Das Alte Land -- der Sitz seines Amtsbezirkes ist Jork mit Amtsgericht

und Superintendenten -- wird von der unterhalb Buxtehude in dasselbe

eintretenden Este und von der Lühe durchflossen. Am östlichen Rande

des Alten Landes liegt das gewerbreiche Buxtehude an der schiffbaren

Este. Die Stadt, welche vor Zeiten Mitglied des Hansabundes gewesen

ist, zählt gegenwärtig an 3600 Einwohner. Ihre drei Thore, das Marsch-,

Geest- und Moorthor, lassen die Lage der Stadt sofort erkennen, doch

ist sie selbst auf Moorboden erbaut. Schöne Laubwaldungen befinden sich

auf der nahen Geest und tragen dazu bei, Buxtehude zu einem hübschen

Aufenthaltsort zu stempeln. Schon im siebzehnten Jahrhundert ist es

„eine feine und lustige Stadt“ genannt worden, ein Ehrentitel, den

sie, wie man sagt, heute auch noch verdienen soll. Buxtehude liegt

an der Bahnlinie von Harburg nach Cuxhaven, die sich bis Kadenberge

teils dem Geestrande entlang zieht, teils auf dieser selbst erbaut ist

und erst von dort ab die Marsch des Landes Hadeln durchquert. Diese

Bahnlinie berührt nördlich von Buxtehude das ebenfalls am Geestrande

erbaute Horneburg an der Lühe mit einer vorwiegend Ackerbau treibenden

Bevölkerung.

[Illustration: Abb. 136. ¯Dorfstraße in Spiekeroog.¯]

[Sidenote: Land Kehdingen.]

In großem Gegensatze mit dem obstreichen Alten Lande steht das Land

Kehdingen mit seiner ausgedehnten Wiesen- und Weidenwirtschaft und

seinen gut bestellten Äckern. Dieses lange, aber ziemlich schmale

Marschgebiet wird von hohen Deichen umsäumt, denen es auch seinen Namen

verdankt. Kehdingen (von Kaje-Deich) bedeutet ein gedeichtes Land.

Sächsische Stämme haben vom Geestrücken bei Kadenberge her den Norden

und von Stade aus den Süden besiedelt, Friesen sind später, von den

Erzbischöfen zur Urbarmachung des Moor- und Buschlandes herbeigezogen,

dazu gekommen. Die Bevölkerung treibt Viehzucht, in neuerer Zeit auch

Pferdezucht, und Ackerbau, der des schwer zu pflügenden Bodens wegen

zwar mühsam, doch um so lohnender ist. An den schlammigen Ufern der

Elbe wächst viel Rohr, hier Reet oder Reit genannt, das gewonnen und

zur Bedachung der Häuser verwendet wird. Auch Weiden werden gepflanzt

und zu gewerblichen Zwecken verbraucht.

Der Mittelpunkt des Amtsbezirkes ist Freiburg, das durch das Freiburger

Tief, einen zwei Meter tiefen Kanal, mit der Elbe in Verbindung steht.

Die Ortschaften liegen entweder langgestreckt an der das Land der Länge

nach durchziehenden Landstraße, so Assel, Neuland, Hammelwörden u.

s. f., die jede mehr als 1000 Einwohner besitzen, oder auch am Rande

des Kehdinger Moores, welches Kehdingen im Westen vom eigentlichen

Geestrücken trennt.

[Illustration: Abb. 137. ¯Spiekeroog. Teil des Dorfes.¯]

Am Südrande dieser Moorbildung, auf einem Ausläufer der Geest gegen

die Marsch treffen wir Stade an der schiffbaren Schwinge mit über

10000 Einwohnern, Hauptstadt des Regierungsbezirks und des Herzogtums

Bremen, ehemals ein bedeutender Handelsort und Hansestadt. Stade

hat viel industrielles Leben (Cigarrenfabrik, Eisengießereien,

Maschinenfabriken) und betreibt Fischerei und Schiffahrt. Es ist

Station der Eisenbahnlinie Harburg-Cuxhaven und ferner durch einen

weiteren Schienenstrang von 69 Kilometer Länge über Bremervörde mit

Geestemünde in Verbindung. In geschichtlicher Hinsicht ist diese Stadt

durch verschiedene Ereignisse bekannt geworden, so durch die Belagerung

durch Tilly, dem es sich am 5. Mai 1628 ergeben mußte, durch den großen

Brand vom 26. Mai 1659, sowie durch die Belagerung der Dänen, vor denen

es nach heftiger Beschießung am 7. September 1712 kapitulierte.

