Husum-Tönning-Garding sind die Adern des Verkehrs in Eiderstedt. Große
Städte hat es nicht; die größte, Tönning, zugleich Sitz des Landrats,
hat etwa 3300 Einwohner. Sie liegt an der Eider, nur wenige Meilen von
deren Mündung entfernt, und hat einen 1613 von Herzog Johann Adolph
mit großem Kostenaufwand angelegten, früher recht bedeutenden Hafen,
der an 100 Schiffe mittlerer Größe, deren Tiefgang nicht mehr als elf
Fuß betrug, fassen konnte. In der Gegenwart kommt derselbe nicht mehr
in Betracht, und von dem lebhaften Handel, den sie ehemals betrieb,
ist in der recht still gewordenen Stadt wenig mehr zu merken. Am 1.
Januar 1891 war ihr Schiffsbestand sechs Segler und acht Dampfschiffe
groß, mit insgesamt 5081 Registertons Rauminhalt (Abb. 12). Besondere
Berühmtheit in der Kriegsgeschichte Schleswig-Holsteins hat Tönning
durch das Bombardement im April 1700 erlangt -- die Dänen unter dem
Herzog von Württemberg warfen damals 11000 Bomben und 20000 Kugeln in
die Stadt -- und durch die unter ihren Mauern am 16. Mai 1713 erfolgte
Kapitulation des schwedischen Generals Steenbock nach seinem bekannten
Übergang über die vereiste Eider.
Am Endpunkte der Bahn steht Garding, eine kleine, kaum 1700 Einwohner
zählende Stadt, die Heimat des Historikers Theodor Mommsen. Von hier
aus gelangt man auf guten Wegen nach Tating, dessen Umgebung von der
Sturmflut im Jahre 1825 hart mitgenommen wurde, und wenn man noch
weiter westwärts zieht, zu dem durch den langen Dünenwall der Hitzbank
geschützten Kirchdorfe St. Peter. Hier hat sich im Verlaufe der
jüngsten Jahre ein kleiner Nordseebadeort entwickelt, der zweifelsohne
einer günstigen Zukunft entgegensieht. Beinahe ganz in Eiderstedts
Nordwestecke treffen wir auf das Kirchspiel Westerhever, einen Teil der
in den Fluten vergangenen Insel Utholm. Die älteste Kirche des Dorfes
soll um 1362 von den Wellen der See weggespült worden sein.
~X.~
Die schleswig-holsteinische Westküste von der Eider bis Hamburg-Altona.
Die lange Küstenstrecke von der Eider bis Hamburg wird durch eine
Anzahl von Eisenbahnlinien durchzogen, die meist in den letzten
Jahrzehnten entstanden sind und viel dazu beigetragen haben, diese
bis dahin ziemlich abgelegenen Lande dem Reiseverkehr zu erschließen.
Die Hauptlinie, die Marsch- oder Westbahn, zweigt in Elmshorn von
der Bahnlinie Altona-Vamdrup, der verkehrsreichsten Ader in den
Herzogtümern ab. Über Glückstadt, Itzehoe, Meldorf, Heide und
Friedrichstadt erreicht sie Husum, Tondern und geht jenseits der Grenze
in die Bahn nach Ripen über. Von Husum bis nach Jütland hinauf ist uns
die Strecke ja schon bekannt geworden. An die Marschbahn schließen
sich nun mehrere Zweiglinien an, so in Husum diejenige nach Eiderstedt
(Garding über Tönning), die uns ebenfalls schon bekannt ist, und die
die Marschbahn mit der Hauptlinie bei Jübek verbindende Strecke. Bei
Heide mündet ein weiterer Verbindungsstrang mit dieser letzteren,
der bis Neumünster läuft und bei Grünenthal den Kaiser Wilhelm-Kanal
vermittelst einer schönen Hochbrücke überquert, von der im folgenden
noch einiges gesagt werden soll. Nach Westen zu setzt sich diese Linie
über Wesselburen bis nach Büsum fort. In St. Michaelisdonn steigen
die Reisenden für Marne und den Friedrichskoog um, eine andere nur
kurze Zweigbahn verbindet die Hafenanlagen des ebenerwähnten Kanals
an den Brunsbütteler Schleusen mit der Station St. Margareten, und
von Itzehoe aus ist die Hauptlinie ebenfalls wieder über die Strecke
Lockstedt-Kellinghusen-Wrist zu erreichen. Endlich besteht eine von
Altona bis nach Wedel reichende Bahnlinie über die Ortschaften am
rechten Elbufer.
