Ein schärferer Kontrast, als derjenige zwischen Westerland und dem

etwa 4,5 Kilometer nördlich davon belegenen Wenningstedt ist kaum

denkbar. Hier alles noch im ursprünglichen Zustande, keine großen

Gasthöfe, keine Kurhäuser, keine Kurtaxe, nur etliche strohbedeckte

Friesenhäuser, dort der gesamte Komfort des modernen Modebades, hier

idyllische Ruhe, dort geräuschvolles Badeleben. Wenningstedt liegt am

Ostabhange einer alten auf hohem Steilufer aufsitzenden Dünenkette,

mitten in der Sylter Heide und etwa fünf bis zehn Minuten vom Strande

selbst entfernt, zu dem eine breite und bequeme Holztreppe hinabführt.

In landschaftlicher Beziehung bietet der Ort selbst nicht viel,

um so schöner und herrlicher ist aber seine Umgebung. Ein kurzer

Spaziergang bringt uns an diejenige Stelle, wo sich die Natur Sylts

am großartigsten entfaltet, an den Steilabsturz des Roten Kliffs

mit einer der wundervollsten Fernsichten, die man überhaupt an der

deutschen Nordseeküste haben kann. Eine der darauf befindlichen

Einzeldünen, der Uwenberg, erreicht die Höhe von 46 Meter über dem

Meeresspiegel. Auf luftiger Höhe des Kliffs steht ein im großen Stil

erbauter Gasthof, das Kurhaus von Kampen. Dessen Erbauung soll, wie

man sich erzählt, den Westerländern wegen der für ihren Badeort zu

fürchtenden Konkurrenz ein arger Dorn im Auge gewesen sein. Mehr

landeinwärts liegt das Dorf Kampen selbst mit einer Rettungsstation für

Schiffbrüchige und seinem weit auf das Meer hinaus und über die Insel

dahinschauenden 35 Meter hohen Leuchtturm, dessen Fuß selbst schon

27 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Nahebei sieht man auf etliche

Hünengräber, wie denn die Insel Sylt im wahrsten Sinne des Wortes mit

solchen Grabhügeln aus grauer Vorzeit überdeckt ist. Der schönste davon

ist der Denghoog ganz dicht bei Wenningstedt, der „Gerichtshügel“,

wie sein friesischer Name besagt. Der Denghoog ist ein sogenannter

Gangbau und stellt in seiner heutigen Gestalt einen etwa 4½ Meter

hohen Hügel dar, dessen Erdmauern ein aus mächtigen, teilweise ganz

herrliche Gletscherschrammen tragenden und glatt polierten Findlingen

aufgemauertes Gewölbe, die Steinkammer, decken. Letztere war von Westen

her durch einen gepflasterten Gang zu betreten. Die mannigfachen

Gegenstände, welche in diesem Grab aus der jüngeren Steinzeit gefunden

wurden, so Knochenreste, Thonwaren, Steingeräte, Bernsteinperlen,

Holzkohlen u. s. f. befinden sich im Museum vaterländischer Altertümer

zu Kiel.

[Illustration: Abb. 76. ¯Wohnstube mit geöffnetem Wandbett in einem

Bauernhaus in Neuengamme.¯]

Vor Wenningstedt, draußen im Meer, liegt das alte Wendingstadt mit dem

berühmten Friesenhafen, das am 16. Januar 1300 (nach anderen Ansichten

vielleicht erst 1362) von den Fluten verschlungen worden ist. Noch im

Jahre 1640 waren die Überreste der alten Stadt etwa eine halbe Meile

weit von der Küste bei tiefer Ebbe sichtbar. Heute erinnert nur noch

der kleine Ort Wenningstedt an diese vergangenen Zeiten, über den

Ruinen Wendingstadts aber rollen die Wogen der See.

Am Strande entlang wandern wir nordwärts, unter den Abhängen des Roten

Kliffs vorbei, das seinen Namen eigentlich nicht ganz mit Recht trägt,

denn die Farbe seines zumeist aus diluvialen Gebilden bestehenden

Steilabsturzes ist eher gelblich, als rot. Bald sind wir mitten in

die großartige Dünenlandschaft gelangt, die hier beginnt und sich bis

an die Nordspitze der Insel hinauf zieht. Die gewaltigen, beweglichen

Sandberge bildet vorzugsweise der Nordwestwind und treibt dieselben

nach Südosten zu, in der vorherrschenden Windrichtung weiter. Man hat

berechnet, daß ihr jährliches Vordringen bis sechs Meter betragen kann.

