Wilhelmshaven, gegenwärtig 28000 Einwohner zählend, ist eine neue

Stadt und die deutsche Marinestation der Nordsee, am in seinen inneren

Teilen flachen, hier aber unseren größten Kriegsschiffen Einfahrt

gestattenden Jadebusen. Als Preußen 1853 das Gebiet zur Anlage von

Wilhelmshaven von Oldenburg erwarb, zählte dasselbe 109 Einwohner auf

340 Hektaren. Mit der zunehmenden Bedeutung, die unsere Marine durch

die Gründung des Reiches erlangt hat, hat sich auch Wilhelmshavens

Weichbild mehr und mehr gehoben. Die großartigen Hafenanlagen zerfallen

in den im Südwesten der Stadt belegenen Neuen Hafen, der eine Fläche

von 70000 Quadratmeter umfaßt und 8 Meter Tiefe hat. Derselbe dient

für die in Dienst gestellten Kriegsschiffe und hat eine besondere für

die Torpedoboote bestimmte Abteilung. Eine 174 Meter lange Schleuse

verbindet den Neuen Hafen mit der 1886 eröffneten Neuen Einfahrt. Im

Westen mündet der Ems-Jade-Kanal, von dem noch später die Rede sein

wird, vermittelst einer 50 Meter langen und 7,5 Meter breiten Schleuse

in diesen Hafen.

Nördlich vom Neuen Hafen treffen wir auf den Ausrüstungshafen, der

sich in einer Länge von 1168 Meter bei 136 Meter Breite ausdehnt und

mit dem vorgenannten in Verbindung steht. Eine 48 Meter lange Schleuse

führt von hier in den Vorhafen und dann durch die Alte Einfahrt in

die Jade hinaus. Der Bauhafen (377 Meter lang, 206 Meter breit) mit

Trockendocks, je zwei zu 138 Meter und eines zu 120 Meter Länge,

schließt sich im Westen an den Ausrüstungshafen an. Die Hafenanlagen

sind von den zahlreichen Gebäuden der kaiserlichen Werft umgeben, auf

welcher eine Anzahl unserer achtungsgebietenden Kriegsschiffe vom

Stapel gelaufen sind, und die in Zukunft wohl noch weitere solcher Art

erbauen wird (Abb. 123–125). Der deutsche Michel ist ja in diesen Tagen

erwacht und hat begriffen, was der Große Kurfürst einmal in den Worten:

„Schiffahrt und Handelung sind die fürnehmsten Säulen des Estats“

ausgedrückt hat.

Michel, horch, der Seewind pfeift,

Auf und spitz’ die Ohren!

Wer nicht jetzt ins Ruder greift,

Hat das Spiel verloren.

Wer nicht jetzt sein Teil gewinnt,

Wird es ewig missen,

Michel, horch, es pfeift der Wind,

Segel gilt’s zu hissen!

Denk des Ruhms vergangner Zeit

Und der alten Lehre:

Volkes Wohl und Herrlichkeit

Blüht auf freiem Meere.

Schläfst du wieder, altes Kind?

Hurtig aus den Kissen!

Hurtig auf, ins Boot geschwind,

Segel gilt’s zu hissen!

(Gottfried Schwab.)

Zweier Denkmäler, die in Wilhelmshaven errichtet worden sind, sei hier

noch kurz gedacht, desjenigen des Prinzen-Admiral Adalbert von Preußen,

von Schuler entworfen und 1882 enthüllt, vor der Elisabethkirche, und

des vom gleichen Künstler modellierten Monuments Kaiser Wilhelms ~I.~,

im Jahre 1896 eingeweiht. Heppens im Norden und Bant im Westen der

Stadt Wilhelmshaven befinden sich bereits auf oldenburgischem Grund

und Boden. Wilhelmshaven wird nach der Land- und der Seeseite zu von

starken Befestigungen verteidigt.

Das Jeverland (Wangerland), das bis 1575 eine selbständige Herrschaft

bildete und seit 1818 unter der Oberhoheit Oldenburgs steht, breitet

sich nördlich von Wilhelmshaven bis an das Gestade der Nordsee aus.

