Bevölkerung »indirekt Abhängiger« hinzu, deren Existenzbedingungen
äußerst prekär und notdürftig sind, die, wie die offizielle Statistik
sagt, »*nur mühselig existieren*«.
Werdet ihr kleinen und kleinsten Landwirte, Krämer, Wirtschaftsbesitzer
und Gewerbetreibende aller Art es nicht auch als eine Erlösung
empfinden, der nagenden Sorge für das Morgen enthoben und Mitglied
eines wohlgeordneten Bienenstockbetriebes zu sein, mit gesicherten
Einnahmen, mit Anteilen für Krankheit und Alter, mit Versorgung eurer
Familie nach dem Tod, mit all den wundervollen sozialen Einrichtungen,
welche ihr heute kaum dem Namen nach kennt?
Werdet ihr, abhängigen Brüder, die ihr insgesamt 95 bis 97% unserer
Bevölkerung ausmacht, nicht danach lechzen, eure jetzige Lage
aufzugeben und in solche Betriebe zu kommen, die euch alles bieten,
wonach ihr euch seit Generationen vergebens sehnt; werdet ihr euch
nicht förmlich dazu drängen, und werdet ihr nicht, da ihr nicht alle
sofort Bienen werden könnt, doch mit Freuden euren Brüderbeitrag
zur Volkskasse leisten, um wenigstens baldmöglichst deren Vorteile
zu genießen! Und selbst wenn ihr schon alt seid und in verdüsterter
Stimmung für euch selbst nicht mehr daran zu glauben wagt, werdet ihr
es nicht für eure Kinder tun, um dazu beizutragen, daß diesen die
Befreiung erstehe!? Und werdet ihr es nicht auch schon deshalb tun, um
das erhebende Bewußtsein zu haben, nach euren Kräften mitzuwirken an
der größten Aufgabe dieser Zeiten, an eurer wirtschaftlichen Erlösung?
Zieht ihr denn nicht alle ausnahmslos vor, für die Zwecke *der
Gesamtheit* zu arbeiten als für die Zwecke eines einzelnen. Tut ihr
denn nicht jetzt oft schon weit mehr? Wenn ihr Wochen oder Monate die
Arbeit einstellt, auf euren Lohn verzichtet und hungert zu dem idealen
Zwecke, mitzuhelfen an der Verbesserung der Lage eurer Brüder, bringt
ihr da nicht ein Opfer, so groß, wie es der Solidarismus in Jahren,
vielleicht in eurem ganzen Leben nicht von euch fordert, und bringt
ihr es nicht ohne Hoffnung, daß es euch vergolten werde, während der
Solidarismus euch eure Opfer schon in kurzer Zeit in Form billiger
Lebenshaltung vielfach ersetzt!?
Allen Selbständigen.
Zu den Selbständigen des Volkes gehören alle mittleren und großen
Geschäftsleute, Gewerbetreibende, Fabrikanten, Landwirte, deren
Einkommensverhältnisse derartige sind, daß eine gewisse oder
vollständige Unabhängigkeit daraus entsteht; es werden auch hierher
gezählt die mittleren und höheren Staatsbeamten, die Angehörigen des
Heeres und der freien Berufe.
Auf diese Kategorie entfallen nur 3% der Gesamtbevölkerung, und
selbst von diesen kann mindestens die Hälfte immerhin in nur sehr
bescheidenen Grenzen als unabhängig gelten.[19] Es ist mit Gewißheit
anzunehmen, daß selbst unter diesen noch eine große Zahl sich
befindet, die ohne weiteres ihre jetzige Situation gerne eintauschen
würde gegen eine führende Stellung in einem Bienenstock, welche
ebenfalls die ruhige, sorgenlose Tätigkeit in Bienenstöcken, die damit
verknüpfte vollständige Sicherung für sich und die Ihrigen gegen alle
Zwischenfälle des Lebens ebenfalls als eine Erlösung aus ihrem immerhin
mühe- und sorgenvollen, unsichern Dasein begrüßen würde. Fragt euch nur
selbst aufrichtig und unbefangen, ihr Männer, fragt eure Frauen, was
sie darüber denken!
