Pinneberg an der schon erwähnten, bis dahin schiffbaren Pinnau (3800

Einwohner) war lange Zeit hindurch der Sitz einer eigenen Linie der

Schauenburger Grafen. Es ist mit seinen herrlichen Buchenwaldungen

ein beliebter Ausflugsort der Hamburger Bevölkerung. In historischer

Beziehung ist es bekannt durch die Belagerung durch Tilly im Jahre

1627, der hier verwundet wurde, und dann hat es den Ruhm, den bekannten

schleswig-holsteinischen Geologen ~Dr.~ Ludwig Meyn hervorgebracht zu

haben. Das Gebiet zwischen Pinnau und Krückau pflegt man auch nach dem

alten Kirchdorfe Seestermühe die Seestermüher Marsch zu nennen, an die

sich dann südlich die eigentliche Haseldorfer Marsch anschließt. Auf

den geräumigen Vorlanden der letzteren, zwischen dem Deich und dem

Elbstrom gedeiht die Korbweide in großer Zahl und wird als Material für

Tonnen- und Faßbänder benützt. Dessen Zurichtung, das „Bandreißen“,

gewährt zahlreichen Bewohnern der dortigen Gegenden lohnenden Erwerb.

Auch das Rohrschilf (~Phragmites communis~) wird dort gezogen und

verwertet.

[Illustration: Abb. 117. ¯Geestemünde.¯]

Am schönen Haseldorfer Schloß, einem alten prächtigen Herrensitze

vorbei gelangen wir nach dem etwa 2000 Einwohner zählenden Städtchen

Wedel an der Wedelau, der zweitkleinsten Stadt Holsteins. Hier war in

alten Zeiten eine bedeutende Fähre über die Elbe, und Wedels große

Ochsenmärkte hatten eine ganz außerordentliche Bedeutung. Auf dem

Marktplatz steht eine alte Rolandssäule, um deren Restaurierung sich

der Stifter des Elbschwanenordens Johann Rist, der als Prediger zu

Wedel geamtet hat, Verdienste erwarb. Eine eigene Bahnlinie verbindet

Wedel über das an hohem Geestrücken malerisch an den Ufern der Elbe

gelegenen Blankenese mit den Städten Hamburg-Altona, die wir im

folgenden kennen lernen wollen.

~XI.~

Hamburg-Altona.

[Sidenote: Hamburg.]

Das Areal des Freistaates Hamburg mit der dazu gehörigen, 256 Hektare

großen Elbfläche, beträgt 414,97 Quadratkilometer und wird von

insgesamt 681632 Seelen bewohnt (Volkszählung vom 2. Dezember 1895.

Die Einwohnerzahl Hamburgs am 1. Dezember 1890 betrug dagegen 622530

Menschen). Danach kommen auf ein Quadratkilometer Landfläche 1642,61

Einwohner.

An den Mündungen der Alster und der Bille in den Elbstrom ist die Stadt

Hamburg erbaut. Die erstere, deren beide seenartigen Erweiterungen,

die Große oder Außenalster und die Kleine oder Binnenalster, dem

Städtebild Hamburgs besondere Reize verleiht, kommt aus der Gegend von

Poppenbüttel in Holstein und trägt durch ihre starke Strömung nicht

wenig zum Schutze des Hamburger Hafens vor Versandung bei, während

die Bille, im Amte Steinhorst entspringend, bis nahe an ihre Mündung

die Südostgrenze des eben genannten Herzogtums bildet, um im letzten

Teil ihres Laufes auf Hamburger Gebiet überzutreten. Die Elbe selbst

durchschneidet mit zahlreichen Armen das Marschgebiet der Stadt.

Die älteste Anlage Hamburgs befand sich nämlich auf der schmalen

Geestzunge, welche die Elbe von der Alster trennt. Zwischen dem

ersteren Strom und der Stadt lag eine erst später eingedeichte

Marschfläche, welche im Verlaufe der Zeiten dann bebaut wurde, deren

tiefer belegenen Teile aber bis in die letzten Jahre hinein bei den

Sturmfluten und bei starkem Hochwasser der Überschwemmung ausgesetzt

waren. Nicht mit Unrecht ist darum von einem sachkundigen Manne

behauptet worden, daß nicht die Nähe einer zum Weltmeer führenden

großen Wasserstraße die Gründung der Stadt Hamburg bedingt habe,

sondern daß der günstigen Baugrund darbietende Geestrücken, der hier

erleichterte Elbübergang und das große Wasserbecken der Alster (Abb. 48

u. 49) wohl die hauptsächlichsten Ursachen dafür gewesen seien.

