„Meine Besuche dieses Hauses,“ so erzählt Hermann Allmers, „gehören

zu den interessantesten Erinnerungen meines Lebens, und manche Stunde

schon trieb ich mich umher unter dem bunten Gewimmel, das von unten bis

oben seine Räume füllte, mischte mich unter die Gruppen der Männer und

Frauen, frischen Burschen und rosigen Mädchen, redete freundlich mit

ihnen und fragte sie wohl mit Freiligrath:

O sprecht! warum zogt ihr von dannen?

Das Neckarthal hat Wein und Korn;

Der Schwarzwald steht voll finstrer Tannen,

Im Spessart klingt des Älplers Horn.

Da hab’ ich denn manch tiefen Blick ins Menschenherz gethan, war’s

nun in ein hoffnungsfreudiges oder in ein armes, halb verzweifelndes,

und oft Niegeahntes hab’ ich vernommen.“ Unmittelbar grenzt im Norden

Bremerhavens der hannoversche Flecken Lehe mit 22000 Einwohnern an

die Stadt. Sowohl die Eisenbahn als auch eine teilweise elektrisch

betriebene Straßenbahn verbinden beide Orte miteinander. Die Einfahrt

in die Unterweser wird durch starke Befestigungen beherrscht, die auf

beiden Seiten des Stromes aufgeworfen sind. Sieben Leuchttürme, zwei

Leuchtschiffe und mehrere Leuchtbaken bezeichnen zur Nachtzeit das

Fahrwasser des Weserstromes. Der Hohewegsleuchtturm und derjenige auf

Rotesand sind besonders erwähnenswert. Der erstere von beiden erhebt

sich im Dwarsgatt, und seine Laterne leuchtet aus einer Höhe von 35

Metern über das Wasser. Der Rotesandleuchtturm im offenen Meere wurde

1885 fertiggestellt und steht 14 Meter tief im Sande auf Caissons. Sein

Laternendach erhebt sich 28,4 Meter über Hochwasser. Beide Leuchttürme

sind mit Telegraphenstationen versehen.

[Sidenote: Osterstade.]

Nördlich von Bremen, zwischen Lesum und Neuenkehn, tritt die Geest

an das rechte Weserufer heran, alsdann begrenzt wiederum Marschland

in der Breite von 5–7 Kilometer und mehr den Strom. Dieser schmale

Marschstrich zerfällt in das Land Osterstade im Süden, etwa von

Rade im Amte Blumenthal an bis zum Lande Wührden. Osterstade gehört

zu Hannover, das nicht einmal eine Quadratmeile große Land Wührden

dagegen ist oldenburgisches Gebiet. Dann folgt nördlich von Wührden das

hannoversche Vieland, ein schmaler, aber sehr fruchtbarer Marschrand,

der sich bis zum Geestefluß hinzieht. Die vier sehr wohlhabenden

Dörfer, die dazu gehören, liegen alle auf der Geest selbst. Daran

schließt sich wiederum weiter nach Norden zu das uns bereits bekannt

gewordene Gebiet von Geestemünde und Bremerhaven, und dann kommt

schließlich als nördlichstes der Marschlande am rechten Weserufer das

Land Wursten.

[Illustration: Abb. 152. ¯Ausblick von den Dünen in Norderney.¯]

Osterstade -- der Name will so viel besagen als das östliche

Stedingerland -- unterscheidet sich eigentümlich auf den ersten

Blick von den meisten Marschlanden. „Es trägt den Charakter einer

einzigen weiten, üppiggrünen, von zahllosen Wassergräben nach allen

Richtungen durchschnittenen Ebene, die, als fast durchweg kräftiges

Weideland, von tausend buntscheckigen Rindern belebt wird. Hier und

dort inmitten der weiten grünen Flächen ein paar Kornfelder; alle

halbe Stunde ein buschreiches Dorf, meistens in der Nähe des Deiches,

und endlich die großen Bauernhöfe, nicht wie in anderen Marschen

einzeln umhergestreut, sondern fast alle im Weichbilde der Dörfer

selbst liegend, die dadurch ein stattliches Ansehen erhalten. -- Außer

den Bäumen, welche die Häuser beschatten, und außer einer langen

Reihe hoher Weiden der äußeren Deichbärme trifft das Auge selten auf

Baumwuchs, da die Wege hier nicht, wie in anderen Marschen mit solchen

bepflanzt sind.“ So beschreibt Hermann Allmers seine engere Heimat!

