L. Tieck.

Ludwig Tieck's

Schriften

Dreizehnter Band.

Märchen.

Dramatische Gedichte.

Fragmente.

Berlin,

bei G. Reimer,

1829.

Dem

Herrn von Quandt

in Dresden.

Diese Gelegenheit ergreifend, Ihnen öffentlich zu sagen, wie sehr ich

Sie, verehrter Freund, hochachte und wie nahe ich mich Ihnen, durch

Ihren schönen und gebildeten Sinn für Kunst und Poesie, verbunden fühle,

füge ich den Wunsch hinzu, daß Ihr Leben durch hergestellte Gesundheit

ganz frisch und erneut für sich und Ihre Freunde alle Heiterkeit wieder

gewinnen möge. Zwar »litten Sie alles so, als wenn Sie gar nichts

litten« -- aber, so hoffen alle, es werden die Genien auch jene

Schmerzen und Leiden von Ihnen nehmen.

Ein ächter reiner Sinn, ein Enthusiasmus für unsern vaterländischen

Goethe, so wie für die Muster alter Skulptur, ein Verständniß des

Rafael, eine Liebe, die unbeschränkt sich alles Edle aneignen will, wird

nicht häufig gefunden: noch seltner mit so vielen Kenntnissen und dem

Eifer, der Kunst selbst fortzuhelfen, vereinigt. --

L. Tieck.

Inhalt.

Märchen.

_Die Heymonskinder._

_Melusine._

Dramatische Gedichte.

_Ein Prolog._

_Der Autor._ Ein Fastnachtsspiel.

Fragmente.

_Magelone_. Prolog.

Aus dem alten Heldengedicht vom _König Rother_.

Der erste Akt des _Donauweibes_.

Die Geschichte

von den

Heymons Kindern,

in zwanzig altfränkischen Bildern.

1796.

Kurze Vorerinnerung.

Lieber Leser,

Ich weiß nicht, ob Dein Gemüth zuweilen so gestimmt ist, daß Du Dich

gern und willig in die Zeit Deiner Kindheit zurück versetzest, Dich

aller damaligen Eindrücke erinnerst, und ohne Bedauern vergissest, was

Du seitdem gelernt und erfahren hast. Es gewährt einen eignen

sonderbaren Genuß, Dein Jahrhundert und die Gegenstände um Dich her aus

dem Gedächtnisse zu verlieren. Du bist vielleicht irgend einmal krank

gewesen, geliebter Leser, oder hast Dich einige Stunden hindurch in

einer unvermutheten Einsamkeit befunden; von allen Zerstreuungen

verlassen, kann man dann zuweilen an alten wunderlichen Zeichnungen oder

Holzstichen ein Vergnügen finden und sich in ihnen verlieren; man

betrachtet dann wohl aufmerksam ein unzusammenhängendes und fast

unverständiges Bild, wo vorn eine Rathsversammlung im königlichen

Pallaste sitzt und man hinten das Meer mit Schiffen und Wolken, ohne

alle perspektivische Kunst, wahrnimmt. Möchtest Du doch, o mein Lieber,

ein solches und kein andres Vergnügen in gegenwärtigen altfränkischen

Bildern erwarten, die wir Dir jetzt vor die Augen führen wollen. -- Lebe

wohl! --

Erstes Bild.

Die Pracht des Königs Carl.

Um Pfingsten hielt König Carl, dem man den Zunamen des Großen beigelegt

hat, gewöhnlich in Paris ein großes Fest. Allda erschienen alle Herren,

Baronen und Fürsten, und goldne und silberne Geschirre standen auf den

Tafeln, und eine schöne Musik klang durch die Gemächer. Es war bei

diesem Feste alles versammelt, was man nur prächtiges sehn mochte.

Der König saß in allem seinem Schmuck, mit seiner glänzenden Krone am

Tische, um ihn her seine Freunde, die Ritterschaft und die Damen, junge

Edelleute warteten auf, damit es nirgends, weder an Speise noch an

Trank, fehlen möchte.

Bei diesem Feste war auch _Heymon_, Graf von Dordone, gegenwärtig, ein

angesehener und tapferer Rittersmann, der in allem Kriegswesen überaus

erfahren war, so daß auch jedermann Achtung vor ihm hatte. Mit ihm war

zugleich da sein Schwestersohn _Hugo_, ein Jüngling von schönem

Angesicht und langen goldgelben Haaren. Dieser näherte sich mit

freundlichem und ehrerbietigen Anstande dem Könige, und sagte ihm, daß

der Graf Heymon auch gegenwärtig sei; er erinnerte ihn, daß der Graf der

einzige wäre, der keine Wohltat von Seiner Majestät genossen hätte, er

möchte ihn wenigstens mit den Gütern wieder belehnen, die dem Grafen

gehörten, und die er ihm aus Ungnade entzogen hätte.

Ueber diese Anrede ward König Carl sehr ergrimmt; er antwortete: daß er

dem Grafen Heymon nie in etwas willfahren wolle. Hugo sagte hierauf sehr

ernsthaft, daß jedes redliche Gemüth das Betragen des Königs tadeln

müsse. Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, so sprang Carl auf, zog

sein Schwert und hieb den Jüngling nieder, daß er sogleich todt blieb.

Alles gerieth in die größte Verwirrung, Ritter und Edle sprangen auf,

die Tische fielen über den Haufen, die Musik verstummte, und die

Spielleute entflohen, kurz, aus der größten Freude entstand plötzlich

die größte Traurigkeit.

Zweites Bild.

Krieg; endlich wird Friede geschlossen.

Der Graf Heymon verließ sogleich mit seinem Anhange die Stadt; er bot

alle seine Freunde auf und überfiel das Land, um den Tod seines Vetters

Hugo zu rächen. Da war groß Rauben und Morden allenthalben; da sah man

verwüstete Dörfer und geplünderte Klöster, die Leichen der Erschlagenen

lagen auf den Heerstraßen, denn Heymon war in gewaltiger Wuth entbrannt.

Carl stellte sich dem Feinde entgegen, aber sein Volk mußte immer der

Tapferkeit des Grafen weichen.

Carl versammelte seinen Rath und verbannte den Grafen im zornigem Muthe

aus seinem Lande, so daß er aller seiner Güter und Titel verlustig war

und gleich einem armen Flüchtlinge umherirrte. Dadurch wurden Heymon und

seine Freunde nur noch mehr aufgebracht, sie verbrannten und verheerten

das Land noch ärger als zuvor, sie raubten alles Gold und Silber das sie

fanden, und streuten allenthalben das Elend des Krieges aus. Malegys,

ein Vetter Heymons, that besonders großen Schaden, denn er war in der

schwarzen Kunst ein wohlerfahrner Mann. Dieser Krieg währte sieben

Jahre, und die Einwohner des Landes kamen endlich demüthig zum König

Carl und baten ihn, daß er mit dem furchtbaren Heymon einen Frieden

schließen möchte. Carl war anfangs über diese Vorstellung unwillig,

schickte aber doch Gesandten mit freundlichem Anerbieten an seinen

Feind, denn er sah selbst ein, daß ihm ein solcher Krieg sein Land

verderbe. Heymon, der jetzt im Vortheile war, wollte von keinem Frieden

hören, aber Carl schickte eine zweite Gesandtschaft, und ließ ihm sogar

seine Schwester Aya zur Gemahlin anbieten, wenn er sich versöhnen wolle.

Hierauf ging Heymon den Vertrag ein und der Friede ward geschlossen.

Drittes Bild.

Carlmann soll zum Könige gekrönt werden.

Heymon führte nun seine Braut in die Kirche, wo sie eingesegnet wurden.

Roland begleitete sie dorthin. Das hochzeitliche Mahl sollte eingenommen

werden, und Heymon bat König Carl, bei ihm zu bleiben; dieser aber brach

schnell wieder auf, und zog nach Paris zurück. Heymon ward ergrimmt, und

zog nach seinem Schlosse, wo er mit seinen Freunden die Hochzeit in

vierzig Tagen und vierzig Nächten auf's prächtigste feierte. Heymon

hatte immer noch die abschlägliche Antwort des Königs im Sinne, und als

er mit seiner Gemahlin das Bette besteigen wollte, zog er sein Schwert

und schwur darauf, den Tod Hugo's an allen Nachkommen Carls zu rächen.

Seine Hausfrau Aya erschrak, denn sie sah die ernsten und zornigen

Geberden, und fürchtete sehr das Gemüth des Ritters.

Sie ward schwanger, und als sich die Zeit ihrer Entbindung nahte,

gedachte sie an Heymons Schwur. Er war grade auswärts in einen Krieg

verwickelt. Sie begab sich daher in ein Kloster und gebar einen Sohn,

den sie _Ritsart_ nannte, Bischof _Turpin_ und Graf _Roland_ waren die

Pathen: darnach ließ sie ihn heimlich erziehn.

Heymon kam zurück und seine Gemalin ward zum zweitenmale schwanger, sie

gebar einen zweiten Sohn, _Writsart_, als Graf Heymon wieder auswärts

war. Eben so geschah es noch einmal, und der Sohn ward _Adelhart_

genannt. Alle diese Kinder wurden heimlich Säugammen übergeben, und

nachher wurden sie in einem verborgenen Zimmer des Schlosses erzogen.

Graf Heymon zog von neuem in den Krieg gegen die Ungläubigen, und dieser

Krieg dauerte ganzer sieben Jahre. Nach dieser Zeit kam er wieder in

sein Vaterland zurück, und hatte sieben tiefe Wunden an seinem tapfern

Leibe und dennoch saß er geharnischt mit Helm und Schild zu Pferde, so,

als wenn ihm nichts zugestoßen wäre, aber sein Sinn war groß, denn er

hatte gesiegt, und brachte eine kostbare Reliquie, die Dornenkrone

unsers Heilandes, mit sich. Seine Hausfrau empfing ihn mit großer

Freude, beide gingen in das Schlafzimmer und sie gebar nach neun Monaten

wieder heimlich einen jungen Sohn, der _Reinold_ getauft wurde. Nun

hatte Graf Heymon vier Söhne, von denen er allen nichts wußte, denn

seine Gemahlin fürchtete immer noch, daß er sie diesem Eide gemäß

umbringen würde, wenn sie ihm die Sache entdeckte. König Carl hatte auch

einen Sohn, Namens _Carlmann_, dieser war mit Reinold von einem Alter

und von einer Größe, aber in seinem funfzehnten Jahre wuchs Reinold

dergestalt in die Höhe, daß er einen Fuß länger war, als Carlmann. Schon

damals war Reinold der größte und stärkste von seinen Brüdern.

König Carl war jetzt ein Greis geworden und gedachte seinem Sohne

Carlmann die Krone aufzusetzen. Er berief daher die Vornehmsten des

Reichs, sammt den zwölf Genossen von Frankreich und dem berühmten

Bischofe Turpin. Als alle versammelt waren und eine Stille ausgerufen

war, erhob sich König Carl und hielt eine Rede, wie er nun schon alt

sei, und das wahre Einsehn in das Reich nicht mehr besitze, er habe

daher alle gegenwärtige Herren versammelt, um seinen Sohn, der jung und

stark sei, zum König krönen zu lassen. Die Fürsten waren sich dieses

Antrags nicht vermuthet und wußten daher lange nicht, was sie antworten

sollten, bis endlich Turpin, der weise Bischof, aufstand und sagte: Mein

König, es fehlt in dieser Versammlung noch ein Mann, der zu dieser

Krönung unentbehrlich ist, denn er ist fast der tapferste Ritter im

ganzen Lande. -- Gewiß meint Ihr, antwortete Carl, den Grafen Heymon von

Dordone, der mir so großes Leidwesen zugefügt hat, mit Rauben, Brennen

und Plündern, aber ich muß es bekennen, er ist ein tapfrer Mann, so daß

er fast seines Gleichen nicht hat. Nun, ich will nach ihm schicken, wenn

Ihr meint, daß es so besser sei.

Die Krönung wurde hierauf noch vierzig Tage verschoben, und man

beschloß, den Grafen Roland mit einigen andern Herren abzusenden, mit

denen der Graf Heymon immer in Frieden und Freundschaft gelebt hatte;

denn König Carl traute seinem versöhnten Feinde immer noch nicht, auch

wußte er es wohl, wie übel es der Graf empfunden, daß er bei der Heirath

mit seiner Schwester sein Mahl verschmäht hatte. Er gab daher den

Abgesandten allerlei köstliche Geschenke mit, und einem jeden einen

Olivenzweig in seine Hand.

So näherten sie sich dem Schlosse Heymons, und Frau Aya gewahrte ihrer,

denn sie saß am Fenster; sie erkannte alle sogleich und war für das

Leben der Abgesandten besorgt, weil sie der Gemüthsart ihres Herrn wohl

wissend war. Als die Ritter daher in den Saal getreten waren, verfügte

sie sich auch dort hin, um zu sehen, wie es würde, sie hieß sie dort

willkommen, und brachte ihnen einen Becher mit Wein; dann sprach sie bei

ihrem Gemal für die Herren, die in der größten Ungewißheit da standen,

denn sie hatten schon einigemale ihr Begehren angebracht, aber Heymon

hatte auch nicht mit einem einzigen Laute geantwortet.

Da ihm nun jetzt seine eigene Gemahlin zuredete, so ging er ergrimmt im

Saale auf und ab, so, daß alle zitterten, dann schlug er sich mit der

Faust vor die Stirn, lehnte sich an einen Pfeiler des Gemachs und weinte

bitterlich. Da das die anwesenden Ritter an einem solchen Helden gewahr

wurden, so hätten sie beinahe mitgeweint, ohne zu wissen, was ihm sei,

so erschütternd war der Anblick; aber die Hausfrau, die eines solchen

Anblicks ungewohnt war, zerfloß in Thränen und warf sich zu seinen Füßen

nieder, und beschwur ihn, daß er doch Rede und Antwort geben möchte.

Steh auf, unglückselige Frau, sagte er so leutselig, wie sie ihn noch

nie hatte sprechen hören; wohl mag ich Dich, so wie mich selber

unglückselig nennen, denn ich habe graues Haar davon getragen, ohne

einen Sohn von mir zu sehn, dem ich meine Haabe hinterlassen könnte.