Um und in Stade treten Gebilde des permischen Systems, rote

Zechsteinletten, auf, und fiskalische Bohrungen haben daselbst in

etwa 180 Meter Tiefe eine sehr gesättigte Sole erschrotet. Gleiches

war in der Nähe, bei Campe, der Fall, wo die Sole schon bei 162 Meter

erschlossen wurde. An der Mündung der Schwinge ist die Schwinger

Schanze und das Dorf Brunshausen, wo früher der 1861 abgelöste Stader-

oder Elbzoll erhoben worden ist, und die transatlantischen Dampfer der

Hamburger Linien zu leichtern pflegen.

Die Ostemarsch beginnt mit einer schmalen Zunge, die südlich bis in die

Gegend von Kranenburg reicht, füllt anfänglich den Raum zwischen den

Krümmungen des Flusses aus, um sich dann allmählich zu verbreitern,

indem sie sich auf dem rechten Ufer schneller entwickelt, als auf

dem linken. Zahlreiche Ortschaften, darunter welche mit mehr als

1000 Bewohnern (Hüll, Altendorf, Isensee u. s. f.), teils am Rande

der Geest, teils im Marschland selbst belegen, gehören zu diesem

Gebiet, das bei Neuhaus an die Elbe tritt und durch den Hadeler Kanal

vom Lande Hadeln geschieden wird. Ackerbau und Viehzucht bilden die

Haupterwerbszweige der Bewohner. Die untere Ostemarsch hat Neuhaus an

der Oste (mit etwa 1500 Seelen) mit lebhafter Schiffahrt zum Hauptort,

die obere Ostemarsch bildet einen eigenen Amtsbezirk mit Oste (etwa 850

Einwohner) als Mittelpunkt.

[Sidenote: Land Hadeln.]

Vor Ablagerung der Marsch war das heutige Land Hadeln zum größten Teile

ein tief in die Geest hineinschneidender Meerbusen zwischen Wingst und

Hoher-Lieth. Allmählich wurde derselbe von Schlick ausgefüllt, und nur

in der Innenseite, welche bei der Marschbildung immer niedriger bleibt,

erhielt sich das Wasser, und in ihr bildete sich das ausgedehnte

Moor, welches Hadeln im Süden bedeckt. Das abgelagerte Marschland

hat die Gestalt eines Dreiecks, dessen Grundlinie nach der Elbe

zu, dessen Spitze aber im Süden liegt. Der nach dem Flusse zu sich

erstreckende Teil der Marsch ist höher als das innere Gebiet, und so

unterscheidet man das äußere „Hochland“ von dem inneren „Sietland“

(Niedrigland), die beide heute noch politisch getrennte Gebiete bilden.

Letzteres, an der Grenze der Moore mit ihren Seen belegen, war im

Winter stets Ueberschwemmungen ausgesetzt und drohte zu versumpfen,

da die beiden Flüsse, die Aue und die Gösche, es nicht hinreichend

entwässern konnten. Um dem Abhilfe zu schaffen, wurde von 1854 bis

1856 der Hadeler Kanal gegraben, der nach Norden mit der Elbe in

Verbindung steht, und 1860 begann man den Geestekanal zu schaffen,

der nach Süden zur Geeste verläuft. Beide Kanäle haben ihren Ausgang

im Bederkesaer See. Durch eine große Schleuse ist der Kanal mit der

Medem in Verbindung, welche nördlich von Oster-Ihlienworth aus der

Vereinigung der Gösche und Aue entsteht und in vielen Krümmungen den

Deich erreicht. Die „torfgefärbte Mäme“ hat der Dichter J. H. Voß

diesen Fluß genannt. Geeste- und Hadeler Kanal sind zusammen 43,5

Kilometer lang und dienen neben den Zwecken der Entwässerung des Landes

auch der Schiffahrt, da sie bei gewöhnlichem Wasserstande 1,5 Meter

Tiefe besitzen, so daß Schiffe bis zu 16 Tonnen von der Elbe zur Weser

gelangen können. Durchschnittlich wird diese Wasserstraße jährlich von

700–800 Fahrzeugen benützt.