Bei Alisni, dem jetzigen Dorfe Alse im oldenburgischen Kirchspiele

Rodenkirchen, überschritt Karl der Große 797 die Weser und betrat

Osterstade beim Dorfe Rechtenfleth, das, nebenbei bemerkt, Hermann

Allmers’ Wohnsitz ist. Von hier aus zog er über Stotel nach Bederkesa

und von dort ins Hadelner Land, dessen sächsische Bewohner er nach

hartnäckigem Widerstand bezwang. Nahe bei Bederkesa wurde im Jahre

1855 eine lange Holzbrücke im Moor entdeckt, wie man meint, ein

Denkmal dieses Heereszuges. Von den männlichen Bewohnern wird hier,

wie übrigens auch noch in anderen Marschgebieten, der Springstock, in

Osterstade „Klubenstock“ benannt, benützt, den wir schon bei den Bauern

Eiderstedts kennen gelernt haben. Im Süden Osterstades herrscht das

rein niedersächsische Element vor, im Norden das gemischt friesische,

in Wührden dagegen tritt das Friesische im Gesichtstypus, im Charakter

und in dem Namen der Bewohner schon ungleich merklicher hervor und läßt

den Wührdener schon bedeutend derber, selbständiger und entschlossener

auftreten, als seinen südlichen Nachbar, den Allmers, dem wir hier

weiter folgen, als den in politischer Hinsicht allerzahmsten,

gleichgültigsten und allerloyalsten sämtlicher Marschbewohner

schildert. In Wührden und in den Marschen der nördlich davon in die

Weser mündenden Lune ist reger Ziegeleibetrieb, da der schwarze

Marschthon sich sehr gut dazu eignet und sehr harte und dauerhafte

Mauersteine liefert, die fast durchweg von Arbeitern aus dem Lippeschen

hergestellt werden.

[Sidenote: Vieland. Wursten.]

Das Vieland -- vom altfriesischen, mit „Sumpf“ gleichbedeutendem Worte

„Vie“ -- ist die Übergangsregion von der Fluß- zur Meeresstrandflora.

Das Rohr nimmt ab, und dafür zeigen sich das Löffelkraut und andere

Pflanzen des Meeresstrandes. In landwirtschaftlicher Beziehung steht

dieser kleine Marschdistrikt oben an. Die Nähe von Bremerhaven,

Geestemünde und Lehe, der vortrefflichen Absatzgebiete für die Produkte

des Vielandes, trägt ungemein viel zu dessen stetig wachsendem

Wohlstande bei.

[Illustration: Abb. 153. ¯Im Bade von Norderney.¯

(Nach einer Photographie von E. Risse in Norderney-Bochum.)]

[Sidenote: Land Wursten.]

Das Land Wursten ist fast gänzlich von Seemarsch gebildet, doch

tritt in seinem nördlichen Teil, der vom Hamburger Amte Ritzebüttel

eingenommen wird, die Geest bis an den Elbstrom heran. Die Marsch

Wurstens grenzt unmittelbar an das Geestland, deutliche Randmoore

fehlen hier. Dem südlichen Teil des Landes liegt auf dem linken

Weserufer der Langlütjensand gegenüber, vor dem mittleren und

nördlichen Teile desselben breiten sich weitausgedehnte Watten aus.

Besonders fest ist der Seedeich gebaut; in seiner jetzigen Stärke wurde

derselbe erst in den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts

errichtet und durch einen großen Umzug sämtlicher Bauern Wurstens

zu Pferd und zu Wagen, durch einen feierlichen Gottesdienst in der

Hauptkirche des Landes zu Dorum und durch ein Festessen eingeweiht.

