Quadratkilometer, von denen 23,12 Quadratkilometer auf die Stadt
selbst, 226,33 Quadratkilometer auf das Landgebiet des Freistaates
fallen. Letzteres gliedert sich in das Blockland im Nordosten, in
das Hollerland im Osten, in das Werderland im Nordwesten und das
Niedervieland im Westen. Im Süden der Stadt liegt dann noch das
Obervieland. Der Boden des Freistaates besteht aus Geest und aus
Marschland, im äußersten Nordwesten nimmt auch Hochmoor an dessen
Zusammensetzung teil.
[Sidenote: Die Weser.]
Bremens Lebensader ist die Weser (Oberweser von Münden bis Bremen,
Unterweser von Bremen bis Bremerhaven, Außenweser von Bremerhaven bis
zur eigentlichen Mündung, den untersten Flußtrichter begreifend).
Früher konnten nur flachgehende Fahrzeuge nach Bremen hinaufgelangen.
Da der Tiefgang der Schiffe mit der Zeit zunahm, die Versandung des
Weserstroms aber stärker wurde, so entstand im siebzehnten Jahrhundert
der Hafen von Vegesack, 17 Kilometer stromabwärts von Bremen, aber
schon bald darauf mußten größere Fahrzeuge noch weiter unterhalb,
in Elsfleth und Brake, vor Anker gehen. Der aufblühende Handel der
alten Hansestadt verlangte gebieterisch die Anlage eines geeigneten
Hafens für Schiffe mit größerem Tiefgange, und so wurde um das Jahr
1830 ein solcher bei Bremerhaven gebaut, auf den wir später noch
zurückkommen werden. Mit der Zeit trat aber der Umstand deutlich
zum Vorschein, daß Bremen selbst wieder zum Seehafen werden mußte,
wenn es seine Stellung auf dem Weltmarkt ebenbürtig neben Hamburg,
Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen behaupten wollte. Nachdem sich
Bremen 1884 zum Zollanschluß bereit erklärt hatte, ging man zuerst
an die Erweiterung der Hafenanlagen der Stadt. Unter der bewährten
Leitung des Oberbaudirektors Franzius erstand so in dem ein Areal von
90 Hektaren umfassenden Freibezirk der 22 Hektare große, 2000 Meter
lange, 120 Meter breite und 7,8 Meter tiefe Freihafen mit seinen
Verwaltungsgebäuden, Warenschuppen, hydraulischen Kränen u. s. f. Den
Hafen umschließt eine große Kaimauer, deren Oberkante 5 Meter über
Null, im ganzen 7,2 Meter hoch liegt, eine 5 Meter breite Sohle besitzt
und auf einem Pfahlrost steht, der auf 30000 Rundpfählen von großer
Stärke ruht. Die Gesamtkosten des Zollanschlusses Bremens an das Reich
wurden auf 34,5 Millionen Mark berechnet, wozu das Reich selbst zwölf
Millionen beigesteuert hat. Und schon wieder ist Bremen im Begriff,
seine Hafenbauten mehr als zu verdoppeln und über 40 Millionen Mark
für die Verbesserung seiner Verkehrsanlagen auszuwerfen. Durch die
fortgesetzte Korrektion der Unter- und der Außenweser ist dieser
Strom nämlich im Begriff, sich zu einer Wasserstraße ersten Ranges zu
entwickeln.
[Illustration: Abb. 146. ¯Haus in den Dünen von Baltrum.¯
(Nach einer Photographie von A. Overbeck in Düsseldorf.)]
[Sidenote: Die Weserkorrektion.]
Die nutzbare Wassertiefe der Unterweser bei gewöhnlichem Hochwasser
betrug früher etwa 2,75 Meter. Infolge der nach den Plänen von
Franzius ausgeführten und im Jahre 1887 in Angriff genommenen
Korrektionsarbeiten war schon im Jahre 1894 eine nutzbare Wassertiefe
von 5,4 Meter erreicht. Die Deckung der über 30 Millionen betragenden
Kosten dieses riesigen Unternehmens wurde ebenfalls mit Beihilfe des
Reiches erreicht, indem ein Reichsgesetz vom 5. April 1886 Bremen
ermächtigt, auf der Strecke Bremen-Bremerhaven von allen über 300
Kubikmeter Raum besitzenden Schiffen eine Abgabe zu erheben, sobald
Fahrzeuge mit fünf Meter Tiefgang dort fahren könnten. Doch darf
dieselbe nur von solchen Ladungen erhoben werden, welche aus See nach
bremischen Häfen oberhalb Bremerhavens bestimmt sind oder von solchen
Häfen nach See gehen, also nicht von den für die oldenburgischen Häfen
Brake, Elsfleth u. s. f. bestimmten Schiffen.