Jever, an einem nach Hooksiel führenden schiffbaren Kanale, mit 5300

Einwohnern, ist die Hauptstadt dieses Gebietes. Das Schloß ist der

herrlichen im Renaissancestil gehaltenen Decke seines Audienzsaales

wegen berühmt. Die Heimat der „Getreuen“ ist zugleich auch der

Geburtsort des großen Historikers Schlosser (1776 bis 1861) und

des bekannten Chemikers Mitscherlich (1791 bis 1863). Beiden hat

ihre Vaterstadt Denkmäler gesetzt. Hooksiel am Jadebusen besitzt

Schiffswerften und betreibt Schiffahrt.

[Sidenote: Von Oldenburg nach Leer.]

Über die reichbewaldete Geest, nur hier und da die vom Süden

herantretenden Moorflächen berührend, zieht die Bahnlinie von

Oldenburg nach Leer am schönen Zwischenahner Meer vorbei, das von

einem Dampfer befahren wird und ein beliebtes Ausflugsziel der

Bewohner der Landeshauptstadt bildet. Dann folgt Ocholt mit einer nach

dem Geestorte Westerstede führenden Zweigbahn. Noch bevor wir die

Landesgrenze überschreiten, erscheint Augustfehn im Lengener Moor mit

seinem 4 Kilometer langen, etwa 6 Meter Sohlbreite und 1,5 Meter Tiefe

besitzenden Kanal. Diese Fehnkolonie gedeiht besonders durch die dort

im Jahre 1856 gegründete und mit Torf heizende Eisenhüttengesellschaft.

Südlich dehnt sich das Saterland aus. Während Moor und Geestland die

Bahnlinie im Norden begrenzen, zeigen sich allmählich im Süden die

Alluvionen der Jümme, durch welche dieser Fluß sich hindurchwindet, der

sich eine Meile oberhalb Leer mit der Leda vereinigt.

[Illustration: Abb. 158. ¯Borkum, von der hohen Düne gesehen.¯ (Nach

einer Photographie von Wolffram & Co. in Bremen.)]

[Sidenote: Ostfriesland.]

Ostfriesland bildet in politischer Beziehung den Regierungsbezirk

Aurich. Die einzelnen Teile Ostfrieslands tragen jedoch im Volksmunde

besondere Bezeichnungen. Im Norden und Osten von der Ems, im Westen

vom Dollart und der holländischen Grenze, südlich von dem Bourtanger

Moor umzogen breitet sich das Reiderland aus. Weener mit etwas über

3800 Einwohnern ist sein Hauptort, der Sammelplatz seiner Produkte,

mit Handel und Industrie, großen Baumschulen und weithin bekanntem

Pferdemarkt.

Auf dem rechten Emsufer bis Oldersum und landeinwärts bis gegen

Oldendorf an der Westseite des Hochmoors heißt das Gebiet Moormer Land.

Zwischen Ems und der 2 Kilometer unterhalb in diese mündenden Leda

treffen wir als beträchtlichste Niederlassung dieses Gebiets die 11500

Einwohner zählende Handels- und auch Industriestadt Leer an. Erst spät

hat sich der so günstig belegene Ort zum Handelsplatz entwickelt und

bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts wird er als solcher kaum

genannt. Schiffe bis zu 5 Meter Tiefgang können auf der Ems und Leda

bis zur Stadt gelangen und hier löschen (Abb. 126). Im Osten reicht

das kleine nur das eine Kirchspiel Remels (in alten Zeiten Uplengen

genannt) umfassende Lengener Land an das Moormer Gebiet. Besondere,

hier übliche Rechtsgebräuche lassen darauf schließen, daß es eine

sächsische Kolonie innerhalb des alten Friesenlandes ist. Nördlich von

Oldersum, zwischen Ems, Dollart und dem Emsbusen der Ley, folgt das

fast nur aus reinem Marschboden bestehende Emsiger Land. Seine Marschen

sind reich an Werften, auf denen sich die Bevölkerung angesammelt hat.

Einige derselben sind so klein, daß nur die dichtgedrängten Häuser

des Dorfes darauf Platz haben und die Gärten auf dem tiefer liegenden

Boden angelegt werden mußten. Den Marschgürtel Ostfrieslands begleitet

ein Streifen anmoorigen Bodens, das sogenannte Dargland, auf seiner

Innenseite, der wesentlich tiefer liegt als Marsch und Hochmoor,

aus welchem Grunde er auch mit zahlreichen Seenflächen besetzt ist,

beispielsweise das große Meer bei Wiegoldsbur nordöstlich von Emden.

