aufgeführte neue Leuchtturm mit weiter Rundsicht; westlich davon
erblickt man den „Pharus“, den alten Leuchtturm, welchen die
Hamburger um 1670 errichtet haben und in den ersten Zeiten durch
Kerzenlicht erleuchteten. Derselbe dient in der Gegenwart nur noch
als Signalstation. Bei Anlaß seiner Erbauung zeigte sich, daß die
Erderhebung, auf welcher er steht, ein alter Grabhügel war, der Urnen
und Gebeine enthielt. Ähnliche Grabstätten aus vorgeschichtlicher Zeit
dürften auch der Flaggenberg, der Bredberg und der Billberg gewesen
sein; vom Moderberg steht das unzweifelhaft fest. Im letzteren hat man
ein männliches Skelett, von zwei Gipsplatten eingeschlossen, gefunden,
eine Bronzewaffe und zwei goldene Spiralringe.
[Illustration: Abb. 131. ¯Inneres der Liudgerikirche in Norden.¯]
An der Falm, der Hauptverkehrsstation, „dem Ausguck der Helgoländer“,
wie sie genannt worden ist, steht das die kaiserliche Kommandantur
beherbergende Regierungsgebäude. Die Straße selbst mündet auf die
das Oberland mit dem Unterland vermittelst 188 Stufen verbindende
Treppe; in der Nähe ihres Fußes befindet sich die heilige Quelle, ein
Süßwasserbrunnen, an welchem der Sage nach die Taufen der von Liudger
bekehrten heidnischen Bewohner des Eilands stattgefunden haben sollen,
wie Müllenhoff in seinen Sagen, Märchen und Liedern der Herzogtümer
Schleswig-Holstein und Lauenburg erzählt. Im Unterlande finden wir
die zwecks Erforschung der Nordseefauna und -Flora im Jahre 1892 vom
preußischen Staate ins Leben gerufene biologische Anstalt mit dem
Nordseemuseum, das im alten Konversationshause untergebracht ist. Den
Grundstock des Museums bildet die vom Deutschen Reiche angekaufte
berühmte Gätkesche Vogelsammlung, welche im unteren Saale aufgestellt
ist, während die oberen Räumlichkeiten der Veranschaulichung der
marinen Tier- und Pflanzenwelt Helgolands und der Nordsee dienen.
Besondere Berücksichtigung haben dabei die nutzbaren Seetiere, wie
auch die verschiedenen Arten ihres Fanges gefunden. Die geologische
Beschaffenheit der Insel wird durch eine Sammlung von Gesteinen und
Fossilien erläutert.
Am 26. August 1841 dichtete hier auf dem England unterthanen Stück
deutscher Erde August Heinrich Hoffmann, in der Litteratur Hoffmann von
Fallersleben genannt, sein berühmtestes Lied „Deutschland, Deutschland
über alles, über alles in der Welt“. Zur Erinnerung an diese That
ist ihm 50 Jahre später am Meeresstrande Helgolands ein aus Schapers
Meisterhand hervorgegangenes Denkmal gesetzt worden, nachdem kurz
vorher, am 10. August 1890, Kaiser Wilhelm ~II.~ namens des Deutschen
Reiches wiederum von der Insel Besitz ergriffen hatte. Sie ist dann
dem schleswig-holsteinischen Landkreis Süderditmarschen zugeteilt
worden. 76 Jahre lang war Helgoland englisch gewesen; von 1674 bis
1714 hatte der Danebrog darüber geweht. In noch früheren Zeiten war
das Eiland abwechselnd Eigentum der Hansestadt Hamburg und der Herzöge
von Schleswig-Gottorp, die wiederum in normännischen Seeräubern und im
ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung in verschiedenen Friesenkönigen
ihre Vorgänger gehabt haben. Der bekannteste unter diesen letzteren
war nach des Alkuins Bericht König Ratbod, der als Bundesgenosse König
Dagoberts mit diesen zugleich von Pipin 689 bei Dorstedt geschlagen
worden ist und auf Helgoland eine sichere Zuflucht fand. Alkuin