Mit dem 1. April 1895 konnte diese Schiffahrtsabgabe zum erstenmal
erhoben werden, und der Erfolg war der, daß an Stelle der 3 Schiffe mit
4,5–5 Meter Tiefgang, welche 1891 nach Bremen kamen, dies 1896 schon
300 waren, daß die Verzinsung des Anlagekapitals nicht, wie vorsichtig
veranschlagt, nach 28 Jahren, sondern schon nach drei Jahren eintrat,
und daß der Handel Bremens sich schon jetzt auf das Fünffache gehoben
hat.
[Illustration: Abb. 147. ¯Landungsbuhne von Baltrum.¯
(Nach einer Photographie von A. Overbeck in Düsseldorf.)]
Infolge dieses überraschend günstigen Ergebnisses schlossen Preußen,
Bremen und Oldenburg ein Abkommen miteinander, dahinzielend, die
Außenweser unterhalb Bremerhaven auf acht Meter unter Niedrigwasser
zu vertiefen, so daß die großen Kriegs- und Handelsschiffe bei ihrem
Ein- und Auslaufen nicht mehr an die Zeit des Hochwassers gebunden sein
werden. Die Ausführung der Arbeiten wurde Bremen übertragen, und die
bisherigen Fortschritte derselben berechtigen zu den weitestgehenden
Hoffnungen. Gleichzeitig mit dieser Unternehmung ist auch eine
Erweiterung der Hafenanlagen in Bremerhaven in Angriff genommen worden.
Bremen besitzt gegenwärtig 517 Schiffe mit 556665 Registertonnen,
darunter 225 Dampfer mit 285500 Registertonnen. Darunter sind, wie
ebenfalls in der Hamburger Flotte, die größten Oceanriesen. Deutschland
besitzt über 20 Dampfer von mehr als 10000 Tonnen, mehr, als irgend
eine andere Nation der Erde.
[Sidenote: Bremens Schiffahrt und Handel.]
Bereits im Jahre 1773 machte man von Bremen aus den ersten Versuch
einer Fahrt nach Amerika, welcher mißlang, aber zehn Jahre später einen
weiteren zur Folge hatte, der so günstig verlief, daß schon um 1796
etwa 70 Bremer Schiffe in der Amerikafahrt beschäftigt waren. Den im
folgenden Jahrhundert sich rasch steigernden überseeischen Verkehr
nahm auch Bremen wahr und trotz der damals noch geringen Erfahrungen
und des allgemein herrschenden Mißtrauens gegen eine transatlantische
Verbindung mittels Dampfschiffe erkannten Mitte der fünfziger Jahre
weitblickende Bremer Kaufleute, an ihrer Spitze H. H. Meyer, die
weltumgestaltende Bedeutung des Dampfes und gründeten im Jahre 1857
den Norddeutschen Lloyd mit drei Millionen Thaler Gold als Kapital.
Die vier in England gebauten Dampfschiffe „Bremen“, „New-York“,
„Hudson“ und „Weser“ sind die ersten der neuen Gesellschaft gewesen,
die gegenwärtig 69 Seedampfer, davon 10 im Bau, 36 Küstendampfer,
davon ebenfalls 10 im Bau, 24 Flußdampfer, das Schulschiff „Herzogin
Sophie Charlotte“ und 114 Leichterfahrzeuge und Kohlenprähme zählt,
mit einem Gesamtraumgehalt von 506754 Registertonnen. Die großen
neuesten Lloyddoppelschraubenschnelldampfer des Lloyd, „Kaiser Wilhelm
der Große“ (Abb. 101–103) und „Kaiserin Maria Theresia“, werden mit
Recht als ein Triumph des deutschen Schiffs- und Maschinenbaues
geschildert und bilden den Gegenstand der Bewunderung der ganzen Welt.