Wäre es denn wirklich ein beklagenswerter Verlust, euer Geschäft
aufzugeben und dafür die Leitung eines Tauschlagers oder einer
Abteilung in einem Bienenstock oder die Betriebsleitung einer
Bienenstocks-Werkstätte zu übernehmen? Wäre da nicht im Gegenteil euer
Wirkungskreis ein viel umfassenderer, interessanterer, nützlicherer?
Würdet ihr denn an eurem Ansehen einbüßen? Genießt denn heute der
Bureauchef oder Betriebsleiter einer Fabrik geringeres Ansehen als der
Besitzer eines kaufmännischen Detail- oder Engrosgeschäftes, einer
Agentur oder einer mechanischen oder sonstigen Werkstätte? Gilt ein
Fabrikdirektor oder der Direktor einer Bank heute als etwas geringeres
als ein größerer Gewerbetreibender oder ein selbständiger Bankier?
Im Gegenteil! Es ist heute schon Sitte, große Privatgeschäfte in
Aktiengesellschaften umzuwandeln, und der Ehrgeiz von deren Besitzern,
Direktoren, und ihrer Angestellten, Beamten dieser Gesellschaften zu
werden. Um wieviel mehr wird das im Solidarismus der Fall sein, wo
die Tätigkeit in Bienenstöcken und in der Volkskasse der *Gesamtheit*
gewidmet ist, einem *Gemeinwohl* dient: solche Tätigkeit erzeugt immer
größeres Ansehen bei den Mitbürgern und das stolze Bewußtsein in der
eigenen Brust, daß man nicht nur für sich allein und seine kleinen
Interessen lebt, sondern auch für seine Brüder nützliche Werke tut.
Es wäre euch also wirklich kein Schaden, wenn durch das Errichten
eines neuen Bienenstocks eine Anzahl eurer Geschäfte aufgesogen würde.
Versteht wohl, Brüder, aufgesogen, aufgenommen, nicht beseitigt! *Der
Solidarismus zerstört nicht, er baut auf!* Der große Bienenstock
vernichtet nicht die Kleinen, er *vereinigt sie* zu gemeinsamer und
erfolgreicherer Arbeit; er schaltet niemand von euch aus, sondern er
reiht euch alle mit gleichen Rechten ein, gleichgültig ob eure Arbeit
der Beschaffung, der Herstellung oder der Verteilung der Güter gewidmet
ist. Der Solidarismus bildet aus vielen kleinen, sich bekämpfenden
oder zerstörenden Betrieben einen *großen, kraftvollen, gesunden
Organismus*, in dem sich alle unterstützend helfen! Gerade ihr seid es
also, welche die Bienenstöcke errichten und Nutzen davon haben sollt;
aus euren Kreisen soll die Anregung zur Errichtung derselben kommen,
sich das höhere Personal rekrutieren; ihr seid dazu bestimmt, im
eigenen Interesse die solidaristische Bewegung in die Hand zu nehmen
und die Massen mitzureißen.
Der Solidarismus wirkt nicht gegen eure Interessen, sondern für
dieselben, er kommt geradezu den Wünschen entgegen, die ihr vielleicht
unausgesprochen, vielleicht nicht einmal vollbewußt, in euch tragt.
Und ihr Großen, wirklich Unabhängigen? Ihr könnt selbstverständlich
euch stolz zur Seite wenden und sagen: »Wir brauchen das nicht!«
Niemand wird euch darum gram sein. Werdet ihr aber nicht gerade
deshalb, weil ihr so hoch und unabhängig dasteht, in euren Herzen die
Regung fühlen, die *Hände eurer Brüder zu ergreifen und an einem Werke
reiner, uneigennütziger Menschenliebe mitzuwirken*? Ja, selbst wenn ihr
diesen idealen Zweck nicht erkennt oder nicht anerkennt, so habt ihr
doch Kinder, deren Zukunft immerhin nicht ganz so sicher vor euch steht
wie eure eigene; werdet ihr nicht diesen die Möglichkeit verschaffen
wollen, an dieser wundervollen Bewegung teilzunehmen und sich deren
Vorteile für alle Fälle der Zukunft zu sichern?
