Nach der preußischen Einkommensteuerstatistik pro 1900/01 sind

65,25% der Bevölkerung überhaupt steuerfrei, weil die betreffenden

Familienhäupter Einkommen unter 900 Mark jährlich haben oder wegen zu

großer Kinderzahl u. dgl., mit einem Wort wegen Armut. Für weitere

31,97% der Bevölkerung sind die Familienhäupter mit Einkommen von 900

bis 3000 Mark zensiert, so daß nur 2,78% der Bevölkerung auf Zensiten

mit mehr als 3000 Mark Einkommen entfallen.

Da nach der Statistik auf einen Zensiten durchschnittlich 2,25

Angehörige treffen, so haben über 65% der Bevölkerung Einkommen unter

900 Mark für 3,25 Personen, also höchstens 75 Pfennig pro Person und

Tag im *Maximum*, im Durchschnitt kaum 50 Pfennig; und 32% haben

zwischen 900 und 3000 Mark, also *höchstens* 2,53 Mark pro Tag und

Kopf, im Durchschnitt kaum 1,50 Mark.

In diesem Sinne darf man wohl 97% der Bevölkerung als abhängig

bezeichnen; gegen ca. 80% in der vorigen Betrachtungsweise; denn so wie

in Preußen, wird es ja durchschnittlich auch für das Deutsche Reich

sein.

Wenn auch die noch verbleibenden 3% der Bevölkerung näher zergliedert

werden, so trifft über die Hälfte, nämlich 1,7%, auf Zensiten

mit Einkommen von 3-6000 Mark, also durchschnittlich 4-4500

Mark. *Und es bleiben zuletzt nur 1,3% der Bevölkerung, deren

Familienhäupter Einkommen über 6000 Mark haben*, bei denen man also

eine Selbständigkeit und Unabhängigkeit in allen Lagen des Lebens im

weiteren Sinne annehmen kann.

Der jährliche Durchschnittsverdienst des deutschen Arbeiters wird

nach der Statistik der Berufsgenossenschaften zu 732 Mark angenommen,

das entspricht genau 2 Mark pro Tag. In einzelnen Berufen ist der

Durchschnittsverdienst geringer, in andern höher, im Bergbau z. B. 1107

Mark im Jahre 1900.

* * * * *

Die *Vermögensverhältnisse in andern Ländern* sind denen Deutschlands

nicht unähnlich; eine Statistik der Vereinigten Staaten anfangs der

90er Jahre des vorigen Jahrhunderts gibt folgende Einteilung:

-----------------------------------------+---------------------

Bezeichnung Anteil an der | Anteil am

Bevölkerung | Nationalvermögen

% | %

-----------------------------------------+---------------------

Reiche 1,4 | 70

Mittlere 8,6 | 12

Arme und Ärmste 90 | 18

Die als Ärmste bezeichneten sind gänzlich besitzlos und bilden

50% der Bevölkerung. Heute, anfangs unseres Jahrhunderts, ist der

Anteil der Armen am Nationalvermögen wesentlich geringer; infolge

der enormen Geldansammlung in einzelnen Händen wird heute ca. 1% der

Gesamtbevölkerung im Besitze von 80 bis 85% des nationalen Vermögens

sein.

Anhang 2.

=Statistik der möglichen Brüderbeiträge zur Volkskasse.=

Nach Anhang 1 treffen auf einen Steuerzensiten 2,25 Angehörige, so daß

durchschnittlich eine Familie aus 3,25 Menschen besteht.

Auf die Gesamteinwohnerzahl Deutschlands von ca. 59 Millionen treffen

daher rund 18 Millionen Familien und auf die in Anhang 1 ermittelten

mindestens 50 Millionen *Abhängigen* treffen 15,4 Millionen Familien.

Nimmt man in jeder Familie zwei zahlende Mitglieder der Volkskasse

oder Brüder an, z. B. Mann und Frau oder Mann und erwachsener Sohn

oder dgl., so ist die Zahl der Beitragenden 31 Millionen; zählt man

für diese alle nur den Minimalbeitrag von 6 Mark pro Jahr, so wäre die

Gesamteinnahme der Volkskasse im Jahre 186 Millionen Mark.

