war, liegen noch eine große Anzahl von Dörfern auf dem im ganzen von
etwa 5000 Menschen bevölkerten Eilande Föhr, so Alkersum, Boldixum,
Goting, Nieblum, Övenum, Utersum u. s. f. Der höchste Punkt der Insel
ist der 13 Meter hohe Sülwert bei Witsum am Südrande Föhrs. Etwas
östlich davon, bei Borgsum ist ein alter Burgwall, dessen Errichtung
ebenfalls auf den uns schon von Sylt her bekannten Ritter Claes Limbek,
einen Vasallen König Waldemars von Dänemark, zurückgeführt wird. An
Grabhügeln und anderen Denkmälern aus prähistorischer Zeit fehlt es auf
Föhr ebensowenig als auf Sylt oder Amrum.
In Nieblum steht die große St. Johannis-Kirche, eine der größten
Landkirchen des Landes, 58 Meter lang. Die Nordseite des Schiffes
besitzt Stroh-, der übrige Teil des Gotteshauses Bleibedeckung. St.
Johannis ist die Mutterkirche Föhrs, das außerdem noch im Westen,
östlich von Utersum die St. Laurenti-Kirche und im Osten, in Boldixum
ein dem heiligen Nikolaus geweihtes Gotteshaus hat. Eine Anzahl von
Kirchen sind im Verlaufe der Zeiten durch die Fluten in die Tiefe
gerissen worden, so beispielsweise die Hanumkirche, von der in einem
Hause von Midlum noch Balken vorhanden sein sollen.
Das Föhringer Land ist gut bebaut; üppige Kornfelder und fruchtbare
Wiesen bedecken es, und viel Wohlstand ist auf dem Eilande zu finden.
Ihre reizende, durch schöne, große, in Filigranarbeit ausgeführte
Silberknöpfe ausgeschmückte Nationaltracht haben die Föhringerinnen
noch nicht in dem Maße abgelegt, wie die Frauen von Sylt. Die
erheblichen Kosten bei der Neuanschaffung des Kleides mögen immerhin an
dem allmählichen Verschwinden der Tracht auch auf Föhr Schuld tragen
(Abb. 25–29).
[Sidenote: Nordstrand. Pellworm.]
Nordstrand und Pellworm sind Reste der großen Insel Nordstrand, welche
die Sturmflut 1634 zerrissen und zerstört hat. Das übriggebliebene
östliche Stück ist das heutige Nordstrand, das westliche Pellworm, ein
Ueberbleibsel vom Mittelstück bildet die Hallig Nordstrandisch-Moor
(vgl. hier den Abschnitt über die Sturmfluten, S. 26).
Das 8 Kilometer lange und ebenso breite Nordstrand wurde nach der
Katastrophe von 1634 von Herzog Friedrich ~III.~ von Gottorp Brabantern
und Niederländern zur Eindeichung überlassen, nachdem sich die von der
Sturmflut übriggebliebenen früheren Bewohner zum Teil geweigert hatten,
wieder auf die Insel zurückzukehren. Gegenwärtig besteht es aus 6
Kögen und wird von etwas über 2400 Menschen bewohnt. Von den vor 1634
vorhanden gewesenen Gebäuden ist nur noch die Vincenzkirche zu Odenbüll
erhalten, zugleich das einzige, das die Fluten damals verschonten.
Der in diesen Blättern mehrfach genannte Chronist Johannes Petrejus,
gestorben 1608, war hier Pastor. Die Vincenzkirche ist ein turmloser
Ziegelbau auf hoher Werft mit schöngeschnitztem Altar aus dem Ende des
fünfzehnten Jahrhunderts.
Pellworm ist 8 Kilometer lang und 7 Kilometer breit, von mächtigen
Deichen, darunter im Westen ein riesenhafter Steindeich, umwallt.
Es bildete früher ein sehr hohes Marschland, das aber infolge einer
beträchtlichen Lagerung des Bodens in den letzten Jahrhunderten
gegenwärtig unter gewöhnlicher Fluthöhe liegt. Das Moor unter der
Marsch ist zusammengepreßt, und so wurde die Marscherde selbst
allmählich dichter. An den in der Mitte der Insel belegenen „großen
Koog“ gliedern sich 10 weitere, verschieden eingedeichte, aber, wie
betont, von einem einheitlichen Außendeich umzogene Köge an.