Auch euch, den reinen Kapitalisten, nützt der Solidarismus, denn die
Bienenstöcke geben für ihre Anleihen höhere Zinsen als üblich und mehr
Sicherheit wie jede andere Anlage; denn die Haftung der Volkskassen für
Kapital und Zins gilt unter allen Umständen selbst bei Krisen, Kriegen
und Revolutionen.
Auch ihr, Beamten des Staates, Angehörige des Heeres, auch ihr habt
ein *Interesse* an der Entwicklung des Solidarismus; gerade weil der
Staat so schön für euch sorgt, euch euren Gehalt in allen Lebenslagen
sichert, euch und die euren pensioniert, habt ihr Gelegenheit gehabt,
diesen Teil des Solidarismus an euch selbst kennen und schätzen zu
lernen, und deshalb werdet ihr bemüht sein, diese Vorteile und die
noch viel weitergehenden des Solidarismus euren Kindern zu sichern,
die nicht alle Beamten und Offiziere sein können; ja, für euch
selbst werdet ihr Interesse daran haben, euch durch eure Beiträge
zur Volkskasse dieses neue Land auf alle Fälle offen zu halten und
vielleicht so manches Mal Gelegenheit haben, freiwillig oder nicht,
dasselbe zu betreten und im Solidarismus neue Bahnen zu finden; ihr
alle werdet darin willkommen sein!
Dasselbe trifft zu für euch, Vertreter der freien Berufe! Ihr aber
habt neben dem rein persönlichen, materiellen Interesse mehr wie alle
andern *ein ideales Interesse daran*, den Solidarismus mit allen
Kräften zu fördern; seid ihr doch die *geistigen Führer* der Nation
und müßt als solche das Bestreben haben, euer Volk leistungsfähig zu
machen, dasselbe moralisch und sittlich hoch zu heben, materiell gut
zu stellen, zufrieden zu machen und so zum Wachsen und Gedeihen des
Vaterlandes, zu seiner kulturellen Hebung in erster Linie beizutragen!
Welch wunderbare Aufgabe fällt dabei den einzelnen Gruppen eurer freien
Berufe zu!
Welche Rolle die Ärzte im Solidarismus zu spielen bestimmt sind, geht
schon aus der ihnen in den Bienenstöcken zugewiesenen großen Aufgabe
hervor; durch die ständige Überwachung der Bienen am Orte ihrer
Tätigkeit sind sie weit mehr als heute in der Lage, den eigentlichen
Zweck der Medizin, *das Verhüten der Krankheiten*, in erster Linie zu
pflegen; durch die fortwährende Fühlung mit ihren Bienen und deren
Angehörigen, ihren Einfluß auf die Ernährung, die häusliche und
Schulhygiene werden sie zu wahren Freunden und Beratern derselben und
kommen so in die Lage, nicht nur an der körperlichen sondern auch
an der geistigen und moralischen Gesundheit der ihnen anvertrauten
Brüder ständig mitzuarbeiten; infolge ihrer festen Anstellung an den
Bienenstöcken sind sie den Kranken gegenüber gänzlich unabhängig von
materiellen Fragen, ja, infolge ihrer Beteiligung am Einkommen der
Bienenstöcke haben sie ein direktes materielles Interesse daran, nur
gesunde und leistungsfähige Bienen in ihren Stöcken zu haben.