Zu demselben Resultat gelangt man mit dem in Kapitel 1 vorgeschlagenen

*Volkskassenbeitrag von 1 Pfennig pro Tag und Kopf der Brüder*,

also von 3,65 Mark pro Jahr; bei einer Mitgliederzahl von 3,25 pro

Familie entspricht das einem Jahresbeitrag pro Familie von 3,25 ×

3,65 = 11,86 Mark oder rund 12 Mark. Der jährliche Beitrag von 6 Mark

*pro Bruder* bzw. 12 Mark *pro Familie* entspricht also genau dem in

Kapitel 1 vorgeschlagenen *täglichen Pfennig pro Kopf*. Die Rechnung

von 1 Pfennig pro Tag und Kopf führt bei 50 Millionen Brüdern auch ohne

weiteres zu derselben jährlichen Gesamteinnahme der Volkskasse von 182

Millionen Mark.

Gleichfalls zu demselben Resultate führt eine dritte Rechnungsmethode

wie folgt: nach der schon im Anhang 1 erwähnten Statistik des Deutschen

Reiches vom Jahre 1895 sind ca. 36,5% der Bevölkerung unter 16 Jahre

alt; nach dem Volksvertrag können die Brüder vom 16. Jahre ab ihre

Einzahlungen leisten und mit dem 17. Jahre das Brüderrecht erhalten.

Nimmt man an, daß von diesem Rechte die 50 Millionen Abhängigen

Gebrauch machen, so sind 63,5% hiervon, also rund 32 Millionen Köpfe,

für die Brüderbeiträge reif; das ergibt bei 6 Mark pro Kopf 192

Millionen Mark jährlichen Gesamtbeitrag zur Volkskasse, d. i. annähernd

ebensoviel wie oben schon berechnet.

Bei all diesen Berechnungen ist angenommen, daß nur die Abhängigen sich

beteiligen, daß diese alle nur den Mindestbeitrag von 6 Mark pro Jahr

bezahlen und daß noch keine Bienen existieren, deren obligater Beitrag

mit 1% des Einkommens durchschnittlich wohl mindestens doppelt so hoch

sein wird.

Bei einer ziemlich allgemeinen Beteiligung der *Abhängigen*, d. i.

von ca. 80% der Bevölkerung, an der Volkskasse *bringt daher der

brüderliche Tagespfennig rund 200 Millionen im Jahre*.

Anhang 3.

=Weniger wichtige Formen der Bienenstöcke. Der Bienenstock für

Arbeitsleistungen.=

Außer dem industriellen und landwirtschaftlichen Bienenstock, welche

ein greifbares Arbeitsprodukt erzeugen, muß es noch eine dritte Art von

Bienenstöcken geben, welche nur Arbeitsleistungen bieten; ein Typus

hiervon ist der Bienenstock für häusliche Arbeiten.

Ein Bienenstock für weibliche Hausarbeiten besteht zunächst aus

einem Heim, in welchem die betreffenden Mädchen und Frauen gemeinsam

wohnen und wirtschaften, ferner aus den vorgeschriebenen sozialen

Einrichtungen für Hygiene, Krankenpflege etc. und endlich dem

Tauschlager für Bezug der Lebensbedürfnisse. Dieses Heim ist an und für

sich gleichzeitig eine Schule für die betreffenden weiblichen Arbeiten:

Kochen, Haushaltung, Nähen, Krankenpflege etc.

Diejenigen, welche häusliche Arbeiten wünschen, wenden sich an diesen

Bienenstock, welcher ihnen, falls sie Mitglieder der Volkskasse, d.

i. Brüder, sind, die betreffenden Bienen, sei es nur für einzelne

Arbeiten, Tagesstunden oder Tage oder für lange Zeitperioden ganz

überläßt; die Bezahlung für die Leistungen erfolgt an den Bienenstock,

dessen finanzielle Organisation mit Normal- und Ergänzungseinkommen,

Kranken- und Unfallszuschüssen, Anteilen etc. den Arbeitsverträgen der

Bienenstöcke entspricht.

Ähnlich organisiert ist der Bienenstock für männliche Hausarbeiten.