[Illustration: Abb. 97. ¯Helgoländer Fischerwohnung.¯]
Zwei Kirchspiele befinden sich auf der Insel, die alte Kirche und die
neue Kirche. Die erstere, ein sehr merkwürdiges und mit verschiedenen,
interessanten Kunstschätzen ausgestattetes Gotteshaus, aus dem Anfang
des elften Jahrhunderts, hatte einen Turm von 57 Meter Höhe, der um
1611 einstürzte und dabei einen Teil der Kirche zerschmetterte. Seine
stehen gebliebene Westmauer war lange Zeit hindurch ein wichtiges
Seezeichen. Die Einwohnerzahl Pellworms betrug am 1. Dezember 1890 2406
Seelen.
[Illustration: Abb. 98. ¯Hengst und Nordspitze von Helgoland.¯
(Nach einer Photographie von F. Schensky in Helgoland.)]
[Sidenote: Die Halligen.]
Unter demselben Namen „Halligen“ umfaßt der heutige Sprachgebrauch
„alle Grasländereien, die ohne den Schutz von Dämmen den
Überschwemmungen durch die See ausgesetzt sind, also auch den ganzen
Vorlandssaum längs der Außendeiche“, sagt Eugen Traeger, der beredte
Schilderer und unermüdliche Anwalt der Halligenwelt. Mit diesem Autor
beschränken wir hier diesen Ausdruck auf die echten Inselhalligen, die
wir weiter oben schon namentlich aufgeführt haben. Eine elfte Hallig
ist das erst im Laufe dieses Jahrhunderts neu emporgewachsene und noch
unbewohnte Helmsand in der Meldorfer Bucht, eine zwölfte Jordsand bei
Sylt, das nicht mehr bewohnt ist. Die Halligen sind insulare Reste
des in geschichtlicher Zeit von den Sturmfluten, dem Eisgang und den
Gezeitenströmungen zerrissenen Festlandes, welche das Meer ehemals im
Schutze der äußeren Dünenkette abgelagert hatte. Eine Hallig steigt
mit stark zerklüfteten und zerrissenen, ½–1½ Meter hohen Wänden
senkrecht von dem Wattenplateau empor, welches um sie her bei Ebbe vom
Meer verlassen, bei Flut aber wieder überschwemmt wird. Ihr Boden ist
ganz eben, von größter Fruchtbarkeit und dicht bestanden mit einem
feinen, kräftigen und außerordentlich dichten Gras (~Poa maritima~ und
~Poa laxa~), zwischen dessen Halmen weiß blühender Klee und die Sude
(~Plantago maritima~) neben vielen anderen Kindern Floras gedeihen. Bei
jeder Überschwemmung läßt das Meer eine Schicht feinen Schlicks auf dem
Halligboden zurück und besorgt so dessen Düngung. Die Halligen nehmen
also, ähnlich wie die Lande am Nilstrom, jährlich unmerklich an Höhe
zu. Gräben von verschiedener Länge und Tiefe durchziehen die Halligen,
bisweilen in solchem Maße, daß sie den Wattenfahrzeugen als Häfen
dienen können. Wie freundliche Oasen liegen die Halligen in der grauen,
öden Wüste der Wattengefilde da.
Die menschlichen Wohnstätten und Stallungen für das Vieh liegen auf
Werften von etwa vier Meter absoluter Höhe, bald nur eine, bald mehrere
an der Zahl, mit Gärtchen umgeben. Bei den Häusern befindet sich der
„Fething“ genannte Teich, welcher zum Auffangen der Niederschläge dient
und im Falle der Not mit seinem Wasservorrat auszuhelfen hat. Aus dem
Fething werden auch die Wassertröge für das Vieh gespeist. Das Wasser
für den menschlichen Gebrauch wird in etwa zehn bis zwölf Fuß tiefen,
aufgemauerten Cisternen gesammelt (vergl. Abb. 9 u. 10, sowie Abb.
31–35).