Keines Siegs, keines Ruhmes mag ich mich freuen, denn alles stirbt mit

mir weg, keiner aus meinem Geschlechte erwähnt dankbar meiner, und

Fremde theilen sich in meine Güter, in die Fahnen und Waffenrüstungen,

die ich so mühselig erbeutet habe, und nun soll ich hingehn und

Carlmann, den Erben Carls, krönen helfen, ich selbst ohne Erbe, ohne

Sohn. Ich weiß, er meints noch schlimmer mit mir, als der Vater; dürften

sie mit mir handeln, wie sie wollten, sie ließen mich nimmermehr am

Leben.

Heymon konnte vor Grimm und vor Thränen nicht weiter sprechen, aber

seiner Gemahlin ging das Herz vor Freude auf, sie wußte erst nicht, was

sie sprechen sollte, aber sie erinnerte ihn an den schrecklichen Eid,

den er in der Nacht nach der Hochzeit geschworen hatte; doch Heymon

sagte: o Frau, solche Eide zu halten, ist nichtswürdig, hätt' ich nur

einen Sohn, und es könnte ein Held aus ihm werden, so wollt' ich ihn so

lieben, wie Carl seinen Carlmann nimmer lieben kann. Nun entdeckte ihm

Aya ihren verborgenen Handel, darüber wurde Heymon froh und drückte den

angekommenen Rittern die Hand von Herzen; dann verließ er sie, um seine

Kinder zu besehen.

Er kam mit seiner Hausfrau vor das verschlossene Gemach, in dem sie

lebten, da stand er still, um ihr Gespräch mit anzuhören. Reinold tobte

drinnen, und schrie über den Speisemeister, daß er ihnen nicht genug zu

essen, und keinen guten Trunk bringe; Adelhart verwies seinem Bruder

diese Heftigkeit, und sagte ihm, daß er sich vor Heymon hüten müsse, der

ihn gewiß umbringen ließe, wenn er dem Speisemeister etwas zu Leide

thäte.

Was kümmert mich Heymon, der graue Hund! rief Reinold erboßt, wenn ich

ihn hier hätte, ich wollte ihn so mit Fäusten zusammenschlagen, daß er

liegen bleiben sollte!

Dieser ist gewiß und wahrhaftig mein Sohn, sagte Heymon, aber jetzt will

ich's probiren, ob es auch die andern sind. -- Ohne weiteres stieß er

also mit seinem Fuß an die verschlossene Thür, so daß sie zersprang.

Kaum aber stand er im Zimmer, so lief Reinold auf ihn zu und schrie: Was

hast Du, alter Graubart, hier zu schaffen? und mit diesen Worten warf er

ihn zu Boden. Die andern Brüder kamen auch herzugelaufen, und Heymon,

der sich nichts Gutes versahe, rief: o ihr jungen Helden, schlaget mich

nicht, denn ich bin Euer Vater, haltet Ruhe, und ich will Euch alle zu

Rittern machen. Als Reinold hörte, daß das sein Vater sei, hob er ihn

vom Boden auf und tröstete ihn über seinen harten Fall, darauf umarmte

der Vater seine Kinder nach der Reihe, mit besondrer Inbrunst aber

schloß er Reinold, den jüngsten, in seine Arme, so daß diesem die Nase

zu bluten anfing. -- Wärt Ihr nicht mein Vater: rief Reinold, seht, so

wollt' ich Euch dafür schlagen, daß Ihr solltet liegen bleiben. -- Aber

Heymon ward über dergleichen Reden noch mehr erfreut, und Frau Aya stand

draußen, und wußte nicht, ob sie lächeln oder weinen sollte.

Viertes Bild.

Das Roß Bayart.

Die Söhne mußten sich nun in dem Saal versammeln, wo sie ihr Vater zu

Rittern schlug, erst den Ritsart, dann Writsart, hierauf Adelhart, und

endlich Reinold. Als er zu diesem kam, hatte der sich die goldnen Sporen

schon angelegt, und das Schwert umgehängt, und so ging er stolz und

übermüthig einher. Der Vater schenkte ihm seine Schlösser Pirlapont und

Falkalon, weil er ihn für den würdigsten hielt.

Heymon ließ nun seinen Söhnen mehrere schöne Pferde vorführen, und das

schönste gab er dem Reinold; dieser sah es an, und da es ihm schwach

vorkam, schlug er es mit der Faust vor dem Kopf, daß es gleich todt

niederfiel: hierauf sagte er zu seinem Vater: das Roß ist viel zu

schlecht, mich zu tragen, gebt mir ein bessres. Seine Mutter sagte: auf

die Art mein Sohn, möchtest Du wohl alle Pferde zu todte schlagen, und

keins könnte Dir gerecht seyn. Aber Heymon ließ ein größeres und

stärkeres vorführen; dem that Reinold eben wie dem vorigen, man brachte

ein noch höheres, da sprang er hinauf, daß er dem Pferde den Rückgrad

zerbrach, so daß es bald nachher starb. Vater, sagte er betrübt, was

soll ich machen, wenn sich keins der Pferde für mich schicken will!

Heymon aber war über die ungemeine Stärke seines Sohnes sehr erfreut,

und sagte: mein Sohn, ich wüßte wohl noch ein anderes Pferd für Dich,

wenn Du es nur zähmen könntest, es ist in einem festen Thurm verwahrt,

mein Vetter Malegys hat es mir geschenkt, und heißt Roß Bayart; es ist

schwarz wie ein Rabe, und hat kein Haar und Mähne, und ist wohl stärker,

als zwanzig andre Pferde. -- Gebt mir das Pferd, rief Reinold, und ich

will es bezähmen.

Der Vater rieth ihm hierauf einen Harnisch anzulegen, dessen Reinold

sich erst schämte, da er es nur mit einem Pferde zu thun haben sollte;

wie er aber hörte, daß Bayart Steine wie Heu zerbeißen könne, panzerte

er sich doch und ging dann mit einem tüchtigen Prügel nach dem Thurme,

in dem Bayart stand. Viele Ritter und Frauen folgten ihm, um zu sehen,

wie er mit dem Roß handthieren würde.

Als er in den Thurm gekommen war, stellte er sich hin, um Bayart zu

betrachten, wie er es mit den übrigen Pferden gemacht hatte, aber Bayart

gab ihm einen solchen Schlag, daß er zu Boden fiel. Die Mutter weinte

und schrie: Ach, mein Sohn Reinold ist todt, Bayart hat ihn erschlagen,

nachdem er selbst drei andre Pferde erschlagen hat. -- Heymon trat auf

Reinold zu, und schüttelte ihn und sprach: Sei wohlgemuth, mein Sohn,

ich schenke Dir das Roß, wenn Du es bezwingst, denn ich gönne es keinem

lieber, als Dir. Nun, sagte Aya, wie soll er denn das Roß bezwingen, da

er todt ist? -- Schweig, Frau, antwortete Heymon, er ist mein Sohn, so

wird er gewiß wieder aufstehn. -- Indem ermunterte sich Reinold wieder,

und ging mit seinem Prügel auf Bayart loß, Bayart aber nahm ihn und warf

ihn vor sich in die Krippe. Es entstand hierauf ein gewaltiger Kampf

zwischen dem jungen Ritter und dem Rosse; endlich packte Reinold Bayart

beim Halse, und schwang sich auf ihn. Dann ließ er ihm die Sporen

fühlen, so daß Bayart mit gewaltigen Sprüngen zum Thurm hinausarbeitete,

und über das Feld hin und über breite Gräben setzte. Dann ritt Reinold

mit dem Pferde zurück, stieg ab, streichelte es und wischte ihm den

Schweiß ab, und Bayart stand und zitterte vor dem Ritter; so hatte

Reinold das Pferd bezwungen, und er legte ihm nun auch ein schönes Gebiß

an, und putzte es so auf, wie man mit andern Pferden zu thun pflegt.

Fünftes Bild.

Reinolds Händel am Hofe.

Heymon ritt nun mit seinen Söhnen und den Abgesandten nach Paris, und

König Carl kam ihm entgegen, und freute sich ihn zu sehen, denn es war

in zwanzig Jahren das erstemal, daß er ihn unbewaffnet sah. Carlmann

folgte ihm sehr ungern, denn er hatte einen Haß auf Heymon und sein

ganzes Geschlecht. Nach einem freundlichen Empfange ritten alle nach

Paris zurück. Die Ritterschaft und alle Damen bewunderten Reinolds

Schönheit und Stärke, worüber Carlmann sehr ergrimmt ward, weil er sich

für den schönsten und tapfersten Ritter im Lande hielt. Er ging zu

Reinold, und sagte zu ihm: Vetter, schenket mir Euer Pferd, so will ich

Euch eine andre Gabe dagegen verehren. Reinold antwortete: Es thut mir

leid, daß ich Ew. Majestät für jetzt diese Bitte abschlagen muß, denn

ich finde sonst kein ander Pferd, das für mich stark genug wäre.

Carlmann ging zornig beiseit und sagte: Nun wohl, soll er auch, wenn ich

gekrönt bin, kein Lehn empfangen, so wie die übrigen. Da Reinold dies

hörte, ging er wieder zu ihm und sagte: Ich danke Gott, daß mir mein

Vater so viel gegeben hat, daß ich Eurer Lehne nicht bedarf.

Als die Tafel gehalten ward, befahl Carlmann, daß man den Heymons

Kindern nichts zu essen geben sollte. Alle Ritter und Edle setzten sich,

da erscholl Musik, und einem jeden ward aufgetragen, so viel nur sein

Herz begehrte; nur die Kinder Heymons erhielten nichts, und man that,

als wären sie gar nicht zugegen. Als Reinold dieses inne wurde, ging er

hinaus, stieß mit einem Fuß die Thür der Küche auf, und nahm von den

dastehenden Schüsseln so viel als ihm beliebte. Der Koch wollte ihm die

Schüsseln nicht verabfolgen lassen, aber Reinold schlug ihn sogleich,

daß er zur Erden fiel. Nun hatte er mit seinen Brüdern genug; und König

Carl, der den Vorfall hörte, sagte: er hat Recht gethan. Der Marschall

näherte sich Reinold und sagte: Junger Herr, Ihr habt groß Unrecht

gethan, den Koch zu erschlagen, wenn ich einer seiner Verwandten wäre,

so würde ich das schwer an Euch rächen. Dazu habt Ihr keinen Muth, sagte

Reinold, und der Marschall ward über diese Antwort erzürnt, und schlug

nach Reinold; aber dieser schlug ihn mit der Faust sogleich zu Boden,

und stieß den Leichnam mit dem Fuß, daß er weit in den Saal

hineinrollte. König Carl gebot Ruhe, und daß die Kurzweil und die Musik

ungestört fortwähren solle; worauf denn alle guter Dinge waren, und so

der Tag zu Ende ging.

Carlmann gebot, daß man in der Nacht den Heymons Kindern kein Bette

anweisen sollte, so daß sie in Ruhe schlafen könnten. Als dies Reinold

inne ward, machte er in der Nacht ein solches Getöse mit seinen Waffen,

daß alles im Schlosse aus den Betten fuhr, und bekümmert war und durch

einander lief. Nun legte sich Reinold mit seinen Brüdern in die Betten,

die ihnen am besten gefielen, und diejenigen, die so vertrieben waren,

brachten die Nacht unter Klagen und Murren hin.

Am folgenden Tage ward Carlmann in der Kirche feierlich zum Könige von

Frankreich gekrönt. Ein schöne Musik ward aufgeführt, und der

ritterliche Bischof Turpin las die Messe, und dem jungen Könige ward ein

kostbares Schwert umgegürtet, und eine überaus köstliche Krone auf das

Haupt gesetzt.

Reinold war vom König Carl zum Speisemeister ernannt, Adelhart zum

Mundschenken, und sie versahen ihre Dienste sehr wohl, als der Zug zum

Pallaste zurückgekommen war; auch Ritsart und Writsart warteten überaus

geschickt bei der Tafel auf, so, daß jedermann die adeligen Sitten

bewunderte. Nach der Mahlzeit versammelte König Carlmann alle Edlen im

Garten, und theilte die Lehen aus, aber den Heymons Kindern gab er

nichts, worüber Heymon ergrimmt zu König Carl lief, und ihm diesen

Vorfall kund that. Carl schalt in Gedanken die Unart seines Sohnes, und

gab allen drei Brüdern sehr ansehnliche Grafschaften zur Lehen, worüber

Carlmann, als er es erfuhr, äußerst erboßt ward. Er sagte: ich will

jetzt probiren an einem Steinwurfe, ob die Edeln meines Landes auch

stark und gewaltig sind; ich vermesse mich, der stärkste im Werfen im

ganzen Königreich zu sein. -- Alle Ritter und Edle schwiegen still, und

Carlmann wiederholte die stolzen Worte noch einmal. Der alte Heymon

konnte diese Vermessenheit nicht anhören, und sagte: Ew. Majestät

sollten Gott im Stillen für seine große Gnade danken, wenn dem also ist,

aber ich kenne einen jungen Helden von zwanzig Jahren, der diesen Stein

wohl weiter werfen könnte, wenn er nur wollte, als Ihr es je im Stande

seid. -- Holt nur Euren Sohn Reinold! rief Carlmann ergrimmt, damit Ihr

selbst gewahr werdet, wie Ihr mit Euren prahlerischen Reden zu Schanden

werden sollt. Da ging Heymon abseits seinen Sohn Reinold aufzusuchen,

und weinte bitterlich, denn die Rede Carlmanns hatte ihn gar zu sehr

innerlich verdrossen. Reinold sah seinen Vater auf sich zu kommen, und

verwunderte sich über die Thränen, die diesem von den Wangen

herunterliefen. Heymon erzählte ihm den Vorfall, und bat seinen Sohn,

den Stein doch ja weiter zu werfen, weil er sonst als ein Lügner

bestehen müsse, welches ihm in seinem ganzen Leben noch nicht begegnet

sei. Reinold wandte ein, daß Carlmann sein König sei, und daß er ihn

nicht erzürnen wolle; worauf Heymon sagte: nun gut, mein Sohn, wenn Du

Deinen alten Vater umsonst hast weinen lassen, so muß ich sterben, denn

ich kann als Lügner nicht weiter leben. Darauf rief Reinold aus: Nein,

sterben sollt Ihr nicht, ich will den Stein weiter werfen, und wenn

gleich mein Gegner der Teufel wäre. So folgte er seinem Vater zur

Gesellschaft.