Diese Organisation bietet sowohl für die Bienen, welche ihr angehören,

als diejenigen Brüder, welche deren Leistungen gebrauchen, wesentliche

Vorteile.

Die Zugehörigkeit zu einem Bienenstock bietet ja an und für sich die

Gewähr für Ehrenhaftigkeit und Pflichttreue der Bienen, außerdem

hat sie eine regelrechte Schulung und Erziehung in der betreffenden

Arbeit zur Folge; das Wohnen in den Heimen und das dort vorhandene

Familienleben beseitigen die Gefahren für Sitte und Moral ihrer

Mitglieder.

Die Bienen für häusliche Leistungen sind daher ausgesuchte,

bewährte und gut geschulte Kräfte; die Regelung der Entlohnung mit

der Verwaltung des Bienenstocks beseitigt denjenigen Punkt in dem

Verkehr, welche die meisten Zwiste mit sich bringen; im Falle der

Unverträglichkeit der Charaktere hat der Bienenstock sofort Ersatz.

Die Spezialisierung der Dienstleistungen verbessert dieselben und

vereinfacht den betreffenden Haushalt; ist es doch heute schon

weitverbreitete Sitte, gewisse häusliche Dienste entweder in besonderen

Fällen oder regelmäßig durch dritte Personen oder Unternehmer ausführen

zu lassen, z. B. Bohnern, Teppichklopfen, Fensterputzen, Waschen,

Gärtnerei, Servieren, Fahren, Nähen, Scheuern, Kochen; ja, es steht

zweifellos heute schon fest, daß das Verhältnis der Haushaltungen zu

derartigen dritten Personen wesentlich besser ist als mit den ständig

angestellten Dienstboten. Der Übergang zum Bienenstock für häusliche

Leistungen ist daher nicht so groß, wie auf den ersten Blick erscheinen

könnte; er ist nur eine Verallgemeinerung heute schon vielfach üblicher

Gewohnheiten; jeder vorurteilsfrei Denkende wird den bedeutenden

Fortschritt erkennen, welcher darin für alle Beteiligten liegt.

Das Bestreben der Volkskasse wird im allgemeinen auf die Errichtung

von industriellen und landwirtschaftlichen Betrieben gerichtet sein

und nicht auf die Errichtung solcher Leistungsbienenstöcke, da nur

durch erstere die vollständige wirtschaftliche Selbständigkeit der

Bienen, wie sie der Selbstbetrieb mit sich bringt, erreicht wird. Indes

wird die Volkskasse Anträge auf Errichtung derartiger Bienenstöcke

nicht ablehnen können, da sie für alle Brüder gleichmäßig besteht und

alle berechtigten Wünsche derselben erfüllt. Wegen ihrer geringeren

Wichtigkeit ist diese Art von Bienenstöcken nicht in den Haupttext

aufgenommen; es soll hier nur gezeigt werden, daß der Arbeitsvertrag

der Bienenstöcke auch auf derartige Verhältnisse Anwendung finden kann.

Anhang 4.

=Einiges über Produktiv- und Konsumgenossenschaften.=

Sehr viele bisherige Versuche genossenschaftlicher Produktion mit

Gewinnbeteiligung, unter Selbstverwaltung der Arbeiter, haben mit

Mißerfolgen geendet; in neuerer Zeit sind infolge größerer Erfahrung

oder unter besonders günstigen Umständen derartige Versuche schon

besser ausgefallen; eine Anzahl Produktionsgenossenschaften zahlt heute

trotz wesentlich verkürzter Arbeitszeit um 7-11% höhere Löhne als

nicht genossenschaftliche Betriebe; sogar einige sehr große Erfolge

in dieser Richtung können genannt werden, z. B. die Glasfabrik Albi

oder die hochherzige, bewunderungswürdige Karl Zeiß-Stiftung in Jena.