Die ausgedehnten Moorländereien des Südens (20,8% des Gesamtareals von

Hadeln) sind nur teilweise entwässert und in Kultur genommen und werden

nur zum Torfstich benützt. Das Wasser aus dem Westermoor führt die

unterhalb Altenbruch in die Elbe fallende Bracke ab, das Wannaer Moor

entwässert die Emmelcke, ein Nebenfluß der Aue. An das letztgenannte

Moor grenzt die kleine gleichnamige Geestinsel mit dem Kirchspiel

Wanna, aus leichtem, mit Heidekraut bewachsenem Sandboden bestehend.

Der Boden der Hadeler Marsch selbst ist nicht so schwer, als derjenige

Kehdingens und darum zum Ackerbau auch sehr geeignet. Sein Untergrund

besteht aus einem kalkreichen Schlick, der aus der Tiefe an die

Oberfläche gebracht und mit Dünger und Ackerkrume vermischt, dem Boden

eine besondere Ertragsfähigkeit gibt. Man nennt diese Bodenumarbeitung

das Kuhlen; trotz seiner Kostspieligkeit trägt es reichlich Zinsen.

Die Viehzucht tritt in Hadeln zurück, dafür blüht der Ackerbau um so

mehr, und im Sommer ist das Marschland von einem Ende zum anderen

ein prächtig wogendes Saatenmeer. Raps, Weizen und Roggen bilden den

Hauptbestand der Felder.

[Illustration: Abb. 138. ¯Langeoog, von der westlichen Kaapdüne

gesehen.¯]

[Illustration: Abb. 139. ¯Langeoog, Abtei und Blick auf die Nordsee.¯]

Hadelns Bewohner sind rein sächsischen Stammes, und unter allen

Marschen hat dieses Land seine Eigentümlichkeiten und Freiheiten

(Hadelnsche Provinzialstände u. s. f.) am treusten bewahrt. Politisch

zerfällt das Land in drei Verbände, in die Stadt Otterndorf, Kreisstadt

und Amtsgericht, der Mittelpunkt des Landes, in dem sich Hadelns

Handel und Verkehr vereinigt, in das Hochland und in das Sietland.

Otterndorf, ein altmodisches, aber freundliches Landstädtchen, in das

noch vor einigen Jahrzehnten ein altes Burgthor führte, geschmückt mit

dem lauenburgischen und dem Stadtwappen, einer Otter (Fischotter) über

dem sächsischen „Rautenkranze“, wie Allmers schreibt, hat eine höhere

Bürgerschule, die früher als Progymnasium existierte, und an welcher

der Dichter Johann Heinrich Voß einst Prorektor gewesen ist. Die

einzelnen Ortschaften,

-- -- die Wohnung ländlicher Freiheit,

Durch die Gefilde verstreut, jede von Eschen begrünt --

liegen auf einen weiten Raum verteilt, die größeren Höfe vereinzelt.

Noch mehr Bewohner, als Otterndorf (etwa 1760 Seelen) zählt die

Gemeinde Altenbruch (2200 Seelen) mit der ältesten und bedeutendsten,

einen berühmten Altarschrein aus dem Anfang des sechzehnten

Jahrhunderts bergenden zweitürmigen Kirche. Neben Altenbruch sei hier

noch Lüdingworth, der Geburtsort des bekannten Reisenden Karsten

Niebuhr, erwähnt.

[Illustration: Abb. 140. ¯Langeoog-Dünen mit Blick auf das Dorf.¯]

~XIV.~

Das Geestland zwischen Unterelbe und Unterweser.

[Sidenote: Geestland zwischen Unterelbe und Unterweser.]

Die im vorigen beschriebenen Marschlande am linken Elbufer umschließen

zusammen mit den im folgenden Abschnitte zu besprechenden Marschen von

Osterstade, Wührden, Vieland und Wursten ein weites und großes Areal,

das zum allergrößten Teile den ehemaligen Herzogtümern Bremen und

Verden angehört hat und in der Gegenwart der Hauptsache nach unter der

Verwaltung der Landdrostei resp. des Regierungsbezirkes Stade steht.