Schon im verflossenen Jahrhundert wurde der Versuch gemacht, den Sand

der Dünen durch rationelles Bepflanzen mit gewissen Gewächsen, so mit

dem Halm, dem Sandhafer und der Dünengerste festzulegen. Diese Pflanzen

besitzen nämlich sehr lange und ausdauernde Wurzelstöcke, die sich weit

hinein in den Sand bohren und denselben binden. Derartige Dünenkulturen

lagen besonders den Frauen ob. In neuerer Zeit wird diese Methode in

großem Maßstabe angewendet, und seit 1867 ist diese Arbeit Sache des

Staates selbst. Im verflossenen Jahrzehnt sind jährlich etwa 16000 Mark

für die Bepflanzung der Sylter Dünen verausgabt worden.

[Illustration: Abb. 77. ¯Diele in einem Bauernhaus in Kurslak.¯]

Zum weiteren Schutze des Strandes führt man in der Gegenwart

kostspielige Pfahl- und Steinbuhnen auf, so beispielsweise im Zeitraum

von 1872–1881 20 Stück, welche allein einen Aufwand von 596550 Mark

verursacht und deren Unterhaltung von 1875–1881 beinahe 60000 Mark

gekostet hat. Seither sind noch eine ganze Reihe weiterer solcher

Bauten hinzugekommen, und unablässig ist die Regierung bemüht, ihr

möglichstes für die Erhaltung des Strandes zu thun.

Achtzehn Kilometer nördlich von Westerland zeigen sich auf einer

grünen Oase die Häuser der kleinen Ortschaft List, im Westen von

gewaltigen Dünenzügen geschützt, im Norden und Osten von den Wellen des

Wattenmeeres bespült, das hier als tiefe Bucht in die Nordspitze der

Insel eingreift, und der Königshafen genannt wird. Derselbe muß einst

eine immerhin beträchtlichere Tiefe gehabt haben, denn im Jahre 1644

lagen darin die verbündeten holländischen und dänischen Flotten, welche

Christian ~IV.~ von Dänemark angriff und schlug. In der Gegenwart ist

der Königshafen mehr und mehr versandet. Am Ufer des Wattenmeeres

selbst hat die deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger ein

Bootshaus erbaut, und ganz dicht dabei liegt, vom Sande schon halb

überdeckt, das Wrack eines größeren Fahrzeugs, das hier gestrandet ist.

Das äußerste Nordende der Insel wird von der sandigen Halbinsel

Ellenbogen gebildet, welche zwei 18 und 20 Meter hohe Leuchtfeuer

trägt, der Ost- und der Westleuchtturm, wichtige Orientierungspunkte

für die in das Lister Tief einsegelnden Schiffe.

Den Rückweg von List nehmen wir längs des Wattenmeeres und haben

nun die Gelegenheit, die zahlreichen Vögel aller Art, als Möven,

verschiedenerlei Enten, Strandläufer, Eidergänse, Seeschwalben,

Kiebitze u. s. f. zu beobachten, welche die weiten Dünenketten und die

dazwischen gelegenen Thäler bevölkern. Im Frühjahr wird hier zuweilen

eifrig nach Möveneiern gesucht, und die bewaffnete Staatsgewalt der

Insel hat mehr als genug zu thun, um die Nester dieser Vögel vor der

Ausraubung beutegieriger Eiersucher zu schützen. In verflossenen

Jahren, bevor das Eiersammeln verboten war, sollen jährlich an

50000 Stück davon in den Lister Dünen aufgelesen worden sein. An

der Vogelkoje, welche sich auf unserem Wege befindet -- sie soll

die älteste auf den nordfriesischen Inseln und schon im Jahre 1767

hergestellt worden sein --, gehen wir nicht vorbei, ohne nicht auch

einen Blick hineingeworfen zu haben. Es ist, wie auch alle übrigen

Einrichtungen dieser Art, ein viereckiger Teich, von dichtem Gebüsch,

das aus Weiden, Eschen, Pappeln und anderen Bäumen und Gesträuchen

besteht, umgeben, und an jedem Ende mit einem immer enger werdenden

und schließlich mit Netzen überspannten Kanal, einer Pfeife, versehen.