Trotzdem sind derartige selbständige reine Produktivgenossenschaften

als allgemeine Betriebsform einer Volkswirtschaft undenkbar; und

zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie sich wegen ihrer meist

ungenügenden Mittel gegen die übermächtige Konkurrenz der verschiedenen

Formen großkapitalistischer Produktion oder kapitalistischer

Vereinigungen nicht halten können; sie sind ein Zwitter, sie wollen

die modernen Errungenschaften der Genossenschaften einseitig auf

die Produktion allein anwenden; sie wollen ihren Gewinn wohl unter

sich genossenschaftlich verteilen, suchen denselben aber genau wie

die kapitalistischen Produzenten, in wütendem Konkurrenzkampf auf

Kosten des Konsumenten möglichst zu erhöhen, wobei sie gegen die rein

kapitalistischen Produzenten aus den oben erwähnten Gründen fast immer

unterliegen. Sie sind in ihrer inneren Organisation Genossenschafter,

nach außen aber kapitalistisch.

Die reinen Konsumgenossenschaften haben größere äußere Erfolge zu

verzeichnen, weil sie ihren Mitgliedern sehr bemerkenswerte und in

die Augen fallende Vorteile bieten, nämlich eine Rückvergütung auf

alle ihre Einkäufe von durchschnittlich 8-10%, aber auch sie sind

ein Zwitter, sie wahren einseitig bloß das Interesse des Konsumenten

und denken überhaupt nicht an die Anwendung der genossenschaftlichen

Grundsätze auf die Produktion. Das trifft auch noch größtenteils zu

bei denjenigen Konsumgenossenschaften, welche *selbst* produzieren;

wenn sie auch nach außen genossenschaftlich sind, so sind sie innerlich

kapitalistisch, denn sie kaufen ihre Materialien wie alle andern

Produzenten, ihre Löhne sind die üblichen, in vielen Fällen allerdings

mit einem Zuschlag von 5 oder 6%, die Fabrik gehört den Zeichnern des

Kapitals, die Gewinne werden an die Inhaber der Anteilscheine, d. h. an

das Kapital ausbezahlt; der einzige Unterschied ist, daß diese Anteile

sehr klein und sehr zahlreich sind; der Anteil der Arbeiter an der

Verwaltung ist praktisch verschwindend, für Wohlfahrtseinrichtungen

geschieht nicht mehr, meist aber weniger wie in der sonstigen Industrie

etc.

Beide Arten von Genossenschaften berücksichtigen nicht, daß jedes

Produktionszentrum an sich auch ein Konsumzentrum ist, daß beide

untrennbar sind, und deshalb gehören alle Konsumobjekte da vereinigt,

wo sich an und für sich eine größere Anzahl von Menschen ansammeln muß,

nämlich im Produktionszentrum, und es sind die genossenschaftlichen

Prinzipien auf den Produzenten *und* Konsumenten anzuwenden, *weil

beide ein und dieselbe Person sind* und nicht zwei getrennt sich

feindlich gegenüberstehende Wesen. Die wahre Genossenschaft tritt gar

nicht in die allgemeine Konkurrenz ein, weder für die Produktion noch

für den Konsum, sie arbeitet lediglich für ihren eigenen Bedarf.

Die genossenschaftliche Bewegung fängt auch an, das einzusehen;

immer mehr werden die Produktivgenossenschaften mit den

Konsumgenossenschaften vereinigt, immer mehr suchen letztere selbst zu

produzieren; sie sind auf dem Wege zu der Erkenntnis, aber noch in den

kapitalistischen Ideen befangen: Einkauf, Verkauf, ortsübliche Löhne,

Anteilscheine, Verzinsung, Dividenden, Gewinne etc.! Alles Dinge,

welche die solidaristische Organisation nicht mehr kennt!

Anhang 5.

=Statistik der Spareinlagen des deutschen Volks.=

Nach dem statistischen Jahrbuch für das Deutsche Reich betrug die Höhe

der Spareinlagen in öffentlichen Sparkassen Deutschlands pro Kopf der

Bevölkerung im Jahre 1900 157 Mark und das Gesamtguthaben der Einleger

8839 Millionen. Legt man die durchschnittliche Steigerung der Einlagen

der letzten 10 Jahre zugrunde, so ist das Guthaben pro Kopf im Jahre

1903 ca. 185 Mark und bei ca. 60 Millionen heutiger Einwohnerzahl ist

das gesamte Sparkassenguthaben des deutschen Volks ca. 11 Milliarden

Mark.