Carlmann warf den Stein weit weg, die übrigen Ritter warfen auch, aber

keiner erreichte Carlmanns Ziel. Reinold nahm ihn und warf ihn viel

weiter, als der König gethan hatte. Darauf nahm Carlmann seine ganze

Gewalt zusammen, und warf den Stein noch weiter als Reinold, Reinold

aber ergriff ihn wieder, und warf ihn mit großer Leichtigkeit so weit

über das Ziel hinaus, daß Carlmann den Muth verlor.

Da der junge König sehr erboßt war, so versuchte es der falsche Ganelon,

ihn zu trösten. Er schlug ihm vor, dem Adelhart auf den Kopf zuzusagen,

daß er sich ermessen habe, ihn im Schachspiel zu überwinden, er sollte

also mit ihm spielen und dabei ausmachen, daß derjenige, der fünf Spiele

hinter einander gewönne, dem andern das Haupt abschlagen dürfe. Dem

Könige gefiel dieser falsche Rath, und er ließ Adelhart kommen; dieser

weigerte sich lange, um einen so hohen Preis zu spielen, aber Carlmann

zwang ihn dazu, und Ganelon bezeugte, daß er sich vermessen habe, den

König im Schachspiel zu besiegen. Carlmann gewann drei Spiele

hintereinander, und Adelhart war seines Lebens wegen sehr besorgt. Aber

er nahm allen seinen Verstand zusammen und gewann das folgende Spiel und

eben so noch vier andre, womit er eigentlich das Haupt des jungen Königs

gewonnen hatte. Er neigte sich gegen Carlmann, und sagte: Ich begehre

nicht den Vertrag zu erfüllen, aber hüte sich Ew. Majestät vor

Demjenigen, der Euch diesen Rath gegeben hat, denn er meint es wahrlich

nicht gut mit Euch. Carlmann aber ergriff das silberne Spielbrett, und

schlug damit Adelhart ins Angesicht, daß er blutete. Adelhart ging

traurig fort in den Stall, lehnte seinen Kopf an Bayart und weinte; dort

traf ihn Reinold und fragte ihn, was ihm fehle; er wollte es anfangs

verschweigen, weil er den Grimm seines Bruders fürchtete, da ihn aber

Reinold selber zu ermorden drohte, wenn er ihm die Wahrheit nicht

gestünde, so erzählte er ihm aus Furcht den ganzen Verlauf des

gefährlichen Spiels. Da ward Reinold sehr zornig, und sagte: Wie? darf

man einem Bruder von mir so begegnen? Kann ich es leiden, daß ich so das

brüderliche theure Blut zu Boden fließen sehe? Du hast sein Haupt

gewonnen, und ich will es Dir bringen.

Er ließ hierauf Bayart nebst den andern Pferden heimlich aus der Stadt

schaffen, dann ging er in Carlmanns Zimmer, bei dem sich Carl und viele

Edle befanden; mit grimmigem Gesicht packte er den jungen König bei den

Haaren und schlug ihm sein Haupt mit dem Schwerte ab; worauf er es

seinem Bruder Adelhart gab und sagte: Hier hast Du Deinen Gewinnst!

Dann verließen die Brüder mit ihrem Vater die Stadt Paris.

Sechstes Bild.

Die Brüder in der Verbannung.

König Carl war von Schmerz und Erstaunen ganz bewußtlos, er versammelte

schnell seine Ritter, und eilte den Flüchtigen nach. Vor dem Thore

begann ein hitziges Gefecht. Heymon hielt sich mit seinen Söhnen sehr

tapfer, doch wurden allen die Pferde unter dem Leibe umgebracht. Da

sprangen die drei Brüder hinter Reinold auf sein Pferd Bayart, das sie

alle viere so schnell davon trug, daß keiner sie ereilen konnte. Aber

Heymon blieb zurück, und stritt noch lange zu Fuß, und gebrauchte sich

ungemein tapfer. Aber endlich konnte er der Macht nicht länger

widerstehn, und gab sich ritterlich gefangen in die Hände des Bischofs

Turpin, weil er dem Könige Carl nicht allerdings traute und eine schwere

Rache von ihm besorgte.

Als Carl daher den Gefangenen wollte hängen lassen, widersetzte sich

Turpin und die übrige Ritterschaft, so daß Heymon nur schwören mußte,

seine Söhne in die Gefangenschaft zu überliefern, so bald als es ihm

möglich wäre.

Reinold kam mit seinen Brüdern auf seinem Schlosse an, sie nahmen

zärtlichen Abschied von ihrer Mutter, und beluden sich mit vielen

Kostbarkeiten und so entflohen sie nach Spanien; ihr Vater war ein

Freund des Königs, und hatte ihm lange gedient, sie hofften daher dort

eine gute Aufnahme zu finden.

Der König sah sie in der Ferne kommen, und erkannte sie sogleich an

ihrem Familienwappen; er wunderte sich darüber, daß ihrer viere auf

einem Pferde ritten, und beschloß, sie sogleich in seine Dienste zu

nehmen, weil er sich erinnerte, wie treu und tapfer ihm ihr Vater Heymon

ehemals gedient hatte. Er nahm sie daher sehr gnädig auf, versprach

ihnen Sold und Unterhalt; sie freueten sich, und gaben ihm dafür ihren

Schatz in Verwahrung, den sie mit sich gebracht hatten.

So lange sie am Hofe etwas Neues waren, wurden sie gut gehalten, aber

bald wurde man ihrer und ihres treuen Dienstes überdrüssig, dazu warf

man ihnen auch immer vor, daß sie ihren Vetter Carlmann erschlagen

hätten, und deshalb Landes flüchtig wären.

Reinold war im Herzen ergrimmt, daß man ihrer mit jedem Tage weniger

achtete; nach drei Jahren gab man ihnen gar keinen Sold, noch Kleider,

noch Unterhalt. Reinold schickte einen Knappen Wendelin an den König,

und ließ sich wenigstens seinen Schatz ausbitten, um weiter ziehen zu

können; aber der König ließ den Abgesandten mit Schlägen zum Pallast

hinauswerfen, und Reinold bekam diese üble Botschaft. Er ließ daher sein

Roß Bayart satteln, und vor die Stadt führen, nahm seinen Bruder

Adelhart mit sich, und ging so in den Pallast des Königs.

Der König saß gerade bei der Tafel, Reinold verbeugte sich demüthig, und

begehrte in höflichen Ausdrücken seinen Schatz, um sein Glück in einer

andern Gegend versuchen zu können, aber der König schwieg

tückischerweise still, und gab keine Antwort. Reinold wiederholte sein

Gesuch in denselben Ausdrücken, aber der König schlug die Augen nieder,

und that, als vernähme er kein Wort. Hierauf zog Reinold sein Schwert

und sagte: Ich sehe wohl, daß bei Ew. Majestät keine Güte hilft, ich muß

daher mit Ew. Majestät auf eine andere Weise sprechen, ich will Euch das

Haupt abschlagen, wie ich meinem Vetter Carlmann gethan habe, und

solches als einen Schatz mit mir nehmen. Da der König das Schwert sah,

fing er an um Gnade zu bitten, aber es war zu spät, Reinold schlug ihm

das Haupt ab, und gab es seinem Bruder Adelhart, es an den Sattel zu

hängen, und es als einen Schatz mitzunehmen.

Es entstand ein großer Aufruhr in der Stadt und Reinold hatte genug zu

thun, um sich und seine Brüder zu schützen. Von ihrem Rosse Bayart

schlugen sie manchen Mann zu todt, und verwundeten manchen, aber sie

alle wurden ebenfalls verwundet. Doch hielten sie sich so tapfer, daß

sie endlich davon kamen, und nun überlegten sie, was sie zu thun hätten.

Der Entschluß fiel endlich dahin aus, daß sie nach Tarragon zum Könige

Ivo gehen wollten; der ein abgesagter Feind des Königs in Spanien war;

ihm wollten sie das abgeschlagene Haupt präsentiren, und er würde sie

denn wahrscheinlich gütig und freundschaftlich aufnehmen.

Da sie nun in Sicherheit, und schon auf seinem Gebiete waren, da stiegen

sie vom Pferde, und verbanden einer dem andern die Wunden. Dann legten

sie sich nieder und schliefen, weil alle nach so hartem Drangsal der

Ruhe sehr benöthigt waren.

Siebentes Bild.

Reinold vermält sich.

Als die Brüder ausgeschlafen hatten, gingen sie an den Hof des Königs

Ivo, und Reinold trug auf seinem Speere das Haupt des Königs mit der

Krone. Der König Ivo verwunderte sich über die Maaßen, als er diese

Herren alle auf einem Pferde ankommen sah, er rief seine Räthe an's

Fenster, und alle erstaunten gleich sehr über diesen Anblick.

Reinold und seine Brüder warfen sich vor dem Könige nieder, und gaben

sich zu erkennen, dann verehrten sie ihm das Haupt seines Feindes,

welches er mit großer Freude annahm. Es wurde ihnen ein köstliches Mahl

zubereitet, hernach gab man ihnen schöne Kleider und wies ihnen ihre

Wohnungen an. Bald hernach fiel Ivo mit seinem Heere in Spanien ein, und

Reinold und seine Brüder begleiteten ihn auf diesem Zuge. Das Heer war

siegreich, besonders durch die Hülfe der Heymons Kinder, und so zogen

sie endlich wieder nach Hause.

König Carl hatte in Erfahrung gebracht, daß sich Reinold mit seinen

Brüdern beim Könige Ivo aufhielte, er schickte also heimlich eine

Gesandtschaft dahin, um die Auslieferung dieser Ritter zu begehren. Ivo

wollte sich nicht gern gegen König Carl auflehnen, weil er dessen Macht

fürchtete, aber auch nicht gern für undankbar angesehen werden, weil er

durch die Hülfe der Heymons Kinder so siegreich gewesen war; er berief

daher seinen Rath zusammen, damit dieser entscheiden sollte, wie er sich

in einer so bedrängten Lage zu betragen habe. Die meisten der

Rathsherren waren den Heymons Kindern ihres tapfern Betragens wegen sehr

gewogen, nur einige waren ihnen entgegen, und da einer von diesen

vorschlug, daß man sie ausliefern möchte, schlug ihn ein anderer von den

Räthen zu Boden, weil es ein unedler Antrag sei.

Reinold erschien nun selber in der Rathsversammlung, er ließ sich vor

dem Könige auf ein Knie nieder, und begehrte von ihm die hohe einsame

Steinklippe im Meere, um sich dort eine Wohnung zu bauen, und sicher zu

seyn. König Ivo bedachte sich eine Weile, und sein Rath unterstützte

Reinold's Gesuch, aber einer war dagegen, und bestand darauf, daß man

die Brüder zum Besten des Landes ausliefern solle, aber ein anderer

redlicher Rath schlug ihn ebenfalls zu Boden. König Ivo sagte endlich:

Lieben Herren, lasset mir das, ich will dem tapfern Reinold die

Steinklippe geben, wenn er mir verspricht mein ehrlicher Vasall zu sein,

und mich in Kriegen und Ueberfällen zu beschirmen, dazu will ich ihm

gleichfalls meine Tochter Clarissa zum ehelichen Gemal geben, wenn er

mir solches verspricht. Reinold versprach es, und die Hochzeit ward in

Kurzem auf das prächtigste gefeiert.

Achtes Bild.

Die feste Steinklippe Montalban.

Bald nach der Hochzeit versammelte Reinold eine Menge von Maurern und

Zimmerleuten, und gründete so eine Festung, die bald aufgebaut war und

die er Montalban nannte. König Ivo kam und besah die Festung, er

verwunderte sich über den Bau und über die Unüberwindlichkeit der

Steinklippe, denn sie lag im Meer, und der steile Fels war schwer zu

erklettern. Da oben hauste nun Reinold mit seinem Gemal und seinen

Brüdern, und er hatte viele Unterthanen und auch ein ansehnliches Stück

Land vom Könige bekommen. König Carl wollte eine Reise nach St. Jago

machen, da fuhr er an dieser Klippe vorüber, und verwunderte sich über

ihre Festigkeit. Da er hörte, daß das Schloß Montalban heiße und Reinold

angehöre, ward er ergrimmt, und ließ es durch Roland auffordern, und daß

sich Reinold mit seinen Brüdern auf Gnade und Ungnade ergeben sollte.

Reinold aber verließ sich auf die Festigkeit seines Schlosses, und ließ

zurücksagen, daß er sich nichts um König Carl kümmere, und daß er ihn

belagern möchte, wenn er wollte. Das verdroß Carln inniglich; er war

daher kaum von seiner Wallfahrt zurückgekommen, als er eine Menge Volks

versammelte, und damit Reinold in seinem Castell belagerte; aber es war

zu fest, und er mußte unverrichteter Sache wieder abziehn.

Neuntes Bild.

Reinolds Brüder kommen in Gefangenschaft.

Als eines Tages Reinold mit seinen Brüdern zu Tische saß, ward er

plötzlich traurig und ließ den Kopf sinken, so daß sich alle über ihn

wunderten. Adelhart fragte ihn, was ihm fehle, und Reinold antwortete:

Lieben Brüder, ich muß mich gar sehr über Euch wundern, daß keiner von

Euch an unsre vielgeliebte Mutter denkt. Ich habe sie nun in sieben

Jahren nicht gesehn, und weiß nicht, wie es ihr geht, wie sie aussieht,

ob sie in der Zeit nicht schon zum öftern krank gewesen ist. Sie denkt

vielleicht oft an uns, und ich muß Euch sagen, ich habe keine Ruhe, bis

ich gen Pirlapont gereiset bin, und sie wieder mit Augen gesehn habe.

Die Brüder erschraken, und suchten ihm diesen Vorsatz auszureden, weil

eine solche Reise thöricht und gefährlich wäre: denn Aya und Heymon

hatten schwören müssen, die Kinder gefänglich auszuliefern, wenn sie sie

je in die Hände bekämen.

Was ist das Leben, rief Reinold, wenn wir unsre liebsten Wünsche nicht

erfüllen sollen? Und ich sage Euch, daß ich doch sterbe, wenn ich meine

Mutter nicht zu sehn bekomme, ich mag nun hinziehn, oder nicht.

Da wurden die Brüder traurig, weil sie sahen, daß er seinen Sinn fest

darauf gesetzt hatte, und daß kein Ausreden etwas fruchten würde. Sie

gingen daher fort, und im nächsten Walde begegneten ihnen vier

Pilgrimme, in der Pilgerkleidung und mit Palmzweigen in den Händen. Mit

diesen verwechselten die Ritter die Kleider und kamen so an die Thore

von Pirlapont. Aber die Thore waren verschlossen, und als sie deshalb

anklopften, fragte der Thorhüter von den Zinnen der Burg, wer da sei?