erwähnt unser Eiland unter dem Namen Fositesland, dessen Identität
mit Helgoland jedoch von Adam von Bremen (nach 1072) als „Heiligland“
ausdrücklich bezeugt worden ist. Als der schon weiter oben erwähnte
Liudger, Bischof von Münster, um 785 die Insel auf Weisung Karls des
Großen hin aufsuchte, war dieselbe der geheiligte Wohnsitz des Gottes
Fosete, dessen Heiligtümer hier erbaut waren. Ob Helgoland bereits
den Römern bekannt gewesen ist, oder ob nicht, das muß dahingestellt
bleiben; nach gewissen Stellen in des Tacitus Germania sowie in dessen
Annalen wäre die Annahme nicht ganz von der Hand zu weisen, daß auch
schon römische Augen auf die roten Felsen Helgolands geschaut und
daß Wimpel römischer Schiffe, die des Germanicus Kohorten nach der
Schlacht auf dem idistavischen Felde aus der Ems in die Nordsee trugen,
nach Fositesland hinübergegrüßt haben könnten. Noch unbestimmter aber
ist es, ob Herr Pytheas von Massilia, der um die Zeit Alexanders des
Großen in das sagenhafte und vielfach und immer wieder anders gedeutete
Thule eine Reise gethan hat, seinen Fuß auf Fositesland setzte. Es ist
zuweilen die Ansicht laut geworden, daß die Bernsteininsel Abalus im
Busen Metuonis Helgoland gewesen sei. Aber wer mag das mit Bestimmtheit
wissen?
In den meisten Schriften früherer Jahrhunderte wird von unserer
Insel als vom „hilligen Lunn“ gesprochen, aus welcher Bezeichnung
das offizielle englische „Heligoland“ und das deutsche „Helgoland“
sich mit der Zeit herausgebildet haben. Auch der Name „Farria“ ist
bisweilen dafür gebraucht worden, der nach Lindemann am richtigsten als
„Far-öer“, „Schafinsel“ gedeutet wird, „denn Schafe waren früher in
großer Menge auf der Insel“.
In den Blättern der neuesten deutschen Kriegsgeschichte finden wir
Helgoland zweimal verzeichnet. Am 4. Juni 1848 fand hier die Feuertaufe
der deutschen Flotte statt, indem drei Schiffe des Deutschen Bundes mit
einer dänischen Segelkorvette ins Gefecht gerieten, und am 9. Mai 1864
kamen hier österreichische und preußische Kriegsschiffe mit einem Teil
der dänischen Flotte aneinander. Der Befehlshaber des österreichischen
Geschwaders, der spätere Seeheld von Lissa, Freiherr Wilhelm von
Tegethoff, hat sich bei diesem Anlaß die Kontreadmirals-Epauletten
geholt.
Kernig und kräftig ist der zum friesischen Stamme gehörige
Menschenschlag Helgolands, die Männer sind entschlossene und
willensstarke Leute, zierlich und schlank die Frauen und Mädchen.
Phlegmatische Ruhe ist der Grundcharakterzug der Bevölkerung; mitten in
den stürmischen Wogen des Meeres verliert der Helgoländer diese Ruhe
nicht, sondern bleibt kaltblütig und gelassen, eine Eigenschaft, die
für seinen Beruf als Seefahrer nicht hoch genug angeschlagen werden
kann. Am Althergebrachten hält er unwandelbar fest, so auch an der
friesischen Mundart, welche die Kinder dort schon sprechen, bevor sie
in der Schule deutsch reden lernen. Die schöne Nationaltracht der
Helgoländerinnen hat allerdings mit der Zeit der modernen Kleidung
weichen müssen und wird heutzutage nur noch bei besonderen festlichen
Gelegenheiten angelegt. Schiffahrt, Fischerei und Lotsendienst, und
nicht zum geringsten der Badebetrieb bilden die hauptsächlichsten
Erwerbsquellen der Inselbewohner. In früheren Jahrhunderten pflegten
gewaltige Heringszüge vor Helgoland zu erscheinen, und damit brachen
Zeiten des Glanzes und besonderen Wohlstandes für das Eiland an.