„In seiner Grundfläche 160 Fuß breit und nahe an 30 Fuß in seiner Höhe

haltend, steht der Wurster Deich wohl als der stärkste Seewall der

Provinz Hannover da. An schönen Sommertagen auf ihm zu lustwandeln ist

einer der interessantesten Genüsse, gehoben durch die überraschenden

Kontraste des segeltragenden Flusses, des mövenumschwärmten Watts und

des fruchtbaren Landes mit seinen auffallend zahlreichen Kirchtürmen,

Höfen und Dörfern im wogenden Saatenmeere“ (Allmers). Wursten ist

3,97 Quadratmeilen groß (= 21797 Hektaren) und hat eine Bevölkerung

von 9000 Seelen, so daß auf die Quadratmeile 2264 Menschen kommen.

Dorum mit etwa 1850 Bewohnern ist sein Hauptort und liegt etwa in der

Mitte zwischen den vier südlichen Kirchspielen (Imsum, Wremen, Mulxum,

Misselwarden) und den vier nördlichen (Paddingbüttel, Midlum, Cappel

und Spieka). Die Kirchen sind klein und niedrig, an der Westseite

mit einem dicken stumpfen Turm versehen und aus einem cyklopischen

Mauerwerk von unbehauenen Findlingen aufgeführt. Der Boden Wurstens

ist heller und sandiger als in den oberen Weser- und Elbmarschen,

daher geeigneter zum Ackerbau, der die Haupterwerbsquelle der Bewohner

bildet; nur im Süden des Landes wird auch Viehzucht getrieben. Der Name

bedeutet so viel als das Land der auf den Wurten (Werften) sitzenden

Bauern, der „Wurtsassen“, „worsati“ der lateinischen Schriftsteller,

und des Plinius bekannte Beschreibung von unserer Nordseeküste paßt

ganz für die ersten Ansiedelungen der Wurster, die sich schon in

frühen Zeiten zu einem kühnen Seeräubervolk ausgebildet hatten. Die

Bevölkerung ist rein friesischer Abkunft, und noch bis in die Mitte des

achtzehnten Jahrhunderts hinein hatte sich in Wursten die friesische

Sprache erhalten, die jetzt nur noch in den Namen der Einwohner und

der Ortschaften klingt. Von den alten Rechten der Wurster ist noch

vielerlei erhalten geblieben, so die Landesversammlung zu Dorum, welche

die Verwaltung der inneren Angelegenheiten des Landes, wie das Deich-

und Sielwesen zu regeln hat.

[Illustration: Abb. 154. ¯In den Dünen von Norderney.¯

(Nach einer Photographie von E. Risse in Norderney-Bochum.)]

Zwei große Übelstände im Lande Wursten, die sich übrigens auch in

den übrigen Marschlanden mehr oder weniger fühlbar machen, sind das

Marschfieber und der Mangel an gutem Wasser, so daß besonders in

letzterer Hinsicht Winterkälte und dürre Sommer große Not hervorrufen.

Ihre besondere Freiheitsliebe und ihren großen Unabhängigkeitssinn

haben die Wurster von alters her in vielen Kriegen bewährt, die

meist von seiten der Bremer Erzbischöfe zu ihrer Unterwerfung gegen

sie geführt worden sind, und selbst schreckliche Niederlagen, die

sie erleiden mußten, und die argen Verwüstungen ihres Landes durch

den Feind (1516 und 1526) hielten sie nicht ab, den Kampf für ihre

Selbständigkeit immer wieder von neuem zu beginnen. In der Mitte des

sechzehnten Jahrhunderts trat in der Geschichte des Landes Wursten ein

Wendepunkt ein. Des langen Haders und Kämpfens müde, entschlossen sie

sich, dem Bremer Erzbischof billige Steuern zu zahlen, der dafür ihre

Rechte anerkannte und gewährleistete. Später kam Wursten dann unter das

schwedische, hierauf unter das dänische Scepter, im Jahre 1715 aber

unter den Schutz des Kurhuts von Hannover. Seither hat es die Geschicke

dieses letzteren Landes geteilt.

[Sidenote: Cuxhaven. Das Land zwischen Weser und Ems.]

