Zu alten Zeiten lebte in Frankreich ein Graf _von Forst_, er hatte viele

Kinder, war arm und lebte in einem anmuthigen Walde. Dieser Graf hatte

viele Noth seine Kinder adelich und nach ihrem Stande zu erziehn, weil

es ihm am Vermögen fehlte. Sonderlich that ihm dieses um seinen jüngsten

Sohn Reymund leid, der schon früh ein hochstrebendes Gemüth in sich

spüren ließ, denn er sprach am liebsten von Rittern, die sich durch

wunderbare Begebenheiten und große Thaten zu den höchsten Ehren empor

geschwungen hatten, auch ließ er sich vom Vater gern alte Geschichten

erzählen, von solchen Leuten, die aus Armuth Fürsten und Könige geworden

und wünschte sich ein gleiches Schicksal. Darüber wurde der Vater oft

betrübt und führte ihm zu Gemüth, daß es nicht mehr die Zeit sei, an

derlei Wunderwerke zu glauben und er möchte sich nur früh in seinen

beschränkten Stand finden lernen. Reymund aber sagte: lieber Herr Vater,

es ist noch nicht aller Tage Abend, so können wir auch nicht wissen, was

aus mir noch werden möchte. Worauf der Vater antwortete: Nun, Gott möge

Dich segnen, mein Kind, denn ich sehe wohl, Dein Sinn steht nach hohen

Dingen.

Nicht weit vom Walde hatte der Graf _Emmerich_ seine großen,

weitläuftigen und reichen Güter; dieser war der Mutter Bruder des armen

Grafen von Forst und also sein naher Vetter und Verwandter. Dieser Herr

war neben seinem Reichthum in vielen Wissenschaften wohlerfahren,

sonderlich in der Kunst der Astronomie, denn er wußte alle Abtheilungen

des Jahrs, Mondwechsel, auch Sonnen- und Mondfinsternisse, konnte alles

daraus wahrsagen und die schwersten Rechnungen machen: auch war ihm

durch astrologische Weisheit das Firmament mit seinen Sternen nur wie

ein lieber Freund, den er um Rath fragen durfte, wußte auch genau

anzugeben, wo die Planeten standen und wann sie auf und wann sie

untergehn, in Summa er war von allen Leuten im Lande wegen seiner

Kenntnisse und großen Reichthums sehr hochgeachtet. Dieser Mann hatte

nur zwei Kinder, einen Sohn, welcher Bertram hieß, und eine Tochter. Er

rechnete mit seiner Kunst aus, und wußte es auch schon vorher, daß

seinem armen Vetter, dem Grafen von Forst, die Erziehung seiner vielen

Kinder zur Last falle, nahm sich also in seinem großmüthigen Herzen vor,

eins davon zu sich zu nehmen. Machte also ein großes Gastmahl und lud

dazu auch seinen Herrn Vetter ein, der auch mit drei von seinen Söhnen

kam, unter welchen sich Reymund, der jüngste, befand. Graf Emmerich sah,

daß sich alle höflich betrugen und alle in guter Kleidung zu ihm kamen

und war damit sehr zufrieden. Während der Mahlzeit warf er eine besondre

Liebe auf Reymund, der sehr geschickt und artig sein Hütlein beim Beten

vor das Gesicht zu halten wußte, wie wohl die andern sich auch andächtig

bezeigten, nachher zierlich und sauber aß, seinem Herrn Vetter in allen

Dingen aufwartete und sich überhaupt als ein feiner Gesell betrug.

Nachdem alle abgespeist hatten, gingen der Graf Emmerich und Graf Forst

beiseit und Emmerich sagte zu seinem Vetter: ich danke Euch vielmals,

mein Herr Vetter, daß Ihr zu meinem Gastgebot habt erscheinen wollen,

auch alle so höflich und in neuen Kleidern gekommen seid, welches suchen

werde, bei einer andern Gelegenheit zu vergelten. Ihr habt außerdem

viele und wackre Kinder, und viele wohlerzogene Kinder besitzen, ist von

je an für einen Segen des Himmels gerechnet worden; doch giebt es einen

Fall, wo man sich lieber deren einige mit Freuden abthun möchte, wenn

man nämlich sehr viele hat und sich selber dabei in Armuth befindet,

denn alsdenn müssen die Kindlein der ihnen zukommenden Erziehung

entbehren, wodurch sie nicht nur kein Vermögen, welches nicht sonderlich

zu achten, bekommen, sondern selbst ihren zukünftigen guten und

tugendhaften Lebenswandel verlieren. Will dieses übrigens nicht von

Euch, Herr Vetter, gesagt haben, denn mir ist nicht unbekannt, daß einem

so verständigen Manne fast alles möglich zu machen ist, wie Ihr es denn

auch mit der That beweiset; wollte Euch dennoch höflichst und

inständigst um Euer jüngstes Söhnlein Reymund gebeten haben, mir solchen

zur Erziehung zu überlassen, denn er hat mir doch gar zu artlich

gedünkt, sowohl mit Beten, als saubern Mundwischen, auch allem übrigen

gottgefälligen Betragen, will ihn wie meinen eignen Sohn halten, ihm

auch Vermögen hinterlassen.

Als der Graf von Forst diese Rede seines Herrn Vettern verstanden hatte,

überkam er eine große Freude und antwortete: mein Herr, Euer edles Herz,

wie Eure weltbekannte große Wissenschaft leuchten gleich sehr aus dem,

was Ihr gesagt, herfür, und so geschieht es denn auch zu meiner grösten

Zufriedenheit, daß ich Euch mein jüngstes Söhnlein, den Reymund, ob er

mir gleich das allerliebste Kind, übergebe und ausliefere, denn bei mir

hat er, wie Ihr wißt, kein großes Glück zu hoffen, darum will ich ihm

mit meiner väterlichen Liebe nicht im Wege stehn. Nehmt ihn hin, und

möge er Euch nur am letzten Tage noch eben so gut gefallen, als am

ersten, möge er in der Gottesfurcht aufwachsen, damit Euch Eure

Wohlthätigkeit und Liebe zu ihm nicht dermaleinst gereut.

So gaben sie sich die Hände und waren mit einander einverstanden. Der

Reymund wurde von dem Handel unterrichtet und weinte viel, welches dem

Grafen Emmerich wieder sehr gefiel, weil er daraus seine Liebe zum Vater

erkannte und sich auch dergleichen versprechen durfte. Endlich schieden

sie und der Graf von Forst reiste nach seinem Walde zurück.

Der Reymund war von nun an immer in Gesellschaft seines Herrn Vetters,

der Grafen Emmerich, bei dem er alle adlichen Sitten, auch reiten und

stechen lernte. Der Graf war ihm wegen seiner Tugenden so zugethan, daß

er ihn fast seinem Sohne vorzog, worüber dieser aber auch nicht neidisch

war, weil Reymund ihm höflich und freundlich begegnete, und überhaupt

der Liebling des ganzen Hauses wurde. Wo er konnte, diente er jedermann,

dabei war er niemals trotzig und hochmüthig, mit keinem zänkisch,

sondern immer nachgebend. So wuchs er auf und der junge Graf Bertram war

mit ihm von einem Alter.

Graf Emmerich war ein großer Freund von der Jagd und Reymund mußte ihn

fast immer auf allen seinen Zügen begleiten. So waren sie auch eines

Tages mit großer Gesellschaft in den Wald hinaus gezogen, mit Jägern und

Hunden und allem Zubehör. So kam ein wildes Schwein daher, das sie

alsbald niederlegen wollten, dieses aber haute viele von den Hunden zu

Schanden, eilte wieder fort und zog die ganze Jagdgesellschaft nach sich

in den Wald, so daß der Graf und Reymund allein zurück blieben. Es war

schon Mondschein und Nacht in demselben Walde und nicht lange währte es,

so waren sie verirrt, worauf Reymund zu seinem Herrn Vetter sagte: wir

sind in der Nacht von unsern Leuten gekommen, haben auch die Hunde

verloren, uns selber verirrt, darum wäre es wohl gut, einen Ort zu

finden, wo wir unterkommen möchten. Worauf der Graf zur Antwort gab: Du

rathest wohl, können wir es doch versuchen, denn der Himmel ist gestirnt

und der Mond scheint helle genug. Darauf ritten sie im Holze hin und

her, um einen geraden Weg zu finden, fanden ihn aber nicht und wurden

verdrüßlich; endlich geriethen sie auf eine schöne Straße und Reymund

sagte: dieses dürfte wohl die Straße nach unserm Schlosse sein; jetzt

wollen wir nur einige von unsern Leuten aussuchen, die die Wege besser

kennen: worauf der Graf mit den Worten erwiederte: es kann sein, ich

will Deinem Rathe folgen.

Indem sie noch so ritten, betrachtete der Graf mit Aufmerksamkeit das

Gestirn am Himmel, seufzte bei sich und sprach: O Gott, wie sind doch

deine Wunder so groß und mannichfaltig, wie hast Du die Natur in solcher

Gestalt zugerichtet und wie magst Du es zulassen, daß ein Mann durch

seine Missethat zu so großem zeitlichen Glück und hohen Ehren gelangen

möge? Komm hieher, mein Sohn, fuhr er gegen Reymund fort, und betrachte

einmal die Gestalt des Himmels, sieh jenen röthlichen Stern, der herauf

kommt und sich dem weißen nähert, sie machen zusammen ein wunderliches

Licht und seltne Stellung und bedeuten, daß in dieser Stunde ein

undankbarer Diener seinen Herrn und Wohlthäter erschlägt, und dadurch zu

allem zeitlichen Glücke gelangt.

Wie ist dieses möglich, antwortete Reymund, daß Ihr es aus den Gestirnen

erkennen mögt?

Die Natur, sagte Emmerich, ist wunderseltsam mannichfaltig und auch

wieder sehr einfach, der Himmel ist ein Spiegel der Erde, die Erde des

Himmels, ja ein jedes Ding spiegelt sich im andern wieder, erschafft

jenes und wird erschaffen, dieselben Kräfte in vielen Gestalten,

dieselben Bildungen aus verschiedenen Kräften, wie tausend Ströme die

durcheinander fließen, sich verwirren und in schöner Ordnung regieren,

wie tausend Geister, die sich spielend einer im andern bewegen und so

die Welt im Wechsel darstellen und festhalten; mir und meinesgleichen

ist die Kunst gegeben, den Abgrund an der Höhe des Firmamentes zu

erkennen, ich finde die Gestirne in mir und im Abgrunde wieder, unser

Herz zieht die Liebe der Geister an sich und so mögen wir im großen

Spiegel Vergangenes und Künftiges wahrnehmen.

Dieses ist zu verwundern, sagte Reymund; worauf sie weiter ritten und

ein Feuer fanden, das die Hirten im Holze angezündet hatten. Sie stiegen

von den Pferden ab, suchten Holz zusammen und legten es auf das Feuer,

weil es in der Nacht sehr kalt war, um sich an der Flamme zu wärmen. Als

sie noch damit beschäftigt waren, sich zu wärmen, hörten sie durch das

Holz etwas kommen, mithin ergriff Reymund sein Schwert, und der Graf

seinen Spieß, und sie konnten nicht damit geschwinde genug sein, denn es

kam ein großes Schwein, klopfete mit seinen Zähnen an den Bäumen und

schnaubete sehr. Da schrie Reymund seinem Vetter zu und sprach: O Herr

Vetter, schont Euer Leben und steigt lieber in aller Eile einen Baum

hinauf. Der Graf aber that dieses nicht, sondern sagte: Solches ist mir

noch nie vorkommen noch widerfahren, soll mir auch, wenn es Gott will,

niemals fürgehalten noch bewiesen werden, daß ich vor einem Schweine so

schändlich fliehe, oder mich auf die Bäume begebe. Dem Reymund that es

Leid, daß sein guter Rath nicht befolgt wurde; der Graf hielt hierauf

den Spieß vor, das Schwein lief daran, schlug aber den Stich ab, indem

es sich nur wenig verwundete, und den Grafen zur Erden niederwarf.

Darauf nahm Reymund seines Herrn Vetters Spieß, wollte damit das Schwein

niederlegen, fehlte aber und stieß damit in seines Herrn Vetters Leib,

zog ihn aber gleich wieder heraus und brachte das Schwein um, kehrte

sich wieder zu seinem Herrn Vetter, fand ihn in Todesnöthen liegen und

sah, wie er alsbald verschied.

Wie nun Reymund das jämmerliche Unglück, so er angerichtet, recht

bedachte, fing er eine laute und bittere Klage an, raufte seine Haare

aus, rang die Hände und weinte von Herzen, indem er ausrief:

Ach Glück! wie hast Du mich so arg belogen,

Reich machst Du arm, und Arme oft zu Reichen,

Dem magst Du Trost, dem andern Jammer reichen,

Dem bist Du Feind, und jenem dort gewogen.

Bös Glück! welch Leid hast Du mir zugewogen?

Ist noch ein Jammer meinem zu vergleichen?

Muß so der edle Vetter mein erbleichen?

Wollt' ihn erretten, wurde schlimm betrogen.

Ich stieß ihn undankbar in sein Verderben,

Das Auge mußte, so die Hand auch fehlen,

Der eigne Speer von seinem Blut geröthet:

O könnt' ich doch an seiner Seite sterben,

Denn so wird der Verdacht mich ewig quälen,

Ich habe gar mit Vorsatz ihn getödtet.

So klagte er in der Nacht und alle seine Sinne kamen in Verwirrung, er

wußte nicht mehr, ob er die Mordthat mit Fleiß begangen hatte, und

klagte sich selber auf das härteste an. Dann setzte er sich in Leid und

Betrübniß wieder auf sein Pferd, wußte nicht wohin und ließ es ohne

Lenkung und Führung freiwillig dahin gehn, wohin es nur wollte.

Es befand sich ein Brunnen im Walde, auf einem schönen freien Platz, der

aus einem Felsen entsprang und den man gewöhnlich nur den Waldbrunnen

nannte; hieher ging das Pferd mit Reymund, und beim Brunnen standen drei

schöne Jungfrauen, die aber Reymund in seiner tiefen Betrübniß nicht

bemerkte. Die jüngste und schönste von den dreien ging ihm entgegen, und

sagte: nie ist mir ein solcher Ritter vorgekommen, der vor Damen vorbei

reitet, ohne sie anzureden. Reymund aber trieb sein Klagen und Jammern

weiter, so daß er gar nicht hörte, was sie sagte, worauf sie das Pferd

beim Zügel fing und sprach: Ihr müßt wohl nicht aus adelichem Blute

sein, denn sonst würdet Ihr uns nicht so stillschweigend vorüber reiten.

Nun erwachte Reymund erst aus seiner Betäubung und erschrak, als er ein

so schönes Fräulein vor sich sah: er wußte nicht, war er lebend oder

todt, oder war sie ein Gespenst, oder ein Fräulein. Er stieg aber

alsbald mit der größten Behendigkeit vom Pferde herunter und sagte: ich

bitte, Ihr wollet mir verzeihen, denn ich bin wohl ein Ritter und aus

adelichem Blut, aber meine Unglücksfälle haben mich dermaßen

erschüttert, daß ich vor tiefster Betrübniß Artigkeit gegen Damen aus

den Augen zu setzen mich genöthigt sehe.

