Diese günstige Beeinflußung hört auch in eurem späteren Leben nicht

mehr auf; durch die obligatorischen Rücklagen zu dem Anteilfonds der

Volkskasse wird auch im reifen Alter der Sinn für Sparsamkeit und

Vorsorge wach erhalten; für die Befriedigung eures Wissensdurstes und

Bildungsdranges, das Höchste was in euch ist, sorgt der Solidarismus

durch die im Bienenstock veranstalteten Vortragszyklen über nützliche

und bildende Stoffe, durch die euch zur Verfügung stehenden Bücher und

Zeitschriften und all die Einrichtungen, welche euch das Wissen und

die Kunst näher zu bringen bestimmt sind. Euer Stipendienfonds sorgt

dafür, die von der Natur Begabten höheren Studien zuzuführen und euch

Ausstellungen und ähnliche Veranstaltungen zugänglich zu machen, deren

Resultate wieder eurem Bienenstock, eurer Gesamtheit zugute kommen.

Auch für die so notwendige und nützliche Erholung und Geselligkeit,

für euer Anschlußbedürfnis im Kreise eurer Kollegen und Freunde unter

Zuziehung eurer Familien ist gesorgt, und auch in dieser Richtung wird

eure Lust und Freude am Leben erhöht.

Ethische Wirkungen des Solidarismus.

Brüder! *Ein jeder von euch strebt nicht nur nach Selbsterhaltung

sondern auch nach Glück auf Erden*; ein jeder sucht sein Leben so reich

und wertvoll als möglich zu gestalten; das ist euer unveräußerliches

Recht. Daß jeder dabei bestrebt ist, den höchsten Gewinn, *die

höchste Leistung mit geringstem Aufwande* und geringster Anstrengung

zu erreichen, ist im innersten Wesen des Menschen begründet, ist

das Naturgesetz seines Lebens, das Grundprinzip aller menschlichen

Tätigkeit, der Schlüssel zu jedem Fortschritt. Dieses Weltgesetz des

kleinsten Kraftaufwandes, das auch die körperliche Welt regiert, und

dessen universelles Wirken die Wissenschaft zu erkennen beginnt,

muß auch das *natürliche Gesetz der menschlichen Wirtschaft sein*,

aber nicht zugunsten einiger weniger, sondern *allein zugunsten der

Gesamtheit*. In diesem Sinne aufgefaßt, wird das Gesetz des höchsten

Gewinns mit geringster Anstrengung zum höchsten und moralischesten

Gesetz menschlicher Tätigkeit und menschlichen Fortschritts, zur

hauptsächlichsten, ja einzigen Triebkraft einer ganz von selbst

spielenden Wirtschaftsorganisation. Die logische Anwendung dieses

Gesetzes führt von selbst, ohne Zwang, zum Ersatz des wilden

Interessengegensatzes durch Interessengemeinschaft, des Klassenkampfes

durch Klassenversöhnung, *des Kampfes aller gegen alle durch das

Eintreten aller für alle*, zum

Solidarismus!

Der Solidarismus fordert *erst* das Wirken des einzelnen für die

Gesamtheit, *dann* erst das Eintreten der Gesamtheit für den einzelnen.

*Erst Pflicht, dann Recht!*

Der Solidarismus fordert schon von jedem Bruder zuerst und ständig

die Abgabe eines geringen Teils seiner Einkünfte an die Gesamtheit,

die Volkskasse, aber erst im Bienenstock kommt diese Pflichterfüllung

gegen die Gesamtheit zu ihrer vollen Entfaltung: für die *Gesamtheit*

der Brüder unterhaltet ihr die Speisehallen, die hygienischen

Einrichtungen, die Krankenhäuser, die Ärzte; der *Gesamtheit* der

Brüder widmet ihr die Kinderhorte, die Schulen, die Unterrichts-

und Fortbildungsanstalten, die Bibliotheken, die Einrichtungen für

Geselligkeit und Erholung; für die *Gesamtheit* sind die Tauschlager zu

Bienenpreisen bestimmt; der *Gesamtheit* der Bienen gehört derjenige

Teil der Erträgnisse, welcher im Anteilfonds der Volkskasse deponiert

wird. Erst wenn ihr diese Arbeit für die *Gesamtheit* geleistet habt,

dürft ihr euer Ergänzungseinkommen beziehen, dieses aber, wie das

Normaleinkommen, wie alle Bezüge überhaupt, sowie die Bezüge eurer

Witwen und Waisen, *proportional eure Leistung für die Gesamtheit*.

