Die Landesherren schafften ihm bald einen Boten, der des Wegs kundig war

und auch die Wohnung des Riesen wußte, worauf Geoffroy sehr kurz, aber

doch mit seiner möglichsten Höflichkeit von den Landesherren Abschied

nahm. So ritten sie beide, er und der Bote nach dem Berge zu, wo der

Riese seine Wohnung hatte. Da sprach der Bote: Hier auf diesem Berge hat

nun der Riese seine Wohnung. Du mußt mich zu ihm führen, antwortete

Geoffroy, denn dazu bist Du mir mitgegeben; und so ritten sie auch den

Berg hinan, und als sie oben waren, sah sich der Bote um, und erblickte

den großen und mächtigen Riesen, der an einem Baume, auf einem

Marmorsteine saß.

Als der Bote sah, daß der Riese so gar nahe bei ihm war, zitterte er vor

Furcht an Händen und Füßen, wobei er ohne Unterlaß die Farbe

verwandelte. Geoffroy, der sich nicht umgesehn hatte, merkte daraus, daß

der Riese etwa in der Nähe sein müsse, er sagte daher lächelnd zum

Boten: fürchtet Euch nur nicht, mein lieber Freund, denn ich bin

gekommen, diesen Riesen umzubringen und Euch alle zu erlösen. Der Bote

sagte: Herr, ich bin Euch als ein Bote mitgegeben worden, denenselben

den Riesen zu zeigen, da ist er nun vor uns gegenwärtig, und sitzt auf

einem Marmorsteine, nun verleihe Euch Gott der Herr Kraft und Stärke,

denn hier kehr' ich um, und möchte um alle Schätze in der Welt, um alles

Gold und Silber nicht weiter mit denenselben hinauf reiten; also, Gott

befohlen, denn ich war bloß dafür gedungen, Euch den Riesen zu zeigen,

und da ist er.

Der Riese _Grimhold_ sah, daß zwei Leute zu ihm den Berg hinan ritten,

blieb also sitzen, um zu sehn, was es geben solle, denn er dachte wohl,

daß sie sich an ihn machen und eins mit ihm wagen wollten. Geoffroy bat

den Boten lächelnd, daß er doch noch bleiben und ihrem Gefechte zusehn

möchte, indem er bald wahrnehmen würde, welcher unter ihnen beiden der

beste sei. Der Bote aber sprach: was seh' ich doch an Dero Fechten, will

lieber wieder nach Hause gehn, indem ich das nunmehr vollbracht habe,

was mir ist anbefohlen worden. Geoffroy aber redete ihm wieder zu und

sagte nochmals: lieber Freund, laß es Dir nicht leid sein, noch eine

kleine Weile zu verziehn, denn Du wirst alsbald gewahr werden, welchen

Ausgang es nimmt, worauf Du dann dem übrigen Volke sagen kannst, wie es

sich begeben hat, und wer oben oder unten gelegen; willst Du dieses aber

nicht thun, so denke ich Dir selber eins zu versetzen, daß Du wohl hier

bleiben mußt.

Der Bote antwortete und sprach: gnädiger Herr, Ihr bittet so, daß man

Euch nichts abschlagen kann, doch wollte ich gebeten haben, das Ding

nicht lang zu machen, weil ich mich gar zu sehr vor dem Riesen fürchte,

denn er kommt mir nicht wie ein Mensch, sondern wie der leibhaftige

Teufel vor. Wenn Ihr so dächtet, wie ich, so würdet Ihr gegen den großen

ungeheuren Riesenkerl nicht so unbedachtsam Euer junges Leben wagen.

Geoffroy aber sagte: sorgt für mich nicht, denn ich will dem Leben des

Riesen bald ein Ende machen.

Geoffroy schied nun von dem Boten und kam an den Berg. Da ihn Grimhold

ganz allein herauf reiten sah, verwunderte er sich sehr, daß sich ein

einzelner Mann dergleichen unterstehn sollte, doch gedachte er wieder,

es werde vielleicht ein Unterhändler zwischen ihm und dem Lande sein,

daher stand er auf, ging ihm an dem Berge auf einer schönen Wiese

entgegen und nahm eine lange hölzerne Stange in seine Hand, mit der er

wie mit einem Stäblein spielte. Wie nun Geoffroy nahe genug gekommen

war, so schrie ihn der Riese an: Wer, oder von wannen seid Ihr, daß Ihr

es wagt, so gegen mich den Berg herauf zu reiten? Was habt Ihr hier zu

schaffen und zu suchen? Geoffroy schrie ihn wieder an: Du großer

Schreihals, mein Gewerbe ist ganz kürzlich dieses, daß ich Dir Deinen

gottlosen Kopf vom Leibe herunter hauen will, weiter habe ich hier

nichts zu suchen, darum halte Dich bereit, solches in Gottes Namen zu

erleiden.

Da fing der Riese an zu spotten und sagte: ei, mein kleiner Herr, laßt

mir doch noch mein armes Leben, nehmet mich lieber gefangen und verkauft

mich für Geld, damit ich doch nur meinen Leib behalte. Wie Geoffroy

merkte, daß er seiner spottete, schrie er ihn wieder an: Nun warte, Du

großer Hund, alsbald sollst Du für Dein Spaßmachen den Lohn bekommen.

Plötzlich ergriff er seinen Schild, legte die Lanze ein und rennte mit

solcher Gewalt auf den Riesen los, daß, wenn dieser nicht von seinem

stählernen Harnisch wäre geschützt worden, er ihn durch und durch

gestoßen hätte; aber der Stoß traf den Riesen doch so gewaltig, daß er

zur Erden fiel und den Hintern und die Beine dem Himmel zukehrte. Er

sprang aber geschwinde wieder auf und wollte nach Geoffroy mit seiner

Stange schlagen; wie dieser das merkte, sprang er schnell vom Pferde

herunter, in Besorgniß, er möchte ihn und das Pferd zu gleicher Zeit zu

Tode schlagen. Der Riese betrachtete hierauf den Geoffroy und

verwunderte sich sehr über dessen Stärke, und sagte zu ihm: ich weiß

nicht, wer oder von wannen Ihr seid, Ihr habt mir einen so starken Stoß

gegeben, daß ich meine Füße und meinen Hintern dem Himmel habe zukehren

müssen, solches ist mir zuvor in meinem Leben noch nicht begegnet, wenn

Ihr also ein frommer Ritter seid, so begehre ich von Euch, mir Euren

Namen nicht zu verschweigen.

Geoffroy antwortete: ich heiße Geoffroy mit dem Zahn und bin weit und

breit bekannt. Der Riese sagte: ich habe schon viel von Euch gehört, Ihr

seid also derselbe, der einen andern Riesen, meiner Mutter Bruder,

erschlagen hat, und nun hieher zu mir gekommen seid, um Euren Lohn dafür

zu empfangen, den ich Euch auch alsobald richtig auszahlen will. Damit

nahm der Riese die Stange und schlug mit großer Gewalt gegen Geoffroy,

in der Meinung, ihn zu treffen, Geoffroy aber sprang geschwind zurücke

und die Stange fuhr einen Schuh tief in den Felsen hinein. Zu gleicher

Zeit gab Geoffroy dem Riesen mit seinem Schwert einen solchen Hieb durch

seinen stählernen Harnisch, daß die Ringe davon fielen und das rothe

Blut durch den Harnisch abwärts floß. Darauf wurde der Riese über die

maßen wüthig, er nahm seine Stange und holte damit einen mächtigen Hieb

aus; aber Geoffroy sprang wieder zurücke, und der Streich war so

gewaltig, daß die Stange drei Schuhe tief in den Felsen hinein fuhr,

wovon ihm auch der Arm heftig erschütterte und seine Stange in Stücke

zersprang. Darüber ward Geoffroy sehr froh und lief wieder gegen den

Riesen, und führte einen so starken Hieb auf dessen Helm, daß er ihn

davon betäubte. Wie der Riese nun wehrlos war, so brauchte er seine

Faust und versetzte damit dem Geoffroy einen so harten Schlag auf seinen

Helm, daß er ihn damit beinah von Sinnen brachte, doch erholte er sich

bald und gab dem Riesen noch einen Hieb, daß ihm der Panzer versehrt

wurde, er ihm eine tiefe Wunde beibrachte und das Blut zu seinen Füßen

niederströmte. Darüber fing der Riese an gräßlich zu fluchen und seine

heidnischen Götter zum Beistand herbeizurufen. Dann sprang er auf

Geoffroy zu und packte ihn um den Leib, hierauf rungen die beiden aus

allen Kräften und Geoffroy war so mächtig, daß dem Riesen der Athem

verging, ihn seine Wunden sehr schmerzten und er beinahe ohnmächtig

geworden wäre. Hierauf wollte Geoffroy wieder nach seinem Schwerte

laufen, um ihm vollends den Rest zu geben, aber der Riese nahm dieses

Augenblickes wahr und nahm mit großer Schande die Flucht in den Felsen

hinein.