Die Gewässer wimmelten von fremden Schiffen, und große Faktoreien
entstanden auf der Insel. Schon im sechzehnten Jahrhundert fingen
die Heringszüge aber wieder an abzunehmen und waren im achtzehnten
Jahrhundert beinahe ganz verschwunden.
Gebilde des Zechsteins, der Trias und der Kreide nehmen am
geologischen Aufbau Helgolands teil. Die ältesten Ablagerungen der
Insel bestehen aus einer einheitlichen Folge rotbrauner, dickbankiger,
kalkhaltiger Thonschichten, die auf ihren Schichtflächen häufig
Glimmerblättchen führen, nur unterbrochen durch eine etwa 20 Centimeter
starke Schicht eines weißen zerreiblichen Sandes -- der Katersand
der Helgoländer. Eine Anzahl von Kupfermineralien, so Rotkupfererz,
Ziegelerz, Kupferglanz und gediegenes Kupfer kommt in diesen Thonbänken
vor, ebenso zeigen sich elliptische Kalkmandeln, im Inneren oft hohl
und an den Wänden mit Kalkspatkrystallen ausgekleidet, darin. Gemäß dem
Fallen und Steigen der Schichten taucht dieser untere Gesteinskomplex
etwa in der Mitte der Westseite aus dem Meer empor und steigt bis zur
Nordspitze derart an, daß er am Nathurn und Hengst fast den ganzen
Steilabfall bildet und nur noch durch wenige Meter mächtige Schichten
der darüber liegenden Gebilde der Trias überlagert wird.
Diese älteren Ablagerungen Helgolands, Äquivalente der Zechsteinletten,
also oberster Zechstein, sind, auch im unteren Elbgebiet, so an der
Lieth bei Elmshorn in Holstein, bei Stade in Hannover und auf dem
Schobüller Berg in der Nähe von Husum bekannt geworden.
[Illustration: Abb. 132. ¯Wangeroog.¯
(Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)]
Dem unteren Buntsandstein entspricht ein Wechsel von roten, schiefrigen
Thonen mit grünlich-grauen oder rot und grün gefleckten Kalksandsteinen
und dünn geschichteten grauen Kalken, ohne Beimengungen von Kupfererz.
Aus diesen Schichten setzt sich die Oberfläche der Insel zusammen. Aus
Bildungen des Muschelkalks und wohl auch des unteren Keupers sind die
Düne und die sich von dieser nordwestwärts erstreckenden Klippenzüge
des Wite Klif und Olde Höve Brunnens aufgebaut. Zwischen diesen
letzteren und der Hauptinsel dürfte wohl im Verlaufe der Aeonen eine
etwa 370 Meter mächtige Reihe von Sedimenten verschwunden sein, welche
den mittleren und den oberen Buntsandstein repräsentiert hat.
Ablagerungen des mittleren und oberen Keupers sowie der Juraformation
sind auf Helgoland unbekannt, dagegen finden sich dort Schichten
sowohl der unteren, als auch der oberen Kreide vertreten, teils als
anstehendes Gestein, teils in der Gestalt von Geröllen. Erstere
zeigt sich in dem etwa 500 Meter breiten, den ersten vom zweiten
Klippenzuge trennenden Graben, im Skit-Gatt. Fossilien aus diesen
als graue, schiefrige Thone oder gelbrote und gelbe thonige Kalke
auftretenden älteren cretaceischen Sedimenten stellen die von
den Helgoländern den Badegästen zuweilen zum Kauf angebotenen
„Katzenpfoten“ und „Hummerschwänze“ dar, Ausfüllungen der Luftkammern
von Cephalopodenschalen (Crioceras).
Auf den östlich vom Skit-Gatt sich hinziehenden, bei Ebbe hochgelegenen
Klippenzügen des Krid-Brunnens (resp. des Selle-Brunnens), des
Kälbertanzes und des Peck-Brunnens kommt die obere Kreide vor.