Gezähmte Enten verschiedener Art locken die wilden an, die in die

Pfeifen und von da in die Netze geraten und dort ergriffen werden. Bis

150 Vögel sind auf ein einziges Mal in einer solchen Vogelkoje gefangen

worden, deren es auf Sylt, Amrum und Föhr zusammen elf gibt. Im Jahre

1887 wurden auf diesen drei Inseln zusammen etwa 56000 Stück Enten in

den Vogelkojen gefangen.

[Illustration: Abb. 78. ¯Schloß Friedrichsruh. Einfahrtsthor und

Hauptansicht.¯]

[Illustration: Abb. 79. ¯Das Schlaf- und Sterbezimmer des Fürsten

Bismarck.¯]

[Illustration: Abb. 80. ¯Schloß Friedrichsruh. Zimmer im Erdgeschoß.¯]

[Illustration: Abb. 81. ¯Das Mausoleum des Fürsten Bismarck in

Friedrichsruh.¯

(Nach einer Photographie von H. Breuer in Hamburg.)]

Einen nicht minder guten Einblick in das Tierleben des Wattenmeeres

gewährt uns ein zur Ebbezeit von List nach Kampen oder umgekehrt

unternommener Spaziergang. Da liegen leere Gehäuse des Wellhorns,

dort ein wabenpäckchenartiges Gebilde, die leeren Eischalen dieser

Schnecke (~Buccinum undatum, L.~). Hier hat ein seltsames Tier, der

Einsiedlerkrebs (~Pagurus Bernhardus, L.~), seinen nackten Hinterleib

zum Schutze in ein leeres Wellhorn gesteckt. In den von der Flut

zurückgelassenen Wassertümpeln wimmelt es von kleinen Nordseekrabben

(~Crangon vulgaris, L.~), welche die Watten bevölkern und hier in Menge

gefangen werden, dichte Haufen von Muscheln aller Art, so ~Cardium~,

~Pecten~, und vor allem die Mießmuschel (~Mytilus edulis~) haben die

Wellen auf dem Lande aufgetürmt und dazwischen lagern zahllose Leichen

von Quallen, welchen der Rückzug des Wassers das Leben gekostet hat.

Hier und da trifft man auch auf Fische, die sich nicht rechtzeitig

mit den Wellen auf und davon gemacht haben, und häufig auf leere

Austernschalen, welche die Wogen von den im Wattenmeere vorhandenen

Austernbänken losspülten. Die Befischung dieser letzteren hat in

vergangenen Zeiten den Bewohnern des Wattenmeeres reichen Erwerb

gebracht. Seit 1587 hatte Friedrich ~II.~ von Dänemark ihre Ausbeutung

als ein Recht der Krone in Anspruch genommen und vom 1. September bis

zum Mai wurde der Fang dieses Schaltieres betrieben. Im Jahre 1746

betrug die von den Pächtern des Fangrechtes zu erlegende Summe noch

2000 Thaler, im Jahre 1879 mußten Hamburger Herren 163000 Mark dafür

zahlen.

[Illustration: Abb. 82. ¯Rathaus in Altona.¯

(Nach einer Photographie von M. Kruse in Altona-Ottensen.)]

[Illustration: Abb. 83. ¯Altona. Palmaille mit Blücherdenkmal.¯

(Nach einer Photographie von M. Kruse in Altona-Ottensen.)]

[Sidenote: Die Austernbänke.]

Die Austernbänke, deren es in Sylt etwa elf gibt, liegen am Rande

der tiefen Rinnen des Wattenmeeres, ihre Ergiebigkeit ist aber

allmählich immer geringer und geringer geworden, indem man dieselben

zweifelsohne zu stark ausgebeutet hat. So ist denn im letzten

Jahrzehnt ihre Befischung ganz und gar eingestellt worden. Doch sorgen

die Austernzuchtanstalten bei Husum einigermaßen für Ersatz dieses

Leckerbissens, den schon anno 1565 der ehrsame Johannes Petrejus,

Pastor zu Odenbüll auf Nordstrand, „vor ein Fürsten Essen geachtet“.