Dazu kommen noch die Einlagen in nicht öffentlichen Sparkassen,

z. B. in den Kreditgenossenschaften, ferner in Konsumvereinen

und Produktivgenossenschaften aller Art; diese betragen für 1901

rund 1,5 bis 2 Milliarden Mark, nach der Statistik der deutschen

Kreditgenossenschaften im Jahrbuch des Allgemeinen Verbandes der

deutschen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften für 1901.

Die Gesamtsumme der Spareinlagen der kleinen Sparer Deutschlands

dürfte daher zwischen 12 und 14 Milliarden Mark betragen, d. h. bei 60

Millionen Einwohnern zwischen 200 und 230 Mark pro Kopf.

Nach Dr. C. J. Fuchs, Volkswirtschaftslehre, Leipzig 1901, ist die

Gesamtsumme aller Sparkasseneinlagen in Deutschland dreimal so groß als

die Summe der Depositen in allen deutschen Banken. Gegenwärtig wird

auf jeden vierten Einwohner ein Sparkassenbuch kommen; 28 bis 40% der

Einleger gehören dem Arbeiterstand an, und ca. 1/3 der Einlagen sind

ganz kleine Posten bis zu 60 Mark.

Nach Riehn, Das Konsumvereinswesen, Berlin 1902, S. 80, betrugen die

Zinsüberschüsse der preußischen Sparkassen 1898 0,87 bis 0,90% oder

48 Millionen Mark von dem zinsbar angelegten Kapital; nach Abzug

der Verwaltungskosten mit 9 Millionen Mark waren es immer noch 0,70

bis 0,75% oder 39 Millionen Mark, um welche die Zinserträgnisse der

Einleger geschmälert wurden. -- Diese Summen wurden verwendet teils

für kommunale und andere der Sparkasse fremde Zwecke, teils zur

Anhäufung ganz enormer Reservefonds, welche z. B. im Jahre 1900 bei den

öffentlichen Sparkassen des Deutschen Reichs über ½ Milliarde Mark

betrugen, und welche den Einlegern nicht den geringsten Nutzen bringen.

Die Kreditgenossenschaften verzinsen die Spareinlagen und die

angeliehenen Gelder der Einleger durchschnittlich mit 3,61% gegenüber

3% der öffentlichen Sparkassen. Würden also die Einleger der letzteren

ihre 11 Milliarden genossenschaftlich anlegen, so würden sie aus diesen

heute schon bestehenden Anstalten jährlich 67 Millionen Mark mehr

Zinsen erhalten.

Die von diesen Kreditgenossenschaften gewährten Kredite sind schwer

zu ermitteln, da genaue Statistiken fehlen, sie sind aber unter allen

Umständen erstaunlich hoch und betragen 3 bis 4 Milliarden Mark pro

Jahr.

Anhang 6.

=Ausschlaggebende Bedeutung der großen Masse auf allen Gebieten der

Volkswirtschaft.=

In Anhang 1 wurde statistisch nachgewiesen, daß für ca. 65% der

Bevölkerung die Jahreseinnahme der Familienhäupter unter 900 Mark und

für weitere 32% zwischen 900 und 3000 Mark beträgt; das sind zusammen

97% der Bevölkerung, also tatsächlich die *große Masse* derselben.

Es ist leicht zu beweisen, daß es diese *große Masse* ist, welche,

als Ganzes betrachtet, in allen Dingen der Volkswirtschaft den

*ausschlaggebenden Faktor* bildet, sowohl als Produzent wie als

Konsument, sowohl als Kapitalist wie als Steuerzahler.

Als Produzent.

Für die Produktion bedarf diese Behauptung eigentlich keines Beweises;

da es Tatsache ist, daß für die große Masse die Familienhäupter unter

3000 Mark Jahreseinkommen haben, so folgt daraus, daß diese 97%

der Bevölkerung arbeiten *müssen*, um zu leben, und daß sie somit

*mindestens 97% der Gesamtarbeit* des Landes *wirklich leisten*.

Als Konsument.

