Da kommt mein lieber Kellermeister her;
Freund Jakob, habt Ihr noch ein Glas vom Guten?
Jakob.
Da, trink, wir steigen wohl nachher zum Keller,
Noch zum Valet den Unger zu versuchen. --
Doch warum nun so schnell, warum nicht lieber
Noch etwas Ruhe? Ein'ge Tage später
Würd' ihm das Herz nicht abgestoßen haben.
Herzbold.
Du kennst ja wohl die Jugend, alter Graubart,
Das treibt, das ängstet sich, zu eng ist's ihm,
Er denkt, er träumt, er athmet nur die Braut;
Da hat er sich im Krieg etwas getummelt,
Sich hie und da von Böhm'schen Schwertern Hiebe
Geholt, die Trennung von dem Vaterlande
Hat nun die Gluth im Herzen mehr geschürt, --
Je nun, da's sein soll, ist es gut, recht bald:
Er ist und bleibt doch ein verdorbner Mensch.
Jakob.
Wie so?
Herzbold.
Was nützt dem Rittersmann das Weib?
Er ist entzwei gebrochen, unbrauchbar,
Wie die geknickte Lanze, hin der Muth,
Die Jugendfrische: nein, ich dacht' es nicht,
Daß er so bald des eignen Glückes satt sei;
Da rennt er in sein Joch; ade nun Schwert
Und Lanze, Abentheuer, Krieg und Jagd,
Nun hängt er an dem Halse seines Weibes,
Verzehrt sein Leben in langweil'gen Mauern,
Zeugt fromme Kinder und erzieht sie still,
Küßt eins und putzt dem andern seine Nase,
Lehrt sie Gebete und moral'sche Flausen,
Dünkt sich so wichtig wie der Großsultan,
Wenn er dem ruft: stich dich nicht mit dem Messer!
Um Gotteswillen Kaspar, Konrad, fallt
Vom Schemel nicht! Franz, du liegst ja im Quark! --
Verflucht die matte, freudenleere Trägheit,
Die sanfte Zärtlichkeit, die recht im Mark,
Im Innersten des Mannes zehrt, mit Wehmuth
Und Leid und Liebe ihm sein Herz zerfrißt!
Jakob.
Nun, nun, es hat die Ehe auch ihr Gutes,
Dächt' jeder so wie Du, die Welt stürb' aus.
Herzbold.
Warum denn das? Ich hasse nicht die Weiber.
Da draus im Orient hab' ich's wohl gesehn,
Wie man sie halten muß; was Leben heißt.
Der Mah'med, sonst vielleicht ein böser Schelm,
Hat hierin doch das Wahre recht getroffen;
Da haben sie drei, vier der schmucken Weiber,
Und Sklavinnen, so viel nur jeder mag,
Die sitzen all und warten auf den Herrn,
Und mucksen nicht, und sprechen in nichts mit;
Da macht er seine Runde, bald zur braunen,
Zur weißen dann, zur dicken und zur schlanken
Trägt er sein Herz, und jede bleibt ihm neu;
Doch ein' und immer ein, das taugt nichts, Freunde;
Dann weiß auch so ein Türk nichts vom Erziehn
Und Kindern, das wächst auf wie junge Böcke,
Und hat er mal die Laun', so pfeift er nur,
Da springen zwölf ihm an den Vaterhals.
Jakob.
Du bleibst ein wilder Kauz, Freund.
Herzbold.
Was da, wild!
Du zahmes Huhn! komm in den Keller jetzt,
Da taugst Du was, da nur bist Du zu Hause,
Das Bischen hier hat mir App'tit gemacht;
Nachher hab' ich zu thun, ist doch des Teufels
Gepäck und Flitterstaat, und fehlt dann was,
So fällt doch alle Schuld auf mich. Komm' nur,
Ich höre schon den jungen gnäd'gen Herrn,
Duck' unter! schnell! daß mir nicht Redensarten,
Verliebter Unsinn in den Hals gerathen.
Beide ab.
Albrecht und Ulrich treten herein.
Albrecht.
So bist Du wieder da? Ich halte Dich
Und meine Hedewig im Arm, die Liebe
Und holde Freundschaft; ist dann noch ein Wunsch
In diesem Leben übrig? Mögen andre suchen
Nach fernem Glück, nach Reichthum und nach Ruhm,
Mir ward hier alles, alles ist geendigt,
Wonach wohl sonst in kind'schen Jugendträumen
Des Herzens Arme griffen, und nun fängt
Der Frühling meines neuen Lebens an.
Ulrich.
Beglückter Freund, der Du vom Himmel selbst
Dein Loos als freundliches Geschenk empfingst,
Der Du zu sagen weißt: dies wollt' ich haben!