[Illustration: Abb. 105. ¯Bremer Freihafen.¯ (Nach einer Photographie
von Louis Koch in Bremen.)]
[Illustration: Abb. 106. ¯Weserbrücke in Bremen.¯
(Nach einer Photographie von Louis Koch in Bremen.)]
[Sidenote: Die Marschen südlich der Eider.]
Der nördliche Teil unseres Gebietes gehört noch zum Kreis Schleswig,
der hier weit nach Westen übergreift, dann folgen Norderditmarschen,
Süderditmarschen, Steinburg und Pinneberg. An der Zusammensetzung
des Bodens nehmen sowohl Geest, als auch Marsch teil, in dem von uns
zu besprechenden Küstenareal in vorwiegender Weise die letztere,
die aus einer größeren Menge der fruchtbarsten Köge besteht, so der
Sophienkoog, der Kronprinzenkoog, der Friedrichskoog (so genannt nach
König Friedrich ~VII.~ von Dänemark) auf der früheren, jetzt zur
Halbinsel gewordenen Insel Dieksand, der Kaiser Wilhelm-Koog, u. s. f.
Daran schließen sich südlich die holsteinischen Elbmarschen, und zwar
im Kreise Steinburg die im zwölften Jahrhundert von Holländern und
Flamländern eingedeichten Wilstermarsch und die Krempermarsch, und dann
noch weiter nach Süden die Haseldorfer Marschen.
[Sidenote: Friedrichstadt. Lunden. Heide.]
An der Mündung der Treene in den Eiderstrom liegt Friedrichstadt,
mit 2350 Einwohnern, 1621 nach holländischer Art im Viereck mit
regelmäßigen und gerade verlaufenden Straßen von Herzog Friedrich
~III.~ von Gottorp gebaut. Die Hoffnungen ihres Begründers, daß sie
einmal einer der ersten Handelsplätze in seinen Landen werden sollte,
hat die Stadt im Laufe der Zeit unerfüllt gelassen. Ihre ursprünglichen
Bewohner waren holländische Remonstranten, sogenannte Arminianer, die
ihr Vaterland aus Glaubensgründen verließen, und in der Gegenwart
noch gibt es hier eine remonstrantisch-reformierte Gemeinde neben der
lutherischen. In den verflossenen Jahrzehnten hat Friedrichstadt einen
nicht unbedeutenden industriellen Aufschwung zu verzeichnen gehabt
(Knochenmehl-, Kunstdünger-, Seifenfabriken), in der Kriegsgeschichte
der Herzogtümer ist es durch den Kampf, der am 4. Oktober 1850
zwischen den Dänen und den Schleswig-Holsteinern unter seinen Mauern
ausgefochten wurde (der Friedrichstädter Sturm), bekannt.
Hier führt eine lange Brücke über die Eider (Ägidora, Ögysdyr, das
heißt Meeresthor, Thor des Meergottes Ägir), die wir bereits von
Tönning her kennen. Schon auf holsteinischem Boden liegt das alte
Lunden, ein Flecken in Norderditmarschen, mit 4000 Seelen, in sandiger
Gegend, am Rande der Marsch. In den vergangenen Tagen des freien
Ditmarschens war es einmal ein reicher und wichtiger Punkt für Handel
und Verkehr, nunmehr ist es ein stiller Ort. Joachim Rachel, der
bekannte Satirendichter, hat im Jahre 1618 das Licht der Welt hier
erblickt. Nicht weit davon ist das alte Kirchdorf Weddingstedt mit
seiner dem heiligen Andreas geweihten Kirche, welche nächst derjenigen
Meldorfs die älteste Ditmarschens ist. Heide, mit 7500 Einwohnern ist
die Hauptstadt Norderditmarschens und war nach Meldorf die zweite der
ehemaligen Bauernrepublik, in deren Gebiet wir uns befinden. Riesig,
27000 Quadratmeter groß, ist der Marktplatz von Heide, auf dem seit
1434 die Landesversammlungen gehalten wurden. Auch heute herrscht
noch rühriges Leben in der Stadt, welche sich rühmen darf, des Landes
Schleswig-Holsteins größten Lyriker, den erst 1899 zu Kiel verstorbenen
Dichter Klaus Groth, hervorgebracht zu haben.