Sie antwortete: lieber Reymund, Euer Klagen und Euer Unglück thun mir

sehr leid. Worüber er sich verwunderte, daß sie seinen Namen wußte und

sagte: Wie könnt Ihr doch meinen Namen wissen, da ich Euch nicht kenne?

Wie ist es denn möglich, daß Ihr Euch mit dieser großen Schönheit, edlem

Leibe und trefflichen Angesichte hier allein im Walde befindet? Und wie

kömmt es, daß mir mein Gemüth sagt, es würde mir durch Euch einiger

Trost zukommen, ja daß ich schon, indem ich mit Euch rede, den süßen

Klang der Stimme von diesen holdseligen Lippen vernehme, in zauberischer

Gegenwart Eurer Lieblichkeit, meine Leiden gelindert fühle?

Das Fräulein sagte hierauf: theurer Reymund, habt Ihr gleich Euren Herrn

Vetter und das Schwein umgebracht, und seid dadurch in große Noth

gerathen, so ist dieses doch gegen Euren Willen geschehn und ich sage

Euch hiermit, daß Euch Glück, Reichthum und Macht wird zu Theil werden,

wie noch keinem jemals in Eurer Familie geschah, denn was Euer Herr

Vetter geweissagt hat, das muß an Euch selber in Erfüllung gehn und es

wird auch mit göttlicher Hülfe vollbracht werden.

Wie Reymund hörte, daß sie von göttlicher Hülfe sprach, wurde er noch

beherzter, weil er nun glaubte, daß das Fräulein kein Gespenst, auch

keine Heidin, sondern eine Christin sei, und sagte daher: aber mein

schönstes Fräulein, wie wißt Ihr doch meinen Namen, oder welch ein

Unglück mir begegnet ist, da ich Euch vorher niemals mit Augen gesehn

habe, denn Ihr wart nicht zugegen, als das Unglück geschah, noch habe

ich Euch vorher jemals bemerken können.

Sie sagte: tröstet Euch nur und seid allerdings unbekümmert, denn ich

bin eben diejenige, durch welche das in Erfüllung gehn muß, was Euer

Herr Vetter kurz vor seinem Tode geweissagt hat: zweifelt auch nicht

daran, daß ich eine gute Christin sei, wie ich denn in der That merke,

daß Ihr daran zweifelt, denn ich glaube alles, was einem guten Christen

zu glauben zukommt, als daß Christus für unser Heil gestorben und an das

bittre Kreuz genagelt ist, daß er nach dreien Tagen auferstanden,

^item^, daß er der eingeborne Sohn Gottes ist, und so weiter, gen Himmel

gefahren, nebst allen Dingen, die zu unsrer heiligen Religion gehören.

Darum vertraut mir nur, und Ihr sollt so weise, reich und mächtig

werden, wie es noch keiner je in Eurem Geschlechte gewesen ist.

Als Reymund dies gehört hatte, bekam er seinen Muth und auch seine Farbe

wieder, denn alle Zweifel waren nun bei ihm verschwunden; er antwortete

daher: holdseligstes und schönstes Fräulein, nunmehr bin ich bereit,

alles das zu thun, was Ihr mir gebieten werdet, denn ich sehe wohl, daß

es eine Schickung Gottes ist, und nichts anders: darum sagt mir nur, was

ich thun soll, und wenn es nicht mein Vermögen oder meine Kräfte

übersteigt, soll es gewiß in Erfüllung gesetzt werden.

Worauf das Fräulein antwortete: Reymund, Ihr sollt mir schwören, daß Ihr

mich zum ehelichen Gemal nehmen wollt, aber an keinem Sonnabend weder

nach mir fragen dürft, noch Euch sonst um mich bekümmern, sondern diesen

Tag muß ich ganz ausdrücklich für mich behalten, worauf ich Euch aber

wieder schwöre, nichts zu thun, noch mich an selbigem Tage irgend an

einen Ort zu verfügen, der Eurer Ehre nachtheilig sein könnte.

Reymund schwur sogleich und sie fuhr fort: wenn Ihr diesen Euren Schwur

jemals brecht, so wird es Euch selbst zum Nachtheil gereichen, denn Ihr

werdet dadurch an Gut und Ehre, an Land und Leuten merklich abnehmen;

auch werdet Ihr mich selbst verlieren. Reymund schwur noch einmal und

versprach, ihr in allem zu gehorchen, worauf sie ihm sagte, daß er nach

dem Schlosse zurück reiten möge, und sagen, daß er seinen Herrn Vetter

im Walde verloren habe und nicht wisse, wohin der gekommen sei, man

werde diesen hierauf suchen, finden und mit vielen Wehklagen begraben.

Dann würden alle Vasallen erscheinen, den jungen Grafen Bertram für

ihren Lehnsherrn erkennen, und die Lehn von ihm begehren, zu diesen

solle er sich auch begeben und zum Lohn für seine Dienste nur so viel

Landes bitten, als man mit einer Hirschhaut umschließen könne, welches

ihm jener gewiß nicht versagen würde; er solle aber nicht vergessen,

sich hierüber eine schriftliche Versicherung mit allen Siegeln

ausfertigen zu lassen. Reymund würde hierauf einem Manne mit einer

Hirschhaut begegnen, dem er sie abkaufen müsse, ohne zu handeln, diese

müsse er in die dünnsten Riemen schneiden lassen, sie in einem Büschel

zusammenlegen, und sich am Tage der Vergabung damit nach dem Waldbrunnen

begeben, hier solle er mit dem Riemen dann so viel Land umfassen, als

ihm nur möglich wäre. Nach allem diesen zeigte sie ihm noch den rechten

Weg nach dem Schlosse und bestimmte ihm einen Tag, an welchem er sie

wieder am Brunnen im Walde sprechen könne.

Reymund empfahl sich ihr, versprach alles auszurichten, wie sie es ihm

befohlen und eilte alsdann nach dem Schlosse zurück. Als er des Morgens

dort ankam, fragte ihn jedermann nach dem Grafen seinem Herrn; er aber

sagte, er habe ihn im Walde verloren, wisse nichts von ihm, könne also

auch keine Nachricht ertheilen. Endlich kamen des Grafen Diener alle von

der Jagd wieder zurück, keiner von allen wußte vom Grafen. Da entstand

im Hause ein großes Wehklagen, besonders von den Kindern und der Gräfin

ihrer Mutter. Die Diener wurden ausgeschickt, das Holz wurde durchsucht

und endlich fand man auch den Leichnam neben dem todten Schwein. Sie

brachten ihn in das Schloß und das Wehklagen und das Jammern vermehrten

sich noch um ein Großes: wurde dem todten Grafen hierauf ein köstliches

und ehrliches Begräbniß angestellt, die Glocken geläutet, alt und jung

versammelt und in Thränen, der Mann allgemein bedauert, und Männer und

Frauen, Geistliche und Weltliche in schönen Trauerkleidern zugegen, alle

hoch und tiefbetrübt, vorzüglich Reymund, wie es ihm das Fräulein im

Walde gerathen hatte.

Als der Graf begraben war, kamen alle Vasallen und Lehnsleute zu seinem

Sohne, um die Lehn von ihm zu empfangen, unter diesen auch Reymund, der

so, wie ihn Melusina unterwiesen hatte, nur um so viel Landes beim

Waldbrunnen bat, als er mit einer Hirschhaut umschließen könne. Dem

Bertram schien dies für seine langen und getreuen Dienste eine geringe

Belohnung, hielt ihn überhaupt für im Kopfe verwirrt, und sagte ihm also

mit verbißnem Lachen dieses Erdreich zu. Ließ hierüber auch ein Dokument

mit seinem Siegel und Petschaft ausfertigen, so daß nachher kein

Streiten darüber möglich war. Denselben Morgen noch kaufte Reymund die

Hirschhaut, die er in einen langen und ganz dünnen Riemen schneiden ließ

und als dies gethan war, ging er wieder zum Grafen Bertram, ihn zu

bitten, ihm nunmehr die versprochne Gabe durch einige seiner Räthe

überantworten zu lassen.

Sogleich wurden einige von den Räthen mit ausgeschickt, und Bertram

lachte innerlich, daß jener sein Besitzthum einer Hirschhaut so eifrig

betrieb. So kamen die Räthe mit Reymunden zum Waldbrunnen, und

verwunderten sich über die maßen als sie sahn, daß er die Hirschhaut zu

einem ganz dünnen Riemen geschnitten hatte. Zwei unbekannte Männer

nahmen hierauf den Riemen, steckten einen Pfahl in die Erde, und umzogen

nun mit den Faden viel Holz, Wiesen und Felsen, den Waldbrunnen und eine

große Weite des Thals, in welchem ein angenehmer Bach floß. Die Räthe

waren gar sehr erstaunt, mußten aber den Vertrag halten, welchen Graf

Bertram mit seinem Wappen untersiegelt hatte. Die Räthe kamen hierauf

zum Grafen zurück und erzählten ihm, was vorgefallen, die Hirschhaut sei

ganz in einen dünnen Riemen zerschnitten, zwei unbekannte Männer hätten

damit viel des Gebiets beim Waldbrunnen umschlossen, es habe geschienen,

als wenn der Riemen sich immer mehr auseinandergezogen, je weiter sie

gegangen, auch sei ihnen das ganze Revier viel größer vorgekommen, als

es ihnen wohl ehemals geschienen. Worauf der Graf antwortete: Es ist

eine fremde Sache und mag wohl ein Gespenst sein, denn ich habe oft

sagen hören, daß fremde Wunder bei dem Waldbrunnen geschehn sein, gebe

Gott nur, daß es zu seinem Besten ausschlage, denn er ist doch unser

Vetter und naher Verwandter, ist immer besser, als wenn er im Haupte

verwirrt wäre, wie ich anfangs gedachte, so ist er aber klüger, als man

von ihm denken mochte, dürfen es ihm auch nicht mit Gewalt wieder

nehmen, weil er unsre Unterschrift und Siegel hat. Reymund ging hierauf

selber noch zum Grafen, um ihm für die empfangene Gabe Dank zu sagen,

der ihn auch sehr freundschaftlich empfing.

An dem bestimmten Morgen ging Reymund ganz in der Frühe wieder zum

Waldbrunnen, wo er auch schon seine geliebte Melusina, seiner wartend,

antraf, die ihm mit den Worten entgegen kam: sei mir gegrüßt, Reymund,

Du bist ein weiser und vernünftiger Mann, denn Du hast alles so

ausgerichtet, wie ich es Dir gerathen habe. Hierauf gingen sie in eine

Kapelle, wo sie viel schönes Volk, Frauen, Ritter, Knechte, Priester und

kostbar gekleidete Leute sahen. Reymund verwunderte sich und fragte, wo

alles das Volk hergekommen sei? Melusina antwortete: wundere Dich nicht

darüber, denn es ist alles das Deinige und sie sollen Dir auch ihre

Ehrerbietung bezeigen. Hierauf wendete sie sich zu den Leuten und befahl

ihnen, den Reymund als ihren Herrn anzuerkennen, und ihm Treue, Gehorsam

und Liebe zu geloben, welches sie auch alle sogleich mit großer Freude

und aller Unterwürfigkeit thaten.

Reymund wollte noch immer nicht seinen Augen trauen, dachte: wo krieg'

ich all dergleichen Volk her? wobei er innerlich zu Gott betete, weil er

meinte, es dürfte das ganze Wesen nur ein schlimmes Gespenst sein.

Melusina weckte ihn bald aus diesen Gedanken, indem sie zu ihm sagte:

Reymund, nicht eher sollst Du ganz meinen Stand und mein Wesen erkennen

und erfahren, bis ich Dein ehliches Gemal bin. Worauf Reymund sagte: ich

bin bereit, Euren Willen zu allen Zeiten zu erfüllen. Nun wohlan, sprach

Melusina, so wollen wir unsre Hochzeit auf künftigen Mondtag ansetzen,

doch muß es dabei eine ganz andere Gestalt haben und ehrlich zugehn, so

daß wir alle Gebräuche erfüllen, die dabei üblich sind; lade daher Gäste

und Zeugen ein, und sorge nicht, daß es an Speis und Trank, oder irgend

einer Ergötzlichkeit fehlen dürfte, denn ich will alles besorgen.

Reymund ritt hierauf wieder nach dem Schlosse seines Vetters, des Grafen

Bertram, zurück, er fand ihn bei seiner Frau Mutter, trat vor beide hin,

machte einen zierlichen Reverenz und sagte: Gnädiger Herr Vetter, auch

gnädige Frau, es ist billig, da ich Euer Verwandter und Diener bin, Euch

meine Geheimnisse nicht länger verborgen zu halten, muß Euch also sagen,

daß ich mir eine Frau nehmen will, und die Hochzeit am nächsten Mondtage

beim Waldbrunnen zu feiern gesonnen bin, bitte Euch also beiderseits

demüthig, mir die Ehre zu gönnen und dabei Eure persönliche hohe

Gegenwart zu schenken.

Der Graf antwortete hierauf: Mein lieber Herr Vetter, Euch zu Ehren und

zu Liebe will ich herzlich gern dahin kommen, auch mit anständigem

Gefolge, hoffe auch, daß meine Frau Mutter mit mir gehen wird; doch muß

ich fragen: wer ist Dero Frau Gemalin, oder von wannen ist sie, denn es

wäre nicht gut, wenn sich mein Herr Vetter durch eine zu schnelle

Heirath unglücklich machte. Aus welcher Gegend und von welchem

Geschlechte ist sie? denn ich möchte auch gern wissen, ob sie denn wohl

adlich sei, da ich Euch zu Ehren mit Gefolge und meiner Frau Mutter auf

Eure Hochzeit kommen will.

Reymund antwortete: Herr Vetter, es kann nicht geschehn, es jetzt zu

sagen, denn ich weiß es dermalen selber noch nicht, ich weiß auch nicht

von wannen sie ist, oder was sonst ihr Wesen sein mag, begnügt Euch

damit, sie Mondtags in ihrem Stande zu sehn.

Der Graf antwortete: Herr Vetter, das ist ziemlich wunderlich, daß Ihr

ein Weib nehmt, welches Ihr selbst nicht kennt, ich fürchte, daß Ihr

angeführt werdet, wie es schon so manchem ergangen ist, und komme fast

auf meine erste Vermuthung zurück, daß Ihr im Haupte verwirrt sein mögt.

Ihr nehmt mir diesen meinen guten Rath nicht zum übeln, denn es

geschieht nur deswegen, weil ich zu Eurer Hochzeit kommen soll und da

fiele die Schande nachher auch mit auf mich.

Reymund antwortete: Herr Vetter, Eure Warnung nehme nicht sonderlich

übel, weil Ihr meine Gemalin nicht kennt, die so schön und klug ist, daß

sie ohne Zweifel von hoher Abkunft sein muß, bin übrigens im Haupte

recht gescheidt, trotz dem Besten im ganzen Lande und zu jeder Probe

erböthig, will übrigens die Frau selber heirathen und keinen andern dazu

überreden, steht sie mir an, so ist es gut, ist sie mir schön und edel

genug, so hat Niemand weiter etwas darnach zu fragen, gräme mich auch

nicht übermäßig, wenn Ihr nicht zu meiner Hochzeit kommen wollt, denn

ich werde schon andre und nicht minder gute Gäste zu finden wissen.