Allerdings ist auch hier die Nachfrage größer, als die Produktion, und

meist sind schon im Januar keine Husumer Austern mehr zu haben. Noch

im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts kosteten 1000 Stück Austern an

der Westküste Schleswig-Holsteins eine Mark, in den letzten Fangjahren

war der Preis schon auf 40–50 Mk. gestiegen und dürfte in Zukunft

ein beträchtlich höherer werden, falls der Austernfang hier wieder

aufblühen sollte. Im Dezember des verflossenen Jahres galten 100 Stück

Husumer Austern an Ort und Stelle 18 Mk.

Auch Seehunde leben im Wattenmeere, und die Jagd auf diese klugen, den

Fischgründen aber äußerst verderblichen Tiere wird von den Badegästen

auf den nordfriesischen Inseln nicht selten als Sport geübt. Jährlich

sollen am Sylter Strande etwa 100 Stück davon geschossen werden (vergl.

Abb. 37).

Von Kampen aus schlagen wir den Weg über das Heidedorf Braderup nach

Munkmarsch ein, der heutigen Landungsstelle für den Schiffsverkehr mit

Sylt, nachdem der frühere Hafen der Insel bei Keitum im Laufe der Jahre

so versandete und verschlickte, daß er seit 1868 nicht mehr benützt

werden konnte. Mehrere Dampfer halten die Verbindung Sylts mit dem

Festlande einigemal am Tage aufrecht, außerdem ist das Eiland aber

auch noch von Hamburg aus auf dem direkten Seewege zu erreichen, und

zwar dreimal wöchentlich über Helgoland, täglich aber für die aus dem

Westen Deutschlands kommenden Reisenden über Bremerhaven-Helgoland-Wyk,

jedoch derart, daß die Passagiere zur Fahrt auf dem Wattenmeere selbst

auf kleinere Dampfer übersteigen müssen. Für denjenigen, welcher die

Seekrankheit fürchten sollte, ist die Reise über Hoyerschleuse immer

das geringere Übel, wenn auch dabei die Gefahr, Ägir opfern zu müssen,

nie ganz ausgeschlossen ist. Von Munkmarsch führt eine vier Kilometer

lange Kleinbahn nach Westerland.

[Illustration: Abb. 84. ¯Klopstocks Grab.¯

(Nach einer Photographie von M. Kruse in Altona-Ottensen.)]

Am Panderkliff vorbei lenken wir unsere Schritte nach dem freundlichen

Keitum, einem etwa 870 Einwohner zählenden hübschen Orte, mit

freundlichen Häusern, netten Gärten und schönen Bäumen in denselben,

ein sonst für Sylt mit seinen baumlosen Heiden und wenigen vom Winde

im Baumwuchse gedrückten Hainen ziemlich seltener Anblick, den wir nur

an den vor dem Westwinde geschützten Stellen der Ostseite des Eilandes

genießen können. Keitum hat eine schöne, dem heiligen Severinus

geweihte Kirche, deren hoher Turm den Schiffern des Wattenmeeres als

Merkzeichen gilt, und ist das Kirchdorf für Archsum, Tinnum, Kampen,

Braderup, Wenningstedt und für Munkmarsch. Hier ist der berühmte

schleswig-holsteinische Patriot Uwe Jens Lornsen geboren, dem sein

Heimatsdorf ein hübsches Denkmal gesetzt hat, und hier befindet sich

auch das Sylter Museum, eine Gründung des verstorbenen und um die

Geschichte der nordfriesischen Inseln sehr verdienten Lehrers C. P.

Hansen.

Wenige Kilometer von Keitum treffen wir das niedrig gelegene Dorf

Archsum mit den Resten eines alten Burgwalles an, der Archsumburg,

welche vom Volksmund dem Zwingherrn Limbek zugeschrieben wird. Das Dorf

hatte unter der Sturmflut von 1825 viel zu leiden. Wenn wir von hier

aus unsere Wanderung ostwärts ausdehnen, so betreten wir schon nach

kurzer Zeit die hufeisenförmig angelegte Ortschaft Morsum mit ihrem

bleigedeckten und turmlosen Gotteshause.

Über das uns schon bekannte Morsumkliff steigend, statten wir noch dem

östlichsten Punkte Sylts, Näs Odde oder Nösse, einen kurzen Besuch ab.