Cenomane Gesteine und solche der tiefsten Zone des Turons sind nur
aus Geschieben bekannt, während die Kreideschichten mit Feuerstein
am Krid- und am Selle-Brunnen den Zonen des Inoceramus Bonguiarti
und des Scaphites Geinitzi entsprechen, und in ähnlichem Gestein
des Peck-Brunnens das untere Senon anstehend nachgewiesen ist. Aus
Petrefaktenauswürflingen der See geht auch das Vorhandensein jüngerer
senonen Bildungen bei Helgoland hervor.
Die Diluvialablagerungen der Insel unterscheiden sich nicht wesentlich
von denjenigen Schleswig-Holsteins und des nordwestlichen Deutschlands,
und das in größeren Blöcken und in kleineren Geröllen auf der Insel
sowie auf der Düne herumliegende erratische Material stammt aus dem
mittleren und dem südlichen Schweden.
Zwischen der Hauptinsel und den die Fortsetzung der Düne bildenden
Riffen und Klippen liegt der Nordhafen. In einer -- geologisch genommen
-- sehr jungen Zeit stellte derselbe einen Süßwassersee dar. Den Grund
dieses Nordhafens bildet nämlich ein hellgrauer bis dunkelbrauner
Thon, von den Helgoländern Töck genannt, wobei zu beachten ist, daß
diese Bezeichnung auch noch auf die Gesteine der unteren Kreide
im Skit-Gatt angewandt wurde. In dem Töck des Nordhafens nun sind
zahlreiche Süßwassermollusken gefunden worden, welche sämtlich noch
unter der heutigen Fauna Norddeutschlands vertreten sind, und daneben
noch einzelne Pflanzenreste (Ahornblätter und anderes). Damit ist der
Beweis geliefert worden, daß der rote Felsen auf einer Insel lag,
welche eine Ausdehnung besaß, daß eine Süßwasserfauna und Landflora
auf ihr existieren konnten, daß also das Eiland ehemals, und zwar
schon in Zeiten der jetzt währenden Erdbildungsperiode -- ob sonst in
historischer Zeit, muß dahingestellt bleiben -- größer war, als in der
Gegenwart. Es ist aber nicht ein größeres Felseneiland gewesen, sondern
eine Geestinsel von gleicher Beschaffenheit etwa wie Sylt und die eine
Hälfte von Föhr, eine Geestinsel, aus welcher der rote Fels und das
weiße massige Gestein des Witen Kliff hervorragten.
[Illustration: Abb. 133. ¯Wangeroog, vom Leuchtturm gesehen.¯
(Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)]
„Helgoland,“ sagt Dames, „stellt einen vorgeschobenen Posten deutschen
Bodens dar. Durch seine Einverleibung in Deutschland ist auch politisch
ein Zusammenhang wiederhergestellt, der geologisch seit dem Schluß der
paläozoischen Formation fast ununterbrochen bestanden hat.“
[Illustration: Abb. 134. ¯Strand von Wangeroog, mit Seezeichen und
Giftbude.¯
(Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)]
Der schon früher bei der Besprechung seiner Vaterstadt Husum und a.
a. O. erwähnte „königliche Geographus und Mathematicus“ Johann Meyer
hat um das Jahr 1649 eine „Newe Landtcarte von der Insel Helgelandt“
gezeichnet und dazu eine höchst phantastische Darstellung dieser
Insel „in ~annis Christi~ 800 und 1300“, welche dem Buche Danckwerths
beigefügt ist. „Die Insel soll viel größer gewesen seyn, dann itzo“,
und „der Author der Land Carten hat davon zweyerley Vorbilde des
alten Heiligen Landes vorgestellet, ~de annis~ 800 und 1300, wie
man sie ~ex traditionibus~, ~sed humanis~ erhalten“, schreibt der
vormalige Bürgermeister der grauen Stadt am Meere dazu. Eben diese,
von der kritischen Forschung unserer Tage längst in das Reich der
Mythe verwiesene kartographische Darstellung des Eilands hat nicht
wenig dazu beigetragen, die alte Sage von der vormaligen gewaltigen
Ausdehnung Helgolands noch bis in die neueste Zeit hinein, und sogar in
wissenschaftlichen Lehrbüchern, aufrecht zu erhalten. Die Umrisse des
alten, von Meyer rekonstruierten Eilands verhalten sich zu denjenigen
der gegenwärtigen Insel etwa wie der Elefant zur Maus. Wenn man die
zuverlässigen und geschichtlichen Zeugnisse überblickt, so kommt man zu
dem bestimmten Schluß, daß das Eiland, soweit historische Nachrichten
zurückreichen, immer nur eine kleine, stark isolierte Insel mit einer
geringen Bewohnerzahl gewesen ist.
