz sachte und zart+ die Hand auf ihr Knie legen zu dürfen!

*

Eine angezogene Frau hasse ich wegen ihrer +Kompliziertheit+, und

eine ausgezogene wegen ihrer +Primitivität+! Wenn man einmal eine

+angezogene+ Frau fände, die man sich +nicht+ ausgezogen wünschte, und

eine +ausgezogene+, die man sich +nicht+ angezogen wünschte! -- -- --

+Das+ wäre das +Glück+!

*

„Herr Peter, was spricht man denn stundenlang mit dieser Person, ein so

intelligenter Mensch, was Sie sind?!?“

„Dasselbe, was man mit der Antilope spricht, der Gazelle und dem

Kolibri! Man +bewundert+ sie!“

„+Langweilen+ Sie sich nie mit ihr?!“

„Nein, sie mit +mir+!“

*

Wenn ich sogar mit Beethoven beisammen sitze, so schaue ich doch

unwillkürlich, ob er kurzgeschnittene ganz reine Fingernägel habe!

+Später+ erst sage ich mir beschwichtigend, er habe die IX. Symphonie

gedichtet.

*

Eine Frau +muß absolut+ einen nach süßen Mandeln duftenden Atem haben!

+Diese Tragödie+ müßte man einmal schreiben, wo eine Frau sämtliche

herrlich tiefen Eigenschaften einer wertvollsten Frau habe, und +nur+

einen +unidealen+, wenn auch noch nicht ganz schlechten, Atem! Aber

+dazu+ sind unsere Dichter +zu wenig+ -- -- -- +Dichter+! Die halten

noch bei den +Komplikationen+ der +Seele+, ha ha ha ha!

*

Treue ist ein Wort, das die Männer wegen +bequemer Selbsttäuschung+ und

die Frauen wegen +Geld+ erfunden haben!

*

+Nur+ die sehnen sich nach dem Unbewußten zurück, denen das

+Bewußtsein+ nur die Erkenntnis gebracht hat, daß sie Esel +waren+ und

+geblieben+ sind!

*

Beweis für „+begehrenswert+“ sein, ist +nur+, wenn man mit einer

bestimmten Dame +lieber+ als allein in die „Meistersinger“ ginge,

+lieber+ mit ihr als allein eine Dolomitentur machte, +lieber+ mit

ihr als allein sein Geld ausgeben möchte! Die +anderen+ Anzeichen von

„begehrenswert“ sind +ungültig+!

*

Deine +allererste+ Enttäuschung an einer geliebten Frau sei auch immer

+sogleich+ deine +allerletzte+! Glaube ja nicht an +Zufälligkeiten+!

Sie ist stets ein +wohlgeordnetes+ logisches Mistvieh!

ERLEBNIS

Der Dichter an das wunderschöne Mädchen +Eva Fâren+ im „+Grand Gala+“,

Weihburggasse:

„Sie sagten den ganzen Abend zu mir: ‚Herr Professor‘. Ja, ich bin

einer. Ich lehre die Menschen nämlich seit siebzehn Jahren in meinen

Büchern immer dasselbe: +Seele+ zu bekommen! Aber die meisten bekommen

nie eine. Es gibt so viele unaufmerksame und untalentierte Schüler in

meiner ‚Klasse der Menschheit‘. So wie in jedem Gymnasium. Nur wenige

machen einem Freude, einige plappern mechanisch nach. Aber deshalb

muß man dennoch es ununterbrochen versuchen, ihnen eine Seele, wenn

auch sehr allmählich, beizubringen, selbst sogar, wenn sie eine solche

unbequeme gar nicht besitzen +wollen+, und sogar es glauben, daß es sie

in ihrer sonstigen +ernsten+ Beschäftigung empfindlich störe! Ihnen

freilich, allerzarteste Persönlichkeit, allerlieblichste Schönheit,

braucht man nichts mehr beizubringen! Sie haben die Seele vom Schicksal

mitbekommen, diesen +Leitstern+ in den +Wirrsalen+ eines schönen

Frauenlebens! Alles, alles an Ihnen ist eigentlich nichts anderes wie

„+verkörperte Seele+“; Seele, die +ein Obdach gefunden hat+ in einer

zarten Hülle! Alles an Ihnen ist zart, fein, +nobel+, unirdisch; jede

Ihrer Handbewegungen, Ihrer gebrechlichen Finger, jeder Blick Ihrer

Augen, der Timbre Ihrer ausländischen Stimme und die kindlich-edle

Art Ihres Tanzens! Sie können, Sie wollen niemanden kränken; und wenn

Sie es tun, tut es Ihnen sogleich unbedingt wieder schrecklich leid.