Der Riese war hinter dem Felsen in ein finstres Loch gesprungen und

Geoffroy konnte ihn nicht wiederfinden, so sehr er auch suchte, er

setzte sich also wieder zu Pferde und ritt zu seinem Boten zurück, der

seiner in großen Aengsten erwartet hatte. Dieser freute sich sehr, als

er ihn sah, und Geoffroy erzählte ihm den ganzen Verlauf des Zweikampfs,

denn jener hatte sich doch aus Furcht entfernt, als er gesehn, wie der

Riese zu handthieren angefangen. Er sah nun auch, wie dem Geoffroy sein

Helm voll Beulen und sein guter Schild zerschlagen war, woraus er wohl

abnehmen konnte, daß er nicht leichte Arbeit gehabt hatte. Indem sie

noch mit einander sprachen, kamen die Landesherren und eine große Menge

Volks herbei, die sich über den Sieg Geoffroy's höchlich erfreuten; doch

wurden sie wieder bekümmert, als sie hörten, daß der Riese nicht ganz

todt, sondern in den Felsen entronnen sei, und wenn er von seinen Wunden

wieder aufkäme, so möchte er hernach schlimmer werden, als er zuvor

gewesen.

Einer von den Landesherren fragte ihn hierauf, ob sich der Riese bei ihm

etwa erkundigt habe, wer, oder von wannen er sei. Geoffroy antwortete:

ja, er hat recht eigentlich darnach gefragt und ich habe ihm solches

auch nicht verschwiegen. Darauf sagte dieser Herr: tapfrer Ritter, Ihr

könnt versichert sein, daß dieser Riese nicht wieder aus seinem Berge

hervor kommt, so lange Ihr hier gegenwärtig bei uns bleibt, denn er hat

es durch eine Weissagung, daß er von Eurer Hand sterben werde. Darauf

schwur Geoffroy einen Eid, nicht eher von dem Lande zu weichen, bis er

den Riesen wieder gefunden und ihn vollends getödtet hätte.

Ein andrer Landesherr fuhr hierauf fort: Herr Ritter, in jenem Berge

sind überhaupt viele Gespenster, und fremde Dinge, die man wohl recht

seltsam nennen könnte. Wir sind ehedem von einem Könige _Helmas_ regiert

worden, derselbe hatte eine schöne und weise Gemalin _Persina_ genannt,

welcher er einen Eid schwören mußte, sie in ihrem Wochenbette nicht zu

besuchen, er brach aber diesen Eid und sah nach der Frau im Kindbette,

worauf er auf sonderbare Weise von ihr und von den Kindern plötzlich

getrennt wurde. Die drei Prinzessinnen haben darauf ihren Vater in

diesem Felsen verschlossen, und wohin nachher die Mutter mit den

Töchtern gekommen, hat Niemand erfahren können, seitdem aber der König

im Felsen verschlossen, hat sich hier immer ein Riese aufgehalten und

den Berg gehütet. Dieser ist der fünfte und alle haben uns unsägliche

Drangsal angethan, das Land verwüstet und alle Menschen so sie nur

erwischt, jämmerlich erschlagen, dabei hat es keiner gewagt, sich ihnen

zu widersetzen. Jetzt aber hoffen wir, daß Euer tapfrer Arm uns von der

Furcht erlösen wird. Geoffroy schwur ihnen nochmals, nicht vom Lande zu

weichen, bis er den Riesen gar umgebracht, und hiemit ritten sie alle

nach Hause.

Die Sonne war kaum aufgegangen, als Geoffroy sich wieder auf den Weg

nach dem Gebirge machte. Er kam an den Felsen, wohinein der Riese

geflohen war, suchte lange die Schluft, und fand sie endlich, worauf er

von seinem Pferde stieg, und mit seinem Spieß in die Oeffnung hinunter

langte. Er sagte: daß er nun hinab steigen wollte, um den Riesen

umzubringen, weil er überdies ein Heide und Ungläubiger sei. Die

Landesherren wünschten ihm Glück und den Beistand des Himmels: Geoffroy

machte hierauf ein Kreuz für sich und ließ sich an seinem Speer in den

finstern Felsen hinunter. Unten ging er lange herum, fand aber den

Riesen nicht, endlich ersah er einen Schein, nahm seinen Spieß und

fühlte damit so lange, bis er auf eine Thür traf, in diese ging er

hinein und trat in einen kostbaren Saal, wo er viele Reichthümer fand,

die Wände waren mit Gold und allen Arten von Edelgesteinen

ausgeschmückt, in der Mitte aber stand ein erhabenes Grabmal, welches

auf sechs güldenen Pfeilern ruhte, und mit den köstlichsten Edelsteinen,

die in demselben Berge reichlich wuchsen, häufig besetzt war. Auf dem

herrlichen Grabmal lag die Gestalt eines Königs aus Chalcedonen

gearbeitet, der auch von Edelsteinen glänzte, neben ihm war das Bildniß

seiner Gemalin, welche eine Tafel in ihren Händen hielt, worauf

geschrieben stand:

Dies ist der König Helmas, hier begraben,

Der mich zu seiner Gattin einst erwählte,

Doch mußt' ich einen Eid zuvor noch haben,

Den er treulos des Wortes brach, dann fehlte,

Statt Lieb' und Treu, um mein Gemüth zu laben,

Er mich und meine Kinder lange quälte;

Er schwur, so ihm es sollte wohlergehen,

In meinem Wochenbett mich nie zu sehen.

Als er mir diesen hohen Eid geschworen,

Ich mich durch Himmels Huld gesegnet fühlte,

Drei schöne Töchter hatt' ich mir geboren,

Doch der Gemal den theuren Eid nicht hielte,

Drauf ging ich ihm, die Kinder auch verloren,

Die ich zu meinem Trost bei mir behielte,

Ich habe sie an meiner Brust gesogen

Und sie nachher zur Weisheit auferzogen.

Als sie gekommen zu Verstand und Jahren,

Sprach ich zu ihnen von der Treue Bruch,

Die ich vordem von dem Gemal erfahren,

Die jüngste, Melusina, fein und klug,

Sprach gleich von Rache, und die Schwestern waren

Behende zu bestrafen den Betrug,

Worauf sie ihren Vater unverdrossen

Hieher in diesen wüsten Felsen schlossen.

Er hat sein Leben endlich hier gelassen,

Worauf ich ihn hier in sein Grab bestellt,

Auch hab' ich dieses Bildniß fert'gen lassen,

Das diese Tafel in den Händen hält,

Damit ein jeder weiß, der kömmt, wasmaßen

Er vordem war ein mächtger Fürst der Welt,

Ich weiß, daß keiner hieher kommen möchte

Es sei er stammt von unserem Geschlechte.

Den Riesen hab' ich auch zur Wacht gegeben,

Damit kein Fremder dieses Grab betritt,

Ein jeder büßt sogleich mit seinem Leben

Wer frechen Muthes das Gebirg beschritt.

Nur einem unsers Stamm's ist es gegeben,

Zu kommen unversehrt, er führet mit

Im Innern eine Macht und Eigenschaft,

Der nichts vermag des Riesen große Kraft.

Mit Straf' hab' ich die Töchter heimgesucht,

Weil sie sich an dem Vater so vergangen,

Die jüngste, Melusin, ward so verflucht,

Daß sie den Schweif von einer großen Schlangen

Sonnabends führt; wer sie zum Weibe sucht,

Muß schwören, sie des Tags nie zu verlangen,

Zu lassen sie in ihren stillen Zimmern

Und sich nicht um ihr Wesen zu bekümmern.

Wenn ihr Gemal den Schwur ihr treu gehalten

So sollte sie in Glücke wie in Freuden

Recht lange froh auf dieser Erden walten,

Im Tode endlich spät nur von ihm scheiden;

Die zweite konnt' ich nicht so umgestalten,

Doch mußte sie auch die Verwünschung leiden,

Meliora heißt sie, sie ist schön gebaut,

Wie jeder sieht, der einst ihr Wesen schaut.

Ich habe sie in das Armensche Land,

Um dort auf immer ein Gespenst zu sein,

Ein hoch und steil Gebirg hinauf gebannt,

Dort sperrt' ich sie in festen Schlössern ein,

Ein Sperber ist ihr dorten zuerkannt,

Den muß ein jeder, den das Glück führt ein,

Bewachen fort drei Tag und auch drei Nächte,

Ohn' daß ein Schlaf ihn überraschen möchte.

Kömmt einer nun zu sehn die seltnen Sachen,

Der vornehm ist, geborner Rittersmann,

Muß er drei Tag' und Nächt' beim Sperber wachen;

Doch kömmt der Schlaf ihm nur ein Stündchen an,

So wird er nie im Leben wieder lachen,

Er ist alsdann wohl ein verlorner Mann,

Er bleibt alldort zum jüngsten Tag gefangen,

Verschlossen unter Pein und Angst und Bangen.