Daß der Umfang der Insel allmählich abnimmt und daß einmal eine
Zeit kommen muß und wird, in der die Meeresfluten ungehindert über
den Boden Helgolands dahinrollen werden, das ist jedoch sicher. Der
Verwitterungsprozeß am Gestein, hervorgerufen durch Frost, Sonnenwärme
und Niederschläge, unterstützt ferner durch die Thätigkeit gewisser
Meerestange (Laminarien) nagt unaufhaltsam an den Wänden und Klippen
des Eilands, und die zerstörende, am roten Felsen und seinen Riffen
stetig anprallende Brandungswelle übt eine noch vernichtendere Wirkung
daran aus. Wann das aber geschehen wird, das läßt sich in präzisen
Zahlen nicht ausdrücken. Der Zukunft mag’s vorbehalten bleiben, und
zweifelsohne werden noch Jahrtausende darüber hingehen bis zu dem
Zeitpunkte, an dem die letzte Felsenklippe Helgolands in die Wogen
hinabgestürzt sein wird.
Noch im siebzehnten Jahrhundert verband ein Steinwall, „de Waal“,
die Düne mit dem Unterlande Helgolands, so daß dadurch je ein nach
Norden und Süden geöffneter, halbkreisförmiger Hafen gebildet war. Im
Zusammenhang mit der Düne war ferner der in ihrem Nordwesten belegene
Klippenzug des Wite Klif. Um 1500 soll dieser weiße Gipsfelsen noch
so hoch gewesen sein, wie die Hauptinsel selbst; er verlieh der Düne
und dem Steinwall den nötigen Schutz vor dem Ansturm der Wellen, zumal
die Hauptströmung des Meeres von Nordwesten her eindrang. Nicht die
stark brandenden Wogen tragen aber die Schuld an der allmählichen
Zerstörung des Wite Klif allein, sondern die Bewohner Helgolands
selbst, indem sie Stücke von dem Felsen abtrugen und verkauften. Die
alte Bolzendahlsche Chronik der Insel verzeichnet im Jahre 1615 unter
anderen Begebenheiten auch noch den Umstand, daß „die Gips oder weiße
Kalksteine hier bey Lande bei der Wittklippe häufig vorhanden gewesen
und hat man die Last von zwölf Heringtonnen allhier verkauft vor 5
Pfund“. Am 1. November 1711, des Nachmittags um drei Uhr, wurde der
letzte damals noch vorhandene Rest des Wite Klif, „so bey zwölf Jahren
noch als ein Heuschober gestanden, durch eine hohe Fluth bey N. W. Wind
vollends umgeworfen und absorbiert“. Nach der Vernichtung des Felsens,
an den heute nur die bei tiefer Ebbe aus dem Meere hervorragende
Klippe erinnert, hielt der schmale Steinwall den Andrang der Wogen
nicht mehr lange aus. Ein „rechter Haupt-Sturm und hieselbst ein
ungemein hohes Wasser mit so grausamen Wellen, daß auch einige Häuser
und Buden bey Norden dem Lande wegspülten“, riß am Sylvesterabend und
dem darauffolgenden Neujahrstag gegen zwei Uhr den Steinwall zwischen
dem Lande und der Düne durch, „und war beynahe ein ganzes Jahr ein
Loch darin, daß man allemal mit halber Fluth mit Giollen und Chalupen
durchfahren konnte“.