Der Norddeutsche Lloyd beherrscht heutzutage 20 Schiffahrtslinien, und
zwar die Schnelldampferlinien Bremen-New-York und Genua-New-York, eine
Postdampferlinie nach New-York, zwei Linien nach Baltimore, eine nach
Galveston, zwei nach Brasilien, je zwei nach Argentinien und Ostasien,
eine nach Australien, vier Zweiglinien im asiatischen Verkehr und vier
europäische Linien. Am 1. Dezember 1899 verfügte der Norddeutsche
Lloyd über ein Aktienkapital von 80000000 Mark, die Prioritätsanleihen
der Gesellschaft betrugen 31050000 Mark, der Anschaffungspreis der
vorhandenen Schiffe erreicht die Höhe von 143710000 Mark und deren
Buchwert eine solche von 93530000 Mark.
[Illustration: Abb. 148. ¯Alter Friedhof von Baltrum.¯
(Nach einer Photographie von A. Overbeck in Düsseldorf.)]
Neben dem Norddeutschen Lloyd bestehen in Bremen zur Zeit noch
sechs weitere Reedereien (Rickmers’ Reismühlen, Reederei und
Schiffbauaktiengesellschaft, 13000000 Mark Aktien- und 5000000
Prioritätsanleihenkapital; Deutsche Dampfschiffahrtsgesellschaft
„Hansa“, 10000000 Mark Aktien-, 4950000 Prioritätsanleihenkapital u. s.
f.).
Im Jahre 1897 betrug Bremens Einfuhr 2233212 Tonnen brutto, seine
Ausfuhr 1161371 Tonnen brutto, das Gesamtgewicht seiner ein- und
ausgeführten Handelswaren 3394583 Tonnen brutto, der Wert der Einfuhr
613500000 Mark, derjenige der Ausfuhr 385700000 Mark, der Wert der
gesamten aus- und eingeführten Waren also 999000000 Mark. Im Jahre
1896 wanderten über Bremen aus 67040 Personen, 1897 deren 47000.
Sehr bedeutend ist die Industrie und der Gewerbebetrieb Bremens,
als Eisengießereien, Reismühlen, Jutespinnereien und Webereien,
Cigarrenfabrikation, Segelmachereien, Seilereien, Schiffswerften u. s.
f.
[Sidenote: Bremen.]
Bremen wurde um 789 durch den heiligen Willehad gegründet und
zum Bischofssitze erhoben, der vom heiligen Ansgar um 848 mit
demjenigen von Hamburg vereinigt wurde. Unter dem starken Schutz
der Kirche entwickelte sich die Stadt rasch weiter, die im zwölften
Jahrhundert von Heinrich dem Löwen mehrfach hart bedrängt wurde. An
dem Kampf der Welfen mit den Staufern nahm Bremen als kaisertreue
Stadt teil. Schon im dreizehnten Jahrhundert war die Abhängigkeit
vom Bischof fast völlig beseitigt, und die Stadt fing an, sich die
Verkehrsfreiheit auf der Weser vertragsmäßig zu sichern und auch mit
den Waffen zu erkämpfen. Schwere innere Zwistigkeiten hatte Bremen im
dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert durchzumachen. Als Mitglied
des Hansabundes hatte es zuweilen eine eigene Stellung gegenüber den
übrigen Verbündeten inne, und seine Weigerung, sich dem Kampfe gegen
Norwegen anzuschließen, trug ihm eine zeitweilige Ausschließung,
die Verhansung, ein. Heinrich von Zütphen brachte ums Jahr 1522 die
Reformation nach Bremen, das später ein Glied des schmalkaldischen
Bundes wurde. 1623 errichteten die Oldenburger Grafen den Elsflether
Zoll, gegen den Bremen jahrhundertelang vergebens Einspruch erhoben
hat, und dessen Abschaffung erst im Jahre 1820 gelungen ist. 1646 wurde
die Reichsunmittelbarkeit Bremens durch den Kaiser ausgesprochen, aber
von den Schweden bestritten, denen das Erzstift durch den Westfälischen
Frieden zugefallen war. Der kleine Staat führte deshalb zwei Kriege
mit Schweden, die aber keinen Erfolg hatten. Als im Jahre 1741 das
Erzstift in den Besitz des Kurfürsten von Hannover übergegangen war,
wurde die Reichsunmittelbarkeit anerkannt, die aber durch schwere
Opfer (Gebietsabtretungen) erkauft werden mußte. 1810 wurde Bremen
dem französischen Kaiserreiche einverleibt und blieb bis 1813 die
Hauptstadt des Departements der Wesermündungen. 1812 zählte Bremens
Bevölkerung 35000 Seelen. Seit dieser Zeit hat es, wie wir auch schon
weiter oben gesehen haben, einen gewaltigen Aufschwung genommen, wozu
die Gründung Bremerhavens 1827–1830 den ersten bedeutenden Anstoß
gegeben hat. Die jetzt in Bremen gültige Verfassung stammt von 21.