Wir sind vier Pilgrimme, antwortete Reinold, wir sind viele merkwürdige

Städte durchwandert, und kommen nun hieher, und haben großen Hunger und

Durst; bitten deshalb, Ihr wollet uns einlassen.

Hier ist viel Jammer im Hause, antwortete der Thorhüter, weil wir

gestern die Zeitung bekommen haben, daß die vier Söhne Heymons in

gefänglicher Haft von König Carl gekommen sind.

Ich bitte Euch um dieser vier Herren willen, antwortete Reinold, daß Ihr

uns einlassen wollet.

Der Thorhüter sprach: Wenn Ihr nicht einen so langen Bart trüget, möchte

ich Euch fast selber für den stolzen Reinold ansehn; und somit stieg er

hinunter und öffnete ihnen das Thor.

Sie gingen zu ihrer Mutter als Pilgrimme, und baten um eine Mahlzeit,

weil sie eine weite Reise gemacht hätten. Sie saßen nun zu Tische, und

Reinold betrachtete seine Mutter sehr genau, endlich bat er sie, ihm

auch einen Trunk Wein zu geben, weil er lange keinen guten Wein

getrunken habe. Die Mutter holte ihm selber eine Kanne mit Wein aus dem

Keller, und schenkte ihm ein. Reinolds Herz ward fröhlich, da er seine

Mutter selber ihm einschenken sah, und trank über die Maaßen, so daß er

ordentlicher weise betrunken ward. Er taumelte umher und begehrte einen

Becher nach dem andern, so daß sich Frau Aya über den lustigen Pilgrim

verwundern mußte. Er ließ sich immer noch mehr Wein einschenken, so daß

sich wohl ihrer vier davon hätten satt trinken mögen, dann taumelte er

umher, und sagte zu seiner Mutter: Nun gebt mir noch einen Becher und

ich will meinem Vetter Carl nichts achten. Adelhart erschrak, als er

diese Worte hörte, er wollte seinen Bruder anstoßen, um ihn zu warnen,

aber Reinold, der trunken war, fiel gleich der Länge nach in den Saal

hin. Die Mutter warf sich auf ihn nieder, und umhalsete ihn, und wollte

vor Freuden gar nicht wieder von ihm lassen, so daß sie Adelhart endlich

vom Boden aufheben mußte; dann umarmte sie auch die übrigen Söhne.

Es war aber einer im Saal zugegen, der dem Könige Carl sehr günstig war,

er ging daher zu Frau Aya und sagte: Gedenket Eures Eides, und liefert

nun Eure Kinder Eurem Bruder aus, der auf Euch ergrimmt ist; wo es aber

nicht geschieht, will ich selbst nach Hofe reiten, und anzeigen, daß sie

sich hier befinden. -- Als Aya diese Worte hörte, fing sie bitterlich an

zu weinen, und klagte: O du arger und gottloser Verräther, hast Du so

lange mein Brodt gegessen, und darfst nun dergleichen Reden gegen mich

führen? Und wenn mein Bruder auch noch viel ergrimmter wäre, so will ich

ihm dennoch meine Kinder nicht ausliefern.

Der Verräther lief hierauf zum Grafen Heymon, und gebrauchte gegen ihn

dieselben Worte, aber Heymon erwischte von ungefähr einen tüchtigen

Prügel, und schlug damit den Verräther zu Boden, und sagte: Nun darf ich

doch versichert seyn, daß Du es nicht bei Hofe anzeigen wirst. Dann ging

Graf Heymon zu seinen Edlen und versammelte sie und viel Volks, daß sie

ihm seine Kinder sollten fangen helfen, damit er sie seinem Eide gemäß

ausliefern könne.

Die Brüder sahen die Macht auf sich zukommen, und waren in großen

Aengsten, sie wußten sich nicht zu rathen, aber endlich trugen sie den

trunknen und schlafenden Reinold in ein Gemach, wo sie ihn verschlossen,

dann nahmen sie ihre Waffen zur Hand, und widersetzten sich dem Volke

des Grafen, das eindrang, um sie gefangen zu nehmen. Der Streit dauerte

länger als einen Tag, denn die Brüder gebrauchten sich sehr tapfer, und

schlugen viel Volks darnieder.

Reinold erwachte nun wieder und war nüchtern, er sah die Bedrängniß

seiner Brüder, und eilte sogleich hinzu, um ihnen beizustehn. Er sprang

sogleich in das Volk hinein, wo es am dicksten stand, und vor seinem

guten Schwerte stürzte alles nieder und entfloh; worauf Heymon sagte:

Ich sehe wohl, daß meine Kinder diesmal werden ungefangen bleiben, denn

Reinold hält sich besser, als alle zusammen. Reinold kam in Wuth und

drang auf seinen Vater ein, um ihn niederzuhauen; als Adelhart das

gewahr ward, eilte er auf ihn zu und hielt ihn zurück. Laß mich nur,

rief Reinold aus, ich will ihn lehren seine Kinder fangen. -- Aber

Adelhart sagte: Bedenke, Bruder, daß man dann bis in die spätesten

Zeiten von uns, als von Bösewichtern sprechen wird, daß kein edles

Gemüth mit uns wird Gemeinschaft pflegen wollen; nein, es ist

schändlich, lieber Bruder, und gegen die Religion, warum willst Du den

Vater tödten? Es ist ja sonst noch Volks genug da, das Du umbringen

kannst.

Reinold sah die Worte seines Bruders ein, und ließ von seinem Vorhaben

ab, aber er wüthete desto ärger gegen die Uebrigen, so daß alles umkam

oder flohe, und sich ihm sein Vater gefangen geben mußte. Reinold nahm

nunmehr seinen Vater und band ihn rücklings auf sein Pferd, dann gab er

den Zügel einem Knaben in die Hand, der es so an den Hof des Königs Carl

führen mußte. Der Thorhüter am königlichen Pallaste verwunderte sich

sehr, als er den Grafen so ankommen sah; er fragte erstaunt: Wer ist so

kühn, Herr Graf, daß er es wagen darf, Euch als ein Präsent an den Hof

zu schicken? Ach, das haben mir meine Kinder gethan, antwortete Heymon,

darum, daß ich sie habe fangen wollen.

König Carl ward ungemein betrübt, als er diese Nachricht empfing, er

brachte schnell eine Macht zusammen, um die Brüder zu belagern und sie

in seine Gewalt zu bekommen.

Reinold sah, wie sich die Schaaren versammelten, und ward in seinem

Gemüthe sehr betrübt. Er stand auf der Zinne der Burg und sah wie das

feindliche Heer seine Gezelte aufschlug, um ihn und seine Brüder zu

belagern. Er ging zu seiner Mutter und fragte sie, ob sie keinen Rath

wüßte, denn nun wäre an kein Entrinnen mehr zu denken, er müßte sich dem

König gefangen geben. Frau Aya weinte, da sie ihren tapfern Sohn so

reden hörte, er war der jüngste und ihr der liebste, und sie gedachte,

daß er noch am ersten seine Brüder retten könne, wenn sie ihm zur Flucht

behülflich wäre. Sie ließ ihn daher sein Pilgerkleid wieder anziehn,

dann schaffte sie ihn heimlich zu einer verborgenen Thür hinaus, und so

entkam Reinold.

Die übrigen Brüder aber waren in der größten Betrübniß, denn sie

fürchteten sich sehr vor König Carl, besonders da sie jetzt ihren Bruder

Reinold nicht mehr bei sich hatten. Die Mutter schlug ihnen vor,

barfüßig und in wollenen Hemden in das Lager des Königs zu gehn, und

fußfällig um Verzeihung zu bitten; sie folgten ihrem Rathe, und stellten

sich vor dem König Carl, ihren Feind. Carl war sehr ergrimmt, und fragte

gleich nach Reinold; sie sagten daß er entwischt sei, worüber der König

noch mehr aufgebracht wurde, und schwur, sie alle hängen zu lassen, wenn

der Reinold erst zur Gesellschaft hinzugekommen wäre.

Reinold war indessen auf Montalban angelangt, und voller schwermüthigen

Gedanken. Er warf sich vor, daß er an der Reise seiner Brüder Schuld

sei, und sie jetzt feigherzigerweise verlassen habe. Er bestieg sein Roß

Bayart und beschloß sie zu erretten. So ritt er mit diesem Gedanken bis

vor die Stadt Paris, wo er im Wald stille hielt, und bemerkte, daß ihm

ein Jüngling nachgekommen sei, der in seinen Diensten war. Bist Du

nachgekommen, mich zu verrathen? rief Reinold. Wie sollt ich, antwortete

der Jüngling, zu einer so schändlichen Absicht einen so weiten Weg

zurückgelegt haben? Nein, ich bin Euer Diener und Ihr könnt meiner

vielleicht gebrauchen.

Gut, sagte Reinold, so sollst Du ein Abgesandter von mir an König Carl

sein, doch sieh Dich ja gut vor, daß Du Dir einen guten Bürgen setzen

lässest, denn Du sollst ihm harte Worte überbringen. Sage ihm von

meinetwegen, daß ich es weiß, daß meine Brüder in seiner Haft sind, aber

er solle sich wohl vorsehen, ihnen einiges Leid zuzufügen. Wir sind alle

erbötig Sr. Majestät treu und ehrlich zu dienen, auch in wollenen Hemden

und barfüßig demüthigst um Verzeihung zu bitten, aber er soll sie

freilassen, und uns in seine Dienste nehmen. Will er sie aber nicht los

und ledig geben, so sag ihm nur, wollt' ich meine ganze Macht daran

strecken, und nicht eher ruhen und rasten, bis ich ihm so, wie dem

Könige Carlmann gethan hätte.

Der Jüngling wollte gehn, aber Reinold rief ihn zurück. Nein, sagte er,

Gott bewahre meinen Arm, daß ich Seine Majestät, meinen König und Vetter

umbringen sollte; das sei fern von mir, denn es wäre ein grausames und

unmenschliches Beginnen. Aber sage mir meine Botschaft gut und

verständig, daß er meine Brüder soll freigeben und daß wir ihm treu

dienen wollen, aber er muß uns vergeben; will er aber meine Brüder

hängen lassen, so will ich meine ganze Macht daran strecken und es soll

ihm dann nimmermehr gut gehn.

Der Bote verfügte sich nun in die Stadt, und ging an den Hof zu König

Carl, wo er seinen Auftrag ausrichtete. Er ließ sich aber vorher den

König Carl selber zum Bürgen setzen, daß er frei zurückkönne, und es war

gut, daß er es gethan hatte, denn König Carl wurde ungemein ergrimmt

über Reinold und seinen Abgesandten, so daß er ihn gewiß würde habe

hängen lassen, wenn er ihm nicht so sichere Bürgschaft zugesagt hätte.

Reinold wartete im Walde auf seinen Boten, er war vom Pferde gestiegen

und ging unter den Bäumen auf und ab, sein Pferd hatte er an einen Stamm

gebunden. Indem er so wartete und über das Schicksal seiner Brüder

nachdachte, überfiel ihn eine Schläfrigkeit. Er legte sich nieder, und

ehe er es noch bemerkte, war er unter dem Rauschen der alten Bäume fest

eingeschlafen. Indem bekam Bayart ein Gelüste nach dem frischen Grase,

weil er hungrig war, er schüttelte sich also so lange, bis er vom Baume

los war, dann ging er nach seiner Lust auf der Weide, weil er seinen

Herrn schlafen sah. Dreißig Bauerknechte waren von ohngefähr im Walde,

wo sie Holz fällten, diese wurden das Roß Bayart gewahr und erkannten es

sogleich, daß es Reinolds Pferd sei. Sie machten den Plan, das Roß zu

fangen, und umgaben es mit Bäumen und Zweigen von allen Seiten, so daß

es nicht davon kommen konnte. Dann banden sie es und führten es nach

Paris. Carl war erfreut, daß er das Roß erobert hatte, er schenkte es

sogleich dem Grafen Roland, der sich im Herzen heimlich darüber

betrübte, daß man es seinem Vetter Reinold entwendet hatte.

Reinold erwachte und sah, daß sein treues Roß fort war, er suchte es

lange im Walde und war überaus bekümmert. Als er es aber nicht

wiederfand, ward sein Jammer groß, er zog den Harnisch aus und warf ihn

in's Gebüsch, eben so sein Schwert und seinen Schild. Wohl bin ich nun

wie ein Thor bestraft, rief er aus, ich Unglückseliger! der ich dem

Könige Carl so große Worte sagen lasse, und nun nichts davon in's Werk

richten kann. Was für Macht soll ich nun daran strecken, um sie zu

befreien? Bayart ist mir gestohlen, und ich möchte hier im wilden Walde

lieber gleich umkommen, denn meine Brüder sind verloren, und ich kann

gar nichts thun um sie zu erretten.

Solche Klagen trieb Reinold und warf sich dann auf den Boden und machte

die wunderlichen Geberden eines Menschen, der in Verzweiflung ist.

Zehntes Bild.

Die Kunst des Malegys.

Indem trat ein alter Pilgrimm aus dem Gebüsche und ging auf Reinold zu.

Er hatte weiße Haare und einen langen Bart, seine Augenbraunen hingen

ihm über das Gesicht, so daß er durch die Haare sehen mußte, und man von

ihm glauben konnte, daß er wohl an zwei hundert Jahr alt sei. Er ging an

einem Pilgrimmsstabe und hinkte langsam daran einher. Reinold

verwunderte sich über die alte Gestalt, die auf ihn zukam.

Der Alte sagte: ei, junger Herr, worüber trauert Ihr denn so sehr? Ich

bin weit und breit die Länder durchzogen, aber nirgends, das mag ich

sagen, habe ich eine Person angetroffen, die so traurig gewesen wäre,

als Ihr es zu sein scheint. -- Ich habe auch die größte Ursache zur

Traurigkeit, antwortete Reinold, denn meine Brüder sind verloren, und

ich kann ihnen nunmehro auch nicht helfen, weil man mir mein Roß Bayart

gestohlen hat. Ich hatte mir große Thaten vorgesetzt, und wollte sie

befreien, aber Gott hat es anders gelenkt, darum will ich auch nicht

länger widerstreben, sondern mich für überwunden erkennen und mein

ganzes Leben aufgeben, denn ich fühle eine große Lust in mir zu sterben.