Auch die Lehrberufe sind im Solidarismus zu einem erweiterten
und erhöhten Wirkungskreise berufen; durch die Einrichtungen
für die Erziehung und geistige Fortbildung der Bienen, welche
an jedem Bienenstock obligatorisch sind, durch all die dort
einzurichtenden Schulen und Vortragszyklen entstehen, über das
ganze Land ausgebreitet, allen gleichmäßig und unentgeltlich zur
Verfügung, ebensoviele Plätze für die Beseitigung der Unwissenheit
und des Aberglaubens, für die Verbreitung und Popularisierung der
Wissenschaften, für das Wirken ihrer Vertreter, für das Erwecken der
unerschöpflichen geistigen Energien in der Gesamtheit des Volkes, für
die Ausbreitung des Wissens auf die große Masse der geistig enterbten
und damit für eine ungeahnte kulturelle Hebung der Nation; dieser
Umstand allein müßte alle Angehörigen der gelehrten und Lehrberufe zu
begeisterten Anhängern des Solidarismus machen! Der Lehrer hat in der
solidaristischen Gemeinschaft eine ähnlich hohe Aufgabe wie der Arzt;
auch er steht in fortwährender Fühlung, in unausgesetztem geistigen
Austausch mit seinen Bienen in allen Lebensaltern und wird so zu ihrem
Freund und Berater; auch er ist an der Leistungsfähigkeit seines
Bienenstocks, welche zu der Summe der geistigen Fähigkeiten seiner
Mitglieder in direktem Verhältnis steht, materiell interessiert, da er
selbst Biene des Stocks ist. Sein Einfluß ist so groß und wichtig, daß
auch sein Ansehen und seine materielle Lage entsprechend hoch stehen
müssen.
Auch die Kunst erhält durch den Solidarismus neues Lebensblut; die
Kunst lebt von den Idealen der Menschen; jedes große Volksideal, jede
Religion hat den weitestgehenden Einfluß auf die Kunstentwicklung
der betreffenden Zeit, das ist bewiesen z. B. durch den geradezu
überwältigenden Einfluß, welchen die Götterlehre auf die Kunst der
antiken Welt, die christliche Lehre auf die Kunstentwicklung der
modernen Welt gehabt haben. Die wundervollen kirchlichen Bauten
aller Völker und die verschwenderische Anhäufung von Kunstwerken in
denselben sind doch alle nur zu Ehren und zur Pflege eines reinen
Ideals, des Christentums entstanden, für die Gesamtheit aller und
durch die Jahrhunderte lang angehäuften Mittel dieser Gesamtheit, ohne
Unterschied des Ranges und des Reichtums.
Warum soll nicht ein anderes, hohes Ideal, *das Wirken des einzelnen
für die Gesamtheit, das Eintreten der Gesamtheit für den einzelnen, der
Solidarismus*, eine neue große Periode begeisterter Kunst herbeiführen,
wenn es erst von der Menge als solches erkannt und erfaßt ist? Ist denn
die Menge nicht durstig nach den idealen Genüssen der Kunst; geht doch
hin in die populären Konzerte, in die billigen Vorstellungen unserer
Klassiker, in die Gratistage unserer Kunstausstellungen und seht, wie
die Menge die Kunst genießt und was aus der Kunst werden kann, wenn
erst die Menge die Mittel in die Hand bekommt sich an derselben zu
beteiligen!
Darum, ihr Vertreter der freien Berufe, ihr Künstler und Ingenieure,
Schriftsteller und Gelehrte, Seelsorger und Ärzte, kommt alle, alle,
mitzuwirken, das Ideal des Opferns und Wirkens für die Gesamtheit
zu verbreiten, die Begeisterung zu erwecken für das hohe Ziel, die
Menschen zu Menschen zu machen, *ein Zeitalter der Uneigennützigkeit
herbeizuführen, wie es die Geschichte noch nicht sah*!
Den Frauen.
