Durch die gemeinsamen Maschinen und die großen zusammenhängenden

Ländereien wird euer Betrieb ökonomischer, eure Tierzucht wird durch

die gemeinsamen Maßnahmen eine bessere; alle Rohmaterialien, Saaten,

Dünge- und Futtermittel, Maschinen, Tiere etc. werden im großen

bezogen, und zwar in Bienenstöcken, also weit billiger als bisher;

eure Produkte gehen ohne Bemühung eurerseits ohne weiteres in die

Tauschlager der andern Bienenstöcke und werden dort mit Preisen

bezahlt, die nicht geringer sind, als ihr sie sonst im Großverkauf

erzielt. Nirgends wird sich der Vorteil gemeinsamer Arbeit so sehr in

höheren Erträgnissen ausdrücken wie in der Landwirtschaft; in keinem

Betriebe ist der Wert der Haftung der Gesamtheit für den einzelnen

Betrieb so augenfällig, wird doch dadurch die schlimmste Sorge, die

Unsicherheit über den Ausfall der Ernte, beseitigt und dieses Risiko

auf alle Schultern verteilt, wodurch es verschwindet.

Derjenige unter euch, welcher sein Gut an den Bienenstock abtrat,

verdient durch die höhere Verzinsung seines Kapitals allein schon so

viel wie früher durch seine ganze Arbeit; er bezieht aber, wenn er

im Bienenstock in irgend einer Stellung mitarbeitet, außerdem sein

garantiertes Normaleinkommen und sein Ergänzungseinkommen und ist an

den Senioren-, Invaliditäts- und Witwenanteilen sowie an allen sozialen

Einrichtungen beteiligt.

Und welche Umwandlung auch für euch einfache landwirtschaftliche

Arbeiter! Ihr seid nun Mitbesitzer eures Gutes, euer Normaleinkommen

ist so hoch bemessen wie das eines städtischen Arbeiters und ist euch

nebst Krankheits-, Alters-, Witwen- und Waisenanteilen etc. ein für

allemal gesichert.

Auch der landwirtschaftliche Bienenstock hat die obligatorischen

sozialen Einrichtungen nach den Vorschriften des Arbeitsvertrags

zu treffen; er hat sein Krankenhaus mit den Ärzten, seine Schulen

mit den Lehrern, seine Speisehallen, seine Bäder und hygienische

Einrichtungen usw. zu halten; auch er bietet seinen Bienen die Vorteile

des gesunden Essens, der guten Wohnung, der ärztlichen Pflege, der

Erziehung der Kinder; auch er stellt denselben in seinem Tauschlager

alle Lebensbedürfnisse an Ort und Stelle zu weit billigeren Preisen als

bisher zur Verfügung.

Welch ein Unterschied zwischen einer solchen Brüdergemeinde und einer

gewöhnlichen Gemeinde, wo jeder allein und einsam mit ungenügenden

Mitteln und Kenntnissen für die vielerlei Tätigkeiten eine meist

durch die Konkurrenz verbitterte Existenz führt und oft nach seiner

Jahresmühe sich durch ein Unwetter um den Lohn seiner Arbeit betrogen

sieht! Errichtet erst einmal einige solcher Bienenstöcke, und nur

zu bald werden die Nichtbeteiligten den Unterschied ihres Betriebes

gegenüber dem euren an dem Stand der Kulturen, am Erträgnis derselben,

an der Haltung, dem körperlichen Befinden und dem geistigen Fortschritt

der Bienen erkennen und nach kurzer Zeit die dargebotene Bruderhand

ergreifen und sich aufnehmen lassen in den allein richtigen Bund der

Interessengemeinschaft.[4]

Entsprechend den Mitteln der Volkskasse legt ihr eure industriellen

und landwirtschaftlichen Bienenstöcke über das ganze Land, möglichst

gleichmäßig verteilt und für die verschiedenartigsten Produkte an,

so daß die *Gesamtheit derselben alle eure Lebensbedürfnisse*, oder

wenigstens die wichtigsten derselben, zu befriedigen imstande ist.

