Aber zu diesen 70% »direkt Abhängiger« treten noch mindestens 25% der

Bevölkerung »indirekt Abhängiger« hinzu, deren Existenzbedingungen

äußerst prekär und notdürftig sind, die, wie die offizielle Statistik

sagt, »*nur mühselig existieren*«.

Werdet ihr kleinen und kleinsten Landwirte, Krämer, Wirtschaftsbesitzer

und Gewerbetreibende aller Art es nicht auch als eine Erlösung

empfinden, der nagenden Sorge für das Morgen enthoben und Mitglied

eines wohlgeordneten Bienenstockbetriebes zu sein, mit gesicherten

Einnahmen, mit Anteilen für Krankheit und Alter, mit Versorgung eurer

Familie nach dem Tod, mit all den wundervollen sozialen Einrichtungen,

welche ihr heute kaum dem Namen nach kennt?

Werdet ihr, abhängigen Brüder, die ihr insgesamt 95 bis 97% unserer

Bevölkerung ausmacht, nicht danach lechzen, eure jetzige Lage

aufzugeben und in solche Betriebe zu kommen, die euch alles bieten,

wonach ihr euch seit Generationen vergebens sehnt; werdet ihr euch

nicht förmlich dazu drängen, und werdet ihr nicht, da ihr nicht alle

sofort Bienen werden könnt, doch mit Freuden euren Brüderbeitrag

zur Volkskasse leisten, um wenigstens baldmöglichst deren Vorteile

zu genießen! Und selbst wenn ihr schon alt seid und in verdüsterter

Stimmung für euch selbst nicht mehr daran zu glauben wagt, werdet ihr

es nicht für eure Kinder tun, um dazu beizutragen, daß diesen die

Befreiung erstehe!? Und werdet ihr es nicht auch schon deshalb tun, um

das erhebende Bewußtsein zu haben, nach euren Kräften mitzuwirken an

der größten Aufgabe dieser Zeiten, an eurer wirtschaftlichen Erlösung?

Zieht ihr denn nicht alle ausnahmslos vor, für die Zwecke *der

Gesamtheit* zu arbeiten als für die Zwecke eines einzelnen. Tut ihr

denn nicht jetzt oft schon weit mehr? Wenn ihr Wochen oder Monate die

Arbeit einstellt, auf euren Lohn verzichtet und hungert zu dem idealen

Zwecke, mitzuhelfen an der Verbesserung der Lage eurer Brüder, bringt

ihr da nicht ein Opfer, so groß, wie es der Solidarismus in Jahren,

vielleicht in eurem ganzen Leben nicht von euch fordert, und bringt

ihr es nicht ohne Hoffnung, daß es euch vergolten werde, während der

Solidarismus euch eure Opfer schon in kurzer Zeit in Form billiger

Lebenshaltung vielfach ersetzt!?

Allen Selbständigen.

Zu den Selbständigen des Volkes gehören alle mittleren und großen

Geschäftsleute, Gewerbetreibende, Fabrikanten, Landwirte, deren

Einkommensverhältnisse derartige sind, daß eine gewisse oder

vollständige Unabhängigkeit daraus entsteht; es werden auch hierher

gezählt die mittleren und höheren Staatsbeamten, die Angehörigen des

Heeres und der freien Berufe.

Auf diese Kategorie entfallen nur 3% der Gesamtbevölkerung, und

selbst von diesen kann mindestens die Hälfte immerhin in nur sehr

bescheidenen Grenzen als unabhängig gelten.[19] Es ist mit Gewißheit

anzunehmen, daß selbst unter diesen noch eine große Zahl sich

befindet, die ohne weiteres ihre jetzige Situation gerne eintauschen

würde gegen eine führende Stellung in einem Bienenstock, welche

ebenfalls die ruhige, sorgenlose Tätigkeit in Bienenstöcken, die damit

verknüpfte vollständige Sicherung für sich und die Ihrigen gegen alle

Zwischenfälle des Lebens ebenfalls als eine Erlösung aus ihrem immerhin

mühe- und sorgenvollen, unsichern Dasein begrüßen würde. Fragt euch nur

selbst aufrichtig und unbefangen, ihr Männer, fragt eure Frauen, was

sie darüber denken!

