Nimmer ruhender Fleiß und rastlose Thätigkeit verwischten binnen

wenigen Jahrzehnten nicht nur alle Spuren, welche die Fremdherrschaft

des Korsen in der Hansestadt hinterlassen hatten, sondern hoben deren

Wohlstand auf eine bisher noch nicht dagewesene Höhe empor. Dank

dieser zähen und trotz alles Mißgeschickes immer wieder üppigere

Blüten treibenden Energie und Lebenskraft vermochte Hamburg auch

das schreckensvolle Ereignis des großen Brandes überwinden, der am

5. Mai 1842 ausbrach und innerhalb einiger Tage den fünften Teils

ihres Weichbildes verzehrte. Aber schon drei Jahre nachher waren

die abgebrannten Stadtteile dem Phönix gleich desto schöner aus der

Asche erstanden. Welchen ungeahnten Aufschwung Hamburgs Handel in den

jüngstverflossenen 50 Jahren genommen hat, das haben wir schon weiter

oben gesehen.

Die Stadt Hamburg selbst mit ihren ehemaligen 15 Vororten (Rotherbaum,

Harvestehude, Eimsbüttel, Eppendorf, Borgfelde, Hamm, Hohenfelde u.

s. f.) zählt in der Gegenwart 668000 Einwohner. Der Fremde, welcher

die Stadt besichtigen will, wird seine Schritte wohl zuerst zu den

Hafenanlagen lenken, die sich etwa 8000 Meter weit auf beiden Ufern

der Elbe bis nach Altona hin erstrecken. Hunderte von großen und

kleinen Schiffen fast aller seefahrenden Nationen liegen dort, und ihre

so verschiedenfarbigen Flaggen und Wimpel bringen einen gar bunten

Ton in das großartige Bild. In neuester Zeit sind von verschiedenen

Unternehmern eigene Hafenrundfahrten für die auswärtigen Besucher ins

Leben gerufen worden, welche Gelegenheit bieten, unter sachkundiger

Führung nicht nur das großartige Leben und Treiben im Hafen selbst

in den Hauptsachen kennen zu lernen, sondern auch einen der großen

transatlantischen Dampfer eingehend in Augenschein zu nehmen. Auch

ein Besuch des gewaltigen am Kaiserquai erbauten Staatsspeichers mit

seinen ingeniösen Einrichtungen und des 32 Meter hohen Riesenkrans

sollte nicht versäumt werden. Auf luftiger Höhe über dem Hafen erhebt

sich das Seemannshaus, ein Asyl für alte und kranke Seeleute und ein

Unterkommen für beschäftigungslose Männer dieses Berufes, und nicht

weit davon ist auf einer schönen Terrasse die deutsche Seewarte

erbaut, ein Institut der deutschen Kriegsmarine (Abb. 60). Es werden

dort die meteorologischen Tagebücher und die nautischen Berichte

über Seehäfen und dergleichen Dinge aller deutschen Kriegsschiffe

und der größten Zahl deutscher Handelsschiffe, die freiwillige

Mitarbeiter sind, gesammelt und zu großen maritim-meteorologischen

Segelhandbüchern für die großen Weltmeere verarbeitet, und auch sonst

besondere meteorologische Arbeiten von weittragender wissenschaftlicher

Bedeutung, die Wetterkarten, welche auch in den bedeutendsten

Tagesblättern Veröffentlichung finden, und dergleichen mehr

veröffentlicht. Dann besorgt die Seewarte den für die Schiffahrt so

äußerst wichtigen Sturmwarnungs- und Witterungsdienst.

Durch allerlei alte und teilweise recht enge Straßen und Gassen,

welchen weder die Wohlgerüche des Morgenlandes noch die Reinlichkeit

holländischer Ansiedelungen zu eigen sind, gelangen wir zu der St.

Michaels-Kirche mit ihrem 132 Meter hohen Turm, einem Meisterwerk

des bekannten Architekten Sonnin, der sie 1762–1786 erbaute, nachdem

ein Blitzstrahl 1750 ihre Vorgängerin, die St. Salvator-Kirche,

eingeäschert hatte. Von hier ziehen wir über den Zeughausmarkt zum

Millernthor, und an Hornhardts Konzerthaus vorbei nach St. Pauli. Der

Spielbudenplatz mit seinen verschiedensten Lockungen für die nach

langer Seefahrt wieder festen Boden betretenden Seeleute, mit seinen

Wachsfigurenkabinetten, seinen Tingel-Tangeln, Theatern, Tanzlokalen,

Menagerien und solchen Dingen mehr vermag uns nicht lange zu fesseln.