[Illustration: Abb. 118. ¯Bremerhaven, vom Leuchtturm gesehen.¯]

Nordwärts von der Stadt breitet sich ein wellenförmiges, vom

Alsterthale durchschnittenes Gelände aus, die Geestlande, längs des

Elbstromes dagegen fette Marschlande. In treffender Weise hat man diese

Wasserstraße die Pulsader von Hamburgs Leben und Weben genannt. 135

Kilometer unterhalb der Stadt ergießt sich dieselbe in die Nordsee,

welche die regelmäßigen Tagesschwankungen ihres Wasserspiegels bis

nach Hamburg hinauf fortpflanzt. Von Hamburg abwärts hat die Elbe eine

so bedeutende, nur hin und wieder durch Sandplatten unterbrochene

Tiefe, daß Segler oder Dampfer vom größten Tiefgange bis an die

Stadt herankommen können, und durch kostspielige Baggerarbeiten wird

die Fahrrinne des Stromes stets offen gehalten. An der Ostseite, am

Deichthor, tritt ein schmaler Elbarm in die Stadt ein und teilt sich

hier in mehrere Kanäle, die sogenannten Fleete, um sich weiter unten,

im Binnenhafen, wiederum mit dem Hauptstrom zu vereinigen. Diese

Fleete schlängeln sich auf der Hinterseite der Häuser durch die untere

Stadt, wo die großen Speicher und Magazine sich befinden, und werden

mit Booten befahren, welche die eingegangenen Waren, die Erzeugnisse

aller Zonen des Erdenrundes, aus dem Hafen holen und die zur Ausfuhr

bestimmten Produkte deutscher Arbeit nach dem Hafen zum Verladen

auf die Schiffe führen. Auch die Alster spaltet sich innerhalb des

Weichbildes Hamburgs in mehrere Fleete, die zur Zeit der niedrigsten

Ebbe allerdings halb trocken liegen, da das Wasser des erwähnten

Flusses zu ihrer Speisung nicht ausreicht, dagegen bei eintretender

Flut rasch von den aufsteigenden Fluten der Elbe gefüllt werden (Abb.

50 bis 58).

[Illustration: Abb. 119. ¯Das Schloß in Oldenburg.¯]