Es sind im Darglande dieselben Verhältnisse, die wir im Sietlande

Hadelns bereits kennen gelernt haben. Im Winter ist das Ganze meist

überschwemmt.

[Illustration: Abb. 159. ¯Borkum. Das Dorf.¯

(Nach einer Photographie von Wolffram & Co. in Bremen.)]

Noch bis in die zweite Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts hinein war

das heute vom Dollart eingenommene Areal ein etwa 400 Quadratkilometer

großes Land, darauf eine Stadt, drei Flecken und fünfzig Ortschaften

und Dörfer standen. Die Mehrzahl dieser Orte lag im nordöstlichen

Teil des Gebietes. Am 12. Januar 1277 fingen die Zerstörungen durch

die Meereswellen an, und die Flut von 1287 vollendete, was die

ersteren begonnen hatten. Von 1539 ab datieren die Versuche, dem

Ocean das entrissene Land wieder abzugewinnen, zunächst auf der

Seite Hollands, seit dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts auch auf

der rechten Seite des Busens. 1682 wurde der Charlottenpolder, 1752

der Landschaftspolder, gesegnete Marschländer, eingedeicht. Die Ems

floß vor dem Einbruch des Dollart mit einem Bogen von kurzem Radius

unmittelbar an der Stadt Emden vorüber, und die Seeschiffe konnten

vor ihren Thoren ankern. Als aber 1277 der hoch aufgestaute Fluß

die Halbinsel Nesserland zerriß und zur Insel machte, bevorzugten

die Gezeitenströme das nunmehr gerade gelegte Flußbett und spülten

die seitwärts gelegene Stromschlinge, das Emdener Fahrwasser nur

mangelhaft, so daß dort ein fataler Schlickfall die Wassertiefen rasch

und stetig verminderte. „Emden,“ sagt Krümmel, dessen Abhandlung über

die Haupttypen der natürlichen Seehäfen wir diese Mitteilungen entlehnt

haben, „stand damals, im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert, unter

den berühmten und blühenden Hansastädten vorn in erster Reihe, was es

dem Vorzug verdankte, daß die Schiffahrt auf der unteren Ems niemals

durch Eis behindert wird; der Tuchhandel nach England und die nordische

Fischerei auf Wale und Heringe beschäftigten über 600 große Seeschiffe,

und an Unternehmungsgeist und Reichtum übertraf es unzweifelhaft das

damalige Hamburg und Bremen. Der noch heute viel bewunderte Rathausbau

entstammt dieser goldenen Zeit.“

[Illustration: Abb. 160. ¯Strandstraße in Borkum, vom Leuchtturm

gesehen.¯

(Nach einer Photographie von Wolffram & Co. in Bremen.)]

[Sidenote: Emden.]

Bei zunehmender Versandung des Flußarmes am Ende des sechzehnten

Jahrhunderts stellten die Emdener unter großen Kosten und mit vieler

Mühe den Zustand von 1277 vermittelst des langen Dammes „Neßmer Höft“

wieder her. Die Ems wurde in ihr altes Bett zurückgeleitet, und

Nesserland wurde wieder zur Halbinsel. Im Verlaufe der Zeit waren aber

Emdens Bewohner durch verschiedene Umstände verhindert, das Neßmer

Höft zu erhalten. Dasselbe verfiel und wurde im Jahre 1632 aufgegeben.

Infolgedessen suchte der Fluß abermals sein geradeaus führendes Bett

auf, das alte, an Emden vorbeiziehende verschlickte, und so liegt

die Stadt denn heutzutage etwa 4 Kilometer von der Ems entfernt.

Der kurze Aufschwung von Handel und Schiffahrt, den Emden nach dem

Frieden zu Basel 1795 erleben durfte, nahm durch die Kriege mit

Napoleon, die Kontinentalsperre, die holländische und die französische

Fremdherrschaft ein rasches Ende. Während dieser Zeiten wurden 278

Emdener Schiffe mit wertvoller Ladung in fremden Häfen fortgenommen.