Und dem nun ungetrübt ward, was er wollte.
Nicht finstre Tage, Sorge nicht, nicht Kummer,
Kein Vorwurf Deines Herzens, noch Gewalt
Hat Dir Dein Glück im schweren Kampf errungen,
Nichts trübt den Glanz des Kleinods; wie ein Lächeln
Geht Dir die Zeit vorüber. O mein Albrecht,
Wär' ich rein, so froh, so einfach doch
Im Leben nur wie Du, in allen Wünschen!
Doch fernhin dehnt sich ungewisse Zukunft,
Ich spiele mit Verzweifeln und mit Hoffen,
Die Liebe scherzt mit losem leichten Finger
Auf allen Saiten meines Herzens, oft
Tönt Wahnsinn aus der Tiefe, fremde Räthsel
Erzeugen sich wie Wolkenbilder, fliehend
Ist Sonnenschein und Nacht im irren Wechsel.
Albrecht.
Kann denn der Dichter wohl das Leben haschen?
Ist etwas ihm ein Wahres? Soll sein Träumen,
Das ihm die Nacht und die Gestirne senden,
Des Wahnsinns leichtes goldenes Gespinnst,
Das Liebe von der raschen Spindel dreht,
Dem Ird'schen weichen? O beglückter Freund,
Wer hat die Wahrheit? Wer besitzt das Leben?
Entweder greifen wir mit Wünschen weit aus,
Und finden niemals, niemals was wir suchten,
Oder beschränken uns einfach in Demuth,
Und wollen nicht was uns unmöglich ist,
Empfangen, wie der Bettler, auch mit Dank
Die karge Gabe, träumen nur von Glück,
Darben in Gegenwart, vergessen was
Vergangen, denken nur gering von Zukunft,
Und sterben so gleichgültig hin, uns selbst
Vergessend.
Ulrich.
Das kannst Du nicht sagen,
Du machst es wie der Reiche, der sich arm stellt,
Um seinen Reichthum mehr nur zu empfinden,
Und andre daran prahlend zu erinnern:
Du liebst und wirst geliebt; die schönste Braut
Harrt Dein in Sehnsucht, Du bist jung, wie sie --
Albrecht.
Was mehr als alles, sie ist meine erste
Und einz'ge Liebe: Freund, ich lästerte
Den Himmel, denn mein Leben ist der Himmel:
Ich fühl' es ja, aus Tausenden erlesen
Und hoch beglückt bin ich, der Kette los
Armsel'ger Aengstlichkeit, die alle fesselt;
In Glück ward nun der Böhmenkrieg geendigt,
Mit Ruhm zwar nicht gekränzet, doch geehrt,
Geliebt von meinem Fürsten kehr' ich heim,
Nun heim zu ihr, die ich seit zweien Jahren
Nicht sah. Wie sie wird anders sein,
Wie jungfräulich, wie sich bewußt der Liebe,
Die in ihr schlief im schönsten Himmelsbette
Und Lächeln träumte; wie wir Engel sehen
Im Schlaf zuweilen, Unschuld halb, halb Schalkheit,
Daß sich die rosenrothen Lippen fragen,
Was sie denn meinen? Und die klaren Augen,
Die sanften Geisterbrunnen, denen Gruß
Und Blick entsteigen, wie die holden Feen
Aus ihrem Bad die schönen Glieder heben!
O Liebste! Und Du Liebster! Jugendfreund!
Du meine Seele! laß uns Lieder singen
Durch alle grünen Thäler lustberauscht.
Ulrich.
Wer ganz beglückt, wie Du, wird nimmer dichten,
Die Liebe gab mir freilich das Geschoß
Des Reims und süßen Tons, doch nur im Unglück:
Ruht' ich an ihrer Brust, in sel'ger Ruhe,
Im Kuß wollt' ich die Melodie auslöschen,
Die jetzt aus meinem Herzen zehrend brennt.
Albrecht.
Doch sollst Du mir oft Deine Lieder singen,
Denn keiner liebt sie so als ich, es spiegelt
Mein Herz sich drein, und alles, was ich je
Versucht, war doch nur schwacher Widerhall
Von Deinem Ton. Weißt Du, wie ich einst sang?
O Augen! wohin führen mich die süßen Scheine?
Ich meine, daß ich nur zu büßen ein muß saugen
Der Augen lieblich Grüßen; wie ich freudig weine
Und mich der Deine fühl' im Küssen, fragen mich die Augen
Mit sanftem Schimmer: wird auch immer dieses Glück mir lachen?
Sie machen,
Daß die Freuden Leiden gleich mir sind: --
O liebstes Kind,
Laß Dieses Fragen, sagen kann ich's nie und weint' ich mich auch
blind.
Herzbold tritt taumelnd herein.