[Illustration: Abb. 107. ¯Rathaus in Bremen.¯
(Nach einer Photographie von Louis Koch in Bremen.)]
[Sidenote: Wesselburen. Büsum.]
Westlich von Heide erhebt sich auf großen Werften das alte Wesselburen
mit etwa 6500 Einwohnern, ein seines bedeutenden Kornhandels wegen
wichtiger Ort. In der Geschichte der deutschen Litteratur steht
Wesselburens Namen vorne an. Dort wurde am 18. März 1813 der Mann
geboren
Von düstrer Größ’ umwoben,
Der uns den Nibelungenhort
Zum zweitenmal gehoben.
Der von der Tischlertochter Lied
Das grause Lied gesungen!
Ditmarschens Trotz und Mächtigkeit
Hat keinen so durchdrungen.
(Bartels.)
Ein einfaches Denkmal mit der Büste des Geistestitanen erinnert an
Friedrich Hebbel. Das Haus seiner Eltern steht nicht mehr, wohl aber
noch die ehemalige Kirchspielvogtei, in deren dumpfer Schreiberstube
der Dichter geduldet und gelitten hat, bis er, einem jungen
freigelassenen Adler gleich, seinen Flug anheben konnte in die weite
Welt, die er mit seinem Ruhm erfüllen sollte. Draußen an der See liegt
Büsum, der alte Rest eines großen Kirchspiels, das in vergangenen
Jahrhunderten südwestlich sich ausgedehnt hat, aber größtenteils von
den Fluten verschlungen worden ist.
Später setzte sich dafür wieder an einer anderen Stelle Land an, und
mit der Zeit wurde Büsum mit dem festen Lande verbunden. Auf der
ehemaligen, in der Gegenwart ebenfalls landfest gewordenen Insel Horst
befindet sich ein vielbesuchtes Seebad. Es wird an der dortigen Küste
der Krabbenfang in großem Maße betrieben, von Büsum allein zur Zeit
durch nicht weniger als 36 Fahrzeuge, denen sich im Sommer noch ein
dazu erbautes Dampfschiff zugesellen wird. Büsum ist die Heimat des
bekannten Chronisten aus dem Beginn des siebzehnten Jahrhunderts,
Neocorus.
[Illustration: Abb. 108. ¯Saal im Bremer Rathaus.¯
(Nach einer Photographie von Louis Koch in Bremen.)]
[Sidenote: Hemmingstedt.]
Im Süden von Heide gelangen wir bei Hemmingstedt auf das bekannte
Schlachtfeld vom Jahre 1500, auf welchem sich seit wenigen Monaten
ein Erinnerungsdenkmal an den großen Sieg der Ditmarscher erhebt.
Vor vierzig Jahren wurde hier auch Erdöl gewonnen, das im Jahre 1856
bei Anlaß einer Brunnenbohrung in den daselbst ziemlich nahe an die
Erdoberfläche tretenden Kreideschichten zufällig entdeckt worden war.
Das mit der Ausbeutung dieses Vorkommens beschäftigte Unternehmen
stand längere Zeit hindurch in Blüte und das Erdöl von Heide erhielt
sogar auf der Weltausstellung zu London im Jahre 1862 eine ehrenvolle
Auszeichnung. Der Betrieb konnte wegen der immer mehr zunehmenden
Konkurrenz des billigeren amerikanischen Petroleums später nicht
mehr aufrecht erhalten werden, und auch ein weiterer, im Jahre 1880
unternommener Versuch der Erdölgewinnung mußte leider scheitern.