Wäre es denn wirklich ein beklagenswerter Verlust, euer Geschäft

aufzugeben und dafür die Leitung eines Tauschlagers oder einer

Abteilung in einem Bienenstock oder die Betriebsleitung einer

Bienenstocks-Werkstätte zu übernehmen? Wäre da nicht im Gegenteil euer

Wirkungskreis ein viel umfassenderer, interessanterer, nützlicherer?

Würdet ihr denn an eurem Ansehen einbüßen? Genießt denn heute der

Bureauchef oder Betriebsleiter einer Fabrik geringeres Ansehen als der

Besitzer eines kaufmännischen Detail- oder Engrosgeschäftes, einer

Agentur oder einer mechanischen oder sonstigen Werkstätte? Gilt ein

Fabrikdirektor oder der Direktor einer Bank heute als etwas geringeres

als ein größerer Gewerbetreibender oder ein selbständiger Bankier?

Im Gegenteil! Es ist heute schon Sitte, große Privatgeschäfte in

Aktiengesellschaften umzuwandeln, und der Ehrgeiz von deren Besitzern,

Direktoren, und ihrer Angestellten, Beamten dieser Gesellschaften zu

werden. Um wieviel mehr wird das im Solidarismus der Fall sein, wo

die Tätigkeit in Bienenstöcken und in der Volkskasse der *Gesamtheit*

gewidmet ist, einem *Gemeinwohl* dient: solche Tätigkeit erzeugt immer

größeres Ansehen bei den Mitbürgern und das stolze Bewußtsein in der

eigenen Brust, daß man nicht nur für sich allein und seine kleinen

Interessen lebt, sondern auch für seine Brüder nützliche Werke tut.

Es wäre euch also wirklich kein Schaden, wenn durch das Errichten

eines neuen Bienenstocks eine Anzahl eurer Geschäfte aufgesogen würde.

Versteht wohl, Brüder, aufgesogen, aufgenommen, nicht beseitigt! *Der

Solidarismus zerstört nicht, er baut auf!* Der große Bienenstock

vernichtet nicht die Kleinen, er *vereinigt sie* zu gemeinsamer und

erfolgreicherer Arbeit; er schaltet niemand von euch aus, sondern er

reiht euch alle mit gleichen Rechten ein, gleichgültig ob eure Arbeit

der Beschaffung, der Herstellung oder der Verteilung der Güter gewidmet

ist. Der Solidarismus bildet aus vielen kleinen, sich bekämpfenden

oder zerstörenden Betrieben einen *großen, kraftvollen, gesunden

Organismus*, in dem sich alle unterstützend helfen! Gerade ihr seid es

also, welche die Bienenstöcke errichten und Nutzen davon haben sollt;

aus euren Kreisen soll die Anregung zur Errichtung derselben kommen,

sich das höhere Personal rekrutieren; ihr seid dazu bestimmt, im

eigenen Interesse die solidaristische Bewegung in die Hand zu nehmen

und die Massen mitzureißen.

Der Solidarismus wirkt nicht gegen eure Interessen, sondern für

dieselben, er kommt geradezu den Wünschen entgegen, die ihr vielleicht

unausgesprochen, vielleicht nicht einmal vollbewußt, in euch tragt.