Nicht ebenso selbstverständlich ist das Verhältnis für den Konsum. Hier

herrschte sogar bis in die neuere Zeit hinein die Ansicht, daß der

Verbrauch der bemittelten Minorität weit größer sei als derjenige der

unbemittelten Massen. Dieser gründliche volkswirtschaftliche Irrtum ist

heute widerlegt.

R. E. May hat in seinem 1900 erschienenen Werk: »Das Verhältnis des

Verbrauchs der Massen zu demjenigen der Wohlhabenden und Reichen«

nachgewiesen, daß der Verbrauch der großen Masse (als welche er

alle Einkommen unter 3000 Mark ansieht) *sechsmal so groß ist* als

derjenige der Wohlhabenden und Reichen (über 3000 Mark Einkommen).

Würde der Konsum der letzteren plötzlich verschwinden, so würde die

Volkswirtschaft das selbstverständlich spüren, aber ein durchgreifender

Schaden, ja eine Krisis würde damit kaum verbunden sein. Maßgebend für

das Gedeihen einer Volkswirtschaft ist danach der Konsum der großen

Masse der Abhängigen.

Daraus erhellt die eminente Wichtigkeit der Kaufkraft der untern

Einkommensschichten und die *ungeheure Macht der vereinten Kaufkraft*

dieser Schichten; eine verhältnismäßig kleine Verringerung dieser

Kaufkraft führt sofort eine schwere Krisis herbei, und eine geringe

Erhöhung derselben ist für das Gedeihen der Volkswirtschaft, also

für die Gesamtwohlfahrt, unvergleichlich wichtiger als das Ansammeln

noch so großer Einzelvermögen oder als das Erschließen noch so großer

ausländischer Absatzgebiete; denn auch der Konsum des Außenhandels

ist im Verhältnis zum inländischen Verbrauch der großen Masse viel

geringer, als man gemeinhin annimmt; so beträgt in Deutschland die

Gesamtausfuhr pro Kopf jährlich 70 Mark, der inländische Verbrauch

pro Kopf *mindestens* 200 Mark[23], d. h. *mindestens ¾ des ganzen

Verbrauchs*. (Siehe G. Maier, Soziale Bewegungen, 1902.) Diese Zahlen

beweisen, daß die große Masse der Produzenten eines Landes *der

Hauptsache nach ihr eigener Konsument ist*.

Möchte doch das Bewußtsein unseren maßgebenden Faktoren in Fleisch

und Blut übergehen, *daß die Blüte einer Volkswirtschaft direkt

proportional ist der Kaufkraft der großen Masse*, und daß die

Ankündigung des Anwachsens des Durchschnittseinkommens der großen

Masse um 5 oder 10% für die Beurteilung der industriellen und

landwirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Landes ungleich mehr

bedeutet als die Aufzählung noch so vieler erstaunlich hoher

Steuerzahler.

Als Kapitalist.

Im Anhang 4 wurde bewiesen, daß die Gesamtsumme der Spareinlagen der

kleinen Sparer in Deutschland wenigstens 12 bis 14 Milliarden Mark

beträgt. Vergleicht man diese Summe mit den Kapitalien der größten

amerikanischen Trusts (Anhang 7), so zeigt sich das überraschende

Ergebnis, daß die deutschen Kleinsparer dreimal so viel Kapital

besitzen als der gewaltigste Trust der Welt, der amerikanische

Stahltrust, und siebenmal so viel Kapital wie der allmächtige

Petroleumtrust, welcher allen Kulturländern seine Bedingungen diktiert.

Es folgt daraus, daß die *Kleinsparer eines einzigen Landes als

Gesamtheit der größte Kapitalist sind*, größer und mächtiger als selbst

die gewaltigsten Kapitalvereinigungen, vor denen die ganze Welt das

Knie beugt, und denen die Industrien aller Länder tributpflichtig sind.

Als Steuerzahler.

Wie man früher irrtümlich annahm, daß die Wohlhabenden und Reichen die

größten Verbraucher seien, so nimmt man heute noch an, daß sie den

größten Teil der Steuern eines Landes aufbringen. Die Ansicht, daß

die Steuern der Hauptsache nach von den sogenannten »leistungsfähigen

Schultern« getragen werden, daß ein großer Teil der Bevölkerung

überhaupt steuerfrei sei, ist allgemein verbreitet, und doch ist sie

ein *schwerer Irrtum*.