In Näs Odde befindet sich eine Eisbootstation, die wir etwas näher

kennen lernen wollen. Wenn nämlich bei eintretendem starken Froste das

Wattenmeer sich mit Eis überzieht, nicht mit einer zusammenhängenden

Decke, sondern mit unzähligen, von den Wellen und den Strömungen stetig

übereinander geschobenen Eisschollen, die zuweilen zu eisbergähnlichen

mächtigen Bildungen werden, so hört die gewöhnliche Postverbindung der

nordfriesischen Inseln, vermittelst der Postfahrzeuge und Dampfer auf,

und das Eisboot tritt an ihre Stelle (Abb. 7 u. 8).

[Illustration: Abb. 85. ¯Neumühlen.¯]

So gelangt dann die Post, zuweilen mit recht unliebsamem Aufenthalt von

13–14 Stunden, an ihr Ziel! Wenn die Eisdecke die nötige Festigkeit

erlangt hat, um Pferde und Gefährt zu tragen und ein zusammenhängendes

Ganzes bildet, dann kommt wohl auch der von Rossen gezogene Schlitten

zur Postbeförderung in Betracht. Im Winter 1899–1900 sind zwischen

Ballum und Röm in jeder Richtung 26 schwierige Eisfahrten verrichtet

worden, zwischen Rodenäs und Näs Odde 28 ebensolche, zwischen Husum und

Nordstrand 18, u. s. f.

[Illustration: Abb. 86. ¯Blankenese und Süllberg, vom Bismarckstein

gesehen.¯

(Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]

[Illustration: Abb. 87. ¯Blankenese, vom Süllberg gesehen.¯]

Neun Kilometer südwärts von Westerland grüßen uns die wenigen Häuser

von Rantum, dem südlichsten Dorfe auf der Insel, vor Zeiten ansehnlich

und wohlhabend, aber durch die Fluten und die landeinwärts wandernden

Dünen zu einem der ärmsten Dörfer herabgesunken. Die im Jahre 1757

aufgeführte Kirche Rantums, deren Vorgängerin schon einmal wegen

Gefahr der Verschüttung durch die Sandberge abgebrochen werden mußte,

war bereits 1802 zur Hälfte von den Dünen bedeckt und mußte ebenfalls

wieder abgerissen werden. Am 18. Juli 1801 bestieg der Prediger

zum letztenmal die schon vom Sande umgebene Kanzel. Auch die alte

Rantumburg, auf welcher in den ältesten Zeiten die Sylter ihre Landtage

abhielten, ist jetzt vom Sande begraben. Bei anhaltendem Ostwinde

sollen die Spuren vergangener Dörfer, Kirchen, Wohnstellen und Brunnen

draußen im Wasser vor Rantum noch deutlich zu erkennen sein.

[Illustration: Abb. 88. ¯Hafeneinfahrt von Cuxhaven.¯]

[Illustration: Abb. 89. ¯„Alte Liebe“ bei Cuxhaven.¯]

Eine nicht minder großartige Dünenlandschaft, als der Nordflügel der

Insel aufweist, zeigt auch deren südliches Ende, das bei Hörnum in

einer Art Hochstrand endigt.

Daß Sylt einen verhältnismäßig geringen, nur in geschützter Lage

gedeihenden Baumwuchs hat -- einige Gehölzanpflanzungen, die jedoch

auch an Verkrüppelung durch den Westwind leiden, sind der Viktoriahain

und der Lornsenhain im Centrum der Insel --, das wurde schon

angedeutet. Die Flora bietet aber sonst allerlei Interessantes und

Schönes, und als besonderes Curiosum wird angeführt, daß alpine Formen

von Enzian darunter sind.

In verflossenen Jahrhunderten hatten die Sylter, wie auch die Bewohner

der anderen nordfriesischen Inseln ihre besondere Tracht, die in der

Gegenwart ganz und gar abgekommen ist. „Die Weiber aber“, so hat in

der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts Herr Erich Pontoppidan

in seinem ~Theatrum Daniae~ gemeint, „distinguieren sich durch ihre

lächerliche Kleidung am allermeisten. Ihre Haare tragen sie ganz

lang herabhangend, und zieren einen jeden Zopff, mit verschiedenen

Messingen Ringen, Rechen-Pfennigen, und dergleichen Possen. Ihre Wämbse

sind weit, und bestehen aus lauter Falten; und ihre Röcke sind gar

nicht nach der Ehrbarkeit eingerichtet, indem sie kaum bis über die

bloßen Knie hinunterreichen, gleich wie vormals an denen Spartanischen

Weibern, denen sie sich auch an Muth und Herz gleichen.“ Die

Bevölkerung Sylts zählt gegenwärtig etwa 4000 Seelen, die Zahl der im

Jahre 1899 in Westerland und Wenningstedt zusammen anwesenden Kurgäste

betrug 12695, im Jahre 1890 nur erst 7300.