Und ihr Großen, wirklich Unabhängigen? Ihr könnt selbstverständlich

euch stolz zur Seite wenden und sagen: »Wir brauchen das nicht!«

Niemand wird euch darum gram sein. Werdet ihr aber nicht gerade

deshalb, weil ihr so hoch und unabhängig dasteht, in euren Herzen die

Regung fühlen, die *Hände eurer Brüder zu ergreifen und an einem Werke

reiner, uneigennütziger Menschenliebe mitzuwirken*? Ja, selbst wenn ihr

diesen idealen Zweck nicht erkennt oder nicht anerkennt, so habt ihr

doch Kinder, deren Zukunft immerhin nicht ganz so sicher vor euch steht

wie eure eigene; werdet ihr nicht diesen die Möglichkeit verschaffen

wollen, an dieser wundervollen Bewegung teilzunehmen und sich deren

Vorteile für alle Fälle der Zukunft zu sichern?

Auch euch, den reinen Kapitalisten, nützt der Solidarismus, denn die

Bienenstöcke geben für ihre Anleihen höhere Zinsen als üblich und mehr

Sicherheit wie jede andere Anlage; denn die Haftung der Volkskassen für

Kapital und Zins gilt unter allen Umständen selbst bei Krisen, Kriegen

und Revolutionen.

Auch ihr, Beamten des Staates, Angehörige des Heeres, auch ihr habt

ein *Interesse* an der Entwicklung des Solidarismus; gerade weil der

Staat so schön für euch sorgt, euch euren Gehalt in allen Lebenslagen

sichert, euch und die euren pensioniert, habt ihr Gelegenheit gehabt,

diesen Teil des Solidarismus an euch selbst kennen und schätzen zu

lernen, und deshalb werdet ihr bemüht sein, diese Vorteile und die

noch viel weitergehenden des Solidarismus euren Kindern zu sichern,

die nicht alle Beamten und Offiziere sein können; ja, für euch

selbst werdet ihr Interesse daran haben, euch durch eure Beiträge

zur Volkskasse dieses neue Land auf alle Fälle offen zu halten und

vielleicht so manches Mal Gelegenheit haben, freiwillig oder nicht,

dasselbe zu betreten und im Solidarismus neue Bahnen zu finden; ihr

alle werdet darin willkommen sein!

Dasselbe trifft zu für euch, Vertreter der freien Berufe! Ihr aber

habt neben dem rein persönlichen, materiellen Interesse mehr wie alle

andern *ein ideales Interesse daran*, den Solidarismus mit allen

Kräften zu fördern; seid ihr doch die *geistigen Führer* der Nation

und müßt als solche das Bestreben haben, euer Volk leistungsfähig zu

machen, dasselbe moralisch und sittlich hoch zu heben, materiell gut

zu stellen, zufrieden zu machen und so zum Wachsen und Gedeihen des

Vaterlandes, zu seiner kulturellen Hebung in erster Linie beizutragen!

Welch wunderbare Aufgabe fällt dabei den einzelnen Gruppen eurer freien

Berufe zu!

Welche Rolle die Ärzte im Solidarismus zu spielen bestimmt sind, geht

schon aus der ihnen in den Bienenstöcken zugewiesenen großen Aufgabe

hervor; durch die ständige Überwachung der Bienen am Orte ihrer

Tätigkeit sind sie weit mehr als heute in der Lage, den eigentlichen

Zweck der Medizin, *das Verhüten der Krankheiten*, in erster Linie zu

pflegen; durch die fortwährende Fühlung mit ihren Bienen und deren

Angehörigen, ihren Einfluß auf die Ernährung, die häusliche und

Schulhygiene werden sie zu wahren Freunden und Beratern derselben und

kommen so in die Lage, nicht nur an der körperlichen sondern auch

an der geistigen und moralischen Gesundheit der ihnen anvertrauten

Brüder ständig mitzuarbeiten; infolge ihrer festen Anstellung an den

Bienenstöcken sind sie den Kranken gegenüber gänzlich unabhängig von

materiellen Fragen, ja, infolge ihrer Beteiligung am Einkommen der

Bienenstöcke haben sie ein direktes materielles Interesse daran, nur

gesunde und leistungsfähige Bienen in ihren Stöcken zu haben.