Betriebe für Waren, die an Ort und Stelle verbraucht werden oder

leicht verderblich sind (Brot u. dgl.), werden in kleinerem Maßstab

und an vielen Orten angelegt, die andern dagegen konzentriert und in

großem Maßstab, um alle Vorteile des Großbetriebes zu sichern; eine

Anzahl industrieller Bienenstöcke wird jeweils mit entsprechenden

landwirtschaftlichen gruppiert.

Diese Bienenstöcke liefern sich vertragsmäßig gegenseitig ihre Waren;

auf diese Weise erhaltet ihr alle eure Lebensbedürfnisse bei jedem

euch zunächst liegenden Bienenstock zu Bienenpreisen, frei von einer

Unsumme überflüssiger Kosten und von umständlichen Verwaltungsmaßregeln.

Von besonderer Wichtigkeit ist der Umstand, daß alle Bienenstöcke

zusammengenommen *sich selbst genügen*, sich gegenseitig ergänzen,

ohne in den allgemeinen Konkurrenzkampf einzutreten und auch ohne sich

gegenseitig Konkurrenz zu bieten; denn die Volkskasse untersucht bei

Errichtung neuer Bienenstöcke in erster Linie die Bedürfnisfrage; sie

wählt dafür diejenigen Orte, welche für das betreffende Produkt die

günstigsten Verhältnisse vereinigen, als da sind: die geschultesten

Arbeitskräfte, die billigste und leichteste Beschaffung der

Materialien, die günstigsten Transportbedingungen und vor allem der

gesicherte Konsum durch eine genügende Anzahl von Brüdern.

Durch diese Vorsicht ist die Gefahr des Mißlingens der

Bienenstockbetriebe ausgeschlossen, eine Gefährdung des Kapitals wird

nur bei ganz besonders ungünstigen Verhältnissen oder Unglücksfällen

eintreten; kommt dieser seltene Fall einmal ausnahmsweise vor, dann

tritt die Volkskasse für den einzelnen Bienenstock in die Schranken,

indem sie etwaige Verluste deckt. Solche Verluste, auf Millionen und

Abermillionen von Schultern verteilt, sind keine Verluste mehr; die

Volkskasse fühlt dieselben so wenig, wie das Meer das Versiegen einiger

Wasserzuflüsse fühlt. Wie die unaufhörlich fallenden Regentropfen, zu

Flüssen und Strömen vereinigt, den unermeßlichen, grenzenlosen Ozean

bilden, so bilden und erhalten die winzigen aber unaufhörlichen und

millionenfachen Tagespfennige der Brüder das Kapital der Volkskasse;

fast ließe sich berechnen, in welcher Zeit das letztere so groß sein

wird, daß es die gesamte Produktion des Vaterlandes zu tragen imstande

ist.

Doch Geduld! Die Geschichte der Menschheit macht ebensowenig plötzliche

Sprünge wie die Natur! Nicht alle Brüder können *sofort* Bienen sein;

aber je mehr Brüder ihr seid, je einheitlicher und entschlossener

ihr auftretet, desto größer wird das Kapital der Volkskasse, desto

rascher reiht sich Bienenstock an Bienenstock, und durch die enorm

vermehrende Wirkung der Zeit schließt sich endlich der Kreis, in dessen

Umspannung *alle Brüder auch Bienen sind, das eigentliche Endziel des

Volksvertrags und einer naturgemäßen Volkswirtschaft*.

Die vor euren Augen entrollte Gesamtorganisation wird durch

ein wunderbares Uhrwerk regiert, dessen Triebfeder die

*Interessengemeinschaft* ist, und in welchem die *Volkskasse das Wirken

des einzelnen für die Gesamtheit, der Bienenstock dagegen das Eintreten

der Gesamtheit für den einzelnen darstellt*.

Während die vereinigten Tagespfennige aller Brüder die Machtstellung

der Volkskasse begründen, sorgen die auf Grund dieser Macht errichteten

Bienenstöcke dafür, den einzelnen Brüdern das Leben zu verbilligen, zu

vereinfachen, zu verschönern und ihnen das für die Gesamtheit gebrachte

Opfer hundertfach zu ersetzen; den Bienen aber sichert der Bienenstock

die ganze Existenz sowie die seiner Angehörigen für alle Fälle des

Lebens und macht dieselben hierdurch zu zufriedenen Gliedern der

Gesellschaft.