[Illustration: Abb. 90. ¯Insel Neuwerk.¯]

[Sidenote: Amrum.]

Südlich von Sylt, südwestlich von Föhr, von der ersteren Insel durch

das Fartrapp-Tief, von letzterer durch das Amrumer Tief getrennt,

liegt das Eiland Amrum, 10 Kilometer lang, bis 3 Kilometer breit, und

30 Kilometer vom Westrande des schleswig-holsteinischen Festlandes

entfernt. Amrum ist nicht mit Unrecht als kleines Sylt bezeichnet

worden, mit dem es in seiner Beschaffenheit viel Ähnlichkeit hat. Dem

hochliegenden (16–20 Meter über dem Meer) diluvialen Hauptkörper der

Insel sind in dessen östlichen Buchten schmale, sandige Marschbildungen

angelagert, eine Dünenkette folgt dem ganzen Verlaufe der Insel,

und nördlich wie südlich bildet dieselbe, über dem Hauptkörper

hinausragend, eine eigene Dünenhalbinsel. Die scharf abgebrochenen

Ränder, die wir auf Sylt in den verschiedenen Kliffbildungen kennen

gelernt haben, fehlen Amrum bis auf eine einzige Stelle an der

Ostseite, wo das jüngere Diluvium sich kliffartig bis zur Höhe von

12,6 Meter aus dem Wattenmeer erhebt. Amrums Bewohner beanspruchen,

der edelste Stamm unter den Friesen zu sein, bestehen aus ca. 900

Seelen und leben von Schiffahrt, Fischerei und Ackerbau. Für den

Altertumsforscher besitzt Amrum großes Interesse, befindet sich doch

nordwestlich von Kirchdorf Nebel und südwestlich von Norddorf die

altheidnische Opferstelle des Skalnas-Thales dort. Es ist dies ein von

hohen Dünenwällen eingerahmtes, von diesen aber auch schon verschüttet

gewesenes 100 Schritt langes, und 80 Schritte breites Thal mit 22

verschiedenen Steinkreisen von verschiedener Form und Größe, mit und

ohne Thorsetzungen, die -- leider! -- zum Teil beim Deichbau benutzt

worden sind.

[Illustration: Abb. 91. ¯Scharhörnwatt.¯]

Ein gewaltiger Leuchtturm im Süden Amrums, dessen Laterne (Drehfeuer)

in 67 Meter Meereshöhe leuchtet und 22 Seemeilen weit sichtbar ist,

der höchste an der deutschen Nordseeküste, gewährt einen guten

Überblick über das Eiland und seine Umgebung, über Föhr, die Halligen,

die der Insel im Westen vorgelagerte Sandbank Kniepsand u. s. f.

Im Norden stehen die Häuser von Norddorf, schon auf der südlichen

Hälfte desselben das Haupt- und Kirchdorf Nebel mit der alten St.

Clemens-Kirche und dem interessanten Friedhofe, und südlich davon das

Süddorf. Auf Amrum sind in den jüngstverflossenen Jahren mit allem

Komfort der Neuzeit ausgerüstete Badeetablissements entstanden. Dahin

gehört Wittdün mit schönem Kurhaus und vorzüglich eingerichteten

Gasthöfen an der Südseite. Von dort führt eine Dampfspurbahn

die Badegäste an den Badestrand auf Kniepsand. Etwa 4 Kilometer

nordwestlich von Wittdün treffen wir mitten in den Dünen, am Fuße der

29 Meter hohen Satteldüne das gleichnamige Hotel mit eigenem, durch

eine Pferdebahn mit dem Gasthofe verbundenen, ebenfalls auf Kniepsand

belegenen Badestrande (Abb. 23 u. 24).