„Für den Verkehr auf der Elbe selbst,“ sagt Hahn, „ist Hamburg ein

weit wichtigerer Grenzort zwischen Fluß- und Seeschiffahrt, als Bremen

dies für die Weser ist. Die Elbe ist der Weser gegenüber fast in allen

Beziehungen im Vorteil. Die Weserschiffahrt reicht kaum bis in das

nördliche Hessen, die Elbe dagegen beherrscht mit ihren Nebenflüssen

noch einen ansehnlichen Teil von Sachsen und Böhmen. Sie steht mit Oder

und Weichsel durch die märkischen Kanallinien in Verbindung, während

die Weser nur auf sich selbst angewiesen ist. Ist auch die Elbe, wie

alle deutschen Flüsse, vom Ideal einer Wasserstraße ziemlich weit

entfernt, so fehlen ihr doch so auffällige Schiffahrtshindernisse, wie

sie an der Weser zwischen Minden und Karlshafen, namentlich bei Hameln

vorkommen.“

Während im Verlaufe der Zeit die Süderelbe immer mehr dem Schicksal

der Versandung anheimgefallen ist, nahm die Norderelbe zusehends an

Bedeutung zu. An ihren Ufern entstanden die ersten Hafenanlagen,

Kaimauern wurden gebaut, Pfahlreihen in das Flußbett geschlagen, und es

entwickelte sich hier der Hafen- und Liegeplatz der Schiffe. Bis zur

Mitte des neunzehnten Jahrhunderts dauerte dieser Zustand an. Immerhin

war dadurch der ganze Hafenverkehr ein noch recht primitiver, zumal

besondere Lösch- und Ladevorrichtungen fehlten und die Waren aus den

Seeschiffen vermittelst der Schuten und Leichter nach den Lagerschuppen

übergeführt wurden. Als aber bei der stetig zunehmenden Entwickelung

der Seeschiffahrt diese Übelstände und besonders auch der Platzmangel

sich recht merklich fühlbar machten, ging man an das Errichten von

Dockhäfen und Kaianlagen mit genügender Wassertiefe, an denen die

großen Fahrzeuge direkt anlegen konnten und in die Lage versetzt

wurden, mit Hilfe mächtiger Kranen Löschen und Laden rasch und bequem

zu bewerkstelligen. Die langen Kaistrecken wurden mit Schienengeleisen

versehen und dadurch die Hafenbauten in direkte Verbindung mit den

inzwischen ebenfalls entstandenen Bahnhöfen und Eisenbahnlinien

gebracht.

Auch diese eben geschilderten Hafenanlagen genügten dem gewaltig

emporwachsenden Bedürfnis des Verkehrs nicht mehr, und der am 15.

Oktober 1888 vollzogene Zollanschluß Hamburgs mit Altona und Wandsbek

an das Reich bedingte vollends gänzlich veränderte Hafenverhältnisse in

diesem ersten Seehandelsplatz Deutschlands.

Die Folge dieser Umstände war eine gründliche Umwälzung der

Hafenbauten Hamburgs, und es entstand das Freihafengebiet, das von

1883–1888 mit einem Kostenaufwand von über 120 Millionen Mark, von

welchen das Reich 40 Millionen zu tragen hatte, geschaffen wurde.

Ein ganzer Stadtteil des alten Hamburgs ist niedergerissen worden,

um den neuen Hafenanlagen Platz zu machen, etwa 20000 Einwohner

mußten anderswo untergebracht und an 1000 Häuser expropriiert werden.

Durch dieses großartige Unternehmen wurde die Stadt mit ihrer ganzen

Bevölkerung und ihren sämtlichen Verkehrsanlagen in das Zollinland mit

eingeschlossen, ohne daß aber die freie Bewegung des Schiffsverkehrs

und des großen Warenhandels dadurch preisgegeben worden ist. Auch für

die Lagerung und gewerbliche Verarbeitung der dem Ausland entstammenden

Rohmaterialien wurde im Freibezirk genügender Raum vorgesehen, so daß

auch fernerhin die Exportindustrie ohne jede Zollkontrolle ermöglicht

ist. Der Zollkanal und schwimmende Schranken im Elbstrom grenzen das

Freihafengebiet gegen die Stadt hin ab; es erstreckt sich 5 Kilometer

in die Länge und 2 Kilometer in die Breite und umfaßt etwa 300 Hektar

Wasserfläche und 700 Hektar Land.

[Illustration: Abb. 120. ¯Rathaus in Oldenburg.¯]

Und schon wieder sind abermals große Erweiterungen der Hafenanlagen

Hamburgs ins Auge gefaßt worden, welche bereits die Genehmigung der

maßgebenden Behörden erlangt haben und wohl in den nächsten Jahren der

Verwirklichung entgegensehen werden. Das kann uns aber bei dem enormen

Aufschwung, den Hamburgs Handel während der jüngstverflossenen Jahre

genommen hat, nicht wundern. Einige Zahlen mögen das belegen:

Im Jahre 1897 sind -- nach den Aufzeichnungen des statistischen Büreaus

in Hamburg -- im dortigen Hafen eingelaufen:

11173 Seeschiffe mit insgesamt 6708070 Registertonnen Rauminhalt.

Davon waren 3336 Segler mit 672374 Registertonnen und 7837 Dampfer mit

6035696 Registertonnen.

Aus dem Hamburger Hafen sind während derselben Zeit ausgelaufen:

11293 Seeschiffe mit 6851987 Registertonnen, und zwar 3367 Segler mit

698303 Registertonnen und 7926 Dampfer mit 6153684 Registertonnen.

Nach der vom Deutschen Reich herausgegebenen Statistik wies Hamburgs

Seeverkehr im Jahre 1898 insgesamt folgende Zahlen auf -- (die

angekommenen und abgegangenen Schiffe zusammengezählt, und davon die

Hälfte):

11163 Schiffe mit 7273778 Registertonnen (netto).

In den zum Gebiet der freien Hansestadt Hamburg gehörigen Häfen waren

am 1. Januar 1897 beheimatet:

Segler 430 mit 205842 Registertonn. br.