Eigenartig ist die innere Einrichtung der mit Rohrschauben bedeckten,
ziemlich hochgiebligen Häuser mit ihren holzverschalten oder mit
Kacheln verkleideten Zimmerwänden, ihren durch Thüren abgeschlossenen
Bettnischen, der reinlichen Küche u. s. f. Eine berühmte
Hallighauswohnstube birgt das Könighaus auf Hooge, den „Königspesel“,
so genannt nach Friedrich ~VI.~ von Dänemark, der hier im Jahre 1825
einige Tage zugebracht hat.
Die Halligbewohner sind von ungeheuchelter Frömmigkeit und
bemerkenswerter Wohlanständigkeit, ihre Frauen züchtig, ehrbar und
freundlich, dagegen von etwas schwerfälliger Bedächtigkeit, so daß es,
wie Traeger bemerkt, fast unmöglich erscheint, sie zu Privatleistungen
zu bewegen, bei denen gemeinsames Handeln unter Aufbietung persönlicher
Opfer im allgemeinen Interesse erforderlich ist. „Das ist ihr
Hauptfehler, ihr nationales Unglück, welches sie im Kampfe mit den
Fluten der Nordsee durch schreckliche Verluste an Menschenleben, Land
und beweglicher Habe gebüßt haben.“ Ihre hauptsächlichste Beschäftigung
bilden die Viehzucht und die Schiffahrt. Die Männer der Halligen
sind geborene Seeleute und sollen in dieser Beziehung von keinem
Volk der Erde übertroffen werden. Im achtzehnten Jahrhundert blieb
kein Mensch, der gesunde Glieder hatte, zu Haus: gleich im Frühjahr
verschwand die ganze männliche Bevölkerung und ging aufs Schiff, um
erst um Weihnachten heimzukehren. Mancher freilich hat die Heimat nicht
wieder gesehen. Mitsamt den Männern von Amrum, Föhr, Sylt und den
Nachbarinseln lieferten die Halligleute vorzugsweise die Bemannung der
nach Indien, China oder ins Eismeer zum Walfischfang fahrenden Schiffe.
Viele brachten es zu hohen Ehren und großem Reichtum, aber zäh und fest
hingen sie doch immer mit allen Fasern ihres Herzens an ihrer Heimat.
[Illustration: Abb. 99. ¯Helgoland. Oberland und Unterland.¯
(Nach einer Photographie von F. Schensky in Helgoland.)]
Eine kleinere Erwerbsquelle für die Halligbewohner bildet auch der
Porren-(Krabben-)fang. Jede Hallig hat ihren Porrenpriel, woselbst
diese kleinen Krebse, besonders in der Zeit nach der Heuernte bis zu
Anfang November vermittelst eines besonders dazu konstruierten Netzes
gefangen werden. Man nennt diesen Vorgang das Porrenstreichen. Die
Fische fängt man in sogenannten Fischgärten, Faschinenreiser, die in
der Gestalt eines langschenkligen Winkels auf geneigten Wattenflächen
in den Boden gesteckt werden und am Scheitelpunkte des Winkels einen
mit einem Netz in Verbindung stehenden Durchlaß haben. Die in die
Einhegung geratenen Fische ziehen sich bei eintretender Ebbe immer
weiter nach dem Durchlaß hin zurück und geraten schließlich ins Netz.
In der Gegenwart soll diese Art der Fischerei immer mehr abkommen.
Dagegen pflegt man mit dem Stecheisen die Plattfische aufzuspießen,
und in den schlammigen Halliggräben die darin befindlichen Fische,
besonders Aale, mit der Hand zu greifen.
[Illustration: Abb. 100. ¯Die neue Brücke von Harburg nach Hamburg.¯
(Nach einer Photographie von Max Wichmann in Harburg.)]
Die Jagd auf Vögel (Regenpfeifer, Austernfischer, wilde Enten, Gänse u.
