Der Solidarismus entwickelt sich friedlich, ohne Heftigkeit, ohne Haß;

keine Biene wird streiken, weil sie gegen sich selbst kämpfen und sich

ins eigene Fleisch schneiden würde; kein Bruder wird revolutionieren,

weil er weiß, daß der Solidarismus sicherer, einfacher und ohne Opfer

zum Ziele führt; der Solidarismus sucht nicht einseitig die Interessen

einer Klasse zu fördern; sein innerstes Wesen ist: Wirken aller für

die *Gesamtheit*, für *alle Klassen*, ohne Ausnahme; die Gesamtheit

ist aber die Nation; der *Solidarismus fördert also die Wohlfahrt

der Nation* mehr als die Wirtschaftsformen, bei welchen alle nur

persönliche Zwecke verfolgen; *der Solidarismus erhöht die materielle

und moralische Größe des Staates*. *Der Solidarismus beseitigt

Klassenhaß und Klassenkämpfe*; denn die solidaristischen Betriebe sind

Selbstbetriebe, sie enthalten *keinen Gegensatz zwischen Arbeitgeber

und Arbeitnehmer*, sondern nur Beteiligte am gemeinsamen Werk. Dieser

Umstand allein würde genügen, um für den Staat den Solidarismus als

die *begehrenswerteste Einrichtung dieser Zeit* erscheinen zu lassen,

weil der Staat einen großen, vielleicht den größten Teil seiner Kraft,

seiner Mittel, seines Verwaltungsapparats und seiner gesetzgeberischen

Tätigkeit auf die Schlichtung dieses einen Gegensatzes verwendet, und

weil er für diesen einen Gegensatz eine solche Menge von Bestimmungen,

Gesetzen und Zwangsmaßregeln schaffen mußte, daß daraus eine unhaltbare

Wirrnis und Zerfahrenheit entstanden ist; trotzdem sind die Beteiligten

nicht befriedigt, denn Zwang erzeugt stets Opposition und *aller

Zwang ist ohnmächtig gegenüber der unermeßlichen Macht, welche dem

Grundgesetze der Menschheit, ihrem Streben nach Glück, innewohnt*. Der

Solidarismus macht daher die Mission des Staates zu einer friedlichen,

statt auf Gewalt und Zwang beruhenden.

Aber neben den idealen und volkswirtschaftlichen Vorteilen, die dem

Staat aus dem Solidarismus erwachsen, entspringen demselben daraus auch

rein materielle, fiskalische Vorteile, deren Anführung von Interesse

ist:

Die Volkskasse hat die gewaltigen Kapitalien, welche sich bei ihr im

Laufe von Jahrzehnten anhäufen, sicher anzulegen; sie wird sich dazu

in erster Linie die Staatsanleihen aussuchen und einst imstande sein,

einen großen Teil der Anleihen des Staates allein zu übernehmen[21] und

damit die Frage der Staatsanleihen vereinheitlichen und vereinfachen.

Aber auch die Steuerfrage wird durch eine allgemeine Ausdehnung der

Bienenstöcke auf die vaterländische Industrie ungemein erleichtert. Es

ist ja selbstverständlich, daß die Bienen als freie unabhängige Bürger

und Selbstunternehmer nicht steuerfrei sein wollen; sie verlangen

nicht bloß *gleiche Rechte*, sondern auch *gleiche Pflichten wie

alle Staatsbürger*; wie groß oder klein ihr Einkommen sein mag, so

müssen sie grundsätzlich *gleichmäßige Besteuerung aller* wünschen;

denn die progressive Besteuerung, die Steuerbefreiung der gering

Bemittelten, führt den Staat unbewußt im fiskalischen Interesse zur

Unterstützung, Förderung und Begünstigung aller Bemittelten, aller

großkapitalistischen Unternehmungen auf Kosten und zu Ungunsten

derjenigen, die keine oder geringe Steuern zahlen; sind aber alle

Einkommen prozentual gleich besteuert, so hat der Staat *am Gedeihen

aller das gleiche Interesse*, ein Standpunkt, der weit mehr der hohen,

moralischen Aufgabe des Staates und der Gerechtigkeit entspricht,

abgesehen davon, daß auch der minder Bemittelte erst dadurch das

Bewußtsein gleicher Behandlung aller Staatsbürger bekommt.