Eine 44 Kilometer lange Eisenbahnlinie verbindet nunmehr, das Land

Wursten durchziehend, Geestemünde über Lehe, Imsum, Dorum u. s. f. mit

Cuxhaven. Letzteres ist ein emporstrebender Flecken im hamburgischen

Amte Ritzebüttel und seit 1872 mit dem gleichnamigen letzteren Orte

vereinigt. Gegenwärtig zählt es 6200 Einwohner, verfügt über große im

letzten Jahrzehnt erbaute Hafenanlagen (Anlegestelle für die Dampfer

der Hamburg-Amerika-Linie), eine Lotsenstation und hat zugleich auch

ein früher vielbesuchtes, später durch die Konkurrenz der Seebäder

auf den ostfriesischen Inseln etwas herabgekommenes, neuerdings aber

wieder im Aufschwung begriffenes Seebad (Abb. 88 u. 89). Am Ende

der Alten Liebe, der Strandpromenade Cuxhavens, steht ein 25 Meter

hoher Leuchtturm; draußen an den äußersten Mündungen der Elbe erheben

sich zwei weitere Leuchtfeuer auf der kleinen Marschinsel Neuwerk,

nordwestlich von dieser bezeichnet die „Rote Tonne“ die Einfahrt in

den Strom. Starke Küstenbefestigungen etwas nördlich von Cuxhaven

verteidigen diese letztere. Ganz an der Nordspitze des Landes liegen

endlich noch die kleinen unbedeutenden Orte Döse auf Marschland und

Duhnen auf Geest, in welchen in neuerer Zeit Kinderhospize entstanden

sind.

~XVI.~

Das Küstengebiet Oldenburgs und Ostfrieslands. Die ostfriesischen

Inseln.

Ein schmales Band Landes trennt die Weser vom Jadebusen. Es hat einmal

eine Zeit gegeben, in der die Weser in mehrere Arme geteilt sich in die

Nordsee ergoß und im Westen des gegenwärtigen Stromes die Entwickelung

einer großen Deltabildung verursacht hatte. Das war in den Tagen, da

der Jadebusen noch festes Land war, und bevor noch die Meeresfluten

das Land Rustringen durchbrochen und diese 190 Quadratkilometer große

Meereseinbuchtung geschaffen hatten, deren heutige Gestaltung erst

in historischer Zeit vollendet worden ist. Soll doch die sogenannte

Eisflut vom 17. Januar 1511 noch fünf Kirchspiele mit Mann und Maus

alldort verschlungen haben.

Durch spätere Anschlickung, Verschlemmung und wohl auch durch

die Arbeit fleißiger Menschenhände ist dieses Weserdelta in der

Gegenwart verschwunden, wenn auch die einzelnen Arme desselben in der

orographischen Beschaffenheit des Landes sich noch nachweisen lassen.

Die Weser fließt heutzutage als ein breiter Strom nach der Nordsee,

dessen Fahrwasser sich dicht an der Küste Oldenburgs hinzieht, hier

und dort mit Sanden und Platen in ihrem Bette, wie beispielsweise die

Strohauser Plate, die Luneplate u. s. f. Bei Geestemünde hat der Strom

bereits eine Breite von 1325 Meter. Nordwestlich von Bremen legen sich

die Marschen des Stedinger Landes an das linke Weserufer, denen weiter

nördlich diejenigen des Stadlandes, und nach diesen das Butjadingerland

folgen. Dem Nordosten und dem Norden der Halbinsel zwischen Weser und

Jade lagern sich Watt- und Sandbildungen vor, der uns schon bekannte

Langlütjensand im Osten, das Solthörner Watt, der Hohe Weg und die

Alte Mellum im Norden. Westlich wird dieses Areal vom Jadebusen selbst

und dann weiter nach Süden von großen Mooren umrandet. Derjenige Teil

des Großherzogtums Oldenburg, der in das Bereich unserer Betrachtungen

fällt und südlich etwa von der Bahnlinie begrenzt wird, welche von der

Landeshauptstadt nach Leer führt, besteht aus Geestland (Ammerland)

mit der Wasserfläche des Zwischenahner Meeres und daran liegenden

großen Moorgebieten (Jührdener Feld), während die östliche Grenze

des Oldenburger Küstenlandes in seinem südlichen Teil vom Lengener

Moor bezeichnet wird, das mit dem großen Hochmoor Ostfrieslands im

Zusammenhang ist. Der an der Jade belegene nördliche Teil besteht

wiederum aus Alluvionen. Es ist das Jeverland.