Doch wer drei Tag' und auch drei Nächte wacht,

Kann von der Fürstin eine Gab' begehren,

Und wenn er sich als weiser Mann bedacht,

Wird sie ihm selbst das Größte gern gewähren,

Nur nehme sich der Rittersmann in Acht,

Nicht ihres schönen Leibes zu begehren,

Es sind ja dorten Gold und Edelstein,

Rubin und Perlen, alles ist wohl sein.

Auf einem Berge wohnt das ältste Kind,

Plantina ist mit Namen sie genannt,

Und auf dem Fels gar große Schätze sind,

Es liegt der Berg im Arragonschen Land,

Bis einer unsern Stamms den Schatz gewinnt,

Dann ist der Zauber von ihr abgewandt;

Ein solcher Mann erobert auch zugleich

Jerusalem, das ganze heil'ge Reich.

Die Buße mußt' ich auf die Kinder legen,

Weil sie zu großer Ding' sich unterfingen,

Und ihrer ungezähmten Thorheit wegen,

Daß sie so schwer am Vater sich vergingen,

Ihn durften sie in diesem Berge hegen

Bis er gestorben, also bösen Dingen

Folgt alsbald auf dem Fuß die Strafe nach,

Und Gott's Gerechtigkeit bleibt immer wach.

Mein Name ist Persina, der Gemal

Hat sich an mir wohl groß und schwer vergangen,

Doch blieb die Lieb' im Herzen doch zumal,

Zu ihm gerichtet Sehnsucht und Verlangen,

Drum gab ich auch die Kinder in die Quaal,

Weil sie ihn schmerzlich hielten eingefangen:

An Eltern darf kein Kind die Hände legen,

Es folgt der Fluch, wer also sich verwegen.

Als Geoffroy diese außerordentlichen Dinge auf der Tafel gelesen hatte,

konnte er sich nicht genug darüber verwundern, denn er sah ganz

deutlich, daß die Melusina, von welcher in der Schrift gesprochen wurde,

seine leibliche Mutter, mithin der König Helmas sein Großvater, und

Persina seine Großmutter gewesen sei. Doch ging er wieder aus der Kammer

heraus und suchte den Riesen allenthalben; er kam an einen großen Thurm,

wo er hineinging, und unten ein Gefängniß gewahr wurde, wo mancher

redliche Mann gefangen lag, und sich alle Gefangenen über Geoffroy's

Ankunft sehr verwunderten. Einer darunter sagte: mein sehr werther Herr,

geht ja fort von hier und verbergt Euch in einer Höhle, damit Euch der

Riese nicht sieht und gewahr wird, denn wenn Euch der ungeheure Riese

findet, so müßt Ihr Euer Leben verlieren und erschlagen werden.

Geoffroy fing aber hierüber an zu lachen und sagte: ich suche eben

diesen Riesen, denn ich möchte mich gar gerne mit ihm schlagen. Da sagte

ein andrer Gefangener: nun, Ihr werdet ihn bald sehn, denn er wird gewiß

gleich kommen, und dann wird es Euch gereuen, Ihr müßt umkommen, denn er

ist gar zu erschrecklich.

Indem sie noch sprachen, kam der Riese, eilte geschwind in eine Kammer

und schlug die Thür sehr eilig hinter sich zu. Geoffroy sah ihn, sprang

nach und trat so stark wider die Thür, daß sie in Stücke zersprang. Der

Riese hatte einen Hammer bei sich, mit welchem er so heftig auf

Geoffroy's Helm schlug, daß, wenn der Helm nicht so gar gut gewesen

wäre, er damit den Geoffroy erschlagen hätte. Geoffroy aber besann sich

schnell, und gab ihm mit dem Schwerte einen so gewaltigen Hieb, daß der

Riese sogleich zur Erde fiel. Darauf that der Riese einen so

erschrecklichen Schrei, daß der ganze Thurm erbebte und er sogleich todt

war. Hierauf steckte Geoffroy sein Schwert ein, ging wieder zu den

Gefangenen und fragte sie: ob sie aus dem Lande Norhemen gebürtig wären.

Sie sagten: Ja. Er fragte ferner: warum sie dorten gefangen säßen. Sie

sagten: um Schatzung und Tribut, die wir dem Riesen schuldig sind.

Geoffroy sagte: so danket Gott, daß er es mir vergönnt hat, diesen

Riesen ganz und gar umzubringen. Ueber diese Nachricht wurden die

Gefangenen sehr froh und lobten Gott, wobei sie Geoffroy baten, ihnen

doch aus dem Gefängnisse zu helfen. Geoffroy wollt' es von Herzen gern

thun, aber keiner wußte, wo die Schlüssel lagen; endlich fand sie der

tapfre Ritter, nachdem er allenthalben gesucht, schloß alsbald die

Thüren auf, und ließ die Gefangenen heraus, deren mehr als zweihundert

waren. Geoffroy erlaubte ihnen von den Edelgesteinen und dem Silber und

Golde zu nehmen, welches im Berge sei, denn er begehre nichts davon für

sich selber, wofür sie ihm noch mehr dankten.

Sie beschlossen darauf, den Riesen aus der unterirrdischen Schluft

hervor an das Tageslicht zu ziehn, und ihn allen Leuten im Lande zu

zeigen, welches sie auch sogleich in's Werk richteten: die Gefangenen

nahmen einen großen Karren, schroteten den ungeheuren Riesen darauf,

banden ihn so, daß er aufrecht saß, gleich als wenn er lebte, und fuhren

ihn so durch das ganze Land. Als das Volk im Lande den ungeheuren Riesen

sah, konnten sie sich nicht genug verwundern, sie dankten alle laut Gott

von Herzen, daß er sie durch Geoffroy von einem solchen ungeschlachten

Bösewicht erlöst hatte. Bei diesem bedankten sich auch die Landesherren

höflich für den ihnen und dem Reiche erwiesenen Dienst, auch das Volk

erzeigte ihm die größte Ehre und alle baten ihn inständigst, bei ihnen

als ihr König und Herr zu bleiben, welches er aber nicht annahm, sondern

bald darauf von dannen zog, denn er trug ein Verlangen, seinen Vater und

seine Mutter wieder zu sehn.

Er setzte sich also zu Schiffe und fuhr nach seinem Vaterlande. Als sein

Vater Reymund seine Zurückkunft erfahren hatte, ritt er ihm entgegen;

denn es war schon bekannt geworden, welche große Thaten er in dem Lande

Norhemen ausgeübt hatte, deswegen legte Reymund seinen Kummer um seine

geliebte Melusina ein wenig bei Seite. Als er mit seinem Sohn allein

war, erzählte er ihm sein ganzes gehabtes Unglück unter Vergießung

vieler Thränen. Als Geoffroy das hörte, erschrak er heftig und merkte,

daß alles dies von seiner Missethat hergekommen sei, indem er seinen

Bruder Freymund im Kloster Malliers verbrannt habe; doch sammelte er

sich wieder und erzählte, welche Tafel, Schrift und Nachrichten er in

dem bezauberten Berge gefunden habe, woraus Reymund merkte, von welchem

hohen Geschlechte seine Gemalin Melusina abgestammt sei. Geoffroy erfuhr

nun zugleich von seinem Vater, daß sein Bruder, der Graf von Forst, ihn

zuerst dahin vermocht habe, die Melusina an einem Sonnabend zu

belauschen und so sein theures Gelübde zu brechen, worauf Geoffroy einen

hohen Eid schwur, daß der Graf von Forst dafür sterben solle. Ritt auch

eilig hinweg, und Reymund blieb in größter Betrübniß zurück, daß sein

Sohn Geoffroy wieder eine neue Missethat begehn wollte.

Geoffroy kam bald vor dem Schlosse des Grafen von Forst an, er stieg

sogleich von seinem Pferde und ging in das Schloß hinein, ohne daß ihn

einer gewahr wurde, worauf er in den Saal kam, wo sein Vetter war. So

wie ihn Geoffroy sah, schrie er ihn ungestüm an und zog sein Schwert:

Bösewicht, Du mußt hier Dein Leben lassen, weil ich durch Dich meine

Mutter verloren habe. Der Graf war sich wohl bewußt, was er gethan

hatte, erschrak also und wollte ihm entfliehen, sprang auch zum Fenster

hinaus, fiel aber auf die harten Felsen und war todt. So hatte Geoffroy

das Unrecht gerochen, welches jener an seiner Mutter verübt hatte.

Zugleich kam dadurch die Grafschaft an seinen jüngern Bruder Reymund.

Sein Vater hörte den Tod seines Bruders, und grämte sich sehr, daß sein

Sohn von neuem eine solche Missethat begangen hatte; er nahm sich vor,

nicht mehr zu regieren, sondern nach Rom zu wallfahrten, seiner Sünden

wegen Buße zu thun, sich alsdann von der Welt abzusondern, in ein

Kloster zu gehn und dort sein bekümmertes Leben zu beschließen. Geoffroy

kam zurück, und sah die große Traurigkeit seines Vaters, fiel auf seine

Kniee, bekannte seine Missethaten und bat um seines Vaters Vergebung.