Selbstverständlich kann dieser höhere Zustand des Steuerwesens nicht

heute eingeführt werden; er hat zur Voraussetzung, daß auch der höhere

Zustand der Wirtschaftsform, der Solidarismus, schon bestehe; ist

das aber der Fall, dann können die Bienenstöcke bei Einführung einer

gleichmäßigen Einkommensteuer dieselbe für ihr *gesamtes Personal* in

jährlich *einer einzigen Summe* direkt an den Staat zahlen, und es

könnte der umständliche Apparat der Selbsteinschätzung, Kontrolle,

Steuerzahlung und Einziehung mit einem Schlage beseitigt werden.

Dadurch, daß der Bienenstock seine gesamten Erträgnisse als

Entlohnung für deren Arbeit an seine Mitglieder ausbezahlt, wird

das *Einkommen* der letzteren in den weitaus meisten Fällen den

steuerfreien Mindestbetrag (in Preußen 900 Mark) überschreiten, so

daß eine allgemeine Verbreitung des Solidarismus selbst ohne Änderung

der Steuergesetze die 65% *der Bevölkerung, welche heute steuerfrei

sind*[22], oder den größten Teil derselben *zu Steuerzahlern machen

würde*, so daß der Staat seine Einnahmen aus Einkommensteuern mühelos

verdoppeln könnte, denn auch hier sind die kleinen Beiträge der Massen

das Ausschlaggebende gegenüber der Minorität der Bemittelten, trotz

deren höheren Zahlungen.

Eine allgemeine Verbreitung des Solidarismus würde also für den Staat

zur Folge haben, daß er durch Einführung einer für alle Einnahmen

gleichen prozentualen Einkommensteuer alle andern Steuern beseitigen,

seinen Steuergesetzgebungs- und Verwaltungsapparat wesentlich

vereinfachen, und dabei doch seine Einnahmen befestigen, regeln und

erhöhen könnte. Gleichzeitig damit würde die Volkswirtschaft von den

lästigen Fesseln befreit, welche heute in einer Unzahl von Steuern

und Abgaben ihr anhaften und den *freien Flug fast aller nationalen

Produktionszweige verhindern*.

Die solidaristische Selbsthilfe genügt überhaupt in *allen* Fällen

zur Lösung der wirtschaftlichen Fragen, *ohne* daß der Staat zur

Unterstützung einzelner Gruppen durch besondere Gesetze und Maßregeln

einzutreten braucht; als Beweis sei nur *ein* wichtiger Sonderfall, die

Zollfrage, noch hier erwähnt.

Die Bienenstöcke sind nach ihrem Arbeitsvertrag verpflichtet, ihre

Waren von den andern Bienenstöcken des Landes zu beziehen, so

lange dieselben hierzu ausreichen; wäre nun der größte Teil der

vaterländischen Produktion solidaristisch organisiert, so müßten

sämtliche Bienenstöcke des Landes, z. B. ihr Getreide, von den

landwirtschaftlichen Bienenstöcken für Getreideproduktion beziehen und

dürften ausländisches Getreide erst kaufen, wenn kein inländisches

Bienenstockgetreide mehr zu haben wäre.

Da nun die Volkskasse den Bienenstöcken ihr Kapital mit Zinsen und

ihre Normaleinkommen nebst dem Unterhalt aller sozialen Einrichtungen

garantiert, so würde bei ungenügenden Getreidepreisen die Volkskasse

gezwungen sein, den Fehlbetrag an die landwirtschaftlichen Bienenstöcke

auszuzahlen; das könnte ja geschehen, dann würde einfach die Gesamtheit

diesen Fehlbetrag tragen; da aber der Volksrat die Pflicht hat, das

Vermögen der Volkskasse intakt zu halten, so wird er dafür sorgen, daß

der Getreidepreis derartig erhöht werde, daß die landwirtschaftlichen

Bienenstöcke ihren Verpflichtungen aus eigenen Mitteln nachkommen

können; da der Bienenpreis obligatorisch ist, so zahlt jeder einzelne

in diesem Falle etwas mehr für seinen Getreidebedarf; er wird sich aber

darüber nicht beklagen, denn den einzelnen trifft erstaunlich wenig und

jeder hat dabei das Gefühl der Gerechtigkeit.