Damit war die Düne für immer vom Haupteiland getrennt. Die andringenden
Wogen schwemmten die Geröllmassen und den Schutt des Steinwalls an
das Unterland an, welches dadurch bedeutend vergrößert wurde, so daß
am Strande neue Häuserreihen entstehen konnten. Dagegen nahm die Düne
besonders im Norden und Osten ab, und das blieb in der Folgezeit
lange so, bis vor etwa 30 Jahren eine allmähliche Versandung der
nordöstlichen Klippen und eine Änderung in der Strömung eintrat, die
seither eine Verringerung der Düne im Westen und eine Zunahme im Osten
bedingte. Besonders die Breite der Düne hat sich in der letzten Zeit
vergrößert, wie ihre Gestaltung denn abhängig ist von Meeresströmung
und Windrichtung, indem Nordostwinde sie verkleinern, Südwestwinde
dagegen zunehmen lassen.
Helgolands Flora stimmt, wie auch diejenige der übrigen nordfriesischen
Inseln, mit dem Pflanzenteppich der cimbrischen Halbinsel im großen und
ganzen völlig überein. Doch fehlen die Heidepflanzen hier völlig.
Sämtliche Holzpflanzen sind von Menschenhand an geschützten Orten
angepflanzt worden; in vergangenen Jahrhunderten war die Insel
baumlos. In der Gegenwart zeigt Helgoland verschiedene, teilweise
recht schöne Bäume, so den alljährlich reife Früchte tragenden, im
Jahre 1814 gepflanzten Maulbeerbaum im Garten des Pastors, die Ulmen
mit 1½ Fuß Stammesdurchmesser am Fuße der Treppe, die Ahornbäume der
Siemensterrasse im Unterland und noch andere mehr. Auf dem Oberlande,
in der Nähe des Armenhauses, dem „langen Jammer“, ist der größte
Blumengarten der Insel, eine Gärtnerei, in der neben vielen anderen
Zierpflanzen jährlich 4000 Rosenstöcke zur Blüte gelangen. Einen
Beweis der Vorliebe der Helgoländer für blühende Blumen geben die
zahlreichen Blumenstöcke und die zierlichen Gärtchen ihrer schmucken
Häuser. Bekannt ist der „Kartoffelallee“ benannte Spazierweg auf dem
Oberland, so benannt nach den an seinen beiden Seiten befindlichen
Kartoffelfeldern. Daneben wird noch etwas Klee, Gerste und Hafer
gebaut. Den Rest des Oberlandes nehmen Wiesen ein. Bei Niedrigwasser
zeigen sich rings um das Eiland weite, submarine Wiesen, von grünen,
roten und braunen Algen und Tangen bedeckt.
Ebensowenig, wie das auf den übrigen Nordseeinseln der Fall sein soll,
kommen Maulwürfe oder Spitzmäuse auf Helgoland vor. Auf der Sanddüne
haben früher Kaninchen in großer Anzahl ihr Unwesen getrieben. Durch
Unterwühlen und Abfressen der Pflanzen thaten sie großen Schaden,
so daß, wie Hallier berichtet, 1866 die Sandinsel geradezu ihres
Vegetationskleides beraubt war. In der Gegenwart dürften die kleinen
Tiere dort wohl vollständig ausgerottet sein. Haustiere, so Kühe und
besonders Schafe, werden von den Bewohnern in dem für ihren und ihrer
Badegäste Lebensunterhalt erforderlichen Verhältnis gehalten. Bei dem
in verflossenen Tagen auf dem Oberlande betriebenen Kornbau sollen auch
Pferde verwendet worden sein.