Wir besteigen die elektrische Ringbahn, die uns auf breiter Straße,

zur linken Hand das weite Heiligengeistfeld, zur rechten schöne

Anlagen an der Stelle der ehemaligen Wälle, die schon mehrfach als

Ausstellungsplatz gedient haben, -- so 1897 bei Anlaß der hervorragend

schön gelungenen Gartenbauausstellung -- rasch zum Holstenthore bringt.

Hier erheben sich die neuen und weitläufigen Justizgebäude und das

Untersuchungsgefängnis, die wir zur Rechten liegen lassen, um am

botanischen Garten und den alten Begräbnisplätzen vorbei den Eingang

zum zoologischen Garten zu erreichen, der seinesgleichen in Deutschland

sucht, und zwar nicht nur wegen der Reichhaltigkeit seiner vierfüßigen,

fliegenden und kriechenden oder schwimmenden Bewohner, sondern auch

wegen seiner ganz wundervollen landschaftlichen Anlage. Eine prächtige

Aussicht auf den Garten selbst, dann aber auf die Riesenstadt und ihre

Umgebung gewährt die auf einem Hügel belegene Eulenburg. Das Aquarium,

das lehrreiche Einblicke in die marine Tierwelt und in die Fauna des

Süßwassers thun läßt, ist ein besonderes Schaustück.

Durch das Dammthor betreten wir die innere Stadt. Zunächst fesseln

am Stephansplatz der große Renaissancebau der kaiserlichen Post-

und Telegraphenverwaltung und das architektonisch nicht besonders

hervorragende, aber geräumige und durch seine künstlerischen Leistungen

bedeutende Stadttheater unsere Blicke, dann nimmt am Gänsemarkt

Lessings Bronzebild, von Schaper modelliert, unsere Aufmerksamkeit in

Anspruch. Der Dichter der Minna von Barnhelm ist auf hohem Granitsockel

sitzend dargestellt: an letzterem sind die Medaillons von Eckhof und

Reimarus angebracht.

Nun sind wir bis zur Binnenalster vorgedrungen. Das von Dampfschiffen,

Segel- und Ruderbooten und Frachtschiffen belebte Wasserbecken, auf

dem sich Schwäne und andere Wasservögel tummeln, bietet vollends vom

Jungfernstieg aus gesehen, ein ganz besonders anziehendes Bild. Ein

Rundgang um dasselbe lohnt der Mühe. Da ist der neuerdings verbreiterte

Jungfernstieg selbst, mit einer Reihe von großartigen Baulichkeiten

(Hamburger Hof, Filiale der Dresdener Bank), dann der Alsterdamm mit

seiner stattlichen Häuserreihe. Bald stehen wir auf dem parkartig

angelegten Platze vor der Kunsthalle und betrachten uns die von

Blumenteppichen umgebene Lippeltsche Statue Schillers. Der im Stil

italienischer Frührenaissance aufgeführte Ziegelbau der Kunsthalle

steht offen und ladet zu einer eingehenden Besichtigung seiner

zahlreichen Gemälde und plastischen Kunstwerke ein (Abb. 61–70).