Es war nicht so gemeint, mein lieber Herr Vetter, antwortete hierauf der

Graf behende, denn er furchte sich; ich und meine Frau Mutter und die

meinigen wollen zur Hochzeit kommen, und rechnen es uns zu sonderbarer

Ehre dazu geladen zu sein. Wofür sich denn Reymund mit vielen und

höflichen Worten bedankte.

Am Mondtag Morgen ritt der Graf Bertram mit seiner Mutter und seinem

Hofgesinde aus, nach dem Waldbrunnen zu; man unterredete sich unterwegs

davon, wie man wohl keine Herberge finden dürfte, weder für Pferde noch

Menschen, noch auch Speise und Trank in gehörigem Maaß, oder andre

Ergötzlichkeit, indessen tröstete sich der Graf und meinte, ein

schlimmer Tag würde bald vorübergehn. So zogen sie durch den Wald und

als sie auf den offnen Platz zu den Felsen kamen, zeigten sich zwischen

den Bäumen viele schönen Zelter auf dem grünen Boden aufgebaut,

allenthalben sah man einen großen Rauch aufsteigen vom Kochen und vom

Braten, eine Menge Volks in schönen Kleidern war zugegen, die Zelter

prangten mit Fähnlein und buntgemalten Wappen, liebliche Musik erscholl,

die Köche waren bei den Backöfen und in den Küchen geschäftig, adliche

Herrn und Damen sah man auf dem reizenden Plan hin und wieder spazieren.

Alle dachten, es möchte wohl ein Gespenst sein, was sie sahen, als ihnen

sechszig treffliche Ritter entgegen kamen und sie im Namen des

Bräutigams und der Braut begrüßten, worauf sie sie zu Reymunden selber

brachten, der ihnen vor allen übrigen Gästen die zugegen waren, die

größte Ehre erwies.

Die Pferde wurden ihrerseits an die Krippen gezogen, wo man ihnen

schönen Haber vorlegte, Frauen und Jungfrauen kamen der Gräfin entgegen,

um sie zu empfangen, worüber sich diese nicht genug verwundern konnte,

da sie sich an diesem seltsamen Orte dergleichen Aufnahme nicht versehn

hatte. Reymund führte hierauf die Gäste in seine Wohnung, wo auch eine

Kapelle war, reich mit mancherlei Kleinodien ausgeziert. Nun wurde zur

Brautmesse geläutet, und das schöne Fräulein Melusina trat in allem

ihrem Schmucke herfür, so daß aller Augen von ihrem Glanze wie von ihren

Reizen geblendet wurden; ein feines Gewand schloß sich an den edlen

Wuchs der Glieder, und wie die Sommerlüfte spielend um sie wehten,

flossen in zarten Wellen die Falten des Gewandes, als wenn die Göttin

aus dem Meere gestiegen wäre und so eben die letzten Wogen von ihr

niedergleiten wollten: ein Blumenkranz verschönte das Haupt, und den

Busen trug sie frei, auf dessen Glanz die reichen Kleinodien mit

unterschiedlichen Farben schimmerten. Nun erhoben sich auch die

fröhlichen Saitenspiele, auch Musik mit Flöten und Posaunen, alle Sinne

der Gäste waren geblendet und in Entzücken und der Graf Bertram sagte in

seinem Herzen: dieses ist warlich eine Hochzeit, die sich sehen lassen

darf.

Hierauf wurd Reymund in der Kapelle von einem vornehmen Bischoffe mit

seiner geliebten Braut vermält. Dann verfügte man sich an die Tafel, wo

die köstlichsten Speisen und die schönsten Weine für alle im Ueberflusse

da waren. Allen gefiel das und es war keiner, der nicht mit Appetit das

Essen zu sich genommen, denn es war überdies vortrefflich zubereitet.

Nach der Tafel wurde man erst fröhlich, da fing auf dem Plan ein Stechen

und Thurnieren an, bei welchem sich Reymund mit seiner Geschicklichkeit

vorzüglich auszeichnete. Hier wurden viele köstliche Kleinodien

gewonnen, welche die edle Melusina zu Preisen ausgesetzt hatte; die

Damen empfanden über die Uebungen der jungen Ritter ein großes

Vergnügen.

Am Abend war wieder ein herrliches Mahl zubereitet, man setzte sich

wieder zu Tische, aß und trank und machte mit schönen Worten Spas, der

selten ist. Darnach wurden die Tänze angefangen, die bis tief in die

Nacht währten.

Als nun die Zeit gekommen war, daß die Braut zu Bett gebracht werden

sollte, so wurde sie von schönen Frauen in das Schlafgemach geführt.

Hier stand ein prächtiges Bett, das mit Lilien besteckt war, schöne

Teppiche und Vorhänge von der seltensten Stickerei zierten das Gemach,

nicht minder treffliche Mahlereien. Hier sah man in den lebhaftesten

Farben die nackte, badende Leda und den schneeweißen Schwan, der sich

liebkosend an sie schmiegte, indeß sie verwundert und entzündet mit

durstenden Lippen in der Luft nach erwiedernden Küssen suchte: hier

entsprang die Göttin der Liebe aus der Flut und schwimmende Najaden

brachten ihr Korallen und Lobgesänge entgegen. Dort war Mars im Netze

mit der Venus in einer Stellung festgehalten, die die Blicke der

lüsternen Götterschaar entzückte. Hier badete Galatea und die Wellen

schmiegten sich zärtlich zu ihren Füßen und ein schelmischer Widerschein

fing das Bildniß der lieblichen Gestalt auf. So waren noch andre

treffliche Gemälde und Darstellungen und das Zimmer war außerdem reich

und kostbar verziert. Die edlen Frauen entkleideten die Braut, wobei sie

sich selber über ihre Schönheit verwunderten und dem Bräutigam Glück

wünschten, worauf sie sie in das Bett legten. Nun wurde auch Reymund

hereingeführt, der sich alsbald zu seiner Melusina begab, worauf der

Bischoff hereintrat, um sie beide einzusegnen. Er erstaunte über die

Trefflichkeit des schönen Gemachs und sagte: Ihr habt da gar herrliche

Schildereien, edler Herr, es ist ein wahres Wunder für die Augen. Als er

dieses gesagt hatte, segnete er sie ein und betete viele schöne Gebete

über ihnen.

Einige von den ältern Gästen begaben sich nunmehr auch zur Ruhe, die

jungen aber blieben beim Tanzen munter, andre lustwandelten einsam mit

ihrer Geliebten in dem grünen Labyrinth der Büsche, andre Damen und

Ritter versammelten sich in der Nähe des Brautgemachs, um den

Neuvermälten einige süße Lieder zu singen. Eine Stimme begann bei einem

leisen Klang der Instrumente:

Wann die Rosenzeit gekommen,

Spielt um sie die warme Luft,

Ihnen ist die Furcht benommen,

Sie ergießen süßen Duft.

Winde buhlen mit den Rosen,

Willig bricht die Knospe los,

Eilt entgegen süßem Kosen,

Oeffnet lachend ihren Schoos.

Hierauf sang eine andre Stimme:

Zarte Arme zum Umarmen,

Lippen für den süßen Kuß,

Busen daran zu erwarmen,

Leib zum herrlichen Genuß.

Rosen, Lilien, sind verstreuet

Auf den wundersüßen Leib,

Und der Liebe Gunst erfreuet

Bräutigam und junges Weib.

Das Chor der Frauen sang lieblich, indessen die Instrumente ihre Töne

erhoben:

Du bist nun ohne Hülfe eingefangen,

Und mußt dich, Braut, dem stärkern Mann ergeben,

Drum sei zufrieden, unterlaß dein Bangen,

Geküßt gieb Küsse wieder ohne Beben,

Die Zeit des Mädchenstandes ist vergangen,

Du lernst ein liebend und geliebtes Leben,

Drum magst du dich wohl seiner Weisung fügen,

Anfangs besiegt wirst du am Ende siegen.

Das Chor der Männer stimmte an:

Nein, keiner wird den Sieg von beiden haben,

Und beide werden schönen Sieg gewinnen,

Sie theilen ohne Neid die süßen Gaben,

Und jeder reißt des andern Geist von hinnen,

Sie kriegen nun, am Frieden sich zu laben,

Indessen sie auf neue Tücke sinnen,

Doch keiner hat des Friedens Ruh verschworen,

Aus Zwietracht wird die Eintracht hold geboren.

Nun vereinigten sich die verschiedenen Stimmen in einen einzigen Chor

und sangen frohlockend:

Es streift die Liebe durch den Duft der Linden,

Der Glanz der Sterne küßt die Blum' im Stillen,

Sehnsucht und Lieb' des Himmels Räum' erfüllen,

Innbrünst'ger Wunsch seufzt in den nächtgen Winden.

In einen Kuß müßt ihr all' Sinne binden,

In einen durstgen Blick Begier und Willen,

Nun gilts nicht Seel' und Leib mehr zu verhüllen,

Und wundersüße Gaben sollt ihr finden.

Ein süß Erstaunen fesselt Herz und Sinnen.

Die Liebe brennt in Augen, Lippen, Händen,

Die Küsse küssen sich, nicht mehr verschieden.

Ungleiche Waffen? Wer wird da gewinnen?

Der Sieg will sich nach keiner Seite wenden,

Sie sind im Kämpfen einger als im Frieden. --

Dergleichen Lieder wurden noch mehr gesungen. Melusina lag indessen beim

Reymund und sagte zu ihm mit lieblicher Stimme: ich bin nun ganz die

deinige, mein herzliebster Gemal und Freund, und muß mich in allen

Dingen deinem Willen fügen, nur mußt du deinen Schwur, den du mir

gethan, niemals brechen, sonst kommst du von Glück in Unglück, von Ehre

in Elend. Reymund bestätigte ihr seine Treue noch einmal, worauf sie in

dieser Nacht von ihm mit einem Sohne schwanger wurde, den sie nachher

_Uriens_ nannten.

Diese Hochzeit währte mit allen ihren Festlichkeiten zwei Wochen

hindurch, nach welcher Zeit Melusina aus einem helfenbeinernen Schranke

eine Menge kostbarer Kleinodien nahm und jedem der anwesenden Gäste ein

herrliches Stück verehrte, vorzüglich aber dem Grafen und seiner Frau

Mutter, auch die Dienerschaft wurde mit Geschenken bedacht, worauf sich

denn alle Gäste wieder unter vielen Danksagungen entfernten. Auch der

Graf Bertram und die Seinigen nahmen freundlichen Abschied, welche

Reymund mit vielen von seinen Leuten zu Pferde begleitete. Der Graf

hätte den Reymund gern nach dem Stande der Melusina gefragt, aber er

furchte sich vor ihm, von wegen seiner neulichen Antwort; Reymund dankte

ihnen nochmals für die erwiesene Ehre, beurlaubte sich mit aller

Höflichkeit und ritt zurück.

Zweite Abtheilung.

Reymund kam zurück zur Melusina, küßte sie freundlich und sagte:

Allerliebste Gemalin, womit sollen wir uns nunmehr die Zeit vertreiben?

Melusina antwortete: ich hoffe, Gott wird uns mit allem dem versehn, was

wir nur bedürfen.

Nach einigen Tagen fing Melusina einen großen und prächtigen Bau an,

über welchen sich die ganze Nachbarschaft verwunderte, denn noch niemals

hatte man ein so mächtiges Kastell und in so geringer Zeit aus seinem

Fundamente heraufsteigen sehen. Sie bezahlte die Arbeiter reichlich und

auch gleich baar, wodurch sie alle die Lust zum Baue behielten. In

weniger als einem Jahre stand ein großes und festes Schloß mit seinen

Zinnen, Wällen, Zugbrück und sehr tiefen Gräben da, welches nach seiner

Festigkeit fast für unüberwindlich gehalten wurde, und welches sie

_Lusinia_ nannte, wodurch sie gleichsam auf ihren eignen Namen

anspielend deutete.

Nach neun Monaten gebar Melusina einen Sohn, der _Uriens_ genannt wurde,

und der sonst wohlgestaltet war, nur befand sich sein Angesicht seltsam

eingerichtet, denn dieses war kurz und breit, mit einem rothen und einem

grünen Auge, einem sehr weiten Mund, und hatte darneben noch große

herabhangende Ohren: sonsten war seine übrige Gestalt adelich und fein

und er wuchs nachher zu einem schönen und tapfern Ritter auf.

Im folgenden Jahre gebar Melusina wieder einen Sohn, der _Gedes_ getauft

wurde; dieser hatte eine solche Röthe in seinem Antlitze, daß sie

ordentlich einen Widerschein gab, sonst war er übrigens von edler

Bildung. Hierauf wurde von der Melusina ein anderes Schloß, Favent,

gebaut, hernach legte sie der Mutter Gottes zu Ehren ein Kloster aus

Andacht an, welches sie Malliers nannte; zuletzt aber baute sie eine

ganze Stadt, Portenach.

Darauf gebar sie wieder einen Sohn, der war zwar schön, doch stand ihm

das eine Auge höher als das andre, und wurde _Gyot_ genannt. Worauf sie

wieder ein Schloß bauen ließ, mit einer sehr schönen und kunstreichen

Brücke über den Strom allda. Dann brachte sie wieder einen Sohn zur

Welt, der _Antoni_ geheißen wurde und der eine Löwenklaue auf dem Backen

mit auf die Welt brachte, auch war er sehr wild und ganz rauch von

Haaren, und als er größer wurde, mußte sich jedermann vor ihm fürchten,

welcher ihn sah.

Dann gebar sie wieder einen Sohn, den _Reinhardt_, der nur ein Auge

mitten auf der Stirne hatte, damit aber so viel sah, wie andre mit

zweien und nachher sehr brav und tapfer wurde. Nicht lange gebar sie

wieder einen andern Sohn, den _Geoffroy_; dieser kam mit einem großen

Zahn zur Welt, der ihm fast wie ein Eberzahn aus dem Munde heraus stand,

dieser wurde nachher ein sehr tapfrer Ritter, hatte aber einen mehr

wunderlichen Sinn, als alle seine Brüder zusammen genommen. Reymund

sagte bei dieser Gelegenheit zu seiner liebsten Gemalin: werthe Frau,

was bringst du mir doch für seltsame Kinder zur Welt? soll denn kein

einziger ohne einen Makel erfunden werden? Sonderlich betrübt mich

dieser Geoffroy mit dem Zahn, denn er erinnert mich an mein ehemaliges

Unglück mit meinem Herrn Vetter und an das Schwein; ich fürchte immer,

daß uns durch diesen Sohn irgend ein Leid zustoßen wird. Melusina

antwortete: wir wollen ihn in der Furcht des Herrn erziehn und er wird

ein wackrer Ritter werden.