Moore in überwiegendem Maße und dann Geest setzen Ostfrieslands Boden

zusammen, der im Norden und Westen, an der See, am Dollart und am

äußeren Mündungstrichter der Ems von Marschen und diesen vorgelagerten

Watten umsäumt wird, über welchen hinaus die Wellen der Nordsee das

Band der ostfriesischen Inseln bespülen.

Bäche und Flüsse in großer Zahl entwässern das ganze Areal zwischen

Weser und Ems, von denen die an der Stadt Oldenburg vorbeiziehende und

bei Elsfleth in die Weser fallende Hunte und die unweit von Leer in die

Ems sich ergießende Leda die beiden bedeutendsten sind. Auch der 22

Kilometer lange Küstenfluß der Jade, welcher aus dem Vareler Hochmoor

kommt und sich in den gleichnamigen Meerbusen wirft, mag hier noch

erwähnt werden.

[Sidenote: Stedingen. Stadland. Butjadingen.]

Das Stedinger Land besteht aus sehr tiefliegenden und vielfach den

Überschwemmungen ausgesetzten Marschen, in denen viel Hafer, Hanf

und Weiden gebaut und kultiviert werden, letztere um als Korbweiden,

Faßbänder, zu Schlengen u. s. f. Verwendung zu finden. Die Entwässerung

des Landes wird von großen, aus Steinen gebauten und einer Anzahl

kleinerer wasserhebender Windmühlen besorgt. Großer Reichtum herrscht

im Stedinger Lande nicht, dagegen ist aber auch kaum wirkliche Armut

unter der dortigen, äußerst intelligenten, soliden und wohlgesitteten

Bevölkerung zu finden, die ein beträchtliches Kontingent der Seeleute

für die Weserhäfen abgibt. Wer nicht Landmann oder Handwerker ist,

fährt zur See. Am Einfluß der Hunte in die Weser liegt an der Eisenbahn

von Hude, einem Knotenpunkt an der Linie Bremen-Oldenburg-Leer, nach

Nordenham, die kleine Stadt Elsfleth, wo früher ein wichtiger Weserzoll

erhoben wurde, ein Schiffbau, Schiffahrt und Handel treibender Ort mit

Navigationsschule. Hier schiffte sich am 7. August 1809 der Held von

Olfers und von Quatrebras, Herzog Wilhelm von Braunschweig, mit dem

Häuflein seiner Getreuen am Schlusse seines Zuges durch das vom Feinde

besetzte deutsche Land ein. Eine gotische Steinpyramide erinnert an

diese Begebenheit.

Zwischen der Hunte und dem Südrande des Stadlandes heißt das Land

Moorriem, zu dem Elsfleth eigentlich schon gehört. Etwa elf Kilometer

nördlich von dieser Stadt erscheint Brake (mit über 4000 Einwohnern),

Station der Bahn nach Nordenham und durch eine Zweigbahn mit

Oldenburg verbunden, eine gewerbreiche und viel Schiffahrt treibende

Hafenstadt, in den Jahren 1848 und 1849 die Hauptstation der deutschen

Kriegsflotte, in früherer Zeit ein wichtiger Ausfuhrort für das nach

England verschiffte Butjadinger Vieh, worin ihm nun Nordenham den Rang

abgelaufen hat.

Stadland trägt den Charakter der Flußmarsch, während Klima und

Strandflora die Marschen Budjadingens als völlige Seemarsch

kennzeichnen, die rings vom Salzwasser bespült werden. Auch hier steckt

im Untergrunde des Bodens jener kalkreiche Schlick, wie in der Hadelner

Marsch, den man ebenfalls zur Aufbesserung der Bodenoberfläche benützt,

indem man denselben heraufbringt, eine Arbeit, die hier „wühlen“

genannt und etwas anders ausgeführt wird, als in den Elbmarschen.