Herzbold.
Die Pferd' sind da und stampfen ungeduldig.
Wird's bald, Herr Ritter? Erst die Angst und Noth:
Mach schnell, und: eile Dich! ei, spute Dich!
Und wenn nun alles da und fix und fertig --
Albrecht.
Geh nur voran, gleich schwingen wir uns auf. --
Komm, Liebster! nun dem schönsten Glück entgegen,
Umarme mich noch einmal: Du bist mein,
Ich fühl' in mir des Himmels reinsten Segen,
Und trete in des Paradieses Schein.
Sie gehn ab.
Zweite Scene.
(Am Strom.)
Hans und Peter.
Hans.
Die Arbeit wird Dir wieder sauer, nun die Sonne ein wenig scheint. Das
reckt und dehnt die faulen Glieder und kann nicht aus der Stelle.
Peter.
Wir haben aber auch noch wenig gefangen, es ist heut ein unglücklicher
Tag.
Hans.
Weißt Du, Schlingel, warum es ein unglücklicher Tag ist? Weil Du die
Sinne nicht beisammen hast, weil Du nichts als die Grethe denkst und
siehst; die Fische könnten zu Hunderten kommen, und Du würdest sie mit
Deinen Kalbsaugen nicht einmal gewahr werden. Wie wird es mit der
Hochzeit dort oben aussehn, wenn wir keine Fische liefern.
Peter.
Ihr sprecht von der Hochzeit. Wann wird sie denn sein?
Hans.
Je nu, morgen oder übermorgen; was schiert's mich weiter?
Peter.
Ach, ich dank' Euch, lieber Vater, daß Ihr endlich Euer Einwilligung
gegeben habt.
Hans.
Talk! Talk! was spricht der Lümmel? Kannst die Ohren nicht aufthun? Von
Deiner Hochzeit ist Gottlob noch nicht die Rede. Von des Fräuleins
Ehrentage, vom alten Grafen da droben. Nein, so lange ich lebe, oder der
alte Müller, der krausköpfige Brand, kann aus der Sache nichts werden.
-- Die Sonne kommt schon über die Berge, sing und breite die Netze aus.
Peter.
Es war einmal ein Junggesell,
Der thät hin fischen gehn,
Die Wasser schienen klar und hell,
Die Sonne gar so schön,
Er schaut wohl in die nasse Fluth,
Er denkt an sie und klagt und fühlt den Liebes-Muth.
Und willst Du mich mit Netzen stehlen?
So singt es aus dem Fluß:
Zum Liebsten wollt' ich Dich erwählen,
Komm her, komm her zum Kuß!
Er zieht das Netz mit großer Pein,
Und schau! da zappelt und lacht die Liebste drein.
Da fällt sie ihm an seinen Mund,
Und halst und drückt ihn sehr,
Da war er froh und ganz gesund,
Und klagte nimmer mehr,
Sankt' Peter segnet' ihm den Zug,
Er hat mit seinem lieben Fisch der Lust und Freude überg'nug.
Hans.
Alberner Junge, nichts als skandalöse unvernünftige Lieder hat er im
Kopf! -- Die Netze da oben müssen in den Strom gezogen werden; komm
hinunter in den Kahn. -- ~Man hört Jagdhörner.~ -- Da jagen sie schon so
früh im Walde.
Peter.
Die haben's besser, als wir, und wie herrlich das Horn die Felswand
hinab klingt und widerhallt, ich wette, daß sie es unten in der Mühle
hören. Heut Abend darf ich doch in die Mühle?
Hans.
Komm, Hasenfuß, Liebesnarr, Dummkopf! der Donaustrom könnte Dir wohl
unter den Beinen weglaufen, und Du würdest es doch nicht gewahr werden.
--
Gehn ab.
Christoph ~kömmt blasend~.
Wo mein Herr nur geblieben ist, und die ganze Gesellschaft. Den tollen
Herzbold hab' ich sehn vom Pferde fallen, aber ich konnt' ihn nicht
erreiten. ~Er bläst.~ Sie müssen sich doch zusammen finden. Das heiß'
ich Lust und Liebe zur Jagd, daß man die Bären nicht in Ruhe lassen
kann, wenn man zur Hochzeit reitet. Holla! ~Er bläßt.~ Da oben ragt
schon den Wald das alte Felsenschloß herüber; je nun, ich kann den Weg
ohne sie, sie können ihn ohne mich finden.
Er bläst und geht in den Wald zurück.
Albrecht,
aus dem Walde mit einem Jagdspieß.
Hier war das Blasen, doch ich sehe Niemand. --
Ha! seid gegrüßt, gegrüßt ihr alten Mauern,
Gesegnet seid da droben, liebe Steine,
Die mir mein Theuerstes, die sie umschließen!