Sollten Sie mir jedoch erwidern, daß ich mich leider irre, und daß Sie

die Männer nur aussackeln und ausnützen wollen, so werde ich, ohne zu

zögern, es Ihnen ins Gesicht sagen: ‚Ja, aber +nur+ die, die +kein

anderes Schicksal+ verdienen!‘“

NESTER

Jeder Vogel hat +sein+ Nest, ihm +eigentümlich+ und von allen anderen

+unterschieden+. Man erkennt es im Wald +von weitem+, sagt, hier

wohnt eine Meise, hier ein Stieglitz, hier ein Nußhäher, hier ein

Rotkehlchen, hier ein Dorndreher, hier eine Amsel! Aber bei den

Menschen sagt man: „Das hat ihm Herr A. L. eingerichtet!“ Oder Herr H.

oder Herr B.! Habt ihr denn keine +Nestinstinkte+ mehr, Menschen, also

keine +Nestgenialitäten+ mehr?! Habt ihr keine Lieblingstapete, kein

Lieblingsholz, keine Lieblingsfarbe?! Dann, dann +schämt euch+ vor

den Vögeln des Waldes, die zu ihrem heiligen, praktischen und idealen

Nestbau keines modernen Architekten bedürfen!

ENTDECKEN

„Heute besuchte mich um fünf Uhr abends im Café die ‚vollkommenste

Frau‘ dieser Erde! Fräulein G. L.“

„O, die habe ich schon zwei Jahre vor dir auf dem Lido, Hotel

Exzelsior, entdeckt. Bilde dir also darauf nur nichts ein!“

„Entdeckt, entdeckt?! Wie hast du das bewerkstelligt?! Worin hat sich

dein Entdecken geäußert?!?“

„Geäußert?! Es hat sich ganz einfach darin geäußert, daß ich sie

gesehen habe, in ihrem seidenen Badetrikot mit dem roten Lackgürtel,

und entzückt war über ihre Vollkommenheit!“

„Das also heißt du: entdecken!? Du hast es bei dir behalten, hast deine

Begeisterung hinuntergeschluckt, die andern absichtlich nichts davon

merken lassen, vor allem jene Frau nicht, mit der dich zu verhalten

dein elender feiger Selbsterhaltungstrieb dich zwingt! Du hast nichts

für diese entdeckte Vollkommenheit getan, hast schief weggeschaut von

dieser Pracht, die dir deine armseligen Kreise nur stören könnte! Weißt

du, was das heißt: entdecken?!? Entdecken heißt ein Tamtam schlagen

für eine, daß alle unbedingt aufhorchen müssen; es heißt: sich für sie

einsetzen, so daß alle andern bleich werden, krank und giftig-bösartig;

schreien, weinen und dichten, alle andern verleugnen, demütigen,

auslöschen und vernichten! Das heißt: Eine Besondere, Einzigartige,

Vollkommene entdecken!“

„Peter, du bist der Ausrufer in der Praterbude des Lebens! Dazu gibt

sich nicht ein jeder her. Es ist ein Beruf wie ein anderer. Aber die

Nerven muß man dazu haben. Du hast sie!“

„Es heißt, die Blinden sehend machen, die Tauben aufhorchend, die

Stumpfen fühlend, die Geizigen verschwenderisch! Es heißt, es unbedingt

riskieren, daß diese entdeckte Göttin sich +denen+ zuwende, die ohne

dich sie nie, nie „+erkannt+“ hätten. Es heißt, dich von ihr allzubald

mißhandelt und beiseite gestellt zu sehen, diese einzige Dankbarkeit,

die die Entdeckte dir zu spenden hat! Entdecker+schicksal+ haben,

schmähliches, das heißt: +entdecken+!“

ST. D.