Es wird manchmal das Gleichnis gebraucht, daß die Erde einem durch

die modernen Errungenschaften ungemein schön ausgestatteten Wohnhause

gleiche, in welchem sich aber die Menschen um die Räume streiten, für

welche die Parteien und Klassen die Lebensordnung für die richtige

Benutzung noch nicht gefunden haben.[5]

Der Solidarismus »erzieht das neue Geschlecht für das neue Wohnhaus und

gibt ihm die richtige Benutzungsordnung für dasselbe und die Mittel,

dieselbe gerecht zu handhaben«!

So ihr das eingesehen habt, Brüder, verliert es nicht mehr aus dem

Sinn; euer Lebenszweck sei fortan, Bienenstöcke zu errichten, Bienen zu

werden!

Kapitel 5.

Der Solidarismus.

Brüder, Schwestern! Ihr habt nun erkannt, daß Volksvertrag und

Arbeitsvertrag der Bienenstöcke die notwendigen Regeln sind für einen

Zusammenschluß aller Arbeitenden zum Zwecke der Erreichung engster

wirtschaftlicher Interessengemeinschaft nach dem Grundsatz:

*Wirken des einzelnen für die Gesamtheit,

Eintreten der Gesamtheit für den einzelnen*,

welcher hier nicht auf irgend ein Einzelgebiet, sondern mit eiserner

Konsequenz auf das gesamte wirtschaftliche Leben in allen seinen

Äußerungen ausgedehnt ist.

Die vorausgesehenen herrlichen Resultate sind nur der Ausfluß

eines einzigen Grundgedankens, desjenigen der Zusammengehörigkeit

aller Menschen, der Einheitlichkeit der menschlichen Gesellschaft,

der Einheit und Gemeinschaft ihrer Interessen, des zum Bewußtsein

gekommenen Gefühls, *daß alles, was der Gesamtheit nützt oder schadet,

auch dem einzelnen nützt oder schadet, weil der einzelne ein Teil der

Gesamtheit ist*, mit einem Worte, der »*Solidarität*« aller Menschen.

Dieses schönste und inhaltreichste Wort der menschlichen Sprache:

*Solidarität* bezeichnet den *abstrakten Begriff* oder das *Gefühl*

der Zusammengehörigkeit und Brüderlichkeit unter den Menschen,

gepaart mit Liebe und Gerechtigkeit. Die Gesamtheit der auf Grundlage

der Solidarität aufgebauten, vertragsmäßig festgelegten *konkreten

Wirtschaftsorganisation* und ihrer sämtlichen materiellen, geistigen

und ethischen Konsequenzen, wie sie in den vorhergehenden Kapiteln

entwickelt wurde, sei kurzweg

»~Solidarismus~«

genannt. Solidarismus ist zielbewußt *organisierte* Menschenliebe,

ist *in Taten umgesetzte* Solidarität. Der Solidarismus findet in

dem *Zusammenwirken von Volkskasse und Bienenstock* seine komplette

praktische Verwirklichung.

*Der Solidarismus baut auf der Pflicht des einzelnen, für die

Gesamtheit zu wirken, dessen Recht auf, daß die Gesamtheit für ihn

eintrete.*

Solidarismus, die vollkommene *Gleichsetzung des Einzelinteresses

mit dem Gesamtinteresse*, ist die freie Vereinbarung der Menschen zu

gegenseitiger Gerechtigkeit durch Arbeit, Einigkeit und Liebe.

Der Solidarismus ist die Sonne, welche gleichmäßig über *alle*

scheinend, durch ihre milde Wärme und ihr glänzendes Licht die

Menschheit aus ihrem Winterschlaf zur *wirtschaftlichen Erlösung*

erwecken wird.

Kapitel 6.

Beweis der praktischen Durchführbarkeit des Solidarismus.