Was du für die Gesamtheit tust, das tust du für dich, denn du bist

ein Teil der Gesamtheit; niemals dienst du den Zwecken anderer; jede

nützliche Handlung, jede Anstrengung, jede Verbesserung für die

Allgemeinheit, übt sofort für dich selbst und deine Familie das ganze

Leben hindurch und darüber hinaus für deine Nachkommen ihre Wirkung

aus. Der Solidarismus gewährt keine Almosen, keine Unterstützung,

keine Wohltat; er beseitigt deren Notwendigkeit; alles, was der

Solidarismus dir und den deinen gibt, ist dein wohlverdientes Recht,

erworben durch deine Arbeit für die Gesamtheit. Der Grundsatz: der

höchsten Leistung *für* die Gesamtheit die höchste Entlohnung *durch*

die Gesamtheit verwirklicht den in jedes Menschen Brust wohnenden

*Gerechtigkeitsbegriff*.

Und das alles geschieht in *Frieden* und *Liebe*! Denn, da ihr alle

Beteiligte am gemeinsamen Werke seid, so sind keine Gegensätze zu

schlichten, sondern nur gemeinsame Interessen zu beraten; es gibt

also bei den manchmal doch auftretenden Differenzen keine Kläger und

Beklagte, sondern nur Meinungsverschiedenheiten, die meist durch

Vermittlung, ausnahmsweise durch Schiedsspruch erledigt werden,

gesprochen von euren eigenen Vertrauensmännern in voller Menschenliebe

und mit dem Bewußtsein, daß niemand ein Strafrecht über seinesgleichen

hat, sondern ein jeder die Pflicht, auszuhelfen, zu stützen, keine

brauchbare Kraft verloren gehen zu lassen.

Auch eure *Freiheit* wahrt der Solidarismus; denn euer Beitritt zur

Volkskasse und euer Austritt aus derselben sind freiwillig; der

Arbeitsvertrag der Bienenstöcke ist ein freiwilliger und freier, mit

gleichen Rechten für alle; kein Gesetz zwingt euch, ihm beizutreten;

auch die sozialen Einrichtungen der Bienenstöcke könnt ihr benutzen

oder nicht; ihr seid freie Menschen! Nur die Überzeugung von dem

Nutzen der solidaristischen Einrichtungen soll euch zu deren Benutzung

veranlassen, nur das *natürliche* Spiel derselben soll euch zu ihnen

ziehen, euch an dieselben fesseln.

Ihr seht, Brüder, daß der Solidarismus *alle sozialen Tugenden* in euch

erweckt und entwickelt! Euer Streben nach eigenem Glück wird zugleich

das wunderbarste, segensreichste Prinzip tätiger Nächstenliebe, da

alles, was ihr als Brüder und Bienen tut, für alle geschieht, im Namen

des Solidarismus. Euer gemeinsames Arbeiten im Selbstbetriebe hebt

das Gefühl der Selbstzucht und Disziplin, der Verantwortlichkeit und

der Pflicht, der Toleranz und wahrhaften Gerechtigkeit gegen andere,

stärkt den Charakter und den Willen. Das Gesetz: »höchster Lohn der

höchsten Leistung für die Gesamtheit« zeitigt die höchste Entfaltung

der Persönlichkeit; die Sparkassen und sozialen Einrichtungen

erwecken die Vorsorge ohne Egoismus und Genußsucht. Eure völlig freie

Betätigung und Selbstbestimmung, der Vollbesitz des Erträgnisses

eures Arbeitsprodukts, die Tatsache, daß jeder den Erfolg sich selbst

verdankt, erhöhen das Gefühl eurer menschlichen Würde, geben euch die

Energie eines ernsten und hohen Wollens zur Selbstbetätigung und

Selbstvervollkommnung; sie geben euch die Gabe, die Würde und Hoheit

der Arbeit anzuerkennen, die Wertschätzung des Menschen nicht nach

Äußerlichkeiten, sondern nach seiner Leistung und seinem Verdienst

für die Gesamtheit zu beurteilen, denn nicht die Arbeit allein adelt,

sondern nur die Arbeit für die Gesamtheit! Diese allein ist der

Ursprung alles Guten und Edlen auf Erden, die Quelle von Freude und

Glück.