Darnach gebar sie wieder einen Sohn, den _Freymund_, der von schöner

Leibesgestalt war, aber auf der Nase einen haarigen Fleck, fast wie ein

Stück Wolfshaut, hatte. Nicht lange, so bekam sie noch einen Sohn,

_Horribel_, derselbe hatte drei Augen und war von bösen Sitten und argem

Gemüth. Dann kam der _Dietrich_ zur Welt, der ein großer Ritter wurde,

und zuletzt ein Sohn, den sie _Reymund_ nannten.

So hatte Melusina nun zehn Söhne, als:

1) _Uriens_, mit schlechtem Antlitz, einem rothen Auge und langen

Ohren.

2) _Gedes_, mit der Röthe im Angesicht.

3) _Gyot_, ein Auge höher als das andre.

4) _Antoni_, eine Löwenklaue auf der Wange.

5) _Reinhardt_, nur ein Auge auf der Stirn.

6) _Geoffroy_, mit dem Zahn.

7) _Freymund_ mit der Wolfshaut auf der Nasen.

8) _Horribel_, der drei Augen hat.

9) _Dietrich_, ohne Fehl.

10) _Reymund_, ohne Fehl.

Als der älteste Sohn _Uriens_, der mit dem schlechten Antlitz und langen

Ohren, zu seinen erwachsenen Jahren gekommen war, begehrte er ein

berühmter Ritter und Kriegsmann zu werden und sein Glück in der weiten

Welt zu versuchen. Da ihm nun sein Sinn darnach stand, so rüstete er ein

Schiff aus, welches er eine Galeere nannte, nahm viel Volks mit, von

seinen Eltern Abschied, und ihn begleitete sein jüngerer Bruder Gyot,

dem ein Auge höher, als das andere stand. So begaben sie sich auf das

hohe Meer, und versahen sich auch mit Gold und Silber, von dem Segen

Reymunds, wie der Melusina begleitet.

Sie richteten ihre Seefahrt nach Famagusta, der Hauptstadt des

Königreichs Cypern, wo sie Anker warfen und an das Land stiegen. Hier

vernahmen sie, daß ein heidnischer König diese Stadt mit einer großen

Menge Volks belagert hielt und den christlichen König von Cypern hart

bedrängte, worauf sie sich vornahmen, diesem beizustehn. Schlugen also

ihr Lager im Angesicht der Feinde in der Nähe der Stadt auf, und

erwarteten eine günstige Gelegenheit, ihre Tapferkeit zu zeigen; die

Heiden aber waren ungewiß, ob sie dieses fremde Volk für Heiden oder für

Christen halten sollten. Der Heide zog daher aus Vorsichtigkeit sein

Volk zusammen, ob er etwa überfallen werden möchte, worauf der König von

Cypern, der dieses aus der Stadt wahrnahm, meinte, jener wolle sich zur

Flucht bereit machen, daher er die Thore aufmachen, Fahnen vortragen und

die Trompeten fröhlich blasen ließ, indem er mit aller Macht in das

heidnische Lager einbrach. Die Heiden aber wehrten sich tapferlich, und

brachten viele der Christen um, der König von Cypern selbst wurde von

einem vergifteten Pfeile getroffen, so daß er augenblicklich spürte, die

Wunde würde tödtlich sein. So mußten sie sich alle mit großem Verlust in

die Stadt zurück begeben.

Der König hatte eine schöne Tochter, Hermina genannt, welche heftig

erschrak, als sie ihren Herrn Vater auf diese Weise zurück kommen sah,

von dem vergifteten Pfeile verwundet, besonders, da sie hörte, daß er

von dieser Wunde nicht wieder aufkommen könne; sie klagte und weinte,

aber ihrem von dem vergifteten Pfeil getroffenen Vater war damit nicht

geholfen, sondern seine Leiden wurden dadurch nur vergrößert.

Indessen der König auf dem Kranken- und Sterbelager klagte, griff Uriens

nebst seinem Bruder die Heiden mit solcher Tapferkeit an, daß sie bald

erschraken und nicht wußten, wie ihnen geschah, so daß sie sich

genöthigt sahen, zurück zu weichen, weil ihnen eine solche Tapferkeit

bis dahin noch nicht vorgekommen war. Uriens aber that noch mehr, er

drang bis zu dem Heidenkönig hindurch, schwang sein Schwert, und hieb

ihm ohne weiteres den Kopf herunter, so daß der übrige Leib ebenfalls

gezwungen wurde, aus dem Sattel zu fallen. Wie die Heiden dergleichen

Beginnen wahrnahmen, verloren sie vollends gar den Muth und suchten ihr

Heil in einer unordentlichen und übereilten Flucht; damit war ihnen aber

wenig geholfen, denn nun schlugen die Christen dermaßen unter sie, daß

die meisten auf dem Platze blieben und nur die wenigsten mit dem Leben

davon kamen. Nachdem so der Streit geendigt war, ruhte Uriens mit seinem

Bruder Gyot im Lager der Feinde von dem vielen Fechten aus, denn die

Helden waren von dem Erschlagen der Heiden müde geworden.

Als der König diese Thaten und die Niederlage seiner Feinde vernahm,

freute er sich, ob er gleich dem Tode so nahe war, schickte also seine

Abgeordneten nach den beiden Brüdern, die um Entschuldigung bitten

mußten, daß er nicht selber komme, um ihnen seine persönliche Aufwartung

zu machen, er liege aber an einer Wunde von einem vergifteten Pfeile

dermaßen darnieder, daß es ihm unmöglich falle; sie möchten daher von

der Güte sein, ihn in seinem königlichen Pallaste zu besuchen, bevor er

gar gestorben wäre. Die beiden Brüder antworteten: daß sie ihre

Schuldigkeit nicht unterlassen würden, vor der hohen Gegenwart seiner

königlichen Majestät zu erscheinen, worauf sich die Abgeordneten zurück

begaben, und Uriens sich mit seinem Bruder Gyot alsbald in die Stadt

Famagusta verfügte. Als sie in die Stadt anlangten, verwunderte sich das

Cyperische Volk sehr über das seltsame Aussehn des Uriens und daß er,

ohnerachtet seines Angesichtes, solche Wunder der Tapferkeit zu

verrichten im Stande sei: er merkte, daß sie über ihn erstaunten und

begab sich in den Pallast des Königs, wo er diesen übel zugerichtet und

von dem vergifteten Pfeile am ganzen Leibe geschwollen im Bette liegend

antraf. Er grüßte den König und beklagte ihn wegen seines Unfalls,

worauf ihm der König dankte und sagte, daß ihm die ganze Christenheit

Preis, Lob und Verbindlichkeit schuldig sei, indem er auf solche Weise

unter die Heiden gewüthet, daß sie es auf lange empfinden würden.

Zugleich fragte der König, von wannen sie beiden gebürtig wären? Uriens

sagte, wie er Uriens heiße und in Lusinien geboren sei. Worauf der König

wieder antwortete: da ich nun meines tapfern Herrn Namen und Geschlecht

so umständlich weiß, so will ich nicht länger eine Bitte zurück halten,

die ich vorzutragen habe: ich bin nämlich des Willens, Euch, mein edler

Ritter, ein großes Glück, viel Ehre und Reichthum zuzufügen; ich habe

nur eine einzige Tochter, Hermina genannt, an welche mein Reich, so wie

mein ganzes Vermögen fällt, wenn ich, will's Gott bald, an meiner vom

vergifteten Pfeil empfangenen Wunde gestorben sein werde, dabei wünschte

ich, mein Reich in den Händen eines tapfern Ritters zu wissen, weil es

dem Heidenthum so nahe liegt, daß es durch dieses täglich beschädigt

werden kann; ich weiß keinen bessern Ritter als Ihr seid, darum bin ich

gesonnen, Euch mein Reich so wie meine Tochter zu übergeben.

Uriens bedankte sich höflich, sagte: er wäre es zwar durchaus nicht

würdig, wolle sich aber nicht weigern, die königlichen Befehle zu

vollführen. Ueber diese Antwort war der König sehr froh und zufrieden,

er ließ alsbald seine Tochter zu sich kommen und auch die Räthe seines

Reichs vor sich versammeln, zu welchen er sprach: Ihr wißt, wie ich

bisher mein Reich mit bewaffneter Hand gegen die Heiden beschirmt habe,

doch dieses kann von nun an nicht mehr geschehn, indem ich durch einen

vergifteten Pfeil auf den Tod verwundet bin, ich verlange also von Euch,

daß Ihr meine Tochter Hermina als Eure Oberherrschaft in meiner

Gegenwart, bevor ich sterbe, anerkennt, denn sie ist meine einzige und

rechtmäßige Erbin. Die Räthe und Landesherren thaten, was er begehrte,

worauf der sterbende König also fortfuhr: ein Weib aber kann unmöglich

durch ihre eigene Kraft ein Königreich beschützen, welches eine so

gefährliche Lage hat, indem es fast zu nahe an das wilde Heidenthum

gränzt, ich verlange daher, daß meine einzige Tochter Hermina sich mit

einem Ehegemal verbinde und da wüßte ich keinen tapfrern, und bessern,

wenn ihm gleich die Schönheit des Angesichts abgeht, als den

unvergleichlichen Ritter Uriens aus Lusinien, der die Heiden so

trefflich bezwungen, ja ihrem Könige das Haupt heruntergeschlagen hat,

ob ich gleich diese Freude nicht lange genießen werde, da ich auch durch

einen vergifteten Pfeil auf den Tod verwundet: Ich verlange also meine

Tochter Hermina, daß Du diesem Ritter als Deinem Gemale die Hand

reichest, und daß alle meine Räthe und Landesherren ihm als ihrem

zukünftigen Könige huldigen sollen.

Die Landesherren thaten solches sehr gern, auch gab Hermina dem Uriens

freiwillig ihre schöne Hand, worüber dieser im Herzen ungemein erfreut

war. Das Volk in Cypern, als es diese Neuigkeit erfuhr, war sehr froh

und vergnügt, denn Uriens gefiel ihnen allen, sie folgten ihm daher alle

in die Hauptkirche, wo er mit seiner Braut Hermina vermält wurde.

Zugleich ließ sich der verwundete König das heilige Sakrament geben,

worauf er selig verschied, so daß die Hochzeit ohne Tanz und Saitenspiel

gefeiert werden mußte; doch wurde der verstorbene König herrlich und mit

aller Pracht in seinem Begräbnisse beigesetzt. Dann wurde Uriens zum

Könige gekrönt.

Um diese nämliche Zeit fügte es sich auch, daß der König von Armenien

sterben mußte, welcher ein naher Verwandter des Königs von Cypern war.

Er hinterließ eine einzige sehr schöne Prinzessin, welche den Namen

Florie führte; die hinterlassenen Räthe beschlossen, diese mit dem

tapfern Gyot, dem Bruder des Uriens, zu vermälen, worein die Prinzessin

selber auch gern einwilligte. Als es so weit gekommen war, schickte man

eine Abgesandtschaft zum Könige Uriens von Cypern, die ihn ersuchen

mußte, dem Reiche Armenien seinen Bruder Gyot als einen Herrscher zu

überschicken, welches dieser auch sehr gern that, weil er dem Glücke

seines Bruders nicht im Wege sein wollte. Worauf Gyot nach Armenien

ging, sich mit der Prinzessin Florie verheirathete und zum König gekrönt

wurde.

Beide Brüder unterließen es nach diesen glücklichen Vorfällen nicht,

Boten mit Briefen zu ihren Eltern nach Lusinien zu schicken, wodurch

diese alles erfuhren, was ihren lieben Söhnen begegnet war und sich von

Herzen freuten, so daß auch Melusina, um sich gegen Gott dankbar und

gefällig zu bezeigen, eine neue Kirche stiftete, nachdem sie schon viele

andre gebaut hatte. Um die Zeit verheiratheten sie auch ihren Sohn

Gedes, den mit der hohen Röthe im Angesichte, mit einer vornehmen Gräfin

aus dem dortigen Lande.

Es währte nicht lange, so nahm auch _Reinhardt_, der nur ein Auge hatte,

von seinen Eltern Abschied, um sein Glück in der Welt zu versuchen. Ihn

begleitete _Antoni_, der zum Zeichen eine Löwenklaue auf der Wange trug;

sie nahmen ebenfalls viel Volks mit sich. Diese tapfern Ritter gelangten

auf ihrem Zuge nach Lützelburg, welches damals eben der König von Elsaß

mit einer ansehnlichen Armee belagert hielt und schon im Begriff stand,

die Stadt gar zu gewinnen. Dieser König hielt die Stadt aus bloßem

Muthwillen belagert, denn er wollte durchaus die Herzogin von

Lützelburg, die in der Stadt regierte, zu seiner Gemalin haben, sie aber

war nicht dieser Meinung und deshalb suchte er ihre Stadt zu erobern, um

sie selber dadurch zu gewinnen. So war also diese Prinzessin eine arme

verlassene Waise und in größter Bedrängniß, welches die beiden Brüder

von Lusinien nicht sobald gehört hatten, als sie, von Mitleid ergriffen,

den Entschluß faßten, dieser unglückseligen Prinzessin mit ihrer ganzen

Macht beizustehn. Sie wickelten also die Fahnen auf, stellten ihre

Völker in eine gute Schlachtordnung, und griffen nun mit der Loosung

Lusinien die Elsasser so beherzt an, daß viele von diesen in die Pfanne

gehauen wurden. Antonius kam im Treffen mit dem Könige von Elsaß in ein

einzeln Gefecht, worauf dieser entwaffnet wurde, und sich der König dem

Antonius gefangen geben mußte. Reinhardt that hierauf noch dem übrigen

Volke großen Schaden, so daß die Brüder eine herrliche und glänzende

Schlacht gewonnen hatten.

Die Brüder ließen hierauf den gefangenen König durch sechs von ihren

Rittern der Prinzessin von Lützelburg überantworten, welche sich über

ein solches Präsent höchlich erfreute und dem Himmel, so wie den beiden

tapfern Helden den besten Dank abstattete; sie erkundigte sich auch nach

den Namen, Herkommen und Geschlechte der beiden Brüder und war sehr

zufrieden, als sie solches alles erfahren hatte, denn sie faßte nun den

Entschluß, in ihren Staatsgeschäften nichts ohne Mitwissen und

Beistimmung der beiden Herren zu thun oder zu unternehmen. Sie ließ

hierauf diese beiden tapfern Ritter nebst den vornehmsten aus ihrem

Gefolge zu sich in die Stadt bitten, welche sich auch sogleich fertig

machten, ihr in Lützelburg aufzuwarten. In der Stadt empfing sie das

Volk in schöner Fröhlichkeit mit auserlesener Musik und trefflichem

Klang von Instrumenten, Jubelgeschrei und dergleichen, weil sie durch

die Brüder von dem Elsassischen Könige erlöst waren, der ihnen viel zu

schaffen gemacht hatte. Zwei vornehme Landesherren aus Lützelburg

erschienen hierauf und führten die beiden Herren auf das Schloß, wo die

Fürstin ihnen mit den schönsten Damen, Fräulein, Pagen und Gefolge

höflich entgegen kam und ihnen in den wohlgesetztesten Redensarten ihren

Dank abstattete, außerdem aber eine prächtige und überaus köstliche

Mahlzeit zurichten ließ, so daß nicht genug zu sagen ist, wie vergnügt

die beiden Brüder waren.