Er wußte, daß ihr brauner Leib

(er liebte jedes Härchen ihrer dunklen Achselhöhlen, die er ein

einziges Mal bei ausgestrecktem Arm und weiten Seidenärmeln

erblickt hatte),

er wußte, daß ihr brauner Leib

in Zärtlichkeiten triefte bei dem andern.

Dies nahm er als unabwendbares Geschick,

wie Verarmung, Krankheit, Sterben.

Ja, es erzeugte sogar der süßen Selbstlosigkeit

bittere Wollust.

Er war gewappnet, stand, ein düsterer Ritter, an

den schweren Toren ihrer leichten Seele.

Doch als sie dem dritten aus seinem Wermutglase

den Zwiebackbrocken mit den Fingern fischte,

und jener den so geheiligten Wein ihr zutrank,

da wurde er entwaffnet, zog sich zurück von seinem

gefahrvollen Posten am schweren Tore ihrer leichten Seele,

ging langsam die weiße Landstraße hinab, und seine

Schritte zogen müd dahin.

VERGNÜGUNGSLOKAL

Im „Tabarin“ gaben die Herren an Blumen aus für das Fräulein Paula:

Lila gefüllte Nelken: 20 Kronen.

Ceriserote Rosenknospen: 30 Kronen.

+Mimosa pudica+, Büsche: 10 Kronen.

Weiß-grüne Schneeballen, Büsche: 10 Kronen.

„Der Diener soll mir’s ins Auto nachtragen, gib ihm 3 Kronen! Aber

vorn, daß die Leut es sehn!“

Am nächsten Morgen sagte das aschblonde wunderbare siebzehnjährige

Küchenmädchen zu mir: „Schneeglöckerln gibt’s schon, Jessas, wie bei

uns in ‚Steinhaus‘, beim Waldsumpf, aber teuer sein’s noch, 30 Heller

das Büscherl!“

MOULIN ROUGE, „VENEDIG IN WIEN“

Lieber Baron!

Ich verdanke Ihnen eine reizende friedvolle „Drahnacht“ mit zwei

ausgezeichneten vornehmen, überaus menschlich feinen Amerikanerinnen,

Tänzerinnen. Sie haben mir in selbstlosester Art die ganze „Regie des

Abends“ überlassen, und ich hoffe, daß es Sie nicht mehr gekostet

hat, als das Vergnügen Ihnen wert war. Besonders die Fahrt des

Morgens in den Donauauen war märchenhaft! Die Damen waren unbedingt

zufrieden in unserer Gesellschaft, und nirgends befand sich ein „trüber

Beigeschmack“, der doch überall leicht durch ein „+Nichts von einem

Nichts+“ sonst entstehen könnte!? Es gibt so viele Taktlosigkeiten,

unbewußte, zwischen fremden Charakteren! +Niemand ahnt es eigentlich,

wie häufig er verletzt!+

Ich habe in dieser schönen Nacht das Wort geprägt: „Die ‚+Regie der

Liebe+‘ ist wichtiger als die +Liebe selbst+!“ Freilich kostete es Ihr

Geld und nicht das meine! Da kann ich leicht Aphorismen von mir geben

-- -- --. Es gibt keine „Sympathien“ auf der „+Bühne des Lebens+“,

wenn man sie nicht als „+geschicktester Regisseur seines eigenen

Herzens+“ richtig, künstlerisch, taktvoll +in Szene setzt+!!! Eine

jede Frau erwartet „geschickteste Mise en scène!“ Wer +seinem eigenen

Empfinden allein folgt+, vergißt, daß der andere dadurch vielleicht

nur in große Verlegenheit, in eigentümliche Mißstimmung gebracht wird

-- -- --. Selbst eine „dargebrachte Rose“ will ihre „zarteste Regie“

haben, um zu wirken! Die Art, der Moment der Übergabe, hundert Dinge

sind dabei zu berücksichtigen! Ein „+Regisseur seiner selbst+“ sein

ist alles! Eine „dargebrachte Rose“ kann das echteste Zeugnis eines

tief impressionierten Herzens sein! Aber, schlecht und ungeschickt

gemanaged, wird sie zu einer banalen, billigen und konventionellen

Liebenswürdigkeit! Dieser Abend, diese Nacht also, dieser Morgen in

den Donauauen, mit der blutroten Sonne, der breiten stillen Donau, dem

Morgendunst über den gelben Grasbüscheln, den rosenroten Gesträuchen,

den grauen, gelben, roten, braunen Kieselfeldern von abgerundeten,

gleichsam von ewigem Wasser abgeschliffenen Kieseln -- -- -- alles

das war wundervoll! Nur das eine störte, daß im Laufe der so schönen

friedvollen Stunden ich mich immer intensiver für Ihre Dame, Sie sich

immer intensiver für meine Dame zu interessieren begannen -- -- --.