Dampfer 388 " 764146 " "

--------------------------------

Summa 818 Schiffe mit 969988 Registertonn. br.

Davon gehören dem Hamburger Hafen besonders:

Segler 275 mit 200276 Registertonn. br.

Dampfer 387 " 763923 " "

-------------------------------

Summa 662 Schiffe mit 964199 Registertonn. br.

Im Jahre 1900 besitzt Hamburg 690 Schiffe mit 767168 Registertonnen

netto, davon 392 Dampfschiffe mit 542200 Registertonnen.

Hamburg hat die größte Seglerflotte Deutschlands, sowohl was die Zahl,

als auch was den Rauminhalt der Schiffe betrifft, und ebenso ist

seine Dampferflotte derjenigen der übrigen deutschen Seehäfen weit

voran, indem sie mehr als die Hälfte des gesamten Dampferraumgehalts

aller deutschen Küstenstaaten ihr eigen nennt. Im Jahre 1897

zählte Hamburg sieben Schiffe von mehr als 6000 Registertonnen zu

seinem Flottenbestand. Innerhalb der letzten 50 Jahre hat sich der

Schiffsbestand Hamburgs an Zahl der Schiffe fast auf das Dreifache und

an Raumgehalt der Schiffe fast auf das Fünfzehnfache vermehrt.

Einige wenige Angaben über die Größe der deutschen Kauffarteiflotte

überhaupt, mögen hier wohl am Platze sein. Dieselbe nimmt unter den

Handelsflotten der Erde jetzt den zweiten Platz ein und dürfte etwa

750 Millionen Mark Wert besitzen. Die Reichsstatistik vom 1. Januar

1897 ergibt an registrierten Fahrzeugen von mehr als 50 Kubikmeter

Bruttoraumgehalt:

3678 Schiffe mit einem Gesamtraumgehalt von 2059948 Registertonnen

brutto und 1487577 Registertonnen netto.

Davon waren:

2552 Segler mit 632030 Registertonnen brutto und 1126 Dampfer mit

1427918 Registertonnen brutto.

Der Löwenanteil dieser Flotte fällt, wie wir weiter oben schon gesehen

haben, Hamburg zu. Ein Vergleich dieses seines Schiffsbestandes mit

demjenigen der in dieser Beziehung drei nächstfolgenden deutschen

Seehäfen ist von großem Interesse:

=====================================================================

Hafen Segel- Rauminhalt, Dampf- Rauminhalt, Schiffe Rauminhalt,

schiffe Reg.Tonnen, schiffe Reg.Tonnen, insgesamt insgesamt

brutto brutto Reg.Tonnen,

brutto

=====================================================================

Hamburg 275 200276 387 763983 662 964259

Bremen 177 161845 170 334668 347 496513

Bremerhaven 30 37036 48 34404 78 71440

Flensburg 8 1432 61 57572 69 59004

[Illustration: Abb. 121. ¯Der Stau in Oldenburg.¯]

Im Jahre 1897 betrug das Gewicht der Gesamteinfuhr im Hamburger Hafen

122598236 Doppelcentner und dasjenige der Gesamtausfuhr 79451087

Doppelcentner. Die Gesamteinfuhr und -ausfuhr betrugen also 202043323

Doppelcentner.

1851 hatte sie 15279249 Doppelcentner betragen, sie hat sich demnach

seit dieser Zeit um das Dreizehnfache vermehrt.

Der Wert der Gesamteinfuhr im Hamburger Hafen war im Jahre 1897

= 3026582308 Mark, und zwar verteilte sich derselbe auf die

Hauptwarengruppen, wie folgt:

Verzehrungsgegenstände 36,4%

Bau- und Brennmaterial 2,0"

Rohstoffe und Halbfabrikate 52,0"

Manufakturwaren 3,4"

Kunst- und Industriegegenstände 6,2"

-------

100%

Der Wert der Gesamtausfuhr war = 2693445570 Mark, der Gesamtwert der

Ein- und Ausfuhr zusammen betrug 1897 im Hamburger Hafen also:

5720027878 Mark,

gegen 920166156 Mark im Jahre 1851, so daß sich derselbe seither also

versechsfacht hat.