Das Teufelsmoor und die ausgedehnten Moore an der Oste trennen das

Geestland unseres Areals in zwei Hälften, in eine östliche und in

eine westliche, die durch einen schmalen Arm bei Bremervörde, etwa im

Mittelpunkt des Landes miteinander in Verbindung stehen. Im Nordosten

reicht der östliche Teil bis an die Elbmarschen, westlich wird

derselbe vom Teufelsmoor und dem mittleren Thal der Oste begrenzt.

Wir unterscheiden in seinem Gebiet verschiedene scharf ausgeprägte

Rücken, so denjenigen von Zeven im Süden, am Oberlaufe der Oste, in der

Mitte den Rücken von Harsefeld, und nördlich von diesem und durch die

Schwinge getrennt, denjenigen von Himmelpforten.

Bei Bremervörde durchbricht die Oste das auf 3,5 Kilometer

zusammengedrängte Verbindungsglied der östlichen und westlichen Hälfte.

Letztere tritt im Süden und im Westen an den Weserstrom, während ihr

nördliches Ende im Amte Ritzebüttel die Elbe erreicht und hier auf

eine kurze Strecke die Deiche überflüssig macht. Ein schmaler Rücken,

vom Verbindungsraume bei Bremervörde ausgehend, zieht zwischen dem

langen und großen Moore hin und teilt sich wieder in die Hügelgruppen

des Westerbergs und der Wingst; letztere bildet in den sie umgebenden

Marschen eine weithin sichtbare Marke. Ein zweiter Zug folgt beiden

Seiten der Geest; sein südlicher Teil dacht sich allmählich zum

Vielande hin ab, der nördliche hingegen kehrt sich zwischen Geest und

den Hadeler Mooren nach Norden und endet mit Sanddünen an der äußersten

Landesspitze. Als öder Heiderücken der Hohen Lieth scheidet er Hadeln

von Wursten. Südlich von der Lüne endlich, zwischen dem Teufelsmoor und

der Weser ist ein weiterer Geestrücken entwickelt, der von Süden an in

Höhe zunimmt und die Garlstedter und Brundorfer Heide trägt. Er fällt

im Süden steil in das Thal der Lesum und Weser ab, letztere dadurch zur

westlichen Richtung zwingend.

[Illustration: Abb. 141. ¯Langeoog, Badestrand und Badewärter.¯

(Nach einer Photographie von A. Overbeck in Düsseldorf.)]

Das Land bildet eine 10–20 Meter hohe, von zahlreichen Bächen und

Flüssen durchflossene leichtwellige Ebene, deren höchste Punkte 80

Meter nicht erreichen (Camper Höhe bei Stade 24 Meter; Litberg bei

Sauensiek auf dem Harsfelder Rücken 65 Meter; Lohberg auf dem Rücken

von Himmelpforten 42 Meter; Wingst 74 Meter; Hohe Lieth bei Altenwalde

31 Meter; höchster Punkt der Garlstedter Heide 45 Meter).

[Illustration: Abb. 142. ¯Langeoog. Neutraler Strand mit der

gestrandeten „Aurora“.¯

(Nach einer Photographie von A. Overbeck in Düsseldorf.)]

[Sidenote: Grünlandsmoore.]

Im Gebiete des Regierungsbezirks Stade werden 183576 Hektare oder 28%

der Gesamtfläche des Landes von Mooren bedeckt (der Regierungsbezirk

Osnabrück enthält deren nur 20,5% und der von Aurich 24,6% seines

Areals). Kein einziger Amtsbezirk unseres Areals ist ohne Moore, die im

Amte Lilienthal an der Grenze des Bremerlandes 80% des Flächeninhalts

ausmachen, dagegen in anderen, so im Amte Jork, nur wiederum 0,7%.