Am Tische wurde der gefangene König von Elsaß oben an gesetzt, dann

folgten die beiden Herren Antonius und Reinhardt, dann die vornehmsten

Landesherren und die übrigen Gäste nach ihren Würden, den Brüdern aus

Lusinien gegen über saß die schöne Fürstin, und so war man beim Essen

und Trinken ausnehmend vergnügt, ausgenommen der gefangene König, der

den großen Verlust seiner Leute und seiner Reichthümer nicht

verschmerzen konnte.

Nach dem Essen wurde gebetet und darauf fing der gefangene König zu den

Brüdern an: tapfre Ritter, bitte, mir nunmehr zu sagen, um welche

Ranzion ich der Gefangenschaft entledigt sein soll, die ich gern

entrichten will, um meine Freiheit nur wieder zu gewinnen. Antonius

antwortete: Ew. Königliche Majestät ist nicht unser Gefangener,

dieselben sind der Fürstin Durchlauchtigkeit von Lützelburg als ein

Präsent übermacht, so daß wir nicht mehr über Euch schalten können,

sondern Ihr gänzlich in die Willkühr dieser hohen Fürstin gestellt seid.

Darüber erschrak der König über die maßen, denn er wußte, daß er durch

sein Betragen die höchste Ungnade der Fürstin verdient hatte, fürchtete

also gar, als ein gottloser Mann und unverschämter Liebhaber sein Leben

zu verlieren. Da die Fürstin seine Verlegenheit sah, wandte sie sich

wieder zu den beiden Brüdern, und sagte, daß die Ranzion des Königs

gänzlich in ihrem Belieben stehe; sie hätten ihn gefangen, möchten daher

auch seinen Preis bestimmen, gebe ihnen also hiemit ihr Präsent wieder

zurücke. Worauf die Grafen antworteten: sie wollten ihn aller Ranzion

entledigen, er solle fußfällig die Fürstin um Verzeihung bitten,

versprechen, ihr nie in Zukunft mehr zur Last zu fallen, und allen ihrem

Lande zugefügten Schaden zu ersetzen. Wie das der König hörte, wurde er

froh und that sogleich freiwillig alles, was von ihm verlangt wurde.

Als dies geschehn und in Richtigkeit gebracht war, überlegte der König

von Elsaß bei sich selber, wie fromm die beiden Brüder aus Lusinien

wären, und wie edelmüthig sie sich gegen ihn bezeigt hätten, erinnerte

sich auch, wie nach dem Boethius Undankbarkeit eins der größten Laster

sei, nahm sich daher in seinem Gemüthe vor, nicht für undankbar zu

gelten und sagte daher öffentlich im Beisein aller Landesherren: Wollte

Gott, daß diese beiden Brüder die Stützen und Anführer des Fürstenthums

wären, so würde weder ich noch ein andrer Feind jemals sich unterstehn,

dieses Land feindlich zu überziehn; wenn ich rathen sollte, so möchte

die durchlauchtige Prinzessin einem von diesen tapfern Brüdern ihre Hand

und ihre Liebe reichen. Als die Landesherren dies hörten, freuten sie

sich und waren derselben Meinung, redeten auch der Fürstin von Herzen

zu, solches auszurichten, sie aber antwortete, daß sie dergleichen

Vorschläge erst überlegen müsse.

In der Nacht erwägte die Fürstin alles bei sich, was sich zugetragen

hatte, und da sie genau auf ihre Gedanken achtete, merkte sie, daß sie

eine sonderliche Neigung zum Grafen Antonius in sich habe, dieses

offenbarte sie auch am folgenden Tage und Antonius gab ihr seine Liebe

zu erkennen, die er gleich im ersten Augenblicke zu ihr gefaßt hatte; so

wurden sie dann einig und nach weniger Zeit mit einander getraut. Die

Hochzeit währte unter vielen Ergötzlichkeiten eine ganze Woche hindurch

und that sich beim Stechen der König von Elsaß ganz besonders hervor.

Als die Hochzeit vorüber und man eben unter vielen Danksagungen von

einander scheiden wollte, erschien am Hofe ein schnellreitender Bote,

der sogleich nach dem Könige von Elsaß fragte. Als dieser sich gemeldet,

empfing er von dem Boten Briefe, über deren Inhalt er sehr erschrak und

schmerzlich seufzte, worauf sich Antonius erkundigte, was in den Briefen

enthalten sei. Der König sagte: ach Gott! mein Herr Antonius, mein

Bruder, der König von Böhmen, schreibt mir hier, daß ihn der Türkische

Kaiser mit einer gewaltigen Macht in seiner Hauptstadt Prag belagert

halte, und daß er sich keiner Hülfe oder Entsatzes zu versehn habe, drum

wende er sich in seiner Bedrängniß an mich und beschwöre mich bei meiner

brüderlichen Liebe, zu seinem Beistande herzu zu eilen, denn sonst sei

es gewiß um ihn, wie um sein Reich geschehn. Und nunmehr, fuhr der König

von Elsaß fort, ist es meine eigne Schuld, daß fast alle mein Volk durch

Euch, tapfre Fürsten, in die Pfanne gehauen ist, so weiß ich nun in der

Eile meinem Bruder nicht sonderlich zu helfen.

Graf Antonius antwortete hierauf: Ew. Königliche Majestät kann sich

versichert halten, daß die Türken aus dem Lande Eures Herrn Bruders

herausgeschlagen werden sollen, denn mein Bruder Reinhardt soll mit Euch

ziehn, mit der ganzen Macht, die wir aus Lusinien mit uns genommen; dazu

will ich ihm noch Hülfsvölker aus meinem neuerworbenen Reiche geben, so

daß es Euch beiden mit Gottes Hülfe gelingen soll, den König von Böhmen

von seinen Feinden zu befreien. Sollte dieses aber noch nicht

hinreichend sein, so laßt es mich nur durch einen schnellen Boten

wissen, und alsbald will ich Euch selbst mit einer neuen Macht zu Hülfe

ziehn.

Hierauf dankte der König mit sehr freundlichen Worten, und sagte: Sollte

es uns gelingen, wie ich denn nicht zweifle, den Türken zu besiegen, so

hat mein Bruder, der König von Böhmen, eine einzige Tochter, die er ohne

meinen Rath und meine Einwilligung nicht verheirathet; diese verspreche

ich hiemit, sie dem Grafen Reinhardt, Eurem Bruder, zu einer ehlichen

Gemalin zu geben, wodurch er dereinst nach meines Bruders Tode König von

Böhmen wird, da mein Bruder kein andres Kind hat.

Beide Grafen dankten hierauf dem Könige für seinen guten Willen, und

Antonius war sehr vergnügt darüber, daß sein Bruder Reinhardt eine

Aussicht auf ein Königreich hatte, welches er ihm von Herzen gerne

gönnte. Er beschloß daher, um die Sache noch gewisser zu machen,

sogleich mit seinem Bruder und dem Könige nach Böhmen dem Türken

entgegen zu ziehen. Es wurde hierauf von ihnen eine große Macht zusammen

gebracht und sie zogen damit durch Deutschland bis vor die Stadt Prag,

welche der Türke eng belagert hielt.

Es war gerade an dem, daß der König von Böhmen einen kühnen und tapfern

Ausfall gegen die Ungläubigen that, um sie von der Stadt abzutreiben, da

wurde von beiden Seiten sehr tapfer gefochten, viele Heiden, aber auch

viele Christen erschlagen und endlich mußten die Christen der türkischen

Uebermacht weichen. Ja, was noch schlimmer war, der König von Böhmen,

der sich sehr tapfer hielt und ungern den Rückzug anstellte, wurde mit

einem Pfeile dergestalt durch den Leib geschossen, daß er sogleich todt

zur Erden niederfiel. Wie die Böhmen ihren König gefallen sahn, wurden

sie völlig sieglos und die Türken triumphirten, die Böhmen zogen sich in

die Stadt zurück und die Ungläubigen blieben Meister vom Felde, worauf

sie der Stadt Prag noch härter mit Belagern zusetzten.

Die heidnischen Türken nahmen hierauf in ihrem Uebermuthe den Leichnam

des Königs von Böhmen, legten ihn vor den Augen der böhmischen

Landesherren, die auf der Mauer standen, auf einen Scheiterhaufen und

brannten ihn zu Pulver, welches jene nicht ohne Thränen ansehn, aber

dennoch nicht verhindern konnten. Am meisten aber war die königliche

Prinzessin Eglantina betrübt, als sie diese kläglichen Neuigkeiten

vernommen hatte; sie rang die Hände, seufzte und sprach: ach! was soll

ich arme, Vater- und Mutterlose Waisin doch wohl anfangen? Meine Mutter

ist gestorben, so haben mir die Türken meinen Herrn Vater gar zu Pulver

verbrannt, verderben mir Land und Leute, nehmen mein Königreich weg, und

ich muß am Ende noch, ich Unglückseligste, den christlichen Glauben

verläugnen und zum Heidenthume übergehn, um nur beim Leben zu bleiben,

vielleicht muß ich gar einen Sohn oder Anverwandten des türkischen

Kaisers heirathen, um nur bei Ehren zu bleiben.

Dergleichen Klagen verführte die Prinzessin Eglantina sehr viele und

häufige, und es kam beinah so weit, daß sie sich in die Verzweiflung

ergab, als ein Bote kam, der ihr zu ihrer größten Freude die Nachricht

überbrachte: daß sich der König von Elsaß mit zwei Brüdern aus Lusinien

in Frankreich und einem großen Heere der Stadt nahe, um sie zu

entsetzen. Da dankte sie Gott von Herzen und hörte wieder auf den Trost,

den ihr ihre Freunde zusprachen, brachte auch ihre Kleider und Haare

wieder in Ordnung, die sie zuvor zerrissen hatte.

Die Türken waren eben dabei, im Sturm die Stadt gar zu ersteigen, als

sie die Nachricht durch einen andern Boten erhielten, ein großes

christliches Heer sei im Anzuge; darauf verwunderten sie sich, ließen

vom Stürmen ab, beriefen die Trompeter zur Schlacht zu blasen, stellten

sich in Ordnung, und wehrten sich gegen den tapfern Angriff der

christlichen Heerschaaren. Das Treffen war sehr blutig, doch behielt

endlich die gerechte Sache die Oberhand, sonderlich durch das

großmüthige Betragen der beiden Brüder Antonius und Reinhardt, die

unglaublich viel heidnisches Volk mit eignen Händen todtschlugen. Der

türkische Kaiser wurde wüthend, da er seine Armee verlieren sah, und

brachte wieder viele der Christen um, doch ersah ihn endlich Graf

Reinhardt, stürzte sich auf ihn und hieb ihm nach einem kurzen Kampfe

und einiger Verwundung seinen Kopf völlig herunter. Als das die Türken

wahrnahmen, wurden sie ganz sieglos und begaben sich auf die Flucht; so

behielten die christlichen Fahnen das Feld, und der König von Elsaß ließ

hierauf auch einen großen Scheiterhaufen errichten, den türkischen

Kaiser sammt allen getödteten Ungläubigen darauf legen und sie zur

Wiedervergeltung ebenfalls zu Pulver verbrennen.

Der König von Elsaß zog hierauf in die Stadt Prag, wo ihm die Prinzessin

traurig und weinend entgegen kam; der König aber tröstete sie und sagte:

gieb Dich nur zufrieden, liebste Muhme, das Geschehene ist nicht mehr zu

ändern, Dein Vater ist zwar mit Tode abgegangen und Dein Land ist Dir

von den Feinden einigermaaßen verderbt worden, indessen haben wir doch

auch durch Gottes Gnade unsre Rache erhalten, denn ich habe den

türkischen Kaiser und die Seinigen wieder zu Pulver brennen lassen. Die

Prinzessin antwortete: somit habe ich doch immer meinen Herrn Vater

verloren, und um ihn muß ich klagen und trauern. Das geziemt sich, sagte

der König, indessen ist es auch vernünftig, Trost anzunehmen, war er

doch mein Bruder und ich muß mich darin finden, so magst Du es denn auch

thun, wir wollen ihm ein ehrliches und schönes Begräbniß zurichten, mehr

kann er nicht verlangen.

Bei dem Begräbniß beschaute das Volk von Böhmen die beiden Brüder aus

Lusinien, und es dünkte ihnen wunderbar, daß der Graf Antonius eine

Löwenklaue auf der Wange und der Reinhardt nur ein Auge habe, doch

gefielen sie den Leuten sehr wegen ihres edlen Anstandes und weil sie

wußten, daß diese Brüder sie meistentheils von den Türken erlöst hatten.

Nach dem Begräbnisse versammelte der König von Elsaß alle Landesherren

des böhmischen Reichs und stellte ihnen vor, wie sie nunmehr ihren guten

König verloren, so daß sie sogar sein Leichenbegängniß ohne Leiche

hätten feiern müssen, das Königreich sei nun an die Prinzessin

Eglantina, seine Tochter, gefallen, aber ein Weib sei zu schwach, das

Land auf die gehörige Weise zu beschützen, sie möchten sich daher nach

einem frommen Könige umthun, dem sie alle gern gehorchten, und dem die

Prinzessin ihre Hand und Liebe schenken möchte.

Die Landesherren antworteten, daß sie alles in sein eignes hohes

Belieben stellen wollten, er möchte nach seiner trefflichen Vernunft

alles einrichten und das Reich entweder selber als König in Besitz

nehmen, oder ihnen einen andern tugendhaften Mann vorschlagen, dem sie

dann alle gern dienen wollten. Herauf wandte sich der König gegen die

beiden Brüder aus Lusinien und sagte: nun ist die Zeit gekommen, daß ich

mein Wort halten kann, Euch, tapfrer Reinhardt, zum Könige von Böhmen zu

machen; hier, Ihr Landesherren ist der Fürst, den ich Euch ausgesucht

habe und der Euch gewiß immer gut beschützen wird, denn er hat sich

schon dermalen gut erwiesen, indem er dem türkischen Kaiser den Kopf

herunter gehauen und sein Volk zerstreut und erschlagen hat.

Die Landesherren waren mit der Wahl des Königs vollkommen zufrieden,

worauf sich die beiden Brüder, insonderheit Reinhardt bedankten. Die

Prinzessin war vergnügt, einen so tapfern Helden zum Gemal zu bekommen,

der ihren Herrn Vater so schön gerochen, indem er den heidnischen Kaiser

und die Seinigen zu Pulver verbrannt. Man feierte die Hochzeit prächtig,

aber ohne Tanz und Saitenspiel, weil man noch den gestorbenen König

betrauerte, doch wurde ein großes Thurnier gehalten, wo sich beim

Stechen Reinhardt sonderlich hervorthat, so daß die Böhmen wahrnahmen,

welch einen tapfern und in Waffenübungen geschickten König sie erhalten

hatten. Antonius zog hierauf in sein Herzogthum, zu seiner Gemalin

zurück, und der König von Elsaß begab sich ebenfalls in sein Königreich,

nachdem alle herzlich von einander Abschied genommen hatten.