Auf den in der Gegenwart schön angepflanzten ehemaligen Umwallungen

spazieren wir zur Lombardsbrücke. Weit schweift von hier der Blick

über die glänzende Fläche der Außenalster hin, deren grüne Ufer

dicht besetzt sind von Villen, Gärten-, Baum- und Parkanlagen. An

der linken Alsterseite erheben sich die Stadtteile St. Georg und die

langgedehnte Uhlenhorst, während die Dächer von Winterhude und von

Eppendorf dieses herrlichste aller deutschen Städtebilder im äußersten

Hintergrunde abschließen. Auf dem anderen Ufer wird das Wasserbecken

von den nicht selten schloßartig gebauten Häusern von Harvestehude und

des Rabenstraßenviertels umsäumt. Hier steigt das Gelände allmählich

an, während das linke Ufer flach ist, so daß beide Seiten des zur

See erweiterten Flusses landschaftlich starke Kontraste bilden. Am

Harvestehuder Weg wohnt das „reiche“ Hamburg, und dieses Wort will

etwas heißen. Durch die Rabenstraße und den Mittelweg führt uns der Weg

an das Alsterglacis und zurück auf die alten Umwallungen. Zur Zeit,

als Hamburg noch eine Festung war, lagen jenseits derselben am Flusse

einige Vergnügungsörter, wo man sich an den Genüssen der Tafel und des

Tanzes ergötzen konnte oder unter den Klängen von Musik und Gesang

auf der Alster umher gondelte. Ein deutscher Dichter aus jenen fernen

Tagen, Friedrich von Hagedorn, hat uns ein Lied davon gesungen.

An der Esplanade hat Hamburg seinen im Kriege von 1870–1871 gefallenen

Söhnen durch den berühmten Bildhauer Schilling ein schönes Denkmal

errichten lassen. Zwei der Hauptverkehrsadern Hamburgs zweigen sich

vom Jungfernstieg ab, die Große Bleichen und der Neue Wall. Großartige

Läden mit reichbesetzten Auslagen hinter den hohen Spiegelglasfenstern

bieten hier die verschiedensten Erzeugnisse der Kunst und Industrie zum

Kaufe an.

Nahebei, am Adolphsplatze, erhebt sich die schon vor 60 Jahren erbaute,

seitdem aber mehrfach vergrößerte und verschönerte Börse. Wenn man

den Elbstrom die Pulsader von Hamburgs Leben und Weben genannt hat,

so verdient die Börse dagegen die Bezeichnung vom Herzen seines

Handels. Hier ist zwischen ½2 und ½3 Uhr die kommerzielle Welt Hamburgs

versammelt, um ihre Geschäfte abzuschließen und abzuwickeln und jeden

Tag viele Millionen umzusetzen. Nebendran, auf dem Rathausmarkte,

befindet sich dann das politische Centrum des Freistaates, sein

Rathaus. Dieser imponierende und gewaltige Renaissancebau, aus

Sandstein aufgeführt, ist für das beim großen Brande von 1842

untergegangene alte Rathaus in den Jahren 1886–1897 erbaut worden.

Zahlreiche Bildwerke und Wappen aus Stein und Erz schmücken sein

Äußeres.

[Illustration: Abb. 126. ¯Rathaus in Leer, vom Hafen gesehen.¯

(Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)]

Die alte Domkirche Hamburgs, sein ältestes Gotteshaus, existiert

nicht mehr. Im Verlaufe der Zeit wurde es baufällig und kam 1805 zum

Abbruch. Seine Stelle als städtische Hauptkirche hat nunmehr St.

Nikolai eingenommen, die nach dem Brande von 1842 im gotischen Stil

des dreizehnten Jahrhunderts neu erstanden ist, und deren 147 Meter

hohe Turm, eins der Wahrzeichen Hamburgs, zu den höchsten Bauten

Europas gehört. Auch die schon um 1195 urkundlich erwähnte Petrikirche

wurde bei der Brandkatastrophe ein Raub der Flammen und stammt in

ihrer heutigen Gestalt erst aus dem Jahre 1849. Dagegen hat das

Feuer St. Katharinen verschont; durch einige alte Gemälde in ihren

Hallen, darunter ein schönes Altarblatt, ist ihre Besichtigung nicht

ohne Interesse. Reichhaltige Sammlungen zoologischer, geologischer,

mineralogischer und ethnographischer Natur birgt das am Steinwall

neuerbaute naturhistorische Museum. Es verfügt dasselbe nicht nur über

verhältnismäßig große Mittel, sondern die Munificenz der Hamburger

Kaufherren und Privatleute hat auch viel zu seiner Bereicherung

beigetragen. Im ehemaligen Realschulgebäude beim Lübeckerthor ist die

botanische Sammlung aufgestellt, deren kolonialer Teil nicht genug

gerühmt werden kann. Kein Besucher Hamburgs möge aber versäumen, dem

Museum für Kunst und Gewerbe in St. Georg einige Stunden aufmerksamer

Betrachtung zu schenken, das nächst seiner Schwesteranstalt in Berlin

wohl das beste seiner Art im Reiche ist. Die herrlichen Fayencen

und wundervollen geschnitzten alten Schränke und Truhen aus den

niederdeutschen und holländischen Gebieten sind das Entzücken aller

Kenner.