Seh ich euch wieder nach so manchen Tagen?
Dort ist ihr Fenster, in der Sonne glänzend:
Nun schaut sie wohl hernieder, schaut die Donau
Und späht nach mir: oder sie geht im Gärtchen,
Pflückt Rosen, hebt sich auf den zarten Füßchen,
Beugt sich die Brustwehr über weit, seufzt: Albrecht!
Eine Stimme.
Albrecht!
Albrecht.
Wie, war es nicht, als wenn es aus dem Strome,
Vom Felsen drüben meinen Namen riefe?
Es war nicht ihre Stimme!
Gesang.
Auf Bergen nicht und nicht im Thal
Wohnt Liebesglück,
Von Thal und Bergen treibt die Quaal
Dich bald zurück,
Die Heimath weicht, die Ruhe flieht
Wie Sehnsucht dich in ihre weiten sanften Kreise zieht.
Albrecht.
Welch Tönen! Wasser, Berg und Wald erklingen,
Mein ganzes Herz hallt wieder, und dies Echo
Ruft laut im Innersten die Träume wach.
So tönt nicht ihre Stimme; nein, die Wölbung
Des Himmels und die Luft und Erd' und alles
Ein Zaubersang! O voller Donaustrom,
Du rauschest drein und jede Woge hüpft
In Wollust und Entzücken.
Gesang.
Sehnsucht hat ein Thor erbaut,
Drinnen lacht das Lachen, schmachten
Süße Blicke, dir entgegen schaut
Der Kuß, die Arme dir entgegen trachten,
O komm zum Schloß, auf Bergen nicht und nicht im grünen Thal,
O endlich, endlich komm zum trauten Kämmerlein einmal.
Albrecht.
Was weil' ich? Immer heller wird der Strom,
Als wollten Blumen alle Wellen werden,
Als strebte zu mir her das süße Wort,
Mit Flüstern es dem Herzen zu verkünden,
Was es entbehrt, und längst gesucht, gewünscht,
Und doch den Wunsch, sich selber nicht erkannte.
Gesang.
Rubinen glänzen in dem Saal,
Dir winkt das Hochzeitbette,
O küßt' ich dich ein einzigmal,
O daß ich dich in Armen hätte,
Dir in die lieben Augen tief zu sehn,
Und Kuß auf Kuß in Wollust zu vergehn.
Albrecht.
Ich will, ich muß hinweg, sie ist es nicht,
Ich kenne wohl die zarten Laute Hedewigs,
Das Schloß verbergen dort mir Wetterwolken,
Sie ziehn zum Felsen oben dicht und dichter.
O Hedwig! ~Will gehen.~
Stimme.
Albrecht! Albrecht!
Albrecht.
Es ruft! Mich täuscht kein Irrthum. -- Wer?
Hier bin ich! -- Weit und breit kein Mensch --
Ich bin allein, einsam ein Klaggeschrei
Im Wald, die Felsen hallen wieder
Gebrochne Töne von der Woge, Grauen
Ergreift mich, greift durch Mark mir und Gebein.
Siglinde erscheint auf dem Wasser.
Welch Frauenbild dort lächelnd in der Fluth?
Die tiefen dunkeln Augen! Wehend weit
Ihr Schleier -- und sie winkt -- wo bin ich, Himmel?
Siglinde.
Albrecht! mein Albrecht! komm zu meinem Schlosse!
Albrecht.
Wohin?
Siglinde.
Tief unten, wo kein Neid Dich findet,
Kein Argwohn --
Albrecht.
Weh!
Siglinde.
Kein Ueberdruß, Ermatten.
Albrecht.
Zu Dir? -- ~Siglinde versinkt.~
Wo bleibst du Bild? Versank das Augenpaar?
Ward in der Fluth dies Lächeln ausgelöscht?
Spiegeln herauf nicht die Korallenlippen?
Jetzt will ich gehn, -- wie mich das Wasser ruft --
Wie mich der Strom anschaut, wie heißbedrängt
Die Wellen meines Bluts die Wogen grüßen,
Und Kühlung, Kühlung suchen, -- fort! O Hedwig! --
Bist du gestorben? du im Strom versunken?
Hinauf zum Wald! hinauf in ihre Arme!
Es donnert fern, -- im Donner ihre Stimme,
Mein Herz erschütternd.
Siglinde schwebt auf dem Wasser, ein Kind in den Armen.
Siglinde.
O mein Albrecht!
Albrecht.
Wieder!
Siglinde.
Du gehst?
Albrecht.
Ein Kind! das winkt und nach mir greift,
Wie Gold die Locken.
Kind.
Willst mich nicht küssen, mit mir spielen, Vater?
Albrecht.
Welch Wort!
Siglinde.