Indessen war Geoffroy mit dem Zahn auch zu einem starken und mächtigen

Ritter herangewachsen und spürte auch die Lust in sich, große Thaten zu

thun, um seinen Namen berühmt und unsterblich zu machen. Die

Gelegenheit, einigen Ruhm zu erwerben, zeigte sich bald, denn an den

Gränzen des Landes ließ sich ein gewaltiger Riese spüren, der ein

ziemliches Unwesen trieb mit Morden und Rauben, auch Leute Beschädigen

und Plündern, so daß selbst die Schlösser nicht sicher waren, die die

edle Melusina in dortiger Gegend gebaut hatte und sich jedermann vor ihm

furchte. Diesen Riesen beschloß Geoffroy anzugreifen, und auch mit

Gottes Hülfe umzubringen, über welchen Entschluß sich aber sein Herr

Vater Reymund heftig entsetzte und ihn von seinem gefährlichen Vorhaben

abzumahnen suchte, stellte ihm das Beispiel seiner Brüder vor Augen,

welche auch Ruhm gesucht und durch ihre Thaten sogar Könige geworden,

aber doch nie darauf gefallen waren, sich mit Riesen einzulassen. Aber

der Geoffroy bestand auf seinem festen Sinn und sagte: wird dem Riesen

nicht Einhalt gethan, so verübt er immer mehr Schaden an den Ländereien,

und das soll nicht sein. Reiste mithin ab, ohne sich sonderlich an die

Bitten seines Vaters Reymund und die Thränen seiner Mutter Melusina zu

kehren.

Der Freymund mit der Wolfshaut auf der Nasen war nun auch zu seinen

erwachsenen Jahren gekommen, und schien sich fast gänzlich den

Wissenschaften zu ergeben, denn er las sehr viel, trieb auch keine

Waffenübung, wie seine übrigen Brüder von ihrer frühen Jugend gethan

hatten. Es währte nicht lange, so zeigte sich seine Begierde zum

geistlichen Stande, denn er lag seinen Eltern dringend an, ihm zu

erlauben in dem Kloster Malliers, welches die Melusina aus Andacht

gestiftet hatte, ein Mönch zu werden. Als sein Vater Reymund diese Bitte

verstanden hatte, wurde er einigermaßen unwillig und sagte: Freymund,

alle Deine Brüder haben nach Ehren und Würden gestrebt, und sind tapfre

und berühmte Ritter geworden, und ich sollte nun noch unter meinen

Kindern einen Pfaffen haben? Solches will mir gar nicht gefallen; Du

sollst auch nach Tapferkeit und nach Ritterschaft streben.

Nach Ritterschaft will ich nicht streben, antwortete Freymund, auch will

ich Zeit meines Lebens keinen Harnisch an meinem Leibe tragen, oder ein

Pferd besteigen, sondern hier im Kloster Malliers Gott als Mönch dienen.

Sind alle meine Brüder edle und tapfre Herren und verrichten große

Thaten, so ist es auch nicht unrühmlich, wenn sie einen andern Bruder

haben, der für alle betet, da ihnen oft die Zeit dazu in ihren

verwirrten Händeln gebrechen mag. Ich bitte Euch daher um Gottes Willen,

Ihr wollet mir in meinem Verfahren nicht hinderlich, sondern

beförderlich sein, denn mein Sinn ist so darauf gerichtet, daß ich auf

andre Weise keine Ruhe für meine Seele finde.

Da Reymund diese große Begierde seines Sohnes sah, Gott zu dienen, ging

er seinetwegen mit seiner Gemalin Melusina zu Rath, was sie wohl über

ihn beschließen möchten. Diese sagte, daß sie es gänzlich in Reymunds

Wohlgefallen stelle, doch sei es ihr gar nicht zuwider, unter ihren

Kindern auch einen geistlichen Herrn zu haben.

Darauf wandte sich Reymund wieder zu seinem Sohn und sagte: mein

Freymund, ich und Deine Mutter haben es nun überlegt, daß wir Dir in

Deinem gottseligen Vorhaben nicht wollen hinderlich, sondern vielmehr

beförderlich sein, aber überlege Du, daß der Orden in Malliers sehr

strenge ist; ich kann Dich ja leicht zu einem Domherrn machen, so hast

Du es besser, oder ich habe es auch wohl um unsern allerheiligsten

Vater, den Pabst, verdient, daß er Dir ein Bisthum ertheilt, wenn ich

darum bei ihm nachsuche, so hast Du doch mehr Ehre und kein so hartes

und strenges Leben.

Aber Freymund sagte: nein, ich will sonst nichts weiter, als zu Malliers

im strengen Orden ein Mönch werden.

Wie bist Du nur von diesem Gedanken so eingenommen? fragte Reymund.

Freymund sagte: liebster Herr Vater, die Welt mit ihren Händeln ist sehr

verworren, so fürchte ich, wenn ich mich da hinein begebe, gar meine

Seele darüber zu verlieren, denn hinter Ehre und Ruhm, Wohlleben und

Pracht lauert der Satan, wie er den Schwachen überrasche, und ihn von

sich selber abtrünnig mache. Bin ich im Kloster zu Malliers, so bin ich

keiner dergleichen Gefahren ausgesetzt, meine zeitlichen und weltlichen

Sorgen sind mir entnommen, ich kann unaufhörlich an Gott denken, und mir

seine Wunderwerke recht lebendig vorstellen, dabei weiß ich, in diesen

Stunden schläfst du, in diesen issest du, in diesen wird Handarbeit

gethan, oder im Garten gegraben und Blumen und Gemüse auferzogen, so

viele Stunden dienst du Gott, und daß das jeden Tag wiederkommt und

keine Aendrung leidet, daß keine Störung und Irrsaal in diesem schönen

einfachen Lebenslaufe vorfällt, seht, das hat mir so überaus

wohlgefallen, daß ich gar zu gern im Kloster Malliers, im strengen

Orden, Mönch werden möchte.

Reymund sah ein, daß sein Sohn weise war und Recht hatte, darum gab er

seiner Bitte nach, und freudig begab sich Freymund zu den Patribus, und

wurde alsbald Mönch in dem Kloster Malliers, welches seine Mutter

gestiftet hatte, in dem strengen Orden.

Jetzt erhielten auch Reymund und Melusina Nachrichten von ihren Söhnen

Antonius und Reinhardt, wie der eine König von Böhmen, der andre Herzog

zu Lützelburg geworden sei, durch ihre Ritterschaft und ihre kühnen

Thaten: darüber dankten sie Gott sehr und freuten sich über ihr eignes

und ihrer Kinder großes Glück, denn drei von den Söhnen waren zu Königen

gekrönt, der vierte ein Herzog geworden, und der fünfte ganz nahe bei

ihnen im Kloster zu Malliers ein Mönch, um für alle übrigen Gott zu

bitten.

Es fügte sich, daß Reymund an einem Sonnabend wieder die Melusina

vermißte, denn sie pflegte an diesem ganzen Tage nicht zu erscheinen,

doch gedachte er seines Eides, sich nie um sie zu bekümmern und sie

ungestört gewähren zu lassen. Der Vater des Reymund, der alte Graf von

Forst, war damals schon gestorben, und sein ältester Sohn, der jetzt

Graf von Forst genannt wurde, legte einen Besuch bei seinem Bruder

Reymund ab. Reymund ließ dieses Besuches wegen viele und vornehme Gäste

zu sich einladen, die alle dem Reymund ihren ergebensten Respekt

bezeigten; doch als sich Melusina den ganzen Tag nicht zeigte, sagte der

Graf von Forst zu seinem Bruder: Bruder, laß doch Deine Gemalin

erscheinen, damit sich Deine vielen und vornehmen Gäste nicht darüber

verwundern, daß sie so lange außen bleibt. Reymund antwortete: lieber

Bruder, heute kann solches nicht geschehn, aber morgen sollst Du sie zu

sehn bekommen.

Als die Mahlzeit geendigt war, gingen die beiden Brüder beiseit, und der

Graf sagte zu Reymund: lieber Bruder, ich muß Dir ein Ding eröffnen,

welches mir schon seit lange auf dem Herzen liegt. Man sagt allgemein im

ganzen Lande, daß Du mit Deiner Gemalin übel angekommen seist, sie

sagen, Du seist bezaubert, daß sie sich alle Sonnabend abseitiget, und

Du an solchem Tage gar nicht einmal nach ihr fragen darfst; wunderlich

ist es immer, daß Du nicht weißt, was ihr Thun und Lassen sei, als ein

redlicher Bruder seh ich mich gezwungen, Dir zu sagen, daß Du davon

große Schande haben kannst, denn die meisten Leute meinen, sie treibe an

diesen Tagen Hurerei, welches doch gegen deine Ehre liefe, andre sagen

wieder, sie möchte überhaupt wohl ein Gespenst und alles mit ihr nur ein

ungeheures Wesen sein, darum ist es mein demüthiger Rath, Du erkundigst

Dich etwas mehr um ihr wahres Befinden und suchst es zu erforschen,

damit Du nicht Gefahr läufst, für einen Narren gehalten zu werden.

Als Reymund diese Rede verstanden hatte, wurde er vor Zorn ganz bleich

und dermaßen wüthig, daß er sich und seinen Schwur gänzlich vergaß; die

Worte seines Bruders schienen ihm recht und gut, in der größten

Grimmigkeit lief er fort und griff ein Schwert, womit er sich in die

Kammer begab, in die er noch nie gekommen war, weil er sie der Melusina

zu ihrem heimlichen Aufenthalte absonderlich hatte erbauen lassen. Hier

kam er an eine fest verschlossene eiserne Thür und er besann sich nun,

was er thun sollte; es fielen ihm wieder die Worte seines Bruders ein,

daß seine Gemalin in Unehren lebe. Darüber beschloß er, alles selber zu

sehn, und dann, nachdem er es befinden würde, seine Schmach zu rächen.

Er nahm also das Schwert, und bohrte mit der Spitze desselben ein

kleines Loch in der eisernen Thür, wo er hindurch sehn mochte.

Als Reymund nun stand, und durch die Oeffnung schaute, verwunderte er

sich über die maßen, denn er sah Melusina im Bade, wie sie von oben bis

auf den Nabel ein schönes Weib sei, dann aber in den Schweif einer

bunten gesprengten Schlange endigte, der azurblau war und mit

Silberfarben darunter gesprengt, so daß diese Farben wundersam in

einander schimmerten. Das Zimmer war eine tiefe Grotte, die Wände waren

mit allerhand seltsamen Muscheln ausgeziert und ein Springbrunnen, in

welchem sich Melusina befand, war in der Mitten. Von oben ergossen sich

auch Wasserstrahlen und tröpfelten wie Perlen durch einander, bei

welchem wunderbaren Getöse Melusina sang, indem sie eine Zitter in der

Hand hielt:

Rauscht und weint ihr Wasserquellen

In der stillen Einsamkeit,

Die Erlösung ist noch weit,

Meine Thränen mehren eure Wellen.

Ach! wann wirst du, Trauer, enden,

Von mir nehmen meine Schmach?

Immer ist die Strafe wach,

Keiner kann das bös Verhängniß wenden.

Bei diesen Worten vergoß sie einen Strom von Thränen und Reymund war auf

das innigste bewegt und erschüttert. Nun fiel ihm auch bei, wie er

seinen Eid gebrochen und eine Untreue gegen seine tugendvolle Gemalin

begangen habe, dabei konnte er ihre seltsame Verwandlung nicht begreifen

und furchte sich auch, daß nun sein Elend anfangen würde, da er seinen

Schwur nicht gehalten, wie sie ihm vor der Hochzeit prophezeit hatte,

denn er glaubte, daß sie nach ihrer verborgenen Wissenschaft recht gut

um seine Untreue wissen würde. Endlich aber verstopfte er die gemachte

Oeffnung wieder mit Wachs, und ging im höchsten Zorne zu seinem Bruder

zurück. Da dieser ihn also wüthend kommen sah, glaubte er, Reymund habe

die Melusina auf einer Unehre betroffen, und sagte zu ihm; siehe, mein

Bruder, es hat sich also bestätigt, daß Deine Gemalin Dir und ihrer Ehre

ist abtrünnig geworden.

Reymund aber sagte: Du hast mir Unwahrheit vorgebracht und bist mir ein

schädlicher Bruder, Du bist zu einer unglücklichen Stunde in mein Haus

gekommen, denn deinetwegen bin ich nun in Elend gerathen, daß ich meinen

allertheuersten Eid gebrochen habe, darum geh, verweile Dich nicht

länger hier, sonst möchte es Dein Leben kosten, und komme mir auch

niemalen wieder in mein Haus, oder vor mein Angesicht!

Ueber diese unvermuthete Anrede erschrak der Graf, so daß er sich eilig

zu Pferde satzte, und schnell wieder nach Hause ritt; auch die übrigen

Gäste wußten nicht, was sie aus Reymund machen sollten, denn er

geberdete sich, als wenn er ohne Sinnen wäre, weshalb sie sich auch

wieder fort begaben.

Reymund aber war im allergrößten Jammer, er glaubte, daß er seiner

Untreue halber nun seine geliebte Melusina nimmermehr wieder sehn würde,

und daß er sie auf Zeitlebens verloren habe, er schrie und klagte: ach,

du unglückselige Stunde, in welcher ich armer Mann geboren bin, daß ich

nun mein allerliebstes Gut entbehren soll! In seiner großen Betrübniß

zog er seine Kleider aus und legte sich zu Bett, denn er fühlte sich

matt und krank, er beschloß, als ein Einsiedler sein künftiges Leben

zuzubringen, wenn er Melusina verlieren sollte. So trieb er die ganze

Nacht sein Klagen, indem er sich von einer Seite nach der andern

wendete, indem eröffnete Melusina mit einem Schlüssel die Kammer und

trat zu ihm, zog sich nackt aus und legte sich neben ihm in das Bett,

sie fühlte, daß er kalt und krank war, umfing ihn zärtlich mit ihren

Armen und fragte ihn: was fehlt Dir, mein liebster Gemal? Er klagte ihr,

daß ihn ein Fieber überfallen habe, war aber doch froh, daß Melusina

wieder da sei und sich gegen ihn freundlich bezeigte, worauf er auch

wieder von ihren Küssen und liebreichen Umarmungen besser wurde.

Indessen war Geoffroy mit dem Zahn nach dem Lande geritten, wo man ihm

gesagt hatte, daß sich der große Riese aufhielte und seinen Unfug

triebe. Er ritt hin und her und fragte die Leute nach der Wohnung des

Riesen, weil er gekommen sei, ihn umzubringen. Die Leute sagten: das

wolle Gott, Herr Ritter, daß ihr dieses in's Werk setzt, denn er ist ein

ungeschlachter Mann und fügt uns so viel Leides zu, daß es nicht zu

sagen ist; worauf sie ihm auch das Schloß des Bösewichts zeigten.