Die Moore, die sich zwischen Marsch und Geest oder auch zwischen zwei

Marschgebieten hinziehen, nennen wir Randmoore. Es sind größtenteils

Grünlands- resp. Wiesenmoore, mit scharfem Absatz gegen die Geest, aber

nur allmählich durch „anmooriges Land“, welches meist tiefer liegt als

das Moor und die Marsch, in diese übergehend. Hierher zu rechnen sind

das Altenländer Moor, das Kehdinger Moor, die unteren Oste-Moore, die

Hadeler Moore, die Osterstader Moore. Moore, die sich in Niederungen

oder auf beinahe horizontal liegenden Flächen der Geest gebildet

haben, bezeichnet man als Binnenmoore. Es sind fast nur Hochmoore.

Als Beispiel dieser auf unserem Gebiete sehr verbreiteten Moore möge

der größte hierher gehörige Moordistrikt dienen, das Teufelsmoor, das

sich nördlich von dem flachen Bremer Gebiet keilartig in die Geest

hineinschiebt.

[Sidenote: Die Moorkulturen.]

Die von Holland zu uns herübergekommene Art der Moornutzung, das

Moorbrennen oder die Moorbrandkultur, deren Wirkungen sich im weiten

Umkreise durch den Moor- oder Höhenrauch in so unangenehmer Weise

bemerkbar machen, hat sehr wenig segenbringend gewirkt, und da, wo

solche Hochmoorsiedelungen lediglich auf Grundlage des Moorbrennens

angelegt wurden, ohne vorherige Aufschließung der Moore durch Kanäle

und Wege u. s. f., verfielen dieselben meist schon nach kurzer Zeit dem

allergrößten Elend.

Dagegen hat eine zweite Form der Hochmoorkultur, gleichfalls

holländischer Herkunft, sehr segensreich gewirkt, die Fehnkultur

oder Sandmischkultur, welche den Zweck hat, die unter den Torfmooren

befindlichen Landflächen urbar und der Kultur zugänglich zu machen.

Es kommt dabei auch darauf an, den abgegrabenen Torf zu verwerten und

ihm billige Transportwege zu eröffnen, und zu diesem Behufe legt man

von dem zunächst befindlichen Wasserlaufe Kanäle in das Moor hinein

an, die mit Schiffen befahren werden können, die Fehnkanäle, an die

sich wiederum im Laufe der fortschreitenden Unternehmung Seiten-

und Parallelkanäle anschließen. Durch dieses Netz von Wasserstraßen

wird außerdem noch für die notwendige Entwässerung des in Fehnkultur

begriffenen Areals gesorgt. Die abgetorften Ländereien werden mit

Seeschlick, mit Kleierde, mit Sand und mit Dünger bedeckt und dann

bebaut.

Die Fehnkultur ist um den Anfang des siebzehnten Jahrhunderts in

Holland zuerst aufgekommen, und im Jahre 1630 brachte der Graf

Landsberg-Velen diese Art der Moorbebauung bereits in Anwendung auf

deutschem Boden, indem er die Kolonie Papenborg, das heutige Papenburg,

anlegte, eine aufblühende Stadt im Regierungsbezirk Osnabrück, mit etwa

7000 Einwohnern, dem Muster einer Fehnkolonie. Die deutschen Fehnkanäle

haben zur Zeit eine Gesamtlänge von 195,8 Kilometer.