Und auch für die äußere Anerkennung, welche der Mensch für seine

Tätigkeit nicht entbehren kann, sorgt der Solidarismus dadurch, daß

sowohl in der Volkskasse als in Bienenstöcken die Verwaltung durch

freie Wahl der Besten stattfindet, daß die höchsten Ehrenstellen denen

zufallen, welche das Höchste für die Gesamtheit leisteten.

Wirkungen des Solidarismus auf das Wohl der Gesamtheit.

Die geschilderten Wirkungen des Solidarismus auf den einzelnen gehören

eigentlich auch hierher, denn die Grundidee des Solidarismus ist

die *Gleichstellung des Einzelwohls mit dem Gesamtwohl*: wenn für

alle einzelnen gesorgt ist, so ist auch für die Gesamtheit gesorgt,

denn die Summe der einzelnen ist die Gesamtheit. Gleichwohl ist die

Einteilung in Einzelwohl und Gesamtwohl beibehalten, um zu beweisen,

daß diese zwei Dinge nicht sich ausschließen, sondern im Gegenteil im

Solidarismus tatsächlich identisch sind.

Der Solidarismus befriedigt, wie ihr gesehen habt, die

Existenzbedürfnisse jedes *einzelnen* von seiner Geburt bis zu seinem

Tode; ist er richtig aufgebaut, so muß er nunmehr die Probe darauf

bestehen, daß er auch jederzeit das Interesse der Gesamtheit wahrt und

niemals das eine dem andern opfert.

Aus der Definition des Zwecks der Arbeit, welche an den Kopf dieses

Kapitels gestellt wurde, ergibt sich ohne weiteres der *Wert des

Arbeitsprodukts*: der Erlös aus demselben muß so groß sein, daß der

geschilderte Zweck erreicht wird; nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Euer Bienenstock bestimmt demnach den Wert seiner Arbeitsprodukte

so, daß er durch seine Erträgnisse allen seinen vertragsmäßigen

Verpflichtungen in bezug auf Einkommen seiner Bienen, soziale

Einrichtungen, Anteile etc. nachkommen kann, nachdem er alle seine

Geschäftsunkosten, einschließlich der Rückzahlung und Verzinsung seines

Kapitals in Abzug gebracht hat. Zu dem so bestimmten *wirklichen

Selbstkosten*preise oder *natürlichen Preise*, welcher Bienenpreis

genannt wird, ist er zur Lieferung an alle Bienenstöcke und Brüder

verpflichtet; darüber hinaus darf er nichts fordern, da dies über

den Zweck der Arbeit hinausginge und zu überflüssiger Anhäufung von

Geld, für welches keine vertragsmäßige Verwendung besteht, führen

müßte. Eine gewisse Beweglichkeit der Preisbestimmung liegt nur in

dem Resterträgnis des Bienenstocks; dieses gehört aber zur Hälfte der

*Gesamtheit*, die andere Hälfte, das Ergänzungseinkommen, dient als

wohlverdiente Entlohnung besonderer Anstrengungen und Leistungen, um

die ebenfalls im Arbeitszwecke liegende Forderung des *geringsten

Aufwandes* herbeizuführen; je größer eure Leistung, je geringer

gleichzeitig euer Aufwand, desto größer euer Ergänzungseinkommen. Daß

dieses nicht mißbraucht werde, um die Preise unnatürlich in die Höhe

zu schrauben, dafür sorgt die Gegenseitigkeit eurer Bienenstöcke;