Geoffroy kam hierauf an einen steilen Berg, auf welchem ein festes

Schloß lag, in welchem der Riese seinen Aufenthalt hatte. Hier stieg

Geoffroy von seinem Rosse ab, legte den Harnisch an, hängte den

stählernen Streitkolben an seinen Sattelbogen, gürtete das Schwert um

sich, nahm die Lanze in seine Hand, hielt seinen schönen mit Gold

ausgezierten Schild vor sich, setzte den Helm auf und stieg wieder zu

Pferde, worauf er gegen das Schloß ritt und den Riesen mit kühner und

lauter Stimme ausfoderte, indem er sprach: wo bist Du nun, Bösewicht,

der mir mein Land verdirbt, und den Meinigen so großen Schaden zufügt?

komm nur schnell heraus, damit ich Dir den Garaus mache. Der Riese war

oben im Schloß und fuhr mit seinem Kopfe heraus, welcher so groß wie ein

Ochsenhaupt war, um zu schauen, wer da sei, der ihn so kühnlich

ausfodre. Er erstaunte, als er nur einen einzigen Mann gewahr wurde, und

däuchte ihm, es sei kaum der Mühe werth, ein Gefecht mit ihm anzufangen;

doch zog er seinen Harnisch an, trat vor das Schloß heraus, und brachte

einen stählernen Schild mit sich, und drei eiserne Stangen, und drei

Hämmer in seinem Busen.

Als der Riese hervor kam, sah Geoffroy, daß er wohl bei funfzehn Schuh

lang war, worüber er sehr erstaunte, aber dennoch den Muth nicht verlor,

sondern jenen mit erschrecklicher Stimme anschrie. Der Riese aber

sprach: Wer, und von wannen bist Du? Worauf Geoffroy ausrief: ich bin

Geoffroy mit dem Zahn, wehre Dich, denn Du sollst allhier Dein Leben

lassen. Der Riese sagte: kleines Kerlein, mich jammert Deiner, geh nach

Hause, Du scheinst mir ein guter junger Mensch, aus dem mit der Zeit

wohl noch etwas werden kann. Gehst Du aber nicht, so schlage ich Dich

mit einem einzigen Streich zu Tode, Geoffroy aber achtete nicht darauf,

sondern schrie immer fort: wehre Dich, Hollunke, wenn Dir Dein Leben

lieb ist! Zugleich ritt er zurück, um Feld zu gewinnen, legte seine

Lanze ein, und rannte mit solcher Gewalt auf den Riesen, daß dieser von

diesem einzigen Stoße zur Erden niederfiel. Die Erde bebte unter dem

gewaltigen Fall des Riesen, aber er stand schnell wieder auf, und war

sehr erbost, daß ihn ein einziger Stoß eines Ritters dermaßen hatte

umwerfen können, er nahm daher seine stählerne Stange und schlug gegen

Geoffroy, der schon das zweite Rennen gegen ihn vornahm, womit er dessen

Pferd traf, und ihm beide Vorderbeine abhieb. Das Pferd fiel zu Boden,

und Geoffroy sprang plötzlich aus dem Sattel, zuckte sein Schwert, lief

den Riesen an, und gab ihm einen so harten Schlag, daß dieser seinen

Schild aus der Hand fallen ließ. Hierauf nahm der Riese die stählerne

Stange und schlug so auf den Geoffroy ein, daß dieser vom Schall des

Schlages ganz betäubt wurde, er erholte sich aber schnell, nahm den

Streitkolben vom Sattelbogen und schlug damit dem Riesen die Stange aus

der Hand. Da ergriff der Riese einen von seinen Hämmern, und schmiß ihn

so mächtig nach Geoffroy, daß dieser den Streitkolben auch mußte fallen

lassen. Der Riese bückte sich nach dem Kolben, aber Geoffroy nahm sein

Schwert wieder zur Hand und hieb damit dem Riesen einen Arm von Leibe

herunter: darüber erschrak der Riese und faßte seine Stange mit der

andern Hand und schlug nach Geoffroy, der aber sprang diesem Schlage

behende aus dem Wege, der Riese fiel wieder auf die Knie und Geoffroy

gab ihm nun einen solchen Hieb auf das Bein, daß er völlig zu Boden

stürzte, entsetzlich schrie und seine heidnischen Götter um Hülfe

anrief. Nun blieb dem tapfern Ritter nichts weiter übrig, als ihm den

Kopf nur völlig herunterzuhauen, welches er auch in aller Schnelligkeit

that, und so über den ungeheuren Mann den Sieg davon getragen hatte.

Geoffroy nahm hierauf das Horn des Riesen und blies so lange darein, bis

sich viele Leute aus den umliegenden Gegenden versammelten, die sich

alle entsetzten, daß er den großen Heiden mit seiner Kraft hatte

umbringen können. Bald breitete sich im ganzen Lande und auch in den

andern Reichen die Nachricht aus, wie Geoffroy den Riesen bezwungen

habe; er aber schickte einen Boten zu seinen Eltern, der auch diesen die

erfreuliche Nachricht bringen mußte.

Weil die Rede von seinem Siege schnell weit herum gekommen war, so

gelangten Boten aus dem entfernten Lande Norhemen an Geoffroy, die ihn

im Namen der dortigen Landesherren demüthig ersuchten, zu ihnen zu

kommen, und ebenfalls einen ungeheuren Riesen umzubringen, von dem sie

so sehr geplagt würden, daß sie sich nicht zu lassen wüßten; wenn er ihn

mit Gottes Hülfe bezwänge, so wollten sie ihn auch gern für ihren

Oberherrn erkennen, und ihm das ganze Land übergeben. Geoffroy

antwortete: er wolle kommen und den Riesen umbringen, nicht aber um Land

und Leute zu gewinnen, sondern er thue dieses nur aus Barmherzigkeit,

und weil er es für seine Pflicht halte, alle Riesen umzubringen, so weit

er sie nur erreichen möchte. So rüstete er sich, um zu Schiffe nach dem

Lande Norhemen zu fahren, voll von hohem Muth und feuriger Begier,

Wittwen und Waisen zu beschützen, allen Unterdrückten beizustehn, und

alle Unglaubigen vom Angesichte der Erde zu vertilgen, so daß alle über

seinen hohen Eifer und treffliche Vorsätze in Verwunderung geriethen.

Dritte Abtheilung.

Als Geoffroy abreisen wollte, kam ein Bote zu ihm mit einem Brief von

seinen Eltern, worin sie ihm meldeten, daß sie gesund wären, auch

Nachrichten von ihren Söhnen hätten, die sehr erfreulich, dabei sei ihr

Sohn Freymund im Kloster Malliers, nahe bei ihnen, ein Mönch geworden,

um Gott für alle zu bitten. Wie Geoffroy las, daß sein Bruder Freymund

ein Mönch geworden sei, ward er so zornig und wüthend, daß er nicht

anders, wie ein wilder Eber schäumte, und alle die zugegen waren, vor

Furcht schwiegen und nicht wußten, was sie sagen sollten. Er rief aus:

die schelmischen und nichtswürdigen Mönche haben meinen Bruder bezaubert

und betrogen, daß er nicht, wie wir alle gethan haben, die Ritterschaft

ergreifen will; muß ich mich mit Riesen herumschlagen, und soll er

indessen ein Mönch werden? Nun warlich, es soll ihnen und dem Abte übel

gerathen, denn ich will sie alle zusammen verderben und verbrennen!

Ueber diese Rede entsetzten sich alle; den Boten aus dem Lande Norhemen

aber befahl er seiner an dieser Stelle zu warten, denn er werde bald

wieder kommen. So ritt er im Grimme fort und kam bald auf seinem Wege

nach dem Kloster Malliers. Wie der Abt und die Mönche ihn kommen sahn,

gingen sie ihm höflich entgegen, um ihn zu begrüßen und ihm Willkommen

zu sagen, aber Geoffroy fuhr sie gleich zornwüthig an und schnaubte

ihnen entgegen: Ihr bösen Mönche, warum habt Ihr meinen Bruder also

verführt, daß er ein Mönch geworden und die Ritterschaft verläugnet hat?

Daran habt Ihr übel gethan und ich will Euch bestrafen, denn Ihr sollt

alle Euer Leben hergeben.

Ueber diese Rede erschraken der Abt und die Mönche; der Abt erwiederte:

wir haben mit nichten Euren Bruder verführt, er ist aus freiem Willen

und aus Andacht in unser Kloster gekommen, hier steht er gegenwärtig und

Ihr könnt ihn selbst darum fragen.

Freymund sagte hierauf: lieber Bruder, ich schwöre Dir, daß mich Niemand

überredet hat, sondern daß ich hierin bloß meinem eigenen Triebe gefolgt

bin, so ist es meine eigne Schuld, daß ich bin ein Mönch geworden, denn

ich tauge nicht zum Ritter, ich habe in mir ein Verlangen zum

gottseligen Leben gespürt, so habe ich denn nichts bessers gewußt, als

mich hieher zu begeben, wo ich für alle und auch für Dich beten will.

Geoffroy aber blieb in seinem Zorn und kein Zureden und Bitten vermochte

etwas über ihn; er stieg von seinem Pferde ab, besetzte das Kloster mit

seinen Leuten, ließ einen großen Haufen Heu, Stroh und Holz auf einen

Platz bringen, zündete dieses gegen den Wind an, und verbrannte so

seinen leiblichen Bruder nebst hundert Mönchen, die alle in die Kirche

geflohen waren.

Als die That vollbracht war, sah Geoffroy ein, daß er Unrecht gethan

hatte; er bereute sie heftig, weil er glaubte, sich an Gott versündigt

zu haben, schalt und fluchte auf sich selber, und verwünschte sich in

den Abgrund der Erden hinein, daß er niemals mehr das Tageslicht

erblicken möchte, doch war es nun zu spät mit seiner Reue und seinem

Wehklagen. Setzte sich deshalb wieder zu Pferde, und ritt nach der

Stelle in größter Eile zurück, wo er den Boten aus dem Lande Norhemen

gelassen hatte, fuhr mit ihm in einem Schiffe ab, der Wind war günstig

und so ging die Fahrt nach dem Lande Norhemen glücklich von Statten.

Reymund und Melusina saßen bei Tische und nahmen eine fröhliche Mahlzeit

in schöner Häuslichkeit und Freundlichkeit zu sich, als ein Bote mit

verwirrten Mienen und thränenden Augen zu ihnen hereintrat, und ihnen

sagte, er habe eine erschreckliche Neuigkeit zu sagen, wolle sie aber

nicht gerne vorbringen. Reymund sagte: er solle sie sagen, denn er habe

sich nun schon in Gottes Namen auf etwas Betrübtes gefaßt gemacht; so

sprach auch Melusina, denn sie wußten noch nicht, was vorgefallen war.

Drauf sagte der Bote: so muß ich Euch nur Meldung thun, daß eins von

Euren Kindern nicht mehr am Leben. So segne ihn der Herr, antwortete

Reymund, doch welcher von meinen Kindern ist es? Der Bote sagte: es ist

Freymund. Reymund war sehr betrübt, doch sprach er weiter: Gott hat ihn

zu sich genommen; doch ist er selig gestorben, sind ihm alle

christlichen Rechte widerfahren? Der Bote antwortete: Nein, er konnte

kein christliches Recht bekommen, denn er ist mit allen andern Mönchen

im Kloster zu Malliers verbrannt worden.

Darüber entsetzte sich Reymund und rief aus: Bote, nimm Dich in Acht,

daß Du keine Lügen vorbringst, denn dergleichen sollte Dir übel gelohnt

werden; wer hat sich unterstehn dürfen, ihn und das Kloster zu

verbrennen?

Der Bote sagte demüthig: gnädiger Herr, es sei ferne von mir, daß ich

mit Lügen umgehn sollte, dergleichen habe ich in meinem ganzen Leben

nicht gethan, und werde nun nicht mit Euch den Anfang machen. Nein,

Geoffroy mit dem Zahn hat in seiner Bosheit das Kloster sammt allen

Mönchen verbrannt, dazu seinen leiblichen Bruder, weil er erzürnt

gewesen, daß er ein Mönch geworden und geglaubt, der Abt und die Mönche

hätten ihn mit List dazu überredet. Hierauf erzählte er den ganzen

Vorgang, was Geoffroy gesprochen und was ihm der Abt erwiedert, und wie

der Geoffroy sich nicht daran gekehrt, sondern in seinem Zorn das ganze

Kloster sammt allen Mönchen verbrannt habe.

Da entsetzte sich Reymund recht in seinem innersten Herzen, wurde auch

voll Grimms und im ganzen Gemüthe bewegt, deshalb stieg er plötzlich zu

Pferde, um selbst nach der Brandstelle des Klosters Malliers

hinzureiten. Unterwegs hörte er von allen Leuten ein großes Klagen über

den Geoffroy, daß er das schöne Kloster also verderbt habe, sammt allen

Mönchen. Er kam selber an den Ort, wo das herrliche Gebäude gestanden

hatte, und sah nun die betrübten rauchenden Trümmern vor sich. Er wurde

hierauf sehr zornig und schwur, daß, wenn er den Geoffroy habhaft werden

könne, er ihn auch eines gewaltsamen Todes wolle sterben lassen. So ritt

er wieder im allerheftigsten Zorne nach seinem Hause zurück.

Er stieg vom Pferde ab, ging in seine Kammer, schloß sich ein, setzte

sich in höchster Betrübniß nieder, seufzte, weinte und klagte:

Ach Gott! so hat Geoffroy im bösen Muthe

Den eignen Bruder Freymund umgebracht,

Der wollte Mönch sein, dienen Gott, der Gute,

Doch starb er bald, und ruht in schwarzer Nacht.

Ich selber habe mich befleckt mit Blute

Und meinen eignen Vetter todt gemacht,

Ich wollte damals nur das Schwein verderben,

Und ließ am eignen Spieß den Vetter sterben.

Drum hat der mit dem Zahne dies verbrochen,

Der wüthete so wie ein wildes Schwein,

Ich hatte erst den Vetter mein erstochen,

Und ein Meerwunder muß meine Gattin sein;

Sie hat mir Reichthum, Ehre, Glück versprochen,

Ich zeugte Söhne, zehne nannt ich mein,

Davon ist mir der liebste nun verbrannt,

Das that des eignen wilden Bruders Hand.

Und wie Geoffroy nun wüthend angefangen,

So wird er auch niemals das Gute thun,

Hätt' ich ihn hier, so müßt' er warlich hangen,

Nie könnt' ich eh, bis er gestorben, ruhn;

Den Bruder morden! frevles Unterfangen!

Nein, strafen muß ich ihn, hin fahr' er nun,

Boshafter wird er stets, gottloser werden,

Am besten man vertilgt ihn von der Erden.

Als Reymund in diesen schweren Klagen war, schloß Melusina mit einem

Schlüssel die Kammerthür auf, und ging mit ihren Rittern, Frauen und

Jungfrauen zu ihm hinein, um ihn zu trösten, worauf sie ihn auf dem

Bette liegend fanden, indem seine Grimmigkeit noch durch den plötzlichen

Anblick seiner Gemalin vermehrt wurde. Melusina trat lieblich auf ihn zu

und sagte: Nicht, Reymund, mußt Du Dich über Dinge also sehr betrüben,

die Du nicht verschuldet, und welche Du nicht mehr ändern kannst,

betrübe Dich, aber sei geduldig in Deinem Gram und empfiehl Gott Dich

und Deinen Schmerz, der wird alles nach seinem Willen vollbringen und er

verlangt vielleicht jetzt, daß wir auf unsre Sünden und schlimmen

Leidenschaften achten und sie ablegen sollen. Unser Sohn Geoffroy hat

gesündigt, aber er wird seine Missethat beweinen und Buße thun, und Gott

wird ihm nach seiner unendlichen Barmherzigkeit vergeben, denn er will

nicht den Tod des Sünders, sondern daß er leben bleibe.