Auch die Lehrberufe sind im Solidarismus zu einem erweiterten

und erhöhten Wirkungskreise berufen; durch die Einrichtungen

für die Erziehung und geistige Fortbildung der Bienen, welche

an jedem Bienenstock obligatorisch sind, durch all die dort

einzurichtenden Schulen und Vortragszyklen entstehen, über das

ganze Land ausgebreitet, allen gleichmäßig und unentgeltlich zur

Verfügung, ebensoviele Plätze für die Beseitigung der Unwissenheit

und des Aberglaubens, für die Verbreitung und Popularisierung der

Wissenschaften, für das Wirken ihrer Vertreter, für das Erwecken der

unerschöpflichen geistigen Energien in der Gesamtheit des Volkes, für

die Ausbreitung des Wissens auf die große Masse der geistig enterbten

und damit für eine ungeahnte kulturelle Hebung der Nation; dieser

Umstand allein müßte alle Angehörigen der gelehrten und Lehrberufe zu

begeisterten Anhängern des Solidarismus machen! Der Lehrer hat in der

solidaristischen Gemeinschaft eine ähnlich hohe Aufgabe wie der Arzt;

auch er steht in fortwährender Fühlung, in unausgesetztem geistigen

Austausch mit seinen Bienen in allen Lebensaltern und wird so zu ihrem

Freund und Berater; auch er ist an der Leistungsfähigkeit seines

Bienenstocks, welche zu der Summe der geistigen Fähigkeiten seiner

Mitglieder in direktem Verhältnis steht, materiell interessiert, da er

selbst Biene des Stocks ist. Sein Einfluß ist so groß und wichtig, daß

auch sein Ansehen und seine materielle Lage entsprechend hoch stehen

müssen.

Auch die Kunst erhält durch den Solidarismus neues Lebensblut; die

Kunst lebt von den Idealen der Menschen; jedes große Volksideal, jede

Religion hat den weitestgehenden Einfluß auf die Kunstentwicklung

der betreffenden Zeit, das ist bewiesen z. B. durch den geradezu

überwältigenden Einfluß, welchen die Götterlehre auf die Kunst der

antiken Welt, die christliche Lehre auf die Kunstentwicklung der

modernen Welt gehabt haben. Die wundervollen kirchlichen Bauten

aller Völker und die verschwenderische Anhäufung von Kunstwerken in

denselben sind doch alle nur zu Ehren und zur Pflege eines reinen

Ideals, des Christentums entstanden, für die Gesamtheit aller und

durch die Jahrhunderte lang angehäuften Mittel dieser Gesamtheit, ohne

Unterschied des Ranges und des Reichtums.

Warum soll nicht ein anderes, hohes Ideal, *das Wirken des einzelnen

für die Gesamtheit, das Eintreten der Gesamtheit für den einzelnen, der

Solidarismus*, eine neue große Periode begeisterter Kunst herbeiführen,

wenn es erst von der Menge als solches erkannt und erfaßt ist? Ist denn

die Menge nicht durstig nach den idealen Genüssen der Kunst; geht doch

hin in die populären Konzerte, in die billigen Vorstellungen unserer

Klassiker, in die Gratistage unserer Kunstausstellungen und seht, wie

die Menge die Kunst genießt und was aus der Kunst werden kann, wenn

erst die Menge die Mittel in die Hand bekommt sich an derselben zu

beteiligen!

Darum, ihr Vertreter der freien Berufe, ihr Künstler und Ingenieure,

Schriftsteller und Gelehrte, Seelsorger und Ärzte, kommt alle, alle,

mitzuwirken, das Ideal des Opferns und Wirkens für die Gesamtheit

zu verbreiten, die Begeisterung zu erwecken für das hohe Ziel, die

Menschen zu Menschen zu machen, *ein Zeitalter der Uneigennützigkeit

herbeizuführen, wie es die Geschichte noch nicht sah*!

Den Frauen.