Zu den besichtigungswerten Dingen der Hansestadt gehören noch das große

Musterkrankenhaus von Eppendorf, ganz am Ende der Außenalster, und

die großartigen Friedhofsanlagen von Ohlsdorf, wo das still gewordene

Hamburg von dieses Lebens Hast und Kampf ausruht. Dann werden Fachleute

die Stadt nicht verlassen, ohne noch einen Blick auf die großen

Sandfiltrationen auf der Elbinsel Kaltehofe bei Billwerder geworfen zu

haben, welche das von der Wasserleitung Hamburgs gebrauchte Stromwasser

reinigen und genießbar machen. Diese Werke wurden 1893 nach der großen

Choleraheimsuchung angelegt.

[Sidenote: Wandsbek. Die Vierlande.]

Ein Zeitaufwand von nur wenig Stunden genügt, um die in nordöstlicher

Richtung gelegene, holsteinische Stadt Wandsbek an der Wanse kennen zu

lassen. Der 21700 Einwohner zählende Ort ist durch eine elektrische

und die Bahnlinie nach Lübeck leicht zu erreichen und bot den

Bankerottierern früher eine Freistatt dar, ein Umstand, welcher dem Ruf

des Städtchens begreiflicherweise nicht wenig geschadet hat. Friedrich

~V.~ von Dänemark hob im Jahre 1754 aber dieses sonderbare Privilegium

auf. Auf dem Friedhof Wandsbeks ist Matthias Claudius begraben, und im

nahen Gehölz hat die Stadt dem Wandsbeker Boten ein einfaches, aber

stimmungsvolles Denkmal gesetzt (Abb. 71).

Südlich von Hamburg ist Bergedorf, ebenfalls ein freundliches

Städtchen am Ufer der Bille. Es besitzt ein von schönen Gärten

umgebenes altes Schloß, das in der Vergangenheit eine Rolle gespielt

hat. Der Weg dorthin zieht an den bekannten Anstalten des „Rauhen

Hauses“ vorbei. Der Marschdistrikt zwischen Elbe und Bille, aus

den vier reichen Kirchspielen Neuengamme, Altengamme, Kurslack und

Kirchwerder, außerdem noch aus der Ortschaft Geesthacht bestehend,

führt den Namen „Vierlande“; derselbe ist vortrefflich angebaut und

von größter Fruchtbarkeit. Es ist Hamburgs Obst- und Gemüsegarten. Die

Vierländer zeichnen sich durch ihre Obst-, Erdbeeren-, Gemüsekultur und

Blumenzucht aus, die Reinlichkeit ihrer Behausungen ist sprichwörtlich

geworden. Originell ist die Frauentracht in den Vierlanden,

eigentümlich sind dort Sprache und Sitten (Abb. 72–77). Auch des

reizend gelegenen Kurortes Reinbeck an der Bille mit seinen vielen

Villen und Sommerhäusern und des nicht minder freundlich gelegenen

Aumühle sei hier gedacht, sowie des nahen Friedrichsruh, wo unweit von

seinem einfachen Schlosse, das die Zuflucht seiner letzten Lebensjahre

war, der Alte vom Sachsenwalde in einem zwar äußerlich schmucklosen,

aber würdigen Mausoleum zur Ruhe gebettet worden ist (Abb. 78–81).

St. Pauli verbindet Hamburg mit dem diesen gegenüber verhältnismäßig

jungen Altona, dessen Name urkundlich erst um 1547 Erwähnung gethan

wird.

[Sidenote: Altona.]

Altona ist Schleswig-Holsteins größte Stadt, zählt 156800 Einwohner

und liegt auf einem Höhenzuge, der ziemlich schroff gegen die Elbe

hin abfällt, so daß die zum Hafen führenden Straßen abschüssig sind.