Fehnkolonien befinden sich besonders in Ostfriesland und im

Oldenburgischen. In einem gewissen Gegensatz zu denselben stehen

die Moorkolonien, die nicht die Bebauung des Mooruntergrundes,

sondern der Mooroberfläche selbst als Endzweck haben. Das preußische

Landwirtschafts-Ministerium hat es als eine seiner vornehmsten

Aufgaben erachtet, die Moorkultur immer mehr und mehr thatkräftig

zu fördern. Zu diesem Zweck wurde von dieser Behörde in Bremen

eine Moorversuchsstation gegründet, welche durch wissenschaftliche

Forschungen die Eigenschaften und Eigenarten des Hochmoorbodens

feststellen und zugleich durch praktische Versuche in den Mooren

selbst neue Hilfsmittel für die Hochmoorkultur schaffen soll. An

den verschiedensten Stellen des Areals zwischen Elbe und Weser und

Ostfrieslands sind neue Moorsiedelungen unter der Leitung der Regierung

entstanden, und im letztgenannten Lande ist diesen Unternehmungen

die Erschließung der weiten Flächen durch den Ems-Jade- und den

Süd-Nord-Kanal sehr zu statten gekommen. Im Jahre 1890 bestanden

im deutschen Flachlande westlich der Elbe (Regierungsbezirk Stade,

Osnabrück und Aurich, sowie Oldenburg) bereits über 250 Moorkolonien

von 55000 Hektaren Gesamtareal und mit 60000 Einwohnern. Das Gebiet

von Waakhausen am südlichen Ufer der Hamme zeichnet sich durch sein

weit und breit bekanntes „schwimmendes Land“ aus. Es ist dasselbe ein

Grünlandmoor von noch unsolider Beschaffenheit, an seiner Oberfläche

mit einer festen Borke versehen, die aus verfilztem Wurzelgeflecht

besteht, aber eine Verbindung mit dem Untergrunde noch vermissen läßt.

Die zwischenliegende Schicht ist ein schlammiger Moorboden, der sich

mit steigendem Wasser ausdehnt und die obere Schicht, solange sie nicht

zu schwer ist, hebt. Bei eintretendem niedrigen Wasserstand senkt sich

das Moor wieder und das Land erhält seine frühere Lage zurück. Die

Häuser auf dem schwimmenden Lande sind auf Wurten gebaut, die auf dem

festen Untergrunde aufgeschüttet sind, und infolge des wechselnden

Wasserstandes bald auf Hügel erbaut zu sein, bald in Vertiefungen zu

stehen scheinen, da sie von den Hebungen und Senkungen des schwimmenden

Landes ja selbst unberührt bleiben. Da aber auch der Untergrund, der

die Wurten trägt, nicht sehr fest ist, und diese letzteren erst mit der

Zeit beständiger werden, so senken sich oftmals die auf neuen Wurten

erbauten Häuser oder sie werden schief und müssen dann geschroben

werden, meistens alle zehn Jahre. Darum sind alte Wurten gesuchte

Grundstücke. Ähnliche schwimmende Ländereien haben auch das Altländer

Moor (bei Dammhausen) und das Oldenburger Land an verschiedenen Stellen

aufzuweisen.

[Illustration: Abb. 143. ¯Baltrum, Ostdorf.¯

(Nach einer Photographie von A. Overbeck in Düsseldorf.)]

Nahe bei Waakhausen liegt das Malerdorf Worpswede, von dem im nächsten

Abschnitt noch etwas eingehender die Rede sein wird.

Südlich der Hamme trifft man ein weites Niederungsgebiet, das St.

Jürgens-Land, ein großes Wiesenmoor, das von mehreren Kanälen und

zahllosen Gräben durchzogen wird, aber auch stellenweise größere

Wasserflächen neben einer Unmenge von „Braaken und Kuhlen“ besitzt.

Es ist 4569 Hektare groß. Vom Oktober bis April ist das Land meist

überschwemmt, und selbst im Sommer treten zuweilen noch Überflutungen

ein. Das Leben der Bewohner hat sich den Verhältnissen angepaßt, und

der Verkehr zwischen den einzelnen Wurten geschieht fast nur zu Boot.

Die das Land durchquerende Landstraße ist im Winter meist nicht zu

benutzen.

[Illustration: Abb. 144. ¯Baltrum, Westdorf.¯

(Nach einer Photographie von A. Overbeck in Düsseldorf.)]

Die zahlreichen Wasserläufe, welche das hier besprochene Gebiet

durchziehen, haben wir zum größten Teil schon da und dort kennen

gelernt. Im Südosten tritt die Este in unser Gebiet, der weiter

nördlich die Horneburg bespülende Lühe, in ihrem Oberlauf Aue genannt,

folgt, hierauf die durch den Elmer Schiffgraben mit der Oste in

Verbindung stehende Schwinge, die Oste und die aus Aue und Gösche

entstandene Medem. Diese alle sind der Elbe tributpflichtig. Im Westen,

als Nebenflüsse der Weser, treffen wir die Geeste, die Lüne und die

Drepte und noch weiter südlich die Lesum, wie die Vereinigung der

aus dem Moorlande herauskommenden Hamme mit der langen, unser Areal

im Süden begrenzenden Wümme heißt. Größere Wasserbecken weist der

Nordwesten und Norden des Landes zwischen Elbe und Weser auf, so den

Balksee, dem der Remperbach das Wasser des nördlichen Westerberges

und der südlichen Wingst zuführt. Seine öde, unwirtliche und schwer

zugängliche Umgebung hat ihn beim Volke zum Schauplatz schauriger Sagen

gestempelt. Durch schöne Waldungen und liebliche Umgebung ist der See

von Bederkesa ausgezeichnet, die Dahlemer, Halemmer und Flögelner Seen

sind mit der Hadelner Aue verbunden, in der Nähe des Hymensees war im

Mittelalter ein berühmter Falkenfang.