An Zugvögeln ist Helgoland besonders reich, und über 300 Vogelarten
statten im Früh- und Spätjahr auf ihren Wanderzügen der Insel ihren
Besuch ab. Unter ihnen finden sich zuweilen seltene Formen, sogar
solche aus Sibirien und Nordamerika. Möven, Taucher, Seeschwalben
und Strandläufer beleben das Eiland, auch Sperlinge fehlen nicht,
und auf einem Felsen an der Nordküste, dem Lummenfelsen, brüten die
Lummen, nordische Tauchervögel, die vom Februar bis Ende August auf
Helgoland erscheinen. Die Meeresfauna ist eine überaus reichhaltige,
und an schwülen Augustabenden rufen hier die zahlreich im oceanischen
Wasser vorhandenen Mikroorganismen die Erscheinung des Meeresleuchtens
besonders schön hervor, woran das funkelnde Leuchtbläschen (~Noctiluca
scintillans~) wohl einen Hauptanteil hat. Bei jeder Bewegung, beim
Ruderschlag, beim Hineinwerfen von Steinen ins Wasser, im Kielwasser
des Bootes und auf den Kämmen der sich überstürzenden Wellen funkelt
und erglänzt das Meer in phosphorischem Scheine.
Helgoland besitzt ein ausgeprägtes gleichmäßig mildes Seeklima und
weist infolgedessen im Spätherbst und Winteranfang (November, Dezember
und Januar) eine höhere Durchschnittstemperatur auf, als Bozen, Meran,
Montreux und Lugano. In diesen erwähnten Monaten ist die Insel, mit
zahlreichen, wahrscheinlich sämtlichen Städten Deutschlands verglichen,
der wärmste Ort. Der Herbst ist warm, der Winter mild, das Frühjahr
kalt, der Sommer kühl.
[Illustration: Abb. 135. ¯Spiekeroog.¯]
~XIII.~
Die Marschlande am linken Elbufer.
Ein breites Band fetter Marschländereien begleitet die linke Seite der
Elbe von dem aufblühenden Harburg, das durch gewaltige Elbbrücken mit
Hamburg verbunden ist (Abb. 100), an bis an die Mündungen des Stromes
in die See. Da ist zuerst vom Amte Moorburg an bis an das Ufer der
Schwinge das Alte Land, von den Schwingemündungen bis zu denjenigen der
Oste das Land Kehdingen, dann an der Oste die Ostemarsch, als schmaler,
sich südlich in die Geest hineinziehender Landstreifen zwischen
Kehdingen und dem Lande Hadeln. Dieses grenzt seinerseits an das Land
Wursten, das wir bei Besprechung der Marschen auf dem rechten Weserufer
kennen lernen werden.
[Sidenote: Das alte Land.]
Das Alte Land betreibt den Obstbau im großen und im Frühjahr, wenn
die zahllosen Kirschen-, Zwetschen- und Apfelbäume in Blüte stehen,
bietet es ein Landschaftsbild von besonderer Pracht dar. Alle Häuser
sind umgeben von den eben genannten Obstbäumen, zwischen denen auch
Walnuß- und Birnbäume in geringerer Menge zu sehen sind, und wo nur ein
Fleckchen frei ist, selbst auf den Deichen, werden dieselben bepflanzt.
Der Export des gewonnenen Obstes ist ein ungemein bedeutender und geht
neben Hamburg besonders in den Norden, so nach Dänemark, Schweden und
Norwegen und nach Rußland, selbst nach London. Daneben werden Ackerbau
und Viehzucht nicht vernachlässigt, von welchem etwa die Hälfte der
Bevölkerung lebt, -- in Bezug auf das Großvieh nimmt das „Alte Land“
eine bedeutende Stellung ein -- ebenso wird in einzelnen Gegenden viel
Gemüse, unter anderem besonders Meerrettich kultiviert. Die Einwohner
sind eingewanderte Niederländer, höchst wahrscheinlich Flamländer und
die lebendigsten und rührigsten sämtlicher Marschbewohner. Ihre Frauen
und Mädchen gelten als die schönsten und zierlichsten der Marschlande
überhaupt. Ihre eigenartig eingerichteten Häuser mit dem farben- und
formenreichen Vordergiebel, die Wahrzeichen an denselben, zwei Schwäne
darstellend, deren jeder sich in die Brust beißt, ihre schön gepflegten
Hausgärten und kleidsame, aber mehr und mehr in Abgang kommende Tracht,
sowie eine Anzahl besonderer Gebräuche und Sitten unterscheidet die
Altenländer scharf von ihren sächsischen Nachbarn.
[Sidenote: Buxtehude.]