Februar 1854. Die Stadt zählt jetzt 152000 Einwohner.
Die Stadt Bremen liegt 74 Kilometer von der Nordsee entfernt, am
rechten Ufer die ehemals von Wällen umgebene Altstadt, am linken die
Neustadt. Auf den drei Hauptplätzen der Altstadt, dem Markt, dem
Domshof und der Domsheide, konzentriert sich das Leben Bremens. Vom
Markt gehen auch drei der bedeutendsten Verkehrsadern der Stadt, die
Langen-, Ober- und Sögestraße ab. Derselbe gewährt ein malerisches
Bild; hier liegt zunächst das gotische, 1405–1410 erbaute Rathaus mit
einer um 1610 hinzugekommenen Renaissancefassade an der Südwestseite.
An der Westseite des Hauses ist der Eingang zu dem durch Hauffs
„Phantasien“ weit und breit bekannt gewordenen Ratskeller, der mit
Fresken von Arthur Fitger und mit Kernsprüchen von Hermann Allmers und
anderen verziert ist (Abb. 104–116).
Vor der Südwestseite des Rathauses erblickt man die aus grauem
Sandstein gefertigte Bildsäule des Roland, 5,5 Meter hoch, 1404
an Stelle einer hölzernen Statue des Paladins Karls des Großen
hierhergestellt. Dem Rathause gegenüber steht das ehemalige Gildehaus
der Kaufleute, 1537–1594 erbaut, jetzt der Sitz der Handelskammer,
mit renovierter Fassade, und nahebei die im gotischen Stil gehaltene
1861–1864 errichtete Börse. Auf dem kleinen Platz zwischen Börse,
Dom und Rathaus befindet sich der aus dem Jahre 1883 stammende
Willhadibrunnen, auf dem die Statue des heiligen Willehad, von vier
wasserspeienden Delphinen umgeben, zu sehen ist. An der Nordwestseite
des Rathauses erhebt sich seit 1893 das von Bärwald modellierte
Reiterstandbild Kaiser Wilhelms ~I.~
Der dem Alter nach bis zu den ersten Anfängen Bremens hinabreichende
Dom ist mehrfach umgestaltet worden. Das dem heiligen Petrus geweihte,
103 Meter lange, 40 Meter breite und 31 Meter hohe Gotteshaus ist reich
an verschiedenartigen Kunstschätzen, darunter eine von der Königin
Christina von Schweden geschenkte Kanzel, ein bronzenes Taufbecken aus
dem elften Jahrhundert u. s. f. Es besitzt ferner eine vorzügliche
Orgel. Eigenartig ist der unter dem Chor befindliche Bleikeller, in
welchem die darin aufbewahrten Leichname -- der älteste soll 400 Jahre
alt sein -- nicht verwesen.
Nördlich vom Dom breitet sich der Domhof aus, an welchem verschiedene,
in architektonischer Beziehung hervorragende Baulichkeiten liegen, so
der Rutenhof und das Museum. Südlich vom Dom kommt man zur Domsheide,
die das ursprünglich für Gotenburg bestimmte Denkmal des Königs Gustav
Adolph von Schweden ziert. Stattliche Gebäude umgeben den Platz, so
das gotische Künstlervereinsgebäude mit geräumigen Sälen, das im
Renaissancestil gehaltene Reichspostgebäude von Schwalbe, 1876 bis
1878 erbaut, und das Gerichtshaus, ein Ziegelhausteinbau in deutscher
Renaissance.