Reymund verzieh ihm und ertheilte ihm seinen Segen, worauf er zu ihm

sagte: doch, mein Sohn, mußt Du vor allen Dingen das Kloster Malliers

wieder auferbauen, und mehr Mönche darein setzen und stiften, als vorher

gewesen sind, sonst kann Dir Deine Schuld nicht verziehn werden. Welches

Geoffroy versprach und sich Reymund darauf zu seiner Reise nach Rom

rüstete; doch berief er noch vorher alle Vasallen und ließ sie seinem

Sohne Geoffroy huldigen. Darauf schied Reymund auch von seinen übrigen

Kindern, setzte sich zu Schiffe und fuhr nach Rom.

Geoffroy baute indessen das Kloster Malliers wieder auf und machte es

schöner, als es zuvor gewesen war, stiftete auch mehr Mönche zum

Gottesdienst, worüber sich alles Volk im Lande sehr verwunderte, daß er

das Kloster erst verbrannt hatte und nun wieder so herrlich neu

errichtete.

Reymund kam in Rom an und beichtete vor dem allerheiligsten Vater Pabst,

welcher ihm eine gelinde Buße auferlegte. Dann nahm er Abschied, nachdem

er dem Pabste vorher gesagt, er wolle nach unsrer lieben Frauen zu

Montserrate in Arragonien gehn, und dort ein Einsiedler werden, weil

daselbst ein schöner Gottesdienst sei. Er kam in Montserrate an, ließ

sich Kleider eines Einsiedlers machen und diente allhier Gott in

strenger Andacht und vielen Bußübungen.

Geoffroy reiste nun auch nach Rom, um seine Buße vor dem allerheiligsten

Vater abzulegen, auch zugleich von ihm zu erfahren, wo sein Vater

Reymund geblieben sei, welcher nicht wieder kam. Der Pabst berichtete

ihm: daß sein Vater zu Montserrate, im Gebirge, ein Einsiedler geworden;

dabei legte er ihm eine harte Buße auf, weil er so schwere Missethaten

begangen hatte, verordnete auch: daß er im Kloster Malliers hundert und

zwanzig Mönche einsetzen und stiften müsse, wenn er für seine Sünden

Vergebung von Gott erlangen wolle. Geoffroy versprach alles zu thun,

ließ sich die Absolution ertheilen und reiste hierauf ab, um seinen

alten betrübten Vater in der Einsiedelei im fernen, seltsamen Gebirge zu

Montserrate aufzusuchen.

Geoffroy reiste zu seinem Vater, um ihn zu bewegen, in die Welt zurück

zu kehren, aber der alte Reymund wollte in seiner Einsiedelei bleiben,

und so schied Geoffroy ungern von ihm, nachdem er einige Tage bei ihm

gewesen, und seinen Gottesdienst mit angesehn hatte. Es währte nicht

lange, so fühlte sich Reymund zum Tode matt, darum kam Geoffroy noch

einmal zu ihm, wartete sein Ende ab und ließ ihn dann herrlich und mit

großem Gepränge zur Erden bestatten. Nachher machte Geoffroy das Kloster

Malliers zu dem schönsten im Lande und setzte auch die Anzahl Mönche

hinein, die ihm der Pabst vorgeschrieben hatte.

Im Königreiche Armenien hatte Gyot indessen lange regiert, war alt

geworden und hatte nach seinem Tode das Reich seinem jungen und tapfern

Sohne hinterlassen, welcher auch Gyot genannt wurde.

Ein steil und hohes Schloß

Lag in demselben Land,

Und drinnen Schätze groß

Wie jedermann bekannt.

Im Schloß war ein Gesichte,

Gar schön und wundersam,

Das manchem armen Wichte

Zu Leid und Unheil kam.

Wer gern die Schätze wollte,

Die auf dem Schloß da lagen

Von Gold und Stein, der sollte

Ein seltsam Ding drum wagen.

Ein Sperber saß wohl dorten,

Den er bewachen soll,

An einsam hohen Orten

Drei Tag und Nächte wohl.

Und keiner durfte schlafen

Bei Tag' und in der Nacht,

Sonst folgten harte Strafen,

Daß er so schlecht gewacht.

Wem dieses mocht gelingen,

Der konnte wohl begehren,

Von allen seltnen Dingen,

Man mußte sie gewähren.

Beim Sperber war in Ehren

Ein trefflich schönes Weib,

Konnt einer all's begehren,

Nicht ihren schönen Leib.

Gyot, der junge König

Rüst sich im kecken Muth,

Er dünkte sich nicht wenig

Zum Abentheuer gut.

Er sprach zu sich im Herzen:

Gelingt der Zeitvertreib,

So fodr' ich ohne Scherzen

Doch nur das edle Weib.

Zog aus mit vielen Leuten

Und mit Gefolge groß,

Da sahen sie von weiten

Das wundersame Schloß.

Auf grüner Wiese milde

Ließ er die Diener sein,

Und ging mit Schwert und Schilde

Keck in's Burgthor hinein.

Da kam ein alter Mann,

Gar klein und krumm und bleich,

War schneeweiß angethan,

Sein Bart war licht zugleich.

Der sprach: was sucht ihr hier?

Still blieb der König stehen,

Und sprach: ich komme schier

Um die Gesicht' zu sehen.

Der Alte ernsthaft sprach:

Kommt ihr zu diesen Dingen,

So folgt mir kecklich nach

Will euch zu ihnen bringen.

Der Alte ging voraus,

Der junge hinterdrein,

Sie treten in das Haus

Und in den Saal hinein.

Es glänzt der Saal von Pracht,

Von Gold und Edelstein,

Wo ihm entgegen lacht

Der grün' und rothe Schein.

Es war im schönen Zimmer

Von tausend Farben Glanz

Wie nur ein einzger Schimmer,

Es war ein Kleinod ganz.

Der König sprach: zu Hause,

Hab' ich viel Säle licht,

Doch gegen diese Klause

Ist alles nur ein Wicht.

Auf einer güldnen Stangen

Sah er den Sperber dann:

Tragt ihr nun noch Verlangen,

So sprach der alte Mann,

Das Abentheu'r zu wagen,

Der Sperber sitzet hie,

In Nächten und drei Tagen,

Dürfet ihr schlafen nie.

Könnt ihr nicht Schlaf vertreiben,

Und euch erhalten wach,

So müßt ihr allhier bleiben

Bis an den jüngsten Tag.

Doch könnt ihr es vollbringen

So steht euch dafür frei,

Zu nehmen von den Dingen,

Was es auch immer sei.

Doch eins ist untersaget,

Das ist der Fürstin Leib:

Nun geht mein Herr und waget

Den edlen Zeitvertreib.

Der König sprach: ich habe

Zum Wachen mich gestellt,

Ich bitte um die Gabe,

Die meistens mir gefällt.

Er dacht' in seinem Sinne

Nur an das schöne Weib,

Und wenn ich die gewinne,

Bitt' ich um ihren Leib.

Der Alte ging zurücke,

Es blieb der Junge da,

Und wagte nun sein Glücke,

Er blieb dem Sperber nah.

Er schaut bei Tag wie Nachte,

Nur diesen Sperber an,

Und unermüdet wachte

Der übermüth'ge Mann.

Nie ward es Nacht und dunkel

Beim Sperber im Kastell,

So glänzte der Karfunkel

Roth durch die Zimmer hell.

Darzu erklangen schöne

Gesänge durch den Saal,

Es sangen in die Töne

Auch Vögel drein zumal.

Und Speise war zugegen

Und auch der süße Wein;

Nur durft' er sich nicht legen,

Mußt' immer wachend sein.

Noch waren viele Zimmer,

In die ging er hinein,

In allen glänzt der Schimmer

Von Gold und Edelstein.

Gold waren alle Wände

Und bunte Blumen drauf,

Es rankten aller Ende

Sich Zweig' und Kränz' hinauf.

Und Rubin und Smaragden,

Demant und auch Sapphir

Sah man erschimmernd prachten,

Als Blumen herrlich hier.

Auch war in Farben schöne

Dort in dem Glanz und Schein,

Die sangen zarte Töne,

Wohl tausend Vögelein.

Auch Ritter abgebildet

Im wahren Conterfei,

Gehelmt und auch beschildet

Und wer ein jeder sei.

Darneben war geschrieben,

War keiner blieben wach,

Drum waren sie geblieben

Bis an den jüngsten Tag.

Drei andre Bilder standen,

Von Rittern, und dabei

Die Schrift von welchen Landen

Und Namens jeder sei.

Die hatten Tag und Nacht

Und ohne zu ermüden

Den Sperber wohl bewacht,

Drum waren sie geschieden.

Und hatten Gaben viele

Mit sich hinweggenommen,

Gar mannlich bis zum Ziele,

Glücklich zurück gekommen.