Nirgends im Solidarismus ist ein grundsätzlicher Unterschied zwischen

Frauen und Männern gemacht; Frauen und Männer haben im Volksvertrag

und im Arbeitsvertrag der Bienenstöcke gleiche Pflichten und Rechte

und werden unter gleichen Bedingungen Brüder und Bienen: beiden

Geschlechtern sind dieselben Unterrichts- und Bildungsmöglichkeiten

eröffnet; nichts ist den Frauen vorenthalten.

Schwestern! Werdet ihr euch deshalb im Bienenstock auf die männlichen

Berufe stürzen, wie das so vielfach angenommen wird? Keineswegs! Da

der Bienenstock auf Interessengemeinschaft beruht, so wäre es gegen

euer eigenes Interesse gehandelt, eine Tätigkeit ergreifen zu wollen,

die euren Kräften, eurer Natur nicht entspricht; ihr würdet ja darin

weniger leisten und durch das geringere Gesamterträgnis nur euch selbst

mitschädigen.

In diesem freien Spiel der Interessengemeinschaft ergibt sich euer

Wirkungskreis von selbst; wenn ihr auch nicht zu jedem Beruf geschaffen

seid, so darf euch doch keiner verschlossen bleiben, die Natur weist

euch selbst die Wege; und wenn euch eure innere Stimme oder heiligste

Pflicht an das Haus fesselt, so wird niemand euch veranlassen wollen,

einen andern Beruf als den der Mutter und Hausfrau zu ergreifen. Dort

aber, wo dies nicht der Fall, oder wo es unmöglich ist, da ergreift

Berufe soviel ihr könnt; dadurch, daß euch der Bienenstock einen

großen Teil der Haushaltungs- und Erziehungsmühen abnimmt, werdet

ihr frei für andere Berufe; die Bienenstöcke, abgesehen von den auch

sonst der Frau überlassenen Beschäftigungszweigen, bieten euch in

ihren sozialen Anstalten eine ganze Reihe neuer Tätigkeiten, welche so

recht dem eigentlichen Wirkungskreise eures Geschlechtes angehören;

mit jedem neuen Bienenstock findet eine große Anzahl von Frauen

Beschäftigung in den Speisehallen, den Krankenhäusern, Erholungs- und

Rekonvaleszentenheimen, den Kinderhorten und Schulen.

Eure Männer arbeiten in Bienenstöcken, ihr Frauen versorgt darin als

Bienen die sozialen Einrichtungen, eure Kinder befinden sich in euren

eigenen Horten, Schulen und Erziehungsanstalten, eure Kranken unter

eurer eigenen Pflege in den Kranken- und Erholungshäusern; auch eure

Mahlzeiten könnt ihr hier einnehmen und abends geht ihr mit den Euren

nach Hause und pflegt im eigenen Heim das Familienleben, oder ihr geht

in die Erholungsräume eures oder eines befreundeten Bienenstocks und

pflegt mit Freunden der Geselligkeit oder der Bildung.

Und da ihr selbst Bienen eurer Stöcke seid, so habt auch ihr ein

Anrecht auf alle Vorteile des Arbeitsvertrags, gesichertes Einkommen,

Krankenzuschüsse, Seniorenanteile, und wie sie alle heißen mögen.

Schwestern, öffnet doch eure Augen und sehet! Wenn eure Männer noch

nicht recht verstehen wollen, was der Solidarismus ist, dann macht ihr

es ihnen klar, ihr werdet es vielleicht rascher erfassen, weil für

euch und eure Kinder die Vorteile noch größer sind als für den Mann

allein; werdet selbst sofort Schwestern und baldmöglichst Mitglieder

von Bienenstöcken, auch wenn ihr noch nicht verheiratet seid. Eine

Jungfrau, welche Biene ist, deren ganze Existenz in allen Lebenslagen

gesichert ist, ist wirtschaftlich frei; sie steht so unabhängig da,

daß sie beim Heiraten bloß der Stimme ihres Herzens zu folgen braucht

und von andern Erwägungen frei bleiben kann; sie *muß* nicht heiraten

um versorgt zu sein. Aber auch der Mann wird freier nach seinem Herzen

wählen, da er mit der Heirat nicht zu befürchten hat, Lasten und Sorgen

auf sich zu nehmen, die er nicht bewältigen kann; in welch angenehmem,

gesichertem Wohlstand wird eine Familie leben, wenn Mann *und* Frau

Bienen sind.