s. f.) wird selten mehr mit dem Netz, sondern durch Schießen ausgeübt,
mit besonderem Erfolge bei Nacht, indem man die Vögel durch den Schein
einer brennenden Laterne anlockt. Das systematische Einsammeln der
Vogeleier (Möven, Enten u. s. f.) verschafft den Halligbewohnern
gute Einnahmen. An den Rändern der Wasserflächen befinden sich
zahllose Nester, und von hier holen sie sich ihre Ernte an Eiern und
Jungen. Auf Süderoog soll es besonders von Vögeln wimmeln. Am Ende
des achtzehnten Jahrhunderts war die Menge dort so groß, daß die
kleinen Leute auf Pellworm fast den ganzen Sommer hindurch davon leben
konnten. Ganze Massen davon wurden ferner auf das Festland gebracht
und dort von den Bauern als Schweinefutter verwendet. Des weiteren
sind die Halligbewohner nicht selten geschickte Seehundsjäger; der
Schiffszimmermann Holdt auf Hooge hat im Jahre 1891 80 Stück davon
erlegt, deren Durchschnittsertrag sechs Mark war, so daß ihm eine
Bruttoeinnahme von 500 Mark daraus erwachsen ist (Abb. 36 u. 37).
Die längste der Halligen ist Langeneß-Nordmarsch; nach der Vermessung
von 1882 betrug ihr Areal etwa 1025 Hektar, gegenüber 1179 Hektaren,
die sie bei derjenigen von 1873–1874 noch besaß. Norderoog, mit 16,96
Hektaren (gegenüber 22,72 Hektaren 1873–1874) ist die kleinste. In der
Gegenwart hat die preußische Regierung die Fürsorge für die fernere
Erhaltung dieser kleinen Inseln, die schon deshalb besonders geschützt
werden müßten, weil sie die Wellenbrecher für das Festland bilden,
besonders im Auge. 1896 bewilligte der Landtag hierfür die Summe von
1320000 Mark. Ein großer Teil des Verdienstes, das mit veranlaßt und
herbeigeführt zu haben, mag wohl dem Sekretär der Handelskammer zu
Offenbach a. M., ~Dr.~ Eugen Traeger gebühren, der unablässig dafür
eingetreten ist. So hat in den jüngstverflossenen Jahren Oland mächtige
Dämme mit schwerer Steindecke und Busch und Pfahlbuhnen erhalten, und
nicht minder großartige Dämme wurden zur Verbindung dieser Insel mit
dem Festlande bei Fahretoft (Kosten 408000 Mark) und mit Langeneß
(Kosten 207000 Mark) in die See gebaut, zum Teil unter unsäglichen
Schwierigkeiten, denn die Strecke Oland-Fahretoft hat allein im
Jahre 1898 infolge schwerer Beschädigung durch die Wellen an 100000
Mark Ausbesserungskosten verursacht und mußte in ihrer Anlage etwas
verändert werden. Die Herstellung der Olander Dämme, deren Sohlenbreite
10 Meter beträgt, die sich zu einer Kronenbreite von 4 Metern verjüngt,
an besonders exponierten Stellen aber, so am Olander Tief 7½ Meter groß
bleibt, hat rund 90000 Kubikmeter Faschinen, 100000 laufende Meter
Würste aus Busch- und Pfahlwerk, 200000 Stackpfähle zur Befestigung und
4000 Kubikmeter Felsbelag erfordert, von der massenhaft verwendeten
Erde ganz zu schweigen. Zur Zeit haben auch die Arbeiten zum Schutze
der Insel Gröde ihren Anfang genommen, und man war im Frühjahr 1900
damit beschäftigt, an denjenigen Stellen Erde auszuheben, wo die
Steindossierung angelegt werden soll.
Über Hooge läuft das Kabel, das von Amrum, Pellworm und Nordstrand nach
dem Festland führt. Hooge ist auch die einzige der Halligeninseln, die
außer Kirche und Pfarrhaus noch ein eigenes Schulhaus besitzt. Die
Kirchen sind einfache Gebäude, ohne Turm, mit dem Giebel von Osten
nach Westen gerichtet, wie alle Gebäude auf den Halligen, daneben ein
kleines hölzernes Glockentürmchen. Im Inneren sind Gänge und Altarraum
mit Ziegelpflaster versehen, der übrige Raum ist mit Meeressand
bedeckt, Bänke, Kanzel und Altar sind bescheiden ohne viel Schmuck.
Dem Langenesser Gotteshaus fehlt das Glockentürmchen an der Seite; das
Zeichen zum Beginn des Gottesdienstes wird hier mit der Kirchenflagge
gegeben. Von besonderem Interesse sind auch die Friedhöfe mit manchen
alten Grabsteinen und bemerkenswerten Inschriften darauf. Den alten
Kirchhof von Nordstrandisch-Moor haben die Wellen zerstört, und aus dem
tiefen Schlamm schauen die Reste der Särge und die Skelette der Toten
hervor. Auf verschiedenen Halligen sind Schulen; wo das nicht der Fall
ist, da werden die schulpflichtigen Kinder in Pension gegeben.