Wie er dies all betrachtet,

Ging er zum Sperber wieder,

Den er drauf wohl beachtet,

Und stark sind seine Glieder.

Drei Tage sind vergangen,

Der vierte Morgen kam,

Worauf die Angst und Bangen,

Sein Amt ein Ende nahm.

Mit lächelnden Geberden

Mit Schmuck in schöner Seide

Tritt nunmehr zu dem werthen

Im allerschönsten Kleide

Die Fürstin in den Saal,

Das überschöne Weib,

Er sieht der Augen Stral

Und ihren schlanken Leib.

Sie sprach: ein schön Gelingen

Hat euch das Glück bescheert,

Erwählt nun von den Dingen

Was euer Herz begehrt.

Der sah nur ihre Schöne

Und stand in sich entzückt,

Er sprach: das Ende kröne

Was mir so wohl geglückt.

Drum mag ich keine Steine,

Was frommte mir das Gold,

Ich wünsche nur das eine,

Das seid ihr Fürstin hold.

Drum will ich nichts begehren,

O wunderschönes Weib,

Doch sollt ihr mir gewähren

Den schlanken süßen Leib.

Mit zornigen Geberden,

Sprach drauf die Prinzessin:

Mein Leib kann euch nicht werden,

Wählt anderen Gewinn.

Der König sprach: an Schätzen,

An Edelstein und Gold,

Mag jeder sich ergötzen,

Ich hab' es nie gewollt.

Drum will ich keine Gabe,

Als nur den zarten Leib,

Ihr seid die schönste Habe,

O edles holdes Weib.

Sie sprach: ihr seid vermessen

Und redet wie ein Thor,

Habt alle Punkt vergessen,

Die man euch sagt' zuvor.

Verändert euren Sinn,

Kein Mann darf meine werden,

Ihr habt des nicht Gewinn,

So lang ihr lebt auf Erden.

Es schadet eurem Glücke,

Es schadet eurer Macht,

Drum kehrt, mein Freund, zurücke,

Seid witzig und bedacht.

Was ist die Weisheit nütze?

Verderben mag mein Leib,

Sprach jener drauf in Hitze,

Ich will euch, goldnes Weib.

Sie sprach: ihr habt gesprochen,

Und gleicht dem Reymund sehr,

Der auch den Schwur gebrochen,

Zu Kränkung seiner Ehr.

Ihr habt die Gab' verloren

Wie er das Weib verlor,

Er hatte falsch geschworen,

Ihr seid ein junger Thor.

Und was ich nunmehr sage,

Das trifft gewißlich ein,

Von heut soll Gram und Plage

Nur euer Erbtheil sein,

Dein Vater, Gyot hieß er,

War meiner Schwester Sohn,

Und als er starb, da ließ er

Dir seinen mächtgen Thron.

Der Schwestern waren drei,

Und Melusina eine,

Sie machte Reymund frei,

Und wurde drauf die seine.

Wir hatten uns verbündet,

Am Vater uns zu rächen

Und haben schwer gesündet,

Ich mag davon nicht sprechen.

Die Mutter hieß Persina,

Sie straft das Unterfangen,

Samstag's wird Melusina

Zu einer wüsten Schlangen.

Sie den Tag nie zu sehn

Hat Reymund ihr geschworen,

Er bricht den Eid, die Wehn

Sind da, sie geht verloren.

So sind wir alle drei

Gespenster für das Wüthen,

Ich muß im Schlosse frei

Den schönen Sperber hüten.

Die dritte ist Plantina,

Sie ward wie wir verflucht,

Wie ich und Melusina

Von Strafe heimgesucht.

Weil sie wie wir gewüthet,

Ist Arragon ihr Land,

Wo sie die Schätze hütet

Auf einen Berg gebannt.

Von unserm Stamme ihr

Habt euch nun schwer vergangen,

So daß euch für und für

Folgt Angst und Pein und Bangen.

Der König sah die Schöne,

In seinem jungen Muth

Hört er nicht ihre Töne,

Er fühlt nur seine Gluth.

Er schaut die zarten Glieder,

Den edlen schönen Bau,

Und ihn entzündet wieder

Das holde Bild der Frau.

Er springt und will sie fassen

Um ihren schlanken Leib,

Doch schnell muß er sie lassen,

Es schwand das süße Weib.

Gespenster stehn im Saal,

Die schlagen auf den dreisten

In wilder Wuth zumal

Mit ihren grimmen Fäusten.

Der König rief: Erbarmen,

Ihr schlagt mich ja zu todt!

Sie hörten nicht den Armen,

Und brachten ihn in Noth.

Sie stießen ihn wohl mächtig

Hinaus dann vor das Thor,

So daß er lag ohnmächtig

In bitterm Schmerz davor.

Halb todt schleicht zu den Seinen,

Der Fürst, im Antlitz bleich,

Die Herrn und Diener weinen,

Sie fragen ihn zugleich:

Ist euch bei Tag und Nacht,

Das schwere Amt gelungen?

Habt ihr dort gut gewacht,

Den großen Schatz errungen?

Er sprach: zu bösem Glück

Hatt' ich es unternommen,

Bin hin zum Schloß, zurück

Zu meinem Leid gekommen.

Er ging, sein Regiment

Nahm nun von Stund' an, ab,

Der Feind das Reich zertrennt,

Jung geht er in sein Grab.

* * * * *

Es hatte auch Persina,

Im Arragoner Land

Die Tochter, hieß Plantina,

Auf einen Berg verbannt,

Die mußten ob Schätzen theuer

Dort wohnen und sie hüten,

Und Wurm und Ungeheuer

Lief um den Berg mit Wüthen.

Es waren grause Schlangen,

Unthier und wilde Drachen,

Die trugen all Verlangen,

Die Schätze zu bewachen.

Es kamen viele Ritter,

Den'n nicht der Weg gelungen,

Sie wurden allsammt bitter

Von dem Gewürm verschlungen.

So kam von Engelland

Auch einst ein tapfrer Mann,

Er war als Freund verwandt

Dem herrlichen Tristan,

Mitglied der Tafelrunde,

Von König Arturs Leuten,

Er wollt zu guter Stunde

Die reichen Schätz' erbeuten,

Mit Kraft und kühnem Muthe

Hinauf zum Berge gehen,

Er wollt' mit Leib und Blute

Das Abentheur bestehen.

Der Bote ritt im Zagen

Mit ihm den Berg hinauf,

Allein im schnellen Jagen

Nahm er rückwärts den Lauf.

Der Degen blieb alleine

Und war in großer Noth,

Er sprach: ich seh das eine,

Das ist mein naher Tod.

Wo ich die Augen wende

Ist Dampf und wildes Wüthen

Und Würmer ohne Ende,

Die diesen Berg behüten.

Frisch auf und sei gerüstet,

Behalt den Muth, du Schwert,

Weil mich des Kampfs gelüstet,

Die Sache ist es werth.

So ging er ohne Zagen,

Ihm sprangen Würm entgegen,

Doch kein Thier durfte wagen

Zu stehn dem tapfern Degen.

Er schlägt sie alle nieder

Und dringt den Berg hinauf,

Es kommen andre wieder

Und sperren seinen Lauf.

Ein schmaler Pfad sich wandte

Zum steilen Berg hinan,

Wo manche wilde Bande

Bedroht den werthen Mann.

Er ging auf lauter Schlangen,

Auf Natter und Skorpion,

Er hat sich's unterfangen

Und spricht dem Grausal Hohn.

Schmal sind und steil die Wege,

Kaum Platz für seinen Schritt,

Weit hallen seine Schläge,

Laut klingt sein erzner Tritt.

Da woll'n zwei wilde Drachen,

Im Sprung her zu ihm dringen,

Der zahnbewehrte Rachen

Klafft weit, ihn zu verschlingen.

Es rasseln ihre Flügel,

Und scharf sind ihre Klauen,

Womit sie in den Hügel

Und harten Felsen hauen.

An seinem Schild sie klirren,

Nicht bebt der tapfre Mann,

Er läßt sich gar nicht irren

Und schreitet risch hinan.

Der Drachen Auge blicket

Ihn an mit rother Glut,

Doch bleibt sein Schwert gezücket,

Im Busen scharf der Muth.

Mit zwei gewaltgen Schlägen

Haut er die Häupter runter.

Drauf stößt der wackre Degen

Zum Abgrund sie hinunter.

Den Weg ging er nun weiter

Zum steilen Berg hinan,

Der wurde nirgends breiter

Nur enger wird die Bahn.

Ein Bär kam ihm entgegen

Gar groß und ungeheuer,

Auf engen Felsen-Wegen,

Ein schlimmes Abentheuer.

Der Bär hat scharfe Klauen,

Und ist im Grimme wild,

Die in den Harnisch hauen

Ihm zerren ab den Schild.

Der Ritter muß sich wehren,

Er kämpft mit Mannes Muth,

Er trifft das Maul des Bären,

Weit spritzt das dunkle Blut.