So wird also auch diese Frage sich durch das selbständige Spiel des

solidaristischen Prinzips des Eintretens aller für alle auf die

einfachste und natürlichste Weise lösen; reicht nun die inländische

Getreideproduktion nicht aus, so werden die Bienenstöcke ausländisches

Getreide einführen, natürlich zu möglichst billigem Preise; ein Zoll

ist also zum Schutze der inländischen Produktion nicht erforderlich;

diese schützt sich durch die solidaristische Interessengemeinschaft

selbst; ein Zoll wäre dann nur noch eine fiskalische Maßnahme zur

Erhöhung der Staatseinnahmen, eine Konsumsteuer wie jede andere, und

*ebenso unrichtig wie jede Konsumsteuer*; denn ein Staat, welcher

seine Volkswirtschaft möglichst entwickeln will, und das ist doch sein

höchstes Ziel, soll vor allem den *Konsum zu erhöhen suchen* und nicht

ihn durch Konsumsteuern herabdrücken.

Wenn auch diese letzteren Ausblicke theoretischer Natur sind und

einen Zukunftszustand betreffen, welcher erst denkbar ist, wenn der

Solidarismus allgemein eingeführt sein wird, so zeigen dieselben

doch, wie auch die vorhergehenden, daß *der Staat zum Solidarismus

nicht im Gegensatz steht, daß er vielmehr das größte Interesse daran

hat, daß der Solidarismus möglichst rasch sich einführe und möglichst

lebenskräftig werde*; der Staat ist in seinen eigenen Betrieben schon

zum Teil solidaristisch organisiert und kann es deshalb nur begrüßen,

wenn auch die Privatbetriebe auf diesen Grundlagen organisiert werden.

Der Solidarismus hat außer direkt materiellen und fiskalischen

Vorteilen für den Staat und der Möglichkeit enormer Vereinfachung

seiner Verwaltung und Gesetzgebung eine Reihe von unschätzbaren idealen

Vorteilen. Er gestattet, die Bevölkerung einer friedlichen und zugleich

freiheitlichen Entwicklung, einer bedeutend erhöhten Gesamtwohlfahrt

zuzuführen, Einheit und Eintracht, höchste und vollendetste Entwicklung

des einzelnen zu erreichen und der nationalen Volkswirtschaft eine

ungeahnt glanzvolle Zukunft zu bereiten.

Der Solidarismus ermöglicht dem Staate, nur solche Einrichtungen zu

treffen, welche der *Gesamtheit, d. h. allen* einzelnen, nützen, statt

solcher, welche nur einzelnen Gruppen nützen, den andern aber schadet;

*er gestattet dem Staate, seinen höchsten Beruf, die Gerechtigkeit,

zu verwirklichen*, denn Gerechtigkeit ist auch der Inhalt des

Solidarismus. Deshalb ist es Staatsinteresse, den Solidarismus zu

fördern; der Staat, welcher das zuerst erkennt, wird seine Kraft

vervielfachen, da sie sich dann auf die Liebe *aller* stützen wird;

dieser Staat wird der mächtigste, materiell und moralisch der größte

sein!

Den Gemeinden.

Was vom Staate gesagt wurde, gilt auch von der Gemeinde, welche im

Grunde ein kleiner Staat im Staate ist; auch die Gemeinden haben in

vielen Dingen schon solidaristische Organisation, aber ebenfalls nicht

konsequent durchgeführt; auch die Gemeinden haben das größte Interesse

an dem Zustandekommen des Solidarismus; sie sollten das Beispiel geben,

jede Gemeinde sollte sich als einen Bienenstock betrachten und alle

in ihr Tätigen als Bienen; es würden dadurch alle wirtschaftlichen

Fragen der Gemeinden befriedigend gelöst. Der früher geschilderte

landwirtschaftliche Bienenstock ist im Grunde ein Gemeindebienenstock,

jeder Bienenstock mit seinen Produktionswerkstätten einerseits, seinen

Tauschlagern andrerseits, mit seinen sozialen Einrichtungen und

versorglichen Anstalten, ist eine in sich komplette, abgeschlossene,

sich selbst versorgende Gemeinde, deren Mitgliederzahl selbst bei

kleinen Bienenstöcken bald größer sein wird als die durchschnittliche

Einwohnerzahl gewöhnlicher politischer Gemeinden.