-- Das muß nie sein, antwortete der alte Pilgrimm, richtet Euch wieder

auf, die Hülfe ist oft am nächsten, wenn man sie am wenigsten vermuthet,

und verehret mir ein Almosen, damit ich für Euch und Eure Brüder beten

könne.

Reinold bedachte sich, weil er kein Geld bei sich hatte, da fielen ihm

seine goldenen Sporen ein, die ihm jetzt gar nichts mehr nütze sein

konnten, da er Bayart verloren hatte. Er band sie also los und gab sie

dem Pilgrimm, der sie sogleich in einen Sack steckte. Wenn Ihr mir noch

etwas zu geben habt, sagte der alte Pilgrimm, so gebt es mir, und ich

will in meinem Gebete Eurer dafür gedenken. -- Wenn ich mich nicht

schämte, fuhr Reinold auf, so wollte ich Dich das Bettlerhandwerk

lehren, daß Du daran gedenken solltest. Er meinte nemlich, ihm mit dem

Schwerte eins zu versetzen, wenn der Pilgrimm nicht zu alt und hinfällig

gewesen wäre.

Warum werdet Ihr böse? fuhr der Alte fort, der guten Gaben kann man

niemalen zu viele sammeln, und im Alter kommen sie einem gut zu statten;

darum, wenn Ihr noch etwas zu geben habt, so gönnt es mir lieber, als

einem andern.

Reinold zog hierauf sein kostbares Unterkleid aus, und sagte: siehe, ich

gebe Dir das, davon magst Du eine lange Zeit leben. Der Pilgrimm nahm

das Kleid und steckte es in den Sack und sagte: Ich danke Euch, Herr

Ritter, wenn Ihr noch etwas zu geben habt, so gebt es mir, ich will

Eurer Brüder dafür in meinem Gebete gedenken. Da ward Reinold zornig,

und zog sein Schwert und hieb nach dem Pilgrimm; der aber sprang zurück

und verwandelte sich in einen schönen Jüngling von zwanzig Jahren, aber

gleich darauf war er wieder der Alte. Reinold erstaunte, und holte noch

einmal mit dem Schwerte aus, der Pilgrimm sprang aber wieder zurück und

stand als ein schöner Jüngling da. Darauf wurde Reinold verwirrt und

sagte: Jetzt ist mein Unglück auf das Höchste gestiegen, meine Brüder

sind todt, dazu ist mein Roß Bayart gestohlen, mich selber wird man

aufhängen, und der Teufel kömmt nun gar noch und fängt an mich zu

vexiren: das kann und soll nicht so sein! Er stürzte mit Wuth auf den

Jüngling zu, um ihn niederzuhauen, der aber fürchtete sich und rief:

Seht Euch vor, was Ihr thut, denn ich bin Euer Vetter Malegys!

Kaum hatte Reinold diese Worte vernommen, so fiel er auf seine Kniee

nieder und bat um Verzeihung und Beistand. Malegys nahm ihn nun in die

Arme, tröstete ihn mit kräftigen Worten und versprach ihm, ihm sein Roß

Bayart wieder zu verschaffen. Reinold wurde wieder froh und so machten

sich beide Ritter auf den Weg nach Paris.

Malegys verwandelte den Reinold in einen ganz alten und schwachen

Pilger, und so machte er sich auch selber wieder zu einem alten Mann. So

kamen sie in die Stadt und setzten sich auf die große Brücke nieder, und

die Vorbeigehenden gaben ihnen Allmosen, denn sie sahen gar zu

erbärmlich aus, besonders Reinold, der für einen Todtkranken in einer

Ecke der Brücke lag. Es war grade an demselben Tage, an welchem Roland

sein geschenktes Pferd probiren wollte und es lief viel Volks zusammen,

und viele Ritter und Damen, um den Kurzweil mit anzusehn. Reinold hatte

sich seine Sporen wieder anlegen müssen, ohne daß man sie sehn konnte,

um desto besser gerüstet zu sein.

Es kam nun König Carl über die Brücke mit dem Grafen Roland, und Bayart

ward hintennach geführt. Der König sah die Pilgrimme, gab dem Malegys

ein Allmosen und ließ sich mit ihm in eine Unterredung ein. Malegys

erzählte viel von den Ländern, durch die er gereiset war, eben so auch

von der seltsamen Krankheit seines Gefährten; indem so kam Bayart näher,

weil er seinen Herrn witterte, und schnupperte den Reinold freundlich

an. Da Malegys das sah, schlug er das Roß mit seinem Stabe zurück,

gleichsam als wenn sich sein Gefährte davor fürchtete. Darauf sagte er

zum Könige, daß ihm ein weiser Einsiedler gesagt hätte, sein Geselle

würde sogleich gesund werden, wenn er nur einmal so glücklich sein

könnte, auf dem Rosse Bayart zu reiten. Der König antwortete: welch ein

glücklicher Zufall, denn das ist eben das Roß Bayart, welches wir mit

uns führen, und seht, das unverständige Thier schnuppert immer nach

Eurem Gesellen hin, das muß fürwahr ein wunderbarer Mann sein.

Darauf befahl er, daß Graf Roland den kranken Pilgrimm nehmen und auf

das Pferd setzen möchte; es geschah, aber der Pilgrimm fiel sogleich

wieder ab. Roland setzte ihn zum zweitenmal hinauf, und der Pilgrimm

fiel von der andern Seite wieder ab, endlich als Reinold zum drittenmale

in den Sattel gesetzt ward, blieb er aufrecht sitzen und das Roß spürte

nun seinen Herrn wieder und bäumte sich, und wollte von dannen laufen.

Da gab ihm Reinold noch die Sporen und ließ ihm den Zügel schießen, und

das Roß sprang gar behende davon und kam den Rittern bald aus den Augen.

Malegys erhob über seinen Gefährten ein großes Klagegeschrei, der gewiß

den Hals brechen würde, und Turpin der Bischof, Roland, Olivier und

Ogier ritten dem entflohenen Pferde nach.

Im Walde hielt Reinold still, weil er diese Herren nachkommen sah, und

gab sich ihnen zu erkennen, denn er wußte, daß sie es alle gut mit ihm

meinten. Sie versprachen ihm auch, bei dem Könige für seine Brüder zu

bitten, und ritten so zur Stadt zurück. Zum Könige sagten sie, sie

hätten das Roß nicht ereilen können, worüber Malegys ein noch lauteres

Klagegeschrei erhob; der König bedauerte ihn und gab ihm eine Verehrung.

Dann entfernte sich der listige Zauberer, als wenn er zum Besten seines

verlornen Gefährten eine heilige Wallfahrt vornehmen wollte.

Eilftes Bild.

Malegys errettet die Brüder aus dem Gefängnisse.

König Carl ließ nunmehr seinen Rath versammeln, um über die drei

gefangenen Brüder ein Urtheil zu sprechen. Er ließ sie in den Saal

bringen und ihnen wie Missethätern die Hände auf den Rücken binden.

Darwider setzte sich Bischof Turpin und behauptete, daß sich das nicht

gezieme, weil diese Herren von fürstlichem Geblüte seien. Carl aber that

einen Schwur, daß er sie wollte henken lassen, weil sie seinen Sohn

Carlmann umgebracht hätten. Turpin versetzte dagegen, daß er es

nimmermehr zugeben würde, und daß gewiß der größte Theil der

Ritterschaft seiner Meinung wäre, weil die meisten mit den Gefangenen

verwandt wären. Darüber wurde König Carl zornig und schlug nach Bischof

Turpin, der Bischof aber ergriff den König beim Halse und hätte ihn

beinahe erwürgt, wenn nicht Roland und andre Genossen hinzugesprungen

wären und die Einigkeit wieder hergestellt hätten. Es wurde endlich

beschlossen, daß die Gefangenen noch auf einige Zeit verwahrt gehalten

werden sollten, worauf man sich denn nachher noch einmal bedenken

wollte.

So entgingen die Brüder noch dem Tode, denn dieser Tag war für sie ein

gefährlicher Tag gewesen, und sie hatten ihr Leben schon für verloren

geachtet.

In der Nacht machte sich Malegys auf und ging nach dem Gefängnisse. Vor

seiner Kunst sprangen sogleich alle Thüren auf, auch fielen den

Gefangenen die Ketten von den Händen. Er gab sich ihnen zu erkennen und

führte sie bis an die Brücke vor Paris, dann sagte er: ich muß nun noch

zum König Carl gehn, denn ich habe vergessen ihn um Erlaubniß zu fragen.

Ritsart antwortete: Ach, Vetter, diese Erlaubniß wird er Euch nimmermehr

geben, denn er hat seine Freude daran, daß er uns will henken lassen.

Aber Malegys ging vor das Bett des Königs Carl, der noch im tiefsten

Schlafe lag, und fragte ihn, ob er ihm erlauben wolle die Brüder aus dem

Gefängnisse zu führen. Carl antwortete: Führe sie, wohin Du Lust hast,

denn mich kümmert es nicht; es wußte nämlich der König nicht, was er

redete oder sagte. Somit nahm Malegys zugleich auch das Schwert und die

Krone Carls, so daß dieser es sah, dann verließ er ihn und eilte mit den

erretteten Brüdern nach Montalban.

König Carl war sehr ergrimmt, als er am Morgen seine Krone, sein Schwert

und seine Gefangenen vermißte.

Zwölftes Bild.

Ein Wettrennen mit Pferden.

König Carl bekam Lust, das beste Pferd in seinem ganzen Lande kennen zu

lernen, um es für Roland zu kaufen, damit dieser sich dann desto

zuverlässiger dem Reinold widersetzen könne, denn durch Roß Bayart war

Reinold selbst dem mächtigen Roland überlegen. Der König setzte also die

neue Krone, die er sich hatte machen lassen, zum Preise aus, für

denjenigen, der mit seinem Pferde zuerst das Ziel erreichen würde, er

wollte demjenigen Ritter dann die Krone für den vierfachen Preis

abkaufen, dazu auch das Roß; auf diesem Wege hoffte er das beste Roß zu

erhalten.

Malegys und Reinold hörten von diesem Turnier, und sie machten sich

alsbald mit den Brüdern auf den Weg nach Paris. Unterwegs aber

verwandelte Malegys den Reinold in einen Jüngling von vierzehn bis

funfzehn Jahren, so daß ihn Niemand erkennen mochte; eben so vertrieb er

dem Rosse Bayart die schwarze Farbe und machte ihn zu einem großen und

starken Schimmel: über welche Kunststücke Reinolds Brüder sehr lachen

mußten, denn sie erkannten selber ihren Bruder und das Roß Bayart nicht

wieder. So zogen sie fort und kamen in Paris an, die Brüder aber blieben

außerhalb der Stadt.

Als sie in der Herberge abgestiegen waren, ging Malegys in den Stall und

band Bayart den einen Schenkel fest, so daß er nicht recht gehen konnte,

dazu verwandelte er ihn auch so, daß er ein ganz dürres und mageres

Ansehn hatte. Der Wirth war höchlich darüber verwundert, und sagte

schmählend zu Malegys: O du böser Geselle, der du dieses gute Roß also

verdorben hast, ganz gewiß bist du Malegys und dein Geselle dort der

verbannte Reinold, ich will gleich zum Könige gehn und es anzeigen. Als

Reinold diese Worte hörte, zog er sogleich sein Schwert und hieb dem

verrätherischen Wirthe das Haupt ab.

Es war nun der Tag, an dem das Turnier gehalten werden sollte. Malegys

ritt auf der andern Seite zur Stadt hinaus, und Reinold kam mit seinem

dürren und hinkenden Klepper auf den Turnierplan. Alle Ritter spotteten

des Jünglings und seines Pferdes, nur ein schalkhafter Knecht war unter

ihnen, welcher sagte: wenn ich anders den Reinold je gesehen habe, so

ist es dieser Jüngling, und dieses sein Roß muß Roß Bayart sein. Bayart,

der diese Worte verstand und für seinen Herrn besorgt war, schlug von

hinten aus, so daß der Knecht todt niederfiel. Die Ritter sagten: das

Roß hat Recht gethan, warum hat er es also belogen?

Der Wettlauf nahm nun seinen Anfang, und die übrigen Ritter waren mit

ihren Pferden schon weit voraus; da löste Reinold dem Bayart heimlich

den gebundenen Schenkel, und von Stund an bekam das Pferd sein frisches

und gesundes Aussehn wieder, und der König und sein ganzes Gefolge

verwunderten sich über die Maaßen. Das Roß trieb nun ein Springens und

Laufens, wie es fast noch nie gethan hatte, so daß es bald allen übrigen

Pferden zuvorkam, worüber sich Reinold ungemein erfreute, denn er hatte

eine große Begierde zu der Krone. Als er endlich an das Ziel gekommen

war, nahm er die Krone von dem Orte weg, wo sie aufgestellt war, sprang

mit dem Rosse in die Seine und schwamm behende an das jenseitige Ufer.

König Carl war erstaunt und erschrocken, er rief dem Ritter nach, aber

Reinold hatte drüben schon seinen Vetter Malegys gefunden und rief

zurück: seht, ich bin Reinold, und dieses hier ist mein Roß Bayart, kein

beßres giebt's in der ganzen Welt mit Laufen und Springen, es ist daher

nur vergebene Mühe von Ew. Majestät, ein besseres aufsuchen zu wollen.

König Carl erschrak heftig und bat ihn zurückzukommen, er wolle ihm und

seinen Brüdern vergeben und ihnen Aemter ertheilen, darneben ihm die

Krone für den vierfachen Werth mit Gold abkaufen. Aber Reinold sagte:

Ich traue Eure Majestät nicht so viel, überdies, was wollt Ihr mit einer

Krone? Ihr seid ja ein Roßtäuscher geworden und dürft also keine Krone

tragen. Mit diesen Worten ritt er mit der Krone fort, und keiner wagte

es, in die Seine zu springen, weil sie die Kunst des Zauberers Malegys

fürchteten.

Die Brüder waren sehr erfreut, als sie den Reinold mit der kostbaren

Krone ankommen sahn; aber König Carl war sehr betrübt, daß er nun auch

seine zweite Krone verloren hatte, die er sich erst neu hatte machen

lassen.

Dreizehntes Bild.

König Ivo ein Verräther.