[Illustration: Abb. 109. ¯Partie aus dem Bremer Ratskeller.¯
(Nach einer Photographie von Louis Koch in Bremen.)]
[Illustration: Abb. 110. ¯Partie aus dem Bremer Ratskeller.¯
(Nach einer Photographie von Louis Koch in Bremen.)]
[Sidenote: Meldorf.]
Meldorf ist das vormalige Melinthorp oder auch Milethorp. Noch bis
in das sechzehnte Jahrhundert hinein besaß die Stadt einen Hafen, der
aber nunmehr an eine halbe Meile von ihrem Weichbild entfernt ist. Das
sehr gemütliche Städtchen zählt zur Zeit etwa 4000 Einwohner und ist
auf der Geest, dicht am Marschrande erbaut (Abb. 40). Schon um 1259
hatte Meldorf Stadtrecht erhalten, sank aber nach der Eroberung von
Ditmarschen zum Flecken herab, um 1870 aufs neue zum Range einer Stadt
erhoben zu werden. Hier tagten in alten Zeiten die Landesversammlungen
der Bauernrepublik. Man rühmt der Kirche Meldorfs nach, nunmehr die
schönste in den schleswig-holsteinischen Landen zu sein, nachdem sie
in den jüngstverflossenen Jahrzehnten einer gründlichen Reparatur
unterworfen gewesen ist. Sie ist schon sehr alt, und der erste Bischof
von Bremen, Willehad, soll sie um 780 begründet haben. Dann befindet
sich in Meldorf noch der aus Lehe bei Lunden hierher gebrachte Pesel
des ersten ditmarschen Landvogts Markus Swyn, mit wundervollen
Schnitzereien und herrlichen Möbelstücken. Ferner ist auch die alte
berühmte, aus dem sechzehnten Jahrhundert stammende Gelehrtenschule zu
erwähnen, die sich heute noch des besten Rufes erfreut. Im Pastorate
Meldorfs wurde der Reformator Heinrich von Zütphen gefangen genommen,
um nach Heide gebracht und daselbst als Märtyrer verbrannt zu werden.
Heinrich Christoph Boje, der bekannte Hainbunddichter, ist in Meldorf
geboren, und der weitberühmte Reisende Karsten Niebuhr, der Vater des
Historikers, hat hier gelebt.
[Illustration: Abb. 111. ¯Bremer Börse.¯
(Nach einer Photographie von Louis Koch in Bremen.)]
[Illustration: Abb. 112. ¯Der Dom in Bremen¯ (links das Rathaus, rechts
die Börse).
(Nach einer Photographie von Louis Koch in Bremen.)]
Südwestlich von Meldorf, mitten im fetten Marschlande, an der
Zweigbahn St. Michaelisdonn-Friedrichskoog liegt das große Kirchdorf,
resp. der Flecken Marne (2600 Einwohner), der bedeutenden Kornhandel
treibt, für welchen der Neudorfer Hafen an der Elbe, südlich von Marne,
von Bedeutung ist. Zwei große Männer des Landes sind hier zur Welt
gekommen, der Germanist Karl Müllenhoff in Marne selbst, und im ganz
nahebei belegenen Fahrstedt der Theologe Klaus Harms, weiland Propst in
Kiel und ein weithin bekannter Kanzelredner und Menschenfreund.
[Illustration: Abb. 113. ¯Das Essighaus in Bremen.¯
(Nach einer Photographie von Louis Koch in Bremen.)]
[Sidenote: Kaiser Wilhelms-Kanal.]