Nirgends im Solidarismus ist ein grundsätzlicher Unterschied zwischen
Frauen und Männern gemacht; Frauen und Männer haben im Volksvertrag
und im Arbeitsvertrag der Bienenstöcke gleiche Pflichten und Rechte
und werden unter gleichen Bedingungen Brüder und Bienen: beiden
Geschlechtern sind dieselben Unterrichts- und Bildungsmöglichkeiten
eröffnet; nichts ist den Frauen vorenthalten.
Schwestern! Werdet ihr euch deshalb im Bienenstock auf die männlichen
Berufe stürzen, wie das so vielfach angenommen wird? Keineswegs! Da
der Bienenstock auf Interessengemeinschaft beruht, so wäre es gegen
euer eigenes Interesse gehandelt, eine Tätigkeit ergreifen zu wollen,
die euren Kräften, eurer Natur nicht entspricht; ihr würdet ja darin
weniger leisten und durch das geringere Gesamterträgnis nur euch selbst
mitschädigen.
In diesem freien Spiel der Interessengemeinschaft ergibt sich euer
Wirkungskreis von selbst; wenn ihr auch nicht zu jedem Beruf geschaffen
seid, so darf euch doch keiner verschlossen bleiben, die Natur weist
euch selbst die Wege; und wenn euch eure innere Stimme oder heiligste
Pflicht an das Haus fesselt, so wird niemand euch veranlassen wollen,
einen andern Beruf als den der Mutter und Hausfrau zu ergreifen. Dort
aber, wo dies nicht der Fall, oder wo es unmöglich ist, da ergreift
Berufe soviel ihr könnt; dadurch, daß euch der Bienenstock einen
großen Teil der Haushaltungs- und Erziehungsmühen abnimmt, werdet
ihr frei für andere Berufe; die Bienenstöcke, abgesehen von den auch
sonst der Frau überlassenen Beschäftigungszweigen, bieten euch in
ihren sozialen Anstalten eine ganze Reihe neuer Tätigkeiten, welche so
recht dem eigentlichen Wirkungskreise eures Geschlechtes angehören;
mit jedem neuen Bienenstock findet eine große Anzahl von Frauen
Beschäftigung in den Speisehallen, den Krankenhäusern, Erholungs- und
Rekonvaleszentenheimen, den Kinderhorten und Schulen.
Eure Männer arbeiten in Bienenstöcken, ihr Frauen versorgt darin als
Bienen die sozialen Einrichtungen, eure Kinder befinden sich in euren
eigenen Horten, Schulen und Erziehungsanstalten, eure Kranken unter
eurer eigenen Pflege in den Kranken- und Erholungshäusern; auch eure
Mahlzeiten könnt ihr hier einnehmen und abends geht ihr mit den Euren
nach Hause und pflegt im eigenen Heim das Familienleben, oder ihr geht
in die Erholungsräume eures oder eines befreundeten Bienenstocks und
pflegt mit Freunden der Geselligkeit oder der Bildung.
Und da ihr selbst Bienen eurer Stöcke seid, so habt auch ihr ein
Anrecht auf alle Vorteile des Arbeitsvertrags, gesichertes Einkommen,
Krankenzuschüsse, Seniorenanteile, und wie sie alle heißen mögen.
Schwestern, öffnet doch eure Augen und sehet! Wenn eure Männer noch
nicht recht verstehen wollen, was der Solidarismus ist, dann macht ihr
es ihnen klar, ihr werdet es vielleicht rascher erfassen, weil für
euch und eure Kinder die Vorteile noch größer sind als für den Mann
allein; werdet selbst sofort Schwestern und baldmöglichst Mitglieder
von Bienenstöcken, auch wenn ihr noch nicht verheiratet seid. Eine
Jungfrau, welche Biene ist, deren ganze Existenz in allen Lebenslagen
gesichert ist, ist wirtschaftlich frei; sie steht so unabhängig da,
daß sie beim Heiraten bloß der Stimme ihres Herzens zu folgen braucht
und von andern Erwägungen frei bleiben kann; sie *muß* nicht heiraten
um versorgt zu sein. Aber auch der Mann wird freier nach seinem Herzen
wählen, da er mit der Heirat nicht zu befürchten hat, Lasten und Sorgen
auf sich zu nehmen, die er nicht bewältigen kann; in welch angenehmem,
gesichertem Wohlstand wird eine Familie leben, wenn Mann *und* Frau
Bienen sind.