Brüder! Ihr habt gesehen, daß der Solidarismus eine sechsfache Aufgabe

hat:

1. Die gesicherte und geordnete Produktion der Lebensbedürfnisse

seiner Brüder;

2. die gerechte und günstigste Verteilung der Arbeitsprodukte unter

seine Brüder nach deren Bedarf;

3. die Befriedigung aller sonstigen berechtigten sozialen Bedürfnisse

der Brüder von ihrer Geburt an bis zum Tode und in allen Lebenslagen;

4. die schiedsmännische und kostenlose Selbstentscheidung seiner

eigenen Angelegenheiten;

5. die nutzbringende Anlage der Ersparnisse der Brüder;

6. die Aufbringung der finanziellen Mittel für seine Tätigkeit.

Laßt uns untersuchen, ob die Wechselwirkung zwischen Volkskasse und

Bienenstock diese Aufgaben praktisch löst.

Die Produktion.

Daß die Produktion in den Bienenstöcken mindestens ebensogut vor sich

gehen wird wie etwa in der heute gebräuchlichsten Betriebsform, der

Aktiengesellschaft, bedarf keines Beweises; beide sind mit fremdem

Kapital errichtet, beide haben außer ihren laufenden Geschäftsspesen

dieses Kapital zu amortisieren und zu verzinsen; während aber die

Aktiengesellschaft der *Arbeit* eine gewisse übliche Normalentlohnung

anweist und ihre Erträgnisse darüber hinaus an die Aktionäre, also an

das Kapital abgibt, *weist im Gegenteil der Bienenstock dem Kapital

eine gewisse übliche Normalentlohnung an und verteilt die Erträgnisse

darüber hinaus als Einkommen an seine Bienen, also an die Arbeitenden

selbst*.

Dieser Unterschied beider Betriebsarten ist der Grund, weshalb der

Bienenstock weit bessere Resultate erzielen muß.

*Ihr werdet im Bienenstock nach der Höhe eurer Leistung entlohnt*;

schon das Normaleinkommen wird nach dieser Leistung, nach dem

Verdienste für die Gesamtheit bemessen, und diesem proportional sind

alle eure Bezüge: die Ergänzungseinkommen, die Krankenzuschüsse, die

Altersanteile, die Bezüge der Hinterbliebenen; bei dieser Aussicht

auf höchste Entlohnung für höchste Leistung wird jeder von selbst

das Streben haben, das höchste wirklich zu leisten; das Fehlen aller

materiellen Sorgen für euch und die eurigen infolge der sozialen

Einrichtungen der Bienenstöcke, gestattet euch, euch ganz dem

Drange eurer Talente hinzugeben, eure Fähigkeiten tatsächlich zur

Höchstleistung zu entwickeln, euer Können und Wollen freischaffend

aufs höchste anzuspannen. Und da ein jeder von euch Mitbesitzer des

Erträgnisses ist, wird er dafür sorgen, daß die *höchste Leistung mit

geringstem Aufwande erfolge*; wird nicht von selbst ein jeder auf

peinlichste Sparsamkeit des Betriebes, Vermeidung jeder überflüssigen

Ausgabe, Schonung der Maschinen und Werkzeuge, sehen, wie wenn sie

sein eigen wären; wird nicht ein jeder von euch ein scharfes Auge

für alle Vorgänge haben, die das Ergebnis des Betriebs nachteilig

oder vorteilhaft beeinflussen können, dem Vorstandsausschuß darüber

berichten und auf diese Weise selbst zur guten Verwaltung beitragen;

wird nicht ein jeder von euch dafür sorgen, daß keine untüchtigen,

unfleißigen, unnützen Bienen aufgenommen werden, und werden nicht

allein schon durch diese Auswahl die Mitglieder eures Bienenstocks

aus den Besten und Leistungsfähigsten bestehen? Daß also eure Arbeit

besser, euer Betrieb billiger wird, ist zweifellos.