[Illustration: Abb. 101. ¯Schnelldampfer „Kaiser Wilhelm der Große“.¯
(Nach einer Photographie im Besitz des Norddeutschen Lloyd.)]
Die Postverbindung mit den Halligen erfolgt über Husum-Nordstrand,
von hier weiter durch einen Postschiffer zwei- bis dreimal in der
Woche. Bei starken Stürmen oder bei schwerem Eisgang erleidet dieselbe
natürlich allerlei Unterbrechungen von kürzerer oder längerer
Dauer. Dies war beispielsweise im Winter 1888 der Fall, wo man auf
Hooge und Gröde noch am 22. März den 91. Geburtstag des damals
schon seit 14 Tagen entschlafenen Kaisers Wilhelm ~I.~ feierte. Die
Telegraphenverbindung Hooges mit der Festlandküste war damals noch
nicht vorhanden.
[Illustration: Abb. 102. ¯Gesellschaftszimmer im Schnelldampfer „Kaiser
Wilhelm der Große“.¯
(Nach einer Photographie im Besitz des Norddeutschen Lloyd.)]
~IX.~
Eiderstedt.
[Sidenote: Die Landschaft Eiderstedt.]
Südlich von Husum, zwischen dem vom Heverstrom durchzogenen Teil
des Wattenmeeres im Norden und der Eidermündung in ihrer heutigen
Gestalt, sowie den Ditmarscher Gründen im Süden, westlich von der
Nordsee begrenzt, dehnt sich die erst in historischen Zeiten mit
dem Festland verbundene Landschaft Eiderstedt aus. Politisch bildet
dieselbe den 330,5 Quadratkilometer umfassenden, gleichnamigen
Landkreis, dessen Bewohnerzahl nach der Volkszählung vom 2. Dezember
1895 15788 Seelen betrug, was einer Volksdichte von etwa 49 Menschen
auf dem Quadratkilometer gleichkommt. Eiderstedts Boden besteht
größtenteils aus dem besten Marschlande, und der dortige Klei ist, um
mit Pontoppidan zu reden, „eine Mutter des wohlriechenden und großen,
kräftigen Wiesen-Klees: daher in Eiderstedt die vortrefflichsten
Meyereyen anzutreffen, und soll eine Kuh des Tages 16 ~à~ 18 Kannen der
allerbesten Milch ausgeben können; daher die Eiderstedtische Butter und
Käse in sehr großer Menge außerhalb Landes verführet wird“. Nach aus
dem Anfang des siebzehnten Jahrhunderts datierenden Zollabrechnungen
wurden jährlich an dritthalb Millionen Käse nach Hamburg, Bremen und
sogar nach Amsterdam versandt. Und was der Autor des ~Theatrum Daniae~
vor nunmehr 170 Jahren schrieb, hat auch noch heute volle Geltung. Es
geht die Rede, daß nach dem Garten Eden Eiderstedt der schönste Fleck
auf Gottes weiter Erde sei. Für den Eiderstedter Bauern mag diese
Auffassung sicherlich ihre Berechtigung haben. Behauptet doch ein
landesübliches Sprichwort, daß ein solcher Landmann von echtem Schrot
und Korn weiter nicht viel mehr zu thun habe, als: Slopen, Äten, Supen,
Spazierengahn und -- ordentlich zu verdauen. Das letzte Reimwort im
Originaltext richtig wiederzugeben, verbietet mir hier der Anstand.
[Illustration: Abb. 103. ¯Rauchzimmer im Schnelldampfer „Kaiser Wilhelm
der Große“.¯
(Nach einer Photographie im Besitz des Norddeutschen Lloyd.)]
[Sidenote: Der Boden Eiderstedts.]
Eigentliche Bodenerhebungen gibt es im Inneren Eiderstedts kaum.