Brunsbüttel mit Brunsbüttlerhafen war bis vor wenigen Jahren ein
kleiner für die Kornausfuhr wichtiger Hafenort an der Elbe, der mehr
als einmal in verflossenen Jahrhunderten durch die Wasserfluten zu
leiden gehabt hat. Im Jahre 1676 war der ganze Flecken mitsamt der
Kirche davon zu Grunde gerichtet worden. Durch die Einmündung des
Kaiser Wilhelm-Kanals in die Elbe nahe beim Orte hat Brunsbüttel
nunmehr erhöhte Bedeutung gewonnen. Gewaltige Schleusenanlagen
bezeichnen den Anfang dieser 98,65 Kilometer langen, durchschnittlich
etwa neun Meter tiefen Wasserstraße, die mit zwei großen weit in
die Elbe bis zur Fahrwassertiefe hinausgebauten Molen beginnt. Die
Schleusenhäupter selbst liegen 250 Meter hinter der Deichlinie
zurück, so daß dadurch ein geräumiger, nach innen trichterförmig
verlaufender Vorhafen geschaffen worden ist. Um den Wasserstand im
Kanal regulieren zu können und denselben von den Einflüssen der durch
Ebbe und Flut hervorgerufenen Schwankungen des Wasserstandes der
Elbe unabhängig zu machen -- bei Brunsbüttel beträgt der Unterschied
zwischen mittlerem Niedrig- und mittlerem Hochwasser 2,8 Meter --,
sind große Schleusen mit zwei nebeneinander liegenden Schleusenkammern
von 150 Meter nutzbarer Länge und 25 Meter Breite erbaut, deren
eiserne Thore durch hydraulische Maschinen bewegt werden. Da, wo bei
Grünenthal die westholsteinische Bahn Neumünster-Heide die Kanallinie
überquert, spannt sich eine großartige eiserne Bogenbrücke von 156,5
Meter Stützweite, deren Unterkante 42 Meter hoch über dem mittleren
Kanalwasserspiegel liegt, über diese ebengenannte Wasserstraße,
mit ihrer Schwester bei Levensau, welche zur Überführung der Bahn
Kiel-Eckernförde-Flensburg über den Kanal dient, wahre Wunder der
Brückenbaukunst. Neben der eminenten strategischen Bedeutung des
Kanals besitzt derselbe eine kaum minder große für die Handelsflotte.
Der Verkehr der Handelsschiffe auf demselben nimmt seit den fünf
Jahren seiner Eröffnung ständig zu und diese Wasserstraße trägt
ungemein viel zur Förderung des sich mehr und mehr entwickelnden
Schleppschiffverkehrs aus der Nord- in die Ostsee und umgekehrt bei
(Abb. 41–45).
[Illustration: Abb. 114. ¯Der Markt in Bremen.¯
(Nach einer Photographie von Louis Koch in Bremen.)]
[Sidenote: Die Wilstermarsch.]
Etwas südöstlich von Brunsbüttel liegt St. Margareten. Von hier aus
wird in einer knappen halben Stunde das Dorf Büttel mit der bekannten
Elblotsenstation der „Bösch“ erreicht. Besteigen wir in St. Margareten
wieder den Bahnzug, so erscheint bald nach Eddelak und dem flachen
Kudensee die kleine in der Anlage und Bauart ihrer Häuser an Holland
gemahnende Stadt Wilster (ca. 2750 Einwohner) in der Wilstermarsch.
Charakteristisch für diese Landschaften sind die zahlreichen
Windmühlen, welche angelegt wurden, um das von der Geest zur Marsch
herniederströmende Wasser mittels Schnecken aus den Laufgräben in
die Abzugskanäle zu heben. Der größte Teil der Wilstermarsch liegt
nämlich auf Moorgrund, und durch die fortschreitende Entwässerung und
Trockenlegung dieses letzteren senkte sich allmählich der darüber
liegende Marschboden, und zwar so tief, daß derselbe jetzt unter dem
Wasserspiegel der Elbe liegt. In den Häusern der Wilstermarsch läßt
sich holländischer Einfluß nachweisen; dieselben nehmen insbesondere
noch unser Interesse dadurch in Anspruch, als der Rokokostil Eingang
darin gefunden hat, ohne jedoch die bäuerliche Behaglichkeit zu
beeinträchtigen. Die übrigen Elbmarschen Schleswig-Holsteins weisen
echte Sachsenhäuser auf, sogar die schönsten und reichsten in den
Marschlanden überhaupt.
[Sidenote: Itzehoe. Breitenburg.]