Bleibt die Frage der Verwaltung, der Disziplin. Es wurden schon

vereinzelte Versuche unternommen, die sämtlichen Mitarbeiter eines

Betriebs zu gemeinsamen Besitzern derselben zu machen und die

Mitglieder der Verwaltung durch Wahl aus deren Mitte hervorgehen zu

lassen; diese Versuche mißglückten häufig, und es wurde daraus der

Schluß gezogen, daß diese Methode unmöglich sei.[6]

Im Bienenstock jedoch sind die Verhältnisse andere; der Bienenstock

ist nicht Eigentum der in demselben Beschäftigten; diese haben

nur die volle Nutznießung des Erträgnisses; Eigentümer ist die

Volkskasse, d. h. die Gesamtheit der Brüder, und diese ernennt den

Vorstand, genau wie der Aufsichtsrat einer Aktiengesellschaft deren

Vorstand ernennt. Dieser *von der Wahl unabhängige Vorstand vertritt

die Stabilität der Verwaltung* und wird darin unterstützt mit Rat

und Tat durch den Delegierten der Volkskasse. Dieser Vorstand wird

aber unterstützt durch eine Anzahl aus der Wahl hervorgegangener

Angehöriger des Bienenstocks, welche durch die Spezialkenntnisse ihrer

verschiedenen Beschäftigungszweige eine sachgemäßere, eingehendere

Verwaltung verbürgen, als sie je durch den Vorstand allein, ohne diese

praktische Unterstützung möglich wäre; gerade die Heranziehung aller

Spezialtalente in die Verwaltung verbürgt ein tiefes, genaues Eingehen

auf alle Vorgänge und eine alle Möglichkeiten und Nützlichkeiten

erfassende Verwaltung. Eine solche Verwaltung erreicht in bezug auf

höchste Leistung und geringsten Aufwand das beste; sie bedeutet an

sich allein schon eine sehr wesentliche Herabsetzung der Kosten,

da sie die heute üblichen, oft erstaunlich hohen Verwaltungs-

und Direktionsausgaben und, hiermit zusammenhängend, eine Menge

überflüssiger Spesen beseitigt.

Euer eigenstes Interesse wird euch veranlassen, einerseits nur die

Tüchtigsten und Besten zu den Ehrenämtern des Vorstandsausschusses

zu ernennen, anderseits aber den Anordnungen eurer selbst gewählten

Leiter zu folgen, euch den selbstgemachten Gesetzen zu fügen und euren

freiwillig und frei eingegangenen Arbeitsvertrag in Treue zu halten;

ihr arbeitet ja nicht im Interesse irgend eines Dritten, sondern für

euch selbst.

Die Gegenseitigkeitsorganisation der Bienenstöcke gewährleistet

auch unter allen Umständen eine wesentliche Herabsetzung der

Generalunkosten, sowohl für die Einkäufe der Materialien als für den

Verkauf der Produkte, welche ja von vornherein ihre festen Lieferanten

bzw. Abnehmer in den andern Bienenstöcken haben, ohne daß die enormen

Spesen, welche heute infolge des Konkurrenzkampfes erforderlich sind,

aufzuwenden wären.

Aber, könntet ihr einwenden, hat denn nicht die Verpflichtung der

Bienenstöcke, zu Bienenpreisen an die Brüder und Bienenstöcke

zu liefern, und die Unmöglichkeit, höhere Preise zu verlangen,

geringere Einnahmen im Gefolge, welche unter Umständen den Bestand

des Bienenstocks gefährden könnten? Das ist nicht der Fall, denn der

wirkliche Produzent erhält auch heute nur Fabrikpreise für seine Waren;

er hat von den etwaigen späteren höheren Verkaufspreisen auch heute

keinen Nutzen. Daß die Brüder und Bienenstöcke billiger zu ihren Waren

kommen, liegt nicht daran, daß der produzierende Bienenstock weniger

erhält, sondern lediglich an der direkten Lieferung jedes Bienenstocks

an die andern, also an der praktischen, unnütze Kosten ersparenden

Warenverteilung. Der Bienenpreis selbst wird, wenigstens in den ersten

Zeiten des Solidarismus, sich nur wenig von dem unterscheiden, was

heute Fabrikpreis genannt wird.