Seine Küstenlinie umzieht der grüne Wall der Seedeiche, und
Binnendeiche trennen die zu verschiedenen Zeiten dem Meere abgetrotzten
Köge voneinander. Ebensowenig wird man von der Natur geschaffene
Vertiefungen hier finden und vergebens nach Flüssen, Bächen oder Seen
suchen. Aber Graben- und Wasserzüge durchqueren Eiderstedt allenthalben
und schaffen die viereckige Landeinteiluug der Fennen. Wenn der Bauer
über Land geht, so führt er den „Klüwerstock“, einen vier bis sechs
Ellen langen Springstock, mit sich, mit dessen Hilfe er über diese
Gräben hinwegsetzt. Frauen, Kinder und Landfremde müssen aber den
Fußsteigen folgen, die oftmals erst über lange Umwege zum Hause des
Nachbarn führen. Einen Gang durch Eiderstedt hat Professor Meiborg in
Kopenhagen in gar anziehender Weise mit folgenden Worten geschildert:
„Wir gehen landeinwärts. Der Kuckuck ruft, solange der Tag währt,
und die Lerche schlägt ihre Triller. Eine zahllose Menge von Pferden
und Rindern grast auf den Weiden; ausgedehnte Strecken sehen von der
Anzahl des Viehes aus, wie ungeheure Marktplätze. Bald fesseln das Auge
einzelne Tiere, bald ziehen es einzelne Gruppen an, die sich um die
Scheunenplätze gesammelt haben. Mehr in der Ferne sehen sie aus wie
bunte Flecke auf dem grünen Teppich, die, je weiter der Blick geht,
desto enger zusammenrücken. -- Sonst läßt sich die Landschaft mit einem
englischen Park von ungemessener Größe vergleichen: auf meilenweiter
Grasfläche, die wie ein einziger wundervoll herrlicher Rasen erscheint,
hingesäet liegen die Gehöfte, wie im Gehölze halb versteckt, hinter
Gruppen prächtiger Eschen, und der Kranz dieser Haine vereinigt sich am
Gesichtskreis wie in einen einzigen zusammenhängenden Wald.“
In der Nähe der Küste ist das Landschaftsbild zuweilen ein etwas
anderes, denn die jüngsten Köge sind teilweise noch von Sümpfen
eingenommen und stehen in Regenzeiten manchmal sogar unter Wasser.
In trockenen Sommern aber erscheinen sie dann auf weite Strecken hin
als nackte Lehmflächen, die von modernden Algen weiß und blaurot
gefärbt sind und dann in grellem Kontraste mit dem sonst so üppigen
Pflanzenwuchse stehen. Zahlreiche Schafherden weiden hier, und eine
Menge von Möven (Abb. 39), Kiebitzen, Regenpfeifern und anderen
Strandvögeln halten sich hier auf.
[Sidenote: Viehzucht und Ackerbau in Eiderstedt.]
Große Strecken Landes haben seit undenklichen Zeiten nur als
Weideplätze gedient, und da dem Landmann, welcher nur Viehzucht treibt,
ein viel leichteres und angenehmeres Leben blüht, als dem Ackerbauern,
so hat das weiter oben angeführte Verslein natürlich in erster Linie
auf jenen Bezug. Soll doch das fette Eiderstedter Gras sogar dem Hafer
an Mastwert gleichkommen. Jährlich werden hier etwa 3000 bis 4000 Stück
Fettvieh und eine bedeutende Zahl von Schafen hervorgebracht, welche
meistenteils nach Husum auf den Markt wandern. Bei der Zählung am 10.
Januar 1883 betrug der gesamte Viehstand des Kreises 2522 Pferde, 13304
Rinder, 24453 Stück Schafe und 1322 Schweine.
In vergangenen Zeiten hatte Eiderstedts Viehzucht nicht wenig unter
Ueberflutungen zu leiden gehabt, so daß das Vieh unter unaufhörlichem
Gebrüll ruhelos auf den Fennen herumwaten mußte und kein trockenes
Plätzchen zum Hinliegen finden konnte. Seitdem aber das Sielwesen
im Lande so verbessert wurde, ist das anders geworden. Auch die
Rinderpesten haben zuweilen viel Schaden gebracht, so besonders
im Jahre 1745, wo wiederholt binnen wenigen Wochen fast der ganze
Viehstand fiel.
Nicht minder lohnend als die Viehzucht ist aber auch der Ackerbau im
Lande Eiderstedt, wenn auch sehr viel mühsamer und beschwerlicher.