Von weiteren interessanten Bauten der Altstadt erwähnen wir hier
noch die aus dem zwölften und dreizehnten Jahrhundert stammende
Liebfrauenkirche und die St. Johannis-Kirche, ein reingotischer
Backsteinbau aus dem vierzehnten Jahrhundert, die alte Klosterkirche
der Franziskaner. Am nördlichen Ende der verkehrsreichen Obernstraße
treffen wir auf die 1856 restaurierte gotische Ansgariikirche
(1229–1243 erbaut) mit einem schönen Altarblatt von Tischbein und einem
97 Meter hohen Turme. Davor steht eine von Steinhäusers Meisterhand
geschaffene Marmorgruppe, der heilige Ansgar, der Apostel des Nordens,
im Begriff, einem Heidenknaben das Joch abzunehmen. Gegenüber erblicken
wir das alte Gildehaus der Tuchhändler, mit schöner Renaissancefassade.
Dasselbe zeigt eine besonders schöne Eingangshalle mit den lebensgroßen
Porträts bremischer Bürgermeister und Ratsherren und geräumige Säle
(großer Saal und Kaisersaal). Zur Zeit ist das Haus der Sitz der
Gewerbekammer von Bremen. Die Stephanikirche, eine in Kreuzform
gehaltene romanische Pfeilerbasilika aus dem zwölften Jahrhundert, am
nordwestlichen Ende der Altstadt, ist neuerdings renoviert worden und
birgt ein schönes Marmorrelief von Steinhäuser, die Grablegung Christi.
In der Langenstraße kann man noch eine Reihe interessanter Giebelhäuser
beobachten, so das alte Kornhaus, das Stissersche Haus, das Essighaus
u. s. f.
[Illustration: Abb. 149. ¯Strand von Norderney.¯
(Nach einer Photographie von E. Risse in Norderney-Bochum.)]
Die Brücken vermitteln den Verkehr aus der Altstadt in die Neustadt,
im Nordwesten die auch für Fußgänger eingerichtete Eisenbahnbrücke,
dann die 204 Meter lange eiserne Kaiserbrücke in der Mitte und die
ebenfalls eiserne 137 Meter lange und 19 Meter breite Große Brücke
im Süden. Am Rande der Altstadt ziehen sich die vom zickzackförmigen
Stadtgraben umspülten und von Altmann geschaffenen Wallanlagen an
Stelle der ehemaligen Festungsumwallungen hin, die, umrahmt von
schönen Villen, mit den vor der Kontreskarpe belegenen Vorstädten
durch sechs nach den alten Stadtthoren benannten Übergängen verbunden
sind. Auf den Wallanlagen stehen das Stadttheater, die Kunsthalle mit
der Gemäldesammlung, meist von der Hand moderner Meister, und schönen
plastischen Kunstwerken, das Denkmal für die im Feldzuge 1870 bis
1871 gebliebenen Söhne Bremens, das Marmorstandbild des Astronomen
Olbers, die Büste Altmanns und Steinhäusers Marmorvase mit der
Reliefdarstellung des sogenannten „Klosterochsenzuges“. Am südlichen
Ende befindet sich ein kleiner Hügel mit schönem Blick auf die Weser
und die Neustadt, die Altmannshöhe.
Jenseits des Stadtgrabens gelangt man in die von geschmackvollen
Häusern und Villen -- meist Einfamilienhäusern -- gebildeten neuen
Stadtteile mit schönen Kirchenbauten (St. Remberti, Methodistenkirche,
Friedenskirche), und Brunnen (Centaurbrunnen), sowie dem großen
Krankenhause (am Ende der mit Ulmen bepflanzten Humboldtstraße). Am
Körnerwall, nahe bei dem an der Weser sich hinziehenden Osterdeiche
steht ein Miniaturbronzestandbild Theodor Körners. In der Nähe des
geräumigen Hauptbahnhofes trifft man das städtische Museum für Natur-,
Völker- und Handelskunde, 1891–1893 erbaut, mit den vereinigten
städtischen Sammlungen, die äußerst sehenswert und sehr wertvoll
sind; daneben erhebt sich die Stadtbibliothek, ein holländischer
Renaissancebau, mit 120000 Bänden. Ueber dem Bahnhof hinaus führt der
Weg zum Herdenthorfriedhof und zu dem 136 Hektare großen, wundervoll
angelegten Bürgerpark mit herrlichen Waldpartien, Wildgehege, Meierei
und dem äußerst behaglichen Parkhause, das Wirtschaftszwecken dient.