[Illustration: Abb. 145. ¯Baltrum, Pfahlwerk in Sturmflut.¯

(Nach einer Photographie von A. Overbeck in Düsseldorf.)]

Neben den Gebilden des Diluviums und Alluviums, welche der Hauptsache

nach den Boden des Landes zwischen Unterelbe und Unterweser bilden,

treffen wir noch einige ältere Formationsglieder in unserem Gebiete an.

Der Zechsteinletten von Stade ist bereits Erwähnung gethan worden. Am

Südostrande der Wingst, bei Hemmoor, treten die Schichten der oberen

weißen Kreide auf, welche daselbst die Veranlassung einer bedeutenden

Cementfabrikation geworden sind, neben verschiedenen tertiären

Sedimenten (eocäner Thon u. a. m.). Tertiäre Ablagerungen sind noch da

und dort im Lande zerstreut.

[Sidenote: Bremervörde. Harburg.]

Die wichtigeren Niederlassungen im Osten des Landes sind bereits

aufgeführt worden. Von den Ortschaften im Inneren ist das beinahe

central gelegene Bremervörde an der Oste, 1852 zur Stadt erhoben, die

bedeutendste. Es lebt hauptsächlich von Ackerbau. Doch treibt es auch

etwas Handel. Die Flut der Oste steigt bis hierher, so daß Bremervörde

für die Elbschiffe zugänglich ist, die besonders Holz aus den

benachbarten größeren Waldungen und Torf verfrachten und hauptsächlich

in Hamburg absetzen, jährlich etwa 4500 Ewerladungen Torf und an 300

solcher mit Holz. Die Einwohnerzahl beträgt etwa 2920 Seelen. Zeven

im Süden, ehemals Sitz eines Nonnenklosters vom Orden St. Benedikts,

hat etwas über 1250 Bewohner. Es wird in der Kriegsgeschichte

Niedersachsens oftmals genannt und ist durch den hier zwischen dem

Herzog von Cumberland und dem Herzog von Richelieu am 8. September 1757

abgeschlossenen Vertrag (Konvention von Kloster Zeven) noch besonders

bekannt geworden. Bederkesa, durch einen Schienenstrang mit Lehe

verbunden, am gleichnamigen, schon weiter oben erwähnten See, mit einem

Lehrerseminar, hat gegenwärtig etwa 1300 Einwohner. Reger Fabrikbetrieb

und große industrielle Thätigkeit entfaltet das an der Süderelbe

belegene, rasch aufblühende Harburg. Die gegenwärtig von 49000 Seelen

bevölkerte Stadt hat einen bedeutenden Schiffahrtsverkehr; mehr als

700 Seeschiffe laufen jährlich im Harburger Hafen ein. Die Bahnlinie

Hamburg-Hannover-Cassel berührt Harburg und überquert die zwischen

dieser Stadt und Hamburg dahinziehenden beiden Elbarme auf zwei großen

eisernen Brücken. Harburg ist ferner Knotenpunkt für die Linie nach

Cuxhaven und nach Bremen. Letztere ist 114,5 Kilometer lang und führt

über Buchholz und den im dreißigjährigen Kriege vielgenannten Flecken

Rotenburg (2350 Einw.). Die Cuxhavener Bahn ist besonders wichtig,

seit sie von Stade und von Cuxhaven Verbindung mit Bremerhaven hat.

Die Lande am rechten Weserufer mit ihren Städten, Flecken und Dörfern

werden wir im Anschluß an die Beschreibung von Bremen im folgenden

Abschnitt kennen lernen.

~XV.~

Bremen und die Marschlande am rechten Ufer der Weser.

Deutsche Nordseeküste: Friesische Inseln und Helgoland. · 第 13 / 17 段