Emden wurde zum Rang einer kleinen Landstadt herabgedrückt. Auch

das im Jahre 1846 mit großen Opfern von der Stadt geschaffene neue

Fahrwasser nach der Ems konnte ihr nicht aufhelfen. In der Gegenwart

ändert sich aber die Sachlage. Dadurch, daß die preußische Regierung

die Unterhaltung des Hafens in Verbindung mit der Anlage des

Ems-Jade-Kanals übernahm und eine neue Seeschleuse (120 Meter lang,

6,5 Meter tief und von 15 Meter nutzbarer Breite) schuf, die den

Wasserspiegel beständig auf Hochwasser erhält, ferner umfangreiche

Binnenhafenanlagen erstehen ließ, hat der Schiffsverkehr zugenommen und

wird durch den weiteren Umstand, daß der Dortmund-Emshäfen-Kanal Emdens

Handel ein großes Hinterland durch eine schiffbare, ihresgleichen

suchende Wasserstraße erschlossen hat, noch weiter und glänzend gehoben

werden (Abb. 127–129).

Nach einer Zusammenstellung des königl. Hafenamtes zu Emden aus dem

laufenden Jahre über die Entwickelung des dortigen Schiffsverkehrs seit

der Verstaatlichung des Hafens im Jahre 1888 betrug die Zahl der ein-

und der ausgegangenen Schiffe:

1888: 806 Seeschiffe ( 33818 Registert.),

1209 Flußschiffe ( 18599 Registert.),

1893: 1022 Seeschiffe ( 51774 Registert.),

2938 Flußschiffe ( 42811 Registert.),

1899: 1319 Seeschiffe (141844 Registert.),

4290 Flußschiffe ( 70553 Registert.).

In der Berichtszeit hat sich also der Verkehr, was die Schiffszahl

anlangt, beinahe, was den Raumgehalt der Fahrzeuge angeht, mehr als

verdreifacht.

[Illustration: Abb. 161. ¯Borkum. Flut.¯

(Nach einer Photographie von Wolffram & Co. in Bremen.)]

[Illustration: Abb. 162. ¯Borkum. Nach der Flut.¯

(Nach einer Photographie von Wolffram & Co. in Bremen.)]

Der Dortmund-Emshäfen-Kanal liegt außerhalb des Bereiches unserer

Betrachtungen, der Ems-Jade-Kanal jedoch, der Ostfriesland durchquert,

gehört in unser Gebiet. Derselbe war ursprünglich geplant und angelegt,

um die großen Moorflächen dieses Landes aufzuschließen und um in

Kriegszeiten Wilhelmshaven von Ostfriesland her verproviantieren

zu können, ferner um die Entwässerung eines großen Teiles dieser

Provinz zu verbessern und um seine Spülkraft für den Kriegshafen an

der Nordsee zu verwerten. In Emden beginnt diese Wasserstraße und

endet im Neuen Hafen zu Wilhelmshaven. Dieselbe ist 73 Kilometer

lang. Mit Benutzung der älteren Treckfahrt zwischen Emden und Aurich

wurde der Kanal von der preußischen im Verein mit der Reichsregierung

in den Jahren 1880–1887 mit einem Kostenaufwand von 13967500 Mark

gebaut. Er ist im Wasserspiegel 18 Meter breit, 8,5 Meter auf

seiner Sohle und in der Mitte 2,1 Meter tief. Vor der Mündung bei

Wilhelmshaven ist diese Tiefe auf einen Kilometer Strecke auf 3

Meter erhöht worden. Fünf Schleusen, mit je 33 Meter Kammerlänge,

6,5 Meter lichter Weite und 2,1 Meter Tiefe befinden sich auf seiner

Gesamtlänge. Der Schleuse in Wilhelmshaven ist schon früher gedacht

worden; ihre größeren Dimensionen wurden im Hinblick auf eine spätere

Erweiterung der Wasserstraße, die wohl einmal in denjenigen des

Dortmund-Emshäfen-Kanals ausgebaut werden dürfte, gewählt. Mit dem

letzteren steht der Ems-Jade-Kanal durch den Seitenkanal Oldersum-Emden

in Verbindung. Kleine Schraubendampfer vermitteln den Güterverkehr und

die Passagierfahrten zwischen Emden-Aurich und Aurich-Wilhelmshaven.