Der Freibezirk mit dem 7,8 Meter tiefen Freihafen liegt vor dem
Stephanithor, im Nordwesten der Altstadt, nahebei das Haus Seefahrt,
ein Asyl für alte Seeleute und deren Witwen, mit Fresken von Fitger
im Hauptsaale. Über dem Thorwege liest man die Inschrift: „~Navigare
necesse est, vivere non necesse est.~“ Am Freibezirk sind ferner eine
Reihe bedeutender gewerblicher Anlagen, so die Reparaturwerkstätten des
Norddeutschen Lloyd, die Werkstätten und Werft der Aktiengesellschaft
Weser, Reismühlen u. s. f.
Die von 1622–1626 angelegte Neustadt weist keine große Besonderheiten
auf. Im Barockstil erbaut, erhebt sich dort am Weserstrom die aus dem
Ende des siebzehnten Jahrhunderts stammende St. Pauli-Kirche und die
1822 gegründete Seefahrtsschule. In der Neustadt befinden sich auch die
Kasernen.
[Sidenote: Bremen. Vegesack. Worpswede.]
Bremens Umgebung ist reich an großen und wohlhabenden Dörfern,
welche teilweise beliebte Ausflugsorte seiner Bevölkerung sind.
Mittels Dampfboot sowohl, als auch durch die Bahn ist das rechts
von der Weser befindliche, über 4000 Einwohner besitzende, von den
Landhäusern reicher Bremer Bürger umgebene Vegesack zu erreichen, mit
bedeutender Industrie (Schiffswerften, Bootsbauereien, Tauwerkfabriken,
Baumwollenspinnereien u. s. f.). Eine Fischereigesellschaft für
Heringsfischerei besteht hier ebenfalls. In der Nähe sind die schöne
Villen und Gärten besitzenden Orte Blumenthal und Rönnebeck. Auf
der Bahnfahrt nach Vegesack erblicken wir bei Oslebshausen die
große bremische Strafanstalt; bei Burglesum zweigt die Bahn nach
Geestemünde und Bremerhaven ab. Osterholz-Scharmbeck mit regem
gewerblichen Betriebe (Cigarren und Eisenwaren) an dieser Linie ist die
Eisenbahnstation für die Malerkolonie Worpswede.
Letzteres ist ein freundlicher Ort am Weyersberge, von dessen mit
einem Denkmal des Moorkommissars Findorf geschmückten Höhe man einen
weiten Rundblick genießen kann. Wie eine Insel steigt die Erhebung aus
der weiten Ebene auf, die im Hintergrunde von den blauen Linien der
Geesthöhen begrenzt wird. Aus der Ferne winken die Türme der alten
Hansestadt an der Weser herüber.
Den Künstlern, die dort schaffen, den „Worpswedern“, ist die Natur,
mit welcher sie dauernd zusammenleben, aufs innigste vertraut. „Und
doch ist nicht photographisch korrekte Wiedergabe, sondern die stark
persönliche Auffassung, das Temperament für diese Worpsweder Bilder
charakteristisch. Daher das Befremden des Beschauers, der ein solches
Bild der wohlbekannten heimischen Natur verlangt, wie er es sieht.
Daher die packende Wirkung auf den, welchem die Persönlichkeiten in
der Kunst (und vielleicht auch in Wissenschaft und Leben) alles sind.
Denn was uns sterblichen Menschen erreichbar und nötig, ist subjektive
Wahrhaftigkeit, nicht objektive Wahrheit“ (Gildemeister).
Durch die so stimmungsvollen Bilder Fritz Overbecks, Fritz Mackensens,
Otto Modersohns und Heinrich Vogelers ist die landschaftliche Scenerie
um Worpswede weit in der Welt bekannt geworden. Freilich, wer etwas von
der Worpsweder Malerkunst sehen will, wird in München oder in Dresden
mehr davon finden, als in Worpswede selbst. „Was dort sichtbar ist,“
sagt Gildemeister, „sind die Ateliers der Maler -- von außen.“
[Illustration: Abb. 150. ¯Kaiserstraße in Norderney.¯
(Nach einer Photographie von E. Risse in Norderney-Bochum.)]
[Sidenote: Geestemünde. Bremerhaven.]