Stadland treibt mehr Viehzucht als Ackerbau, in Butjadingen herrscht

letzterer vor. Die Marschhöfe sind gut gepflegt, und die Wohnstätten

sind nicht nur zu zahlreichen kleinen Dörfern vereinigt, sondern auch

als Einzelhöfe, dann aber fast immer an den Hauptstraßen des Landes

reihenweise angeordnet, vorhanden. Die Bauart der Häuser ist meist

die uns schon als Hauberg, hier „Berg“ genannt bekannt gewordene.

Butjadingen und Stadland gehörten zu dem durch die Meeresfluten

teilweise verschlungenen Land Rustringen, einem der sieben zu einem

Bunde vereinigten friesischen Seelande, die ihre Versammlungen bei

Aurich unter dem Upstallsboom abhielten.

[Illustration: Abb. 155. ¯Leuchtturm von Norderney.¯

(Nach einer Photographie von E. Risse in Norderney-Bochum.)]

[Sidenote: Nordenham. Delmenhorst. Neuenburger Urwald.]

Golzwarden, in der Geschichte des Landes viel genannt, Rodenkirchen

mit seiner alten Kreuzkirche und Atens, wo die erste der von den

Bremern erbauten Zwingburgen sich erhob, sind wichtige Orte unseres

Gebietes. Bei Atens liegt das durch eine Dampffähre mit Geestemünde

in Verbindung stehende Nordenham, ein Hochseefischereihafen. Die

dortige Dampffischereigesellschaft „Nordsee“ hat in den drei ersten

Monaten des Jahres 1900 2100500 Kilogramm Seefische auf den Markt

gebracht (im gleichen Zeitraume 1899 1648000 Kilogramm), was etwa dem

Schlachtgewicht von 21000 fetten Schweinen entsprechen würde. Blexen,

Burhave, an dessen Kirchenmauer das alte Rustringer Landesmaß, eine

Rute von 22 Fuß Länge, eingehauen ist, und Langwarden befinden sich

noch weiter nördlich. Beim letztgenannten Orte wendet das Land um, und

über die Kirchdörfer Tossens, Eckwarden, Stollhamm und Seefeld kommen

wir längs der durch starkes Mauerwerk von hartgebrannten Ziegeln und

sonstige Befestigungsmittel geschützten mächtigen Deiche am Ufer der

Jade nach dem freundlichen, 5000 Seelen zählenden Städtlein Varel,

das bedeutende Fabriken, so Spinnereien, Webereien, Färbereien, auch

Eisengießereien und Maschinenfabriken, außerdem Viehhandel hat und

ebenso regen Schiffsverkehr in seinen vom Vareler Siel gebildeten Hafen

betreibt.

Die direkte Bahnverbindung von Bremen nach Varel führt über Delmenhorst

nach Oldenburg. Hier zweigt der Schienenstrang nach Wilhelmshaven ab,

welcher Varel berührt.

[Illustration: Abb. 156. ¯Juist.¯

(Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)]

Das industriereiche Delmenhorst mit über 12500 Einwohnern, an der

Delme, liegt zwölf Kilometer westlich von Bremen und hat große

Cigarren- und Korkfabriken. Im Amte Delmenhorst selbst gibt es viele

Korkschneidereien. Auch die Linoleum-Industrie Delmenhorsts ist von

großer Wichtigkeit. Bei Grüppenbühren befindet sich der berühmte

Eichenwald Hasbruch, der zusammen mit dem Urwald von Neuenburg im

Jadegebiete im nördlichen Deutschland seinesgleichen sucht. „Echt

urwaldschauerlich weht es uns an,“ wenn wir diesen prächtigen Wald

mit seinen urgewaltigen Stämmen betreten, deren es so gewaltige gibt,

daß sechs Männer sie kaum umklaftern können. Nach den Jahresringen

zu urteilen, waren mehrere dieser Eichenbäume, welche gefällt werden

mußten, 1000–1100 Jahre alt, reichten also auf die Zeit Karls des

Großen heran. Und diese gefällten Eichen waren nicht einmal die

größten. Das in der Nähe liegende Hude ist seiner großartigen Ruine

der ehemaligen, im Jahre 1538 durch den bischöflich münsterischen

Drosten Wilke Steding zerstörten Cisterzienserabtei wegen berühmt, ein

frühgotischer Ziegelbau aus dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts.