Als wir jedoch beide Damen bei ihrer Wohnung abgesetzt hatten und nun

allein der Stadt zufuhren, fühlten wir es: Wäre deine Dame meine Dame

und meine Dame deine Dame gewesen, so würden +dieselben+ Empfindungen

sich entwickelt haben! Also war die Regie ja doch vorzüglich, denn

immer fliegt einer auf die Dame des +anderen+! Sonst wär’s ja +gar zu

fad+!

KARRIERE

Der Herr +Redaktionsphotograph+, der zwei Wände meines Zimmers

aufnehmen sollte, weil „die großen europäischen Illustrierten“ es

ihren gierigen Lesern zeigen wollten, wie P. A. haust, sagte: „Ich

möchte auch ein Stück Ihres Schreibtisches dazu aufnehmen.“ -- „Ganz

unnötig, denn erstens habe ich keinen, zweitens schreibe ich alles

im Bett. Nehmen Sie ein Stück von dem Bett auf dazu!“ -- Ich sagte:

„Wie wird man eigentlich Redaktionsphotograph?! Ich weiß nur, wie man

Dichter wird. Man ist eine Schande seiner gütigen Eltern, ist Jurist,

Mediziner, Buchhändler und dann gar nichts mehr. Aber wie wird man

Redaktionsphotograph?!“

Der Mann legte die Stirne in düstere Falten, ich habe das zwar noch nie

und auch diesmal nicht beobachtet, aber nachdem es in Romanen steht,

und begann: „Ich hatte eine Stimme, Baß, Bariton und Tenor zugleich!“

„Muß man das haben, wenn man Redaktionsphotograph werden will?!“

„Ich hatte eine +Stimme+! Operndirektor +Herbeck+, der unerkannt

unter den Zuhörern saß, trat auf mich zu und sagte: ‚Morgen gehen

S’ zum +Gänsbacher+, singen dasselbe, er wird Sie unterrichten, +zu

zahlen ist nichts+!‘ Ich wußte weder, wer Herbeck, noch wer Gänsbacher

war. Nur mein Vater weinte Freudentränen, und meine Mutter sagte:

‚Ich hab’s ja immer gefühlt!‘ (Es ist der Beruf der Mütter, alles

vorauszufühlen, wenn etwas hinterdrein geschieht, und der Väter eisige

Strenge zerschmilzt in heißen und diskreten Tränen, wenn sich irgendwie

ein ‚Fortkommen‘ zeigt.) Gänsbacher sagte zu mir: ‚Sie Teufelskerl!‘

Nach der siebzehnten Stunde machte ich einen Ausflug nach Laxenburg,

und wie ich, vom Rudern erhitzt, im Kahn niese, kommt ein Luftzug,

und ich verlier meine Stimme. Am nächsten Tage sagt der Gänsbacher

zu mir: ‚Pfiert Ihnen Gott und kommen S’ mir nimmer wieder. Sie san

futsch!‘ Meine Mutter sagte, sie habe alles vorausgeahnt, und mein

Vater sagte: ‚Der Leichtsinn liegt dir im Blute!‘ No, so bin i halt

Redaktionsphotograph geworden. Und glauben Sie mir, ich bin ebenso

glücklich wie bei dem dalkerten Singen!“

VEREIN NATURSCHUTZPARK

Ich begreife es nicht, wieso nicht alle, alle Menschen sich

leidenschaftlich beteiligen an gewissen Gesellschaften, ja, es als

eine Ehre, eine Pflicht betrachten, sich daran zu beteiligen mit ein

paar Kronen und ihren Namen prangen zu sehen unter den Unterstützern!?