An Oldenbüttel und Stubben, sowie an Loxstedt mit seiner großen
Torfstreufabrik vorbei wird die hannoversche Stadt Geestemünde am
linken Ufer der Geeste, die hier in die Weser mündet, erreicht.
Der 17500 Einwohner besitzende Ort ist 1857 von der hannoverschen
Regierung angelegt worden, um Bremerhaven Konkurrenz zu machen, von
dem es nur das Geesteflüßchen trennt. Geestemünde verfügt über einen
geräumigen Hafen, 506 Meter lang, 117 Meter breit, mit hydraulischen
Hebevorrichtungen u. s. f., der mit der Weser durch einen Vorhafen
und eine mächtige Kammerschleuse mit Ebbe- und Flutthoren, die 67
Meter lange Schiffe aufnehmen kann, betreibt ferner eine aufblühende
Hochseefischerei und besitzt Schiffswerften und Trockendocks (Abb. 117).
Bremerhaven ist an der Stelle der alten schwedischen Feste Karlsburg
entstanden, die Karl ~XII.~ 1673 durch seinen Artillerieobersten Melle
anlegen ließ. Dahinter sollte sich eine neue Handelsstadt mit Namen
Karlsstadt erheben, von der bereits einige wenige Häuser standen,
als ein vereinigtes Korps von Dänen, münsterischen, cellischen und
wolfenbüttelischen Truppen vor Karlsburg erschien, dasselbe belagerte
und größtenteils zerstörte. Ein späterer Wiederherstellungsversuch
scheiterte, und die furchtbare Weihnachtsflut im Jahre 1717 that den
Rest. Durch Vertrag vom 11. Januar 1827 trat Hannover das Gebiet des
heutigen Bremerhavens an Bremen ab (für 73658 Thaler 17 Groschen
1 Pfennig), wofür Bremen sich verpflichtete, hier einen Seehafen
anzulegen. Bald darauf fing man an, und am 12. September 1830 lief als
erstes Schiff das amerikanische Fahrzeug Draper im neuen Hafen ein.
Dem damaligen Bürgermeister Smidt von Bremen hat man im Jahre 1888 auf
dem Markte des von ihm gegründeten 1853 zur Stadt erhobenen Ortes ein
Denkmal aufgerichtet.
[Sidenote: Bremerhaven. Wesermündung.]
Das rasche Emporblühen Bremerhavens ist aufs innigste verknüpft
gewesen mit dem großen Aufschwung, den Bremens Handel seit 50 Jahren
genommen hat, wie wir weiter oben schon betont haben. Zur Zeit hat
die Bevölkerung der Stadt die Zahl von 20000 Menschen erreicht. Drei
mächtige, durch Deiche gegen Sturmfluten wohlgeschützten Dockhäfen, der
Alte Hafen (jetzt 730 Meter lang und 100 Meter breit) südlich belegen
und 1830 in Betrieb genommen, der 1851 eröffnete Neue Hafen in der
Mitte (840 Meter lang und 100 Meter breit) und als nördlichster der
1876 dem Verkehr übergebene Kaiserhafen, der 1897 bedeutend vergrößert
worden ist und den größten Schiffen Einfahrtsgelegenheit bietet --
die neue Kaiserschleuse hat eine Länge von 215 Meter, 26 Meter Breite
und 10,56 Meter Tiefe -- bilden die 34 Hektare große Wasserfläche des
Hafens. Zum Freihafengebiete, das nach dem Anschluße Bremens an den
Zollverein geblieben ist, gehören der Kaiserhafen und der nördliche
Teil des Neuen Hafens.
[Illustration: Abb. 151. ¯Seesteg in Norderney.¯
(Nach einer Photographie von E. Risse in Norderney-Bochum.)]
Bremerhaven ist mit breiten und regelmäßigen Straßen angelegt. Die
etwa 70 Meter hohe Turmspitze seiner schönen, gotischen Kirche dient
weithin auf der Weser dem Schiffer als Wahrzeichen (Abb. 118). Von
großem Interesse ist auch ein Besuch im 1849 erbauten Auswandererhause,
das zur Aufnahme der Auswanderer vor ihrer Einschiffung dient und von
mustergültiger Einrichtung ist. Es kann 2000 Auswanderer zugleich
beherbergen.