Der Bär aufbrüllt im Grimme

Und richtet sich empor,

Weit tönt die rauhe Stimme,

Er springt zum Ritter vor.

Der schreitet keck entgegen,

Und gab ihm manchen Schlag,

Bald vor dem kühnen Degen

Die große Tatze lag.

Der Bär thut auf ihn dringen

In allergrimmster Wuth,

Es mußte mit ihm ringen

Der edle Ritter gut.

Der Harnisch reißt und trennet

Sich ab dem Ritter werth,

Mit Schrecken das erkennet,

Verliert zugleich sein Schwert.

Der Dolch muß ihn bewehren,

Den nimmt er tapferlich

Und giebt damit dem Bären

Gar manchen scharfen Stich.

Worauf des Bären Stimme

Noch einmal brüllt empor,

Er zuckt in seinem Grimme,

Das Leben er verlor.

Der Held sucht seinen Degen,

Er faßt ihn freudig an,

Und höher steigt verwegen,

Der wunderkühne Mann.

Ein jeder Schritt war Kämpfen,

Streit jeder Athemzug,

Die Ungeheur zu dämpfen,

Fand er da Kampf genug.

Er hört ein fern Getöse

Und tritt beherzt hinzu,

Da hielt der Wurm, der böse

Im Schatten seine Ruh.

Vor einer Thür von Stahl,

Lag breit das schlimm Gewürm,

Drinn war der Schatz im Saal,

Der Wurm der letzte Schirm.

Er schlief, sein Athem brauset,

Er selber ein Gebirge,

Der Ritter sieht, ihm grauset,

Tritt zu, daß er ihn würge.

So wie er schnarcht geht Feuer

Aus seinem offnen Schlund,

Es glänzt das Ungeheuer

Von vielen Farben bunt.

Die Zähne große Steine,

Den'n keine Waffen halten,

Die scharfbeklauten Beine,

Können wohl Felsen spalten.

Mit Brüllen thut er wachen

Und grimmt den Ritter an,

Sperrt seinen grausen Rachen

Thorweit dem tapfern Mann.

Das Schwert thut kühnlich blitzen,

Ihn schirmt das Schild zugleich,

Doch mag es ihm nicht nützen,

Das Thier fühlt keinen Streich.

Es faßt mit seinem Munde

Das Schwert im Augenblicke,

Zerbeißt es auch zur Stunde,

Speit wieder aus die Stücke.

Drauf schrie's, es bebt der Wald,

Und an den Mann sich drang,

Den es im Schlund alsbald

Mit leichter Müh verschlang.

Den Freunden bracht der Bote

Die Kund nach Engelland,

Von dieses Ritters Tode,

Der sich dem unterwand

Plantina zu erlösen,

Die auf dem Schlosse harrt,

Doch leider von dem bösen

Gewürm verschlungen ward.

* * * * *

Geoffroy erhielt von diesem Thiere, auch von dem Tode des Ritters aus

Engelland Nachricht, wunderte sich, daß es ein solches Ungeheuer in der

Welt geben könne und nahm sich vor, es zu bekämpfen, und das wunderliche

Abentheuer zu bestehn. Er rüstete sich, zog aus, ward aber unterwegs so

gefährlich krank, daß ihm kein Arzt helfen mochte: als er dieses merkte,

sagte er: ich habe zwei Riesen umgebracht, aber dieses wilde Thier wird

meinem Schwert entgehen, will mich daher zu Gott wenden, und alle

weltlichen Gedanken fahren lassen.

Legte sich hiemit auf sein Sterbebette, beichtete, machte sein

Testament, bezahlte seine Schulden, und empfing alle Christliche Rechte,

worauf der tapfre Mann selig und in dem Herrn verschied.

Dieses ist die Geschichte von der Melusina, die wohl recht ein Spiegel

alles menschliches Glückes genannt werden kann.

König Rother.

Fragment.

1806.

König Rother zieht einer Jungfrau die Schuhe an.

In der Kammer ward es stille,

Da sprach die Königinne:

O weh, Fraue Herlind,

Wie groß meine Sorgen sind

Um den Herren Dietheriche,

Den hätt' ich sicherliche

Verstohlen gern gesehn,

Und möcht' es füglich geschehn

Um den tugendhaften Mann,

Fünf Ringe lustsam

Die möchte ein Bothe schier

Um mich verdienen,

Der den Held balde

Brächte zu meiner Kammer.

In Treuen sprach Herlind:

Ich will mich heben geschwind,

Ich geh zu der Herbergen sein,

Es bringe Schaden groß oder klein,

Doch pfleget er solcher Zucht

Daß wir seyn dürfen ohne Furcht.

Herlind ging balde

Zu einer Kammer

Und nahm ein theuerlich Gewand,

Wie manche Fraue hat,

Darin zierte sie den Leib,

Da ging das listige Weib

Zu dem Herrn Dietheriche.

Er empfing sie frommliche,

Viel nahe sie zu ihm saß,

Dem Recken sie in das Ohre sprach:

Dir entbietet holde Minne

Meine Frau, die Königinne,

Und ist dir mit Freundschaft unterthan,

Du sollt hin zu ihr gahn,

Dorten will die Magd

Dich selber wohl empfahn,

Nur um deine Ehre,

In allen Treuen Herre.

Du magst das wohl gewiß sein

An der Jungfrauen mein.

Also redete da Dietherich:

Fraue du versündigest dich

An mir elenden Manne,

Ich bin auch zu Kammern gegangen

Hievor da das mochte sein,

Warum spottest du mein?

Leider, so that man dem Armen ja,

Eure Fraue gedacht der Rede nie,

Hie sind so viele Herzogen

Und Fürsten in dem Hofe,

Daß ihr mit einem anderen Mann

Euren Scherz möchtet han,

Des hättet ihr minder Sünde,

Ihr verdienet die Abgründe

Daß ihr mich so thöricht wolltet han,

Ich bin ein so armer Mann,

Doch ehemals ich war

Daheim ein reicher Graf.

Herlinde sprach dem Herren zu,

Sie konnte ihre Rede wohl thun:

O nein, mein Herre Dietherich,

Nicht verdenke du also mich,

Ich habe dieses, weiß Gott, nicht gethan,

Mich hieß meine Fraue hieher gahn,

Es nimmt sie großes Wunder,

Daß du so manche Stunde

In diesem Hofe seiest gewest

Und sie doch niemals wolltest sehn,

Das ist doch selten nur gethan

Von einem so stattlichen Mann,

Nur verweist mir die Rede nicht,

Der Königinne wäre lieb

Welche Ehre dir gescheh

Wie du sie auch nie gesehn,

Wolltest du aber hingehn

So thätest du nichts übeles daran.

Dietherich zu der Frauen sprach:

(Er wuste wohl, daß es ihr Ernst war)

Hie sind so viele der Merker,

Wer behalten will seine Ehre

Der soll mit Klugheit gahn,

Es wähnet der elende Mann

Daß er nimmer so wohl thu,

Daß sie es alle für gut

Halten, die in dem Hofe sein;

Nun sage der Jungfrauen dein

Meinen Dienst, will sie ihn nehmen,

Ich mag sie jetzt nicht sehen

Vor der Helle des Tages,

Ich fürchte, daß es erschalle

Lästerlich uns Beiden,

So verbietet mir das Reiche

Constantin der Herre,

So muß ich immermehre

Flüchtig sein vor Rothere

Und mag mich nirgend erretten.

Herlind wollte von dannen gahn.

Der Herre bat sie da bestahn

Und hieß schnell seine Goldschmiede

Zween silberne Schuhe giessen,

Und zween von Golde.

Als er sie geben wollte

Da bat er Asprianen,

Daß sie nur zu einem Fuße kamen,

Daß er die beiden nehme

Und sie der Frauen gebe,

Und einen Mantel viel gut,

Zwölf Ringe Gold roth:

So soll man wohl belohnen

Einer Königinne Bothe.

Da sprang die fröhliche

Von dem Herren Dietheriche.

Herlind kam balde

Zu ihrer Frauen Kammer

Und sagete ihr von dem Herren,

Er pflege seiner Ehren

Sehre fleißigliche:

Das wisset wahrliche,

Ihm ist die Huld des Königes lieb,

Er mag dich darum sehen nicht,

Weil es sich nicht will fügen,

Nun schaue an diese Schuhe,

Die gab mir der Held gut

Und that mir auch Liebes genug,

Und einen Mantel wohlgethan,

Wohl mir, daß ich je zu ihm kam,

Und zwölf Ringe die ich han

Die gab mir der Held lustsam,

Es mochte nie auf der Erden

Ein schönerer Ritter werden

Als Dietherich der Degen

Gott laß es mich erleben,

Ich gafft ihn an ohn' danken,

Daß ich mich des immer mag schämen.

Es scheint wohl, sprach die Königinne,

Daß ich nicht seliglich bin,

Nun er mich nicht will sehen

Magst du die Schuh mir geben,

Um des Herren Hulde,

Schnell ward der Kauf gethan,

Sie zog den goldenen an,

Dann nahm sie den silbernen Schuh,

Der ging an denselben Fuß.