Das Ergebnis der Bienenstockorganisation für die Produktion ist

daher: bessere Arbeit, billigerer Betrieb; bessere, präzisere, mit

weniger Unkosten verknüpfte Verwaltung; festere Disziplin, unbedingte

Vertragstreue, billigerer Bezug der Materialien, bessere Preise für die

Arbeitsprodukte.

Die Warenverteilung.

Ist die Verteilung der Produkte in der durch den Solidarismus

vorgeschriebenen Weise praktisch möglich?

Im Bienenstock vereinigen sich täglich zum Zwecke ihrer Arbeit

sämtliche Bienen desselben, seien das nun einige Hundert oder einige

Tausend; ist es da nicht selbstverständlich, ihnen an diesem Orte

oder in dessen Nähe alle Produkte zu bieten, welche sie zu ihrem

Lebensunterhalte brauchen; wozu sie oder ihre Angehörigen zwingen,

Zeit und Kraft zu vergeuden, um diese Waren irgendwo an zahlreichen

entfernten und zerstreuten Orten zu suchen? Viele größere heutige

Werke haben dies längst erkannt und Warenhäuser für ihre Angestellten

geschaffen; man muß sich nur wundern, daß es nicht schon allgemein

geschieht, da das Bedürfnis dazu schon längst tief empfunden wird.

Wie für die Produktion, so ist auch für den Konsum die große Masse der

kleinen Leute maßgebend. Der Konsum der Massen, d. h. aller Einkommen

unter 3000 Mark, also derer, die wir als direkt und indirekt abhängig

bezeichnet haben, ist sechsmal so groß als der der vorhandenen Reichen

zusammen; dieser Massenkonsum ist der ausschlaggebende Faktor für eine

Volkswirtschaft, also der Konsum derjenigen, welche die eigentliche

Arbeit der Produktion vollbringen; es beweist das die an sich beinahe

selbstverständliche Tatsache, daß diejenigen, welche produzieren, ihre

Produktion größtenteils selbst aufzehren, und daß es allein rationell

ist, das Konsumzentrum dahin zu verlegen, wo es gebraucht wird, d. h.

in das Produktionszentrum.

Denkt euch in einem Dorfe eine Anzahl Leute beisammen wohnen,

wovon der eine Schneider, der andere Schuhmacher, andere Bäcker,

Metzger, Landwirte usw. sind, derart, daß alle zusammen ungefähr

die wesentlichsten Lebensbedürfnisse herstellen; diese Leute tragen

ihre Waren sämtlich erst in die entfernte Stadt, belasten dieselben

zu diesem Zweck mit allerlei Spesen, bedienen sich kostspieliger

Vermittler, und die Nachbarn gehen ebenfalls in diese Stadt, vergeuden

Zeit, Mühe, Kraft und Geld, um schließlich mit einem Gegenstand

heimzukommen, den sie mühelos, unbelastet mit all den Kosten beim

Nachbarn hätten holen können.

Das ist aber in einem einfachen Bilde genau das, was heute die

Volkswirtschaft tut und was die solidaristische Organisation

vermeidet; diese stellt dem Produzenten *am Orte seiner Arbeit* seine

Lebensbedürfnisse zur Verfügung; die obligatorische direkte Lieferung

des einen Bienenstocks an alle andern gewährleistet den billigsten

Preis für den produzierenden Bienenstock. Ihr gebt des Morgens

bei der Ankunft im Bienenstock einen Zettel ab mit der Aufzählung

der gewünschten Waren und könnt dieselben mittags oder abends vom

Verteilungslager mitnehmen ohne Mühe, ohne dem Abwiegen, Abmessen,

Verpacken beiwohnen zu müssen. Für diejenigen Waren, welche nicht

sofort abgeliefert werden müssen, wie Stoffe, Geräte, Möbel etc, wird

nach Musterlager bestellt, die Lieferung dagegen vom produzierenden

Bienenstock direkt bewerkstelligt; hier entfällt sogar das Halten des

Lagers, so daß noch billigere Preise möglich sind als beim Kauf ab

Lager, ohne daß der Produzent dabei Einbuße erleidet.