Wir werfen noch einen kurzen Blick auf das kleine in blauer Ferne auf
hohem Geestrande thronende Burg und eilen dann weiter nach Itzehoe
(Abb. 46). Ein buntes und bewegtes Bild heiteren Wallensteinischen
Lagerlebens wird sich bei Nennung dieses Namens vor dem geistigen Auge
unserer Leser aufrollen.
Ihr kennt ihn alle aus dem „Wallenstein“,
Den langen Peter aus Itzehö.
Zwar würd’ er schwerlich unser Landsmann sein,
Wenn nicht der schöne Reim wär’ auf „Mußjö“.
(Bartels.)
[Illustration: Abb. 115. ¯Bremer Typen.¯]
[Illustration: Abb. 116. ¯Das Museum für Natur-, Völker- und
Handelskunde in Bremen.¯
(Nach einer Photographie von Louis Koch in Bremen.)]
Und dem langen Peter mag es Itzehoe wohl zu verdanken haben, wenn es
in den Landen deutscher Zunge die bestbekannte Stadt an der Westseite
Schleswig-Holsteins ist. In anmutiger Lage am schiffbaren Störfluß
erbaut, zählt das gewerbe- und industriereiche Itzehoe (Cement- und
Zuckerfabriken etc.), in der Gegenwart etwa 12500 Seelen. In früherer
Zeit nahm die Stadt als der Versammlungsort der holsteinischen Stände
eine besonders wichtige Stellung ein, doch hat sie dadurch, daß
dies nunmehr aufgehört hat, nicht verloren, sondern ist in stetigem
Aufblühen begriffen. Durch das Villenviertel hindurch führt ein schöner
Spazierweg an Amönenhöhe vorbei, längs der windungsreichen Stör nach
dem Schlosse Breitenburg, das von Johann von Rantzau, dem Statthalter
der Herzogtümer und dem Besieger der Ditmarschen in der letzten Fehde
(1559), erbaut worden ist. Hier hat sich in den Septembertagen 1627
eine Episode abgespielt, die wohl wert ist, in einigen Worten an dieser
Stelle erwähnt zu werden. Damals war Breitenburg eine von starken
Mauern umgebene, durch Türme und Bastionen geschützte und vom Störfluß
umspülte Feste, in welcher der in dänischen Kriegsdiensten befindliche
schottische Major Dumbarre mit vier Compagnien Schotten und einigem
deutschen Fußvolk lag, im ganzen wohl nicht viel mehr als 600 Mann.
Außerdem hatten aber die Landleute der Umgebung ihre Familien und
ihren wertvolleren Besitz nach Breitenburg geflüchtet. Vor der Feste
erschien nun Wallenstein mit seinen Scharen und versuchte bereits am
17. September den ersten Sturmlauf auf Breitenburg, der abgeschlagen
wurde. Alsdann begann eine regelmäßige vom Friedländer selbst geleitete
Belagerung, die elf Tage später zur Übergabe Breitenburgs führte,
nachdem inzwischen Dumbarre getötet worden war. Alle noch am Leben
befindlichen Verteidiger des Schlosses wurden von den erbarmungslosen
Feinden niedergemacht, nur wenige Frauen und Kinder blieben verschont.
Die ergrimmten Sieger sollen der Leiche Dumbarres das Herz aus dem Leib
gerissen und in den Mund gesteckt haben. Damals wurde auch Breitenburgs
Stolz, die berühmte Bibliothek des Humanisten Heinrich Rantzau,
des Sohnes des Erbauers von Breitenburg, verschleppt und teilweise
vernichtet. Wallenstein hatte dieselbe dem Beichtvater Ferdinands
~II.~, dem Pater Lamormain, zum Geschenk gemacht und nach Leitmeritz
schaffen lassen.
Vom alten Breitenburg steht noch die Schloßkapelle, als
Sehenswürdigkeit das einzige Stück des alten Schlosses, sonst erinnert
nichts mehr, auch in der ganzen friedlichen Umgebung nicht, an die
Greuel des Septembers 1627, mit Ausnahme eines ehrwürdigen Eichbaumes,
der Wallensteineiche.