sind doch im Solidarismus Produzent und Konsument vereinigt; jeder

Bienenstock liefert seine Waren nicht nur an die andern, sondern auch

an seine eigenen Bienen zum gleichen Preise; ihr habt kein Interesse

an künstlicher Preiserhöhung, die ihr auch selbst bezahlen müßtet,

und welche die andern Bienenstöcke euch ebenfalls durch höhere Preise

entgelten lassen würden. Die Vereinigung von Produzent und Konsument

in Bienenstöcken führt daher niemals eine Verteuerung, sondern nur

eine möglichste Verbilligung aller Waren zugunsten aller bis zu

ihrer natürlichen unteren Grenze herbei. Eine *obere* Grenze ist den

Bienenpreisen an und für sich schon gesteckt; sie dürfen keinesfalls

höher sein als die Fabrikpreise der heutigen Unternehmungen, da ja,

wenn sie höher wären, den Brüdern aus der Verpflichtung des Bezugs

ihrer Bedürfnisse aus den Bienenstöcken Nachteile statt Vorteile

entstehen würden.

Eine der wichtigsten volkswirtschaftlichen Wirkungen des Solidarismus

ist demnach *die Preisbestimmung der Arbeitsprodukte* außer durch die

darauf verwendeten Geschäftsspesen lediglich *durch den Wert der auf

deren Herstellung und Verteilung verwendeten Arbeit*, unabhängig von

äußern zufälligen Einflüssen, wie Nachfrage und Angebot, Konjunktur

etc., oder von erzwungenen und künstlichen Einflüssen. Diese natürliche

Preisbestimmung ist die einzig gerechte, denn Produktionsfaktor

ist nur Arbeit, und zwar geistige wie körperliche, welche getrennt

undenkbar sind; Wertmesser der Arbeitsprodukte kann daher neben den

allgemeinen Geschäftsauslagen, zu welchen ein für allemal Verzinsung

und Rückzahlung des Kapitals gehören, nur die darauf verwendete Arbeit

im allgemeinen Sinne sein; Arbeit allein verleiht Wert und ist Wert;

ein Naturprodukt ohne Arbeit, eine ganze Fabrik ohne Arbeit sind

wertlos. Wenn somit durch die solidaristischen Verträge der Wert des

Arbeitsprodukts für die Brüder fest bestimmt ist, so wird damit die

*Schwankung des Marktpreises beseitigt*.

Da ferner eure Bienenstöcke sich gegenseitig ihre Waren liefern,

so haben sie einen ganz bestimmten, *bekannten Konsumentenkreis*;

ihr werdet demnach nicht aufs Geratewohl produzieren, sondern nur

entsprechend dem euch stets bekannten Konsum; ein Überschuß würde ja

liegen bleiben oder die Arbeit eures Bienenstocks auf einige Zeit

lahmlegen; jeder Bienenstock hat demnach sein bestimmtes Arbeitspensum,

nach welchem er sein Personal und seinen Betrieb einrichtet; damit ist

die Notwendigkeit des Verkaufs zu Schleuderpreisen bei Überproduktion,

die pressante Nachfrage mit Preissteigerung zu andern Zeiten

vermieden. Durch diesen natürlichen Warenaustausch der Bienenstöcke zu

Bienenpreisen ist somit innerhalb der solidaristischen Organisation das

vielleicht größte und schwierigste Problem moderner Volkswirtschaft

gelöst: *die Beseitigung der zügellosen, anarchistischen Produktion*,

die *natürliche Regelung der Produktion nach der Nachfrage*, die

*Vermeidung der periodischen Krisen*, welche alle Völker so schwer

heimsuchen.

Die *Konkurrenz verschwindet* mit ihren die Kräfte nutzlos

aufreibenden, alle Schwächeren brutal vernichtenden Kämpfen; der

Solidarismus beseitigt im Gegenteil die größere oder geringere

Geschicklichkeit, überhaupt die Ungleichheit der Kontrahenten, und

stützt den Schwächeren durch den Überschuß des Stärkeren; er beseitigt

die lediglich aus der Konkurrenz entstehende Herstellung vieler

überflüssiger und schädlicher Dinge. Der Solidarismus beseitigt auch

das Hauptübel der Konkurrenz: die Preisunterbietung auf Kosten der

Qualität und ersetzt es durch einen gewaltigen Vorteil, das Überbieten

in der Qualität bei gleichem Preise, denn aus den Tauschlagern der

Bienenstöcke werden selbstverständlich -- da der Preis feststeht --

immer die besten Waren vorgezogen, die geringeren nicht nachverlangt.