Es besitzt eine in den letzten Jahren sich immer mehr ausbreitende

Handelsthätigkeit, besonders im Export mit Nordamerika, und hat in

neuerer Zeit Anstrengungen gemacht, um sich in der Hochseefischerei

einen achtunggebietenden Platz zu erobern, den es in früheren Jahren

schon einmal inne gehabt hatte. Sein Fischmarkt ist beträchtlich; im

Jahre 1898 erzielten die in Altona abgehaltenen Fischauktionen einen

Umsatz von 1993632 Reichsmark. Daneben blühen in der Stadt allerlei

industrielle Unternehmungen.

In architektonischer Beziehung bietet die Stadt Altona nicht viel.

Ihre Hauptstraße ist die Palmaille, eine mit schönen Linden bepflanzte

Verkehrsader, in der das eherne Standbild des früheren dänischen

Oberpräsidenten Grafen Konrad von Blücher steht. Ihm dankt die Stadt

ihre Errettung von dem Schicksale, zur Franzosenzeit in Brand gesetzt

zu werden. In der Königstraße pulsiert das gewerbliche Leben. Hier

befindet sich auch das hübsche Stadttheater und eine vom Bildhauer

Brütt geschaffene Statue des Fürsten Bismarck (Abb. 82–84).

Die sich an die Hamburger anschließenden Hafenanlagen Altonas sind

gut und zweckmäßig eingerichtet, haben geräumige, mit Lagerschuppen

versehene Kaibauten, starke Kräne neuester Konstruktion und stehen

durch ein Schienennetz mit der Eisenbahn in Verbindung. 1894 sind 938

Seeschiffe aus dem Altonaer Hafen ausgelaufen und 677 darin angekommen.

Die von überseeischen Ländern in gleichem Jahre eingeführten Waren

besaßen ungefähr 29000 Mark an Wert, die seewärts ausgeführten 11000000

Mark.

[Illustration: Abb. 127. ¯Emden, vom Hafen gesehen.¯]

Im Verlaufe ihrer Entwickelung hat die Stadt Altona nicht minder viele

Krisen durchzumachen gehabt, als ihre Nachbarstadt Hamburg. Zu den

schlimmsten Ereignissen, welche in ihren Annalen verzeichnet stehen,

dürften die Brandlegung der Stadt gehören, mit welcher sie Steenbock am

9.–11. Januar 1713 wegen des durch die Dänen verursachten Brandes von

Stade und einer nichtbezahlten Kriegskontribution bestraft hat. 1546

Wohnungen wurden durch Hineinwerfen von Pechkränzen und Brandfackeln

ein Raub der Flammen, und nur 693 Häuser blieben vom Feuer verschont.

Trotzdem blühte aber Altona im achtzehnten Jahrhundert rasch empor,

der Handel hob sich zusehends, besonders als ihm der in Nordamerika

entbrannte Krieg neue Bahnen eröffnete. Während der Zeit der

Kontinentalsperre stockten die Geschäfte aber wieder, der Wohlstand

verschwand, und Altona wurde eine recht stille Stadt, bis sie in

den letzten 40–50 Jahren, unter Preußens Oberhoheit, einen erneuten

Aufschwung genommen hat. Im Jahre 1835 zählte sie kaum 26300 Einwohner,

heute das Sechsfache dieser Zahl.

Seit dem Jahre 1889 ist Ottensen, dem ehemals der Ruhm zukam, Holsteins

größtes Kirchdorf zu sein, mit Altona vereinigt. Auf seinem Friedhofe

ruht unter einer alten Linde der Dichter Klopstock im gemeinsamen Grabe

mit seinen beiden Frauen aus. „Saat von Gott gesäet, dem Tage der

Garben zu reifen“ steht auf dem Grabstein zu lesen.

[Illustration: Abb. 128. ¯Am Delft in Emden.¯]

[Sidenote: Die Elbe unterhalb Hamburgs.]

Zwei Wege stehen uns offen, um von Hamburg-Altona an die See zu

gelangen. Der eine führt uns aufs Dampfboot, das uns in etwa 3½–4½

Stunden nach Cuxhaven bringt, der andere ist die Eisenbahnlinie,

welche über Harburg und Stade an der linken Elbseite das gleiche Ziel

erreichen läßt. Wir bestiegen einen der recht bequem eingerichteten

Dampfer der Nordseelinie, der alsbald die Landungsbrücke von St.