Werdet ihr denn, wie das so viel befürchtet wird, euren Männern durch

eure eigenen Berufe schaden und diesen die Arbeit entziehen? Törichter

Wahn!

Ihr habt schon gesehen, daß der Bienenstock euch Berufe eröffnet, die

der Mann überhaupt nicht versehen kann, und daß für die Berufe, welche

von beiden Geschlechtern versehen werden können, die Trennung von

selbst sich so vollzieht, daß jedes Geschlecht nur solche ergreift,

in welchen es das Höchste leisten kann, dafür bürgt die Organisation,

welche auf Interessengemeinschaft beruht und welche ganz von selbst

nicht duldet, daß ein Starker nicht voll ausgenutzt oder ein Schwacher

an eine Stelle gesetzt wird, die er nicht ausfüllen kann; das Gesetz

der höchsten Entlohnung für höchste Leistung ist auch hier der regelnde

Faktor.

Da ein Volk nur eine begrenzte Menge von Bedürfnissen hat, so

wird dieselbe um so rascher hergestellt sein, je mehr Menschen

daran arbeiten; die Mitarbeiterschaft der Frau ist daher in der

solidaristischen Gemeinschaft dem Manne keine Konkurrenz, sondern

eine Hilfe und hat zur Folge, *die gesamte Arbeitszeit der Brüder zu

verkürzen*; je mehr Frauen mitarbeiten, desto eher wird es möglich

sein, das Seniorenalter für alle herabzusetzen und die von jedem

einzelnen zu leistende gesamte *Lebensarbeit zu vermindern*.

Darum Schwestern, ergreift Berufe! Habt Vertrauen auf eure Fähigkeiten,

eure Persönlichkeit, eure Kraft! Werdet mündig, werdet die ebenbürtigen

Gefährtinnen eurer Männer, die sittliche Leuchte eurer Familie und

durch diese der Nation! Nehmet Teil am geistigen Leben unserer

Zeit und greifet ein mit weicher Hand und warmem Herzen in das

schwierigste Problem der Menschheit, die *Verwirklichung der sozialen

Gerechtigkeit*! Veranlaßt eure Männer, eure Brüder, der Volkskasse

beizutreten, lehrt eure Kinder, sobald sie es begreifen können, ihre

Tagespfennige zur Volkskasse zu tragen, laßt sie Brüder werden, sobald

sie das Alter dazu erreicht; legt in eure Söhne und Töchter den großen,

herrlichen Gedanken des Wirkens für die Gesamtheit; erzieht sie im

Solidarismus, denn ihnen gehört die Zukunft; in eurer Jugend ist noch

frisch und unverfälscht der Trieb nach Wahrheit und Gerechtigkeit,

die unwiderstehliche Begeisterung für große Ideale, die ungebrochene

Hoffnung, dieselben zu erreichen, die Tatkraft, Opferwilligkeit und

Kampfesfreudigkeit, der Glaube an sich selbst! Wenn die Früchte des

Solidarismus auch für euch selbst noch nicht alle reif werden, so

werden *sie* einst die von euch gelegte Saat aufgehen sehen und ihre

Früchte genießen.

*Ihr Frauen habt vom Solidarismus nicht nur Großes sondern alles zu

gewinnen; wenn ihr ihn wollt, wenn ihr daran glaubt, dann wird er

siegen!*

Dem Staate.

Kann oder soll der Staat den Solidarismus dekretieren?