Auch das *Risiko* ist durch die solidaristische Organisation der

Arbeit und der Warenverteilung beseitigt, denn dasselbe ist nicht

mehr vorhanden, sobald die Produktion sich nach der Nachfrage regelt;

außerdem haftet die Volkskasse für Kapital und Zins der Bienenstöcke,

für Normaleinkommen usw. der Bienen; was also allenfalls an Risiko

dennoch verbleiben könnte, wird von Millionen von Schultern getragen,

d. h. es wird gleich null.

Auch die volkswirtschaftlich eminent wichtige Forderung, daß der

Zweck der Arbeit mit *geringstem Aufwande* erreicht werde, ist im

Solidarismus befriedigt durch das Gesetz der höchsten Entlohnung

für die höchste Leistung und dadurch, daß ihr im Bienenstock

Geschäftsteilhaber seid, wodurch ihr von selbst danach strebt,

möglichst viel zu leisten und dafür möglichst wenig Kraft, Material und

Geld auszugeben.

Dadurch, daß der Bienenstock sein eigener Konsument ist, sind

Fälschungen von Waren von selbst ausgeschlossen; hierdurch sowie durch

die unbedingte Haftung der Volkskasse für Kapital und Zins, welche den

allgemeinen Kredit befestigt, entsteht unbedingtes Vertrauen in Handel

und Wandel. Dieses wird noch dadurch erhöht, daß die Schuldscheine der

Bienenstöcke jederzeit ohne Vorauskündigung zum Nennwert einlösbar,

daher jeder Spekulation unzugänglich sind; in den Kapitalmarkt kommt

hierdurch Ruhe und Ordnung, dessen verderbliche Schwankungen sind

beseitigt. Der Solidarismus bekämpft nicht das Kapital, er benutzt es,

aber in festen und geregelten Bahnen.

Durch die billige Lebenshaltung unter gleichzeitiger Erhöhung

des Einkommens, welche der Solidarismus herbeiführt, wird die

Konsumfähigkeit der Massen und damit die gesamte nationale

Volkswirtschaft enorm gekräftigt, denn für diese ist die Kaufkraft der

großen *Masse ausschlaggebend*.[17] Wie der Solidarismus das Leben des

einzelnen verbessert und erhöht, *so verbessert und erhöht er auch das

Leben der Gesamtheit, der Nation*, welche die Summe der einzelnen ist.

Der Solidarismus regelt auch von selbst die Frage der *Arbeitszeit*,

welche nur eine Frage des Eigeninteresses ist, beinahe unabhängig vom

Willen; keiner von euch wird auch nur eine Minute länger arbeiten,

als zur Bewältigung des *vorgeschriebenen Pensums* erforderlich ist;

wolltet ihr es tun, so könntet ihr es nicht, da über das Pensum hinaus

nicht produziert wird; es wird sich bald von selbst herausstellen,

ob bei geringerer Arbeitszeit die Intensität der Arbeit und eure

Gesamtleistung zunimmt, wie dies durch Statistiker und Beobachter

bewiesen zu sein scheint; ihr werdet bei derjenigen Arbeitszeit stehen

bleiben, welche die höchste Gesamtleistung bietet und dabei eurem

Bienenstock noch Ersparnisse an allgemeinen Unkosten, wie Heizung,

Beleuchtung, Betriebskraft u. dgl., bringt.

Bei schwankendem Bedarf wird -- der Arbeitsvertrag der Bienenstöcke

sieht das vor -- die Arbeitszeit dem Bedarf angepaßt. Da der

Bienenstock euch nicht aus allgemeinen Gründen entlassen darf, so

wird er sich hüten, zu viele Bienen anzustellen, falls einmal eine

vorübergehende Mehrleistung erforderlich ist; diese Anpassung der

Arbeitsleistung an den Arbeitsbedarf beseitigt die Arbeitslosigkeit;

sie ist eine notwendige Folge der Anpassung der Produktion an die

Nachfrage.