[Illustration: Abb. 92. ¯Helgoland aus der Vogelperspektive.¯]

[Illustration: Abb. 93. ¯Helgoland, von der Düne gesehen.¯

(Nach einer Photographie von F. Schensky in Helgoland.)]

Für eine direkte Verbindung Amrums mit verschiedenen Stellen der

deutschen Nordseeküste während des Sommers ist bestens gesorgt. Dampfer

der Nordseelinie vermitteln dieselbe, sowohl von Bremerhaven ab, als

auch von Hamburg aus, beide Fahrten über Helgoland. Wer eine allzulange

Seefahrt scheut, kann Amrum aber auch von Husum aus erreichen; diese

interessantere Reise führt durch die Inselwelt der Halligen hindurch.

Noch bequemer aber ist der Weg über Niebüll und Wyk auf Föhr. Die

Landungsbrücke für alle Dampfer befindet sich in Wittdün.

[Illustration: Abb. 94. ¯Mönch und Predigtstuhl.¯

(Nach einer Photographie von F. Schensky in Helgoland.)]

[Sidenote: Föhr.]

Wesentlich anders als der Boden der drei nordfriesischen Inseln, die

wir bisher kennen gelernt haben, ist der Untergrund der übrigen,

hierher gehörigen Eilande beschaffen. Derselbe besteht nämlich

größtenteils aus Marschboden. Föhr macht davon allerdings insofern

eine kleine Ausnahme, als dessen südwestlicher Teil, etwa zwei

Fünftel des ganzen Areals dieser Insel, hochliegendes Geestland, das

übrige aber Marschland ist. Neben Föhr kommen hier in Betracht die

Eilande Pellworm und Nordstrand und die zehn Halligen, als Oland,

Langeneß-Nordmarsch, Gröde mit Appelland, Habel, Hamburger Hallig,

Hooge, Nordstrandisch-Moor, Norderoog, Süderoog, Südfall. Pohnshallig

hat seine Eigenschaft als selbständige Insel verloren infolge seiner

Verbindung mit Nordstrand durch einen Damm, und ist nur mehr noch

als ein Vorland dieses letzten Eilandes zu betrachten. Die südliche

Begrenzungslinie dieser ganzen Inselwelt bildet der Hever.

Föhr hat einen Umfang von 37 Kilometer, einen Flächeninhalt von 82

Quadratkilometer und seine Marschen sind durch starke Deiche gegen

den Anprall der Nordseewogen geschützt. Im Westen der Insel tritt an

die Stelle des gewöhnlichen Deiches ein gewaltiger Steindeich, dessen

Gesamtlänge zur Zeit über 3500 Meter beträgt. Zur Verstärkung der

Deiche Föhrs, die voraussichtlich im Jahr 1900 beendet sein wird, sind

362000 Mark (als 4. und letzte Rate) in den Staatshaushaltsplan des

Königreichs Preußen für 1900 eingestellt worden.

[Illustration: Abb. 95. ¯Helgoland. Das Oberland und die Nordspitze.¯

(Nach einer Photographie von F. Schensky in Helgoland.)]

Der Flecken Wyk im Südosten ist die bekannteste und wichtigste

Ortschaft der Insel Föhr, berühmt durch sein seit 1819 bestehendes

Nordseebad, das in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts

ein Sammelplatz der dänischen Aristokratie gewesen ist. Die Könige

Christian ~VIII.~ und Friedrich ~VII.~ hielten sich gerne hier auf.

Wyk ist noch immer im stetigen Aufschwung begriffen, und 1899 wurde

das Bad von 5169 Kurgästen besucht. Der Verein für Kinderheilstätten

an den deutschen Seeküsten hat hier eine Kinderheilanstalt gegründet,

ein Liebeswerk, das in erster Linie armen Kindern aus allen deutschen

Gauen zu gut kommt, und in neuester Zeit ist an der Südseite von Föhr

und nahe bei Wyk ein Nordsee-Sanatorium entstanden, das bezweckt,

der leidenden Menschheit einen verlängerten Aufenthalt an der See zu

ermöglichen und als Herbst- und Winterstation dienen soll.

[Illustration: Abb. 96. ¯Helgoländerinnen.¯

(Nach dem Gemälde von Bennewitz von Loesen jr.)]

Deutsche Nordseeküste: Friesische Inseln und Helgoland. · 第 7 / 17 段