Nein! Denn der Staat ist der Hüter und Beschützer *aller* Formen

wirtschaftlicher Produktion, die sich in gesetzlichen Bahnen

bewegen, er darf nicht eine Wirtschaftsform auf Kosten einer andern

vorschreiben; er kann nicht mit einem Federstrich plötzlich alle

wirtschaftlichen Erscheinungen, die sich seit Jahrhunderten oder

Jahrtausenden entwickelten, beseitigen. Der Solidarismus ist eine neue,

höhere Form des Wirtschaftslebens, welche sich *mit vollem Bewußtsein

im Rahmen der bestehenden Gesetze bewegt* und sich neben die andern

Formen stellt, und zwar gleichberechtigt, denn die Gesetze gelten für

alle. Diese Wirtschaftsform trägt ihre *Lebenskraft in sich selbst*,

in ihrem Prinzip, sie kann aber vom Staate ebensowenig vorgeschrieben

werden wie etwa die Form der Aktiengesellschaft oder irgend eine andere

als einzig richtige vorgeschrieben werden kann, ohne eine Menge anderer

Interessen zu verletzen, ohne mit Gewalt in andere wirtschaftliche

Verhältnisse einzugreifen, die ebenfalls unter dem Schutze des

Staates stehen. Der Staat kann auch deshalb den Solidarismus nicht

vorschreiben, weil er es nur durch Gesetze, d. h. durch Zwang, tun

könnte, während einer der unantastbaren Grundsätze des Solidarismus die

volle *Freiheit* des einzelnen ist, sich ihm zuzuwenden oder nicht,

weil der Solidarismus auf dem *freien Vertrag* zwischen den Beteiligten

beruht, also zwischen den einzelnen Menschen, und nicht auf einem

Vertrag zwischen Volk und Staat, der ein Unding wäre. Der Solidarismus

entwickelt sich freiheitlich, oder er entwickelt sich nicht; er

*braucht keine Sondergesetze*!

Steht deshalb der Solidarismus im Gegensatz zum Staate?

Nein! Ist doch der *Staat selbst schon teilweise solidaristisch*

organisiert; beruht doch sein *Kredit* auf den summierten *Beiträgen

der Gesamtheit*, den Steuern, wobei die kleinen und kleinsten

Beiträge der großen Masse den ausschlaggebenden Teil der Einnahmen

ausmachen.[20] Auf Grund seines Kredits nimmt er *Anleihen* auf,

die er, wie die Bienenstöcke, normal *verzinst* und in Annuitäten

*zurückzahlt*, und für welche er *Kapital und Zins garantiert*; mit

Teilen dieser Anleihen eröffnet er Selbstbetriebe, die wiederum

teilweise solidaristisch organisiert sind.

Der Staat *sichert* seine Beamten, abgesehen von meist

selbstverschuldeten Ausnahmefällen, gegen *Entlassung* und

*Verminderung des Gehaltes* mit wachsenden Dienstjahren; er zahlt die

Gehälter in *Krankheitsfällen* weiter, gewährt *Alters-*, *Witwen-* und

*Waisenpensionen* und sorgt für seine Angehörigen durch eine große Zahl

von *Wohlfahrtseinrichtungen*.

Merkwürdigerweise finden diese solidaristischen Grundsätze nur auf die

Beamten Anwendung, nicht aber auf das niedere Personal und die große

Masse der Arbeiter. Warum? Hierauf gibt es wohl nur eine zutreffende

Antwort: Weil die Entwicklung noch nicht so weit gediehen ist.

Der Staat hat diese Lücke erkannt und sucht durch soziale Gesetze

dieselbe auszufüllen, zu deren Lasten er wesentlich beiträgt; aber

seine Mittel reichen nicht aus, und deshalb hat er das *größte

Interesse daran, eine auf Selbsthilfe beruhende Bewegung zu

unterstützen*, bei welcher jeder einzelne Betrieb (Bienenstock) alle

*Existenzbedingungen seiner Gruppe selbständig* und *vollständig* aus

seinen *eigenen Mitteln sichert*.

Solidarismus: Natürliche wirtschaftliche Erlösung des Menschen · 第 7 / 14 段