Der Kirche.

*Die Gebote des Christentums sind auch die des Solidarismus.* Der

höchste Beruf der Kirche ist die Verwirklichung dieser Gebote unter den

Menschen: der Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit, der

Friedfertigkeit, Barmherzigkeit und Liebe; das ist auch der Beruf des

Solidarismus, welcher die erhabenen Lehren des reinen Christentums im

Geiste seines Begründers auf die *praktische* Volkswirtschaft, auf die

*Organisation* der Arbeit und Güterverteilung überträgt.

Das Gebot: »Deine Rede sei Ja Ja, Nein Nein, was darüber ist, das ist

vom Übel«, hat der Solidarismus aufgenommen in der Verpflichtung der

Brüder zu unantastbarer Wahrhaftigkeit und Ehrenhaftigkeit.

Das Gebot: »Trachtet nach der Gerechtigkeit« ist ebenfalls im

Solidarismus enthalten, denn er fordert eine gerechte Verteilung der

Güter und Segnungen der Kultur unter allen Menschen, einem jeden nach

seiner Leistung, aber ohne jemals einen auszuschließen.

»Ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen, ihr aber seid alle Brüder«,

steht auch im Solidarismus, auch er fordert die Brüderlichkeit;

die Beiträge zur Volkskasse, die Arbeit im Bienenstock sind

Brüderleistungen, denn alle haben daran teil.

Das Gebot der Friedfertigkeit findet im Solidarismus in der Vorschrift

seinen Ausdruck, daß alle Brüder ihre Differenzen nicht den Gerichten

vorzulegen haben, sondern den brüderlichen Schiedsgerichten, welche

nicht richten, sondern schlichten und versöhnen.

Auch das Gebot der Barmherzigkeit: »Richte nicht, damit du nicht

gerichtet werdest«, erfüllen dieselben, denn sie verhängen keine

Strafe. »Kein Bruder hat ein Strafrecht über den andern«, ist eines der

höchsten Gebote des Solidarismus.

Auch das andere Gebot der Barmherzigkeit: »Laßt uns vergeben unsern

Schuldigen«, schreibt der Solidarismus vor; denn der Bruder, welcher

durch eigene Schuld seine Rechte verlor, ist nicht ausgestoßen;

er wird, wenn er seine Brüderpflicht erfüllt, jederzeit in die

Brüdergemeinde mit offenen Armen wieder aufgenommen.

Und das höchste Gebot des Christentums: »Du sollst deinen Nächsten

lieben als dich selbst«, ist es nicht auch das höchste Gebot des

Solidarismus, welcher im Kapitel der Brüderpflichten also beginnt:

»Die allgemeinste und vornehmste Pflicht der Brüder ist das Wirken des

einzelnen für die Gesamtheit«;

ist dieses Wirken für die Gesamtheit, dieses fortwährende Abtreten

eines Teiles der Arbeit an die Gesamtheit der Brüder nicht eine

tägliche, stündliche Betätigung der Nächstenliebe, ein ununterbrochenes

Umsetzen des Gebotes in die Tat? Ist es nicht eine unausgesetzte

Ausübung des Wortes: »Alles nun, das ihr wollt, das euch die Leute tun

sollen, das tut ihr ihnen, das ist das Gesetz?«

Alles was die Kirche lehrt, ist durch den Solidarismus in das

wirtschaftliche Leben *übertragen*. Unternimmt es die Kirche, auch

die *wirtschaftlichen* Interessen der Enterbten zu unterstützen und

zu heben, für dieselben *auf dieser Erde schon ein gewisses Maß von

Glück* und Befriedigung und Freude am Leben zu schaffen, dann werden

die Enterbten auch aufnahmefähiger für ihre ethischen Fragen und ihre

rein geistigen Lehren; wenn die Menge erfaßt, daß Barmherzigkeit,

Gerechtigkeit, Liebe keine *leeren Worte* sind, sondern *praktische*

Folgen für ihr *irdisches* Dasein haben, dann wird sie dieselben erst

verstehen lernen, selbst üben und begreifen, *daß das Wirken für

andere, für die Gesamtheit, daß die Liebe die Grundlage zur Lösung

aller materiellen und ethischen Probleme ist, welche die Menschheit

bewegen*.