Werdet ihr denn, wie das so viel befürchtet wird, euren Männern durch
eure eigenen Berufe schaden und diesen die Arbeit entziehen? Törichter
Wahn!
Ihr habt schon gesehen, daß der Bienenstock euch Berufe eröffnet, die
der Mann überhaupt nicht versehen kann, und daß für die Berufe, welche
von beiden Geschlechtern versehen werden können, die Trennung von
selbst sich so vollzieht, daß jedes Geschlecht nur solche ergreift,
in welchen es das Höchste leisten kann, dafür bürgt die Organisation,
welche auf Interessengemeinschaft beruht und welche ganz von selbst
nicht duldet, daß ein Starker nicht voll ausgenutzt oder ein Schwacher
an eine Stelle gesetzt wird, die er nicht ausfüllen kann; das Gesetz
der höchsten Entlohnung für höchste Leistung ist auch hier der regelnde
Faktor.
Da ein Volk nur eine begrenzte Menge von Bedürfnissen hat, so
wird dieselbe um so rascher hergestellt sein, je mehr Menschen
daran arbeiten; die Mitarbeiterschaft der Frau ist daher in der
solidaristischen Gemeinschaft dem Manne keine Konkurrenz, sondern
eine Hilfe und hat zur Folge, *die gesamte Arbeitszeit der Brüder zu
verkürzen*; je mehr Frauen mitarbeiten, desto eher wird es möglich
sein, das Seniorenalter für alle herabzusetzen und die von jedem
einzelnen zu leistende gesamte *Lebensarbeit zu vermindern*.
Darum Schwestern, ergreift Berufe! Habt Vertrauen auf eure Fähigkeiten,
eure Persönlichkeit, eure Kraft! Werdet mündig, werdet die ebenbürtigen
Gefährtinnen eurer Männer, die sittliche Leuchte eurer Familie und
durch diese der Nation! Nehmet Teil am geistigen Leben unserer
Zeit und greifet ein mit weicher Hand und warmem Herzen in das
schwierigste Problem der Menschheit, die *Verwirklichung der sozialen
Gerechtigkeit*! Veranlaßt eure Männer, eure Brüder, der Volkskasse
beizutreten, lehrt eure Kinder, sobald sie es begreifen können, ihre
Tagespfennige zur Volkskasse zu tragen, laßt sie Brüder werden, sobald
sie das Alter dazu erreicht; legt in eure Söhne und Töchter den großen,
herrlichen Gedanken des Wirkens für die Gesamtheit; erzieht sie im
Solidarismus, denn ihnen gehört die Zukunft; in eurer Jugend ist noch
frisch und unverfälscht der Trieb nach Wahrheit und Gerechtigkeit,
die unwiderstehliche Begeisterung für große Ideale, die ungebrochene
Hoffnung, dieselben zu erreichen, die Tatkraft, Opferwilligkeit und
Kampfesfreudigkeit, der Glaube an sich selbst! Wenn die Früchte des
Solidarismus auch für euch selbst noch nicht alle reif werden, so
werden *sie* einst die von euch gelegte Saat aufgehen sehen und ihre
Früchte genießen.
*Ihr Frauen habt vom Solidarismus nicht nur Großes sondern alles zu
gewinnen; wenn ihr ihn wollt, wenn ihr daran glaubt, dann wird er
siegen!*
Dem Staate.
Kann oder soll der Staat den Solidarismus dekretieren?