Es nahte sich jetzt das Pfingstfest, an dem König Carl immer seine Edle

und Fürsten zu versammeln pflegte; er mußte sich daher zu dieser

Feierlichkeit eine neue Krone verfertigen lassen, damit er in seinem

Schmucke und dem schicklichen Glanze erscheinen könne. Dann lud er alle

zum Feste ein, vorzüglich aber den König Ivo von Tarragon. Als sie

erschienen waren, wurde jeglichem sein Sitz angewiesen, und eine überaus

schöne Musik erklang; König Ivo aber aß mit König Carl an einem

besondern Tische, so daß ihm also dadurch eine große Ehre widerfuhr.

Nachdem man die Tafel aufgehoben hatte, nahm Carl den König Ivo bei der

Hand, und beide gingen im Garten spazieren. Carl sagte: Mein König, es

wird Euch bewußt sein, wie Euer Eidam meinen Sohn Carlmann erschlagen

hat, es ist mir unmöglich, den Mörder in meine Gewalt zu bekommen; so

Ihr ihn mir aber ausliefern wollt mit seinen Brüdern, will ich Euch eine

große Summe Goldes dafür verehren.

König Ivo freute sich, als er diesen Vorschlag hörte, denn er liebte das

Gold über die Maaßen, dazu so schmeichelte ihm das Vertrauen und die

Freundschaft König Carls, auch hatte er nun schon die treuen und

redlichen Dienste der Heymons Kinder vergessen, so daß er dieserwegen

den Handel einging, und die vier Brüder ohne Wehr und Waffen nach

Falkalon zu liefern versprach. Hierauf umarmten sich beide Könige von

Herzen, und Ivo zog sogleich nach Montalban, Carl aber schickte viel

Volks nach Falkalon, um die Brüder gefangen zu nehmen, und sie sich todt

oder lebendig überliefern zu lassen, damit die verdrüßlichen Händel ein

Ende gewinnen möchten.

Reinold war mit seinen Brüdern auf die Jagd gezogen, und er ritt nun mit

ihnen nach seinem Schlosse Montalban zurück. Aber plötzlich überfiel ihn

eine große Traurigkeit, so daß er den Kopf sinken ließ, und gebückt und

bekümmert auf seinem Pferde saß. Die Brüder wurden besorgt und fragten

ihn, was ihm fehle, daß er sich also in Gedanken verliere. Reinold

antwortete: ach, meine lieben Brüder, ich kann es Euch nicht sagen, wie

es geschieht, daß ich allen meinen Muth so plötzlich verliere, so daß

ich sagen möchte, mir ist wie einem schwachen Greisen zu Sinne, der das

Ende seines Lebens wünscht. Der Wald hier, in dem ich so oft gejagt

habe, kömmt mir so finster und traurig vor, ich freue mich auf nichts

und fürchte innerlich ein Uebel, das uns bevorsteht. -- Die Brüder

sagten: Du bist müde, Reinold, denn wir haben den ganzen Tag gejagt.

Indem kamen sie aus dem Walde und Reinold gewahrte viel Volks auf den

Zinnen seiner Burg. Heiliger Gott! rief er aus, wie viel Volks seh ich

da oben? Was mögen sie wollen, und wo mag mein Gemal und mein Vetter

Malegys sein? Ein Bote kam ihnen entgegen und sagte ihnen, daß König Ivo

auf dem Schlosse wäre, worüber sich Reinold sehr erfreute, denn er

gedachte nicht, daß ihm sein Schwiegervater einen solchen Possen spielen

könne.

Reinold wollte den König Ivo küssen, aber dieser sagte: Laß das, mein

Sohn, ich kann das Küssen jetzt nicht vertragen, denn ich habe einen

Fluß am Haupte. Reinold erkundigte sich nun nach der Ursach seines

Besuchs, und Ivo sagte ihm, daß er bei König Carl gewesen wäre, und

zwischen ihm und den vier Brüdern einen Frieden geschlossen hätte.

Reinold freute sich sehr, als er diese Neuigkeit erfuhr, denn er

wünschte nun endlich in Sicherheit leben zu können; die andern Brüder

aber setzten ein Mißtrauen in die Rede des Königs. Reinold wollte mit

tausend Mann aufbrechen, um doch einigen Schutz zu haben, wenn Carl

gegen sein Wort handeln sollte, aber Ivo sagte ihm, daß der Vertrag so

gemacht wäre, daß sie ohne alle Waffen und baarfüßig nach Falkalon auf

Eseln reiten sollten, dann sollten sie vor König Carl auf die Kniee

fallen und so würde er ihnen dann vergeben. Darüber wurde Reinold auch

nachdenklich und er antwortete: daß er darüber erst mit seiner

Hausfrauen Clarisse und mit seinen Brüdern rathschlagen wolle; worüber

Ivo erschrak, denn er fürchtete, daß ihm seine List nicht gelingen

werde.

Clarisse fiel ihrem Gemal Reinold um den Hals und weinte und beschwur

ihn, daß er nicht wegreisen möchte, weil ihr ihr Herz irgend ein Unglück

weissage. Reinold fragte: Was sollte mir begegnen? Euer Vater hat einen

guten Frieden geschlossen, und wir werden hinführo in aller Sicherheit

leben können. Ach, antwortete Clarisse, ich sehe wohl, Ihr kennt meinen

Herrn Vater noch nicht, denn ich muß Euch sagen, er ist sehr geldgeizig

und hat Euch ganz gewiß an den König Carl verrathen. Hierauf wurde

Reinold zornig und sagte: Ihr seid eine sehr schlechte Tochter, daß Ihr

also von Eurem leiblichen Vater reden dürft, nein, nun will ich ihm um

so mehr vertrauen und kühnlich nach Falkalon zu König Carl ziehn; denn

warum soll mich Ivo, mein zweiter Vater, verrathen? Hab' ich ihm doch

von jeher nichts als lauter Gutes erwiesen und treue und redliche

Dienste geleistet, das wird er nicht also geschwinde vergessen können,

daß er mich verrathen sollte, will mich also stracks auf den Weg machen.

Clarisse wurde sehr betrübt, da sie ihren Herrn so entschlossen sah; sie

rief heimlich Ritsart zu sich und sagte: Ritsart, ich halte dafür, daß

Euch allen Vieren großes Unglück begegnen wird, nimm deshalb diese vier

Schwerter, aber laß meinen Herrn Reinold nichts davon merken, darunter

ist eins, Florenberg, das an Vortrefflichkeit seines Gleichen sucht.

Ritsart nahm die Schwerter und verbarg sie unter seiner Kleidung, und

nun zogen die Brüder aus auf vier Eseln und barfuß und in wollenen

Hemden. Es war am frühen Morgen, und Reinold fing an mit lauter Stimme

ein Lied zu singen, um sein trauriges Herz etwas zu erheitern, welches

ihm aber sein Bruder, der betrübte Adelhart, heftig verwieß.

So zogen sie fort und kamen gen Falkalon. Schon in der Ferne sahen sie

viel Volks stehen, das bewaffnet war und auf sie wartete. Da wurde

Reinold betrübt und sagte: Ach, meine Brüder, ich sehe nun wohl ein, daß

uns mein Schwiegervater Ivo verrathen hat, denn dort sind viele

gewaffnete Leute, die auf uns warten, dazu haben wir keine Rüstung und

Waffen, auch kein Pferd als unsre Esel. Indem kamen die Feinde näher,

und der Anführer der Schaar rennte mit seinem Speere voraus, um Reinold

nieder zu stechen, indem er rief: Ergieb Dich nun, stolzer Reinold, denn

Dein Schwiegervater hat Dich um eine große Summe Goldes dem Könige

verkauft. Reinold ließ sich schnell von seinem Esel zur Seiten ab, aber

der Speer traf ihn doch, so daß er für todt auf der Erden lag. Darüber

wurden die Brüder sehr bekümmert, aber Reinold richtete sich bald wieder

auf: da ging Ritsart zu ihm und gab ihm das Schwert Florenberg in die

Hand und sagte: sieh, mein Bruder, das hat mir Deine Hausfrau Clarisse

zu unserm Schutze gegeben; gab auch den andern Brüdern jedem ein Schwert

und behielt auch für sich eins. Als Reinold das Schwert sahe sagte er: O

Bruder, nun ich meinen Florenberg in der Hand habe, bin ich voll guten

Muths, und ich will nicht mehr Reinold heißen, wenn ich alle diese

fürchte.

Das Volk war indessen mit seinen Anführern angerückt, und es entstand

ein blutiges Treffen; alle vier Brüder gebrauchten sich so tapfer, wie

es nur je die größten Helden haben thun können, vorzüglich aber Reinold,

der mehr Thaten that, als sonst ein Mensch zu thun im Stande ist. So

dauerte das Gemetzel bis in die Nacht; da zogen die Brüder die Harnische

der Erschlagenen an und stiegen auf die Pferde.

Am Morgen erneuerte sich der Kampf, und Writsart wurde im Gedränge

gefangen genommen, denn das Pferd war ihm unter dem Leibe zu Tode

gekommen. Eine Schaar führte den Gefangenen weg um ihn König Carln zu

überliefern; Adelhart wurde es zuerst inne, daß ein Bruder fehle und

sagte es dem Reinold; dieser wurde wüthend und drang darauf, daß man

Writsart wieder frei machen müsse; aber Adelhart sagte: Lieber Bruder,

es ist uns für dieses mal unmöglich, wenn wir ihnen nachsetzen, wird uns

die Menge umzingeln und überwältigen; immer noch besser, daß der eine

verloren geht, als wir alle. Aber Reinold wurde zornig und sagte: Sollen

wir es dulden, daß ein Bruder von uns gehenkt werde? daß man nachher

sage: sehet, das sind die Brüder, die so lange gegen König Carl

gestritten haben, und es doch am Ende haben leiden müssen, daß man einen

von ihnen gehenkt hat? Nein, lieber will ich mein Leben daran setzen,

denn fürwahr, das wäre uns eine sehr schlechte Ehre.

Er ritt also durch das Gedränge und traf auf die Schaar, die seinen

Bruder Writsart wegführte; der eine von ihnen sah sich um und sagte:

seht, da kömmt Reinold und geberdet sich nicht wie ein Mensch, sondern

wie ein wahrer Teufel, lasset uns alle davon fliehen! Reinold kam

herangesprengt und hieb die ersten nieder, die übrigen flohen, und so

war Writsart wieder frei; worauf Reinold sagte: Bruder, ich habe Euch

diesmal wieder frei gemacht, aber ich sage es Euch, es geschieht nicht

wieder; warum lasset Ihr Euch so gar leichtlich fangen? Writsart sagte:

Bruder Reinold, es war nicht meine Schuld, mein Pferd war todt, dazu so

hatten sie mir im Handgemenge mein Schwert zerschlagen. Nun, es soll

Euch für diesmal vergeben sein, sagte Reinold; und so ritten sie wieder

in den Kampf hinein.

Die Schlacht dauerte fort, aber es kam zu den Feinden eine Verstärkung.

Ritsart war schwer verwundet, und so mußte endlich Reinold mit seinen

Brüdern die Flucht ergreifen.

Vierzehntes Bild.

Die Belagerung auf dem Berge.

Reinold nahm den verwundeten Ritsart hinter sich aufs Pferd und er und

die andern Brüder flohen auf einen nah gelegenen Berg. Derselbe Berg war

sehr hoch und steil und ganz aus Marmorstein, und so beschaffen, daß nur

immer ein Mann heraufgehn konnte. Von oben warf Reinold nun mit

gewaltigen Steinen herunter, so daß Roß und Mann starb und Niemand sich

dem Berge zu nähern getraute. Graf Calon, der das Heer anführte, sprach

mit Ogier, der gerne seinen bedrängten Verwandten beigestanden hätte,

wenn ers gewagt hätte, ohne für einen Verräther angesehn zu werden. Er

ging dem Berge näher, um mit Reinold Unterhandlungen zu pflegen und ihn

zu fragen, ob er sich ergeben wolle, oder noch länger zu fechten

gedächte; er rief daher hinauf, daß Reinold mit Steinwürfen inne halten

solle, er habe etwas mit ihm zu reden. Als er oben kam, sah er, daß die

andern drei Brüder auf ihren Knieen lagen, und Gott um Hülfe anflehten,

und daß Reinold nur noch allein wacker sei. Er rieth ihnen hierauf, den

Berg nicht zu verlassen und ging wieder fort, indem er sie in den Schutz

Gottes befahl.

Reinold hatte auf Montalban einen Jüngling zurückgelassen, der die

Wissenschaft verstand, in den Sternen des Firmaments bei der Nacht zu

lesen; dieser stand oben auf der Burg und sah aus dem Laufe der

Gestirne, daß Reinold sich mit seinen Brüdern in der größten Gefahr

befinde, und daß er auf einem Berge belagert sei, imgleichen, daß König

Ivo ihn um eine große Summe Goldes an Carl verrathen habe. Er lief

sogleich zu Malegys, um es ihm anzusagen; dieser stand lustig in der

Küchen und ordnete ein Abendessen an, weil er glaubte, daß die Brüder

noch in dieser Nacht wiederkehren würden. Da Malegys das Unglück hörte,

wollte er sich selber erstechen, so sehr war er in Verzweiflung; aber

der Jüngling sagte: Malegys, was sollte Euch das helfen, wenn Ihr Euch

umbrächtet? Suchet lieber Eure Vettern zu erretten, und nehmt derohalben

Kriegesknechte mit Euch und setzt Euch auch auf das gewaltige Roß

Bayart. Malegys fand den Rath gut, er foderte die Knechte auf und ging

in den Stall, um auf Bayart zu steigen. Aber Bayart schlug und biß um

sich, wollte Niemand aufsteigen lassen, denn allein Reinold; Malegys

aber erwischte einen Prügel, in der Meinung, das Roß mit Gewalt zu

bezwingen, aber Bayart setzte sich auf die Hinterbeine und hätte den

Malegys fast zerrissen, wenn er nicht schnell zurückgesprungen wäre. Da

wurde Malegys betrübt und sagte: O du schändliches Roß! willst du nun in

der Noth deinen Herrn Reinold verlassen, der sich in Lebensgefahr

befindet? Kaum hörte Bayart diese Worte, so ließ er sich demüthig auf

seine Kniee nieder, so stieg Malegys auf und der Zug folgte ihm.