Darum, Kirche, unterstütze den Solidarismus; er ist dein mächtigster

Verbündeter; durch ihn allein kannst du deine Lehren in Einklang

bringen mit den Anforderungen und Bedürfnissen moderner Kultur!

Schlußwort zu diesem Kapitel.

Brüder! So zeigt sich denn das wundervolle Ergebnis, daß nicht etwa

bloß die »Mühseligen und Beladenen«, die »Enterbten« ein Interesse am

Zustandekommen des Solidarismus haben, sondern *alle* Berufe, *alle*

Stände, alle Parteien, alle Ordnungen der menschlichen Tätigkeit bis

hinauf zu Kirche und Staat! Niemand hat daraus Nachteile, alle aber

haben Vorteile! Wo der Solidarismus bestehende Einrichtungen ändert,

gibt er dafür sofort bessere, vorteilhaftere, höhere. Die Richtigkeit

und Kraft des einfachen Gedankens zeigt sich darin, daß er immer

richtig bleibt, auf welches Gebiet er auch übertragen werden mag: *Was

der Gesamtheit nützt, muß auch dem einzelnen nützen, denn der einzelne

ist ein Teil der Gesamtheit.* Nicht das Wohl des Arbeiterstandes, des

Mittelstandes, dieser oder jener Gruppe, dieser oder jener Partei,

nein, *das Gesamtwohl allein, das Wohl aller ohne Ausnahme ist es, das

ihn leitet; nur das führt zu Gerechtigkeit und Liebe*, alles andere zu

Haß, Zwist, Kampf und Vernichtung. Tut er das aber, so ist er berufen

das Volk zufrieden, das Vaterland groß und mächtig zu machen!

Darum wirkt alle mit am Solidarismus! Wie ihr auch im einzelnen darüber

denken mögt, wie groß oder klein im einzelnen euer Interesse daran sein

mag, eines leuchtet doch euch allen ein: der ideale Zweck der Bewegung:

*für jeden einzelnen muß es eine Freude, ein inneres Bedürfnis sein,

mitzuwirken am größten Fortschritt unserer Zeit*!

Kapitel 9.

Aufruf zum Solidarismus!

*Brüder! Ihr habt das natürliche Spiel der solidaristischen

Organisation, dieses Gegenseitigkeitsvertrags zwischen der Gesamtheit

und dem einzelnen klar erfaßt!*

*Ihr wißt, daß ihr auf Grund dieser Organisation Betriebe ins Leben

rufen könnt, deren Erträgnis euch voll und ganz als Entlohnung eurer

Arbeit gehört, die euch ermöglichen, von der Geburt bis zum Tode eure

materiellen, geistigen und moralischen Bedürfnisse voll zu befriedigen,

ein ausreichendes Maß von Lebensannehmlichkeit zu genießen und euch

gegen alle natürlichen Ungleichheiten und sozialen Schäden ein für

allemal zu schützen.*

*Ihr habt ferner erfaßt, wie diese Betriebe auch die Brüder, welche

noch nicht das Glück haben, Mitglieder derselben zu sein, in den Genuß

vereinfachter, verbilligter, verbesserter, müheloserer Lebenshaltung

setzen und denselben den Unterricht und die Erziehung ihrer Kinder, die

Pflege ihrer Kranken, die Mitbenutzung aller sozialen Einrichtungen

sichern.*

*Ihr habt begriffen, daß der Solidarismus euch befreit, euer Leben

erweitert, verschönt und lebenswert macht.*

*Ihr habt auch eingesehen, daß nichts im Solidarismus Doktrin, Theorie,

Willkür oder Selbsttäuschung ist; alles ist Wirklichkeit, gründet sich

auf Benutzung bestehender Verhältnisse, im Rahmen bestehender Gesetze,

in friedlicher Entwicklung bei vollkommener individueller Freiheit.

Alles beruht auf dem natürlichen Spiel der solidaristischen Kräfte.