Pauli verläßt und seinen Bug elbabwärts wendet. Das rechte Stromufer

ist zunächst noch von allerlei industriellen Anlagen dicht bebaut,

bald aber treten diese zurück, Villen und Landhäuser mit prächtigen

Parkanlagen und große Vergnügungslokale mit weiten Gärten zeigen sich

im bunten Wechsel, darunter die vielbesuchten Neumühlen (Abb. 85)

und Teufelsbrücke. Dann erscheint das freundliche Blankenese am Fuße

des 76 Meter hohen Süllberges, eines bis an den Strom herantretenden

Vorsprunges der Geest (Abb. 86 u. 87). Dem linken Ufer sind breite und

flache Inseln vorgelagert, so daß dasselbe nicht besonders anziehend

erscheint und von dem Alten Lande wenig zu sehen ist. Gegenüber von

Nienstedten nahe bei Blankenese vereinigt sich die Süderelbe mit

dem Hauptstrom. Rechts folgen bald Schulau und dann die fruchtbaren

Marschen Holsteins, links bis nach Stade hin immer noch die grünen

dorfbesäeten Flächen des Alten Landes, welche nordwärts von der

ebengenannten Stadt in diejenigen des Landes Kehdingen und von hier

noch weiter nach Norden in die Landschaft Hadeln übergehen. Bei

Cuxhaven (Abb. 88 u. 89) ist die offene See beinahe schon erreicht. Nur

ein kurzer Aufenthalt, schon werden die Anker wieder gelichtet, und das

Schiff dampft seewärts, an Neuwerk und Scharhörn vorbei (Abb. 90 u.

91). Dann umspülen es die echten und rechten Nordseewellen, weit hinter

uns verschwindet allmählich das Land, und um uns herum ist nichts mehr

zu sehen, als das wellenbewegte Meer, über uns hängen graue Wolken

am Himmel. So geht es einige Zeit fort, bis plötzlich am Horizont

ein kleiner dunkler Punkt auftaucht. „Helgoland in Sicht!“ ruft der

Kapitän. Unter den Passagieren wird es lebendig, selbst die armen

Seekranken erheben sich von ihrem Schmerzenslager und schöpfen neuen

Mut. Fernstecher und Fernrohre werden hervorgeholt, Seekarten studiert,

Gepäck zurechtgelegt. Mit Macht arbeitet sich der Dampfer durch die

Wogen, der Punkt wird größer und größer, rasch kommen wir ihm näher,

und ebenso rasch verwandelt er sich auch in das rötlich schimmernde

Felseneiland, in dessen Hafen wir in wenigen Minuten vor Anker gehen

werden.

[Illustration: Abb. 129. ¯Rathaus in Emden.¯]

~XII.~

Helgoland.

Grön is det Lunn,

Road is de Kant,

Witt is de Sunn;

Deet is det Woapen

Vun’t „hillige Lunn“.

[Sidenote: Helgoland.]