[Illustration: Abb. 122. ¯Die Lambertikirche in Oldenburg.¯]

Wichtige Handelsartikel sind Kaffee, Zucker, Spiritus, Farbstoffe,

Wein, Eisen, Getreide, Butter, Häute, Galanteriewaren, letztere fünf

besonders in der Ausfuhr, und Kohlen (1897 Einfuhr von etwa 21,5

Millionen Doppelcentner von England und 9,7 Millionen Doppelcentner

deutsche Kohlen). Von den bedeutenderen Industriezweigen Hamburgs

selbst nennen wir Dampfzuckersiedereien, Wachsbleichen, Cigarren-

und Tabakfabriken, Chemikalien, Lederwaren, Maschinen, Stöcke,

Musikinstrumente, Schiffsbau (Blohm und Voß, Reiherstiegwerft) und

die dazu gehörigen Gegenstände wie Ankertaue, Seile, Segeltuch, Anker

u. s. f., Branntweinbrennereien, Eisengießereien, Maschinenfabriken,

Manufakturen für Kautschuk- und Guttaperchawaren, Seifen- und

Leimsiedereien, Konservenfabriken u. s. f.

Weltberühmt sind Hamburgs Reedereien, in erster Linie die über eine

Gesamttonnage von 541083 Registertonnen brutto verfügende im Jahre 1847

gegründete Hamburg-Amerikanische-Packetfahrt-Aktien-Gesellschaft, die

größte Reederei der Erde. Weitere Schiffe von 116300 Registertonnen

Rauminhalt hat die Gesellschaft z. Z. im Bau. Vergessen wollen wir hier

nicht die den Schiffsverkehr zwischen Hamburg und verschiedenen Küsten-

und Inselorten vermittelnde Nordseelinie, deren bequem und luxuriös

eingerichtete Dampfer für die Reisenden in die Nordseebäder besonders

in Betracht kommen (Abb. 59).

Daß Hamburg einer der wichtigsten Auswanderungshäfen Deutschlands ist,

das ist ja bekannt, und wenn in den letzten Jahren die Auswanderung aus

Deutschland auch erheblich zurückgegangen ist, so dürfte das bei der

jährlichen Bevölkerungsvermehrung im Reiche doch nicht lange anhalten,

und ein Wiederanwachsen des Auswanderungstriebes wird wohl bald wieder

bemerkbar werden.

Der Freistaat Hamburg wird regiert vom Senat und der Bürgerschaft

als gesetzgebenden Faktoren, und vom Senat als der vollziehenden

Gewalt. Die Verwaltung geschieht durch die sogenannten Deputationen

oder Kollegien, deren jede von einem Senator geleitet wird; die

Militärhoheit übt Preußen aus. Die vorwiegende Konfession ist die

protestantische, etwa 24000 Seelen der Bevölkerung bekennen sich

zur römisch-katholischen Kirche, und ungefähr 18000 gehören der

israelitischen Religion an. Der Rest verteilt sich auf andere

Glaubensgemeinschaften. Durch ein Oberlandesgericht, ein Landgericht

und verschiedene Amtsgerichte ist für die Rechtspflege gesorgt, sehr

gut ist das Unterrichtswesen eingerichtet. Hervorragend ist die

Rolle, die Hamburg in der Entwickelung der deutschen Litteratur und

Kunst gespielt hat. Wem fielen da nicht die Namen Schröder, Lessing,

Klopstock, Matthias Claudius, die Neuberin und noch andere mehr ein?

Auch Heinrich Heine gehört so etwas zu Hamburg, wenn er auch sonst

nicht recht gut auf die alte Hansestadt zu sprechen war.

Ihr Wolken droben, nehmt mich mit,

Gleichviel nach welchem fernen Ort!

Nach Lappland oder Afrika,

Und sei’s nach Pommern -- fort! nur fort!

singt er einmal in jungen Tagen, von der Sehnsucht ergriffen, aus

dieser Stadt „des faulen Schellfischseelendufts“ herauszukommen.