Auf die Melioration des von ihm durchzogenen Landes wirkt der Kanal

ungemein fördernd ein (Marccardsmoor bei Wiesede). Die Baggerarbeiten

in der Jade fördern jährlich etwa 200000 Kubikmeter Schlick, wovon

große Mengen auf dem Kanal für die daran belegenen Moorkolonien

verschifft werden.

Das älteste Emden wurde auf einer großen Werft, vielleicht der größten

an der ganzen Nordseeküste, 400 Morgen Fläche umfassend und 10–12 Fuß

über die umliegende Marsch erhaben, erbaut. Daraus entstand die später

so bedeutende Handelsstadt. Gegenwärtig zählt Emden 14800 Einwohner.

Es bietet mancherlei Interessantes. Das im edelsten Renaissancestil

errichtete Rathaus aus den Jahren 1574 bis 1576 enthält wertvolle

alte Waffen, das Museum der Gesellschaft für Kunst und vaterländische

Altertümer, schöne Gemälde niederländischer Künstler, Münzen- und

Altertumssammlungen. Auch die Große Kirche mit dem Denkmal des

Grafen Enno ~II.~ von Ostfriesland ist sehenswert. Eine Kleinbahn

führt von Emden in die Halbinsel Krumme Hörn. Die Leybucht, welche

dieselbe nördlich umgrenzt, ist wohl erst durch die Flut im Jahre 1373

entstanden.

[Illustration: Abb. 163. ¯Borkum. Ebbe.¯

(Nach einer Photographie von Wolffram & Co. in Bremen.)]

[Sidenote: Aurich. Norden.]

Die Marschen des Norderlandes im Norden, der Rücken des Hochmoores

im Osten begrenzen das sich östlich an das Emsiger Land anschließende

Broekmer Land, dessen Name von den vielen Wiesenmooren oder Brüchen,

die seinen Boden bedecken, kommt. Es war in den Zeiten des Mittelalters

seiner vier ansehnlichen Kirchspiele Marienhave, Utengerhave,

Victorhave und Lambertushave wegen berühmt. Marienhave stand, bevor

die Eindeichungen an der Ostseite der Ley zustande gekommen waren,

durch ein vertieftes Fahrwasser, das Störtebeckers Tief, in Verbindung

mit der See und bot den Vitalienbrüdern einen Zufluchtsort. Auf dem

quer durch das sonst unwegsame Hochmoor verlaufenden, sich bis Esens

und Wittmund hinziehenden und zuweilen sogar von Dünen besetzten

Geestrücken, über welchen der Verbindungsweg von der Ems zur Nordküste

Frieslands dahingeht, lag die von zehn Dörfern umgebene Kirche von

Lambertushave. Eines dieser letzteren, Aurichhave oder Aurike,

überflügelte die übrigen und wurde von den Cirksena, den Fürsten des

Landes, zu ihrer Residenz erhoben. Die heutzutage 5900 Einwohner

zählende Stadt Aurich, Hauptort des Regierungsbezirks, Gewerbe und

Handel betreibend, bekannt durch ihren starken Gartenbau und ihren

bedeutenden Pferdemarkt, ist daraus entstanden. Südlich von Aurich,

bei Rahe, erhebt sich ein kleiner, rasenbewachsener Hügel, der von

niedrigem Gestrüpp umgeben ist. Vor Zeiten trug sein Scheitel drei

hohe Eichen, und hier, am Upstallsboom (Obergerichtsbaum) kamen die

Abgeordneten von ganz Friesland zusammen, um über Landfriedensbündnisse

oder kriegerische Dinge zu beraten. Im Osten von Aurich dehnt sich das

Hochmoor und weites Heidegebiet aus bis an die Marschen Wangerlandes.