Glaubt nicht, daß der Betrieb solcher Verteilungslager zu umfangreich,

zu umständlich oder nicht durchführbar sei; die Beispiele der

heute in allen Ländern existierenden großen Warenhäuser sowohl

von Privat-Unternehmern[7] als von größeren Fabriken, als von

Offiziers-, Beamten- und Arbeiterkonsumgenossenschaften beweisen das

Gegenteil; neu ist die Sache nicht, der Solidarismus folgt hier

nur gegebenen Beispielen, aber in einem andern Sinne, im *Sinne des

Gesamtwohles* allein, und in sehr *vereinfachter Form*. Einfacher ist

die *Verproviantierung* des Tauschlagers, weil sie sich durch die

Gegenseitigkeitsverpflichtungen der Bienenstöcke automatisch vollzieht;

einfacher ist die Warenausgabe, weil für den größten Teil der Käufer

die Notwendigkeit der persönlichen Anwesenheit dabei wegfällt und der

Verkehr in den Räumen dadurch verringert wird; besonders einfach wird

das Liefern nach Musterlager, welches nur im Solidarismus durchführbar

ist, wo die Gegenseitigkeit Bürgschaft dafür gibt, daß die gelieferte

Ware genau nach Muster ausfällt; einfacher ist auch der *Betrieb* der

Bienenstocklager, weil jeder Bruder auf Grund seines Brüderscheins

die Ware ohne weiteres zum Bienenpreis erhält; er sieht sofort seine

Ersparnis, braucht nicht ein Jahr auf deren Rückzahlung zu warten,

hat kein Buch zu führen, keine Marken und Scheine aufzubewahren. Mit

wunderbarer Selbstverständlichkeit arbeitet das einfache Räderwerk;

geringerer Aufwand zur Verteilung der Waren an die Konsumenten ist

nicht mehr denkbar!

Die sozialen Einrichtungen.

Es ist der Einwand zu erwarten, daß ein industrielles Unternehmen

sich nicht mit all den Nebenbetrieben belasten kann, welche die

obligatorischen sozialen Einrichtungen der Bienenstöcke mit sich

bringen, daß keine Verwaltung so verschiedenartige Tätigkeiten wird

beherrschen können, daß durch die Nebenbetriebe der Hauptbetrieb leiden

wird usw.

Auch hier ist der Solidarismus in der glücklichen Lage, nichts Neues

und Ungewohntes zu verlangen, sondern auf geradezu glänzende Vorbilder

hinweisen zu können.

Es ist euch ja bekannt, daß in der heutigen Industrie in bezug auf

Wohlfahrtseinrichtungen in einzelnen Etablissements Großartiges

geleistet ist; allbekannte Beispiele sind die Fabriken von Friedrich

Krupp in Essen, die Farbenfabriken vorm. Friedrich Bayer & Ko. in

Elberfeld, die Badische Anilin- und Sodafabrik in Ludwigshafen

etc., in welchen *sämtliche* Einrichtungen der Bienenstöcke schon

vorhanden sind; es bestehen dort Krankenkassen mit einer großen Anzahl

ausschließlich in deren Diensten stehenden Ärzten, mit unentgeltlicher

Behandlung der Familienmitglieder der Arbeiter; ferner prachtvoll

ausgestattete Polikliniken auf den Fabrikgrundstücken, Konsumanstalten

mit Rückvergütung von 9% der Einkaufssumme an die Mitglieder,

Arbeiterspeiseanstalten, Aufenthalts- und Baderäume, Junggesellenheime,

Haushaltungsschulen, Lehrlingswerkstätten, Bibliotheken, Orchester- und

Gesangvereine, Beamtenkasinos; ferner Arbeiterwohnungen, Sparkassen

mit 5%iger Verzinsung der Einlagen, verschiedene Pensionskassen und

Stiftungen, Dienstaltersprämien und Unterstützungsfonds für Fälle der

Not. Viele dieser Anstalten werden von den Beamten und Arbeitern selbst

verwaltet.

Solidarismus: Natürliche wirtschaftliche Erlösung des Menschen · 第 3 / 14 段