[Sidenote: Oldenburg.]

Oldenburg, die Haupt- und Residenzstadt des Landes, an der hier

schiffbaren Hunte und am Hunte-Ems-Kanal, sowie an einer Anzahl nach

den verschiedensten Richtungen hinführender Bahnlinien belegen,

zugleich bedeutender Garnisonsort, zählt gegenwärtig 26000 Einwohner.

Im Südosten der Stadt erhebt sich das Schloß des Großherzogs, das

schöne Gemälde und Fresken und mancherlei sehenswerte Kunstschätze

enthält, auch eine reichhaltige Bibliothek sowie verschiedene

Sammlungen. Besonders gerühmt werden die schönen Anlagen des

Schloßgartens. Im Augusteum ist eine treffliche Gemäldesammlung

älterer, besonders zahlreicher niederländischer Meister aufgehängt, die

Sammlungen des Museums gewähren einen vortrefflichen Einblick in die

Natur- und die älteste Kulturgeschichte Oldenburgs. Die ehrwürdige, aus

dem dreizehnten Jahrhundert stammende, nunmehr renovierte fünftürmige

Lambertikirche steht am Markt und ist das älteste Gotteshaus der

Stadt, deren neuere Viertel von schönen Villen bebaut sind. Das 1891

abgebrannte und im verflossenen Jahrzehnt neu aufgeführte stilvolle

Theatergebäude mag hier ebenfalls Erwähnung finden. Oldenburg betreibt

lebhaften Handel und Schiffahrt, seine Pferdemärkte sind von großer

Bedeutung und werden von weither besucht (Abb. 119–122).

Auf der Bahnfahrt zwischen Oldenburg und Varel kommen wir an der

kleinen Ortschaft Rastede mit einem reizend gelegenen großherzoglichen

Schlosse aus dem achtzehnten Jahrhundert in schattigen Parkanlagen

vorbei. Hier stand früher ein Benediktinerkloster. In Rastede pflegt

der Landesfürst einen Teil des Sommers zuzubringen.

[Illustration: Abb. 157. ¯Juist. Strand und Giftbude.¯

(Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)]

Nördlich von dem uns schon bekannten Varel finden wir am Jadebusen

auf einem Dünenvorsprung das Seebad Dangast, eine der wenigen Stellen

an der ganzen Nordseeküste, an denen die künstliche Eindeichung

unterbrochen ist. Draußen im Jadebusen liegt die Insel Arngast, die

viel und stark von den Fluten heimgesucht worden ist und früher ein

ansehnliches Dorf und grüne Weiden getragen hat. Nördlich davon, nahe

dem Westrande des Busens, sind kleine uneingedeichte Schollen alten

Marschlandes, echte Halligen, im Winter unbewohnt und nur im Sommer von

Hirten mit ihren Schafherden aufgesucht, die Oberahnschen Felder.

Westlich von Varel, bei dem durch eine 19 Kilometer lange Zweigbahn mit

diesem verbundenen Neuenburg, steht ein ähnlicher Urwald, wie derjenige

von Hasbruch, der wundervolle Baumgruppen enthält und einen Flächenraum

von etwa 30 Hektaren bedeckt, eine der ältesten Waldungen Deutschlands.

Die von Varel nach Wilhelmshaven ziehende Bahnlinie berührt Sande,

den Knotenpunkt für die nach Wittmund oder nach Karolinensiel in

Ostfriesland führenden Strecken, die sich wiederum in Jever verzweigen.

[Sidenote: Wilhelmshaven.]

Deutsche Nordseeküste: Friesische Inseln und Helgoland. · 第 15 / 17 段