Denn in trockenem Zustande ist der schwere Kleiboden so hart, daß der
Pflug kaum hindurchkommen kann, und bei Regenwetter wiederum wird die
Erde so weich, daß es den Pferden nur bei allergrößter Anstrengung
möglich ist, sich hindurchzuarbeiten. Bisweilen müssen ihrer sechs am
Pfluge ziehen, und dann müssen die Schollen doch noch hier und da mit
Schlägeln zertrümmert werden. Dafür steht aber in guten Jahren das
Korn so dicht und stark, daß es mit der Sichel geschnitten werden muß,
und der Hafer 30-, die Gerste 44fältig trägt; vom Raps geben 20 Kannen
Aussaat 150–200 Tonnen Ertrag. „Wer,“ so schreibt Meiborg weiter, „von
den angrenzenden Harden des mittleren Schleswigs, die den magersten
Sandboden haben, herüberkommt nach Eiderstedt, dem erscheint es, als
komme er in ein ganz anderes Land, und er versteht wohl die Äußerung
des alten eiderstedtischen Bauern, der zu seinem wanderlustigen Sohne
sagte: ‚Hier ist die Marsch; die ganze übrige Welt ist nur Geest; was
willst du doch in der Wüste?‘“
Der wohlhabende Eiderstedter Bauer ist eine stattliche Erscheinung und
soll noch heutzutage, wie vorzeiten seine Ahnen etwas phlegmatisch
angelegt sein und mit einer gewissen Geringschätzung auf Leute anderen
Berufes und anderer Herkunft herabschauen.
Große, hochgiebelige Häuser, sogenannte Hauberge, sind die
Wohnstätten des Eiderstedter Landmannes. Im Verlaufe des siebzehnten
und des achtzehnten Jahrhunderts kamen sie in Eiderstedt immer
mehr auf und verdrängten nach und nach den bisher im Lande üblich
gewesenen Haustypus, den man im übrigen schleswigischen Frieslande
noch allgemeiner findet, und der in der Gegenwart im Eiderstedtischen
bis auf ganz wenige vereinzelte Überreste vollständig verschwunden
zu sein scheint. Ein berühmtes Beispiel eines Haubergs steht an der
Nordküste, nahe bei Husum; es ist der sogenannte „rote Hauberg“,
einer der ältesten im Lande und wohl schon in der ersten Hälfte des
siebzehnten Jahrhunderts errichtet. Es unterscheidet sich derselbe
übrigens in manchen Einzelheiten von seinen Genossen, so durch seine
zwei Hauptthüren, seine beiden Dachgiebel, durch die eigentümlichen
Verzierungen seiner Thüreinfassungen und noch durch anderes mehr. Im
Volksmunde heißt er auch der Hauberg mit den 100 Fenstern, und die Sage
nennt den leibhaftigen Satan als seinen Baumeister.
[Illustration: Abb. 104. ¯Bremen.¯ (Nach einer Photographie von Louis
Koch in Bremen.)]
Denselben Anstrich von prunkendem Reichtum, den das eiderstedtische
Haus in seinen äußeren Teilen zeigt, besitzt es meist auch in seinen
inneren Räumen. Der Fremde, der dort willkommen geheißen wird, kann
sich des Gefühles nicht erwehren, als ob er bei einem Landedelmann zu
Gaste wäre.
Über die Sitten und Gebräuche der Eiderstedter in dahingeschwundenen
Tagen ließe sich recht viel Interessantes berichten. Leider aber
mangelt uns der nötige Platz hierfür. Immerhin mag hier noch die
Blutrache Erwähnung finden, die noch lange Zeit nach der Einführung
des jütischen Gesetzbuches Waldemars des Siegers in den Marschlanden
vorgeherrscht hat. Ein vor nicht gar langer Zeit im roten Hauberg
entdecktes Gefängnis, ein unterirdisches Verließ mit Pfahl, Ketten
und Halseisen erinnert an diese schreckliche Sitte. Rings auf den
Bauernhöfen gab es ähnliche Kerker, in denen man Angehörige des
Getöteten, die man am Leben lassen wollte, in Ketten gefangen hielt,
bis die Mannbuße für sie gezahlt war.
[Sidenote: Tönning.]