Diese Ansicht trifft einigermaßen zu nur für die direkten Steuern,

unter welchen die wichtigste die Einkommensteuer ist.

So betrug im Jahre 1901[24] die Gesamteinkommensteuer der physischen

Zensiten in Preußen 168,13 Millionen Mark. Hiervon entfielen auf

Zensiten mit über 3000 Mark Jahreseinkommen 114,01 Millionen Mark.

Demnach beträgt die Leistung der Zensiten unter 3000 Mark Einkommen

54,12 Millionen Mark.

Es bezahlt also von dieser Steuer die große Masse (97% der Bevölkerung)

nur rund 1/3, und die übrigen 3% der Bevölkerung 2/3.

Ganz anders aber gestaltet sich das Bild, wenn man die zweite

wichtigste Steuergruppe, die indirekten Steuern in Betracht zieht;

diese sind der Hauptsache nach Verbrauchssteuern, Zölle, in

süddeutschen Staaten Weinsteuer, Fleisch- und besonders Biersteuer u.

dgl., dieselben hängen nicht vom Einkommen, sondern *vom Verbrauch

pro Kopf an alltäglichen Lebensmitteln* ab, sind also im wesentlichen

pro Kopf für alle gleich; allenfalls könnte man annehmen, daß die

große Masse hiervon 6/7 und der Rest der Bevölkerung 1/7 leistet, weil

sich der *Konsum* dieser beiden Gruppen, wie vorhin gezeigt wurde, so

verhält.

Nach einer Abhandlung des badischen Finanzministers Dr. Buchenberger

entfallen nun auf den Kopf der Bevölkerung in den letzten Jahren aus

den zwei wichtigsten Steuerarten:

in Preußen in Bayern

1. an direkten Steuern 6,07 M. 5,90 M.

2. an Zöllen und Verbrauchssteuern 15,28 " 21,06 "

--------- --------

zusammen 21,35 M. 26,96 M.

Nimmt man für Preußen heute eine Einwohnerzahl von rund 34½

Millionen und für Bayern von 6 Millionen an, so bringen diese beiden

Steuerarten ungefähr folgende Summen:

in Preußen in Bayern

1. direkte Steuern 210 Mill. M. 36 Mill. M.

2. Zölle und Verbrauchssteuern 530 " " 126 " "

-----------------------------

zusammen 740 Mill. M. 162 Mill. M.

Nun entfallen auf die große Masse (unter 3000 Mark Einkommen) wie wir

sahen, von der Steuer 1 1/3, von Steuer 2 6/7.

Demnach gestaltet sich die Steuerverteilung wie folgt:

in Preußen in Bayern

auf die große Masse

(unter 3000 M. Einkommen) 70 + 455 = 525 Mill. 12 + 108 = 120 Mill.

auf die Wohlhabenden und

Reichen (über 3000 M.

Einkommen) 140 + 75 = 215 " 24 + 18 = 42 "

---------- ------------

zusammen 740 Mill. 162 Mill.

*Die große Masse trägt demnach in Preußen 5/6, in Bayern ¾ der beiden

wichtigsten Steuern*, trotz der Einkommensteuerfreiheit von 65% der

Bevölkerung und trotz der zum Teil bedeutenden Leistungen einzelner

sehr bemittelter Steuerzahler.

*Die Besteuerung der großen Massen ist demnach die wesentlichste, ja

die ausschlaggebende Einnahmequelle der Staaten.* Diese große Masse als

Gesamtheit ist der größte Steuerzahler.

Daß dies auch für die schwerste aller Steuern, den Militärdienst,

zutrifft, ist selbstverständlich, da die große Masse, entsprechend

ihrer Zahl, auch hierzu 97% der Gesamtlast liefert. Von der großen

Masse hängt die militärische Macht des Staates ab.

Solidarismus: Natürliche wirtschaftliche Erlösung des Menschen · 第 9 / 14 段