Da ist vor allem der Verein zum Schutz mißhandelter Kinder und jetzt

neuerdings der Verein zum Schutz mißhandelter Natur, der Verein

Naturschutzpark! Ich hatte meine ganze Kindheit hindurch sechs Wiesen:

die Bodenwiese am Gahns mit ihren schokoladeduftenden lila Kohlröserln,

die Apollowiese mit Scharen von Apollofaltern, die Lavendelwiese mit

Eau-de-Cologne-Düften, die Königskerzenwiese, die Lakabodenwiese

mit Erdbeeren, die Ochsenbodenwiese auf dem Schneeberg. Diese sechs

Wiesen liebte ich und kannte sie daher genau. Oder vielmehr, weil ich

sie genau kannte, liebte ich sie. Es ist genau wie mit den Frauen,

nur umgekehrt: weil man sie genau kennt, liebt man sie nicht mehr.

Jede Gegend hat irgendwo eine Seele, das heißt: Strecken, wo ihr

ganzer Reiz konzentriert ist, zum Beispiel die Dolomiten in Tre

croce. Diese Seele einer jeden Gegend soll man schützen als ihr

Wertvollstes! Ebenso Kinder, die noch nicht gemein sind, als die Seele

des Menschentums! Schöne Wege soll man mit feinstem Sand bestreuen und

prima Wasserspritzwagen zirkulieren lassen! Es soll eine Sache der

innern Kultur werden, solchen Vereinen als Mitglied anzugehören, so wie

man im Besitze einer besten Zahnbürste und einer Nagelzwicke sein muß.

Es gehöre zur innern Reinlichkeit, auf die die Herrschaften weniger

Gewicht legen! „Mein Badezimmer stößt direkt an mein Schlafzimmer,“

sagte einer dieser Snobs zu mir. „So!“ erwiderte ich, „sind Sie schon

im Verein Naturschutzpark?!“ „Was geht mich der an?!“ „Wenn nur Ihre

äußere Hülle rein ist, Sie Schwein!“

MIMIKERINNEN

+Mimik+ ist die Fähigkeit zu sprechen, ohne +Worte+ dazu zu verwenden.

Solche edle Mimikerinnen sind +Elsa+ und +Berta+ Wiesenthal. Sie

sprechen zu uns unter Musikbegleitung sanfte, tiefe, kindliche,

besondere Worte, ohne dabei zu reden. Eine Mama versteht das

romantische Lallen ihres geliebten Wiegenkindchens, ein Jäger den Blick

seines Hundes, ein Liebender das Schweigen seines Mädchens! Schon

seinerzeit in der „Kunstschau“, in der Pantomime von Oskar Wilde „Der

Geburtstag der Infantin“, überraschte Elsa Wiesenthal durch edle Würde,

durch das Ausdrücken von allem, was der Dichter meinte, in Gebärde, im

Blicken! Sie hat alles diesmal gehalten, was sie versprochen hatte,

besonders in „Violettapolka“, „Türkischer Marsch“, „Faustwalzer“.

Berta ist wie ein getreuer Knappe seiner edlen wunderschönen Herrin.

Die Kostüme waren sehr gut. Im „Faustwalzer“ flogen eigentlich

zwei herrliche weiße seidene Schmetterlinge! Wir haben bisher von

Tänzerinnen folgende bemerkenswerte Typen gesehen: +Cleo de Mérode+,

die +ewige Jugend+, Saharet, die +Akrobatin+, Ruth St. Denis, die

+Indierin+, Carmen Aguileras, ganz Spanien, Maria Maraviglia, die

+Anmut+, Grete Wiesenthal, der „+modernste Typus+“, Elsa und Berta, die

+Mimikerinnen+, Esthère Vignon, das +Genie+!

ALBERT

Ich erhielt eine Krone, 1893, deren Kopfseite poliert war und den Namen

„Albert“ eingraviert hatte. Ich fühlte es sogleich, daß Dichter die

Verpflichtung hätten, in einem solchen aparten Fall ihre Phantasie

„schweifen“ zu lassen. Jedenfalls hatte eine „+Sie+“ die durch

irgendeine uns unbekannte Begebenheit geweihte Krone, vielleicht

die erste gespendete oder die letzte, so transformieren lassen,

und in einem Augenblick materieller Not oder aus Haß, Eifersucht,

Verzweiflung, Verachtung oder dergleichen sie eines Tages wieder ins

Rollen gebracht, ins Leben hinein, bis endlich, 1914, zu mir.

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