Auch die Frage der *Akkordarbeit* löst der Solidarismus von selbst;

wenn ihr durch Akkordarbeit euer Normaleinkommen und damit proportional

alle andern Einkünfte erhöhen könnt, so werdet ihr selbst danach

verlangen, und die Bienenstockverwaltung wird es gewähren, da die

Gesamtheit den Nutzen davon hat, nach dem Prinzip des Solidarismus: der

höchsten Leistung für die Gesamtheit die höchste Entlohnung durch die

Gesamtheit.

Die *Hausindustrie*, dieser Krebsschaden aller Volkswirtschaft, wird

durch den Solidarismus ganz beseitigt, da Bienenstöcke nur Bienen

beschäftigen dürfen, also nur solche Mitglieder, welche voll und ganz

an dem Arbeitsvertrag der Bienenstöcke und dessen Wirkungen beteiligt

sind.

Ganz in derselben selbstverständlichen Weise löst der Solidarismus

die Frage nach der *Altersgrenze, dem Seniorenalter* der Bienen;

auch das sieht euer Arbeitsvertrag vor, indem er folgendes bestimmt:

»Weist der Anteilfonds der Volkskasse dauernde und beträchtliche

Überschüsse auf, so sollen dieselben verwendet werden zur langsamen,

gleichmäßigen Herabsetzung des Seniorenalters.« Zeigt sich also im

Laufe der Jahrzehnte, daß der Anteilfonds sich ständig vermehrt, so

folgt daraus, daß für die Befriedigung aller Bedürfnisse zu viel

gearbeitet wurde, und daß die Altersgrenze für alle Bienen, welche

anfangs auf 65 Jahre angenommen war, auf 64, 63 Jahre herabgesetzt

werden kann, ohne der Gesamtheit zu schaden; weitsehende Volkswirte

haben schon oft ausgesprochen, daß bei richtiger Einteilung der Arbeit

die Menschen mit 50, ja mit 40 Jahren aufhören könnten zu arbeiten,

und daß 20 bis 25 Jahre richtig geleiteter, zielbewußter Arbeit aller

Menschen zur Befriedigung ihrer gesamten Bedürfnisse ausreichen

müßten. Die Herabsetzung der Arbeitsjahre ist eines der Hauptziele

der Menschheit; das Gesetz: kleinster Aufwand für größte Leistung

gilt nicht nur für den einzelnen sondern auch für die Gesamtheit;

die Bedürfnisse der Gesamtheit sind nicht unbeschränkt, unendlich,

im Gegenteil, deren Summe ist beschränkt, und es handelt sich darum,

*diese beschränkte Summe von Bedürfnissen mit geringstem Aufwand,

namentlich an menschlicher Arbeit zu befriedigen*; es sollen möglichst

viele Menschen möglichst früh das Seniorenalter erreichen. In dieser

solidaristischen Auffassung der Verminderung des Arbeitspensums

der *Gesamtheit* sind die *Maschinen, die technischen Fortschritte

überhaupt, die gewaltigsten und nützlichsten Faktoren* und nicht mehr

die Instrumente der Sklaverei, als welche sie heute oft angesehen

werden.

Der Solidarismus beseitigt innerhalb seines Wirkungskreises die

*Streiks* und *ähnliche Lohnkämpfe*; denn euer Bienenstock ist

Selbstbetrieb, wird von euch selbst verwaltet; euch gehört das gesamte

Erträgnis. Ein Streik wäre daher ein Auflehnen gegen euch selbst, eure

eigenen Maßnahmen, ein Schneiden ins eigene Fleisch, eine sinnlose

Handlung, welche ihr nicht begehen werdet, da sie dem gesunden

Menschenverstand widerspricht, und weil ihr zur Erreichung eurer

Wünsche das Wahlrecht in die Verwaltung habt.

Der Solidarismus macht die einzelnen *nationalen Produktionszweige

solidarisch*, anstatt gegnerisch; es gibt keine Interessengegensätze

zwischen denselben, da die Bienenstöcke ihre Produkte in

gemeinsamen Tauschlagern an sich selbst liefern, sondern nur noch

Interessengemeinschaft, da jede Last, die ein Produktionszweig dem

andern auferlegen will, ihn als Abnehmer selbst trifft.