Oben auf dem Berge lagen nun die vier Heymonskinder und waren von einer

großen Macht belagert, Ritsart lag schwer verwundet und konnte sich

nicht aufrichten. Adelhart und Writsart waren auf ihren Knieen und

flehten zum barmherzigen Gott um Rettung und Hülfe, nur der starke

Reinold war noch wacker und munter und hielt den Feind von dem steilen

Berge zurück, indem er beständig große Felsensteine hinunterwarf. So

verging ein Tag und eine lange Nacht und keine Hülfe war sichtbar. Auch

der mächtige Reinold wurde schon ermüdet und alle Brüder waren in ihren

Herzen tief betrübt, so daß sie endlich beschlossen, sich zu ergeben und

zu sterben. Indem gewahrt Reinold in der fernen Morgensonne einen Reiter

und verkündigte seinen Brüdern: ach, theure Brüder, rief er aus, ich

erkenne mein Roß Bayart und meinen Vetter Malegys. -- Da erhoben sich

Writsart und Adelhart von den Knieen und sahen hin und erkannten

ebenfalls das Roß und seinen Reiter. Da wurden sie voll Muths, und

jauchzten und dankten Gott dem Herrn. Ritsart, der alles gehört hatte,

sagte: meine lieben Brüder, ich bin sehr schwer verwundet, daß ich mich

nicht durch eigene Kraft auf meine Beine stellen kann, ich bitte Euch,

Ihr wollet mir aufhelfen, damit ich doch auch zu meinem Troste das Roß

Bayart gewahr werde. Da hoben sie ihn auf und hielten ihn brüderlich in

ihren Armen, und er sah ebenfalls das Roß Bayart, worauf er sagte: Ach!

mich dünkt, ich bin nun schon ganz gesund und von allen meinen Wunden

genesen, seitdem ich dieses gute Roß gesehn. -- Bayart aber machte sehr

große Sprünge, um zu seinem Herrn zu kommen, es warf mit einem

gewaltigen Stoß den Malegys ab, senkte dann vor Reinold seine Kniee und

ließ ihn aufsteigen.

Es entstand ein neues blutiges Gefecht, Reinold brachte den Grafen Calon

um, und die Kriegsknechte, die Malegys gebracht hatte, hielten sich sehr

tapfer, so daß der Feind endlich die Flucht ergreifen mußte. Die Brüder

waren ungemein erfreut und dankten Gott aus tiefem Herzen; aber Reinold

schwur: den verrätherischen König Ivo mit dem Schwerte hinzurichten.

Dieser aber hatte schon Nachricht erhalten, und war in ein Kloster

geflohen, dort war er ein Mönch geworden, um seine Sünden abzubüßen.

Als Reinold zurückkam auf Montalban, wollte er erst seine Hausfrau

Clarissa nicht ansehn, weil ihr Vater ihn ohne Ursach verrathen habe.

Aber sie versöhnten sich bald und aßen und tranken, und Reinold gedachte

der verlaufnen Thaten nicht mehr.

Fünfzehntes Bild.

Reinolds Kampf mit Roland.

Roland wurde sehr zornig auf König Ivo, daß er nun sein Wort doch nicht

gehalten habe, die Brüder auszuliefern; es war ihm lieb, daß sie auf die

Art errettet waren, aber er wollte durchaus eine Rache an Ivo nehmen. Er

zog daher mit den Genossen vor das Kloster, in welches Ivo geflohen war

und hielt es belagert, in der Meinung, Ivo aufzuhängen, sobald er ihn in

seiner Gewalt haben würde. Ivo vernahm die traurige Botschaft und

schrieb einen überaus kläglichen Brief an Reinold, seinen Schwiegersohn,

daß er ihm helfen möchte, weil er sonst eines schmählichen Todes sterben

müsse. Reinold wollte sich nichts um den Verräther kümmern. Clarisse,

seine Hausfrau, saß mit ihrem jüngsten Söhnlein, das sie Adelhart

genennt hatte, grade neben ihm, als dieser klägliche Brief ankam, und

sie weinte über das Unglück ihres Vaters so heftig und so von Herzen,

daß Reinold dadurch über die Maaßen gerührt wurde und sogleich seinen

Harnisch anzog, und auf Bayart stieg, um den Verräther zu retten.

Als er vor das Kloster kam, war es schon erobert, und Roland machte eben

Anstalt, den König Ivo aufzuhängen. Reinold ritt schnell hinzu, nahm im

zornigen Muthe seinen Schwiegervater hinter sich auf's Pferd und floh

mit ihm davon. Roland verfolgte ihn, weil er seinen Raub nicht fahren

lassen wollte, hatte aber kein so gutes Pferd als Bayart war, deshalb

entkam ihm Reinold. Darüber wurde er sehr ergrimmt und schalt Reinold

einen Verräther, und die beiden Ritter setzten sich einen Tag fest, um

ihre Sache auszukämpfen.

Reinold brachte daher seinen Schwiegervater nach Montalban, und wollte

dann bald wieder zurück, weil er mit Roland einen Streit halten müsse.

Clarisse weinte sehr, als sie diese Nachricht hörte, denn Roland war ein

Mann, der, wenn er gepanzert war, weder von Schwert und Spieß verwundet

werden mochte. Aber Reinold ließ sich nicht irre machen und reiste ab.

Er bezeugte sich erst demüthig gegen Roland, weil er ein Vetter war, da

aber Roland trotzig war, sagte er: Ihr müßt nicht etwa glauben, daß ich

mich vor Euch fürchte, nein wahrlich nicht, und wenn gleich Eurer fünfe

wären, und zog gleich seinen Harnisch an und stieg auf Bayart. Sie

stießen heftig auf einander und mit solcher Gewalt, daß Roland sammt

seinem Pferde zu Boden stürzte, welches ihm sonst noch in keinem Kampfe

mit keinem Ritter begegnet war. Er erstaunte selber darüber, und raffte

sich wieder auf, aber die übrigen Genossen litten es nicht, daß der

Kampf fortgesetzt wurde.

So ritt Reinold mit frohem Herzen nach Montalban zurück, und Roland that

eine Wallfarth zum heiligen Jakob von Compostella.

Sechzehntes Bild.

Reinold errettet seinen Bruder Ritsart.

Als Roland von seiner Wallfahrt zurückkam, traf er in einem Walde den

Ritsart, der dort jagte. Roland ritt auf ihn zu und sagte, daß er sich

gefangen geben müsse. Ritsart wollte sich ihm anfangs widersetzen, aber

da ihm Roland versprach, ihn gegen König Carl zu schützen, so ergab er

sich in sein Geleit und zog mit ihm nach Paris.

Malegys, der im Walde verborgen war, brachte diese Kundschaft sogleich

den Brüdern auf Montalban, sie machten sich bereit, Ritsart zu erlösen;

Malegys aber ging nach Paris, um zu sehen, wie es mit Ritsart werden

würde.

Malegys kam als ein kranker Pilgrimm mit geschwollenem Bein und einem

dicken Bauche, dazu in einen rauhen Mantel gehüllt, ganz alt und

unansehnlich zu König Carl und begehrte um Gottes Barmherzigkeit willen

eine Mahlzeit von ihm. Carl aber schlug ihn derbe mit einem Stecken und

sagte: ich traue keinem Pilgrimm mehr, seit mich Malegys betrogen hat.

Da geberdete sich Malegys gar kläglich und fing als ein kranker Mann an

zu weinen und zu schluchzen, so daß es König Carl wieder gereute, daß er

einen heiligen Pilgrimm geschlagen hatte, der noch überdies krank war.

Er ließ ihn also an einen Tisch niedersetzen und Speise und Trank

reichen, dazu bediente er ihn selbst, aus demüthiger Reue. Malegys

dachte in seinem schalkhaften Sinne: ich sollte dir wohl gerne deinen

Schlag wieder vergelten; als ihm daher der König einen so schmackhaften

Bissen in den Mund stecken wollte, ergriff er gar behende mit den Zähnen

dessen Finger und biß ihn tüchtig. Der König setzte sich vor Schmerzen

abseits und sagte: Du schelmischer Pilgrimm, warum thust du mir also? Du

hättest mir beinahe den Daumen abgebissen, wenn ich dich hätte gewähren

lassen. -- Malegys sagte: Verzeihen mir Ew. Majestät, ich war so gar

sehr hungrig, daß ich nicht recht Acht darauf gab, ob es die Speise oder

Euer Daumen war, daher geschah es ohne meinen Vorsatz.

Indem kam Roland mit dem gefangenen Ritsart in den Saal; König Carl war

sehr ergrimmt, als er ihn sah, und schwur, ihn sogleich aufhängen zu

lassen. Roland aber wollte es nicht zugeben, weil er ihm sicheres Geleit

zugesagt hätte; eben so waren auch die übrigen Genossen dagegen. Der

König fragte alle nach der Reihe herum, ob keiner es über sich nehmen

wolle, den Ritsart aufzuhängen, aber alle schlugen es ab. Da that sich

einer her, genannt Rype von Rypemont, der sagte, daß er es sich

unterstehen wolle, wenn die Genossen ihm alle angeloben wollten, deshalb

keine Rache an ihm zu nehmen. Alle sagten es ihm zu, außer Ogier, der

unwillig im Saale auf und abging. Der König wurde ergrimmt, daß dieser

es nicht auch versprechen wollte, gleich den andern; Ritsart sah indeß

den Malegys in einer Ecke sitzen, er näherte sich dem Ogier und sagte:

Ogier, gebt nur Euer Wort, denn ich sehe dort Malegys sitzen, und so

komme ich gewiß nicht an den Galgen. Ogier gab also auch sein

Versprechen, und Carl setzte nun den Tag fest, an welchem Ritsart zu

Falkalon sollte aufgehängt werden.

Malegys begab sich indessen in großer Eile nach Montalban zurück, und

sagte den Brüdern den Tag an, und daß sie sich rüsten sollten. Sie

ritten also aus, und lagerten sich nahe bei in einem Walde, von wo sie

den Galgen genau sehen konnten. Sie stiegen ab und setzten sich in das

Gras, wo Malegys ihnen die Geschichte erzählte, wie er dem König Carl in

Finger gebissen habe, und indem sie noch sprachen, überfiel sie eine

Schläfrigkeit, so daß sie alle einschliefen.

Der Zug mit Ritsart kam indessen zum Galgen, und Rype spottete seiner

und sagte, daß er nun weiter auf keine Hülfe zu hoffen habe. Ritsart

aber schaute sich sehr betrübt nach seinen Brüdern und Malegys und

Bayart um, daß sie ihm helfen sollten, und da er keinen von ihnen allen

gewahr ward, brach er in Thränen aus und ergab sich in sein Schicksal,

denn sie schliefen alle im Walde, außer Bayart, der noch munter war. So

mußte nun Ritsart wie ein Verbrecher auf die Leiter steigen, und als er

fast oben war, sah ihn Bayart aus dem Walde heraus. Das Pferd fing ein

großes Geschrei an und wüthete und tobte so lange, bis Reinold

aufwachte. Der sagte: Ei, du böser Schalk, das bin ich an dir ungewohnt,

und wollte es schlagen, aber da sah er seinen Bruder oben beim Galgen

und schnell stieg er auf Bayart und weckte die übrigen, und alle rannten

mit voller Gewalt aus dem Walde heraus. Reinold schlug unter das Volk,

so daß sie flohen oder umkamen, und Ritsart war wieder frei, und Rype

ward genommen und an den Galgen gehangen, weil er sich unterstanden

hatte, den Ritsart aufzuhängen.

Ritsart war so froh und guten Muths, daß er sich noch die Rüstung des

Rype anzog und auf sein Pferd stieg, um sich vom König Carl den

versprochenen Lohn auszahlen zu lassen. Reinold mußte lachen, da er

seinen Bruder noch so gutes Muthes sah, er folgte ihm von ferne mit

Malegys und den übrigen Brüdern.

Carl sah mit Ogier grade aus dem Fenster, als sie in der Ferne einen

Ritter über den Plan reiten sahen, den sie für Rype hielten. Carl war

sehr erfreut, weil er glaubte, Ritsart sei nun gewiß und wahrhaftig

gehangen, aber Ogier ward zornig und ging fort, um ihm entgegen zu

reiten und mit ihm handgemein zu werden. Carl versammelte seine

Ritterschaft, weil er fürchtete, daß Ogier den Rype umbringen würde,

ritten ihm also allesammt nach. Aber Ritsart gab sich dem Ogier zu

erkennen, als sie zusammen kamen, und der war nun zufrieden. Indem kam

König Carl mit seinem Gefolge näher, und lobte den vermeintlichen Rype,

daß er sein Versprechen so wacker ausgeführt habe. Darüber wurde Ritsart

zornig und sagte: ich bin nicht Rype, der hängt am Galgen, sondern

Ritsart! und rennte mit seinem Speer auf Carl zu und gab ihm einen guten

Stoß auf die Brust. Darüber wurde ein Gefecht und Reinold kam mit seinem

Gefolge heran und alle wurden mit einander handgemein. Reinold sprang

von Bayart und ergriff König Carl und warf ihn hinter sich auf's Pferd,

in der Meinung, ihn mit sich nach Montalban zu nehmen. Als die übrigen

sahen, daß König Carl gefangen war, setzten sie dem flüchtigen Bayart

nach und das Gefecht ward noch hitziger; Reinold aber sah zurück und

sah, daß seine Brüder mitten unter den Feinden kämpften, er warf daher

den König Carl wieder von sich, so daß er weit in's Feld hinein flog,

und meinte, das Herz im Leibe wäre ihm gesprungen; und so ritt Reinold

wieder unter die Feinde und focht tüchtig, bis er seine Brüder salvirt

hatte. Dann ritten sie alle nach Montalban.

Siebzehntes Bild.

Kunststück des Malegys.

Olivier war einst auf der Jagd und stand mit seinem Pferde auf einem

hohen Berge. Da sah er unten nach dem Fluß hinunter und gewahrte einen

Mann, der am Berge herum kroch, und Kräuter zu suchen schien; er

gedachte gleich daran, daß es wohl Malegys sein könnte, ritt also

hinunter und sagte ihm, daß er sich gefangen geben sollte. Malegys

setzte sich zur Wehre, aber Olivier schlug ihm das Schwert aus der Hand,

und so mußte jener sich gefangen geben und dem Olivier nach Paris

folgen, zornig zwar, aber doch nachgebend.

König Carl freute sich sehr, daß Malegys in seiner Gewalt sei, er wollte

ihn sogleich aufhängen lassen, aber Malegys sagte: lasset mich noch bis

Morgen leben, das ist nicht lange, und mir ist es lieber. Das glaub'

ich, antwortete Carl, Du denkst vielleicht mir zu entwischen, aber

diesmal soll es Dir nicht gelingen, deshalb kann ich Dich wohl bis

morgen leben lassen, dann aber sollst Du dafür gestraft werden, daß Du

mir neulich beinahe den Daumen abgebissen hättest. -- Wenn ich morgen

hänge, antwortete Malegys, so werd' ich nun wohl Ew. Majestät nicht mehr

beissen. Das denk' ich auch, antwortete der König.