Dieser Teil, die ödeste Strecke Ostfrieslands, bildete ehemals zusammen

mit dem früheren Amte Friedburg und dem schon im Marschlande liegenden

Gebiete von Neustadt-Gödens das Land Ostringen. Die Marschen an der

Nordsee zerfallen in das Nordernerland im Westen, etwa mit Dornum als

Ostgrenze; die nachher zu besprechenden Eilande Norderney und Baltrum

gehören dazu. Von der Gegend von Dornum bis an die oldenburgischen

Marken, Langeoog und Spiekeroog in sich einbegreifend, reicht das etwa

400 Quadratkilometer umfassende Harlinger Land. Ein tiefer Busen,

die Harlbucht, die trichterförmig in das Land eingriff und südlich

bis Wittmund vordrang, trennte dasselbe noch bis in das sechzehnte

Jahrhundert hinein vom Wangerlande. 1547 wurde mit den Eindeichungen

der Anfang gemacht. Wittmund, Esens und Stedesdorf waren die drei

Häuptlingschaften vom Harlinger Land, dessen Herrscher zwar die

Cirksena als Nachfolger der alten Häuptlingsfamilie des Sibo waren,

das aber nur durch Personalunion mit Ostfriesland verbunden gewesen

ist. Erst durch Preußen wurde es 1745 mit letzterem vereinigt.

Norden mit 7000 Einwohnern, an einem zum Leybusen führenden Kanal,

mit viel Gewerbsamkeit (Geneverbrennereien, Zuckerwarenfabrikation,

Tabakindustrie) und Handel, hat einen architektonisch schönen

Marktplatz (s. Abb. 130 u. 131). Vier Kilometer davon liegt Norddeich,

die Dampferstation für Norderney. Eine Eisenbahnlinie verbindet Norden

über Georgsheil, von wo sich ein Schienenstrang nach Aurich abzweigt,

mit Emden, und längs der Marsch über Esens, einer Stadt mit etwa

2100 Seelen, die durch das Benser Siel mit dem Meere verbunden ist,

sowie Wittmund und Jever. Das erstere ist durch das Harletief für

kleinere Fahrzeuge vom Meere her erreichbar. Es hat nicht unbedeutenden

Viehhandel. Nördlich davon, an der See, liegt Karolinensiel mit gutem

Hafen und aufblühendem Handel.

[Illustration: Abb. 164. ¯Borkum. Im alten Dorf.¯

(Nach einer Photographie von Wolffram & Co. in Bremen.)]

[Sidenote: Die ostfriesischen Inseln.]

Eine Gesamtlänge von 90 Kilometer hat die Kette der ostfriesischen

Inseln, die sich von der Jade im Osten bis zur Westerems hinzieht

und erst eine ost-westliche Richtung bis einschließlich Norderney

einnimmt, um dann mit den beiden westlichsten dieser Eilande, mit Juist

und Borkum, nach Süden abzuweichen. Im Osten beginnt die Kette mit

dem unter Oldenburgs Oberhoheit stehenden Wangeroog, nach Westen zu

folgen Spiekeroog, Langeoog, Baltrum, Norderney, Juist und Borkum, zum

Regierungsbezirk Aurich gehörig. Schmale Seegate trennen die einzelnen

Eilande voneinander, bis auf das mitten im äußersten Mündungstrichter

der Ems belegene Borkum, und mit Ausnahme dieses letzteren sind die

Inseln auch alle wattfest. Ihre Größe ist verschieden angegeben worden,

je nachdem man nur die Dünen und das bewachsene Grasland, oder auch

den oft weit ausgedehnten Strand mit einbezieht. Wenn man als diesen

letzteren das bei gewöhnlichem Hochwasser noch unbenetzte Areal

begreift, so würde der Flächenraum der Inseln etwa 80 Quadratkilometer

ausmachen. Der Körper der Eilande besteht aus einem sehr gleichmäßigen

und feinen gelblich weißen Sande mit Beimengung von zahlreichen

Titaneisenkörnern und von Kalk, dem Überreste der zerriebenen

Muschelschalen, und diese gesamten Sandmassen ruhen wiederum entweder

auf alten Sandbänken oder auf dem Schlick der Wattwiesen. Auch auf

den ostfriesischen Inseln tritt uns die Dünenbildung in großartiger

Weise entgegen. Buchenau, dem wir eine interessante und sehr wertvolle

Darstellung dieser Eilande und ihrer Flora verdanken, schildert

dieselbe wie folgt:

„Dem mannigfachen Aufbau der Dünen entsprechend ist denn auch der

Anblick unserer Inseln ein überraschender. Er bietet sich am besten auf

dem Watt von einem Fährschiff aus dar. Die Insel mit ihren mannigfach

eingeschnittenen Erhebungen gleicht dann einem fernen Hochgebirge,

und die Schwierigkeit der Schätzung von Entfernungen und Höhen auf

der Wasserfläche verstärkt diesen Eindruck für den Landbewohner noch

sehr. Das Gewirre der Sandhügel ahmt steile Gipfel und ausgedehnte

Schneefelder, schroffe Einstürze und plötzliche Gletscherabstürze nach,

und vor ihnen dehnen sich scheinbar bewaldete Berge und die flache

Kulturebene aus.“

[Illustration: Abb. 165. ¯Landungsbrücke von Borkum.¯

(Nach einer Photographie von Wolffram & Co. in Bremen.)]

Bäume gedeihen nur im unmittelbaren Schutze der Dünen und Häuser.

Auf den Dünen wachsen der Dünenweizen, die Dünengerste und besonders

der Dünenhafer oder Helm, der bekanntlich durch seine Stöcke dazu

beiträgt, die Düne zu erhöhen, und durch seine zähen, bis 5 Meter

Länge erreichenden Wurzelausläufer mit ihren zahlreichen, nicht minder

langen, geschlängelten Wurzeln die Düne durchzieht und sie auf solche

Weise festigen hilft. Auf den Wattweiden grünen die Meerstrandbinse

und der Krückfuß, in den Dünenthälern die Zwergweide, der stachelige

Sanddorn u. s. f. Die Gesamtzahl der auf den ostfriesischen Inseln

einheimischen höheren Gewächse beträgt etwa 400 Arten.

Unter der Tierwelt zeichnet sich der hier ungewöhnlich häufige Kuckuck

aus, Strand- und Wasservögel beleben die Inselwelt, Fledermäuse, die

Wühlmäuse und am Strande die Seehunde vertreten die Säuger, die früher

hier zahlreichen Kaninchen sind ausgerottet worden. In neuerer Zeit

wurden Hasen eingeführt, die sich auf einigen Inseln, so auf Langeoog,

sehr vermehrt haben.

Die Bevölkerung ist echt friesisch; sie treibt Schiffahrt, Fischfang

und da, wo es geht, etwas Ackerbau, so die Kartoffelkultur, immerhin

aber nur in sehr beschränktem Maße. Die meisten ostfriesischen Inseln

besitzen Rettungsstationen, und auf allen sind Nordseebäder, die, wie

Borkum und Norderney, Weltberühmtheit erlangt haben. Das letztgenannte

Eiland hat das besuchteste deutsche Nordseebad überhaupt und zählt

jährlich etwa 24000 Badegäste. Starke Uferschutzwälle halten an den

dem Andrang der Fluten ausgesetzten Stellen die brandenden Wogen der

Nordsee ab und tragen zur Sicherung der auf den Inseln befindlichen

Dörfer und Wohnstätten bei.

Wangeroog (Abb. 132–134) steht über Karolinensiel-Harle mit dem

Festlande in Verbindung. Als Seebad ist die Insel schon seit dem

Jahre 1819 bekannt. Kirche und Dorf befinden sich auf dem Eiland.

Spiekeroog (Abb. 135–137) ist auf demselben Wege oder über Esens

und Neu-Harlingersiel zu erreichen, und vom Dorfe bis zum Strand

führt eine Pferdebahn. Auf Langeoog, das 1717 durch die Wogen mitten

durchgerissen worden ist, so daß Kirche und Dorf zerstört wurden, ist

ein vom Kloster Loccum verwaltetes Hospiz; das dortige aufblühende

Seebad ist, wie dasjenige von Spiekeroog einfacheren Verhältnissen

angepaßt (Abb. 138–142). Über Esens und Bensersiel gelangt man dorthin,

und über Dornum und Neßmersiel nach Baltrum, der kleinsten der sieben

ostfriesischen Inseln, die ein Ost- und ein Westdorf besitzt (Abb.

143–148). Nach der Flut vom Jahre 1825 mußten Dorf und Kirche, die an

der Westseite der Insel gelegen hatten, nach deren Mitte übertragen

werden.

Deutsche Nordseeküste: Friesische Inseln und Helgoland. · 第 16 / 17 段