Etwas südöstlich von Itzehoe, bei Lägerdorf, tritt die senone Kreide
zu Tage und wird daselbst in großartigem Maßstabe ausgebeutet, um
teils dort, teils in Itzehoe unter Zusatz von tertiärem Thon, der
bei dieser letzteren Stadt und in deren Umgebung gefunden wird, zu
Cement verarbeitet zu werden. Nordöstlich von Itzehoe befindet sich
das Lockstedter Lager, ein riesiger Truppenübungs- und Schießplatz,
auf welchem sich das ganze Frühjahr und den Sommer hindurch reges
militärisches Leben entfaltet. Lockstedt ist eine der Zwischenstationen
auf der Bahnlinie Itzehoe-Wrist, die auch das kleine freundliche
Städtchen Kellinghusen berührt.
[Sidenote: Krempe. Glückstadt. Elmshorn. Ütersen.]
Mitten im kornreichen Marschgebiete gleichen Namens liegt Holsteins
kleinste Stadt, das alte Krempe. Die Gründung Glückstadts hat ihm viel
Schaden gethan, denn bis dahin war es der Stapelplatz der Landschaft
für den Kornhandel gewesen und soll auch keine geringe Schiffahrt
besessen haben, bevor die Kremper Aue verschlammte. Als Festung
genoß Krempe eines bedeutenden Rufes und ist durch die lange und
schwere Belagerung von seiten der Kaiserlichen, die es im Jahre 1627
durchzumachen hatte, in der Geschichte des dreißigjährigen Krieges
bekannt geworden. Später sank Krempe zum Range einer kleinen, nicht
vermögenden Landstadt herab, und der Spruch: „Ein Herr von Glückstadt,
ein Bürger von Itzehoe, ein Mann von Wilster und ein Kerl von Krempe“
war für die Vergangenheit charakteristisch.
Auch Glückstadt ist vormals eine starke Festung gewesen. Von dem
Dänenkönig Christian ~IV.~ in der Absicht gegründet, dem Handel des
emporblühenden Hamburgs erfolgreich die Spitze zu bieten, und zu diesem
Zwecke mit weitgehenden Privilegien ausgestattet, hat es mit der Zeit
die Hoffnungen seines Erbauers aber nicht zu erfüllen vermocht. Doch
ist es in der Gegenwart eine aufstrebende Landstadt mit gutem Hafen,
dessen Verkehr durch die in den jüngsten Jahren hier aufgekommene
Heringsfischerei sicherlich gehoben werden wird. Die etwa von 6000
Menschen bewohnte Stadt hat ein Gymnasium, und die Korrektionsanstalt
der Provinz befindet sich in ihren Mauern.
Lebhaften Handel und Industrie besitzt das an 10000 Einwohner zählende
Elmshorn an der Krückau, am Rande von Geest und Marsch (Abb. 47).
Nahebei, zwischen Elmshorn und dem kleinen Tornesch hat der preußische
Fiskus vor 25 Jahren auf Steinkohlen gebohrt, aber vergeblich. Das
Bohrloch an der Lieth hatte mehrere Jahre über die Ehre, das tiefste
der Erde (1330 Meter) zu sein, bis dasselbe von demjenigen zu
Schladebach überflügelt worden ist.
Ütersen an der schiffbaren Pinnau, am Rande der Haseldorfer
Marsch belegen, ist ein nicht unbedeutender Industrieort von über
5300 Einwohnern, hat seit 1870 Stadtrecht und steht vermittelst
einer Pferdebahn mit der eben erwähnten Station Tornesch der
schleswig-holsteinischen Hauptbahnlinie in Verbindung. Das ehemalige,
dem Cistercienserorden angehörige Nonnenkloster ist in der Gegenwart
ein Stift für die Töchter der Ritterschaft des Landes geworden. Im
Jahre 1412 soll eine Sturmflut Ütersen so sehr mitgenommen haben, daß
die Klosterjungfrauen bettelnd ihre Nahrung in der Umgegend suchen
mußten.