O weh! Sprach die schöne Königinn

Wie wir nun gehöhnet sind,

Denn mit den Schuhen lustsam

Ist ein Missegriff gethan,

Ich bringe ihn nimmermehr an,

In Treuen du must zurücke gahn

Und bitten Dietheriche

Sehre gezogenliche,

Daß er dir den anderen Schuh gebe,

Und mich auch sehen wolle selber

Wenn er unter seinen Verwandten

Je gut Geschlecht gewanne.

O weh, sprach Herlind,

Wie doch der Schade nun ist

Fraue unser beiden,

Nun wisset es in Treuen

Sollt' ich immer Schande han

Ich muß wieder zurücke gahn.

Da hub die Fraue wohlgethan

Ihr Kleid lustsam

Hoch auf an die Knie,

Denn sie gedachte der Zucht nicht,

Frauelichen Ganges sie vergaß,

Wie schnelle sie über den Hof gelaufen was

Zu den Herren Dietheriche,

Er empfing sie frommliche

In allen den Geberden

Als wenn er sie nie gesehen,

Da wuste der Held wohlgethan

Warume sie zurücke kam.

Herlind sprach zu dem Herren:

Ich must immermehr

In Botschäften gahn,

Mit dem Schuh ist Missegriff gethan,

Sie sind der Königinne

Gegeben um deinetwillen,

Noch sollten wir den einen haben,

Das heißt dich meine Fraue mahnen,

Daß du ihr den andern Schuh wolltest geben,

Und sähest sie auch selber

Wenn du unter deinen Verwandten

Je gutes Geschlecht gewannst.

Ich thät' es gerne, sprach Dietherich

Nur die Kammerere die melden mich.

Nein, sprach Herlind,

Mit Freuden sie in dem Hofe sind,

Die Ritter schiessen den Schaft

Da ist großen Spieles Kraft,

Ich will hin vor dir gahn,

Nun nimm zween deiner Mann

Und hebe dich viel balde

Nach mir zu der Kammer,

Mit dem großen Schalle

Vermissen sie dein alle.

Herlind wollte von dannen gahn,

Da sprach der listige Mann:

Nun warte des Kammerers,

Ich will nach dem Schuhe fragen.

Schnelle kam Asprian,

Er sprach: O weh, was habe ich dir gethan,

Die Wege ich nicht erleiden mehr mag,

Du bemühest mich diesen ganzen Tag

Immer mit neuen Mähren,

Mehr als du sonst thatest, Herre,

Ihrer war hier ein großer Theil geschlagen,

Die haben die Knechte zu tragen,

Nimm nach deinem Gefallen,

Ich bringe sie dir alle.

Da nahm Asprian

Die anderen Schuhe lustsam,

Und einen Mantel sehr gut,

Und auch zwölf Armkränze roth,

Und gab alles der alten Bothin,

Da ging sie also verstohlen

Viel sehre fröhliche

Von dem Herren Dietheriche,

Und sagete auch schnelle

Ihrer Frauen liebe Mähre.

Des Mägdleins Schauen war sehnlich.

Sich berieth der Herr Dietherich

Mit Berther, dem alten Mann,

Wie es mit Fuge möchte gahn.

Verständig sprach der Herzoge:

An dem versammelten Hofe

Will ich machen großen Schall,

Der zieht die Leute überall,

So bemerket dich kein Mann.

Er hieß die Riesen ausgahn,

Selber bedeckt er sein Roß,

Sich hub der Laut da auf dem Hof,

Da führte der alte Jüngeling

Tausend Ritter in den Ring,

Widolt mit der Stangen

Fuhr her mit Klange

In aller der Geberde

Als ob er thöricht wäre,

Da überwarf sich Asprian,

Der war der Riesen Spielmann,

Grimme hin zwölf Klafter sprang,

So thaten die anderen alle mit sammt,

Er griff einen ungefügen Stein,

Daß von den Merkeren kein

Mann Dietherich vernahm,

Da sie begunnten umher gahn.

In deme Fenstere die junge Königinne stund,

Schnelle kam der Held jung

Ueber Hof gegangen.

Da ward er wohl empfangen

Mit zween Rittern herrlich,

Hin ging der Recke Dietherich,

Da wurde die Kammer aufgethan,

Darein ging der Held wohlgethan,

Den hieß die junge Königinn

Selber willkommen sein,

Und sprach was er dort geböte

Daß sie das gerne thäten

Nach ihrer beider Ehren:

Ich habe dich gerne, Herre,

Um deine Biederkeit gesehn,

Und um etwas anderes ist es nicht geschehn,

Diese Schuhe lustsam

Die sollt du mir ziehen an.

Viel gerne, sprach Dietherich,

Nun ihr es geruhet an mich.

Der Herre zu ihren Füßen saß,

Viel schöne seine Gebärde was,

Auf sein Bein satzte sie den Fuß,

Es wurde nie Fraue besser beschuht.

Da sprach der listige Mann:

Nun sage mir, Fraue lustsam

Mähre auf die Treue dein

So wie du Christin wolltest sein,

Dein hat nun gebeten mancher Mann,

Wenn es in deinem Willen sollte stahn

Welcher unter ihnen allen

Dir am besten gefalle.

Das saget er, da sprach die Fraue:

Viel ernstlicher im Treuen

Herre, auf die Seele mein,

So wahr ich getaufet bin,

Der aus allen Landen

Die theuren Wigande

Zu einander hiesse gahn,

So würde doch nie kein Mann

Der dein Genosse möchte sein,

Das nehm ich auf die Treue mein

Daß niemals eine Mutter gewann

Ein Kind also lustsam,

Darum mit Züchten Dietherich

Mag ich lieben und ehren dich,

Denn du bist in Tugenden ein ausgenommner Mann,

Sollte ich aber die Wahl han;

So nähm' ich einen Helden gut und stark

Dessen Bothen kommen her in dies Land,

Die noch hie leben

In meines Vaters Kerker,

Der ist geheissen Rother

Und sitzet westlich über Meer,

Ich will auch immer Jungfrau gahn

Mir werde denn der Held lustsam.

Als das Dietherich vernahm,

Da sprach der listige Mann:

Willt du Rother minnen,

Den will ich dir balde bringen,

Es lebet in der Welt kein Mann,

Der mir so Liebes hätte gethan,

Er minderte ofte meine Noth,

Das lohne ihm noch Gott,

Wir genossen fröhliche das Land

Und lebten fröliche mitsamt.

Er war mir immer gnädig und auch gut,

Es hat mich auch nie vertrieben der Held gut.

In Treuen, sprach die junge Königinn,

Ich verstehe nicht die Rede dein,

Dir ist Rother also lieb,

Er hat dich auch vertrieben nicht,

Von wannen du auch fährest Held stark,

Du bist ein Bothe hergesandt,

Dir ist des Königes Huld lieb,

Nun verheele mir die Rede nicht,

Was du mir heute wirst anzeigen,

Das will ich immer verschweigen

Bis an den jüngesten Tag.

Der Herre zu der Frauen sprach:

Nun stell' ich alle meine Ding

In Gottes Gnade und bei dir,

Ja, es steht dein Fuß

In Rotheres Schooß.

Die Fraue sehre erschrack,

Den Fuß sie aufzog

Und sprach zu Dietherich

Sehre freundlich:

Nun war ich doch nie so ungezogen,

Mich hat mein Uebermuth betrogen,

Daß ich meinen Fuß

Sazte in deinen Schooß,

Und bist du Rother so hehr

So möchte kein König nimmermehr

Bessere Tugend gewinnen,

Der ausgenommenen Dinge

Hast du von Meisterschaft List,

Welches Geschlechtes du aber auch bist,

Mein Herze sehnend,

Und hätte dich Gott nun hergesendet

Das wäre mir inniglicher lieb,

Aber ich mag dir doch vertrauen nicht

Du bescheinest mir denn die Wahrheit,

Und wär' es dann aller Welt leid

So räumte ich sicherliche

Mit dir das Reiche,

So ist es aber ungethan,

Doch lebet kein Mann

So schöne, den ich dafür nähme,

Wenn du der König Rother wärest.

Also redete da Dietherich,

Sein Gemüthe war sehre listig:

Nun hab' ich Freunde mehre,

An denen armen Herren

In dem Kerker,

Wann die mich sähen,

So möchtest du daran verstahn,

Daß ich dir wahr gesaget han.

In Treuen, sprach die Königinn,

Die erwerb' ich von dem Vater mein

Mit adelichem Sinne,

Daß ich sie aus gewinne,

Er giebet sie aber keinem Mann,

Er muß sie denn auf den Leib han,

Daß ihrer keiner entrinne,

Bis man sie wieder bringe

In den Kerker,

Wo sie waren in Nöthen.

Des antwortete da Dietherich:

Ich will sie nehmen über mich

Vor Constantine dem reichen

Morgen sicherliche

Wann er wird zu Hofe gahn.