Nein! Denn der Staat ist der Hüter und Beschützer *aller* Formen
wirtschaftlicher Produktion, die sich in gesetzlichen Bahnen
bewegen, er darf nicht eine Wirtschaftsform auf Kosten einer andern
vorschreiben; er kann nicht mit einem Federstrich plötzlich alle
wirtschaftlichen Erscheinungen, die sich seit Jahrhunderten oder
Jahrtausenden entwickelten, beseitigen. Der Solidarismus ist eine neue,
höhere Form des Wirtschaftslebens, welche sich *mit vollem Bewußtsein
im Rahmen der bestehenden Gesetze bewegt* und sich neben die andern
Formen stellt, und zwar gleichberechtigt, denn die Gesetze gelten für
alle. Diese Wirtschaftsform trägt ihre *Lebenskraft in sich selbst*,
in ihrem Prinzip, sie kann aber vom Staate ebensowenig vorgeschrieben
werden wie etwa die Form der Aktiengesellschaft oder irgend eine andere
als einzig richtige vorgeschrieben werden kann, ohne eine Menge anderer
Interessen zu verletzen, ohne mit Gewalt in andere wirtschaftliche
Verhältnisse einzugreifen, die ebenfalls unter dem Schutze des
Staates stehen. Der Staat kann auch deshalb den Solidarismus nicht
vorschreiben, weil er es nur durch Gesetze, d. h. durch Zwang, tun
könnte, während einer der unantastbaren Grundsätze des Solidarismus die
volle *Freiheit* des einzelnen ist, sich ihm zuzuwenden oder nicht,
weil der Solidarismus auf dem *freien Vertrag* zwischen den Beteiligten
beruht, also zwischen den einzelnen Menschen, und nicht auf einem
Vertrag zwischen Volk und Staat, der ein Unding wäre. Der Solidarismus
entwickelt sich freiheitlich, oder er entwickelt sich nicht; er
*braucht keine Sondergesetze*!
Steht deshalb der Solidarismus im Gegensatz zum Staate?
Nein! Ist doch der *Staat selbst schon teilweise solidaristisch*
organisiert; beruht doch sein *Kredit* auf den summierten *Beiträgen
der Gesamtheit*, den Steuern, wobei die kleinen und kleinsten
Beiträge der großen Masse den ausschlaggebenden Teil der Einnahmen
ausmachen.[20] Auf Grund seines Kredits nimmt er *Anleihen* auf,
die er, wie die Bienenstöcke, normal *verzinst* und in Annuitäten
*zurückzahlt*, und für welche er *Kapital und Zins garantiert*; mit
Teilen dieser Anleihen eröffnet er Selbstbetriebe, die wiederum
teilweise solidaristisch organisiert sind.
Der Staat *sichert* seine Beamten, abgesehen von meist
selbstverschuldeten Ausnahmefällen, gegen *Entlassung* und
*Verminderung des Gehaltes* mit wachsenden Dienstjahren; er zahlt die
Gehälter in *Krankheitsfällen* weiter, gewährt *Alters-*, *Witwen-* und
*Waisenpensionen* und sorgt für seine Angehörigen durch eine große Zahl
von *Wohlfahrtseinrichtungen*.
Merkwürdigerweise finden diese solidaristischen Grundsätze nur auf die
Beamten Anwendung, nicht aber auf das niedere Personal und die große
Masse der Arbeiter. Warum? Hierauf gibt es wohl nur eine zutreffende
Antwort: Weil die Entwicklung noch nicht so weit gediehen ist.
Der Staat hat diese Lücke erkannt und sucht durch soziale Gesetze
dieselbe auszufüllen, zu deren Lasten er wesentlich beiträgt; aber
seine Mittel reichen nicht aus, und deshalb hat er das *größte
Interesse daran, eine auf Selbsthilfe beruhende Bewegung zu
unterstützen*, bei welcher jeder einzelne Betrieb (Bienenstock) alle
*Existenzbedingungen seiner Gruppe selbständig* und *vollständig* aus
seinen *eigenen Mitteln sichert*.