Vergebens sucht ihr nach unausführbaren, unmöglichen Dingen, es sind

deren keine vorhanden; streng folgerichtig entwickelt und berechnet

sich alles ziffermäßig aus dem Leben, aus den Tatsachen; alles steht

praktisch erreichbar deutlich vor euren Augen!*

*Ihr habt auch erfaßt, was euch in den Stand setzt, euer herrliches

Ziel zu erreichen; es ist euer täglicher Brüderpfennig, das kleine,

unmerkliche Opfer des einzelnen, welches sich durch die Wirkung eurer

Zahl und durch die Wirkung der Zeit von Generation zu Generation

millionenfach vermehrt und euch, als Gesamtheit, eine unermeßliche

materielle und moralische Macht verleiht!*

*Ihr seid entschlossen, diese durch eure Einigkeit erzielte

unermeßliche Macht der Gemeinschaft zu benutzen zum Wohle der

Gesamtheit nicht für Werke des Kampfes und der Zerstörung, sondern für

das große Werk des Friedens und des Aufbaues, der wirtschaftlichen

Erlösung, des Solidarismus!*

*Was ihr als Gesamtheit wollt, das wird! Vereint seid ihr

unüberwindlich; das Geheimnis eurer wirtschaftlichen Erlösung ist eure

Solidarität.*

*Solidarität ist das Gesetz, welches mit Kraft und Klarheit sich abhebt

auf dem dunkel verworrenen Hintergrund unserer Kultur; in welchem sich

das Ringen unserer Zeit nach Erlösung verdichtet, mit elementarer

Gewalt hervorquellend aus der Wirrnis, die uns umgibt. Mit unfehlbarer

Notwendigkeit führt es zum triumphierenden Sieg der Aufklärung, zur

Befreiung, zu großem, freiem, wahrem Menschentum, zu einer neuen Form

der Kultur, welche die Mittel der Menschheit gewaltig steigert!*

*Die Menschen sind unbefriedigt, sie fühlen, daß unsere Kultur

gezwungen, unnatürlich ist, daß sie dem Leben keinen Gehalt, dem Tun

keine Bedeutung gibt; eine ungeheure Sehnsucht nach Besserem und

Höherem erfüllt die Menschheit, alles sehnt sich nach Gerechtigkeit und

Liebe. Eure Gelehrten, eure Schriftsteller, eure Geschichtsschreiber,

eure Kulturforscher, alle rufen: Es kann nicht mehr so weiter gehen,

die Welt ist reif für bessere Zeiten! Hört ihr denn nicht, Brüder,

Schwestern, wie die Welt allüberall erklingt von den Rufen eurer

Propheten: Seid einig, seid solidarisch.*

*Vorwärts denn, Männer, Frauen, Jugend, im Namen der Gerechtigkeit und

der Liebe, im Namen des Solidarismus; vereint entschlossen eure Kräfte,

schließt die Reihen, organisiert euch, sucht eure Führer, bildet

eure friedlichen Legionen von Brüdern! Kommt! Opfert eure täglichen

Brüderpfennige auf dem Altar der Gesamtheit, bildet eure Volkskasse;

ihr selbst seid eure Erlöser, glaubt an euch selbst und helft euch

selbst! Macht den Solidarismus zur führenden Macht des Geisteslebens;

je schneller ihr es tut, je kräftiger ihr einsetzt, je beharrlicher,

je unbeugsamer ihr euren Willen durchführt, desto rascher winkt die

Erlösung; in eurer Hand liegt euer Geschick.*

*Volk, du hast die Kraft, Volk, du hast die Macht! Erwache! Rüttle

dich auf, ans Werk! Moralische Kräfte bestimmen deine Geschicke. Nicht

länger sei gleichgültig gegen dein eigenes Schicksal, glaube an dich,

an die Macht deines Willens! Erfülle dich mit diesem großen Ideal

des Wirkens für die Gesamtheit; frohlockend und unverwandt verfolge

das gesteckte Ziel: deine wirtschaftliche Erlösung. Wenn auch dessen

Erreichung Märtyrer fordert, dein ist der Sieg!*

Anhänge zum ersten Buch.

Anhang 1.