Vor mehr als zweihundert Jahren fand die erste deutsche Opernbühne ihr

Heim in Hamburg, und der Sinn für das Musikdrama und das Singspiel hat

sich in seinen Mauern seither nicht vermindert. Manches Meisterwerk

dieser Gattung, das nachher seinen Triumphzug durch die weite Welt

gehalten hat, erblickte hier zuerst das Licht der Lampen; wir erinnern

nur an Flotows Alessandro Stradella, dessen erste Aufführung am

Weihnachtstage 1844 in Hamburgs Theater erfolgte, und an den am 15.

April 1845 hier begonnenen Siegeslauf von Lortzings Undine.

Hamburgs Bevölkerung ist äußerst intelligent und besitzt einen

ausgesprochenen Zug für die praktischen Seiten des Lebens, ohne

daß aber das Geistige nicht auch seine Rechnung dabei fände. Diese

praktische Veranlagung, verbunden mit einem hohen Maße von Energie

bildet einen der bezeichnendsten Charakterzüge des Hamburger

Kaufmanns. Rasch und bestimmt wird alles abgewickelt, denn Zeit ist

Geld. Dabei zeigt der wohlhabende Hamburger eine ausgeprägte Vorliebe

für ein wohlgepflegtes Äußeres und schätzt die Genauigkeit und

Pünktlichkeit nicht nur im geschäftlichen, sondern auch ebensosehr

im gesellschaftlichen Leben. Letzteres ist in vielen Dingen nach

englischem Muster zugeschnitten.

Harte und herbe Urteile sind bisweilen über die Hamburger

gefällt worden, Pfeffer- und Kaffeesäcke hat man sie gescholten,

indem man ihnen dabei jede tiefergehende Neigung für des Lebens

idealere Güter von vornherein absprach. Aber das ist alles nicht

wahr. Hochentwickelter Gemeinsinn, gepaart mit einem großen

Wohlthätigkeitstrieb, gehört mit zu den allerbesten Eigenschaften des

Hamburger Bürgers. Nicht nur die zahlreichen Anstalten und milden

Stiftungen für Waisen, Arme, Kranke und die von den Schlägen des

Schicksals hart Betroffenen zeugen öffentlich für diesen Hang des

Hamburgers zum Wohlthun, sondern in noch viel höherem Maße ist das mit

jenen thätlichen Äußerungen der Nächstenliebe der Fall, von denen die

Allgemeinheit nur wenig bemerkt, und die zu jener Art von Handlungen

gehören, welche die linke Hand nicht wissen lassen, was die rechte thut.

Hamburgs Gründung fällt in Karls des Großen Zeit, welcher hier eine

Kirche und eine Burg errichtete. Unter Ludwig dem Frommen wurde der

Ort der Sitz eines nordischen Metropoliten, den zuerst der berühmte

Mönch von Corvey, Ansgar, der Apostel des Nordens, innegehabt hat.

Von hier aus nahm das Christentum seinen Weg in die mitternächtigen

Länder. Unter den holsteinischen Grafen wuchs Hamburgs Bedeutung, die

nach Bardowieks Zerstörung durch Heinrich den Löwen noch mehr zunahm.

Schon um 1255 besaß die Stadt ein eigenes Stadtrecht, seit 1255 die

Münzgerechtigkeit, und im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert sehen

wir sie als ein starkes Glied des mächtigen Hansabundes, an dessen

wichtigen Unternehmungen sie lebhaften Anteil genommen hat. Seine sich

immer vergrößernde Geldmacht und seine kluge Politik gewannen Hamburg

den Schutz des deutschen Reiches, und neben der einsichtigen Benutzung

von Handelsvorteilen aller Art, welche Örtlichkeit und die Verhältnisse

darboten, dachte seine strebsame Bürgerschaft, besonders seit dem

fünfzehnten Jahrhundert an den Ausbau ihres Staatsorganismus.