Zwischen den Mündungen der Elbe und denjenigen der Weser, unter 54°

11′ nördlicher Breite und 7° 53′ östlicher Länge von Greenwich, 50

Kilometer von Neuwerk, 62 von Cuxhaven und ca. 150 von Hamburg entfernt

liegt Helgoland. Senkrecht bis zur Höhe von 58 Meter steigt dieses

jüngste Glied deutscher Erde aus den Fluten der Nordsee auf mit seinen

bräunlichrot gefärbten felsigen Kanten, die das ungefähr 46 Hektare

große Oberland tragen. Die Schichten der Insel fallen von Nordwesten

nach Südosten in einem Winkel von 10–15° ein. An der Ostseite steigen

die Felswände zumeist steil ab und bilden eine kahle Mauer, an der

Westseite jedoch zeigt die Insel ein abwechselungsreiches Bild der

Zerklüftung, mit Buchten, Felsthoren und einzeln dastehenden Pfeilern,

welche vom Mutterfelsen losgenagt worden sind, so den Mönch, den

Predigerstuhl und das Nathurn. Gegen Südosten ist dem Oberland das nur

wenige Meter über den Meeresspiegel erhabene, aber sehr geschützte

Unterland vorgelagert. Helgoland ist 0,59 Quadratkilometer groß, und

gestaltet als ein langes und schmales Dreieck, dessen Spitze, das eben

erwähnte Nathurn, nach Nordwesten gerichtet ist. Die größte Länge der

Insel mag 1600 Meter betragen, die größte Breite 500 Meter, der Umfang

des Oberlandes etwa 3000 Meter und derjenige des Unterlandes ungefähr

900 Meter (Abb. 1 u. 92–99).

Im Osten der Insel und etwa einen halben Kilometer davon entfernt

erstreckt sich die längliche, jetzt durch weit in die See hinaus

gebaute Buhnen vollkommen geschützte Düne. Ihr Untergrund besteht aus

geschichteten Gesteinen (Triasformation), wird jedoch von Rollsteinen

und Sanden bedeckt. Die Länge der Düne bei Ebbe mag etwa 2000 Meter

groß sein, bei 300 Meter Breite. Es ist so recht der Lebensnerv

Helgolands; dort befindet sich der schöne, stets steinfreie, feste

und ebene Badestrand. Die auf der Insel wohnenden Kurgäste erreichen

denselben vermittelst Überfahrt in Fährbooten, welche entweder durch

Riemen und Segel vorwärts bewegt oder seit dem Jahre 1897 durch einen

Dampfer geschleppt werden. Für diejenigen aber, welchen ein Bad in der

offenen See nicht zuträglich ist, ist ein geräumiges und möglichst

vollkommenes Badehaus mit hoher luftiger Schwimmhalle, warmen Seebädern

u. s. f. erbaut worden, das seinen Platz an der äußersten Südseite

des Unterlandes gefunden hat. Wenn stürmisches Wetter die Überfahrt

zur Düne nicht gestattet, ist damit ein gewisser Ersatz für die Bäder

in See gegeben. Die Düne setzt sich nach Nordwesten in riffartigen

Klippenreihen fort, die bei Niedrigwasser stellenweise freiliegen, wie

denn überhaupt das ganze Eiland von solchen Felsenriffen rings umgeben

wird. Letztere sind zwar den nahenden Schiffen gefährlich und die

Ursache zu vielen Strandungen gewesen, der Insel selbst aber bieten

sie als natürliche Wogenbrecher Schutz, indem sie den Hauptanprall der

Wellen von ihr fernhalten.

Unter der Zahl der Nordseebäder figuriert Helgoland seit dem Jahre

1823. Sein günstiges Inselklima und die reine, feuchte und warme

Seeluft, deren Wärme während der Monate Juni bis September zwischen 14°

und 15° ~C.~ schwankt, während die Nordsee als höchste und niedrigste

Temperaturen während der Badezeit 20° und 12° ~C.~ aufweist, haben dem

Eiland als Seebad im Laufe der Jahre immer mehr Freunde verschafft, so

daß der Fremdenbesuch sich stetig hob und damit Hand in Hand auch der

Wohlstand der Insulaner dauernd gestiegen ist. Die Fremdenfrequenz,

welche im Jahre 1890 noch 12732 Besucher aufweist, hat im Jahre 1898

schon die hohe Zahl 20669 erreicht.

[Illustration: Abb. 130. ¯Norden.¯]

Die Straßen des Ober- und Unterlandes mit ihren vom Dach bis zum Keller

blitzblanken Häusern machen einen gar freundlichen Eindruck. Ihrer

großen Reinlichkeit und Sauberkeit wegen sind die Bewohner Helgolands

ja bekannt. Interessant und eigenartig ist das Innere der Kirche,

deren Gewölbe mit den lukenartig geformten oberen Fenstern lebhaft an

das Innere eines Schiffes erinnert. Auf dem Altar stehen zwei große

silberne Leuchter, welche der Gemeinde Helgoland von dem als Oberst

Gustavsson bekannten entthronten König Gustav ~IV.~ Adolph von Schweden

zur Erinnerung an seinen Aufenthalt auf der Insel im Jahre 1811 verehrt

worden sind.

Deutsche Nordseeküste: Friesische Inseln und Helgoland. · 第 11 / 17 段