Die Fraue also lustsam

Küßte den Herren,

Da schied er von dann mit Ehren

Aus von der Kammern

Zu der Herbergen balde,

So wie Berther das ersah,

Wie schnell der Ring zerlassen war.

Da sagete der Herre Dietherich

Die Mähre also wunniglich

Dem theuerlichen Herzogen,

Des begunnten sie beide Gott loben.

Die Jungfraue lag über Nacht

Daß sie in vielen Gedanken war,

Als es zu dem Tage kam,

Einen Stab sie nahm

Und kleidete sich in ein schwarz Gewand,

Als wollte sie pilgern über Land,

Eine Palme sie auf ihre Schulter nahm

Als wenn sie aus dem Lande wollte gahn,

So hob sie sich viel balde

Zu ihres Vaters Kammer

Und klopfete an das Thürlein.

Auf that da Constantin,

Als er das Mägdelein ansach

Wie listiglich sie zu ihm sprach:

Nun lebet wohl, Herr Vater mein,

Mutter, ihr sollt gesund sein,

Mir traumte in der Nacht

Es sende des hohen Gottes Gewalt

Seinen Bothen mir herab,

Ich muß in den Abgrund gahn

Mit lebendigem Leibe,

Daran ist gar kein Zweifel,

Dessen mag mich Niemand erwenden,

Ich will nun das Elende

Bauen immermehre

Zum Troste meiner Seele.

Traurig sprach da Constantin:

O nein, liebe Tochter mein,

Sage mir, was du wöllest,

Dich davon zu erlösen.

Vater, es bleibt immer gethan,

Mir würden denn die gefangenen Mann,

Die will ich kleiden und baden,

Daß sie Genade müssen haben

An ihrem armen Leibe

Ettelicher Weile,

Ich begehre sie nur auf drei Tage,

Dann sollst du sie wieder haben

Zu deinem Kerker.

Constantin der edle

Sprach, daß er das gerne thäte,

Wenn sie einen Bürgen hätten,

Der die auf den Leib dürfte nehmen

Und sie ihm wieder möchte geben,

Daß ihrer keiner entrunne.

Da sprach die Magd, die junge:

Ich bitt' es heute so manchen Mann

Daß sie ettelicher muß bestahn

Des Leib ist also tugendhaft

Deme du sie mit Ehren geben magst.

Da sprach Constantin:

Das thu ich gerne, Tochter mein.

Es war die Stunde

Nunmehr gekommen

Daß Constantin zu Tische ging,

Dietherich nicht unterließ

Er kam mit seinen Mannen

Vor den König gegangen.

Da man das Wasser nahm

Die Jungfraue lustsam

Ging um den Tisch flehend

Mit heissen Thränen,

Ob sie jemand so liebes hätte gethan,

Der die gefangnen Mann

Auf den Leib durfte nehmen;

Ihr keiner durfte sie des gewähren.

Die Herzogen, die reichen,

Entzogen sich allgeleiche,

Bis sie zu dem Recken kam,

Mit dem der Rath war gethan.

Da sprach die Magd herrlich:

Nun gedenke, Held Diethrich,

Aller deiner Güte

Und hilf mir aus den Nöthen,

Nimm die Bothen auf dein Leben,

Die heisset dir der König geben,

Verzaget sind meines Vaters Mann,

Sie dürfen sich des nicht unterstahn,

Doch soll die Eitelkeit dein

Mit samt mir getheilet sein,

Daß ich der geniesse,

Und wenn du's gerne liessest,

So erläst es dir nicht dein tugendhafter Muth,

Du sollst mir das gewähren Held gut.

Gerne, sprach Dietherich,

Was Du geruhest an mich

Das gehe mir nur an meinen Leib,

Doch werde ich dein Bürge schönes Weib.

Die Bothen gab da Constantin

Dietheriche auf den Leib sein,

Der Herre sie da übernahm,

Da folgeten ihm des Königes Mann

Zu dem Kerker,

Wo sie waren mit Nöthen,

Die elend Verhaften

Lagen in Unkräften

Und lebeten erbärmliche.

Berther der reiche

Stund und weinete,

Da er den Schall erhörete.

Den Kerker man aufbrach,

Darein schien da der Tag,

Schnelle kam ihnen das Licht,

Des waren sie gewöhnet nicht.

Erwin war der erste Mann

Der aus dem Kerker kam,

As ihn der Vater ansah,

Wie groß seine Herzens-Reue war,

Herum er sich kehrte

Und rang seine Hände,

Er durfte nicht weinen

Und war ihm doch nie so leide

Seit ihn seine Mutter trug.

Erwin der Held gut

War von dem Leibe gethan,

So wie mit Recht ein armer Mann.

Sie nahmen die Grafen zwölfe

Her aus dem Kerker,

Und jegelich seine Mann,

Die Ritter sonst so lustsam,

Sie waren beschmuzt und schwarz,

Von großen Nöthen bleich gefarbt,

Leopold der Meister

Der hatte keine Kleider

Als nur ein dünnes Schürzelein,

Das wand er um den Leib sein,

Da war der edele Mann

Zum Erbarmen gethan,

Zerschunden und zerschwellt.

Dietherich der gute Held

Stund traurig von Leide

Und wollte doch nicht weinen

Um die gefangnen Mann.

Berther der alte Mann

Ging allenthalben

Die Gefangnen betrachtend,

Da reuete ihn keiner hier

Mehr als seine schönen Kind.

Dietherich der Herre

Hieß die Bothen edel

Führen zu den Herbergen sein,

Nur Leopold und Erwin

Die ließ man alleine gahn,

Zurücke blieb kein Mann.

Da sprach Erwin der edle:

Leopold, traut Herre,

Sahst du einen grauen Mann

Mit dem schönen Barte stahn,

Der mich beschauete

Und viel trauerte?

Herum er sich kehrte

Und rang seine Hände,

Er durfte nicht weinen

Und war ihm doch nie so leide;

Vielleicht daß Gott der gute

Durch seine Barmunge

Ein groß Zeichen will begahn,

Daß wir kommen von dannen.

Das ist wahr, Bruder mein,

Es mag wohl unser Vater sein.

Da lacheten sie beide

Von Freuden und von Leide.

Die elenden Gäste

Waren frei nicht länger

Bis an den anderen Tag.

Die Jungfraue ihren Vater bat

Daß er sie dahin gehen liesse

Sie wollte ihnen selber dienen.

Urlaub ihr der König gab,

Wie schnelle sie über den Hof hintrat,

Zu dem Herren Dietheriche.

Da hieß man allzugleiche

Die fremden Ritter ausgahn,

Darinne blieb kein Mann

Als der Bothen Magen,

Die über Meer waren gefahren.

Denen gefangnen Mann

Legete man gut Gewand an

Und kleidete sie fleissigliche,

Das kam von Dietheriche,

Der Tisch war bereitet,

Berther der reiche

War Truchsaße,

Die weile seine Kind aßen.

Als nun die Herren saßen,

Ihres Leides ein Theil vergaßen,

Da nahm der Recke Dietherich

Eine Harfe, die war herrlich,

Und schlich hinter den Umhang,

Wie schnell eine Weise daraus klang.

Wellicher begunnte trinken,

Dem begunnt' es nieder sinken,

Daß er's auf den Tisch vergoß, welcher aber schnitt das Brod,

Dem entfiel das Messer durch Noth,

Sie wurden vor Freuden sinnelos,

Wie mancher sein Trauern verlohr.

Sie saßen alle und hörten

Woher das Spiel zu ihnen kehrte.

Laute die eine Weise klang,

Leopold über den Tisch sprang

Und der Grafe Erwin,

Sie hiessen ihn willekommen sein

Den reichen Harfner

Und küßten ihn sehr.

Wie rechte die Fraue da sah,

Daß es der König Rother war.

Der erste Akt

des

Schauspiels:

das Donauweib.

1808.

Erster Akt.

Erste Scene.

(Saal.)

Herzbold tritt mit Christoph und andern Dienern auf.

Herzbold.

Nun rührt Euch, rührt Euch, daß es einmal wird,

Der Junker schilt, daß Ihr so lange trentelt.

Erster Diener.

Man kann nicht hier und allenthalben sein.

Herzbold.

Ich will Dir Beine machen, Tagedieb!

Und nichts vergessen, was zum Putz gehört,

Geschirre für die Pferde, denn zur Hochzeit gehn wir;

Ich muß nachher nach allem selber sehn.

Diener ab.

Christoph.

Ihr thut so groß, und wenn nun endlich alles

In Ordnung ist, wird's erst an Euch gebrechen.

Herzbold.

Hans Dampf! Du klug Dich Dünker! Meister Christoph! --

Hast Recht; geh fort, mein Sohn, pass' auf: zum Glück

Hat keiner von den Schlingeln Dich gehört. --

Schriften 13: Märchen; Dramatische Gedichte; Fragmente · 第 3 / 12 题