So vernünftig und schön Melusina sprach, so schaute sie Reymund doch mit

boshaften Augen an, war seiner selbst im Zorn nicht mächtig und sagte

laut und vor allen Gegenwärtigen: O Du Schlange und giftiger Wurm,

kömmst Du hieher, mir eine solche Rede zu halten und bist nur ein

liederlicher Fisch? Ja, ich habe gesehn, daß Du ein Meerwunder bist und

kein menschliches Geschöpf, darum müssen die Kinder von Dir Bösewichter

werden, es ist Deine Schlangenart, die in ihnen zum Vorschein kommt,

sieh nur, welchen schönen Anfang der Geoffroy mit dem Zahne gemacht hat!

hat er nicht meinen liebsten Sohn, und den Abt, und dazu alle Mönche

verbrannt?

Während dieser Worte verwandelte Melusina ihre schöne Farbe und wurde

ganz todtenblaß; mit einer Stimme, die allen durch das Herz drang,

sprach sie hierauf: Ach Reymund! wie lässest Du Dich so sehr von der

Unvernunft dahinreißen! welche Worte hast Du gesprochen? Ist mein

Schmerz nicht so groß, wie der Deinige? Mein Leiden nicht dem Deinigen

gleich? O wie hielt ich Dich lieb und werth! wie vertraute ich Dir mein

Heil und meine Wohlfarth! aber Du hast Dein Gelübde gebrochen und so muß

nun auch eintreffen, was ich Dir dazumal vorhergesagt, daß Du mich

verlieren würdest. O Reymund, Deine Wohlfarth, Dein Glück, alle Deine

Freude und Ehre muß leider nun ein Ende nehmen.

Mehr konnte sie nicht sprechen, sondern sie fiel nach diesen Worten

ohnmächtig zur Erde nieder. Die Herren und Diener erschraken sehr und

liefen eilig hinzu, ihr beizustehn, worauf sie auch wieder zu sich kam

und mit höchstkläglicher Stimme sagte:

Ach Gott! ach! Herr! o Reymund! wehe mir!

Die Zeit ist da, ich scheide nun von Dir,

Wie mußt' ich doch von Deinem Werth, Geberden

Also im Herzen mein bezaubert werden?

O weh! mein Leiden sei Gott angesagt!

O weh! es sei dem höchsten Herrn geklagt!

O wehe mir, daß ich beim Bronnen rein und kalt,

Dich fand, mein Reymund dort im grünen Wald!

O weh, daß ich gefühlt nach Dir Verlangen,

Weh mir, daß ich den schönen Leib umfangen!

Der Stunde weh, da ich mein Leib und Leben

In Deine Macht Dir gänzlich übergeben!

Ha Deine Falschheit und Verrätherei,

Dein Unverstand bricht alles nur entzwei,

Dein zornger Grimm, Dein boshaft schlimmer Mund

Richt' mich und Dich, mein Wohlfarth ganz zu Grund,

Ich komme nun in Arbeit, Angst und Noth,

Und kann nicht hoffen, daß der bald'ge Tod

Von meinen Quaalen mich befreien mag,

Sie währen fort bis an den jüngsten Tag.

Gottloser Schalk! untreuer Bösewicht!

So weiß Dein Herz nicht, was Dein Mund verspricht?

Wie hältst Du mir Dein heiliges Versprechen?

Wie magst Du so Dein Wort und Schwören brechen?

Gern wollt' ich Dir, untreuer Mann, verzeihn,

Wenn Du nur noch verschwiegen konntest sein,

Du hattest mich am Bade schon gewahrt,

Es war verziehn, denn keinem offenbart

Als Dir, war noch mein Schmach und großes Leid,

Nun ist es offenbar, nun kommt die Zeit

Der Angst, der Pein, der Quaal und Herzenswehen,

Wo Glück, Lieb, Heil und Wohlfarth muß vergehen.

Hätt'st Du den Eid gehalten treu und wahr,

So blieb ich bei Dir, Reymund, immerdar,

Bis endlich uns der bittre Tod geschieden,

In Erde ruhte dann mein Leib im Frieden,

Die Seele wär' aus Leid im Freud gekommen,

Aus Fegefeur in Himmelslicht genommen.

Nun aber bleiben Leib und Seel beisammen

Bis glüht der jüngste Tag in seinen Flammen,

In Dir nimmt seinen Anfang schweres Leiden,

Auch Du nimmst Abschied nun von Deinen Freuden,

Vermindert und zertheilet wird Dein Land,

Kommt niemals wieder unter eine Hand,

Unglück trifft manche, die von Dir abstammen,

Und auch wir beide bleiben nicht beisammen,

Ich muß von Dir, von Schloß und Kindern scheiden,

Und künftig Mann und Schloß und Kinder meiden.

Die trauernde Melusina wandte sich hierauf zu drei Landesherren, führte

sie zu Reymund und fuhr in ihrer Rede fort:

Reymund, bei Dir ist meines Bleibens nicht,

Doch nimm in Acht, was, wenn ich fort, geschicht,

Horribel, unser Sohn mit dreien Augen,

Ist bös und kann in dieser Welt nicht taugen,

Erwächst er groß, wird er das Land verderben

Mit Krieg und Hunger, laßt ihn vorher sterben.

Daß Geoffroy hat den Abt, die Mönch verbrannt,

Erfahre, daß auch hierin Gottes Hand,

Sie schlugen ihre Regel in die Schanz

Und hielten nicht des Klosters Observanz,

Auch wird den Geoffroy schwere Reue plagen

Er wird alsdann frommüthig in sich schlagen,

Ein neues Kloster baun, das schöner ist,

Worauf er auch zum Dienste Jesu Christ

Mehr Mönche wird zum frommen Werk einsetzen,

Sie unterhalten auch von seinen Schätzen.

Es wird mir schwer von meinem Schloß zu scheiden,

Das ich gebaut anmuthig und mit Freuden,

Ich möchte fast in Thränen drum vergehn,

Doch kann's nicht anders sein, es muß geschehn.

Ach Reymund! wars nicht Lust und Freudigkeit

Als wir so schön beisammen allezeit?

Aus Freud wird Leid, aus Scherzen wird nun Schmerz,

Aus Stärke Ohnmacht, das zerbricht mein Herz.

Wie hatten wir so schönes Wohlgefallen,

Das wandelt sich nunmehr in Mißgefallen,

Wohlfarth wird Gram, zu Sorge Sicherheit,

Zu Unglück Glück, Freiheit wird Dienstbarkeit.

So dreht sich denn des Glückes Kugel rund,

Kehrt all in's Gegentheil in einer Stund,

Doch ist es Reymund Deine eigne Schuld,

Daß Du verleurst des Glückes Lieb' und Huld.

Ich muß zu meinen Leiden von Dir scheiden,

Doch mag Dir Gott die Missethat verzeihn,

Daß ich aus Lust in Gram, in Schmerz aus Freuden

Bis an den jüngsten Tag muß immer sein;

Nun muß ich wieder fort, in Angst eingehen,

In der ich, Arme, einmal schon gewesen,

Und wieder muß die Quaal an mir geschehen,

Und niemand darf und kann mich nun erlösen.

Wie Reymund diese Klagen anhörte und sah, daß sich seine geliebteste

Gemalin zum Hinscheiden fertig machte, überfiel ihn eine solche

innerliche Angst, daß er nicht ein Wort zu sprechen vermochte; er

meinte, das Herz im Leibe müßte ihm vor großem Weh zerspringen und er

würde sterben, begehrte auch nicht länger zu leben und wünschte sich den

Tod. Er stand auf und ging mit kläglichen Geberden zu Melusina, küßte

sie mit höchster Betrübniß und weinte bitterlich. Vor großem

unaussprechlichen Herzeleid, das sie beide des Scheidens halber hatten,

fielen sie nieder auf die Erde. Die Landesherren und Hofbediente, Frauen

und Jungfrauen waren ebenfalls sehr traurig, huben sie beide auf,

weinten und alles Volk mit ihnen. Reymund fiel vor Melusina nieder auf

die Knie, und bat sie unter Schluchzen und Herzensangst um Vergebung,

daß er seine Gelübde so böslich gebrochen hätte. Melusina antwortete:

ich kann dem Verhängniß nicht Einhalt thun, welches es nun so

beschlossen hat, darum müssen wir uns drein ergeben. Vergiß nun Deinen

Sohn Freymund, aber gedenke Deines Sohnes Reymund, der einst an Deines

Bruders statt Graf zu Forst werden soll. Auch Deines jüngsten Sohnes,

Dietrich, nimm Dich an, der noch an der Brust der Amme liegt, denn er

soll einst ein tapfrer Ritter werden.

Nachdem Melusina diese Worte gesprochen hatte, schwang sie sich auf das

Fenster, wandte sich noch einmal um und sagte:

Gesegn' Dich Gott, mein Herz und wahrer Freund:

Gesegn' Dich Gott, holdseligster Gemal!

Gesegn' Dich Gott, Du liebstes Kleinod mein!

Gesegn' Dich Gott, Du schöne Kreatur!

Gesegn' Dich Gott, Du meine schönste Freude!

Gesegn' Dich Gott, Du Lust in dieser Welt!

Ach segn' Dich Gott, mein liebster Trost und Hort!

Auch Euch gesegne Gott, mein liebes Volk!

Gesegn' Dich Gott, Lusinia, schönes Schloß,

Das ich gebaut und selbst gestiftet hier!

Gesegn' Dich Gott, Du Preis von dieser Welt!

Gesegn' Dich Gott, Reymund, mein liebster Freund,

Leb' ewig wohl, zu tausend gute Nacht!

Mit diesen letzten Worten schoß Melusina zum Fenster hinaus und

verwandelte sich vor den Augen alles Volks, denn sie wurde von den

Hüften an wiederum ein feindlicher, langer und ungeheurer Wurm. So

umfuhr sie in der Luft das Schloß, indem sie aus der Höhe herunter ein

entsetzliches Geschrei ausstieß, das so seltsam und unerhört klang, daß

allen das Herz im Leibe bebte, und sie sich vor nichts so furchten, als

diesen Ton noch einmal zu hören, so zerschmetternd und zerreissend klang

es, so tiefbetrübt, als sollte nun gar die ganze Welt vergehen, als wär

alle Lust erstorben und sollte der Jammer nun auf Erden auf immer

einheimisch sein. Dreimal ließ sie dieses entsetzliche Geschrei von sich

hören, dann vernahm man nichts mehr und sie war verschwunden.

Reymund stand bei den Seinen in großen Leiden und schwerer Quaal, er

schrie und weinte bitterlich, raufte sich die Haare aus und wünschte

niemals geboren zu sein; da er wieder vor seinem großen Herzeleid

sprechen konnte, rief er ihr die Worte nach:

Nun so gesegn' Dich der allmächt'ge Gott,

Mein schönes Weib und Freundin, Ehrenkrone!

Gesegn' Dich Gott, mein Reichthum, meine Freude!

Gesegn' Dich Gott, Du meine liebste Lust!

Gesegn' Dich Gott, mein einziges Verlangen!

Gesegn' Dich Gott, Du Frau von hohem Preis!

Gesegn' Dich der allmächt'ge, ewge Herr

Und unsrer theurer Heiland Jesus Christus!

Ach alle meine Tage sind vergangen,

Da ich Dich ferner nicht erblicken soll.

Reymund klagte so sehr, daß alle die Seinigen mit ihm klagen und weinen

mußten. Doch gab es einige ältre Leute, die sehr redlich waren und ihn

zu trösten suchten, weil sie auf das Wohl des Landes ihre Absicht

gerichtet hatten. Sie hielten ihm herrliche Beispiele vor, von andern

großen Männern, die vieles Unglück erlitten, sich aber nachher getröstet

hatten. Einer von den allerredlichsten aber erinnerte ihn an den Befehl

seiner abgeschiedenen Gemalin Melusina, seinen Sohn Horribel mit den

drei Augen nicht leben zu lassen, weil dieser sonst das ganze Land

verderben würde. Reymund antwortete: lieben Freunde, überlaßt mich nur

meinem Schmerze und thut übrigens nach Eurem Wohlgefallen und wie Euch

meine edle Gemalin Melusina befohlen hat.

Hiemit entfernte sich Reymund und verschloß sich in einer einsamen

Kammer, wo er trauerte und weinte und ein solches Wehklagen trieb, daß

es nicht zu sagen ist. Die Herren und Diener aber nahmen den kleinen

Sohn Horribel, der schon als Knabe ein sehr böses Gemüth in sich spüren

ließ, und sperrten ihn zum Besten des ganzen Landes in einen abgelegenen

Keller, worauf sie so viel brennendes Stroh hineinwarfen, daß der junge

Bösewicht ersticken mußte; so war das Land für die Zukunft gerettet.

Nachdem sie dieses vollbracht hatten, nahmen sie den Leichnam und legten

ihn heimlich in ein Bette, sagten er wäre todt, und begruben ihn

öffentlich nach einigen Tagen, als wenn er eines ordentlichen Todes

gestorben wäre.

Reymund hatte noch zwei junge Kinder, die ihre Ammen hatten und die

Brust sogen. In der Nacht sahen die Ammen oftmals, wenn es finster war,

daß Melusina in die Kammer kam, in welcher die Kinder schliefen, eins

nach dem andern aufhub, nämlich den Reymund und den Dieterich, sie am

Feuer wärmte und lieblich säugte und dann wieder sie liebkosend in ihre

Wiegen legte. Darnach war Melusina wieder verschwunden, und die

Dienerinnen wagten es aus Furcht nicht, zu ihr zu gehn, wann sie zugegen

war, doch nahm das Kind Dieterich so sehr zu, daß alle Menschen, die es

nur sahen, darüber erstaunen mußten.

Geoffroy war indessen mit dem Schiffe und seinem Boten glücklich in das

Land Norhemen angelangt. Gleich beim Schiffaussteigen kamen ihm die

betrübten Landesherren entgegen, empfingen ihn sehr freundlich,

bewillkommten ihn mit größter Höflichkeit, und erzählten so grausame

Thaten von dem Riesen, die der ungeheure Wüthrich an jedem Tage

verrichtete, wohl oft an einem Tage an die hundert Ritter erwürge, das

Volk nicht anders als nach tausenden umbringe, das Land verwüste, das

Vieh verderbe, und so weiter, daß Geoffroy antwortete: ei, meine Herren,

dieses ist ja kein Mensch, sondern ein rechter eingefleischter Teufel,

doch wenn ich ihn anders nur finde, so hoffe ich ihn mit Gottes Hülfe zu

überwinden, bin auch deswegen ausdrücklich hergekommen, denn ich habe

schon vorher, obgleich nicht so umständlich, von seinen Freveleien

gehört. Gebt mir deshalb nur einen Boten mit, der mir den Weg zu diesem

Unmenschen zeigt.

Schriften 13: Märchen; Dramatische Gedichte; Fragmente · 第 2 / 12 题