Es wurde zur Tafel geblasen und die Genossen saßen paarweise an kleinen

Tischen; der König aber speiste allein; worauf Malegys sagte: für alle

diese Herren ist gedeckt, außer für mich nicht, ich denke, ich setze

mich zu Ew. Majestät, so machen wir auch ein Paar. -- Du böser Schalk,

antwortete Carl, darfst Du noch so lose Reden führen, ich dächte, Dir

sollte die Lustigkeit wohl vergehn, da Du morgen sterben mußt. Aber die

Reden des Malegys gefielen dem Roland, und er ließ den Malegys neben

sich niedersetzen und sie aßen und tranken mit einander. Malegys wurde

immer lustiger und sang einige Lieder, worüber sich alle verwundern

mußten, da er so bald sterben sollte. Aber Malegys trank immer

fleißiger, und sang:

Sollt' ich denn fröhlich nicht sein?

Schmeckt mir doch Essen und Wein,

Morgen ist lange nicht heut,

Sterben hat doch seine Zeit,

Jedermann thut es ja leid,

Stirbt doch auch mancher noch heut.

Der König sagte: Du denkst Dich wohl vielleicht vom Galgen los zu

singen, aber darin sollst Du Dich verrechnen, und sogleich ließ er ihn

in einen festen Kerker führen und in Ketten legen und viel Eisen an die

Füße binden, damit er durchaus nicht entlaufen könne. Gebt Ihr mich

frei? sagte Malegys; gewiß nicht, antwortete der König. Nun, so gebt nur

gut auf mich Acht, redete darauf der Schalk, denn um Mitternacht denke

ich Euch zu entlaufen. Damit wird es nun wohl keine Noth haben, sagte

der König und ließ die festen eisernen Thüren doppelt zuschließen, und

die Genossen mußten mit bloßen Schwertern die Nacht hindurch vor dem

Gefängnisse Wache halten; meinte der König, er solle ihm nun gewiß nicht

entrinnen.

Aber um Mitternacht schüttelte Malegys die Schlösser von sich und die

Eisen fielen ihm von den Füßen; darauf machte er durch seine Kunst die

Schlösser und die eisernen Thüren auf und machte, daß die Genossen in

einen festen Schlaf fielen und einer über dem andern lag. Worauf er ihre

Schwerter und vieles kostbares Geräthe mit sich nahm und so schwer

beladen nach Montalban eilte. Reinold war sehr erfreut, daß er die zwölf

kostbarsten Schwerter in seiner Gewalt habe.

Am Morgen wollte König Carl den Malegys zum Tode führen lassen, stand

deshalb ziemlich früh auf. Da fand er die Genossen schlafend, wie einer

über dem andern lag, auch waren ihnen die Schwerter gestohlen und alle

Thüren offen, und kein Malegys im Kerker, aber die Ketten und das Eisen

war drin geblieben, worauf König Carl sehr erboßt wurde und einen Eid

that, er wolle Montalban belagern und mit eigner Hand die Schwerter

erobern.

Achtzehntes Bild.

Montalban belagert; Frau Aya schließt einen Frieden.

König Carl brachte nun eine große Macht zusammen und zog mit allen

seinen Genossen vor Montalban und hielt es belagert. Roland mußte

hineingehn und die Festung auffodern, daß sie sich auf Gnade und Ungnade

ergeben solle; aber Reinold wollte das nicht thun, sich aber ergeben,

wenn König Carl ihm Verzeihung und Sicherheit verspräche. Das aber

wollte König Carl wieder nicht eingehn, und so dauerte der Krieg wieder

einige Jahre hintereinander, und ward auf eine blutige Art fortgeführt,

so daß auf beiden Seiten viele Leute todt blieben.

In einer Schlacht stach Reinold den König vom Pferde und hätte ihn

gefangen genommen, wenn ihn die Genossen nicht errettet hätten; aber an

demselben Tage wurde Malegys entwaffnet, und für einen Gefangenen in das

Lager des Feindes geführt. Der König wollte ihn am folgenden Morgen

hinrichten lassen.

In der Nacht aber brauchte Malegys seine Kunst und ging vor das Bett des

Königs und sagte zu ihm: Ew. Majestät, Reinold hat gebeten, daß wir

beide zu ihm kommen sollen. Der König war bezaubert und antwortete:

Schon gut, ich wünsche nur, wir wären erst unterwegs. Darauf nahm

Malegys den schlafenden König auf seine Schultern und trug ihn so gen

Montalban. Dort legten ihn die Brüder in ein köstliches Bette und

warteten dann, bis er aufwachen würde.

Der König war sehr verwundert und erschrak heftig, als er alle seine

Feinde um sein Bette stehen sah. Reinold redete ihn an, er möchte ihm

verzeihen und er wollte ihn sogleich freilassen und ihm mit seinen

Brüdern dienen. Aber König Carl wollte nicht nachgeben, so viel gute

Worte ihm auch Reinold gab, worüber Ritsart ergrimmte und sein Schwert

zog, und den König umbringen wollte; aber Reinold hielt ihn zurück und

sagte: Das sei ferne von Dir, Bruder, daß Du unsern König umbringen

solltest. Alle Brüder baten drauf und auch Malegys; aber Carl bestand

auf seinem stolzen Sinn, daß sie sich ihm alle auf Gnade und Ungnade

ergeben sollten. So viel wollte aber Reinold dem Könige auch nicht

trauen, er ließ ihn daher frei in sein Lager zurück, aber der Krieg ward

immer noch mit großer Wuth fortgesetzt, obgleich alle Genossen,

insonderheit der Bischof Turpin, für Reinold baten.

Das Schloß Montalban war so fest, daß es der Feind durchaus nicht

einnehmen konnte, aber der Proviant war den Belagerten gänzlich zu Ende

gegangen, so daß sie in die größte Noth geriethen. Alle übrigen Pferde

waren schon verzehrt, Reinold war in der größten Verzweiflung und rief:

Nun muß Bayart sterben. Er ging mit einem Messer in den Stall, um das

Roß todt zu stechen; aber sein Bruder Adelhart folgte ihm und hielt ihn

zurück und bat für das treue Roß. Bayart selbst fiel demüthig auf seine

Kniee, als wenn er um sein Leben bitten wollte. Darüber wurde Reinold

sehr gerührt, so daß er weinte und ließ dem Bayart Gnade widerfahren.

Turpin hörte von dem großen Mangel, der in der Vestung herrschte und

wurde sehr darüber betrübt, daß seine Verwandten solche Noth leiden

sollten. Er vermochte daher den Roland dahin, daß er beim nächsten

Angriff sich die Ehre ausbat den Vortrab anzuführen, und als das

geschah, schaffte er den Brüdern wieder eine große Menge Proviants in

die Vestung. So bekam auch Bayart wieder viel Futter und wurde wieder so

stark als er nur je gewesen war.

Aber Reinold sah ein, daß er sich am Ende nicht gut auf Montalban würde

halten können, weil der Proviant immer schnell verzehrt war; er beschloß

daher, sich mit seinen Brüdern nach seiner Burg Ardane zu begeben, weil

er sich dort besser schirmen könne. Er ließ also Bayart zu einer

heimlichen Pforte hinausbringen; dort stiegen alle Brüder auf und ritten

schnell nach Ardane. Malegys begab sich auf sein festes Castell.

Als König Carl diese Nachricht gehört hatte, zog er mit seiner Macht vor

Ardane und hielt es belagert, denn es war sein ernstlicher Wille, die

Brüder in seine Gewalt zu bekommen. Der Streit wurde heftig fortgesetzt

und es blieb viel Volk und viele Ritter. Am Ende kam Reinold auch hier

in sehr bedrängte Umstände und er sah ein, daß er sich mit der Zeit

würde ergeben müssen.

Aber seine Mutter Frau Aya kam mit einem großen Gefolge in das Lager

ihres Bruders, Königs Carl, um für ihre Söhne zu bitten. Sie ließ sich

vor ihm auf die Kniee nieder und weinte heftig und bat um das Leben

ihrer Kinder, und daß er sich möchte rühren lassen. König Carl hatte

seine Schwester in so langer Zeit nicht gesehn, dazu so rührte ihn ihr

Knien und ihre bitterlichen Thränen, so daß er ihr versprach, einen

guten Frieden zu machen und alles zu vergessen, wenn die Söhne ihm das

Roß Bayart in die Hände liefern wollten, damit zu schalten wie er Lust

hätte, weil es ihm gar zu großen Schaden gethan habe. Frau Aya war von

Herzen froh und ging sogleich in die Vestung zu ihren Kindern, ihnen die

Botschaft anzusagen. Adelhart setzte sich dagegen, daß man das Roß

ausliefern sollte; aber Reinold sagte: wir wollen es thun, lieben

Brüder, wir mögen vielleicht für das Roß auch Gnade erlangen.

Und so war denn nach einem langen Kriege der Friede geschlossen.

Neunzehntes Bild.

Das Roß Bayart wird ertränkt.

Die Brüder fielen im Beiseyn ihrer Mutter dem Könige zu Fuße, er hob sie

gnädig auf und alle waren sehr erfreut, besonders ihre Mutter Aya.

Hierauf nahm Reinold das Roß Bayart und gab es in die Hände Carls. Der

König ließ ihm sogleich zwei Mühlsteine an den Hals binden, und es, wie

er gelobt hatte, von der großen Brücke in's Wasser stürzen. Bayart sank

unter, kam aber bald wieder in die Höhe und sah nach seinem Herrn

Reinold; dann arbeitete er sich mit Schwimmen an's Ufer, schlug die

Mühlsteine von sich und ging zu Reinold und liebkosete ihm. Der König

sagte: Reinold, gebt mir das Roß zurück; Reinold nahm es, und gab es dem

Könige, der ließ ihm zwei Mühlsteine an den Hals henken und an jedem

Fuße einen und so wurde es von neuem in das Wasser geworfen. Es sank

wieder unter, kam aber bald wieder oben, sah Reinold an, stieg an's Ufer

und schlug alle Steine von sich, so daß sich alle über die Stärke

Bayarts verwundern mußten. Bayart stand wieder bei Reinold und liebkoste

ihm, wie zuvor, wodurch Reinold sehr gerührt war. Adelhart sagte:

Bruder, verflucht mußt Du sein, wenn Du das Roß wieder aus Deiner Hand

giebst! O Bayart, wird Dir nun so gelohnt, daß du deinen Herrn und uns

alle so oft errettet hast? Aber Reinold sagte: Brüder, sollt' ich um des

Rosses willen die Gunst des Königs verscherzen? nahm Bayart wieder und

übergab ihn dem Könige mit den Worten: Wenn das Roß noch einmal wieder

kömmt, kann ich es Ew. Majestät nicht wieder fangen, denn es geht meinem

Herzen gar zu nahe. Da wurden dem Bayart wieder zwei Mühlsteine an den

Hals gebunden und an jedem Fuß zwei, und er wurde zum drittenmal von der

Brücke hinuntergestürzt. Reinold aber mußte fortgehn, damit ihn das Roß

nicht wieder sähe und dadurch neue Kraft bekäme. Bayart blieb diesmal

länger unter Wasser, dann kam er aber doch wieder mit dem Kopfe hervor

und streckte ihn weit von sich, weil er seinen Herrn Reinold suchte; da

er ihn aber nirgends gewahr werden konnte, verließen ihn nach und nach

die Kräfte, er sank unter und kam nicht wieder ans Tageslicht.

Alle Brüder weinten und Reinold war im innersten Herzen betrübt; er

verschwor es, Zeit seines Lebens wieder Sporen an den Füßen zu tragen,

oder ein ander Pferd zu besteigen, zugleich wollte er das ganze

Ritterleben aufgeben. Die Brüder blieben bei Hofe, er aber ging nach

Montalban, wo er seiner Hausfrauen Clarisse den Tod Bayarts erzählte;

sie fiel in Ohnmacht, als sie diese Nachricht hörte, wurde aber dadurch

wieder etwas getröstet, daß die Brüder nun völlig mit König Carl

ausgesöhnt wären. Hierauf schlug Reinold seinen ältesten Sohn Emmrich

zum Ritter und gab ihm die Veste Montalban, auch den übrigen Söhnen

schenkte er Land und Leute, dann küßte er sie alle nach der Reihe und

verließ sie in der dunkeln Nacht.

Zwanzigstes Bild.

Reinold ein Eremit.

Reinold empfand die Eitelkeit alles menschlichen Treibens, begab sich

deshalb in einen abgelegenen wilden Wald, weil ihm die ganze Welt

nunmehr zuwider war. Da traf er einen Einsiedler, von dem lernte er das

eremitische Leben und brachte so seine Zeit mit frommen Gebeten und

stillen Betrachtungen zu. Allenthalben ließ man Reinold suchen, man fand

ihn aber nirgends, bis er nach einigen Jahren wieder freiwillig

hervorkam, weil er gern seinen Vater Heymon sehn wollte und seine

Mutter, Brüder und Kinder, in Summa, die Seinigen, die ihm theuer waren.

Dann ging er wieder in seinen Wald zurück und führte sein stilles Leben

weiter und that Buße für die mannichfaltigen Sünden, die er jemals im

Laufe seines Lebens begangen hatte. Dann lebte er noch lange in der

Einsamkeit und kam aus seinem Walde in die Welt, um seine Freunde zu

sehn, und nach vielen Jahren starb er als ein frommer Waldbruder, als

Roland schon bei Ronceval gefallen war und Carl gestorben und sein Vater

todt, und viele der Helden sich zerstreut und verloren hatten.

Und hier endigt sich die Historie von Reinold und den übrigen Heymons

Kindern.

Sehr wunderbare Historie

von der

Melusina.

In drei Abtheilungen.

1800.

Erste Abtheilung.

Wie oftmals durch Gunst der Frauen Männer zu hohem Glück und Ehre

gelangt sind, davon findet man in der Geschichte viele Beispiele, unter

andern auch in folgender sehr wunderbaren Historie, die vielen nur ein

Mährchen dünken möchte, weil einige Umstände zusammen treffen, die fast

an das Unwahrscheinliche gränzen.

Schriften 13: Märchen; Dramatische Gedichte; Fragmente · 第 1 / 12 题