[Illustration: Abb. 123. ¯Wilhelmshaven. Kriegshafen und Hauptschleuse.¯

(Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)]

Kaiser Maximilian nahm die Stadt um 1510 in die Reihe der

Reichsstädte auf, nachdem sie bereits seit 1470 zum Reichstage berufen

worden war. Günstig beeinflußt wurde die Entwickelung Hamburgs durch

die Entdeckung Amerikas und des Seewegs nach Ostindien. Dagegen hatte

es durch die jahrhundertelang fortgesetzten Angriffe Dänemarks,

des Erben der schauenburgischen Hoheitsrechte, auf ihre städtische

Selbständigkeit nicht wenig zu leiden. Erst im Vergleich von 1768

wurde die Unabhängigkeit Hamburgs vom Gesamthause Holstein dauernd

festgestellt. Fast gar nicht berührt wurde die Stadt von den Schrecken

des dreißigjährigen Krieges trotz des vielfachen Vorbeiziehens von

allerhand Kriegsvölkern in der Nähe ihrer Mauern. Doch geriet Hamburg

über den Zoll mit Christian ~IV.~ in Streitigkeiten, die zu einem Kampf

zwischen hamburgischen und dänischen Schiffen auf der Elbe führten,

jedoch 1643 durch Entrichtung einer Abfindungssumme an Dänemark zum

Abschluß gebracht wurden. Als nun am Ende des siebzehnten Jahrhunderts

viele Flüchtlinge aus Frankreich sich in der Stadt ansiedelten und

Großhandel betrieben, erhöhte sich der blühende Zustand von Handel

und Schiffahrt immer mehr, und neue kommerzielle Verbindungen kamen

zu stande. Allerlei Mißhelligkeiten und Zwietracht zwischen dem Rat

und der Bürgerschaft, dann ferner noch Fehden und Streit mit dem

Herzog von Braunschweig-Lüneburg, mit den dänischen Königen und

noch anderen mehr hatten eine Zeit des Rückganges zur Folge, die

jedoch mit dem zwischen Holstein und Hamburg zu Gottorp am 27. Mai

1768 abgeschlossenen Vertrage einer neuen Periode des Aufschwungs

weichen mußte. Hamburg erhielt unbeschränkte Handelsfreiheit, König

Christian ~VII.~ von Dänemark erkannte dessen Reichsunmittelbarkeit

an, die Grenzstreitigkeiten hörten auf, und so konnte der Schluß

des achtzehnten Jahrhunderts noch eine große Anzahl zweckmäßiger

Anordnungen und Einrichtungen zur gedeihlichen Fortbildung des Handels

und der Erwerbszweige registrieren. Die politischen Stürme und

Umwälzungen, denen in den letzten Jahren des achtzehnten und in den

ersten des neunzehnten Säculums Europa zum Opfer fiel, haben auch für

Hamburg allerlei böse Zeiten mitgebracht. Erst zog der Landgraf Karl

von Hessen mit den Dänen in seine Mauern ein, dann kam der Marschall

Mortier mit seinen Franzosen, und am 18. Dezember 1810 verleibte ein

Napoleonisches Dekret die deutsche Hansestadt dem französischen Reiche

ein. Unberechenbare Nachteile und Zerrüttungen erlitt in jenen Zeiten

die Stadt; starke Einquartierungen, Kontributionen, die Blockierung der

Elbe durch die Engländer und noch anderes Elend mehr ließen Handel und

Wohlstand immer tiefer sinken. So ging das bis zum März 1813; da schien

es, als ob die Zeit des Unglücks vorbei wäre. Die Franzosen zogen ab,

Tettenborn rückte ein, der Senat nahm die Regierung der Stadt wieder in

seine Hände. Aber die Stunde der Erlösung hatte noch nicht geschlagen.

Am 30. Mai mußte der russische General Hamburg wieder räumen, und die

Franzosen schlugen abermals ihr Quartier darin auf. Hamburg wurde außer

dem Gesetze erklärt, mußte 48 Millionen Franken Strafgelder zahlen und

unter Vandamme und Davoust schwere Unbill erdulden. Napoleons Fall

machte auch diesen bösen Tagen ein Ende, am 25. April 1814 hatten seine

Truppen Hamburg geräumt, und unter großem Jubel der Einwohner zog Graf

Bennigsen in die befreite Stadt ein.

[Illustration: Abb. 124. ¯Das Rathaus in Wilhelmshaven.¯

(Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)]

[Illustration: Abb. 125. ¯Denkmal Kaiser Wilhelms ~I.~ in

Wilhelmshaven.¯

(Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)]

Deutsche Nordseeküste: Friesische Inseln und Helgoland. · 第 10 / 17 段