=Statistik der Einkommensverhältnisse in Deutschland.=

Die letzte zu Gebote stehende Statistik des Deutschen Reiches ist

vom Jahre 1895. Nach derselben zählte man damals in Deutschland 51,7

Millionen Einwohner. Darunter waren Erwerbstätige, d. h. einen Beruf

Ausübende: 22,1 Millionen, und nicht erwerbende Ehefrauen, Kinder und

sonstige Angehörige: 27,5 Millionen. Wenn die Rentner, Pensionäre,

Unterstützte, Gefangene mit zusammen: 2,1 Millionen hier außer Rechnung

bleiben, so ist das Verhältnis der Erwerbstätigen zu den nicht

erwerbenden Angehörigen 22,1 : 27,5 oder fast genau 4 : 5.

Von den Erwerbstätigen sind in der Statistik als *Selbständige*

bezeichnet: 5,9 Millionen, als Angestellte und Arbeiter: 14,6 Millionen

und als Dienstboten: 1,6 Millionen. Die Zahl der *Abhängigen* ist

daher: 16,2 Millionen und auf diese entfallen Angehörige: 20,3

Millionen, so daß: 36,5 Millionen Einwohner = 70% der Bevölkerung von

Gehalt, Lohn, Salär *direkt* abhängen, wobei Zivil- und Militärbeamte

und freie Berufsarten nicht mitgerechnet sind.

Von der heutigen Einwohnerzahl Deutschlands von ca. 59 Millionen sind

demnach ca. 42 Millionen *direkt abhängig*.

Unter die sogenannten »Selbständigen« ist aber eine große Anzahl

von nur scheinbar Selbständigen gerechnet; es gehören vor allem

hiezu diejenigen, welche im eigenen Hause oder für eigene Rechnung

arbeiten, aber doch nur als Arbeiter oder Angestellte von Großbetrieben

gelten können, wie sehr viele Schneider, Konfektionäre, Verfertiger

von Spielwaren, Näherinnen, Strickerinnen, Hausweber und überhaupt

Hausindustrielle aller Art, dann auch Handelsreisende und Vermittler;

ferner gehören hierher gewisse selbständige Gewerbetreibende,

welche doch durchaus abhängig sind, z. B. Zugeherinnen, Hausierer,

Dienstmänner, Stellmacher, Lootsen, Scherenschleifer, um nur einige zu

nennen; endlich befinden sich unter den sogenannten »Selbständigen«

der Reichsstatistik solche, welche es tatsächlich sind, von denen

aber die Statistik selbst sagt, daß sie »*nur mühselig existieren*«;

hierzu gehören in erster Linie die ganz kleinen Landwirte, Krämer,

Wirtschaftsbesitzer, kleinste Gewerbetreibende aller Art, deren Lage

viel ungünstiger, unsicherer und abhängiger ist, als die der meisten

Angestellten und Arbeiter, welche direkt von ihrem Salär abhängen, aber

dieses wenigstens sicher beziehen. Man kann diese Kategorie als die

»*indirekt Abhängigen*« bezeichnen.

Eine Zusammenstellung aller hier in Betracht kommenden, aus den ca.

6 Millionen Selbständigen der Reichsstatistik, ergibt, sehr mäßig

geschätzt, 2½ bis 3 Millionen; rechnet man hierzu ihre Angehörigen,

so ist auf die heutige Einwohnerzahl umgerechnet, die Gesamtzahl der

indirekt Abhängigen 7-8 Millionen, welche zu obigen 42 Millionen

»*direkt Abhängigen*« hinzuzuzählen sind, so daß die Gesamtzahl der

»*Abhängigen*« überhaupt auf rund 50 Millionen, also mehr wie 80% der

Bevölkerung, angegeben werden kann.

Sieht man von den Bezeichnungen der offiziellen Statistik ab und nennt,

wie das den laufenden Anschauungen und namentlich der Wirklichkeit mehr

entspricht, *abhängig* alle diejenigen, welche nur sehr beschränkte

Mittel besitzen und sich ihre Lebensbedürfnisse nur teilweise oder

notdürftig beschaffen können, so ist die Zahl der »Abhängigen« in

diesem Sinne noch weit größer.

Solidarismus: Natürliche wirtschaftliche Erlösung des Menschen · 第 8 / 14 段