Und welche Fortschritte für die *öffentliche Gesundheit* bedeuten

die zahlreichen, über das ganze Land verteilten kleineren

besteingerichteten und überwachten Krankenhäuser gegenüber der

hygienisch so verwerflichen Konzentration aller möglichen Kranken

in den meist überfüllten Spitälern der Städte einerseits und dem

gänzlichen Mangel derartiger Anstalten auf dem flachen Lande anderseits.

Die völlige Unabhängigkeit jedes Bienenstocks in bezug auf seine

Lage beseitigt die *materiellen und moralischen Nachteile der

Anhäufung der Massen in den Großstädten* und ermöglicht das Ideal der

Volkswirtschaft, die Dezentralisation.

Von welch wohltätiger Wirkung ist endlich die Hebung des geistigen und

moralischen Niveaus der Gesamtbevölkerung, nicht nur durch all die

Einrichtungen, welche speziell in dieser Richtung wirken, sondern auch

durch den ethischen Einfluß der solidaristischen Anschauung an sich.

Schlußwort zu diesem Kapitel.

Brüder! Der Solidarismus hat also seine Probe bestanden! Alle

Wirkungen, welche dem einzelnen nützen, nützen auch der Gesamtheit;

nirgends hat sich gezeigt, daß das Einzelwohl dem Gesamtwohl im Wege

stände; von welcher Seite man es auch anfassen mag, stets zeigen sich

die beiden identisch.

Der Solidarismus ist in seiner Grundidee, der Gleichstellung des

Gesamtwohls mit dem Einzelwohl, von elementarer Einfachheit und doch so

mächtig, daß er berufen ist, zum Träger eines der größten Fortschritte

der Menschheit zu werden.

Der Solidarismus bringt in das scheinbar unlösbare Chaos des

gegenwärtigen Wirtschaftslebens und dessen wilde Kämpfe plötzlich

Licht, Ordnung, Ruhe, Frieden, Harmonie, Gerechtigkeit, Vernunft,

Liebe; er *faßt all die Einzelbestrebungen zusammen*, welche unter dem

führenden Gedanken der Solidarität im Laufe und namentlich gegen Ende

des vorigen Jahrhunderts entstanden in Form von genossenschaftlichen

Organisationen für Produktion und Konsum, wirtschaftlichen

Systemen, sozialen Gesetzen, Wohltätigkeitsveranstaltungen,

Wohlfahrtseinrichtungen aller Art, Erziehungsbestrebungen der Massen;

er faßt sie zusammen in eine einzige, einheitliche, scharf definierte,

in Form bestimmter Verträge gefaßte Bewegung, deren Räderwerk so klar

und verständlich vor euch liegt, *daß der einfachste Verstand es fassen

kann*.

Kapitel 8.

Wem nützt der Solidarismus?

Allen Abhängigen.

Direkt abhängig sind alle diejenigen Arbeitenden, welche ihre geistige

oder körperliche Arbeit gegen Gehalt, Lohn, Salär leisten, mit einem

Worte *alle Salärierten*.

Es gehören dazu alle Arbeiter, Gehilfen, Dienstboten und Taglöhner

der Landwirtschaft, der Industrie und des Gewerbes, des Handels

und Verkehrs, aber auch das gesamte Personal dieser Berufe:

Aufsichtsbeamte, Werkmeister, Verwaltungs- und Bureaupersonal,

technische und Betriebsbeamte. Dieselben umfassen 70% der

Bevölkerung.[18]

Diese enorme Majorität unserer Brüder hat geradezu ein Lebensinteresse

am Zustandekommen des Solidarismus, weil er dieselben zu unabhängigen

Menschen, Teilhabern ihrer eigenen Betriebe und Besitzern des vollen

Erlöses aus ihrer Arbeit macht, einen jeden nach seiner Leistung,

aber für jeden mit gesicherter Existenz für sich und die Seinen in

allen Fällen des Lebens, von der Geburt an bis zum Tode, mit sehr

verbilligter und verschönerter Lebenshaltung.

Nicht einer von euch wird daran zweifeln, daß der Solidarismus für

ihn ein neues Leben mit ungeahnten Freuden und Genüssen, eine wahre

Befreiung bedeutet.

Solidarismus: Natürliche wirtschaftliche Erlösung des Menschen · 第 6 / 14 段